„Wisst ihr", bemerkte Hermine beim Frühstück eifrig, nachdem sie Luna hastig in die letzten Geschehnisse eingeweiht hatten, „ich denke, Dumbledore hätte zumindest den Proteus und das mit der Ortsangabe unschädlich machen können, wenn er wirklich gewollt hätte. Dass er sich damit auskannte, ist Fakt."

Ginny hob interessiert den Blick von ihrem Schinkentoast. „Wie kommst du darauf? Ja, okay, den Proteus-Zauber lernt man im letzten Schuljahr, für den könnte also jeder einigermaßen talentierte Zauberer, oder doch zumindest ein ausgebildeter Fluchbrecher wie Bill, einen Gegenzauber finden. Aber das andere?"

„Der Deluminator", sagte Hermine eindringlich, als wäre damit alles gesagt; die anderen schauten allerdings ein wenig verwirrt drein.

„Sie hat Recht!" rief Ginny aufgeregt; in ihrem Kopf war Hermines Hinweis an der richtigen Stelle eingerastet. „Der hat doch genau die gleiche Funktion. Dadurch hast du zurück gefunden, Ron. Du bist auch ohne Ortsangabe appariert und genau am richtigen Ort gelandet! Und das Teil war eine Erfindung von Dumbledore, oder nicht?"

Mit offenem Mund starrten die Jungs sie an. „Stimmt", sagte Ron verblüfft, zog den Deluminator aus seiner Tasche und betrachtete ihn so eindringlich, als suchte er nach einem Aufkleber mit der Betriebsanleitung.

„Schön und gut", gab Neville zu bedenken, „aber Dumbledore hat nie jemandem verraten, was für ein Zauber dafür verantwortlich ist, oder? Und wenn wir den Zauber nicht kennen, wie sollen wir dann den Gegenzauber rausfinden? Und vergesst nicht, da ist immer noch die Sache mit der Fluchübertragung, selbst wenn wir die anderen Teile wirklich irgendwie außer Kraft setzen könnten."

Eine Weile herrschte bedrücktes Schweigen an ihrem kleinen Tisch, bis endlich Draco Malfoy zu ihnen stieß. Er sah wesentlich besser aus als in der Nacht zuvor und ließ sich Neville gegenüber nieder.

„Danke, Long… ähm, Neville", sagte er und reichte dem verlegen dreinschauenden Jungen die Hand. „Madam Pomfrey hat gesagt, du hättest Schlimmeres verhindert. Deinetwegen hab ich heute keine größeren Probleme, nur einen ziemlich üblen Muskelkater. Und wenn ich Pech habe, vielleicht ein oder zwei Nachbeben, die das Mal verursachen könnte."

„Ooooch, kein Problem", gab Neville zurück und wurde rot. „Ich hatte den Tranquilitas-Trank da, und ich dachte, damit könnte es funktionieren, weißt du. Schön, dass sie dich schon wieder rausgelassen hat. So kannst du wenigstens das Wochenende genießen."

„Und das sogar in Freiheit", witzelte Harry und schaute sich suchend in der Halle um. „Apropos Freiheit, wo steckt Snape? Hat sie den etwa zur Strafe noch dabehalten, Draco?"

Der blonde Junge schüttelte den Kopf. „Nö, nicht zur Strafe. Aber sie sagte, ihn hätte es weitaus schlimmer erwischt als mich. Als ich gegangen bin, hat sie gerade versucht, ihn zum Frühstücken zu… äähm, überreden." Er verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen, und seine grauen Augen blitzten vor diebischem Vergnügen. „Ich hätte mir eigentlich gern den Ausgang des Duells angesehen, die beiden sind sich ziemlich ähnlich. Stur wie Esel, und kampflustig wie Gockel. Das war sicher ein Kampf der Titanen!"

„Ja, und ich weiß auch, wer gewonnen hat", sagte Ginny leise und wies mit einem Nicken zur Eingangstür, durch die soeben ihr Hauslehrer hereinkam, wie immer in seinem üblichen schwarzen Fledermausumhang. Er nickte den Kollegen mit unbewegter Miene zu und hielt dann zu Ginnys Überraschung auf ihren Tisch zu. Sieben Augenpaare sahen ihm aufmerksam entgegen.

„Guten Morgen", grüßte Snape in die Runde, „wir sehen uns alle in einer Stunde im Klassenzimmer für Zaubertränke. Die anderen sind ebenfalls informiert." Damit wandte er sich um und steuerte den Tisch der Lehrer an, vielleicht ein wenig langsamer als sonst, dachte Ginny.

