Es war der Freitag vor dem ersten Advent, und draußen wirbelten dichte Schneeflocken um die dicken Mauern von Hogwarts. Ginny war ausnahmsweise heilfroh, dass sie nicht wie Harry, Ron und diesmal auch Bill mit dem Orden auf Einsatz gehen musste. Keine Außeneinsätze, solange sie noch Schülerin war, darauf hatte ihre Mutter hartnäckig bestanden, und spätestens jetzt war Ginny ihr dankbar für diese Einschränkung. Sie war vollkommen zufrieden damit, Neville und Luna dabei zu helfen, ihre kleine Notfallapotheke im Raum der Wünsche zu bestücken. Dort war es wenigstens angenehm warm.

„Weißt du", sagte Luna nachdenklich, während sie ein paar Phiolen und Döschen in eine ziemlich gebraucht aussehende Ledertasche packte, „wahrscheinlich ist es ganz gut, wenn du jetzt schon bei Madam Pomfrey ein bisschen was lernst, Ginny. Professor Lupin ist oft mit den Einsatzteams unterwegs oder hat mit ihren Slytherins zu tun, und Madam Pomfrey ist für die komplette Schule zuständig. Es ist nur fair, wenn die neue Phönix-Generation eine eigene Heilerin bekommt."

Ginny grinste Luna zu. Das blonde Mädchen hatte Recht; das war auch einer der Gründe, warum sie die zusätzliche Arbeit gern auf sich nahm und dafür sogar darauf verzichtete, im Quidditch-Team von Gryffindor zu spielen. Immerhin verbrachten sie und ihre Freunde wesentlich mehr Zeit mit Draco Malfoy und Severus Snape als die älteren Ordensmitglieder. Und dank der Stunden, die Poppy Pomfrey und auch Monica damit zubrachten, ihr einiges über Heilkunde beizubringen, fühlte sie sich sicher genug, notfalls mit kleineren Problemen ohne ihre Hilfe fertig zu werden.

Neville und Luna wurden so langsam richtige Experten, was die Herstellung von Heilmitteln anbelangte, und verbrachten ihre spärliche Freizeit größtenteils damit, alte Rezepte in der Bibliothek herauszusuchen und zuzubereiten, während sich Hermine mit Draco vorwiegend damit beschäftigte, über Gegenflüchen und Schutzzaubern zu brüten. Die beiden hatten dabei Hilfe von Bill, der von seiner Erfahrung als Fluchbrecher profitieren konnte.

Es war eine gewisse Routine in ihrem kleinen Forschungsteam eingekehrt, und Professor Sprout hatte sich als erstaunlich kompetente Person erwiesen, wenn es darum ging, die Zusammenarbeit zwischen den Trupps zu koordinieren, wann immer es notwendig war. Leider schien sich aber bisher kein nennenswerter Erfolg bei ihrer Suche einzustellen. Es war eben nicht so, dass sie alles Notwendige über das Dunkle Mal in einem Buch hätten finden können, was die Sache irgendwie ein wenig verkomplizierte. Und keiner von ihnen war besonders glücklich über diese Tatsache.

Als sich Luna und Neville nach einer Weile verabschiedeten, um sich noch eine Weile in die Bibliothek zu setzen, bevor Madam Pince sie um Acht unweigerlich hinauswerfen würde, winkte Ginny den beiden nur mit einem Lächeln zu und widmete sich dann wieder ihrer Arbeit. Mo hatte ihr die alte Heilertasche überlassen, die sie in London noch selbst genutzt hatte, und sie mit dem Nötigsten ausgestattet. Doch Ginny fand trotzdem noch einiges daran zu verbessern.

Gewissenhaft kontrollierte sie den Inhalt, fügte einige Phiolen und Fläschchen mit Heiltränken hinzu, die Neville mit Luna hergestellt hatte, und suchte sich danach aus den gut bestückten Regalen ein altes Buch über Okklumentik und ihre Anwendung heraus, um es sich damit vor dem Kamin gemütlich zu machen. Es würde nichts schaden, über dieses Thema so gut wie nur möglich informiert zu sein; sie würde das Wissen sicher irgendwann brauchen, daran hatte Mo keine Zweifel gelassen.

Eine Tasse Pfefferminztee vor sich auf dem Tisch, setzte sich das Mädchen im Schneidersitz in einen der Sessel und begann zu lesen. Es würde vermutlich nicht mehr lange dauern, bis Snape sich zu ihr gesellte, um an den benötigten Tränken für den Krankenflügel zu arbeiten, wie jeden Freitagabend.

