A/N: Liebe Leser, das Kapitel der letzten Woche konnte ich leider erst einiges später hochladen, da am Samstag ein Problem mit dem Doc-Manager hatte. Wer Kapitel 15 also noch nicht gelesen hat, der sollte es jetzt noch tun. Ansonsten bleibt mir nur zu sagen: viel Vergnügen mit dem neuesten Kapitel!

Hermine saß mit Ron bereits in den Drei Besen, als Harry mit Neville und Luna im Schlepptau hereinkam, sich kurz umsah und dann strahlend auf ih ren Tisch zusteuerte. Draco Malfoy und ein unsicher dreinschauender Blaise Zabini folgten ihnen etwas langsamer, doch Hermine winkte sie mit einem kleinen Lächeln heran: „Nun kommt schon, ihr beiden, setzt euch zu uns. Nur keine falsche Scheu, Blaise, als Schulsprecher kommen wir doch auch ganz gut miteinander klar, oder nicht?"

„Wo ist Ginny abgeblieben?" erkundigte sich Ron. Harry schnitt eine Gri masse. „Sie hat sich anscheinend vorgenommen, ihre komplette Ausbildung schon vor der Ausbildung zu machen – hat eine Übungsstunde mit Mo, wenn ich das richtig verstanden hab."

„Oh, sie hat keine normale Übungsstunde", erklärte Luna ernsthaft, „Mo nica möchte ihr beibringen, wie sie mit den Händen heilen kann. Das ist wirklich wichtig, weil Ginny die Begabung dafür hat. Sowas können nicht viele Leute, wisst ihr."

Ron hob nur die Schultern. „Wichtig oder nicht, ich würde deswegen kein Hogsmeade-Wochenende sausen lassen. Schon gar nicht das allererste, an dem sich unser Hauslehrer zu uns gesellen will, richtig?"

Er gab sich zwar Mühe, nicht allzu stolz dreinzuschauen, aber jeder von ihnen wusste, dass ausgerechnet er es geschafft hatte, Snape zu einem freien Tag in dem kleinen Zaubererdorf zu überreden. Der Tränkemeister hatte zugestimmt, sich am Nachmittag hier mit ihnen zu treffen, sobald er mit dem Blutbildungstrank für Madam Pomfrey fertig war. Wohl oder übel.

„Ha! Von Wollen kann doch wirklich keine Rede sein", grinste Harry und schubste seinen Freund spielerisch mit der Schulter an. „Eigentlich war das Ganze ein bisschen unfair, oder?"

„Bisschen vielleicht, ja, schon." Ron zuckte mit einem verlegenen Grinsen die Achseln, und der restliche Tisch fing an zu lachen. „Ron hat Snape beim Schachspielen ausgetrickst", erklärte Draco an Blaise gewandt, der ein wenig irritiert dreinsah. „Er hat gemeint, der Verlierer muss am Hogsmeade-Wochenende in den Drei Besen ein But terbier ausgeben… und etwa eine halbe Stunde später hat er ihn plötzlich mitten in der Partie gefragt, ob er als Schüler in Hogwarts auch sowas wie feste Freundinnen hatte."

Blaise machte große Augen. „Sowas fragst du einen Lehrer, Weasley? Bist du irre oder sowas?"

„Warum nicht?" erwiderte Ron lachend. „Wenn das die einzige Möglichkeit ist, auch mal ein Spiel zu gewinnen? Mit solchen Sachen kann man ihn ganz schön durcheinander bringen – und ich wollte ja eigentlich nur, dass er auch mal aus dem Schloss rauskommt. Der Zweck heiligt die Mittel, oder?" Er setzte eine Unschuldsmiene auf, die den Zwillingen alle Ehre gemacht hätte.

Die Dämmerung brach bereits herein, als sie beschlossen, zurück zum Schloss zu gehen, da Snape sich nicht hatte blicken lassen. „Vielleicht wurde er ja aufgehalten", vermutete Blaise Zabini, der sich an diesem Nachmittag in ihrer kleinen Runde sehr wohl gefühlt zu haben schien. „Normalerweise hält er seine Versprechen, egal wie unwichtig sie sind. Jedenfalls hat er was verpasst. Mir hat der Nachmittag wirklich gefallen."

