Kaum ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Dieses Sprichwort traf selbstverständlich – wie bei jeder größeren Ansammlung von Kindern und Jugendlichen – auch auf Hogwarts zu. Und jetzt, da Severus Snape krank war und Monica Lupin den größten Teil ihrer Freizeit opferte, um im Krankenflügel auszuhelfen, wartete das Schulsprecherpaar Hermine und Blaise eigentlich nur noch darauf, dass irgendetwas passieren würde.
Lange dauerte das nicht. Doch der Vorfall war völlig anders, als sie und ihre Hauslehrer es erwartet hatten. Keine hitzigen Fluchduelle, keine Angriffe aus dem Hinterhalt. Nein – Sachbeschädigung! Ernsthaft!
Nach der Doppelstunde Zaubertränke, die Hermine am Donnerstag mit den Siebtklässlern aus Ravenclaw und Slytherin abgehalten hatte, trat Blaise Zabini zu ihr ans Pult. „Du bist gut", bemerkte er anerkennend, „du solltest wirklich überlegen, ob du nicht unterrichten willst."
Hermine fühlte, wie sie rot wurde. Ja, sicher, das Unterrichten hatte schon nach diesem einen Tag begonnen, ihr Spaß zu machen. Aber so ein Lob aus Zabinis Mund, der selber ein ziemliches Ass in diesem Fach war, das machte sie tatsächlich sprachlos.
Doch sie musste auch gar nichts erwidern, denn ihr Schulsprecher-Kollege sprach bereits weiter: „Hör mal, ich glaube, es geht los mit dem Kleinkrieg. In der Mittagspause hatte ich eine heulende Zweitklässlerin auf dem Schoß, die sich anscheinend mit einem Gryffindor aus der Zusatzklasse gestritten hat. Er hat ihren Zauberstab zerbrochen, wenn ich das richtig verstanden hab. Was denkst du, können wir Professor Snape stören? Professor Lupin ist informiert. Und sie hat uns neulich gesagt, wenn es Probleme zwischen Slytherins und Gryffindors geben sollte, dann würden sie und Professor Snape sich das gemeinsam anhören. Find ich zwar besser als früher, weil dann beide Seiten an einem Tisch sitzen… aber es gefällt mir nicht sonderlich, den Professor damit belästigen zu müssen, solange er krank ist."
Er sah sie entschuldigend an, als sei sie es, die er wegen einer Streiterei aus dem Bett werfen müsse. „Normalerweise haben wir solche Sachen ja etwas anders geregelt, aber… ich schätze, das ist nicht mehr zeitgemäß, oder? Ich hätte mich selber darum gekümmert, zusammen mit dir, aber ich weiß aus jahrelanger Erfahrung, dass Professor Snape über solche Zwischenfälle Bescheid wissen möchte… wir haben immer geglaubt, er führt eine Liste über solche Sachen und schickt sie regelmäßig an McGonagall, um sie zu ärgern", verriet er mit einem leichten Grinsen.
Hermine schmunzelte. Die Vorstellung war einfach grandios! Aber es passte zu dem Professor, über alles informiert sein zu wollen, was seine Schützlinge betraf. Er hatte ihrem Gemeinschaftsraum in den letzten paar Wochen schon mehr Besuche abgestattet als Minerva McGonagall in den vergangenen sechs Jahren zusammengenommen. Einfach, um auf dem Laufenden zu bleiben, nahm sie an. Und um für seine Schüler erreichbar zu sein. Vielleicht auch, weil das Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und ihm noch ein wenig gestärkt werden musste.
Draco Malfoy hatte seinen neuen Hauskameraden erklärt, dass der Professor das in Slytherin immer so gehandhabt hatte. Besuche ihres Hauslehrers waren für ihn und die anderen nichts Ungewöhnliches gewesen. Und er hatte ihnen, genau wie neulich auch den Gryffindors, klargemacht, dass der Grund dafür nicht war, dass er ihnen nicht vertraute.
