Langsam begann Ginny sich ernsthafte Sorgen um ihren Hauslehrer zu machen. Er zog sich immer mehr zurück, schien seine gesamte freie Zeit im Raum der Wünsche zu verbringen und arbeitete dort wahlweise an diversen medizinischen Tränken für den Krankenflügel oder an einer Möglichkeit, wie das Dunkle Mal dauerhaft entfernt werden konnte, sobald sie es erst einmal deaktiviert haben würden.
In Zaubertränke hatten sowohl Ginny als auch Luna immer öfter beobachten können, dass Snape sich Mühe geben musste, geduldig und gelassen zu bleiben, wenn Schülern etwas misslang oder jemand es wagte, den Unterricht zu stören. Er schien oft kurz davor, in seine alten Verhaltensweisen zurück zu fallen und die Jugendlichen schroff anzufahren, hatte sich bisher allerdings noch jedes Mal zusammenreißen können.
Bei einigen solcher Gelegenheiten hatte Ginny ernsthaft befürchtet, er würde explodieren, doch der Tränkemeister war immer nur kurz in seinem Büro verschwunden, bevor er mit völlig ruhiger Miene wieder zurückkam und mit dem Unterricht fortfuhr, als wäre nichts geschehen.
Zu den Essenszeiten ließ er sich nur noch sehr selten in der Großen Halle blicken, und sie war sich ziemlich sicher, dass er auch äußerst wenig Zeit mit Schlafen verbrachte, obwohl sie und ihre Freunde sich Mühe gaben und jeden Abend mindestens einer von ihnen ihm Gesellschaft leistete.
Sie waren nicht so dumm sich vorzumachen, er würde ihre Absicht nicht durchschauen, aber zumindest weigerte er sich nicht komplett, seine Zeit mit ihnen zu verbringen. Es schien ihm klar zu sein, dass er ihre Unterstützung brauchte, doch er verlor nie ein Wort darüber. Also taten sie es ihm gleich, und pünktlich nach dem Abendessen – ob er nun dort aufgetaucht war oder nicht – stand ihnen wie selbstverständlich seine Tür offen.
Außer ein anderer Gryffindor bat ihn um ein Gespräch. Dann war er konsequent: der Rest hatte zu warten, bis er sich um seinen jeweiligen Schützling gekümmert hatte. Nicht nur Ginny und ihre Freunde waren erstaunt, mit welcher Aufmerksamkeit er sich den diversen Schülersorgen zuwandte und versuchte, bei Problemen zu helfen. Das ganze Haus war schwer beeindruckt, auch wenn Draco bemerkte, dass Snape nie anders gewesen sei.
Hermine hatte es verstanden. „Seht mal", hatte sie ihnen geduldig erklärt, „ich schätze, er versucht es einfach besser zu machen als sein eigener Hauslehrer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Slughorn sich allzu viel Mühe mit den Schülern gegeben hat, ihr etwa? Dem war sein Slug-Club garantiert wichtiger… Wir wissen ziemlich sicher, dass Professor Snape als Schüler in Hogwarts öfter Probleme mit Sirius und seinen Kumpels hatte, aber Slughorn scheint sich nicht groß darum geschert zu haben. Und wir wissen inzwischen, dass er auch nicht viel Unterstützung innerhalb seiner Familie hatte. Er hat Harrys Mum erzählt, seine Eltern würden sich ständig streiten, und dass sein Vater keine Magie mochte. Der wird sich also auch schön rausgehalten haben. Deswegen denke ich, Snape war mit seinen Problemen in der Schule allein. Ich glaube, er will seinen Schülern ähnliche Erfahrungen ersparen, jetzt wo es ihm endlich möglich ist."
Sie nutzten diese Tatsache schamlos aus, indem sie ein paar ihrer Hausgenossen, beispielsweise Seamus und Dean, in das Spiel mit einbezogen. Doch sie mussten vorsichtig zu Werke gehen. Snape war nicht dumm. Wenn plötzlich zu viele Gryffindors seinen Rat suchten, würde er die Sache recht schnell durchschauen. Also machten sie von dieser Möglichkeit nur sehr, sehr sparsam Gebrauch.
Ginny schickte aber hin und wieder Erstklässler zu ihm, die sich hilfesuchend an sie gewandt hatten. Meistens ging es dabei um kleine Probleme wie Heimweh oder Albträume, und mit diesen kindlichen Sorgen schien sich der neue Gryffindor-Hauslehrer recht gut auszukennen – jedenfalls strahlten die Kleinen jedes Mal und klebten förmlich an seinem Umhangsaum, wenn sie ihm irgendwo auf den Fluren begegneten. Und er nahm sich die Zeit, ihrem fröhlichen Geplapper zuzuhören.