Erstaunt nahm Hermine zur Kenntnis, dass Ron Blaise vorschlug, sich beim Abendessen an ihren Tisch zu setzen. Der dunkelhäutige Slytherin schlug die Einladung mit leisem Bedauern aus, da er Daphne Greengrass bereits versprochen hatte, heute zusammen mit ihr und Monica Lupin zu essen. Die beiden Jungs hatten sich aber schon in den Drei Besen eingehend über diverse Schachtaktiken unterhalten und sich für den morgigen Nachmittag zu einer Partie verabredet. Ron hoffte – anscheinend zu Recht, wie Draco Malfoy ihnen bestätigte – in Zabini endlich einen würdigen Gegner gefunden zu haben.

Hungrig von ihrem Ausflug stürmten sie die Große Halle, wo sich schon ganze Scharen vergnügter Schüler um die runden Tische gruppiert hatten, und langten herzhaft zu. Mit gut gefüllten Mägen suchten sie danach den Raum der Wünsche auf, doch außer Bill, der mit einem dicken Wälzer vor dem Kamin saß, war niemand da. „Severus? Nein, hab ich nicht gesehen", erklärte er auf ihre Fragen hin, „er wollte angeblich ins Dorf. Habt ihr ihn dort nicht getroffen?"

Langsam kam Hermine die Sache komisch vor, und sie ließ die anderen al lein zurück in den Gemeinschaftsraum gehen, während sie sich auf den Weg in die Kerker machte. Dort herrschte ebenso gähnende Leere wie im Lehrer zimmer, und in ihrem Magen machte sich ein seltsames Gefühl breit.

Als sie entschlossen die Marmortreppe wieder hinunterlief, begegnete sie einem tropfnassen Hagrid, der soeben durch das große Eichenportal herein polterte. Sie steuerte direkt auf ihn zu. „Hagrid, hast du Professor Snape gese hen? Er wollte eigentlich mit uns in die Drei Besen, aber er ist nicht aufge taucht, und ich kann ihn nirgends finden. Vielleicht mache ich mir ja unnötig Sorgen, aber… ich weiß auch nicht. Mir ist irgendwie nicht ganz wohl bei der Sache. Es sieht ihm nicht ähnlich, einfach zu verschwinden. Er würde zumindest jemandem Bescheid geben, oder?"

Einen langen Moment ruhten die käferschwarzen Augen des Halbriesen auf ihr, dann drehte er sich abrupt wieder zum Eingang und forderte sie mit ei nem Winken auf, ihm zu folgen. „Komm."

Das unbehagliche Gefühl verstärkte sich nur noch weiter, während sie Hagrid mit raschen Schritten durch den kalten Nieselregen über das Gelände folgte, an seiner Hütte vorbei und dann hinein in den Verbotenen Wald.

„Hagrid, was…?"

Doch der große Mann schüttelte nur den Kopf und legte den Finger an die Lippen, während er hilfsbereit ein paar dornige Ranken zur Seite zog, die ihr im Weg gehangen hatten. Hermine musste wie üblich fast rennen, um mit ihm Schritt zu halten, und als er nach einer Ewigkeit plötzlich stehen blieb, prallte sie beinahe gegen seinen mächtigen Rücken. Inzwischen waren sie tief im Wald, und sie hätte allein nicht wieder zurück gefunden.

Ein wenig atemlos und mit leichtem Seitenstechen trat sie neben Hagrid, der eine riesige Hand hob und ins Dunkel zwischen den Bäumen wies, die eine kleine Lichtung umringten. „Wusst nich, was ich tun soll", murmelte er ihr zu, „dachte mir, ich such am besten Monica oder einen von euch. Ihr habt ´nen besseren Draht zu ihm, nich wahr?"

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis Hermines Augen sich an die Dunkel heit des Waldes gewöhnt hatten. Doch dann bemerkte sie die zusammenge kauerte Gestalt, die auf dem Waldboden saß, mit dem Rücken gegen einen dicken Baumstamm gelehnt. „Du meine Güte…", wisperte sie.

