Ginny ging leise durch die dunklen Gänge. Diesem Aspekt des Vertrauensschüler-Daseins konnte sie nicht viel abgewinnen, doch es genügte bei dem großen Arbeitspensum der Lehrer laut McGonagall, wenn diese sich turnusmäßig die Nächte um die Ohren schlugen. Die Abende übernahmen daher die Vertrauensschüler und Schulsprecher im Wechsel. Zur gleichen Zeit wie sie musste irgendwo im Schloss Zacharias Smith unterwegs sein.

Sie mochte die Patrouillen nicht besonders, doch die Situation in der Schule war immer noch schwierig, vor allem wegen des angespannten Verhältnisses zwischen dem Haus Slytherin und den anderen. Es würde noch eine ganze Weile dauern, bis man einander zumindest ein wenig vertraute. Weil die Schulleiterin die ernste Befürchtung hatte, dass das gegenseitige Misstrauen irgendwann in Duelle auf den Fluren ausarten könnte, überwachten Ginny, die anderen Vertrauensschüler und die Schulsprecher abwechselnd während der Stunden zwischen Abendessen und der Sperrstunde um Zehn die zugigen Gänge – ein regelrechter Schichtbetrieb.

Die Sechstklässlerin bemühte sich leise zu sein und kein unnötiges Geräusch zu verursachen – sie war sich nicht sicher, ob sie es tat, um möglicherweise ein paar Rumtreiber zu erwischen, oder um selbst nicht unerwartet das Opfer einer Fluchattacke zu werden. Blaise Zabini, der zweite Schulsprecher neben Hermine, hatte neulich seine Patrouille unterbrechen müssen, weil jemand ihn aus dem Hinterhalt mit einem Fluch erwischt hatte… Madam Pomfrey war zwar in der Lage gewesen, seine Augenbrauen wieder zurück zu verwandeln, doch den Schuldigen hatte man bisher nicht gefunden.

Vorsichtig lugte Ginny um eine Ecke. Ein leises Geräusch hatte sie aufmerksam werden lassen. Die Gänge der Kerkerbereiche schienen es immer irgendwie zu schaffen, noch einen Tick dunkler und unheimlicher zu sein als der Rest des Schlosses – und natürlich hatte ausgerechnet Ginny das Los für die unteren Stockwerke von Hogwarts gezogen. Was auch sonst.

Ginny war nicht dumm. Selbstverständlich war sie nicht unvorbereitet auf ihre abendliche „Gruseltour" gegangen, sondern hatte sich von Harry dessen Tarnumhang geliehen. So konnte sie wenigstens ungesehen durch die finsteren Flure streifen und außerdem ihrem Freund mehrere Stunden voller Sorge ersparen. Trotzdem hielt sie sich umsichtig in der Nähe der Wände und schlüpfte lieber ein paarmal um Rüstungen und Statuen herum, als mitten im Gang zu gehen: der Umhang machte sie zwar unsichtbar, aber hören konnte man sie trotz allem noch.

Auf Zehenspitzen schlich sie bis zur nächsten Biegung weiter, spähte nach links ums Eck und bemerkte eine dunkle Gestalt, die anscheinend auf dem Sockel einer Statue saß. Der schwarze Umhang war genauso unverwechselbar wie die langen dunklen Haare, und Ginny atmete erleichtert auf. Es war nur Snape!

Entschlossen zog sie den Tarnumhang aus und stopfte ihn in ihre Tasche, bevor sie rasch auf ihren Hauslehrer zuging. Der Tränkemeister schien sie erst zu bemerken, als sie direkt neben ihm stand. Langsam hob er den Kopf und sah zu ihr auf. „Miss Weasley."

„Guten Abend, Professor", grüßte Ginny, dann stutzte sie und musterte ihn genauer: „Himmel, Sie sehen schrecklich aus. Geht´s Ihnen nicht gut?"

Es war zwar in dem nur schwach von ein paar Fackeln erleuchteten Gang schwer zu sagen, doch Snape wirkte wesentlich blasser als sonst und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Mit gerunzelter Stirn und zusammengekniffenen Augen sah er Ginny an. „Halb so wild", versuchte er abzuwiegeln und stemmte sich ein wenig schwerfällig hoch. „Ich komme schon zurecht."

„Ja, klar. Seh ich", kommentierte Ginny trocken und fasste hilfsbereit seinen Arm, als er unsicher nach einem Halt tastete. „Was ist los, Professor? Migräne?"

„Woher… Sind Sie Hellseherin, Miss Weasley?" Snape stützte sich mit einer Hand an der Mauer ab und gab sich offensichtlich Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Es ging ihm eindeutig nicht gut.