Mit dieser Altersgruppe kam der zurückhaltende Mann am besten zurecht, schätzungsweise aus dem Grund, dass diese Kinder ihn niemals als fiesen, voreingenommenen Slytherin-Lehrer kennen gelernt hatten. Sie mochten ihren Hauslehrer, und er hatte bei ihnen wohl nicht das Gefühl, sich ständig für früher entschuldigen zu müssen. Jedenfalls kam es Ginny so vor.
Am erfolgreichsten aus ihrer eigenen kleinen Truppe schien Ron damit zu sein, Snape abzulenken, indem er im gut geheizten Gryffindor-Turm mit ihm Schach spielte. Doch auch diese Besuche brach er spätestens gegen Neun am Abend ab, um sich wieder in seiner Arbeit zu vergraben. Ron schien das irgendwie als große persönliche Niederlage aufzufassen. Er beklagte sich mehrfach über den „sturen Einzelgänger" und überredete Blaise Zabini, sich ebenfalls an der Aufgabe zu beteiligen, worauf sie ihren Treffpunkt in die Große Halle verlegten.
Ginny beschloss mit Hermine über Snapes Verhalten zu sprechen, und sobald Poppy Pomfrey sie nach ihrem Praktikumsnachmittag aus dem Krankenflügel entließ, suchte sie ihre Freundin. Fündig wurde sie schließlich, dank eines hilfreichen Hinweises von Blaise, auf den Rängen um das Quidditchfeld, wo Hermine mit einem Buch saß und hin und wieder Harry, Ron und Draco einige Minuten aus Höflichkeit beim Spielen zusah.
„Ja, ich dachte mir gestern Abend beim Schichtwechsel auch schon, dass er in London besser ausgesehen hat", bemerkte Hermine nachdenklich. „Damals hat er aber auch regelmäßig gegessen, und das ist jetzt nicht mehr der Fall. Er war zwar immer schon ziemlich schmal, nehme ich an, aber so langsam geht es in Richtung mager. Ich konnte da draußen im Wald durch seine Klamotten hindurch die Rippen zählen, das ist selbst für ihn nicht normal. Und er wirkt ständig erschöpft und gereizt. In der letzten Stunde Zaubertränke hatte ich schon Angst, er würde in die Luft gehen, als Neville einen blöden Anfängerfehler gemacht hat. Irgendwer sollte ihn wohl mal ganz energisch zurechtstutzen…" Sie grinste Ginny mit einem amüsierten Funkeln in den Augen an. „Warum fällst du mir da ein?"
„Hör schon auf", gab Ginny verlegen zurück, „andauernd hält mir irgendjemand vor, ich sei genau so eine Glucke wie Mum. Meinst du, ich find das tatsächlich motivierend? Aber du hast Recht, wenn er morgen nicht beim Frühstück auftaucht, knöpf ich ihn mir noch vor dem Unterricht vor! Morgen hab ich ohnehin erst mal ´ne Freistunde."
„Snape aber nicht", erinnerte Hermine sie, „wir haben gleich als erstes am Morgen eine Stunde Zaubertränke. Versuch ihn also nicht zu sehr zu verärgern, sonst lässt er seinen Frust danach an uns aus. Okay?"
Natürlich war Snape am Morgen nicht in der Großen Halle, und als Ginny versuchsweise durch sein Büro marschierte und an die Wohnungstür klopfte, rührte sich auch dort nichts. Also wandte sie sich rasch in Richtung Raum der Wünsche und betrat leise die kleine Forschungsstation, wo es um diese Zeit noch völlig ruhig war. Die ersten aus dem Heilerteam würden frühestens nach dem Mittagessen dort eintrudeln, um die freie Zeit für weitere Nachforschungen zu nutzen.
Ein kleiner Kessel stand über einer Feuerschale auf dem Arbeitstisch, und dahinter saß auf einem Stuhl ein ziemlich müde aussehender Tränkemeister, den Blick erwartungsvoll auf eine Glasschale gerichtet. Mit einer Pipette tropfte er ein bisschen des Kesselinhalts in die Schale, und leise zischend schmorte, was auch immer darin gewesen war, zu einem qualmenden schwarzen Klümpchen zusammen.
„Verfluchter Mist!"
Snapes Hand fegte die Schale mit einer unwirschen Bewegung von der Arbeitsplatte, und sie zerschellte mit einem hässlichen Klirren auf dem Boden. Frustriert stützte er die Ellbogen auf den Tisch und presste die Handballen gegen die Stirn; er hatte Ginny eindeutig noch nicht gesehen, sonst hätte er niemals derartig die Beherrschung verloren.
Zögernd ging sie auf ihn zu, zog ihren Zauberstab und richtete ihn auf die Scherben am Boden: „Reparo."
