„Ginny meinte, Sie haben Probleme mit dem Schlafen?"

Rasch sah Severus von dem Stapel Aufsätze hoch und begegnete Monica Lupins aufmerksamem Blick. Wundervoll – genau das, was ihm jetzt noch gefehlt hatte. Als hätte er nicht schon genug mit sich selbst zu tun!

„Nicht der Rede wert", versuchte er abzuwiegeln, doch bereits nach den ersten zwei Worten wurde ihm klar, dass das nichts nützen würde. Die Frau war Empathin, um Himmelswillen! Wie hätte er ihr also etwas vormachen können? Seufzend ergab er sich in sein Schicksal, legte die Feder weg und wies mit einer einigermaßen einladenden Handbewegung auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch. „Tut mir leid, ich hätte wohl mit Ihnen darüber reden sollen. Ich… ich wollte Sie nicht mit so einer Kleinigkeit belästigen. Sie werden mit den Slytherins schon genug zu tun haben, nehme ich an."

Er merkte, dass der letzte Satz beinahe wie eine Frage geklungen hatte, und natürlich kannte er den Grund dafür, dass er sie völlig unbewusst so formuliert hatte: er vermisste seine ehemaligen Schützlinge.

Natürlich, er trug inzwischen die Verantwortung für die Gryffindors. Aber das konnte man überhaupt nicht miteinander vergleichen. Sie waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht! Und bei den Schülern, die er jetzt betreuen durfte, musste er sich erst mühsam in diesen Job einarbeiten.

Oh, sie respektierten ihn, sicher. Und es mangelte ihnen nicht an Höflichkeit und Anstand. Aber noch fehlte ein wenig das Vertrauen zwischen ihnen. Und irgendwie bot sich ihm auch keine Gelegenheit, sich genau dieses Vertrauen zu verdienen; solange sie nicht vor einem Problem standen, das ihr Haus betraf, gab es für ihn auch nicht die Möglichkeit, sich für sie einzusetzen, oder?

„Es ist nicht einfach", gestand Monica mit einem leichten Lächeln, „aber das hatte ich auch gar nicht erwartet, wissen Sie? Für die Schüler ist es ja auch nicht leichter. Sie müssen sich an eine Hauslehrerin gewöhnen, was schon mal für mehr Schwierigkeiten sorgt, als man denken würde – eine Frau ist etwas völlig anderes als ein Mann. Diese Tatsache darf man nicht unterschätzen. Vor allem, wenn die Frau das erste Jahr an der Schule arbeitet und selber kein Mitglied ihres Hauses ist. Und aufgrund ihrer Situation hier in Hogwarts sind die jungen Leute ohnehin schon sehr vorsichtig. Naja, das kann man ihnen nicht übelnehmen, oder?"

Erstaunt sah Severus die junge Waliserin an. Sie hatte das Problem nicht nur ganz klar erkannt – sondern schien vor den gleichen Schwierigkeiten zu stehen wie er selber! Ob sich ihre Schützlinge doch ähnlicher waren als gedacht?

„Gab es Ärger mit Schülern aus anderen Häusern?" erkundigte er sich wachsam, doch Monica schüttelte den Kopf. „Nein, bisher nicht. Bis auf den Fluch, der Blaise Zabini auf seiner Patrouille getroffen hat. Das Verhältnis ist angespannt, ja, aber vorerst taxieren sich die Leute noch. Ich möchte allerdings wetten, dass sich das innerhalb der nächsten paar Wochen ändern wird."

Ja, damit hatte sie sicher Recht. Die Spannung lag spürbar in der Luft, die drohende Ruhe vor dem Sturm. Irgendwann würde sich das Gewitter zwangsläufig entladen – und Severus hoffte inständig, dass die ersten offenen Konfrontationen zwischen Schülern aus den unteren Jahrgängen ausbrechen würden; die älteren wussten schon zu viel über Flüche und konnten sie auch praktisch anwenden. Das könnte wirklich böse enden!

Aber wo sie schon gerade darüber sprachen… ihm war diesbezüglich etwas eingefallen, das er mit seiner Kollegin besprechen wollte. Mit Minerva McGonagall als Leiterin des gegnerischen Hauses hatte er es bisher nicht gewagt, etwas Derartiges vorzuschlagen; zu viele alte Spannungen zwischen ihnen beiden hatten verhindert, dass er ihr bei diesem schwierigen Thema uneingeschränkt hätte vertrauen können.

