Ohne sich auch nur abgesprochen zu haben, wandten Harry, Ron, Hermine, Ginny und Neville ihre Schritte Richtung Krankenflügel. Schweigend gingen sie durch das still daliegende Schloss, die Gedanken bei der erneuten Gefahr, die ihnen allen durch eine wiedervereinigte Todesserriege drohte.
„Du warst bei Snape, als das passiert ist?" fragte Harry leise und nahm Ginnys zitternde Hand in seine. Seine Freundin nickte unglücklich. „Ich hab ihn auf einem Kontrollgang im Korridor aufgesammelt", erzählte sie, während die anderen aufmerksam lauschten. „Er hatte einen Migräneanfall, und ich hab mich um ihn gekümmert. Irgendwann ist er eingeschlafen, und ich bin wieder raus auf Patrouille. Nach der Übergabe mit Flitwick wollte ich nochmal nach ihm sehen, und… ich dachte, er hätte sowas wie einen Krampfanfall. Ich hab ihn ewig nicht wachbekommen, weil das Migränemittel noch gewirkt hat. Es war einfach schrecklich, Harry! Wie kann man einem anderen Menschen nur sowas antun?"
Schaudernd drängte sie sich näher an ihn, und Harry legte schützend den Arm um sie. Er konnte sich vorstellen, welche Angst sie gehabt hatte, ganz allein und ohne eine echte Möglichkeit, Snape zu helfen. Die Bilder von Draco Malfoy, der sich unter Qualen in seinem Bett hin und her gewälzt hatte, würde er wohl nie wieder aus seinem Kopf verdrängen können. So etwas wünschte er wirklich niemandem!
„Was war das eigentlich, was du Malfoy gegeben hast, Neville?" fragte Ron neugierig. „Das hat ja wirklich gut funktioniert, danach hat er sich ziemlich schnell beruhigt."
Neville nickte. „Ja, dafür war´s auch gedacht. Es war ein Beruhigungstrank, aus Lavendel, Johanniskraut und Melisse, und noch ein paar anderen Sachen… die Muggel haben was Ähnliches als Tee, aber der ist nicht gerade stark, also haben Zauberer die Wirkung verbessert. Oma hat mir den mitgegeben, nur zur Sicherheit, falls ich wieder Albträume hab. Er sorgt auch dafür, dass sich Anspannungen lösen, und wirkt gegen Schlaflosigkeit, Kreislaufprobleme und Kopfschmerzen."
„Tranquilitas-Trank?" Hermine nickte wissend. „Ja, der ist angeblich richtig gut. Und du hast deinen Vorrat für Malfoy geopfert, Neville? Das war ganz schön großzügig von dir."
Mit roten Ohren winkte Neville ab: „Ach, halb so schlimm. Ich hab ihn ja nicht gebraucht, oder? Auf jeden Fall hat´s geklappt. Und das ist doch das Wichtigste, meint ihr nicht?"
Sie hatten den Krankenflügel erreicht und blieben abwartend in der Tür stehen. Sie wollten nicht riskieren, von einer aufgebrachten Madam Pomfrey wieder hinausgescheucht zu werden. Doch die Heilerin hatte heute anderes zu tun. Sie hörten sie energisch mit Snape diskutieren, der anscheinend nicht die geringste Lust verspürte, die Nacht unter ihren wachsamen Augen verbringen zu müssen.
„Schön", schnaubte sie soeben, „dann gehen Sie, wenn Sie unbedingt wollen, ich habe keine Zeit zum Streiten. Aber erwarten Sie nicht, dass ich Sie vom Boden aufklaube, wenn Sie mir umkippen. Und genau das wird passieren, dafür brauche ich keinen UTZ in Wahrsagen, Severus!"
„Sie haben doch selbst gesagt, dass Sie mich hier nicht mehr sehen wollen. Ich versuche mich nur daran zu halten."
„Ach, halten Sie den Mund, Sie unverbesserlicher Mistkerl!"