Ginny schätzte seine unaufdringliche, meist schweigende Anwesenheit, und sie sah ihm gern bei der Arbeit zu. Sie kannte niemanden sonst, der so konzentriert bei der Sache war, außer Hermine vielleicht. Und obwohl sie sich oft stundenlang nicht mal unterhielten, verbrachte sie diese Abende zumindest nicht alleine. Und er auch nicht.

Sie hatte das Versprechen nicht vergessen, das sie Mo und auch Poppy gegeben hatte, ein wenig auf ihn achtzugeben. Und so stellte sie ihm des Öfteren wortlos eine Tasse Tee und ein Sandwich hin oder schickte ihn ins Bett, wenn es wieder einmal spät geworden war. Sie hatte nicht den Eindruck, dass ihn das störte. Vielleicht war ihm aber auch nur klar, dass sie ihm an Sturheit überlegen war, was das anging. Allerdings hütete sie sich wohlweislich davor, ihn zu unterbrechen, wenn er mitten in der Arbeit war. Darauf reagierte er wirklich allergisch!

Ginny nahm einen Schluck Tee, stellte die Tasse auf dem Tisch ab und griff wieder nach dem Buch, als ihr Hauslehrer den Raum betrat. Er grüßte sie mit einem stummen Nicken und wandte sich sofort seinem Labortisch zu. Der schwarze Umhang segelte schwungvoll auf die Lehne eines Sessels zu, geriet aber ins Rutschen und landete, der Schwerkraft folgend, auf dem Boden. Grinsend hob Ginny ihn auf und legte ihn wieder über die Lehne.

Anfangs hatte das Mädchen gestaunt, dass Snape trotz seiner jahrelangen Erfahrung immer eine Abschrift des Rezeptes vor sich liegen hatte. Eines Abends hatte sie ihn danach gefragt, und er hatte ihr erklärt, dass gerade in der Routine das größte Fehlerpotential lag. Das klang einleuchtend, doch Ginny vermutete im Stillen, dass er oft auch einfach zu müde war, um Fehler ganz ausschließen zu können.

Sie beobachtete ihn eine Weile, wie immer beeindruckt von seiner präzisen, effektiven Arbeitsweise und der Tatsache, wie rasch und vollkommen er sich beim Brauen in seiner eigenen Welt verlieren konnte.

Wenn sie ihn nicht schon so oft arbeiten gesehen hätte, wären ihr sicher die winzigen Anzeichen dafür entgangen, dass er heute nicht ganz bei der Sache war: er verließ sich dieses Mal nicht auf seine übliche Sanduhr, sondern arbeitete wie Neville mit einer Eieruhr, die nach der abgelaufenen Zeit einen leisen Glockenton ertönen ließ. Ein Lineal markierte die aktuelle Zeile auf dem Rezeptblatt. Sein Blick war nicht konzentriert auf den Kesselinhalt gerichtet, sondern verlor sich immer wieder kurz im Nichts. Und er saß am Tisch, anstatt wie sonst im Stehen zu arbeiten.

Leise stand Ginny auf, um ihm eine Tasse Kaffee hinüber zu bringen. Mit leisem Lächeln sah sie ihn in die Wirklichkeit zurückkehren, und er schien dankbar für ihre Fürsorge, als er nach dem Kaffee griff und sich dann wieder auf das Rezept konzentrierte. Mehr als einmal hatte sie ihn schon so dastehen sehen: die Tasse vergessen in der einen Hand, während er mit der anderen das Gebräu in einem Kessel umrührte.

Es ging schon auf elf Uhr zu, als Snape schließlich den Kesselinhalt in dunkle Flaschen füllte und seine Arbeitsmaterialien zu säubern begann. Ginny wollte ihm gerade nahelegen, schlafen zu gehen, doch er stellte den gereinigten Kessel erneut auf das Stativ über der kleinen Feuerschale und legte ein anderes Rezept neben sich auf die Arbeitsplatte.

Mit einem Stirnrunzeln folgte Ginny ihm zum Zutatenregal. „Severus, Sie sind müde", stellte sie fest, wobei sie ihre Stimme bewusst ruhig und leise hielt. „Sind Sie sicher, dass Sie jetzt noch weitermachen wollen? Sie sollten sich besser eine Weile ausruhen. Es ist Wochenende. Auch für die Lehrer."

