Als hätten sie sich abgesprochen, schoben Draco und Snape zur Antwort auf Hagrids Frage ihre Ärmel hoch. Mit einem scharfen Zischen sog McGonagall die Luft ein, als sie das Dunkle Mal auf ihren Armen anstarrte. Ein Ausdruck gewaltigen Entsetzens breitete sich auf ihrem Gesicht aus, und für einen langen Augenblick wirkte sie wie erstarrt, bevor sie ihre Fähigkeit vernünftig zu handeln endlich wiederfand.
„Holen Sie Poppy", befahl sie Monica in knappem Ton, die sich sofort umwandte und wie ein smaragdgrüner Klatscher zur Tür hinausstob. Sie hörten sie die Wendeltreppe hinabhasten und den Flur hinunterrennen.
Harry sah von Snape zu Draco und wieder zurück. Er war von Dracos Schrei aufgewacht und hatte miterlebt, wie sein Klassenkamerad sich in unaussprechlicher Pein gewunden hatte, bis Neville es endlich geschafft hatte, ihn mit einigen Schlucken eines Tranks aus einer kleinen Flasche einigermaßen zu beruhigen. Dennoch hatte es noch eine ganze Weile gedauert, bis ihr neuer Hausgenosse sich soweit erholt hatte, dass er sich zumindest halbwegs auf den Beinen halten konnte.
Ein Blick auf die blassen Gesichter von Snape und Ginny verriet ihm, dass der Tränkemeister wohl eine ganz ähnliche Erfahrung hinter sich haben musste. Doch was hatte das zu bedeuten?
Drückendes Schweigen herrschte im Schulleiterbüro, bis Monica Lupin mit der Heilerin aus dem Krankenflügel zurückkehrte. Sie hatte sie wohl bereits auf dem Weg grob über das Geschehene informiert, denn Madam Pomfrey ging sofort auf Malfoy zu und begann ihn eingehend zu untersuchen, während sie Snape einen fragenden Blick zuwarf. Der nickte nur, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloss erschöpft die Augen.
„Das dürfte eigentlich nicht mehr passieren", stellte Poppy Pomfrey mit einem äußerst angewiderten Blick auf Dracos Unterarm fest. „Nicht, nachdem Du-Weißt-Schon-Wer vernichtet worden ist. – Cruciatus?" erkundigte sie sich fachmännisch und sah zu Snape hinüber. Als er nickte, immer noch mit geschlossenen Augen, fragte sie nach: „Wie stark?"
„Nicht besonders", gab der dunkelhaarige Mann in sachlichem Ton zurück, „sonst würden wir jetzt noch nicht hier sitzen, Poppy. Wäre das eine Prüfung gewesen, würde ich schätzungsweise ein M dafür geben."
Harrys und Ginnys Blicke trafen sich. Er sah sie fassungslos den Kopf schütteln, dann sagte sie leise: „Es war schlimm genug. Ich hatte keine Ahnung, dass sowas überhaupt möglich ist…"
Harry konnte ihr im Stillen nur zustimmen. Wenn das, was er hatte sehen müssen, unter die Kategorie M fiel, wie übel hätte dann ein richtig starker Fluch gewirkt? Um bei den Schulnoten zu bleiben: ein E oder gar O? Er streifte Snapes marmorweißes Gesicht mit einem flüchtigen Blick und fragte sich, nicht zum ersten Mal, was dieser Mann während seiner Zeit bei den Todessern alles hatte mitmachen müssen.
Monica Lupin war zu Snape getreten und griff nach seiner Hand. Ihre Finger strichen behutsam über die Tätowierung, während sie das schwarzmagische Zeichen eingehend untersuchte. Ihr Patient ertrug die Überprüfung reglos und mit gefasster Miene.
„Im Moment erkenne ich keine Aktivität", sagte die junge Heilerin schließlich leise, „aber ein magischer Nachhall ist noch vorhanden. Es dürfte sich um mehrere unterschiedliche Vibrationen gehandelt haben…" Sie musterte Snapes steinernes Gesicht einen Moment lang mit abschätzendem Blick und fuhr fort: „Das war kein einzelner Magier, der das Mal aktiviert hat. Mehrere Leute haben sich für diesen Zauber zusammengeschlossen."