Die Schulheilerin schien ernsthaft sauer zu sein, denn solche Ausdrücke hatte sie bisher noch nie benutzt. Ron machte ein Gesicht, als müsste er sich anstrengen, um nicht vor Lachen loszubrüllen, und reckte den Daumen in die Höhe. Hermines strafenden Blick ignorierte er völlig. „Autsch", kommentierte Neville und verzog mitfühlend das Gesicht, und Ginny gluckste vergnügt.
Grinsend ging Harry den anderen voraus. Snape saß missvergnügt auf einem der Krankenbetten, Draco dagegen hatte sich klugerweise in sein Schicksal ergeben und lag im Nachbarbett. Madam Pomfrey wuselte schimpfend an ihnen vorbei und verschwand in ihrem Büro.
„Diese Frau", grummelte Snape, als sie ihn erreichten. „Ich versuche ihr seit fast dreißig Jahren begreiflich zu machen, dass sie nicht meine Mutter ist, aber – keine Chance. Ich habe den dringenden Verdacht, dass sie mit Molly Weasley verwandt sein muss. – Nichts gegen Ihre Mutter", fügte er hastig hinzu, als er ihre Gesichter sah. „Aber was das angeht, sind beide wirklich über die Maßen nervtötend. Ich weiß schon, was ich schaffe und was nicht, das muss mir nicht ausgerechnet Poppy erklären."
„Vielleicht hat sie ja Recht", meinte Ginny ruhig, „schon mal daran gedacht, Professor? Das hier ist Madam Pomfreys Job, und genau dafür ist sie ausgebildet. Sie redet Ihnen ja auch nicht bei ihrer Arbeit rein, oder?"
Harry warf seiner Freundin einen respektvollen Blick zu. Nicht jeder hätte es gewagt, so mit dem Tränkemeister zu reden – von der äußerst geringen Chance, eine solche Äußerung zu überleben, mal ganz abgesehen.
„Blödsinn." Snape sah sie mit gerunzelter Stirn an und warf sich demonstrativ seinen Umhang über. „Sie macht wie üblich aus allem ein Drama. Ich habe schon wesentlich Schlimmeres überstanden."
„Aber oft auch nur dank meiner Unterstützung", bemerkte Poppy Pomfrey spitz im Vorbeisegeln, „und selbst das war manchmal mehr als nur knapp, das müssen sogar Sie zugeben." Sie legte prüfend eine Hand auf Dracos Stirn, nickte zufrieden und stolzierte dann in Gegenrichtung zurück.
Sie missachtete Snape gründlich, schürzte die Lippen und sagte zu Harry und den anderen: „Ich lehne jede weitere Verantwortung ab. Entweder bringt ihr diesen Sturkopf dazu, sich hier hinzulegen, oder ihr könnt im Abstand von einem Meter hinter ihm hergehen, um ihn spätestens in der Eingangshalle aufzusammeln. In diesem Fall bringt ihr ihn aber gefälligst woanders unter. Eure Entscheidung, eure Verantwortung. Gute Nacht!"
Sie warfen sich belustigte Blicke zu, und Harry musste ein Grinsen unterdrücken. Snape machte sich mit grimmiger Miene wieder an seinem Umhang zu schaffen, als hätte er Poppy Pomfreys Bemerkung überhaupt nicht gehört. Es war mehr als deutlich, dass er stur bleiben würde.
„Na schön, Sir, dann tun Sie, was Sie nicht lassen können. Ich werde jetzt jedenfalls schlafen gehen, es ist spät." Ginny wartete vergeblich auf eine Antwort, zuckte endlich die Achseln, wandte sich zu ihren Freunden um und winkte sie auf den Korridor hinaus. „Er wird sich nichts sagen lassen", meinte sie seufzend und verdrehte genervt die Augen, „weder von ihr, noch von uns. Wir können ihn nur hier draußen abfangen."
In den Schatten des Flurs blieben sie abwartend stehen; Harry war sich hundertprozentig sicher, dass Snape sich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit aus dem Krankenflügel absetzen würde.