Sie war immer noch beeindruckt davon, was er in der vergangenen Nacht, trotz des eben erst überstandenen Cruciatus, für ein Tempo vorgelegt hatte auf ihrem Weg zu McGonagalls Büro. Doch wenn Draco Malfoy schon unter Nachwirkungen der Attacke zu leiden hatte, wie musste es dann erst Snape gehen?

Neugierig darauf, wer noch alles auftauchen würde, betrat sie zusammen mit den anderen den Zaubertrankkerker. McGonagall und die vier Hauslehrer standen beim Lehrerpult zusammen, in ein leises Gespräch vertieft, Hagrid hatte sich an die Wand gelehnt und redete mit Bill.

Kurz nach den Nachwuchs-Phönixen erschien eine immer noch recht erbost dreinschauende Madam Pomfrey, die Snape statt einer Begrüßung einen äußerst giftigen Blick zuwarf, den er allerdings nonchalant ignorierte.

Ein echter Kavalier. Ginny schaffte es gerade so, ein Grinsen zu unterdrücken, während sie sich zwischen Harry und Luna auf den Tisch in der ersten Reihe setzte. Auch in Harrys Augen blitzte es amüsiert auf, und er flüsterte ihr ins Ohr: „Malfoy hat Recht – ich hätt auch liebend gern Mäuschen im Krankenflügel gespielt. Die beiden sind echte Naturgewalten."

Anscheinend erwarteten sie niemanden mehr, denn Professor McGonagall verschloss mit einem Zauber die Kerkertür und fing an zu reden: „Was in der letzten Nacht passiert ist, zeigt ganz deutlich, dass unsere Gegner immer noch stärker sind, als wir es uns wünschen würden. Der Orden ist bereits unterrichtet und verstärkt zusammen mit den Auroren seine Bemühungen, die versprengten Reste der Todesser aufzuspüren. Ich möchte, ehrlich gesagt, nicht noch einmal solch eine unangenehme Überraschung erleben müssen, und ich nehme an, dass jeder hier bereit ist, weitere Angriffe zu verhindern, sofern das in unserer Macht steht."

Mit dem Ausdruck höchsten Missfallens sah sie jeden einzelnen im Raum an; alle nickten bekräftigend.

„Die Einteilung ist ja bereits erledigt", sprach die Direktorin weiter. „Ich würde außerdem gern Sie, Professor Weasley, ebenfalls dem Heilerteam zuteilen, sofern Sie nicht gerade im Einsatz sind; es geht hier immerhin in gewisser Weise um ein schwarzmagisches Artefakt, da kann ein ausgebildeter Fluchbrecher sicher nicht schaden. Wenn Sie so freundlich wären?"

Bill nickte nur knapp als Antwort auf den fragenden Blick, den sie ihm zugeworfen hatte, und gesellte sich rasch zu Mo und Madam Pomfrey. Auch Ginny rutschte nach kurzem Zögern vom Tisch und stellte sich zu der kleinen Gruppe, gefolgt von Neville, Hermine und Luna. Professor Sprout schloss sich ihnen an.

So bildeten sich schnell zwei Einheiten, das bestehende Heilerteam und der Rest, der dann wohl für die Verstärkung des Phönixordens zuständig sein würde.

„In Ordnung", sagte Minerva McGonagall zufrieden, „Severus, Mr Malfoy, zu Madam Pomfrey, bitte. Sie wird das Heilerteam einweisen und koordinieren. Die anderen folgen mir unverzüglich ins Hauptquartier des Phönixordens zu einer Einsatzbesprechung."

„Bis dann", verabschiedeten sich Harry und Ron, und rasch verließen sie mit Hagrid, Flitwick und der Leiterin des Ordens den Kerker. Ginny blieb mit Hermine, Luna, Neville und Draco an Ort und Stelle und sah abwartend die Schulheilerin an, die ein wenig nervös wirkte.

„Ich denke, wir brauchen zunächst einen geeigneten Raum, wo wir an dem Problem arbeiten können", entschied Madam Pomfrey schließlich und sah die anderen fragend an. „Im Krankenflügel ist gerade in der Quidditch-Saison leider zu viel Publikumsverkehr, um eine Geheimhaltung ganz sicher garantieren zu können. Es wäre am besten, wenn wir eine Kombination aus Bibliothek, Apotheke und…"

„Der Raum der Wünsche!" riefen Ginny und Luna im Chor, und die anderen nickten zustimmend. Gemeinsam betraten sie kurz danach eine Art altmodischer Forschungsstation, die für ihre Zwecke eigentlich keine Wünsche offen ließ. Ginny sah Hermine, Draco und Bill interessiert die Bücherregale mustern, während Snape zielstrebig den Bereich ins Visier nahm, der offensichtlich für die Arbeit mit Tränken vorgesehen war.