Wenn McGonagall im Gryffindor-Turm aufgetaucht war, hatte das fast immer bedeutet, es gab Ärger. Entweder war eine zu laute oder zu langgezogene Party der Grund gewesen, oder irgendjemand hatte sich derartig danebenbenommen, dass sie es für nötig gehalten hatte, denjenigen vor dem gesamten Haus zu tadeln. Oder sie hatte eine Ankündigung zu machen gehabt, weil die Lage im Schloss gefährlich für sie alle gewesen war. Wie damals, als Sirius Black auf der Suche nach Harry Potter ins Schloss eingedrungen war und jeder geglaubt hatte, er wolle ihn töten.
Snape jedoch war gleich am Abend des ersten Schultages im Turm aufgetaucht, was viele der Gryffindors ein wenig verschreckt hatte, und hatte ihnen sachlich, aber durchaus freundlich klar gemacht, was er von ihnen erwartete. Er hatte ihnen erklärt, wo für ihn die Grenzen guten Benehmens lagen, und dass er sie für klug genug hielt, diese nicht zu überschreiten. Nicht nur untereinander, sondern auch im Umgang mit Schülern aus anderen Häusern. Und dass sie ihn bei Problemen jederzeit aufsuchen könnten.
Mit der Erinnerung an diesen Abend im Hinterkopf dachte Hermine über den aktuellen Zwischenfall nach. Blaise hatte Recht. Snape würde davon erfahren wollen. Und wenn es nur war, um mit Monica über die beste Vorgehensweise zu sprechen. Auch er hatte seine Gryffindors über diese neue Art informiert, Probleme zu lösen, und sie stimmte mit Blaise überein, dass das wirklich ein Fortschritt war.
Allerdings hatte sie ebenfalls ihre Bedenken, ihren Lehrer wegen so etwas stören zu müssen. Aber Monica Lupin war eine erfahrene Heilerin und konnte sicherlich besser als sie und Blaise einschätzen, ob Snape sich bereits genug erholt hatte, um sich um die Angelegenheit zu kümmern. Und falls nicht, dann würden sie ihm zumindest Bescheid sagen müssen.
Sie nickte entschlossen und griff nach ihrer Tasche. „Ich denke, du hast Recht. Wir gehen am besten zuerst zu Professor Lupin, und dann gemeinsam zu Professor Snape. Hast du Zeit?"
„Das Abendessen kann warten", entschied Blaise gelassen und nahm ihr zuvorkommend die Tasche ab, während er sie zur Tür des Klassenzimmers begleitete und diese höflich für sie aufhielt. „Ich bin noch nicht unmittelbar am Verhungern."
Hermine musterte ihn von der Seite, als sie neben ihm herging. „Ist das normal?" erkundigte sie sich schließlich ein wenig verwundert. „Ich meine… Ron beispielsweise würde es nie einfallen, meine Tasche zu tragen oder sowas."
Zabini lächelte verhalten. „Für Slytherins ist das normal", bestätigte er in aller Seelenruhe. „Wir haben bei Professor Snape Unterricht in Benehmen gehabt. Er meinte, unser Ruf sei schon schlecht genug, da müssten wir die allgemeine Einschätzung nicht noch bestätigen, indem wir uns aufführen wie rücksichtslose Rüpel. – Ihr habt das einfach nie mitbekommen, weil ein gesitteter Umgang miteinander bisher nicht möglich war, schätze ich mal. Und weil keiner von uns bis zu diesem Jahr je einen Grund gehabt hätte, einem Gryffindor-Mädchen die Tür aufzuhalten."
Er grinste ein wenig verlegen, und Hermine musste lachen. „Sei bloß vorsichtig", empfahl sie in scherzhaftem Ton, „wenn du sowas im Beisein von Lavender oder Parvati abziehst, bist du schneller verheiratet, als du Hallo sagen kannst!"
Blaise schnitt eine Grimasse. „Danke für die Warnung. So weit geht meine Liebe zum Haus Gryffindor dann doch nicht!"
Er blieb vor einer Tür aus poliertem Palisanderholz stehen, klopfte an und blieb abwartend stehen. Hermine trat neben ihn, und im selben Moment schwang die Tür auf.