Er wandte sich zu ihr um, ein großes Glas mit seltsamen stacheligen Knubbeln in der Hand, und gab bedauernd zurück: „Würde ich gern, Ginny, aber das hier ist dringend. Morgen ist das erste Quidditchspiel, und Poppys Vorrat an Wundheilungstränken ist ein bisschen knapp bemessen. Muss ich Ihnen wirklich erzählen, dass es bei Begegnungen zwischen Gryffindor und Slytherin fast immer ein wenig rau zugeht?"

„Severus", tadelte das Mädchen ihn, „wann werden Sie endlich lernen, dass auch sowas manchmal einfach warten muss? Sie sind hundemüde und sollten so nicht mehr arbeiten."

Der Tränkemeister hob die Schultern und konterte: „Und wann werden Sie lernen, Ginny, dass ich nun mal ein stures Rindvieh bin? Ich gehe schlafen, sobald das hier fertig ist, und nicht eher."

Stures Rindvieh? Passt. Lass dir das auf ein T-Shirt drucken, Junge.

Ginny nickte und nahm ihm mit einem amüsierten Schmunzeln das Glas mit den seltsamen Dingern ab, die eine leichte Ähnlichkeit mit Bucheckern aufwiesen, nur dass sie kleiner, runder und etwas… haariger waren. „Dipsacus", las sie auf dem Etikett, „kenn ich nicht." Sie sah zu Snape auf: „Na schön, meinetwegen, dann machen Sie schon. Würde es schneller gehen, wenn ich Ihnen ein bisschen helfe?"

Mit einer seltsamen Bewegung – einer Mischung aus Nicken und Achselzucken – griff er wieder in den Vorratsschrank und zog ein weiteres Glas heraus. „Dipsacus wird auch Hirtenstab oder Borstenkarde genannt", erklärte er, plötzlich ganz der Tränkemeister. „Ihr Hauptanwendungsgebiet ist die Wundbehandlung, aber sie hat auch eine blutreinigende und antibakterielle Wirkung und stärkt das Immunsystem. Verwendet werden sowohl die Blütenstände als auch die Wurzeln, wobei die Wurzeln eher bei Tränken gegen Gicht und Rheuma eingesetzt werden, da sie wesentlich potenter sind als die Früchte und daher die Haut reizen können. Kamille und Schafgarbenwurzeln sollten Sie ja kennen. Und hier…" Suchend schob er ein paar Laborgläser zur Seite, dann griff er nach einer großen Flasche. „Hier haben wir den beliebten Wermutaufguss. Anthylliskraut – perfekt. Kommen Sie mit."

Ginny trug ihre Gläser zu seinem Arbeitsplatz hinüber und lugte auf das Rezept. Es war nicht schwierig, dauerte aber eine Weile; grob überschlagen würden sie frühestens um halb zwei damit fertig sein. Ohne die Zeit fürs Abfüllen mitzurechnen.

Zwischen den einzelnen Arbeitsschritten lagen längere Koch- und Abkühlzeiten, was – wie sie inzwischen wusste – meistens an der harten, spröden Struktur von Pflanzenwurzeln lag. Blütenblätter oder ähnlich zarte Inhaltsstoffe durften fast immer nur ganz kurz in der erhitzten Grundflüssigkeit bleiben und wanderten deswegen grundsätzlich erst gegen Ende des Brauvorgangs in einen Kessel. War aus irgendeinem Grund eine andere Reihenfolge notwendig, dann musste man eben mit zwei Kesseln arbeiten und die zwei Extrakte dann mischen. Es war im Grunde ähnlich wie beim Kochen.

„Darf ich?" Sie wies auf das Rezept, und auf Snapes stummes Nicken hin zog sie es zu sich heran. Es gab nicht viel vorzubereiten, fiel ihr auf, bis auf die Blütenstände des Hirtenstabs wurde alles im Ganzen eingesetzt. Wie konnte sie dann helfen?

Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie zu verstehen glaubte: er brauchte sie nicht zum Vorbereiten. Ihre Unterstützung würde vermutlich eher darin bestehen, ihn wachzuhalten. Solange er damit beschäftigt war, sie neben seiner Arbeit her zu unterrichten, konnte er die Müdigkeit wesentlich leichter zur Seite schieben.

Sie behielt Recht. Natürlich. Snape ließ sie die Zutaten abwiegen und die kugeligen, behaarten Früchte des Hirtenstabs mit der breiten Seite einer Messerklinge flachdrücken, und während der Wermutaufguss sich mit der gleichen Menge Wasser im Kessel erhitzte – ein gutes Beispiel für die Ausnahme von der Regel – brühte Ginny ihnen beiden frischen Kaffee auf.

