Neville hatte es sich zur Aufgabe gemacht, sicherheitshalber einen Vorrat an Tranquilitas-Trank anzulegen. Wie die anderen war er sich ziemlich sicher, dass dieser nächtliche Angriff auf Draco und Snape kein Einzelfall bleiben würde, also hatte er sich mit Luna kurzgeschlossen.
Sie waren zu Madam Pomfrey gegangen und hatten nach dem Rezept gefragt, und beim Durchlesen hatten sie beide festgestellt, dass das gar nicht so schwer sein würde. Also hatten sie sich bei Snape die Erlaubnis geholt, am Samstag das Labor im Raum der Wünsche zu nutzen, und sich eifrig an die Arbeit gemacht.
Schnell waren die Aufgaben verteilt: Luna würde alles vorbereiten und Neville am Kessel arbeiten. So ging es schneller, und nachdem Snape ihnen versichert hatte, dass sie ihn bei Problemen jederzeit rufen könnten, traute Neville sich die Arbeit auch zu. Er stützte die Ellbogen auf die Tischplatte, legte das Kinn in die Hände und las zum wiederholten Male das Rezept durch, um ganz sicher zu gehen, dass er nichts vergessen würde.
Zutaten:
2,5 l Wasser
20 g Sternanis-Früchte
20 g Weidenrinde getrocknet
20 g Johanniskraut-Blüten
15 g Teufelskralle-Wurzel
15 g Königskerzen-Blüten getrocknet
10 g Lavendel-Blüten
10 g Gänsefingerkraut
10 g Efeu-Blätter
10 g Melisse
5 ml frisch gepresster Schafgarbensaft vom Stängel
Vorbereitung:
Sternanis leicht anstoßen
Weidenrinde in ca. 1 x 1 cm große Stücke schneiden
Teufelskralle in 5 mm breite Scheiben schneiden
Gänsefingerkraut grob zerrupfen
Efeublätter in 5 mm breite Streifen schneiden
Zubereitung:
1. In einem Kupferkessel Wasser zum Kochen bringen.
2. Weidenrinde und Teufelskralle gleichzeitig hineingeben und 10 min. köcheln lassen. Danach Kessel vom Feuer nehmen.
3. Efeublätter, Sternanis und Königskerze hinzugeben, 15 min. ziehen lassen.
4. Feste Bestandteile ausschöpfen, danach Kessel wieder aufs Feuer stellen.
5. Johanniskraut, Lavendel, Gänsefingerkraut und Melisse im Ganzen zugeben und kurz aufkochen lassen, danach 7x gegen den Uhrzeigersinn rühren, Kessel vom Feuer nehmen und nach 15 min. Blüten abschöpfen.
6. Schafgarbensaft erst bei Raumtemperatur zugeben, 3 min. im Uhrzeigersinn rühren und 20 min. ruhen lassen. Danach fein filtern und abfüllen.
„Na dann", meinte Luna schließlich und warf Neville einen aufmunternden Blick zu, „lass uns anfangen." Beherzt griff sie nach einem scharfen Messer und zog die Messingwaage zu sich herüber. „Ein Glück, dass wir diese Nachhilfestunden hatten. Sonst müsste Professor Snape das hier wohl auch noch selber machen, meinst du nicht?"
„Ja, vermutlich", stimmte Neville ihr zu und reichte ihr das kleine Glas mit den sternförmigen Früchten des Sternanis. „Dabei hat er sicher schon genug zu tun… Was meinst du, was bedeutet anstoßen? Muss man die irgendwie anschubsen oder so?"
Zweifelnd beäugte er die Anisfrüchte, doch Luna lächelte nur: „Ich hab Madam Pomfrey gefragt. Das heißt, dass man die Kapseln ein bisschen mit dem Messerknauf klopfen muss, damit die Nähte der Frucht aufbrechen. So. Sonst würde der Wirkstoff aus den Samen gar nicht in den Trank gelangen, weil die Flüssigkeit nicht durch die Schale kommen würde, weißt du?"
„Hm", machte Neville nachdenklich. „Und warum lässt man die Samen dann überhaupt in der Hülle? Wär es nicht einfacher, wenn man die lose in den Kessel gibt? Dann würde man sich die Arbeit mit dem Klopfen doch sparen können."
