Der Winter in diesem Jahr war definitiv kein richtiger Winter, dachte Luna bedauernd. Es schneite zwar, war aber ziemlich nasskalt und unangenehm. Kein Vergleich zu den klirrend kalten, trockenen Wintertagen, die sie so liebte. Und dementsprechend ungesund.
Der Wind pfiff durch die offenen Bogengänge des Schlosses, und auch im Inneren der dicken Mauern setzte sich die feuchte Kälte rasch fest. Überall wurde gehustet und geniest, und Madam Pomfrey hatte alle Hände voll damit zu tun, erkältete Schüler mit Aufpäppeltrank zu versorgen. Dieser schien genauso schnell aufgebraucht wie gebraut zu sein, und daher hatte Severus Snape – erstaunlich genug eigentlich – sie und Neville gebeten, ihm bei der Produktion des Nachschubs zu helfen.
Seit Tagen standen die drei jeden Abend gemeinsam im Zaubertrank-Kerker und kümmerten sich darum, dass genügend gefüllte Fläschchen ihren Weg in den Krankenflügel fanden. Manchmal erinnerte Luna die lange Reihe blubbernder Kessel erschreckend an eine Tränkefabrik, wie die Muggel sie hatten, und die beiden anderen konnten ihr nur zustimmen. Auch wenn sie von einem amüsierten Tränkemeister darüber informiert wurde, dass man diese Fabriken Pharmaunternehmen nannte.
„Eine solche Massenproduktion habe ich zuletzt vor zwölf Jahren erlebt", grummelte Snape und warf einen aufmerksamen Blick zur Uhr. „Damals gab es hier eine Grippewelle, die bisher unübertroffen geblieben ist… aber mit ein wenig Pech werden wir dieses Ereignis wohl noch toppen können."
Er wischte sich mit einer beiläufigen Bewegung den Schweiß von der Stirn und hob dann einen Kessel mit beinahe fertigem Fiebertrank von seinem Stativ, bevor er bemerkte: „So macht die Arbeit keinen Spaß mehr. – Wie weit ist der hintere Kessel?"
Neville, der dem abkühlenden Gebräu am nächsten stand, warf einen forschenden Blick auf die kleine Leuchtkugel, die darüber schwebte. „32 Grad. Dauert noch etwas… Zeit für einen Schluck Kürbissaft, oder? Diese Dämpfe machen die Kerker zur Sauna, ehrlich. Auch wenn es dadurch wenigstens warm hier unten wird. Also beschweren wir uns wohl besser nicht. Im restlichen Schloss kann man sich problemlos den Tod holen. Von Frostbeulen mal ganz abgesehen. Und ich bin auf keines davon scharf."
Luna war wirklich froh darüber, dass Neville immer den Überblick über den Keller zu haben schien. Er konnte die Leerlaufzeiten zwischen den verschiedenen Brauvorgängen inzwischen sehr gut einschätzen und nutzte die Pausen, um sie und ihren Lehrer daran zu erinnern, dass sie hin und wieder etwas essen oder trinken sollten. Derartige Kleinigkeiten konnte man bei dieser Arbeit schon mal vergessen. Und Snape hatte Recht: Spaß machte die Sache eindeutig nicht. Doch es lag Luna fern, sich zu beklagen.
Als der Tränkemeister sehr vorsichtig mit seiner Bitte um Unterstützung auf sie zugekommen war, hatte sie ohne zu zögern zugestimmt. Ihr war klar gewesen, dass die Sache wirklich dringend sein musste, wenn er sich schon zu diesem Schritt überwunden hatte. Außerdem hatten sie und Neville die meiste Freizeit in ihrem Freundeskreis. Die anderen hatten alle irgendwelche weiteren Pflichten zu erfüllen.