Während der Wartezeiten bekam sie dann eine ausführliche Erklärung zum gesamten Brauvorgang sowie zu den Eigenschaften der verwendeten Zutaten, und sie hörte interessiert zu. Die Dipsacus-Tinktur klang vielversprechend genug, um ein Ersatz für Diptam-Essenz zu sein.

Das brachte sie dazu, eine Frage zu stellen: „Wo genau liegt der Unterschied zwischen dieser Tinktur und Diptam-Essenz? Oder sind die ungefähr gleich in ihrer Wirkung?"

Ihr Lehrer und Ordenskollege warf ihr einen halb überraschten, halb misstrauischen Blick zu, so dass sie hastig hinzufügte: „Heilerpraktikum. Ich möchte meine Ausbildung ein bisschen beschleunigen und lerne deswegen jetzt schon bei Madam Pomfrey… das wird später auf die Ausbildungszeit angerechnet."

„Verstehe." Er nickte anerkennend, kontrollierte kurz die Temperatur des Gebräus und wandte sich ihr wieder zu. „Diptam-Essenz ist sehr teuer, weil die Pflanze selten ist. Deshalb setzt man sie nur in Notfällen ein, wenn man rasch handeln muss. Bei lebensbedrohlichen Blutungen beispielsweise. Kleinere Verletzungen, die nicht unweigerlich zum Verbluten führen, behandelt man besser mit der günstigeren Dipsacus-Tinktur. Sie ist zuverlässig, schließt aber Wunden nicht in Sekundenschnelle. Doch für Quidditch-Unfälle oder ähnliches genügt sie im Allgemeinen vollauf. Sofern nicht ein Amateur wie Lockhart für weitere Komplikationen sorgt."

Er verzog angewidert das Gesicht, und Ginny musste lachen: seine Abneigung gegen Lockhart teilte er vermutlich mit der gesamten Schule – plus dem Orden. „Na, der wird uns in naher Zukunft wohl noch nicht in die Quere kommen", kommentierte sie leichthin, als Snape die Flamme unter dem Kessel löschte und aufatmend Richtung Sitzgruppe ging.

Es würde fast eine Stunde dauern, bis die fertige Tinktur weit genug abgekühlt war, um sie filtern und abfüllen zu können, und sie schlugen die Zeit mit Lesen in den gemütlichen Sesseln tot. Ginny schmunzelte, als der Tränkemeister mit einem lässig ausgeführten kleinen Zauber eine Art große, schwach glimmende Christbaumkugel über dem Kessel aufsteigen ließ, die durch langsame Farbveränderungen die aktuelle Temperatur des Gebräus anzeigte.

„Cooles Ding, echt nützlich. Das müssen Sie mir mal beibringen. – Ihre Idee?"

Er nickte, lehnte sich zurück und ließ den Kopf gegen die Rückenlehne seines Sessels fallen, die halbvolle Kaffeetasse noch in der Hand. Doch Ginny bezweifelte ernsthaft, dass er den Kaffee noch trinken würde: langsam aber unausweichlich überkam ihn nun doch die Müdigkeit; sie sah es daran, dass ihm immer wieder kurz die Augen zufielen.

Schließlich stand sie leise auf, nahm ihm die Tasse aus der Hand und senkte mit einem raschen Schnippen ihres Zauberstabs die Sessellehne in eine waagerechte Position; der Tränkemeister bemerkte es nicht mehr.

Kopfschüttelnd breitete Ginny eine Decke über ihn, durch einen kleinen Zauber angenehm angewärmt, und ließ ihn schlafen. Etwas später goss sie das abgekühlte Gebräu durch den großen Filter in einen zweiten Kessel und begann damit, die Tinktur in vorbereitete Flaschen abzufüllen. Dazu brauchte sie nun wirklich keine Hilfe.

Klappernd fiel ihr der Schöpflöffel eine halbe Stunde später in den nur noch halbvollen Kessel, als Snape hinter ihr plötzlich unterdrückt aufstöhnte. Hastig fuhr sie zu ihm herum und fluchte halblaut, als sie das Problem erkannte: die Todesser mussten das Dunkle Mal wieder aktiviert haben!

Severus Snape kämpfte eindeutig gegen den Cruciatus an. Sein Gesicht war vor Schmerz und Anstrengung verzerrt und schweißnass, und jeder Muskel seines Körpers schien bis zum Zerreißen angespannt. Er presste die Lippen hartnäckig aufeinander, während seine Hände sich krampfhaft an der Decke festklammerten, und rang immer wieder keuchend nach Luft. Ginny war sich sicher, jeder andere hätte geschrien.