„Ich lass euch allein. Er kennt den Rückweg." Hagrid zog sich erstaunlich lautlos zurück, während Hermine sich vorsichtig ihren Weg durch das Unterholz bahnte. Larix-Nadeln und Buchenblätter bedeck ten den Boden und dämpften ihre Schritte, als sie auf den regungslos dasit zenden Mann zuging. Er hatte die Arme fest um die angezogenen Knie geschlun gen und hielt den Kopf gesenkt.

„Professor?" Hermine ließ sich neben ihm auf die Knie sinken. Glücklicher weise bildeten die uralten Bäume ein so dichtes Dach über ihnen, dass der Boden zwar schon sehr kalt, aber dennoch trocken war. „Sir?" fragte sie be sorgt und legte vorsichtig eine Hand auf seine Schulter. „Ist alles in Ordnung?"

Erst jetzt schien er sie zu bemerken, sah sie aber nicht an. Die Antwort auf ihre Frage bestand aus einem unschlüssigen Achselzucken. Doch Hermine gab nicht so schnell auf. „Wir haben Sie schon vermisst. Und keiner wusste, wo Sie stecken. Wir haben uns Sorgen gemacht. Was treiben Sie denn hier draußen? Ist Ihnen nicht kalt?"

„Sitzt ein Todesser im Wald und heult", hörte sie ihn in mühsam beherrschtem Ton sagen. „Klingt wie der Anfang von einem blöden Witz, oder?"

„Nein, tut es nicht. Und Sie sind kein…"

„Schön", unterbrach er sie mit einem bitteren Lachen, „sitzt ein berühmter Phönix-Spion im Wald und heult. Besser so?"

Sie ließ sich von seiner abweisenden Art nicht abschrecken, im Gegenteil: sie setzte sich zu ihm auf den Boden, legte den Arm um ihn und zog ihn zu sich heran. „Der berühmte Phönix-Spion wird schon einen Grund dafür haben", sagte sie sanft und drückte ihn kurz an sich. „Was ist los?"

Snape schüttelte nur abwehrend den Kopf. „Nichts. Ich… ich warte nur auf die Pointe."

„Was ist passiert?" wiederholte sie eindringlich. „Sie verkriechen sich doch nicht grundlos hier drin, Sir. Also, was ist los? Warum waren Sie nicht unten im Dorf?"

„Ich war im Dorf", gab er sehr leise zurück, das Gesicht immer noch hinter dem Vorhang rabenschwarzen Haars vor ihren Blicken verborgen, „aber das hätte ich wohl besser bleiben lassen."

„Was meinen Sie damit?"

Nun endlich hob er den Kopf und sah sie an. „Fragen Sie nicht", sagte er gepresst und wischte sich mit einer ärgerlichen Bewegung ein paar Tränenspuren vom Gesicht. „Gehen Sie zurück ins Schloss, Miss Granger. Ich komme später nach. Bitte."

Doch Hermine rührte sich nicht vom Fleck. Was auch immer in Hogsmeade geschehen war, sie würde sich nicht wegschicken lassen. Und das lag nicht nur daran, dass sie den Weg zurück nicht finden würde. Sie alle kannten diesen Mann inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er vermutlich die ganze Nacht hier draußen verbringen würde, wenn niemand eingriff. Also fasste sie sich ein Herz, wie schon nach dem denkwürdigen Treffen des Or dens in London, hob die freie Hand und strich sanft über seine immer noch feuchten Wangen. „Ich werde nicht weggehen. Reden Sie mit mir, okay? Er zählen Sie mir, was passiert ist, Professor."

Er schwieg eine ganze Weile, ließ sich aber von ihr festhalten, schloss die Augen und lehnte schließlich den Kopf gegen ihre Schulter. Hermine drängte ihn nicht zum Reden, sondern blieb still sitzen, die Hand weiterhin leicht an seine Wange gelegt.

„Es war… kurzsichtig und dumm, nicht mit so etwas zu rechnen." Seine Stimme war kaum zu hören, und sie spürte, dass er leicht zitterte. Vorsichtig rückte sie dichter an ihn heran, um ihn ein bisschen zu wärmen.