„Und wie", erkundigte sich Luna in leichtem Plauderton, während sie die Anissternchen vor sich aufreihte, „willst du diese winzigen Dinger dann wieder aus der Suppe rausholen? Du müsstest dann statt einem feinen Sieb wohl sowas wie ein Leinentuch benutzen, und es dauert ewig, etwas da durch zu filtern. Ich schätze, das ist der Grund."
„Oh. Ja… verstehe."
Während Luna munter die Kapseln mit dem Messer bearbeitete, griff Neville sich die silbrig-weißen Borkenstücke der Weidenrinde und setzte seinerseits das Messer an. Überrascht stellte er fest, dass das Zeug nicht ganz so trocken und brüchig war, wie es sich anfühlte, sondern eher ein wenig zäh. Von der Oberfläche der Rinde schälten sich hauchzarte silberne Streifen ab, die sich anmutig einrollten.
Luna summte ein leises Lied und schien völlig versunken in ihre Arbeit, so dass Neville damit begann, den Kessel mit dem Wasser darin aufzuheizen. Er hatte jetzt keine Angst mehr davor, dass seine Arbeit fürchterlich schiefgehen könnte, und außerdem war dieser Trank notwendig.
Während Luna schnitt und das Wasser im Kessel sich langsam erhitzte, ging Neville daran, kleine Phiolen mit destilliertem Wasser auszuspülen und bereit zu stellen, zusätzlich einen Glastrichter und einen Phiolenhalter. Dann nutzte er die restliche Zeit dazu, Luna Lovegood beim Arbeiten zuzusehen.
Luna war hübsch, hatte ein wundervolles Lächeln, eine herzliche Art und herrlich erfrischende, wenn auch zum Teil recht kuriose Ansichten, die ihn immer aufzuheitern vermochten. Und sie hatte ein großes Herz für ihre Mitmenschen. Neville musste zugeben, dass er sie wirklich gut leiden konnte, und er glaubte, dass es ihr genauso ging.
Er hörte ihr zu, wie sie leise „Fields of Athenry" sang, und hatte plötzlich große Lust mitzusingen. Das war albern, das wusste er. Seine Unfähigkeit einen Ton zu halten hatte bereits bei Familientreffen für Belustigung gesorgt. Also ließ er es bleiben und lauschte lieber Lunas klarer Stimme.
„Ich wusste gar nicht, dass du singen kannst, Luna", kam eine leise Stimme von der Tür her: Ginny hatte den Raum der Wünsche betreten und sah das blonde Mädchen mit sichtlicher Bewunderung an. „Das klingt wirklich wunderschön."
„Danke." Luna lächelte verschwommen und erklärte, während sie die Efeublätter sorgfältig in eine Schale streifte: „Wir haben daheim immer viel gesungen, meine Mum und ich. Von ihr hab ich Gitarre und Flöte gelernt, und eine Menge irischer Lieder. Mum stammte aus Irland, wisst ihr. Und ich habe diese Musik lieben gelernt."
Neville starrte sie an. Dieses Mädchen hatte anscheinend eine Menge verborgener Talente, und ihm wurde im selben Augenblick klar, dass er jedes einzelne davon entdecken wollte.
„Das Wasser kocht", bemerkte Ginny beiläufig in das kurze Schweigen hinein und wies auf den Kessel, wo es nun tatsächlich angefangen hatte zu blubbern.
„Oh… ja, gut", sagte Neville rasch, warf noch einen Blick auf das Rezept und fing an, Rindenstückchen und die Scheiben der Teufelskrallenwurzel in den Kessel zu schaufeln. „Hast du uns gesucht, Ginny?"
Der Rotschopf lächelte und entgegnete: „Nee, eigentlich bin ich nur dem Gesang nachgegangen, ehrlich gesagt. Ich komm grad von Madam Pomfrey aus dem Krankenflügel."
Neville klappte vor Schreck der Mund auf: „Ist wieder was passiert?"
Beruhigend winkte Ginny ab. „Nein, keine Panik. Ich hab mich entschieden, nach meinem Abschluss eine Ausbildung zur Heilerin zu machen, und Madam Pomfrey hat mir angeboten, ich könnte in meiner Freizeit schon mal ein Vorpraktikum machen, wenn ich Lust hätte. Das wird bei der Ausbildung anerkannt, so kann ich vielleicht ein bisschen früher zur Prüfung."
