„Alles ruhig bisher", meldete Ginny leise, an Professor Flitwick gewandt, der sie an diesem Abend ablöste. „Ich will nur noch mal kurz nach Professor Snape sehen, dem geht´s nicht besonders gut. Migräne."
Der kleine Zauberkunst-Lehrer nickte und setzte eine verständnisvolle Miene auf. „Ja, das kommt bei ihm anscheinend häufiger vor. Gehen Sie ruhig, Miss Weasley", quiekte er freundlich. „Kümmern Sie sich ein bisschen um den armen Jungen. Und zögern Sie nicht, mich zu holen, wenn Sie Hilfe brauchen." Mit einem Nicken verschwand er in Richtung Eingangshalle, und seine Schritte verklangen, während Ginny leise die Treppen zu den Kerkern hinunterging.
Schon als sie das Büro betrat, hörte sie ein unterdrücktes Stöhnen. Rasch öffnete sie die Tür im hinteren Teil des Büros, die in Severus Snapes Privaträume führte, durchquerte eilig das kleine Wohnzimmer und war mit ein paar schnellen Schritten an seinem Bett.
Snapes schmerzverzerrtes Gesicht glänzte fiebrig, feuchte Haarsträhnen klebten an seinen Wangen, und auf seiner Stirn standen Schweißtropfen, während er den Kopf unruhig von einer Seite zur anderen warf. Seine Hände krallten sich in die Laken, während sich sein schmaler Körper unter der Bettdecke wie in Krämpfen wand.
„Ach du Scheiße – Professor!"
Erschrocken setzte sich Ginny zu ihm, fasste ihn bei den Schultern und versuchte vergeblich ihn wachzurütteln. Er schien komplett in seinem Albtraum gefangen, und die Wirkung der Migränetropfen würde ihn – laut der Anzeige von Ginnys Uhr – vermutlich noch eine knappe Stunde am Aufwachen hindern. Was konnte sie tun?
Entschlossen sammelte sie das Tuch vom Kopfkissen, tauchte es wieder in die Wasserschüssel und wischte ihm das schweißnasse Gesicht ab. Dann befreite sie vorsichtig das Laken aus seinem Griff und hielt seine Hand, während sich seine Finger um die ihren krallten.
Ängstlich beobachtete sie ihn, drückte fest seine Hand und hoffte, er würde zumindest unbewusst mitbekommen, dass er nicht allein war.
Entweder hatte sie damit Erfolg, oder was immer es war verlor langsam an Kraft – jedenfalls ließen die Krämpfe nach schrecklichen zwanzig Minuten ein wenig nach und Snapes Muskeln entspannten sich ganz langsam, nur noch unterbrochen von einigen kurzen Momenten, in denen seine Finger mit hartem Griff ihre Hand umklammerten.
Schließlich lag er wieder ruhig im Bett, allerdings ging sein Atem weiterhin schnell und keuchend. Beruhigend strich Ginny ihm übers Haar und legte ihre freie Hand dann auf seine heiße Stirn. „Ganz ruhig", flüsterte sie, „ich bin hier. Keine Angst. Versuchen Sie sich zu beruhigen."
Es dauerte lange, bis seine hektischen, angestrengten Atemzüge langsamer wurden, und von Zeit zu Zeit durchlief ein starkes Zittern seinen ganzen Körper. Doch der Anfall selbst schien vorbei zu sein, und der dunkelhaarige Mann fiel übergangslos in einen erschöpften, wenn auch sehr unruhigen Schlaf; noch immer hielt er krampfhaft Ginnys Hand umschlossen, als hätte er Angst, sie könnte ihn allein lassen.
Das Mädchen tastete nach seinem Puls. Er raste, was Ginny nicht groß wunderte, schien sich aber mit der Zeit zu verlangsamen. Erleichtert atmete sie auf und kühlte seine Stirn mit dem feuchten Tuch, während sich nun endlich auch sein Griff lockerte.
Was zur Hölle war das nur gewesen? Eine Nebenwirkung der Tropfen vielleicht? Für einen simplen Albtraum war es zu heftig gewesen, fand sie. Sie musste wohl bei Gelegenheit Madam Pomfrey über diese Migränetropfen ausfragen.