„Verdammt!" Mit ein paar schnellen Schritten war sie bei ihrer Tasche und nahm eine kleine Phiole mit Tranquilitas heraus, dann eilte sie an Snapes Seite, beugte sich über ihn und versuchte seinen Kopf ruhig zu halten: „Hey! Severus! Severus, sehen Sie mich an, okay?"

Widerstrebend öffnete er die Augen. Sie sah die Panik in seinem Blick und hörte ihn leise wimmern, doch die Heilerin in ihr übernahm routiniert das Kommando. „Gut so. Lassen Sie mich Ihnen helfen, ja?" Sie zog den Stöpsel der kleinen Phiole heraus und hielt sie ihm sanft an die Lippen. „Kommen Sie, versuchen Sie das zu schlucken, in Ordnung? Und hören Sie auf dagegen zu kämpfen, das bringt doch nichts. Sehen Sie mich an."

Sie konnte sehen, welch ungeheure Kraftanstrengung es für ihn bedeutete, seine verkrampften Kiefermuskeln zu lockern und den Mund weit genug zu öffnen, dass sie ihm den Tranquilitas einflößen konnte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, doch irgendwann schien die Anspannung langsam ein bisschen aus seinem Körper zu weichen. Kurz darauf schien die Übertragung des Fluchs gestoppt worden zu sein, denn schlagartig hörte Snape auf, sich vor Schmerzen zu winden, und sackte kraftlos in den Polstern zusammen.

Ginny griff nach seiner Hand und drückte sie tröstend, während er sich, heftig zitternd und mit fliegendem Atem, unter der Decke zusammenrollte. Sein fiebriger Blick suchte den ihren. „Gehen Sie nicht weg… bitte."

„Natürlich nicht", beruhigte sie ihn und kniete neben seinem Sessel nieder. „Ich bleib bei Ihnen. Versuchen Sie sich zu entspannen, okay? Ich bin hier. Ich lass Sie nicht allein. Alles gut."

Weil sein Zittern, trotz angewärmter Decke, auch nach einigen Minuten nicht verebbte, zog Ginny ihren Zauberstab und rief aus dem kleinen Küchenregal ein Glas und eine Flasche Feuerwhisky herbei. Sie entkorkte die Flasche und goss einen ordentlichen Schluck des bernsteinfarbenen Getränks ein, bevor sie die Hände behutsam unter Snapes Schultern schob und seinen Oberkörper ein wenig aufrichtete: „Hier, trinken Sie ´nen Schluck, Severus. Ich schätze mal, den haben Sie jetzt dringend nötig."

Er griff mit einer fahrigen Bewegung nach dem Glas, das sie ihm reichte, und leerte es in einem Zug. Ginny schenkte nach und stupste mit dem Zauberstab kurz den Sessel an, der sich überraschend gehorsam zu einem breiteren Zweisitzersofa ausweitete und seine Rückenlehne langsam wieder in die Senkrechte erhob – im Stillen war sie immer noch verblüfft, wie leicht ihr solche Verwandlungen fielen, seit sie die Alte Magie mit der herkömmlichen Zauberei kombinierte.

Vorsichtig setzte sie sich neben den Tränkemeister, während er das Glas erneut leerte, sich dann auf dem Sofa ausstreckte und erschöpft die Augen schloss. Sie musterte ihn eine Weile aufmerksam und konnte feststellen, dass zumindest der Whisky langsam Wirkung zeigte. Snape entspannte sich nach und nach, und sein Atem wurde ruhiger.

„Sie sollten den Rest der Tinktur abfüllen", bemerkte er schließlich heiser und sah sie aus glasigen, nur halb geöffneten Augen an. „Sie… sie verliert an Wirkung, wenn sie zu lange offen herumsteht."

„Dass Sie jetzt an sowas denken können?" Ginny bedachte ihn mit einem halb tadelnden, halb bewundernden Blick, stand aber auf und machte sich daran, die restlichen Flaschen zu befüllen und die Korken mit Wachs zu versiegeln. Gewissenhaft beschriftete sie Etiketten mit Inhalt und Datum und klebte diese auf die Flaschen.

Bis sie die Kessel und das Zubehör gereinigt und alles wieder aufgeräumt hatte, war fast eine Stunde vergangen. Ihr Teamkollege hatte sich auf dem Sofa unter der Decke verkrochen und war wieder eingeschlafen.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es mittlerweile halb fünf, also schon früh am Morgen war. Seufzend trocknete sie sich die Hände ab und ging zur Sitzgruppe – und ihrem garantiert kalten Kaffee – zurück. Jetzt noch schlafen zu gehen lohnte sich kaum.