Doch Monica Lupin war anders. Offener und völlig unbeeinflusst von der uralten Fehde. Mit ihrer Hilfe war es vielleicht möglich, etwas zu verändern. Es könnte die Lage ein wenig entschärfen. Und vielleicht – nur vielleicht, aber es war eine schwache Hoffnung – war er nach dieser Unterhaltung ein bisschen weniger angespannt und konnte ruhiger schlafen. Zwei Klatscher mit einem Schlagholz erwischt, das wäre wirklich nicht schlecht!

Im Moment schreckte er ständig nachts aus dem Schlaf hoch, immer in der Erwartung eines erneuten Angriffs mit dem Cruciatus, und lauschte dann angestrengt, ob er aus den Fluren im Kerkerbereich verdächtige Geräusche hören konnte. Er kannte seine Slytherins, und der Vergeltungsschlag für die Attacke auf Zabini stand noch aus. Außerdem war er sich nicht sicher, ob nicht Schüler aus anderen Häusern in den Korridoren lauern würden, in der Hoffnung, einen von den Slytherins zu erwischen, die ihnen immer noch suspekt waren. Diese ständige Wachsamkeit und innere Anspannung konnten durchaus schuld daran sein, dass er so unruhig schlief, und er wollte nicht noch einmal vor Longbottom und der jungen Weasley sitzen wie ein jämmerlicher Waschlappen. Wirklich nicht!

„Kaffee oder Tee?" fragte er deshalb mit einem unterdrückten Seufzen; es war ihm nicht ganz wohl bei der Vorstellung, sich länger mit der Empathin zu unterhalten, da ihre ganz spezielle Gabe trotz aller Vorteile mit Vorsicht zu genießen war. Doch die Gelegenheit war einfach zu günstig, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen!

„Tee, bitte." Monica Lupin lächelte ihm zu und wartete im Büro auf ihn, bis er mit den beiden Tassen zurückkam. Sie nahm ihren Tee in Empfang und hörte dann interessiert zu, als er ihr seinen Vorschlag erläuterte.

„Eine gute Idee", bemerkte sie abschließend. „Bisher wurde das nicht so gehandhabt, oder?"

„Nein", gab er resigniert zurück, „der jeweilige Hauslehrer war für seine Schützlinge zuständig und hat sich selbst um die Sache gekümmert." Was nicht unbedingt die beste Lösung gewesen war, das hatte er oft genug am eigenen Leib erfahren. Jeder Hauslehrer, ob er es wollte oder nicht, hatte einen schwachen Punkt, wenn es um seine Schüler ging. Eine gewisse Voreingenommenheit ließ sich da einfach nicht verhindern. Aber mit dieser neuen Variante…

Monica nickte entschlossen und stand auf. „Gut, dann werden wir es auf Ihre Art versuchen, Severus. Ich denke, das ist keine schlechte Grundlage." Sie streckte ihm über den Schreibtisch die Hand entgegen. „Dann also auf gute Zusammenarbeit."

Mit einem verlegenen Grinsen erhob er sich ebenfalls, ergriff die Hand der jungen Frau – und fiel dann unsanft aus allen Wolken, als sie absolut unerwartet auf ihre allererste Frage zurückkam: „Also, erzählen Sie mir jetzt, was mit Ihnen los ist?"

Völlig perplex starrte Severus seine Kollegin an. Sie hatte ihn total überrumpelt. Ihn sehr geschickt mit einem Gespräch über ein anderes Thema aus der Deckung gelockt und dann ohne Gnade zugeschlagen! Wie, zum Henker, hatte sie das geschafft?

„Sie sollten den Sprechenden Hut aufsetzen", brachte er schließlich mühsam heraus, „ich möchte wetten, er würde Sie nach Slytherin stecken…"

Sie lachte nur leise, kam um den Schreibtisch herum und drückte ihn wieder auf seinen Stuhl hinunter. Schmale, warme Hände legten sich auf seine Schultern, und ganz sanft begannen die Finger der jungen Heilerin seine Nackenmuskeln zu massieren.

„Sie sind total verspannt", sagte sie sachlich, während er sich mit einem erleichterten Aufatmen zurücklehnte und die Augen schloss. „Das kann zu üblen Kopfschmerzen führen. Aber ich glaube, das muss ich Ihnen nicht erzählen, oder? – Okay, junger Mann, dann lassen Sie sich mal ein bisschen verwöhnen. Versuchen Sie ganz locker zu bleiben, ja? Entspannen Sie sich einfach."