Erst jetzt hob er den Kopf und schien zu bemerken, dass er nicht mehr allein war. „Verzeihung", sagte er leise und ein wenig verlegen, „normalerweise achte ich etwas mehr auf meine Ausdrucksweise, Ginny."
„Ich weiß, ist schon gut", gab sie gelassen zurück. „Wir hätten alle gern mehr Erfolg bei der Suche. Wie lang sind Sie schon hier?"
„Keine Ahnung", seufzte er, „wie spät ist es?"
„In einer Viertelstunde beginnt der Unterricht", entgegnete Ginny trocken, und Snape sah entsetzt auf die Uhr, während er aufsprang. Doch als er nach seinem schwarzen Umhang greifen wollte, hielt sie ihn fest und drückte ihn mit sanfter Gewalt wieder auf den Stuhl: „Moment, nicht so hastig. Sehen Sie mich mal an, bitte."
Ein wenig widerstrebend gehorchte er. Ginny musterte ihn kritisch, die Hände immer noch auf seinen Schultern. Gerötete, viel zu große Augen sahen sie aus einem sehr weißen Gesicht an, und ihr war klar, dass er vermutlich die ganze Nacht hier verbracht hatte.
„Sie haben nicht geschlafen, oder?" fragte sie leise, und ihr Lehrer senkte schweigend den Blick. „So kann das wirklich nicht weitergehen, Sir", fügte sie sehr behutsam hinzu. „Sie brauchen auch mal ein paar Stunden Ruhe. Es bringt niemandem was, wenn Sie irgendwann in der Klasse umkippen oder ausflippen und dann etwas tun, was Sie später bereuen. – Und was zur Hölle wird das jetzt?"
Snape hatte sich aus ihrem Griff befreit und war, den Umhang über dem Arm, bereits auf dem Weg zum Ausgang.
Rasch holte Ginny ihn ein. „Sie gehen jetzt nicht allen Ernstes so zum Unterricht, oder? Das können Sie sich abschminken. Setzen Sie sich wieder hin, Professor. Bitte."
„Und aus welchem Grund sollte ich bitte meine UTZ-Schüler vernachlässigen?" erkundigte er sich steif. Doch die Sechstklässlerin blickte ihn nur an und erwiderte ernst: „Wenn Sie sich sehen könnten, würden Sie eine solche Frage nicht stellen. Sie sehen vollkommen erschöpft aus, Sir."
„Ich dachte, in diesem Raum verzichten wir auf die ganze Titelei?" entgegnete der Tränkemeister, während er sich zu ihr umwandte. Ginny spürte, wie sie vor Verlegenheit rot anlief, und antwortete: „Naja, ich hatte das eigentlich eher auf uns Schüler bezogen, Sir. Wenn es um Lehrer geht, ist der Titel für mich ein Ausdruck des Respekts… außerdem dachte ich die ersten zwei Schuljahre ernsthaft, Professor sei Ihr Vorname", fügte sie grinsend hinzu, „niemand hat Sie je anders genannt."
Snape schaffte es immerhin zu lächeln. „Ich denke, die Regeln sollten für alle gelten, Ginny. Sie sind volljährig, Sie haben sich dem Phönixorden angeschlossen, und das macht uns gewissermaßen zu Gleichgestellten. Tun Sie mir nur den Gefallen, auf alberne Spitznamen zu verzichten."
„Sie haben ein paar Dienstjahre mehr auf dem Buckel", schmunzelte Ginny, „aber wenn Sie meinen – von mir aus gern."
Diese Situation irritierte sie ehrlich gesagt mehr, als sie vor ihm zugeben wollte. Poppy Pomfrey hatte ihr schon vor einer Weile genau dasselbe angeboten, und Ginny war gern darauf eingegangen. Aber Snape mit Vornamen anzusprechen, das war einfach nur… schräg. Eine bessere Beschreibung fiel ihr dafür auf die Schnelle nicht ein. Sie dachte amüsiert darüber nach, was für Gesichter Hermine und Neville bei dieser Vorstellung machen würden.
Doch nun war es viel schneller als gedacht Zeit für den Praxistest, denn das Objekt ihrer Überlegungen hatte sich bereits wieder der Tür genähert. Ginny biss sich auf die Lippe, doch dann gab sie sich einen Ruck: „Severus!"
„Ja?" Mit einem fragenden Blick wandte er sich wieder ihr zu, und Ginny trat flink an seine Seite. Sie lehnte sich lässig gegen das Holz der Ausgangstür und schnitt ihm damit den Weg ab.
„Netter Versuch", bemerkte sie mit einem Lächeln, „ich wär beinahe drauf reingefallen. Die Ablenkungstaktik mit der Anrede war wirklich gut, aber nicht gut genug. Ich bin sehr anpassungsfähig, wissen Sie?"