„Worüber reden wir hier, Sir?" erkundigte sie sich geduldig. „Womit hätten Sie rechnen müssen?"

Immer noch hielt er die Augen geschlossen, lehnte sich jetzt aber schwer gegen sie, und sie fühlte einen Muskel an seiner Wange zucken. Letzten Endes schien er sich doch zu einer Antwort aufzuraffen. „Ich hatte eine Begegnung mit ein paar Leuten, die dem Artikel im Tagespropheten keinen großen Glauben geschenkt haben. Sie haben mich wohl in London alle ein bisschen zu sehr verwöhnt… auf so einen Angriff war ich nicht im Entferntesten gefasst, schon gar nicht hier, so nahe bei der Schule."

Er verstummte, zögerte kurz und fügte beinahe unhörbar hinzu: „Nicht von ganz normalen Leuten…"

„Die haben Sie angegriffen?"

Hermine starrte ihn schockiert an, doch der Tränkemeister schüttelte nur schwach den Kopf. „Nicht körperlich, so weit ist es nicht gekommen. Mr Fletcher war zufällig in der Nähe und ist dazwischen gegangen, bevor tatsächlich jemand handgreiflich werden konnte. Ich wurde nur… nur beschimpft, aber…"

„Hey…" Rasch schlang sie beide Arme um ihn und hörte ihn zu ihrer Überraschung herzhaft schniefen. „Das sind Idioten", versicherte sie ihm und strich mit einer Hand tröstend über seinen Rücken. „Solche wird es immer geben, leider, aber die sollten Sie nicht ernst nehmen. In Ordnung? Leute wie die sind es nicht wert, dass man sich ihretwegen Gedanken macht… und wegen haltloser Anschuldigungen verstecken wir uns ganz sicher nicht im Wald", fügte sie mit einem kleinen Lächeln hinzu.

„Wir?"

„Denken Sie nicht, ich als Muggelstämmige hätte nicht auch schon jede Menge Mist von Leuten gehört?" bemerkte Hermine gelassen. „Um genau zu sein: von Leuten, die mich nicht einmal kannten. Ich müsste vermutlich mein ganzes Leben im Verbotenen Wald verbringen, wenn ich auch nur einen Knut darauf geben würde, was andere sagen. Wissen Sie, Professor, mit der Zeit bekommt man ein richtig dickes Fell. Sie werden genauso wie ich lernen, damit umzugehen."

Snape seufzte lautlos, löste sich aus ihrer Umarmung und sah sie ein paar Sekunden lang resigniert an. „Ich habe bereits genügend Erfahrung damit, Miss Granger. Ich wurde beobachtet, beschimpft, bedroht, angespuckt, attackiert, ich wurde sogar vor Gericht gestellt – alles wegen des Verdachts, ein Todesser zu sein. Es hat mir damals nicht viel ausgemacht. Weil ich genau wusste, dass sie im Recht waren. Zu dieser Zeit war ich ein Todesser, und danach gehörte es zu meinem Job, in diesen Kreisen zu verkehren. Jetzt werden wieder die gleichen Verdächtigungen laut… aber es ist unendlich viel schwerer sie zu überhören. Ziemlich ironisch, oder? Man sollte meinen, es wäre gerade umgekehrt…"

„Tja", meinte Hermine trocken, „das Leben ist selten logisch und fast nie fair. Aber ich verstehe, wie Sie sich fühlen. Sie können ihre Vergangenheit nicht mehr ändern, genau wie ich nichts für meine Abstammung kann – aber aus genau diesen Dingen ziehen völlig Fremde Rückschlüsse auf unseren Charakter… sie kennen uns nicht und verurteilen uns trotzdem. Ich gebe Ihnen einen Rat: zeigen Sie solchen Leuten nie, dass sie es geschafft haben, Sie zu verletzen. Diese Genugtuung darf man denen einfach nicht geben. Wissen Sie, Dummheit stirbt nicht aus, Sie werden immer mal wieder auf Dummköpfe treffen, die niemals gelernt haben ihr Gehirn richtig zu benutzen. Aber wenn die denken, sie hätten keinen Erfolg mit ihren Provokationen, dann hört es irgendwann auf."