Wie schon gestern bei Ginny Weasley spürte er auch jetzt diese goldene Wärme, die in ihn eindrang. Sie fühlte sich ein wenig anders an, auf eine gewisse Art… erfahrener. Doch es war die selbe Art Magie. Und sehr angenehm, das ließ sich nicht leugnen. Mit einem unterdrückten Gähnen lehnte er den Kopf gegen ihren Körper, als ihre Hände über seine Schultern und Arme wanderten; so könnte er jederzeit ein paar Stunden verbringen…

„Severus, reden Sie mit mir, in Ordnung?" Monicas Stimme war ebenso sanft wie ihre Hände. „Ich kann Ihnen nicht helfen, wenn ich nicht weiß, was los ist, verstehen Sie? Ich bin zwar Empathin, aber keine Hellseherin. Und Gedanken lesen kann ich auch nicht. Der Lehrgang war schon ausgebucht. – Kommen Sie schon, Junge, erzählen Sie mir einfach, was Sie bedrückt. Schlafprobleme kommen nicht aus dem Nichts, dafür gibt es immer Gründe. Aber solange ich diese Gründe nicht kenne, kann ich auch nichts dagegen unternehmen."

„Ich weiß es selber nicht genau", gestand er ein wenig verlegen, entschied sich dann allerdings dafür, offen zu ihr zu sein. Langsam wandte er sich zu ihr um und sah sie an. „Ich wache ständig auf, wissen Sie. Und am Morgen bin ich dann noch genauso müde wie am Abend. Es ist, als hätte ich überhaupt nicht geschlafen… Vielleicht bin ich einfach zu angespannt, keine Ahnung."

Es war immer noch nicht besonders leicht, mit anderen über seine Probleme zu sprechen. Und schon gar nicht über seine Gefühle. Das war… ungewohnt und unangenehm. Doch die junge Frau hatte natürlich Recht. Er brauchte ein bisschen Unterstützung. Sein Versuch, allein damit zurechtzukommen, war ziemlich danebengegangen. Möglicherweise konnte seine Kollegin ihm helfen.

Dass diese Entscheidung richtig gewesen war, zeigte sich rasch bei Monicas Antwort. „Es wäre ein Wunder, wenn Sie nicht angespannt wären, Severus", sagte sie ruhig. „Betrachten Sie mal Ihre Situation. Sie stehen im Fokus irgendwelcher Todesser, und Sie müssen sich an ein völlig neues Leben gewöhnen, ohne Ihr vertrautes Umfeld in Slytherin. Das ist nicht so einfach, vor allem, wenn man das schwierige Verhältnis zwischen den Häusern berücksichtigt. Aber dagegen können wir ja jetzt gemeinsam angehen. Und wenn Sie jemanden zum Reden brauchen, kommen Sie zu mir, okay? Immerhin bin ich für alle Slytherins zuständig."

Sie zwinkerte ihm freundlich zu und setzte sich vor ihn auf den Tisch. „Es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn Sie sich mal ein bisschen Abwechslung gönnen. Heute ist Hogsmeade-Tag. Warum gehen Sie nach dem Mittagessen nicht einfach mal ins Dorf runter? Ein bisschen Ablenkung kann Ihnen sicher nicht schaden."

„Werde ich", versicherte er ihr. „Sobald ich Poppys Lieferung fertig habe. Ich habe bereits eine Verabredung in den Drei Besen."

Dass dieser Ausflug nicht auf seinem Mist gewachsen war, behielt er lieber für sich. Es wäre viel zu peinlich gewesen, vor ihr zugeben zu müssen, dass ausgerechnet der junge Weasley ihn in diese Lage gebracht hatte. Der junge Mann hatte ihn – genauso clever wie vorhin die Empathin – in etwas hineinmanövriert, was er eigentlich überhaupt nicht hatte tun wollen! Es schien so, als hätte Severus gerade die Woche der hinterlistigen Angriffe auf seine Routine hinter sich, was nicht besonders angenehm war! Doch möglicherweise war der Besuch im Dorf genau die Ablenkung, die er brauchte.

„Eine Verabredung?" Monica Lupin schmunzelte verhalten. „Das hört sich doch schon mal ganz gut an, Severus. Ein Spaziergang an der frischen Luft, und dann ein Krug Butterbier, das ist perfekt. Ich denke, heute Abend werden Sie ein wenig besser schlafen. – Und falls nicht", setzte sie ernsthaft hinzu, „dann geben Sie mir Bescheid. In Ordnung?"