„Was hat mich verraten?" erkundigte er sich matt, und Ginny tat ihm den Gefallen, mit einer detaillierten Erklärung aufzuwarten: „Naja, wenn Sie sich wieder mal klammheimlich aus dem Staub machen wollen, sollten Sie vielleicht auf ein paar Kleinigkeiten achten. Erstens: versuchen Sie, nicht so auszusehen, als würden Sie innerhalb der nächsten paar Sekunden einfach umkippen. Und zweitens: niemals, auf gar keinen Fall, weiß wie ein Laken werden. In Ordnung?"
Lächelnd zwinkerte sie ihm zu. Mit Bedacht hatte sie es humorvoll formuliert, und wie zur Bestätigung nickte ihr Lehrer gespielt nachdenklich, auch wenn seine schauspielerischen Fähigkeiten ein wenig dadurch geschmälert wurden, dass er sich haltsuchend am Türrahmen abstützte. „Na schön, Sie haben Recht. Ich werde versuchen, beim nächsten Mal daran zu denken… und was jetzt?"
„Jetzt setzen wir uns erst mal ein paar Minuten hin, ja?" Während Ginny mit ihm zu der kleinen Sitzgruppe ging, hätte sie schwören können, sie hätte ihn ganz leise etwas murmeln gehört, das verdächtig wie Scheiße klang. Erfolgreich unterdrückte sie ein Grinsen und wartete, bis der dunkelhaarige Mann sich gesetzt hatte.
Sie stöberte kurz in der Ablage unter dem Tisch herum, bis sie einen Block Notizzettel fand. „Ich schick Hermine erst mal ein Memo, dass Sie ein paar Minuten später kommen, sonst macht sich die ganze Bande Sorgen", erläuterte sie und kritzelte ein paar Worte auf einen kleinen Zettel, den sie mit dem Zauberstab anstupste und „Memorio Hermine" flüsterte. Die Notiz faltete sich flugs zu einem Papierflieger und segelte elegant durch ein gekipptes Fenster davon.
„Ein paar Minuten später? Sie schicken mich nicht ins Bett?" vergewisserte Snape sich mit ungläubiger Miene, und Ginny grinste ihn kopfschüttelnd an: „Nö. Bin ich etwa meine Mutter? Im Bett würden Sie ohnehin nicht freiwillig bleiben, oder? – Hören Sie, Severus, ich kenn Sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Sie auch mal eine Nacht ohne Schlaf auskommen. Sie sind viel zäher, als Sie auf den ersten Blick wirken. Ich bitte Sie nur darum, dass Sie jetzt zehn Minuten Pause machen und komplett abschalten, okay? Und dass das hier nicht zum Dauerzustand wird. Sie müssen wirklich ein bisschen besser auf sich aufpassen. Wir haben alle schon genug um die Ohren, da möchte ich mir nicht auch noch Sorgen um Sie machen müssen. Versprechen Sie mir das?"
Sie fing seinen Blick ein und hielt ihn unnachgiebig fest, bis er nickte. „Was haben Sie mit mir vor, Ginny?" fragte er und unterdrückte ein Gähnen, während er sich im Sessel zurücklehnte und die Augen schloss.
„Keine Angst, tut nicht weh", versicherte sie ihm vergnügt. „Eigentlich möchte ich nur, dass Sie ganz in Ruhe ein bisschen was frühstücken. Kaffee und ein Stück Toast, damit Sie wenigstens was im Magen haben. In Ordnung? Danach lass ich Sie auf Ihre Schüler los – sofern Sie mir versprechen, dass Sie zum Mittagessen in die Große Halle kommen und nach der letzten Stunde gleich schlafen gehen."
Ihr Appell zeigte Wirkung. Nach einer Tasse Kaffee und einem Toast mit Schinken und Käse machte sich Snape auf den Weg in die Kerker, und beim Mittagessen saß er, auf Draco Malfoys gar nicht so unkluge Anregung hin, bei ihnen am Tisch. Er sah immer noch so müde aus wie am Morgen, aß aber unter Ginnys aufmerksamen Augen immerhin eine Portion des Hackfleisch-Kartoffelauflaufs und verschwand danach, begleitet von einem entschlossen dreinschauenden Draco, hinunter in seine Räume.
„Du scheinst ihn ja ganz gut im Griff zu haben", stellte Harry belustigt fest, und Ginny musste lachen. Sie fand selber, dass sie das ganz gut hinbekommen hatte, und sie freute sich bereits jetzt auf die Gesichter der anderen, wenn ihr Hauslehrer auch diese auffordern würde, die Anrede etwas lockerer zu handhaben. Das hatte sie ihnen bisher nämlich wohlweislich noch verschwiegen. Diesen kleinen Spaß würde sie Severus gönnen!