Und er behielt Recht. Es vergingen keine zwei Minuten, bis sich die Tür öffnete und die vertraute hochgewachsene Gestalt auf den Flur trat. Ginny sah Harry mit hochgezogenen Augenbrauen an, als wolle sie sagen: „War das nicht klar?" Er verdrehte grinsend die Augen.
Snape schien sie nicht bemerkt zu haben. Mit einem erleichterten Aufatmen lehnte er sich an die Wand, legte den Kopf in den Nacken und schloss für ein paar Sekunden die Augen. Und dann schien ohne Vorwarnung das bisschen Farbe, für das der Aufpäppeltrank gesorgt hatte, schlagartig wieder aus seinem Gesicht zu weichen.
„Sie hat´s ihm doch gesagt", murmelte Ginny kopfschüttelnd und ging mit energischen Schritten auf ihren Lehrer zu. Sie fasste ihn am Arm, drehte ihn herum und schob ihn auf die resolute Molly-Weasley-Art wieder zurück in den Krankenflügel. Harry eilte ihr schnell zu Hilfe, die anderen folgten ihnen, und als die Schulheilerin kurz darauf aus ihrem Büro spähte, bot sich ihr ein erstaunliches Bild: Severus Snape saß auf dem Bett, ganz ohne sich zu beschweren, während Ginny Weasley ihm in aller Seelenruhe das Shirt auszog. So etwas hatte der Krankenflügel von Hogwarts noch nicht gesehen!
Verwundert kehrte Poppy Pomfrey zurück an ihren Schreibtisch, während sich die kleine Gruppe junger Hexen und Zauberer auf Besucherstühlen zwischen Snapes und Dracos Bett niederließ. Sie wollten noch eine Weile bleiben, nur um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung war.
„Wissen Sie, Professor", sagte Harry übers ganze Gesicht feixend zu Snape, „wenn´s um Starrköpfigkeit geht, stehen Sie den Schülern in Ihrem neuen Haus ganz sicher in nichts nach! Wollen Sie den Sprechenden Hut vielleicht auch nochmal aufsetzen?"
Ron prustete los, Neville und die Mädchen lachten, und sogar von Malfoy aus dem Bett daneben kam ein leises, verdruckstes Kichern. Snape dagegen warf ihnen nur einen eisigen Blick zu, während er mehr als schlecht gelaunt unter die Decken kroch. Da lag er dann, auf einen Ellbogen gestützt, wie der Missmut in Person, musste sich aber ganz offensichtlich sehr zusammenreißen, um nicht auf der Stelle einzuschlafen. Er sah einfach nur fertig aus, fand Harry.
Hermine kam wie üblich als Erste aufs Thema zurück. „Professor", fragte sie interessiert, „was genau kann dieses… dieses Ding? – Ich meine", fügte sie hastig hinzu, „ich weiß, dass ein Proteus-Zauber darauf liegt, aber das kann nicht der einzige Zauber sein, der in dem Mal steckt. Ist es wirklich so, dass der Cruciatus über das Dunkle Mal übertragen werden kann, egal wie weit die Entfernung zwischen Täter und Opfer ist?"
„Lass ihn doch in Ruhe, Hermine", murmelte Ron unbehaglich, doch der Professor warf ruhig ein: „Keine Sorge, Mr Weasley, ich bin Lehrer und damit an Fragen gewöhnt. Und diese ist erfreulicherweise nicht von der üblichen dummen Sorte. Also, Miss Granger, der Proteus sorgte dafür, dass alle Todesser es spürten, wenn Voldemort das Mal eines Einzigen von ihnen berührt hat. Außerdem scheint ein mir bisher unbekannter Zauber darauf zu liegen, der es Voldemort erlaubt hat, einzelne Todesser ganz gezielt auszuwählen, wie beispielsweise nur das Dutzend des Inneren Kreises, um diejenigen so zu sich zu rufen, oder um jemanden mit einem Fluch zu belegen, vorzugsweise die paar Abtrünnigen – das Ganze scheint aber tatsächlich nur mit dem Cruciatus zu funktionieren, jedenfalls habe ich noch von keinem anderen gehört, nicht einmal gerüchteweise… Wobei man auch nicht wirklich etwas Anderes brauchen würde, hm?"