Hermine und Blaise Zabini – wenn man ihn zu ihrer kleinen Gruppe dazurechnen wollte – waren als Schulsprecherpaar mehr als genug eingebunden, und genauso erging es Ron, Ginny und auf hartnäckiges Drängen der Schulleiterin hin auch Draco, die ihre Vertrauensschülerpflichten hatten. Harry betreute als Kapitän das Quidditchteam von Gryffindor, dem auch Ron und Draco angehörten… und Ginny hatte ihre zusätzlichen Stunden im Krankenflügel und bei Monica.
Spätestens jetzt dankte Luna dem Schicksal dafür, dass Neville und sie bereits ein wenig Übung im Tränkebrauen hatten. Hätten sie sich nicht schon zuvor mit diesem Thema beschäftigt, dann hätten sie Snape vermutlich eher im Weg gestanden, als ihm wirklich behilflich zu sein. So allerdings konnten sie ihm doch einiges an Arbeit abnehmen, und er schien nicht böse über diese Tatsache zu sein. Im Gegenteil, er schaffte es trotz allem noch, sie mit ein wenig Hintergrundwissen zu versorgen, während Luna am Schneidbrett arbeitete und Neville dem Professor an den Kesseln assistierte.
Mit einem respektvollen Blick musterte das blonde Mädchen den schlanken Mann, der sich jetzt aufatmend gegen seinen Schreibtisch lehnte und ein Glas Saft von Neville entgegennahm. Seine Energie schien beinahe unerschöpflich zu sein, auch wenn man ihm natürlich ansehen konnte, dass die zusätzliche Arbeit ihn belastete. Doch er beschwerte sich nicht und nahm das Ganze mit einem gelassenen Achselzucken als gegeben hin.
Luna war klar, dass jeder der Lehrer in diesem Jahr mehr zu tun hatte als früher. Immerhin gab es zum ersten Mal seit der Gründung der Schule zwei erste Klassenstufen: die eine bestand aus denjenigen, die das vergangene Schuljahr wiederholten, in der anderen waren die neuen Erstklässler sowie diejenigen, denen im letzten Jahr nicht erlaubt worden war, nach Hogwarts zu kommen. Was bedeutete, dass in dieser Klasse auch Schüler steckten, die ein oder sogar beinahe zwei Jahre älter waren als ihre Kameraden.
Für das Kollegium bedeutete das viele zusätzliche Unterrichtsstunden. Aber die meisten hatten darüber hinaus keine weiteren Pflichten. Gut, Professor Sprout kümmerte sich um die Pflanzen in den Gewächshäusern und die pünktliche Ernte derjenigen pflanzlichen Zutaten, die für diverse Zaubertränke gebraucht wurden. Hagrid sorgte für sämtliche magischen Geschöpfe auf dem Gelände und im Verbotenen Wald, und Professor McGonagall hatte alle Hände voll mit der Leitung des Phönixordens und der Schule zu tun. Doch Letzteres betraf in gewisser Weise auch Severus Snape.
Als Stellvertretender Schulleiter hatte er diesbezüglich genau wie McGonagall seine Pflichten, auch wenn die Schulleiterin ihn größtenteils mit Verwaltungsaufgaben verschonte, er war Hauslehrer und Teil des Forschungsteams – und jetzt kam auch noch diese Erkältungswelle dazu. Er konnte einem eigentlich nur leidtun.
„Ich denke, ich brauche eine Pause", gestand der Professor in diesem Moment und ließ sich auf den Stuhl hinter dem Lehrerpult fallen. Neville nickte nur gelassen, trank seinen Saft aus und übernahm routiniert die Leitung des Labors: „Kein Problem, Sir. Ich mach hier weiter. Im Augenblick ist es ja ziemlich ruhig. Das meiste Zeug ist am Abkühlen oder schon fertig."
Luna lächelte ihn an und wandte sich dann ihrem Lehrer zu. Zum ersten Mal, seit sie und Neville zu seinen inoffiziellen Laborassistenten aufgestiegen waren, wirkte er eindeutig erschöpft. Mit halb geschlossenen Augen saß er hinter dem Pult, den Kopf auf die verschränkten Arme gebettet, und sah aus, als stünde er kurz davor, einzuschlafen.