„Kommen Sie rein, Blaise", rief Monica von einem kleinen Sofa, erkannte Hermine und setzte hinzu: „Du auch, Hermine. Schön, dass du mitgekommen bist. Ich nehme doch an, es geht um Miss Thalia Tallis und Mister Timothy Norton?"
Hermine und Blaise nickten einträchtig und setzten sich, Monicas einladender Geste folgend, in zwei Sessel rechts und links vom Sofa, auf dem neben der jungen Lehrerin ein verheult wirkendes Mädchen hockte, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen und die Finger beider Hände fest um eine kleine bunte Stofftasche geklammert.
Die Kleine erinnerte Hermine ein wenig an das Foto von Snapes Mutter, das sie in einer alten Ausgabe des Tagespropheten entdeckt hatte. Groß für ihr Alter, mager, mit glattem schwarzem Haar und missmutiger Miene saß sie reglos da und schien zu schmollen. Vermutlich war es ihr peinlich, dass andere Schüler ihr verweintes Gesicht sahen. Hermine wäre es jedenfalls so gegangen, wenn sie an ihrer Stelle gewesen wäre.
„Na schön", meinte Monica schließlich entschieden, „zur Sache. Ich habe Professor Snape eine Mitteilung geschickt, und er erwartet uns alle in zehn Minuten in seinem Büro. Miss Weasley ist unterwegs, um auch Mister Norton dorthin zu schicken. Miss Tallis, bitte bringen Sie sich ein wenig in Ordnung, und dann werden wir gehen. Wir sollten nicht zu spät kommen, das macht keinen guten Eindruck. Nun gehen Sie schon, Mädchen, das Badezimmer ist da drüben."
Mit gesenktem Kopf, die Haare als schützenden Vorhang vor dem Gesicht – was Hermine verblüffend an Snape erinnerte – stand die kleine Slytherin auf und verschwand in Monicas Bad.
Ein paar Minuten später klopfte die Waliserin energisch an die Tür, die vom Korridor aus in Snapes Büro führte. Es war besser, nicht den Weg durchs Klassenzimmer zu nehmen, um Neville und seinen Helfern nicht im Weg zu stehen, hatte sie gemeint. Auch wenn die Anzahl von neuen Grippefällen inzwischen zurückging, brauchte Madam Pomfrey immer noch Unmengen an Aufpäppeltrank. Schließlich mussten die Schüler, die sich von der Krankheit erholten, noch regelmäßig damit versorgt werden.
Die Tür öffnete sich vor ihnen, und das kleine Grüppchen trat ein. Hermines Blick fiel auf Snape, der hinter seinem Schreibtisch saß. Bleich wie der Tod, sichtlich erschöpft, mit gerunzelter Stirn und leicht zusammengekniffenen Augen, die ihr verrieten, dass er immer noch Kopfschmerzen haben musste. Es war ihr ein Rätsel, wie er es überhaupt vom Bett bis hierher geschafft hatte, ohne den Teppich zu küssen. Aber wenn ihm etwas wirklich wichtig war, ließ er sich durch nichts in der Welt davon abhalten.
Vermutlich würde er noch mit dem Kopf unter dem Arm daherkommen, wenn einer seiner Schützlinge ein Problem hatte, dachte sie mit einem Anflug von Bewunderung - und überlegte ganz kurz und völlig zusammenhanglos, ob er einem Vergleich mit dem Fast Kopflosen Nick standhalten würde. Doch sie verscheuchte den Gedanken rasch wieder und konzentrierte sich auf den Professor, der sich einen sichtbaren Ruck gab und nun – bis auf einen leicht fiebrigen Glanz in seinen schwarzen Augen – völlig unbeeindruckt wirkte.
Er begrüßte sie mit einem Kopfnicken und wartete ab, bis sie sich alle in Besucherstühlen vor seinem Schreibtisch niedergelassen hatten – bis auf Monica, die sich neben ihn stellte und kurz die Hand gegen seine Stirn legte. "Sind Sie sicher, dass Sie das schaffen?" erkundigte sie sich mit einem leicht besorgten Unterton. "Sie haben immer noch leichtes Fieber, Severus. Vielleicht sollten wir das Ganze einfach ein paar Tage verschieben..."