Wieder sah Ginny auf ihre Armbanduhr. In ungefähr einer Viertelstunde würde die Wirkung der Tropfen nachlassen. Was dann passierte, konnte sie nur abwarten. Sie warf ihren Umhang aufs Fußende des Bettes, rief ein Glas vom Schreibtisch herbei, goss sich einen Schluck Feuerwhisky ein und nippte hin und wieder daran, um sich ein wenig zu beruhigen.
Ein unterdrücktes Stöhnen lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf Snape, der eben mühsam die Augen öffnete und ergebnislos versuchte sich hochzustemmen. Ginny stellte ihr Glas weg und hielt ihn zurück: „Immer langsam, Professor, Sie sollten sich noch ein bisschen ausruhen. Möchten Sie vielleicht einen Schluck Wasser?"
Snape schüttelte nur schwach den Kopf und sah mit verschwommenem Blick zu ihr hoch. Seine Augen waren stark gerötet, und er hatte deutlich erkennbare Mühe, sie offen zu halten. Anscheinend ließ die Wirkung der Tropfen nicht schlagartig nach. Doch er kämpfte hartnäckig gegen seine Benommenheit an, wenn auch bisher mit mäßigem Erfolg.
„Das… das Dunkle Mal", flüsterte er heiser und verstärkte seinen Griff um ihre Hand wieder, „sehen Sie sich das Mal an – bitte, Ginny…"
Ginny schenkte ihm einen mitfühlenden Blick und strich ihm sanft über die Wange. „Das hatten wir doch schon mal, Sir. Wissen Sie noch? Das Dunkle Mal verblasst, es besteht keine Gefahr mehr. Okay?"
„Nein… sehen Sie es sich an. Bitte!" Er sah schrecklich abgekämpft aus, bemühte sich aber weiter verbissen darum hochzukommen. Um ihn zu beruhigen, schob das Mädchen schließlich vorsichtig den linken Ärmel seines grauen Langarmshirts hoch – und starrte entsetzt auf Snapes Unterarm: klar und deutlich, schwarz wie Tinte, hob sich die magische Tätowierung von seiner blassen Haut ab!
„Grundgütiger… Was hat das zu bedeuten?" Ginny brachte nicht mehr als ein Wispern hervor und suchte den Blick ihres Hauslehrers, der sich jetzt allerdings rasch auf die andere Seite drehte. Einen Augenblick später übergab er sich heftig auf den Fußboden.
Der Anblick der schmalen Gestalt, die sich vor Anstrengung bebend an der Bettkante abstützte, brachte Ginny endlich wieder zur Besinnung. Sie kniete sich hinter ihn und hielt ihn mit sicherem Griff fest. Ganz deutlich fühlte sie sein Zittern und die Hitze, die sein Körper ausstrahlte.
Als der Brechreiz verebbt war, säuberte sie den Boden mit einem Reinigungszauber, zog Snape sehr sanft zurück in die Kissen und bettete seinen Kopf in ihren Schoß. Während er völlig am Ende seiner Kräfte und mit geschlossenen Augen liegen blieb, streichelte sie beruhigend über sein Haar, nahm mit der anderen Hand das Tuch aus der Schüssel und wischte ihm den Schweiß vom Gesicht.
Sie schwiegen beide, und eine ganze Weile blieb er völlig regungslos liegen. Dann hob er langsam den Kopf, setzte sich mit ein wenig Hilfe von Ginny auf, streckte den Arm aus und griff nach der Whiskyflasche. „Ich denke", murmelte er undeutlich, „jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um sich zu betrinken…"
Fassungslos, mit aufgerissenen Augen, schaute Ginny ihn an. „Sind Sie verrückt geworden?"
„Vielleicht", gab er mit einem halben Lächeln zu, machte aber keine Anstalten die Flasche zu öffnen. Mit einem schwachen Kopfschütteln nahm Ginny sie ihm wieder ab, füllte je eine Handbreit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit in ihre beiden Gläser und reichte ihm dann eines davon: „Ich denke, das sollte für den Anfang genügen, oder? – Professor, was ist vorhin passiert?" fügte sie in drängendem Ton hinzu. „Sie hatten so eine Art… Anfall oder sowas."