Er fuhr sich müde übers Gesicht und stützte dann das Kinn in die Hand. „Die Zielfunktion hat mir persönlich immer am besten gefallen. Wenn es Zeit für ein Treffen war, konnte Voldemort uns mit dem glühenden Mal zu verstehen geben, dass er uns zu sehen wünschte. Wenn wir dann apparierten, landeten wir genau dort, wo er uns haben wollte, ohne dass wir auch nur eine Ortsangabe bekommen hätten. Jedes Mal eine Überraschung."
Hermine schaute nachdenklich drein und nagte auf ihrer Unterlippe herum; ihr Blick ruhte auf Ron. „Wie praktisch. Und bisher hat noch niemand versucht, das Zeichen irgendwie unschädlich zu machen? Oder es ganz zu entfernen?"
„Nicht dass ich wüsste." Snape schien sich jetzt wirklich nur noch mit Mühe wach zu halten. Harry stupste Hermine unauffällig an, um sie zum Gehen zu überreden, doch das war nicht nötig. Sie schien bereits selbst bemerkt zu haben, dass der Professor dringend Ruhe brauchte, denn sie stand auf und räumte ihren Stuhl zur Seite: „Also, darüber muss ich erst mal etwas nachdenken. Und ich muss in die…
„… Bibliothek", sagten sie alle unisono, und Hermine nickte verlegen.
Ginny drückte kurz die Hand ihres Lehrers und versprach, an ihn und Draco Malfoy gleichermaßen gewandt: „Wir werden eine Möglichkeit finden, das Ding auszuschalten – und wenn es das Letzte ist, was wir tun. Aber jetzt solltet ihr beide euch ausruhen. Es ist schon weit nach Mitternacht. Wir sehen uns morgen. Gute Nacht!"
„Es wundert mich eigentlich, dass Dumbledore nie versucht hat, Snape zu helfen und das Mal zu entfernen", dachte Hermine laut nach, während sie zum Gryffindor-Gemeinschaftsraum zurückgingen, „wo er doch so ein mächtiger Zauberer war, mächtiger als Voldemort."
„Vielleicht hätt das ein bisschen verdächtig ausgesehen bei den folgenden Todessertreffen?" gab Ron zu bedenken. „Die hätten doch sofort Lunte gerochen, wenn Snape plötzlich ohne das Teil aufgetaucht wär, oder? Ganz davon abgesehen, dass er dann ja überhaupt nicht mehr gewusst hätte, dass es ein Treffen gibt. Und ihr könnt sagen, was ihr wollt, Leute – aber ich denke, dass Dumbledore sein bestes Pferd nicht wegen so einer Kleinigkeit verlieren wollte. Dazu war Snape als Spion zu wichtig."
„Oder das hat selbst Dumbledore überfordert", seufzte Harry resigniert, während er ziemlich unglücklich darüber nachdachte, ob der Ordensgründer seinen Spitzel wirklich nur als taktisches Werkzeug gesehen hatte – vorstellen konnte er sich das inzwischen durchaus. Wie weit im Voraus hatte der Schulleiter geplant?
Hatte er das Potential, das in einem überdurchschnittlich talentierten, aber einsamen und verzweifelten Severus Snape ruhte, bereits zu dessen Zeit als Schüler erkannt? Ihn durch gezieltes Desinteresse genau auf die verhängnisvolle Bahn gelenkt, die ihn schlussendlich in Dumbledores Hände und zum Orden des Phönix geführt hatte? War er, genau wie Harry, bereits als Schüler ein Bauer im großen Schachspiel des Ordensgründers gewesen, ohne es auch nur im Entferntesten zu ahnen?
„Ich will mir gar nicht vorstellen, wie groß dann erst unsere Chancen sind, das Ding lahmzulegen", schloss er frustriert und schüttelte die düsteren Gedanken und Vermutungen ab, während sie langsam durch die verlassenen Korridore wanderten.
Ich würde es ihm zutrauen…