„Vielleicht haben Sie Recht", meinte er zögernd. „Ich hätte die Kerle wohl einfach stehen lassen und in die Drei Besen gehen sollen. Aber der Gedanke ist mir nicht mal gekommen – ich wollte plötzlich nur noch weg. Weg von allem, wissen Sie."

Hermine sah ihn nachdenklich an. Sie kannte das Gefühl, sich vor allem verstecken zu wollen, nur zu gut – genau das hatte vor Jahren zu einer gefährlichen Begegnung mit einem Troll geführt und war gleichzeitig der Beginn ihrer Freundschaft mit Harry und Ron gewesen. Wenn sie ganz ehrlich war, sogar der Beginn der ersten echten Freundschaft in ihrem Leben. Aber das war im Augenblick eher nebensächlich.

„Manchmal gibt es Situationen, wo man einfach eine Weile allein sein muss", sagte sie ruhig. „Keiner von uns wird Ihnen deswegen einen Vorwurf machen, okay? Ich denke, das verstehen alle."

Snape nickte. Verlegen erklärte er: „Es ist schon seltsam. Du gehst allem und jedem aus dem Weg, aber nach einer gewissen Zeit wünschst du dir ehrlich gesagt nur noch, dass jemand dich suchen kommt… Wie haben Sie mich eigentlich gefunden, Miss Granger?"

„Hagrid."

„Oh. Verstehe." Er klang nicht einmal sonderlich überrascht, nur sehr müde. „Ich habe nicht erwartet, dass irgendwer nach mir suchen würde. Ich… mir war nicht bewusst, dass sich jemand Sorgen machen könnte, daran bin ich einfach noch nicht gewöhnt. Das war ziemlich blöd, tut mir leid."

Erneut legte Hermine ihm den Arm um die Schultern. „Das war überhaupt nicht blöd, okay? Wenn jemand von den anderen sich einfach verkrümelt hätte, dann hätte ich ihm vermutlich einen Vortrag gehalten, ja. Aber Sie befinden sich in einer komplett anderen Lage."

Taktvoll überging sie die Tatsache, dass er sich erneut hinter den schwarzen Haaren versteckte, und wählte ihre weiteren Worte sehr sorgfältig: „Sie haben es im Moment nicht gerade leicht, Sir. Von jetzt auf gleich haben Sie vor dem Problem gestanden, sich an ein gänzlich anderes Leben gewöhnen zu müssen. Es ist bestimmt nicht einfach, plötzlich alles über den Haufen zu werfen, und wenn Sie ab und zu mal ein bisschen empfindlicher auf eine Situation reagieren, ist das meiner Meinung nach völlig normal. Darüber machen Sie sich jetzt mal gar keine Gedanken, in Ordnung? Sie halten sich wirklich gut. Dass Sie unvorbereitet auf solche Idioten getroffen sind, war einfach Pech. Beim nächsten Mal stehen Sie da drüber."

Sie ergriff seine Hand und drückte sie kurz. „Kommen Sie, Professor, wir sollten zum Schloss zurückgehen. Sonst schicken die anderen noch einen Suchtrupp los. Und ich weiß wirklich nicht, wie wir denen erklären könnten, was wir beide allein im Wald gemacht haben. – Außerdem sollten wir Mundungus Fletcher vielleicht eine Flasche Feuerwhisky schicken, was?"

„Hab ich vorhin schon getan", gestand der Tränkemeister mit einem etwas verunglückten Lächeln. „Was denken Sie, kann man mich schon wieder auf die Menschheit loslassen?"

„Mal sehen… Lumos."

Hermine musterte kritisch sein Gesicht im Licht ihres Zauberstabs und bemerkte schließlich: „Nun, es könnte schlimmer sein… Nox. Wissen Sie, Professor, vielleicht warten wir einfach noch ein paar Minuten, bevor wir uns auf den Rückweg machen. Einverstanden?"