Snape nippte kurz an seinem Whisky, verzog angeekelt das Gesicht und gab ihr das Glas zurück. „Ein Cruciatus", korrigierte er sie müde. „Haben Sie noch nie gesehen, was dieser Fluch anrichtet, Mädchen?"
Stumm schüttelte Ginny den Kopf. Ihr fehlten zum ersten Mal seit langer Zeit die Worte. Das Dunkle Mal hatte sich wieder geregt – und Snape hatte es mit einem Cruciatus-Fluch zu tun bekommen. Das klang nicht gut, überhaupt nicht gut! Angst kroch in ihr hoch und umschloss ihr Herz mit einer eisigen Reifschicht.
„Der Cruciatus gehört aus gutem Grund zu den Unverzeihlichen Flüchen", sprach Snape kaum hörbar weiter. „Er greift ausschließlich die Nervenenden an. Das Opfer wird körperlich nicht verletzt, aber die Schmerzen sind… schlimm genug. Das vorhin war nicht mal ein besonders schwerer. Nun, aus der Entfernung ist es schwieriger, nicht wahr?" Er lachte heiser auf.
„Es sah wirklich schrecklich aus", flüsterte Ginny und konnte nicht verhindern, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten, doch dann stutzte sie. „Moment, warten Sie mal, was soll das heißen, aus der Entfernung? Wurde er über das Mal übertragen?"
Der Professor nickte und hob den linken Arm an, um sich das Zeichen der Todesser genauer anzusehen. „Und ich dachte…", begann er gepresst, stockte und fuhr dann resigniert fort: „Ich dachte wirklich, das wäre endlich alles vorbei."
„Sie… das ist Ihnen also nicht zum ersten Mal passiert, oder?" hakte Ginny erschrocken nach. Natürlich hatte sie, wie alle anderen, schon oft die Gerüchte gehört, dass Voldemort nicht nur seine Feinde mit dem Cruciatus-Fluch gequält hatte. Auch seine Gefolgsleute hatten ihn angeblich des Öfteren zu spüren bekommen. Zumindest für Snape schien diese Erfahrung nichts Neues zu sein, denn seine Antwort bestand nur aus einem wegwerfenden Schulterzucken.
Völlig unverhofft, ohne auch nur die geringste Vorwarnung, von einem solchen Fluch getroffen zu werden… das musste schrecklich sein. Sie stellte sich vor, wie es wäre, mitten in der Nacht durch so etwas aus dem Schlaf gerissen zu werden, und beschloss, dass sie das lieber nicht erleben wollte.
„Sir?" Ginnys Stimme war sehr leise, als sie zögernd fragte: „Früher, also die anderen Male... Sie haben gesagt, dieser Fluch sei nicht sehr stark gewesen. Sie haben also schon stärkere erlebt, oder?"
„Einige", gab er zu. „Es war nicht an der Tagesordnung, aber wenn etwas nicht wie geplant lief, musste man schon damit rechnen."
Ginny schwieg für ein paar Sekunden und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten, während Snape mit leerem Blick zur Wand starrte. Es brauchte ihren ganzen Mut, um die nächste Frage zu stellen. „Professor?" setzte sie endlich zaghaft an. „Waren Sie... Mussten Sie das ganz allein durchstehen?"
„Was glauben Sie wohl, Miss Weasley?"
Er sah sie an, mit diesem vertrauten, halb spöttischen Lächeln und hochgezogenen Augenbrauen, doch seine bisher ruhige und gefasste Stimme bebte leicht. Ginny erwiderte seinen Blick und stellte schockiert fest, dass er den Tränen nahe war. Sie wusste nicht, wie er darauf reagieren würde, doch es war ihr egal: kurzentschlossen schlang sie die Arme um ihn und drückte ihn an sich. Die erwartete Gegenwehr blieb erstaunlicherweise aus, und so hielt sie ihn einfach weiter fest.
Snapes Wange lag an ihrer Schulter, und ihre Hand fuhr behutsam über seinen Rücken. Sie konnte deutlich die Rippen unter ihren Fingern spüren, während sich seine Rückenmuskeln verkrampften in dem erfolglosen Bemühen, sein Zittern zu unterdrücken.
„Schon in Ordnung, Sir", flüsterte sie. „Ich kann mir vorstellen, dass Sie Angst haben. Aber Sie sind nicht allein, okay? Schon gut… versuchen Sie ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Ich bleib hier und pass auf Sie auf."