Ginny trat beherzt näher an ihn heran und legte ihm den Arm um die Taille: „Was für ein Blödsinn. Wahrsagen hab ich abgewählt, weil ich eine Niete in dem Fach war… Nein, ich kenn die Anzeichen von Mum, die hat das auch hin und wieder mal. Allerdings nicht ganz so heftig. Kommen Sie mit, Sir. Sie sollten sich hinlegen und ein paar Stunden schlafen. Ich begleite Sie, ja?"

Zehn Minuten später hatte sie Snape in die Lehrerwohnung hinter seinem Büro begleitet und ihn ins Bett verfrachtet. Umsichtig löschte sie alle Lichter bis auf eine Kerze, was ihr einen dankbaren Blick des Tränkemeisters einbrachte, und stellte einen Krug mit Wasser und ein Glas auf den Nachttisch.

„Brauchen Sie noch irgendwas?" fragte sie leise.

Severus Snape blinzelte zu ihr hoch und nickte langsam. „Ein Glas Feuerwhisky, bitte, Miss Weasley… auf dem Schreibtisch. Und dort in der Schublade ist eine kleine schwarze Flasche. Könnten Sie mir die geben?"

Ginny starrte ihn an. War der Kerl verrückt geworden? Das Zeug würde ihm jetzt ganz sicher nicht helfen, im Gegenteil. „Feuerwhisky?" fragte sie spitz. „In Ihrem Zustand? Sind Sie sicher?"

Wieder nickte ihr Lehrer, ließ sich aber zusätzlich zu einer Erklärung herab, während sie die kleine Flasche aus der Schublade kramte: „Die Tropfen helfen hervorragend gegen Migräneanfälle, aber sie sind nur in Verbindung mit hochprozentigem Alkohol wirksam. Leider. Ich versichere Ihnen, ich bin auch nicht gerade begeistert darüber."

Uups. Hallo, Fettnäpfchen.

„Oh. Ach so… sorry, ich dachte nur… Entschuldigung, das wusste ich nicht." Verlegen trat sie zum penibel aufgeräumten Schreibtisch, griff sich die Flasche, die an der Wandseite stand, und ging damit zu Snape zurück, der sich aufsetzen wollte.

„Nix da", meinte sie energisch und drückte ihn zurück in die Kissen, „ich mach das schon. Sie werden schön liegen bleiben. Also… erst die Tropfen rein oder doch den Whisky?" Neugierig musterte sie die Flasche, doch nirgendwo war ein Etikett oder ähnliches zu sehen.

Gleich darauf war sie wieder ein bisschen klüger, weil der Zaubertrank-Lehrer es trotz heftiger Kopfschmerzen nicht hatte lassen können, sie über die Tropfen zu belehren: es handelte sich um eine von Dilys Derwent im 18. Jahrhundert entwickelte, schmerzstillende Variante des Tranks der Lebenden Toten. Ein einziger Tropfen sorgte außerdem für exakt eine halbe Stunde tiefen Schlafs, und eine Überdosierung konnte ebenso tödlich sein wie beim Ausgangsgebräu.

Nach der Anweisung des Tränkemeisters zählte Ginny genau sieben Tropfen in das leere Glas – er weigerte sich standhaft, auch nur einen mehr in Betracht zu ziehen – und füllte dann ziemlich großzügig mit Feuerwhisky auf, da Snape erklärt hatte, dass die Wirkung mit steigender Alkoholmenge intensiver sei. Er sah sie zwar ein wenig schief an, doch Ginny ließ sich dadurch nicht groß beeindrucken.

„Haben Sie das öfter? Weil Sie so gut darauf vorbereitet sind, mein ich", erkundigte sie sich, und Severus Snape nickte. „Eine wirklich unangenehme Nebenerscheinung, wenn man sehr häufig Okklumentik einsetzen muss. Die vergangenen Jahre war es schlimmer. In letzter Zeit hat es deutlich nachgelassen, Merlin sei Dank."

War er vielleicht auch deshalb im Unterricht immer so unausstehlich gewesen? Zaubertränke war, wie er ihnen schon einmal erklärt hatte, ein Fach mit ziemlichem Gefahrenpotential. Es musste schon im Normalbetrieb schwer sein, alle Schüler gleichzeitig im Auge zu behalten. Eine handfeste Migräne war da sicherlich nicht hilfreich, und wenn dann noch jemand dumme Sprüche klopfte oder Blödsinn anstellte…

Ginny fragte wohlweislich nicht, ob sie mit dieser Vermutung richtig lag. Stattdessen half sie ihm sich aufzusetzen und reichte ihm das Glas: „Also gut, Professor, dann mal runter damit! Wie lang dauert es ungefähr, bis das Zeug anfängt zu wirken?"

„Zehn Minuten."