Ein kleines Küchenelement und eine gemütlich aussehende Sitzgruppe vor einem großen Kamin, sowie die durch einen Raumteiler abgetrennte, kleine medizinische Abteilung mit dahinter liegendem Badezimmer vervollständigten die Ausstattung des Raumes.

„Nun", begann Madam Pomfrey und blieb vor dem Kamin stehen, „ich gestehe ganz offen, ich habe keine Ahnung, wie man ein Forschungsteam leitet, und leider auch nicht die geringste Idee, wo wir anfangen könnten. Ich bin nur Schulkrankenschwester. Jemand von Ihnen vielleicht?"

Sie sahen sich unsicher an, doch anscheinend waren alle gleich ratlos. Ginny räusperte sich schließlich und schlug vor: „Wieso setzen wir uns nicht einfach alle mit einer Tasse Tee hier zusammen? Dann listen wir alles nochmal gemeinsam auf, was wir wissen. Vielleicht fällt uns ja dabei was ein."

Erstaunt stellte sie fest, dass es sie nicht störte, wenn alle sie anstarrten – und ihren Vorschlag auch gar nicht erst diskutierten. Luna ging wie selbstverständlich auf die Küchenanrichte zu, gefolgt von Neville, und die beiden kümmerten sich um Tee und Kaffee. Draco ging Hermine dabei zur Hand, Tassen zu dem runden Tisch zu bringen, und Bill stellte zusammen mit Professor Sprout eine große Schiefertafel neben dem Kamin auf, den Monica mit einer Armbewegung eingeheizt hatte.

„Einfach und effektiv, Miss Weasley", bemerkte Snape anerkennend, doch Ginny gab zurück: „Ich denke, in diesem Kreis können wir auf förmliche Anreden verzichten, oder? Ginny genügt völlig. Wir sind ja nicht im Unterricht."

Er nickte knapp, zog seinen Umhang aus und legte ihn über eine Sessellehne, dann ließ er sich in den Sessel fallen und griff nach der Kaffeetasse, die Hermine ihm reichte. „Einverstanden."

„Gut", meinte Bill nach einigen Minuten, stand auf und ging zur Tafel, „dann sollten wir alle Fakten mal auflisten. Ich schlage vor, wir fangen mit dem Dunklen Mal an. Severus?" Er warf seinem Kollegen einen auffordernden Blick und ein Stück Kreide zu, und der Ex-Todesser trat neben den Fluchbrecher an die Tafel.

Obwohl sie nichts wirklich Neues erfuhr, hörte Ginny dem schwarzhaarigen Mann aufmerksam zu, während er noch einmal die Eigenarten des Dunklen Mals beschrieb und Stichworte an der Tafel notierte. Anfangs wirkte er, vermutlich aufgrund des heiklen Themas, ein wenig unsicher. Doch recht bald bemerkte Ginny amüsiert, dass sie sich vorkam wie in einer Unterrichtsstunde: er war offenbar vollkommen unbewusst ins Dozieren geraten. Ein Wunder, dass Hermine nicht anfängt mitzuschreiben, dachte sie mit stillem Vergnügen.

Bill griff Snapes Ausführungen schließlich auf und knüpfte daran an, während der Tränkemeister sich wieder zu ihnen an den Tisch setzte. „Ich bezweifle, dass die Ruffunktion wirklich auf einem simplen Proteus basiert", erklärte er zum Erstaunen der anderen. „Und wenn doch, dann ist es wohl eher eine bei Bedarf aufhebbare Variante. Sonst gäbe es nicht die Option, einzelne Personen unabhängig von den anderen auszuwählen. Damit stehen wir vor dem Problem, dass wir es mit einem unbekannten Zauber zu tun haben, aber eventuell können wir mit dem ursprünglichen Gegenfluch arbeiten und diesen anpassen. Damit sollten wir fähig sein, Ruf- und Auswahlfunktion aufzuheben."

„Die dritte Funktion – die Ortsangabe zur Apparation – ist uns schon von Dumbledores Deluminator her bekannt", ergänzte Hermine in sachlichem Tonfall, als Bill sich ebenfalls wieder zu ihnen gesellte. „Leider kennen wir auch diesen Zauber noch nicht, der war wohl eins von Dumbledores Geheimnissen. Aber der Effekt ist der Gleiche: der Zauber dirigiert den Apparierenden an den gewünschten Ort."