Kritisch musterte das Mädchen sein Gesicht. Nein, das war keine schlichte Erschöpfung. Seine Wangen waren leicht gerötet, ein fiebriger Glanz lag in seinen Augen, und seine Stirn glänzte vor Schweiß, der nichts mit den Dämpfen über den diversen Kesseln zu tun hatte. Anscheinend hatte es ihn jetzt selbst erwischt!
„Professor", sagte Luna leise und strich ihm ein paar feuchte Strähnen aus der Stirn, „Sie haben Fieber. Sie sollten sich hinlegen, in Ordnung? Ich werde Madam Pomfrey holen."
Langsam hob er den Kopf von den Armen und sah sie an. „Nicht nötig. Sie wird schon genug zu tun haben, könnte ich mir vorstellen. Wenn ich davon ausgehe, wie viele Schüler während der letzten Tage in meinem Unterricht waren, würde ich schätzen, dass inzwischen die halbe Schule flachliegt. Ich… ich werde einfach für eine Stunde ins Bett gehen."
„Eine Stunde?" Kopfschüttelnd legte Luna ihm den Arm um die Schultern und fühlte die Hitze, die sein Körper ausstrahlte. „Eher nicht, Sir. Sie werden sich wohl an den Gedanken gewöhnen müssen, ein paar Tage im Bett zu verbringen. Sie haben sich ziemlich sicher eine Grippe eingefangen. Sehen Sie sich an – Sie glühen richtig. Kommen Sie, ich geh mit Ihnen in den Krankenflügel hoch. Madam Pomfrey muss sich das ansehen."
Doch der Tränkemeister schüttelte stur den Kopf. „Unsinn. Ich war noch nie krank, Luna. Schön, vielleicht habe ich mich ein wenig erkältet, aber das ist noch lange kein Grund, Poppy auf mich loszulassen."
Er versuchte entschlossen aufzustehen, wohl um ihr zu beweisen, dass sie mit ihrem Verdacht falsch lag, geriet allerdings leicht ins Schwanken und stützte rasch die Hände auf die Tischplatte. „Oh, verdammt. Das ist… suboptimal."
Während sie ihn auf den Stuhl zurückbeförderte, bemerkte Luna lächelnd: „Hübsch umschrieben. Aber das ändert nichts an der Sache. Sie gehören ins Bett. Neville und ich übernehmen die Arbeit hier, und Sie lassen sich von Madam Pomfrey untersuchen. Okay? – Kommen Sie, ich bring Sie rauf."
Der Professor weigerte sich allerdings hartnäckig, in den Krankenflügel zu gehen, so dass die junge Frau ihn schließlich wider besseres Wissen in seine Wohnung begleitete und ihn ins Bett steckte. „Was haben Sie nur gegen die Frau?" erkundigte sie sich mit gutmütigem Tadel, während sie ihn zudeckte und die Hand prüfend an seine Wangen legte. „Sie tun gerade so, als ob ich Sie vor den Scharfrichter führen wollte. Glauben Sie mir, sie wird Sie nicht gleich umbringen. Und Sie brauchen eindeutig eine Portion Fiebertrank."
„Können Sie das nicht machen?" fragte er bittend. „Ich würde lieber hier bleiben, als mitten in einer hustenden und niesenden Schülerhorde im Krankenflügel zu übernachten. Außerdem ist da oben sicher schon wegen Überfüllung geschlossen."
„Ich bin keine Heilerin, Sir", erklärte Luna geduldig, seufzte dann ergeben, als er ihr einen beinahe flehenden Blick zuwarf, und setzte hinzu: „Na schön, dann bitte ich eben Ginny, sich das anzusehen. Sie und Mo helfen schon die ganze Woche im Krankenflügel aus, sie hat inzwischen sicher Erfahrung damit. Ist das in Ordnung?"