Doch der Tränkemeister schüttelte nur abwehrend den Kopf und bemerkte ruhig: "Ich halte nichts davon, derartige Dinge auf die lange Bank zu schieben. Zum einen verändert sich das persönliche Empfinden von Wahrheit mit der Zeit, und zum anderen hat Ihre Schülerin momentan keinen Zauberstab, wenn ich das richtig verstanden habe. So wird ihr der Unterricht nicht viel bringen, richtig? Also kümmern wir uns wohl besser sofort darum. Ich komme schon zurecht, keine Sorge."
In diesem Augenblick klopfte es an die Tür zum Klassenzimmer. „Kommen Sie bitte zu uns, Mister Norton", sagte Snape leise, als die Tür aufschwang und Ginny mit einem etwa zwölfjährigen Jungen ins Büro trat. Auch die Vertrauensschülerin warf ihrem Hauslehrer einen deutlich besorgten Blick zu, verließ jedoch schweigend den Raum, als er sie mit einem schwachen Lächeln hinauswinkte.
Hermine kannte Timothy Norton. Er war einer der Muggelstämmigen, denen man im letzten Jahr nicht gestattet hatte, Hogwarts zu besuchen. Ein hochgeschossener Blondschopf, im Normalfall sehr fröhlich und lebendig, der jetzt allerdings ziemlich verängstigt wirkte. Ob das an der Furcht vor Bestrafung lag, an der unerwartet großen Zahl von Leuten im Büro, oder ob er einfach erschrocken darüber war, wie krank sein Hauslehrer aussah, konnte Hermine nicht sagen.
Sie sah Timothy tief Luft holen, bevor er ein wenig zögernd auf die Gruppe am Schreibtisch zukam. Mit gesenktem Blick setzte er sich auf einen freien Stuhl und verknotete seine Finger ineinander – die Verkörperung des schlechten Gewissens.
Ein paar lange Sekunden herrschte Schweigen im Raum. „Ich dachte", sagte der Tränkemeister ebenso leise wie schon vorhin, „dass die Schulleiterin beim Willkommensfest deutlich klargemacht hat, dass Streitereien zwischen Gryffindors und Slytherins nicht mehr so einfach toleriert werden. Ich bin sehr enttäuscht von Ihnen beiden. Ich hätte wirklich gedacht, Sie würden zu anständigen Menschen heranwachsen. Miss Tallis, ich bin ebenso ein Slytherin wie Sie, aber ich nehme nicht an, dass Sie mich je dabei gesehen hätten, wie ich mich mit einem Gryffindor geprügelt habe, richtig? Und Sie, Mister Norton, hätte ich eigentlich nicht für einen Menschen gehalten, der sich von albernen Vorurteilen leiten lässt. Sie sind sich beide darüber klar, dass Sie deswegen von der Schule verwiesen werden können, oder? War es das wert?"
Die Reaktion der beiden Kontrahenten verblüffte sie alle. Die Köpfe der Kinder schossen hoch, und sie sahen Snape verwirrt an. „Wir haben uns nicht gestritten", wagte Timothy schließlich zu sagen. „Und schon gar nicht wegen unserer Häuser. Das war ein Unfall, Sir. Und es tut mir wirklich leid, dass Sie wegen uns aufstehen mussten. Das wollte ich echt nicht."
„Ein Unfall." Der Hauslehrer von Gryffindor sah seinen Schützling mit gehobenen Augenbrauen an. „Erklären Sie mir bitte, was Sie damit meinen?"
Die beiden Kinder tauschten einen verlegenen Blick. „Wir haben draußen gespielt", bekannte Thalia schließlich kaum hörbar. „Timmy war Harry Potter, und ich musste Lord Voldemort sein…"
Hermine biss sich hastig auf die Unterlippe, um nicht laut loszulachen, und sie sah den anderen an, dass sie mit dem gleichen Problem zu kämpfen hatten. Mit so einer Erklärung hatte niemand gerechnet!