Ohne mit der Wimper zu zucken, leerte er mit ein paar großen Schlucken das Glas und gab es ihr zurück, während er angewidert das Gesicht verzog: „Ekelhaftes Gebräu." Ob er die Tropfen oder den Whisky meinte, vermochte Ginny nicht zu sagen, sie fragte aber auch dieses Mal nicht nach. Je schneller er einschlafen konnte, desto besser. Sie wollte ihn nicht mit unwichtigen Fragen davon abhalten.

Aufseufzend ließ er sich wieder ins Bett zurücksinken und schloss die Augen, und Ginny legte ganz sacht die Hand auf seine Stirn. Die tiefen Falten in seinem schmerzverzerrten Gesicht glätteten sich ein bisschen, und er bemerkte ruhig: „Sie müssen nicht hierbleiben. In ein paar Minuten schlafe ich wie tot, Miss Weasley."

„Kein Problem, Professor", gab sie sanft zurück. „Ich bleib hier, bis Sie eingeschlafen sind, okay? Ich möchte einfach sicher sein, dass bei Ihnen alles in Ordnung ist."

Er schickte sie nicht weg, und er wehrte sich auch nicht, als sie behutsam seine Hand in ihre nahm. Lenk ihn ein bisschen ab, dachte sie und erkundigte sich leise: „Sir, kann ich Ihnen eine Frage stellen? Sie müssen nicht darauf antworten, wenn Sie nicht wollen."

„Fragen Sie."

Ginny zögerte kurz, doch sie erinnerte sich: zehn Minuten. Zehn Minuten, die vielleicht zu kurz waren, um ihr zu antworten, falls er überhaupt dazu bereit war – aber auch zehn Minuten, die für ihn ziemlich lange dauern konnten. Und zehn Minuten, während derer sie ihn möglicherweise davon abhalten konnte, sich komplett auf seine Kopfschmerzen zu konzentrieren. Mo hatte ihr inzwischen genug über Okklumentik beigebracht. Ginny wusste, dass diese Gabe bei Kopfschmerzen mehr schaden als nutzen würde, und doch war sie sich ziemlich sicher, dass er sie rein aus einer unglücklichen Routine heraus beinahe unbewusst anwenden würde.

Sie räusperte sich, plötzlich unsicher, ob sie die Antwort auf ihre Frage überhaupt wissen wollte. Doch sie gab sich einen Ruck und begann zu reden, während sie ganz sacht mit dem Daumen über seinen Handrücken fuhr. Seine Finger zitterten leicht, doch er zog die Hand nicht weg.

„Letztes Jahr, als ich mit Neville und Luna ins Büro des Schulleiters eingebrochen bin, um das Schwert von Gryffindor zu stehlen… in Ihr Büro", korrigierte sie sich ein wenig verlegen, „da haben Sie uns zur Strafe mit Hagrid in den Verbotenen Wald geschickt."

Langsam nickte er, ohne die Augen zu öffnen. „Sie fragen sich, warum ich so eine verhältnismäßig milde Strafe verhängt habe", sagte er. Ginny fand, dass er ein wenig abwesend wirkte, doch nach ein paar Augenblicken fuhr er fort: „Sie müssen bedenken, dass die Schärfe einer Strafe Ansichtssache ist, Miss Weasley. Das war kein kleiner Schülerstreich, und die Carrows beharrten auf einer harten Bestrafung. In ihren Augen habe ich genau das Richtige getan. Sie haben sich sehr darüber amüsiert. Lerne deine Feinde besser kennen als deine Freunde…"

„Ich verstehe nicht ganz", meinte Ginny ehrlich verwirrt.

Snape hielt die Augen weiterhin geschlossen, setzte jedoch zu einer Erklärung an: „Alecto und Amycus Carrow haben ihre eigene Schulzeit in Durmstrang verbracht, Miss Weasley. Hogwarts war für sie unbekanntes Terrain, und ich habe mir alle Mühe gegeben, ihnen so wenig wie möglich zu erklären. Was, wie ich annehme, auch für den Rest des Kollegiums gilt. Die beiden wussten über Hagrid nur, dass er ein Halbriese ist, was für reinblütige Zauberer meist gleichbedeutend mit gefährlich ist. Und der Verbotene Wald war für die beiden ein Bereich auf den Ländereien, in dem es von intelligenten magischen Geschöpfen nur so wimmelt, die ebenso gefährlich sein können. Hätte es nach Ansicht dieser beiden eine härtere Strafe geben können, als Sie dorthin zu schicken?"

„Nein, ich denke nicht", sagte Ginny erstaunt und bemühte sich leise zu reden. „Sie haben Recht. Aber danach wollte ich eigentlich gar nicht fragen, Professor. Ich wollte eher wissen, ob Sie deswegen… ob wir Sie damit in Schwierigkeiten gebracht haben. Mehr als ohnehin schon, meine ich. Hat Voldemort es herausgefunden? Er war immerhin früher selber mal Schüler in Hogwarts, und er kannte Hagrid. Hat er… haben Sie deswegen Probleme bekommen?"