Er nickte nur müde und verkroch sich zitternd unter den Decken. Also griff sich Luna einen Notizzettel von dem kleinen Schreibtisch an der Wand und schickte eine kurze Nachricht an Ginny Weasley, die zehn Minuten später in der kleinen Kerkerwohnung auftauchte, bewaffnet mit Fieberthermometer und ihrer alten Heilertasche… und gefolgt von Poppy Pomfrey. Das würde Snape nicht gefallen!
Doch die Schulheilerin verschwendete keine Zeit. Resolut hielt sie Snape das Thermometer vor die Nase. „Mund auf, Severus. Und wehe, Sie beißen zu! Quecksilber ist als Getränk nicht zu empfehlen."
Der Angesprochene gehorchte, ganz augenscheinlich etwas eingeschüchtert von ihrem energischen Auftreten, und leerte gleich darauf auch das Glas Saft mit Fiebertrank, das sie ihm an die Lippen hielt.
„Ginny, Sie sollten wieder hinaufgehen und Monica helfen", bemerkte Madam Pomfrey ruhig, „ich komme nach, sobald die Situation hier unter Kontrolle ist. Das wird nicht allzu lange dauern."
Widerspruchslos trollte sich das rothaarige Mädchen, warf Luna im Hinausgehen einen entschuldigenden Blick zu und flüsterte: „Sorry, sie hat sich nicht davon abhalten lassen. Und ich durfte bisher immer nur assistieren, also ist es wohl besser, wenn sie das übernimmt." Leise verschwand sie durch die Tür zum Büro, und Luna konnte sie kurz mit Neville sprechen hören.
Währenddessen hatte sich Poppy Pomfrey einen Stuhl ans Bett herangezogen und ließ den dösenden Snape nicht aus den Augen. Der Fiebertrank schien bereits Wirkung zu zeigen, allerdings nicht so, wie Luna es erwartet hatte. Das Fieber schien eher noch zu steigen, und sie wandte sich besorgt an die ältere Hexe: „Ist das normal? Ich meine, sollte das Fieber nicht sinken?"
Die Heilerin schüttelte den Kopf, eine Hand beruhigend auf die heiße Stirn des Tränkemeisters gelegt, und erklärte: „Diese Reaktion ist völlig normal, Luna. Zuerst steigt das Fieber nach Einnahme des Tranks. Er sorgt nur dafür, dass sich der Krankheitsverlauf extrem beschleunigt. So hat der Patient es schneller hinter sich. Wenn sich seine Temperatur wieder einigermaßen normalisiert hat, versorgen wir ihn alle zwei Stunden mit einer doppelten Dosis Aufpäppeltrank, dann sollte er in drei bis vier Tagen wieder auf den Beinen sein… Eine Grippe ist bei uns Zauberern nicht ganz so schlimm. Bei den Muggeln kann es bis zu zwei Wochen dauern, eine richtige Grippe ordentlich auszukurieren."
Zwei Wochen? Das hatte Luna nicht gewusst. Allerdings hatte sie auch noch nie Kontakt zu Muggeln gehabt, also war das nicht weiter verwunderlich, nicht wahr? Vielleicht sollte sie in Erwägung ziehen, die nichtmagische Bevölkerung ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen… sobald sie und ihr Dad es geschafft hatten, die Existenz des Schrumpfhörnigen Schnarchkacklers und des Schlibbrigen Summlingers endlich zu beweisen!
Schweigend sah sie Madam Pomfrey bei der Arbeit zu. Snape sah nun wirklich krank aus. Er glühte buchstäblich vor Fieber, war aber zumindest in einen unruhigen Schlaf gefallen, und die Schulheilerin bewegte ihren Zauberstab über seinem Körper hin und her, die freie Hand prüfend auf seine Stirn gelegt.