„Und…", fügte Timothy widerwillig hinzu, „und dann bin ich irgendwie auf Thalia draufgefallen. Dabei ist der Zauberstab zerbrochen." Er sah von Snape zu Monica und wieder zurück. „Es… es tut mir leid, Sir. Das war wirklich keine Absicht. Ich wollte Sie nicht enttäuschen. Echt nicht."
„Echt nicht", wiederholte Snape leicht amüsiert. „Na, dann hat sich das Aufstehen für mich doch wenigstens gelohnt, Mister Norton. Würden Sie mir verraten, weshalb Sie dann so einen Aufstand veranstaltet haben, Miss Tallis?"
Thalia Tallis lief knallrot an und weigerte sich, irgendjemanden anzusehen. Ihre Finger krallten sich immer noch um die kleine Stofftasche, in der anscheinend die Überreste ihres Zauberstabs steckten.
„Miss Tallis?" hakte Monica nach einer Weile nach. „Würden Sie bitte die Frage beantworten? Ich mag es nicht besonders, wenn halb Slytherin in Aufruhr ist wegen eines lächerlichen Missgeschicks. Ist Ihnen klar, dass Sie damit nicht unbedingt zum Frieden an der Schule beigetragen haben?"
Thalia nickte zögernd, während ihre grauen Augen sich mit dicken Tränen füllten. „Ich hatte Angst", gestand sie schließlich leise. „Wegen des kaputten Zauberstabs. Mein Dad bringt mich um. Wir haben nicht viel Geld, und meine Familie wird lange sparen müssen, um mir einen neuen zu kaufen... ich wusste einfach nicht, was ich tun soll."
„Und da haben Sie beschlossen, die Schuld auf Ihren Freund abzuwälzen, oder wie soll ich das verstehen?" Monica sah nun so streng drein, dass selbst Blaise Zabini eingeschüchtert wirkte. „Miss Tallis, ich habe während meiner kurzen Zeit in Hogwarts schon viel Negatives über Slytherin gehört. Aber ich hätte wirklich nicht gedacht, dass einer meiner Schüler aus Feigheit einen anderen beschuldigen würde. Sie sabotieren damit sehr gekonnt die Bemühungen von Professor Snape und mir, die Beziehungen zwischen unseren Häusern zu verbessern."
Die kleine Slytherin schluchzte leise auf, und Tränen rannen ihr übers Gesicht. „Das wollte ich nicht", brachte sie mühsam heraus. „Es tut mir leid, Professor…"
„Also", lenkte Snape die Aufmerksamkeit wieder auf sich, „was machen wir nun mit Ihnen beiden? Mister Norton, haben Sie vielleicht einen Vorschlag?"
Erstaunt sah Hermine ihn an. Er fragte Timmy? Doch als sie den kleinen Gryffindor musterte, wurde ihr rasch klar weshalb. Timothy Norton schnellte beinahe von seinem Sitz hoch, so eifrig war er dabei, die Frage seines Lehrers zu beantworten. Offensichtlich war für Snapes erfahrenen Blick schon länger ersichtlich gewesen, dass der Junge etwas beizutragen hatte.
„Ich könnte Thalias Dad schreiben und ihm sagen, dass sie den Zauberstab nicht mit Absicht kaputtgemacht hat. Und… und ich würde ihr auch das Geld für einen neuen leihen, aber so viel hab ich nicht. Und meine Familie auch nicht." Der Blondschopf sah ziemlich geknickt aus, als er seiner Spielkameradin einen entschuldigenden Blick zuwarf. „Tut mir echt leid, Thalia. Ich kann mit Mr Ollivander reden. Vielleicht macht er dir einen neuen, und ich werde es dann bei ihm abarbeiten oder so."
Kopfschüttelnd verfolgten die beiden Hauslehrer und die Schulsprecher diesen sehr ernst vorgetragenen Vorschlag. Schließlich räusperte sich Snape, der sich eben noch flüsternd mit Monica Lupin besprochen hatte, um Timothy zu unterbrechen. Der hielt sofort inne und richtete die Augen aufmerksam auf seinen Lehrer.