„Nicht ganz", warf Ginny ein und ignorierte Snapes verblüffte Miene, der diese Tatsache bisher ja nicht gekannt hatte. „Beim Deluminator scheint zwischen zwei Personen eine Verbindung zu entstehen, die dann eine zur anderen führt. Die beiden müssen sich also bei der Benutzung einig sein, dass sie sich treffen möchten. Das Dunkle Mal dagegen überträgt sozusagen aktiv von der rufenden Person zu der gerufenen, ist also irgendwie eher ein Befehl als eine Übereinkunft, oder nicht?"

Ein paar Augenblicke dachten alle schweigend darüber nach. „Naja", sagte Luna endlich, „irgendwie ist es trotzdem dasselbe. Ersetz die Motivation Sehnsucht beim Deluminator durch die Motivation Gehorsam beim Dunklen Mal, und du bekommst das gleiche Ergebnis. Jemand appariert von A nach B, ohne zu wissen, wo B ist. Weil er zu jemand anderem will, aus welchen Gründen auch immer. Ein Zauber ist doch nur ein Werkzeug ohne eigenes Bewusstsein, der kümmert sich nicht um Gründe."

Alle sahen sie an – und dann begann Monica Lupin plötzlich schallend zu lachen. Luna runzelte ein wenig irritiert die Stirn, und auch die anderen musterten die junge Lehrerin verständnislos: so abwegig hatte Lunas Kommentar doch gar nicht gewirkt. „Sorry", rief die junge Waliserin endlich, immer noch kichernd, „aber das ist echt das erste Mal, dass ich erlebe, wie Ihnen die Kinnlade runterfällt, Severus!"

Alle Köpfe wandten sich dem Angesprochenen zu, der tatsächlich völlig perplex und mit offenem Mund Luna Lovegood anstarrte, und nun prusteten auch Neville und Draco los. Ginny spürte, wie sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete, und auch der Rest ihres kleinen Teams brach in heiteres Gelächter aus. Snape selbst klappte endlich den Mund zu, hob in einer hilflosen Geste die Hände und fing dann ebenfalls an zu lachen.

„Okay", meinte Bill schließlich schmunzelnd und schenkte sich Tee nach, „wir sind uns also einig, dass dieser Zauber eine Art… gefühlsgesteuerte Navigationshilfe ist, oder?"

„Jupp", entgegnete Neville und wischte sich mit einem entschuldigenden Seitenblick zu Snape Lachtränen aus den Augen, „und mir ist grad noch was eingefallen. Dieses andere Ding… also, dass man gezielt bestimmte Leute aussuchen kann, das erinnert mich vom Prinzip her irgendwie an die Spur, nur umgekehrt. Naja, ich meine die, die auf minderjährigen Schülern liegt. Damit findet das Ministerium ja auch die richtigen Leute." Er sah sich verlegen um und setzte hinzu: „Macht das irgendwie Sinn?"

„Auf eine völlig verrückte und verdrehte Art und Weise schon", meinte Snape nachdenklich. „Es wäre möglich, dass Voldemort auf jeden seiner Todesser so eine… Spur gelegt hat, sobald derjenige das Mal eingebrannt bekam. Ich weiß nur nicht, ob mir der Gedanke besonders gut gefällt."

Er runzelte kurz die Stirn und fügte dann mit einem schiefen Grinsen hinzu: „Weitere schlaue Einfälle? Nur damit ich mich geistig und seelisch darauf vorbereiten kann, nochmal wie ein Idiot zu glotzen…"

Damit war die erste Sitzung eindeutig gelaufen. Die gesamte Truppe brach in herzhaftes Gelächter aus, und an irgendwelche komplizierten Weiterleitungen war in dieser Stimmung nicht mehr zu denken.

Doch immerhin war der Anfang gemacht, und außerdem, dachte Ginny, hatte dieses Treffen den beiden ehemaligen Todessern in ihrer Mitte ein wenig von ihrer Angst genommen. Sowohl Malfoy als auch Snape wirkten wesentlich weniger angespannt. Ob das nun an der Tatsache lag, dass sie das Problem aktiv angingen, an der positiven Wirkung der fröhlichen Runde oder einfach am Gefühl, Freunde an ihrer Seite zu haben – es hatte seinen Zweck erfüllt.