„Klasse", urteilte Neville, die Uhr im Auge, „das ist nett von ihr. Und, was musst du so alles machen da oben?"
„Och", meinte Ginny, „im Moment lese ich mich erst mal durch diverse Heilbücher, weißt du. Anwendung von Tränken und Zaubern, Zubereitung von Salben und dergleichen. Und ich soll demnächst ein paar Diagnosezauber lernen. Richtig zu tun hatte ich bisher noch nicht viel, außer du zählst Betten frisch überziehen dazu."
Sie grinste und lugte in den Kessel. „Allerdings wird es vielleicht bald etwas mehr Action geben, immerhin beginnt die Quidditch-Saison in drei Wochen. Da werd ich dann jede Menge blaue Flecken und Knochenbrüche sehen, nehm ich mal an. – Was gibt das hier eigentlich?"
Neville hob das Pergament mit dem Rezept hoch, damit sie es lesen konnte: „Ich dachte mir, wenn der Tranquilitas bei Malfoy… ähm, bei Draco so gut gewirkt hat, dann wär es nicht schlecht, ein bisschen was auf Vorrat zu haben. Ich hab eine Menge kleiner Phiolen hier, siehst du? So können wir alle welche bei uns tragen und sind auf den nächsten Angriff ein bisschen besser vorbereitet. Naja", setzte er ein wenig verlegen hinzu, „zumindest könnte es die Auswirkungen ein bisschen lindern."
„Gute Idee, Neville!" Ginny zog anerkennend die Augenbrauen hoch und legte ihren Umhang ab. „Ich kann euch beim Abfüllen helfen, wenn du willst, dann geht es schneller. Ich hab ´ne Menge Zeit, weißt du, weil Harry mit Ron und Draco beim Training ist. Sie haben Malfoy gefragt, ob er als Treiber fürs Team spielen will, und er möchte es versuchen."
Neville griff nach einem zweiten Blatt mit einem anderen Rezept, reichte es Ginny und meinte: „Keine üble Idee, nehm ich an. Durch die Mitgliedschaft im Team werden die anderen ihn viel schneller akzeptieren. Das ist ´ne seltsame Eigenschaft von Quidditch: es sorgt für Anerkennung und Hass gleichermaßen. – Das hier dauert noch, bis es fertig ist. Aber du könntest inzwischen mal schauen, ob du das da hinbekommst. Wenn du Lust hast."
Er sah, wie Ginnys Lippen sich beim Lesen leicht bewegten, als sie das Rezept überflog. „Wofür ist das?" erkundigte sie sich interessiert. „Ich glaub, das Rezept hab ich auch schon mal irgendwo gesehen, ich kann mich aber nicht mehr dran erinnern, wo genau. Vielleicht in Poppys Büchern. Oder Mum hatte das irgendwo rumliegen, keine Ahnung."
„Ich hab es in einem alten Heilpflanzenführer in der Bibliothek entdeckt", gab Neville zurück und warf wieder einen Kontrollblick auf die Uhr. „Es ist eine Art Schmerzbalsam. Gegen Kopfschmerzen, Migräne, Nervenschmerzen und Muskelverspannungen, ein echt starkes Zeugs. Ich hab mir gedacht, das wär vielleicht zur Nachbehandlung unserer beiden Sorgenkinder nicht schlecht… und wenn es gegen Migräne gut genug wirkt, kann Snape vielleicht die Tropfen von Dilys Derwent weglassen. Dann fällt das Problem mit dem Wachbekommen weg."
Er merkte, wie er leicht rosa anlief, doch Ginny strahlte ihn an und gab ihm einen Klaps auf die Schulter: „Mensch, Neville, du bist echt der Hammer. Du solltest ein Praktikum in Zaubertränke machen, oder vielleicht kannst du dich als Referendar für Kräuterkunde bewerben. Du wärst später sicher ein guter Lehrer… Ich mach mich gleich mal an die Arbeit."
Neville zog den Kessel vom Feuer und Luna reichte ihm eine flache Schale mit weiteren Zutaten. Währenddessen hatte Ginny das zweite Rezept mit zum Zutatenschrank genommen und durchstöberte diesen nach den richtigen Gläsern.