Der schlanke Mann nickte mit erleichterter Miene und zog dann auf sehr unprofessorenhafte Art die Nase hoch, sodass Hermine ihn wieder tröstend in die Arme schloss. „Hey", besänftigte sie ihn, „ist in Ordnung. Am nächsten Hogsmeade-Wochenende gehen wir alle gemeinsam runter. Wenn wir bei Ihnen sind, wird es wohl kaum jemand wagen unverschämt zu werden. Und ich verspreche Ihnen, dass immer mindestens einer von uns nach Ihnen suchen wird, egal was vorgefallen ist. Die Zeiten, als sich niemand dafür interessiert hat, ob es Ihnen gut geht, sind endgültig vorbei."

„Danke", seufzte er. „Sie wissen gar nicht, wie gut sich das anhört…"

„Oh, doch, Sir. Um ehrlich zu sein, weiß ich ziemlich genau, wie gut sich das anhört."

Eine Weile saßen sie ohne zu reden da, dann befreite er sich aus ihrer Umarmung und sah mit einem schwachen Lächeln zu ihr auf: „Und?"

„Schon viel besser so", nickte die junge Frau nach einem forschenden Blick und schmunzelte, während sie sich aufrappelte. „Jetzt sehen Sie wieder einigermaßen nach einem Lehrer aus. Wir können los, wenn Sie bereit sind." Sie streckte ihm hilfsbereit ihre Hand entgegen. „Alles wieder gut?"

„Ich denke schon", erwiderte er mit einem Achselzucken und ergriff ihre Hand. „Auf jeden Fall wesentlich besser als vorhin… daran sollte ich wohl noch arbeiten, oder? Meinen Sie, ich bekomme um die Zeit noch ein Abendessen?"

„Wenn nicht, dann überfallen wir eben die Küche", entgegnete Hermine lachend, zog ihn entschlossen auf die Beine und machte sich mit ihm gemeinsam auf den Weg zurück zur Schule.

„Wissen Sie", bemerkte der bis dahin sehr schweigsame Mann endlich, als sich das Unterholz zu lichten begann, „ich glaube, es war nur… Ich denke, diese Leute hatten Recht mit ihren Vorwürfen. Jeder andere wurde vor Gericht gestellt. Jeder einzelne Todesser hatte seine Verhandlung. Außer mir. Und jede dieser Verhandlungen war öffentlich, verstehen Sie? Die Menschen konnten alles aus erster Hand erfahren. Und über mich wissen sie alle nur das, was im Tagespropheten stand. Papier ist geduldig, Miss Granger. Man kann es ihnen wohl kaum vorwerfen, wenn sie noch Zweifel haben, oder?"

„Vielleicht nicht", musste Hermine widerwillig zugeben. „Vor allem, wenn man bedenkt, wie oft der Prophet in den letzten Jahren falsch gelegen hat… aber das ist jetzt leider nicht mehr zu ändern, Professor. Würde Kingsley jetzt noch eine Verhandlung einberufen, dann würde es aussehen, als hätte er das absichtlich hinausgezögert. Man würde ihn und den gesamten Orden verdächtigen, wir hätten die zusätzliche Zeit gebraucht, um Beweise zu fälschen oder Zeugen zu beeinflussen. Das würde den Ruf der neuen Regierung ziemlich ruinieren. Sie wissen, wie hartnäckig sich Gerüchte halten."

„Wann genau haben Sie so eine negative Einstellung entwickelt, Miss Granger?" erkundigte sich der Tränkemeister. Hermine starrte ihn kurz verblüfft an, bevor ihr – sehr zu ihrer Überraschung – aufging, dass er versuchte sie aufzuziehen.

„Ja, ich weiß, das ist normalerweise Ihr Job", lenkte sie mit einem schwachen Grinsen ein. „Aber lassen Sie mich Ihnen auch eine Frage stellen: wann sind Sie zu einem Gryffindor mutiert und haben all Ihre Slytherin-Talente über Bord geworfen?"

Snapes Gesicht in diesem Augenblick würde sie nie im Leben vergessen, das schwor sie sich feierlich, während sie sich auf die Lippen biss, um nicht laut herauszulachen. Nach ein paar Sekunden stummen Starrens schien er sich wieder gefangen zu haben, blieb allerdings weiterhin stocksteif stehen, eine der vielen Dornenranken in der Hand, um sich ihr dann langsam zuzuwenden. „Worauf wollen Sie hinaus, Miss Neunmalklug?"