„Nein", murmelte Snape langsam und etwas verspätet. Er wirkte nun eindeutig ziemlich benommen. „Vielleicht hätte ich das, wenn es Potter, Granger und Ihr… Ihr Bruder gewesen wären. Aber Sie drei waren für ihn… Sie waren nur irgendwelche rebellierenden Schüler, und er… er hatte keine Ahnung… keine Namen… hat ihn nicht groß interessiert… er… er wusste nicht, dass Sie Hagrid genauso gut kennen wie… er hielt es für eine… eine gute Idee. Er… Sie brauchen sich nicht… nicht… oh, verdammt, ich…"

Seine Aussprache wurde zunehmend undeutlicher, er stolperte über die Worte, hielt zögernd inne und runzelte träge die Stirn, als versuche er sich verzweifelt daran zu erinnern, was er hatte sagen wollen. In diesem Zustand wirkte er wie ein Betrunkener. In den nächsten paar Minuten würde er sicher kein vernünftiges Wort mehr herausbringen. Aber das war auch nicht weiter wichtig; die Ablenkungstaktik hatte ihren Zweck erfüllt, und das war alles, was im Moment zählte.

Ginny lächelte ein wenig reumütig und strich dem Tränkemeister besänftigend über die Stirn. „Schon gut, Sir, wir können später darüber reden, wenn es Ihnen besser geht. Jetzt ruhen Sie sich erst mal aus. Versuchen Sie zu schlafen, ja?"

Die Tropfen von Dilys Derwent schienen zu wirken. Snapes Gesicht entspannte sich nach und nach, sein Atem wurde ruhiger, und endlich sank sein Kopf zur Seite. Für genau dreieinhalb Stunden würde er jetzt ganz tief und traumlos schlafen.

Meine Güte, wie unglaublich jung er plötzlich aussieht… fast als wäre er selber noch ein Schüler.

Ginny betrachtete nachdenklich das schmale, bleiche Gesicht. Dieser Mann war erstaunlich facettenreich. Mit welchem taktischen Geschick er sich eine Hintertür geschaffen hatte, um sie und die anderen vor einer härteren Bestrafung durch die Carrow-Geschwister zu schützen! Wie viele andere Schüler hatte er auf diese Art vor einer Folter bewahren können? Und war keinem seiner Kollegen aufgefallen, dass er sich für sie eingesetzt hatte? Oder hatten sie das überhaupt nicht mitbekommen?

Und immer noch war er so furchtbar verschlossen! Über diese Migräneanfälle hätte sicherlich keiner von ihnen je etwas erfahren, wenn sie ihm vorhin nicht zufällig über den Weg gelaufen wäre. Was verschwieg er ihnen denn sonst noch alles?

Schön, die Zeit im Hauptquartier am Grimmauldplatz hatte ihm wirklich gut getan. Er war ein bisschen offener geworden, verhielt sich weniger zurückgezogen und schweigsam, er hatte sich im Lauf der Zeit mit ihnen allen arrangiert, erzählte hin und wieder etwas über sich selber, und manchmal sah man ihn sogar lächeln. Doch anscheinend neigte er immer noch dazu, manche Dinge lieber im Verborgenen zu lassen.

Nun ja, es wäre auch ein wenig viel verlangt gewesen, innerhalb von sechs Monaten eine komplette Kehrtwende seinerseits zu erwarten, oder?

Du kannst uns vertrauen, du dummer Kerl.

Ginny ließ mit einem lautlosen Seufzen seine Hand los, stand auf und ging zu der kleinen Küchenzeile hinüber. Leise öffnete sie ein paar Schranktüren, bis sie eine Schale gefunden hatte, die sie mit Wasser füllte und auf dem Nachttisch abstellte. Das Mädchen tauchte ein sauberes Tuch ins Wasser und legte es ihrem Lehrer auf die Stirn. Kühl, still und dunkel, dachte sie, das war das Wichtigste bei Migräne. Jedenfalls half das ihrer Mutter immer.

Vorsichtig zog sie die Bettdecke weiter hoch und ließ ihre Hand auf seiner Schulter ruhen. Er wachte nicht auf. Die Tropfen schienen tatsächlich sehr zuverlässig zu wirken, denn er lag ruhig in den Kissen, mit leicht geöffnetem Mund und völlig entspannten Gesichtszügen. Ein Bild, das man wirklich nicht oft zu sehen bekam, dachte Ginny mit leisem Lächeln, doch die Ruhe würde ihm gut tun.

„Schlafen Sie gut, Professor."

Leise stand sie auf und verließ seine Wohnung. Wenn sie ihre Kontrollgänge beendet hatte, würde sie nochmal nach ihm sehen.