„Also war es nicht… nicht Voldemort?" vergewisserte sich Hermine, die im Gegensatz zu Harry anscheinend recht genau wusste, wovon Monica da sprach. „Ich meine, er hätte das erstens allein geschafft, und zweitens hätte er nicht freiwillig mit anderen zusammengearbeitet – oder?"
Nun verstand auch Harry. Natürlich, Hermine hatte Recht: Voldemort war ein Einzelgänger gewesen, er hätte niemals andere an seinen Geheimnissen teilhaben lassen. „Dann haben sich wohl ein paar der Todesser vorgenommen, das Mal wieder nutzbar zu machen", vermutete er. „Sie müssen rausgefunden haben, wie es funktioniert, also gehören sie wohl zu der Sorte, die ihr Gehirn benutzt. Und jetzt wollen sie ihren Verein wieder neu aufstellen, nehm ich an."
„Super", bemerkte Malfoy bitter, „ich schätze, mein Vater ist ganz vorne mit dabei." Er griff mit zitternden Fingern nach der kleinen Phiole, die Madam Pomfrey ihm reichte, und leerte sie in einem Zug. Dichter weißer Dampf schoss ihm aus den Ohren, aber der Aufpäppeltrank schien zu wirken, denn in sein blasses Gesicht kehrte ein Hauch Farbe zurück.
Auch Snape wurde von der Heilerin genötigt, einen Schluck von dem Trank zu nehmen, und sie war erst zufrieden, als die beiden ehemaligen Slytherins wieder einigermaßen fit wirkten. „Und jetzt folgen Sie beide mir bitte in den Krankenflügel", ordnete sie resolut an.
Mit unterdrücktem Grinsen beobachtete Harry, wie sie Draco Malfoy und den heftig protestierenden Snape energisch vor sich her trieb. Als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, wandte er sich aufmerksam Minerva McGonagall zu, die sich hinter ihren Schreibtisch gesetzt hatte und sie alle ernst über ihre Brille hinweg ansah.
„Ich muss wohl nicht erwähnen", sagte sie mühsam beherrscht, „dass wir diesen Todessern nicht erlauben dürfen, unsere Leute aus der Entfernung anzugreifen. Ich werde Kingsley und den Rest des Ordens informieren, dass wir uns jetzt verstärkt darauf konzentrieren müssen, die Urheber aufzuspüren und in sicheren Gewahrsam zu verbringen. Monica, Sie und Poppy werden dafür zuständig sein, irgendeinen Schutz für Professor Snape und Mr Malfoy zu entwickeln. Ich möchte den beiden so einen Übergriff nicht noch einmal zumuten müssen. Potter, Weasley, Sie beide werden an den Wochenenden die Einsatzteams verstärken. Miss Granger, Miss Weasley und Mr Longbottom, Sie möchte ich darum bitten, das Heilerteam zu unterstützen, da Sie über entsprechendes Vorwissen in den erforderlichen Fächern verfügen. Hagrid, hör dich bitte im Dorf und bei Elementen wie Mundungus Fletcher um, ob sich in der Gerüchteküche etwas tut. Aber so unauffällig wie möglich – wir können nicht sicher sein, ob uns jemand beobachtet. Werden wir zu offensichtlich aktiv in dieser Richtung, dann wissen sie genau, dass sie Erfolg hatten. Das gilt selbstverständlich für Sie alle: erwähnen Sie diesen Vorfall nicht im Beisein von anderen. Potter, bitte schärfen Sie das auch Ihren Kameraden aus dem Schlafsaal ein, ja?"
Sie sah mit so einem harten Blick reihum, dass wirklich jeder den Ernst der Lage sofort begriff.
Neville hob schüchtern die Hand. „Professor McGonagall, würden Sie mir erlauben, Luna Lovegood hinzuzuziehen?" fragte er. „Sie hat zwar manchmal seltsame Ansichten, aber sie als Empathin… und vielleicht brauchen wir ja jemanden, der über das Gewöhnliche hinausschauen kann."
„Genehmigt, Longbottom." Die Schulleiterin schob mit einer energischen Bewegung ihre Brille hoch, erhob sich und scheuchte die ganze versammelte Mannschaft zur Tür hinaus.