Den Spitznamen fasste sie aus seinem Mund längst nicht mehr als Beleidigung auf, doch das Thema an sich war ernst genug, dass sie ebenfalls mitten in der Wand aus verschlungenen Brombeerranken stehen blieb.

„Ich weiß nicht, vielleicht bin ich ja einfach zu misstrauisch", sagte sie ein wenig unbehaglich, „oder Draco hat auf mich abgefärbt, keine Ahnung. Aber halten Sie es nicht für möglich, Sir, dass Lucius Malfoys Leute die Bevölkerung absichtlich aufhetzen? Um Sie dazu zu bringen, genau diese Verhandlung doch noch ansetzen zu lassen? Ich kann mir vorstellen, dass Sie vorhin darüber nachgedacht haben – und wagen Sie es ja nicht, das zu leugnen, ich bin nämlich nicht dumm."

„Oh, das muss mir bisher wohl entgangen sein", erwiderte ihr Gesprächspartner mit freundlichem Spott, doch sie hatte eindeutig seine Zweifel geweckt. Sie sah es in seinen Augen. „Aber ja, Sie haben Recht. Ich hatte es in Erwägung gezogen. Weiter?"

„Versuchen Sie zu denken wie ein Slytherin, Sir." Hermine sah mit unnachgiebiger Miene zu ihm auf. „Es kommt mir immer wahrscheinlicher vor, dass diese Todesser-Gruppe dahinter steckt. Darum sollten Sie sich Ihr schlechtes Gewissen genauso aus dem Kopf schlagen wie diese Anhörung. Denn egal wie ein Gerichtsverfahren ausgehen würde, wir würden dabei verlieren. Vergessen Sie nicht, was Draco gesagt hat. Sein Vater hat immer noch eine Menge nützlicher Verbindungen. Also könnte er es irgendwie schaffen, Sie doch als schuldig hinzustellen. Ein oder zwei gekaufte Zeugen würden schon ausreichen. Damit wäre jede bisherige und auch zukünftige Handlung des Ordens zumindest fragwürdig. Und wenn nicht, dann bricht Malfoy damit trotzdem Kingsley und seiner Regierung das Rückgrat, weil die Leute Manipulation vermuten."

Mit einem wütenden Schnauben stemmte sie die Hände in die Hüften und sah Snape grimmig an. „Kann ja sein, dass ich Verschwörungen sehe, wo es gar keine gibt. Aber wenn diese Angriffe in Hogsmeade kein Einzelfall bleiben, dann dürfte ich Recht haben, nicht wahr? Lassen Sie sich auf keinen Fall zu einer Anhörung drängen, Professor. Sie werden Ihre Glaubwürdigkeit wohl beweisen müssen, indem Sie den Leuten einfach zeigen, dass sie Sie falsch eingeschätzt haben. Und… ein paar wird es immer geben, die Ihnen nicht über den Weg trauen. Damit müssen Sie einfach rechnen."

Snape sah sie für ein paar lange Augenblicke schweigend und ausdruckslos an. Dann schüttelte er schwach den Kopf. „Entweder färbt Draco tatsächlich ab, oder Sie sind im falschen Haus, Miss Granger. Danke für Ihre Expertise. Ich werde wohl wirklich versuchen müssen, damit zu leben."

Er zog endlich die störrische Ranke zur Seite, um den Weg freizumachen, und ließ Hermine mit einer angedeuteten Verbeugung den Vortritt. Sie bedankte sich ein wenig verlegen und runzelte leicht die Stirn, als sie sich an ihm vorbeizwängte: er zitterte schon wieder fast unmerklich.

Die junge Frau seufzte lautlos, hielt ihren Begleiter kurz zurück und zog den Zauberstab aus dem Ärmel. Und obwohl der Regen stärker geworden war, betraten sie und Snape ein paar Minuten später völlig trocken und einigermaßen aufgewärmt die Eingangshalle.