Eine gefühlte Ewigkeit hielt Ginny ihn besorgt in ihrer Umarmung. Sie versuchte sich klarzumachen, was dieser Vorfall für ihren Lehrer bedeuten musste: wenn Voldemort wirklich zurück war – auch wenn sie sich nicht vorstellen konnte, wie das passiert sein könnte – dann stand er garantiert zuoberst auf dessen Abschussliste. Sie hatte eine ziemlich gute Ahnung, dass Snape als Verräter keine allzu großen Überlebenschancen haben würde. Genau wie Draco…
Draco!
Ginny fuhr hoch wie von einer Doxy gebissen, und Snape schrak heftig zusammen. „Malfoy", keuchte sie und sah den Tränkemeister entsetzt an. „Er ist auch in Gefahr, oder? Wir müssen die anderen sofort informieren. – McGonagall… wir sollten ihr Bescheid sagen. Kriegen Sie das mit diesem Patronus-Ding hin? Ich glaub, das würd am schnellsten gehen."
Jedes Anzeichen von Schwäche oder Erschöpfung war innerhalb von Sekundenbruchteilen aus Snapes aschgrauem Gesicht verschwunden. Er nickte knapp, nahm seinen Zauberstab vom Nachttisch und ließ etwas Großes, Silbernes daraus hervorbrechen. Ginny sah es nur noch davongleiten, konnte es aber nicht genau erkennen. Allerdings sah es nicht unbedingt nach der Hirschkuh aus, die Harry ihr beschrieben hatte.
Es hatte eindeutig Flügel…
Auch Snape starrte dem Patronus nach, mit seltsam erschrockenem Gesichtsausdruck, fing sich aber rasch wieder. „Kommen Sie mit", knurrte er, griff nach Ginnys Hand und sprang umstandslos mit ihr zusammen aus dem Bett. Sie konnte sich – genau wie er – gerade noch den Umhang schnappen und ihn sich überwerfen, dann zog er sie auch schon mit sich.
In einem Tempo, das höchstwahrscheinlich sogar gut trainierte Auroren vor Neid hätte erblassen lassen, hetzten sie durch das nächtliche, beinahe menschenleere Schloss. Auf halbem Weg stießen sie auf Filius Flitwick und Pomona Sprout, ließen die beiden aber rasch hinter sich zurück und eilten zum Büro der Schulleiterin.
Der Eingang hinter dem Wasserspeier war bereits geöffnet, und oben an der Tür erwartete sie eine zerzaust wirkende Minerva McGonagall. Während sie die spiralförmige Treppe hochrannten, hörten sie hinter sich Schritte über den Marmorboden poltern: Harry, Ron, Hermine und Neville kamen mit einem kalkweißen und zitternden Draco Malfoy im Schlepptau angefegt, schlitterten bis zum Treppenaufgang und keuchten dann ebenfalls hinauf zum Büro.
Ginny schnappte immer noch angestrengt nach Luft, als Monica Lupin barfuß und in einem smaragdgrünen Jogginganzug hereinflitzte und gerade noch vor McGonagalls großem Schreibtisch zum Stehen kam: „Warum hat mir denn niemand gesagt, dass dieser Job nur was für Leute mit Sportabzeichen ist? Uff!"
Alle rangen nach Luft, außer Snape: sein Atem ging bereits jetzt wieder völlig ruhig. Ginny sah, wie Ron – japsend und krebsrot im Gesicht – ihm einen missmutigen und gleichzeitig ungläubigen Blick zuwarf. Sie konnte es ihm nicht übel nehmen: sie selber war durchs Quidditch eigentlich ziemlich gut trainiert, aber auch sie war total außer Atem.
„Setzen Sie sich", wies die Schulleiterin sie energisch an, während sie ein paar weitere Stühle für sie alle heraufbeschwor, und warf Snape einen raschen, neugierigen Blick zu. „Professor Weasley und Hagrid sollten auch gleich hier sein."
Wie auf ein geheimes Kommando betrat Bill eilig das Büro, und eine halbe Minute später kündigten dröhnende Schritte die Ankunft des Halbriesen an, der schnaufend und völlig aufgelöst hereinstürmte: „Was´n los? Ham wir Probleme, Minerva?"