Eine ganze Weile fuhr die ältere Hexe mit der Behandlung fort, ohne dass sich am Zustand des Professors etwas geändert hätte, doch diese Tatsache schien sie nicht zu beunruhigen. Daraus schloss Luna, dass daran nichts ungewöhnlich war - bis die Heilerin nach einer knappen Stunde die Stirn runzelte und ihren Zauberstab auf die Bettdecken richtete: "Fovetus!"
Luna war anfangs ein wenig irritiert über den Wärmezauber, doch der Sinn dahinter wurde ihr rasch klar: der Tränkemeister begann heftig zu zittern, als der Schüttelfrost einsetzte, und Madam Pomfrey beschwor eine weitere Decke herauf, die sie ebenfalls anwärmte und ihren Patienten fest darin einhüllte. Trotzdem dauerte es lange, bis das Zittern schließlich verebbte und der Mann wieder relativ ruhig im Bett lag. Mit einem Aufatmen legte die Heilerin ihren Zauberstab zur Seite, wickelte die Decken enger um Snape und strich ihm beruhigend über die Stirn.
Einer Eingebung folgend, ging Luna ins Badezimmer und hielt ihr Stofftaschentuch unter den kalten Wasserstrahl des Waschbeckens. Es konnte sicher nicht schaden, dem Mann den Schweiß vom Gesicht zu waschen. Sie wusste aus Erfahrung, wie unangenehm klamm sich das anfühlte.
Der Professor war wach, als sie zurück ins Schlafzimmer kam, schien aber nicht ganz bei sich zu sein. „Tut mir leid", hörte sie ihn heiser flüstern, „ich wollte nicht… wollte Sie nicht belästigen. Wirklich… bitte, Sie brauchen nicht… Sie müssen nicht hier sein."
„Reden Sie keinen Unsinn, Severus", gab Poppy Pomfrey ruhig zurück. „Warum sollte ich denn nicht hier sein? Dafür bin ich doch da. Beruhigen Sie sich. Sie haben Fieber, junger Mann. Ich kümmere mich darum, ja?"
Er schüttelte abwehrend den Kopf und versuchte vergeblich, ihre Hand mit dem Zauberstab von sich wegzuschieben. „Nein… Sie haben gesagt… Sie wollten mich nicht mehr sehen. Bitte, ich komme schon zurecht. Ich wollte nicht, dass Sie meinetwegen…"
„Oh, um Himmelswillen", rief die ältere Frau aufgeschreckt, „haben Sie das wirklich ernst genommen?" Rasch senkte sie ihre Stimme ein wenig und sprach in ungewohnt sanftem Ton weiter. „Severus, vergessen Sie das mal ganz schnell wieder, ja? Ich würde doch nie zulassen, dass Sie sich allein mit so etwas abquälen, glauben Sie mir. Ich hätte das niemals sagen sollen. Es tut mir leid, Junge, so habe ich das nicht gemeint. Ich habe einfach nicht nachgedacht. Natürlich dürfen Sie zu mir kommen, wenn Sie Hilfe brauchen… Du liebe Güte, ich würde Sie doch nicht im Stich lassen."
Der schwarzhaarige Mann wirkte verunsichert, fast ängstlich, als sie sich neben ihn setzte und ihn überraschend behutsam in ihre Arme zog. „Ganz ruhig, Severus, es ist alles gut. Ich bin hier, sehen Sie? Alles in Ordnung."
„Ich dachte…", sagte er hilflos, jetzt offensichtlich den Tränen nahe, „ich dachte, Sie… Sie hassen mich. Ich… Poppy…"
Poppy Pomfrey schien ebenfalls mit den Tränen zu kämpfen, während sie ihren Patienten fest an sich drückte. „Großer Merlin, da habe ich was angerichtet. – Nein, Severus, ich hasse Sie nicht. Natürlich nicht. Beruhigen Sie sich, es ist alles gut. Das war wirklich gedankenlos von mir… Es tut mir so leid, mein Junge. Sie haben unter meiner Dummheit leiden müssen, nicht wahr? Wie oft hätten Sie mich im letzten Jahr gebraucht?"