Dieser fuhr sich erschöpft mit den Händen übers Gesicht - ein deutliches Zeichen dafür, dass er noch Zeit brauchen würde, um sich zu erholen - bevor er sich an die beiden Delinquenten wandte. „Das ist sehr großzügig von Ihnen, Mister Norton, aber ich denke, es geht auch einfacher."
Gespannt darauf, was der Tränkemeister sich zu diesem Thema ausgedacht hatte, lehnte sich sogar Hermine in ihrem Stuhl ein wenig vor. Snape war kreativ, das wusste sie. Ganz egal in welcher Situation. Und es interessierte sie brennend, wie er dieses Problem zu lösen gedachte. Er hatte mit Sicherheit einen guten Vorschlag.
Dass eine Familie nicht reich war, kannte er aus eigener Erfahrung. Zauberstäbe, das war jedem klar, kosteten eine Menge Geld, und sie nahm nicht an, dass Mr Ollivander tatsächlich erlauben würde, dass Timothy den Betrag bei ihm abarbeitete.
„Miss Tallis, Sie werden sich bitte am Samstagmorgen mit Professor Hagrid treffen. Uhrzeit und Treffpunkt kläre ich mit ihm ab. Er wird Sie in die Winkelgasse begleiten, damit Sie sich bei Mr Ollivander einen neuen Zauberstab besorgen können. Ohne Ihr Werkzeug können Sie im Unterricht ja nicht viel ausrichten, nicht wahr?"
Seine Miene war durchaus freundlich, als er fortfuhr: „Ich werde die Kosten für den Zauberstab übernehmen, und ich erwarte, dass Sie den Betrag bei mir abarbeiten. Da Sie beide anscheinend gleich viel Schuld an dem Unfall tragen, werden Sie auch beide die Ehre haben, für Mr Longbottom den Spüldienst zu übernehmen. Vorläufig bis zu den Ferien. Sie können sofort damit anfangen. Professor Lupin und ich werden uns in der Zwischenzeit überlegen, ob es wirklich notwendig ist, Ihre Eltern zu benachrichtigen. Meiner Einschätzung nach macht es nicht viel Sinn, auch noch Ihre Familien in Aufruhr zu versetzen. Ich denke, bei guter Führung Ihrerseits können wir darauf verzichten. Gehen Sie jetzt bitte nach draußen und melden Sie sich bei Mr Longbottom. Beide. Ich verlasse mich aber darauf, dass Sie Ihren Eltern selber erzählen, was passiert ist. So viel Ehrlichkeit kann ich wohl von Ihnen erwarten, nicht wahr?""
„Und Sie werden beide zusammen den Slytherins und Gryffindors erklären, was der Grund für diesen völlig sinnlosen Aufstand war", fügte Monica ernst hinzu. „Ich möchte nie wieder erleben, dass sich eine Schülerin aus meinem Haus mit einer Lüge vor der Verantwortung zu drücken versucht. Haben wir uns verstanden?"
Die beiden Kinder nickten, beschämt und erleichtert gleichermaßen, und stoben dann auf Snapes Wink hin wie zwei kleine Klatscher zu Neville ins Klassenzimmer hinaus, während die beiden Hauslehrer sich ziemlich zufrieden angrinsten. Monica kicherte. „Du liebe Güte, Severus, mit so einem Konflikt hätte ich nicht im Geringsten gerechnet!"
Ihr Kollege lachte leise. „Ich auch nicht. Aber es war irgendwie beeindruckend, meinen Sie nicht? Potter gegen Voldemort – ich bitte Sie! Dass da Zauberstäbe zu Bruch gehen würden, war doch vorauszusehen, oder? Die beiden haben sich wirklich genau an die Vorlage gehalten… Aber ich muss Ihnen ein Kompliment machen. Sie sind wunderbar streng gewesen. Ich hätte eher damit gerechnet, dass Sie anfangen zu giggeln wie ein Teenager."