Neville stellte die Eieruhr, die er sich von den Hauselfen in der Küche geliehen hatte, auf 15 Minuten ein, dann gesellte er sich zu Ginny und warf einen Blick auf das Rezept. Es klang recht einfach, und er hoffte wirklich, dass er mit der Hilfe der Mädchen langsam aber sicher eine kleine Notfallapotheke zusammenstellen könnte.
Zutaten:
200 ml Johanniskraut-Ölauszug
30 g Bienenwachs
20 g Wollwachs (Lanolin)
15 g Zimtpulver
15 ml Kamillenextrakt
15 ml Minzöl
15 ml Lavendelöl
15 ml Rosmarinöl
15 ml Salbeiöl
15 ml Thymianextrakt
15 ml Wacholderbeerensaft (frisch)
10 ml Extrakt der Roten Pestwurz
Zubereitung:
1. Öl, Wachs und Wollwachs in ein Glas geben und in ein Wasserbad stellen.
2. Wasserbad erhitzen und warten, bis die festen Zutaten geschmolzen sind, Zimtpulver unterrühren.
3. Glas aus dem Wasserbad nehmen und ein wenig abkühlen lassen. Die Masse im Glas sollte jedoch noch flüssig sein für den nächsten Schritt.
4. Die flüssigen Bestandteile in die Öl-Wachs-Masse tropfen und im Uhrzeigersinn 2 Min. einrühren.
5. Balsam in ein Salbendöschen füllen, solange er noch flüssig ist.
6. Balsam abkühlen lassen. Er wird dann leuchtend rot, fest und salbenartig.
7. Salbendöschen erst nach dem Abkühlen verschließen.
„Also gut", sagte Ginny schließlich und sah, das Pergament in der linken Hand, ihre Zutaten noch einmal durch, „das sind jetzt alle. Luna, hilfst du mir ein bisschen?"
Neville nickte Luna aufmunternd zu. „Mach ruhig, ich komm hier allein klar. Und…" Er zögerte kurz und fügte dann verlegen hinzu: „Und wenn du noch ein bisschen singen möchtest, dann würd ich das echt schön finden."
Luna warf ihm einen flüchtigen Blick zu und senkte lächelnd die Augen auf die Ansammlung von Gläsern und Fläschchen, dann fing sie mit leicht geröteten Wangen an, die Zutaten abzumessen. Einige Augenblicke hörte man nur das Klappern der Gewichte auf der Messingwaage und das Klirren von Glas, doch dann begann Luna leise zu singen. Neville kannte das Lied: „Caledonia". Und er hatte noch nie eine so schöne Version davon gehört.
Er dachte über Ginnys Vorschläge nach. Ein Praktikum bei Snape schien ihm nicht ganz das Richtige, denn er hatte eigentlich keine große Lust, nach der Schule noch mindestens fünf Jahre lang Lehrling für Zaubertränke zu sein – bei seiner Begabung und seinem sprichwörtlichen Glück vermutlich sogar sieben. Aber ein Referendariat in Kräuterkunde?
Das Fach lag ihm, er mochte Professor Sprout, und es wäre eine Möglichkeit, nach seinem Abschluss in Hogwarts bleiben zu können. Neville liebte seine Oma, aber die Schule liebte er genauso sehr, und zehn Monate des Jahres hier zu verbringen, wäre wirklich wie ein Traum. Er musste wohl mal bei Gelegenheit mit der Schulleiterin und der Professorin für Kräuterkunde sprechen.
Solange Professor Sprout noch unterrichten wollte, könnte er ja vielleicht als eine Art Assistent oder Tutor für sie arbeiten. Ähnlich wie Hagrid, der sich um die vielen verschiedenen magischen Geschöpfe auf den Ländereien kümmerte, könnte Neville die Pflanzen versorgen und eventuell schwächeren Schülern Nachhilfe erteilen. Möglicherweise auch Professor Snape dabei helfen, die Vorräte für den Krankenflügel herzustellen… und ganz nebenbei würde er dadurch bereits einen Einblick ins Lehrerdasein bekommen.
Ja, das klang durchaus nach einem Job, der Neville gefallen würde!