Er antwortete nicht, drängte sich aber eng an die Heilerin, die ihm besänftigend übers Haar strich. „Schhh… ist schon gut, Severus. Ist schon gut. Beruhigen Sie sich, es ist alles in Ordnung. Ich bin bei Ihnen. Alles gut, mein Kleiner, alles gut. Ganz ruhig, ich bin da."
Luna hielt sich stumm im Hintergrund, während Poppy Pomfrey einen völlig aufgelösten Severus Snape in ihren Armen wiegte, bis er endlich eingeschlafen war und sie ihn wieder in die Kissen bettete. So fürsorglich und sanft hatte sie die Herrin über den Krankenflügel bisher noch nie erlebt.
„Das Schlimmste ist überstanden", sagte die Medihexe schließlich gedämpft und wandte sich zu dem blonden Mädchen um, „ich denke, er wird die Nacht durchschlafen. Wenn er aufwacht, geben Sie ihm bitte zwei Phiolen von dem Aufpäppeltrank. Und falls es Komplikationen gibt, rufen Sie mich sofort. Ich muss zurück zu meinen anderen Patienten."
„Kein Problem", meinte Luna ein wenig befangen, „ich bleibe bei ihm, Madam Pomfrey. Und ich denke, Neville hat die nächste Ladung an Tränken inzwischen fertig. Sie können sie gleich mitnehmen. Wir werden uns um die Zubereitung kümmern, solange der Professor krank ist."
Die Heilerin nickte und erhob sich vom Bettrand. „Ich werde Ihnen ein paar begabte Schüler zur Unterstützung schicken. Und ich bete zu allen Göttern des Universums, dass das bald ein Ende hat. Mein Krankenflügel platzt aus allen Nähten. So schlimm war es zuletzt vor über zehn Jahren…"
„Zwölf", präzisierte eine Stimme von der Tür her, und die beiden Hexen sahen sich um. Hermine lehnte im Türrahmen und lächelte leicht. „Ginny hat mir erzählt, dass es Professor Snape jetzt auch erwischt hat. Ich wollte nur kurz nach ihm sehen und fragen, ob ich irgendwie helfen kann. Wie geht es ihm?"
„Nun", meinte Madam Pomfrey, „das Schlimmste hat er überstanden. Er wird noch ein paar Tage brauchen, um sich zu erholen, aber ich denke, am Montag dürfte er wieder fit genug sein, um zu unterrichten. Bis dahin wird sein Unterricht wohl ausfallen müssen. Ich habe leider keine Zeit für Vertretungsstunden, und von seinen Kollegen ist keiner besonders vertraut mit diesem Fach. Bisher war das auch nie nötig. Severus war noch niemals krank. Er kam zwar des Öfteren mit diversen Blessuren bei mir an, aber krank erlebe ich ihn heute tatsächlich zum ersten Mal."
Sie wuselte kopfschüttelnd hinaus zu Neville und ließ Luna und Hermine allein zurück. Als hätten sie sich abgesprochen, traten sie beide ans Bett des Tränkemeisters, der tief und fest schlief. „Worum ging´s da vorhin?" wisperte Hermine mit großen Augen, doch Luna hob nur ratlos die Schultern. Sie hatte keine Ahnung, worüber die Heilerin mit Snape gesprochen hatte. Aber es waren offensichtlich keine reinen Fieberphantasien gewesen. Es schien sich eher um ein fatales Missverständnis gehandelt zu haben – ein Missverständnis, das ihn das gesamte vergangene Jahr über davon abgehalten hatte, den Krankenflügel zu betreten!
Sie setzten sich still auf zwei Stühle neben dem Bett, und Luna erinnerte sich endlich an das Taschentuch, das sie immer noch in der Hand hielt. Sanft wischte sie den Fieberschweiß von Snapes Gesicht und ließ ihre Hand dann auf seiner Stirn liegen, die sich inzwischen merklich weniger heiß anfühlte.