„Sie, werden Sie nicht frech, ja?" Monica schlug ihm spielerisch gegen die Schulter. „Ich kann inzwischen recht gut mit den kleinen Schlangen umgehen, da stellt ein ausgewachsenes Exemplar bestimmt auch kein größeres Problem dar. Wissen Sie, ich liebe meine Slytherins. Auch wenn man sich manchmal einfach nur brüllend auf dem Boden wälzen möchte, oder?" Sie maß ihren Kollegen mit einem besorgten Blick und fügte wesentlich ernster hinzu: „Kommen Sie, Severus, Sie sollten sich wieder hinlegen. Das war genug Anstrengung für heute."
Hilfsbereit griff sie nach seinem Arm, als er langsam aufstand, und begleitete ihn in seine Wohnung, während Blaise und Hermine sich der Tür zum Klassenzimmer für Zaubertränke zuwandten. Und wie schon vorhin hielt Blaise diese für Hermine offen.
Sie bedankte sich mit einem Lächeln. Diese Eigenschaft an den Slytherins fand sie eindeutig positiv. Nebeneinander traten sie zu Neville, der zusammen mit Luna und Draco am Nachschub für den Krankenflügel arbeitete, und erzählten ihm flüsternd, wie Snape und Monica mit den beiden Kindern umgegangen waren.
„Ach so, deswegen sind die vorhin aufgetaucht", bemerkte Neville grinsend, „ich hab mich schon gewundert. Strafarbeit also, was? Na, immerhin machen sie was Sinnvolles. Das Zeug immer wieder sauberzumachen, nimmt schon eine Menge Zeit in Anspruch. Gibt´s ne Zeitangabe oder sowas? Nicht dass wir die beiden zu früh gehen lassen…"
Blaise Zabinis Antwort zeigte Hermine wieder einmal ganz deutlich, dass der dunkelhäutige junge Mann Führungsqualitäten hatte. „Nein, da gibt´s keine klare Ansage. Ich würde sagen, du darfst sie jeden Tag zwischen Unterrichtsende und Abendessen einspannen, und wenn es viel zu tun gibt, danach vielleicht nochmal eine Stunde. Aber nicht mehr. Sie brauchen ja auch noch Zeit, um ihre Hausaufgaben zu machen… und Thalia darf außerdem einen Aufsatz für mich schreiben", fügte er hinzu, „über Lügen und ihre Auswirkungen."
Neville starrte ihn mit offenem Mund an. „Wie jetzt, du gibst ihr eine zusätzliche Strafaufgabe? Einfach so?"
„Nicht einfach so." Blaise lehnte sich mit verschränkten Armen ans Lehrerpult und setzte zu einer Erklärung an. „Ich weiß ja nicht, wie es bei euch ist, aber in Slytherin ist der älteste Vertrauensschüler die Vertretung des Hauslehrers… oder eben der Schulsprecher, wenn der aus unserem Haus kommt. Bei Zwischenfällen, die dem Ruf unseres Hauses schaden oder einen von uns in Gefahr gebracht haben, gibt es grundsätzlich eine weitere, hausinterne Strafe. Möglichst etwas, das die Schuldigen zum Nachdenken anregt. Thalia wird diesen Aufsatz schreiben und ihn dann vor allen im Gemeinschaftsraum vorlesen."
„Ganz schön heftig", fand Neville und hob einen Kessel vom Feuer. „Aber ich erkenn den Sinn dahinter. Eine Strafe, die das ganze Haus mitbekommt, tut richtig weh. Wesentlich mehr, als wenn man nur Sätze schreiben müsste. Kein dummer Gedanke."
„Wer seinem Haus Schaden zufügt, muss das auch vor dem ganzen Haus büßen", sagte Hermine nachdenklich. „Das ist nur gerecht, finde ich. – Wie oft hast du schon was vorlesen müssen, Draco?" fügte sie in neckendem Tonfall hinzu.
Der Blonde grinste. „Oft genug", erklärte er mit einem bezeichnenden Seitenblick auf die beiden Kinder, die beim Kesselschrubben sichtlich die Ohren spitzten. „Dabei ist das echt noch zivil. Es gab auch schon Samstage, die ich mit Kloputzen verbracht hab… nach der Sache mit dem Hippogreif zum Beispiel. Flint war damals echt angepisst, kann ich euch sagen."