Draußen im Klassenzimmer hörten sie Neville im Zutatenschrank stöbern, und Hermine verschwand für etwa zwanzig Minuten, um ihm bei den Vorbereitungen für den nächsten Schwung an Tränken zur Hand zu gehen. Dann erklangen die Stimmen von Draco und Blaise Zabini, was Luna verriet, dass die notwendige Unterstützung für Neville angekommen sein musste. Eine Vermutung, die Hermine ihr gleich darauf bestätigte: „Die drei kommen allein zurecht. Blaise und Draco sind wirklich gut in Zaubertränke, muss ich zugeben. – Wie geht´s dem Professor?"
„Unverändert", entgegnete Luna leise. „Aber zumindest bekommt er so ein bisschen Schlaf. Die letzten Tage waren richtig anstrengend, er muss wirklich todmüde sein."
Mitfühlend strich sie ihrem Lehrer über die Wange, während Hermine sich neben sie setzte. Schweigend wachten die beiden Mädchen über seinen Schlaf, während draußen eifrig gearbeitet wurde. Hin und wieder sah einer der Jungs kurz ins Zimmer, doch ansonsten widmeten diese sich ganz der Trankzubereitung.
Nach ungefähr einer Stunde öffnete Snape mühsam die Augen. „Was… was ist passiert?" fragte er verwirrt und versuchte sich aufzurichten, doch Luna hinderte ihn relativ problemlos daran. „Sie haben sich eine Grippe eingefangen", erläuterte sie und öffnete eine der Phiolen mit Aufpäppeltrank, die Poppy Pomfrey auf den Nachttisch gestellt hatte. „Bleiben Sie einfach liegen und ruhen Sie sich aus, Sir. Trinken Sie das, in Ordnung? Das wird Ihnen helfen."
Sanft hob Luna seinen Kopf ein wenig an und hielt ihm die Phiole an die Lippen. Ohne Gegenwehr schluckte er den Inhalt des Fläschchens und erhob auch beim zweiten keine Einwände. Danach sank er ziemlich kraftlos in die Kissen zurück.
„Professor?" Hermine beugte sich ein wenig vor. „Sie werden den Rest dieser Woche nicht unterrichten können, und Madam Pomfrey hat zu viel im Krankenflügel zu tun, um Sie zu vertreten. Soll ich Ihre Stunden übernehmen? Ich meine… wenn Sie mir Ihre Schüler anvertrauen wollen."
Ein schwaches Lächeln spielte um die Mundwinkel des erschöpften Mannes, als er langsam nickte. „Das wäre sehr… nett von Ihnen, Hermine. Und… und Severus genügt, wenn wir nicht gerade im Unterricht sind. Einverstanden?"
Die beiden Mädchen wechselten erstaunte Blicke, nickten aber zustimmend, und der Tränkemeister schloss die Augen wieder. Vorsichtig legte Luna die Hand gegen seine Wange. Erhöhte Temperatur, ja, aber kein richtiges Fieber mehr. Beruhigt fragte sie: „Wie fühlen Sie sich?"
„Ziemlich elend", gab er zu. „Mir ist kalt, ich habe Kopfschmerzen und mein Hirn fühlt sich an, als hätte jemand es mit Watte ausgestopft. Und ich bin müde. – Nun, zumindest weiß ich jetzt, dass ich bisher nichts Großartiges verpasst habe, was Krankheiten angeht."
Luna musste kichern. „Als hätte irgendwer von den anderen sich das freiwillig angetan", bemerkte sie trocken, und Snape schien sich tatsächlich ein kleines Schmunzeln zu verkneifen. „Na schön, Severus, dann mach ich Ihnen jetzt einen Tee, während Sie Hermine erklären, wie Ihr Lehrplan für die kommenden zwei Tage aussieht. Denken Sie, Sie schaffen das?"
„Ich… ich gebe mir Mühe."
