Mit einem erleichterten Aufatmen verließ Severus den Krankenflügel. Poppy Pomfrey hatte ihn entsetzlich gründlich untersucht und ihm erst nach über einer Stunde bescheinigt, dass er wieder fit genug war, um am Montag – also schon morgen – zu arbeiten. Allerdings nicht, ohne ihm noch einen kleinen Karton mit Phiolen voller Aufpäppeltrank mitzugeben und ihn zu ermahnen, unbedingt nach jeder Mahlzeit eine Dosis von dem Zeug einzunehmen. Die ganze Woche über!
Grummelnd hatte er ihr versprochen, daran zu denken, und hatte sich dann schleunigst aus dem Staub gemacht, bevor ihr noch weitere Möglichkeiten einfallen konnten, ihn zu betütteln. Fast sehnsüchtig dachte er an die Zeiten, als sie sich im besten Fall aus dem Weg gegangen waren und sich im schlimmsten auf recht bemerkenswerte Weise angefaucht oder versucht hatten, sich an Sturheit gegenseitig zu überbieten!
Diese Zeiten waren vorbei. Die Schulheilerin hatte sich anscheinend vorgenommen, jede Minute des letzten Jahres wiedergutzumachen, die er – ihrer Meinung nach – ohne ihre Unterstützung Höllenqualen hatte erleiden müssen. Gut, damit lag sie zugegebenermaßen nicht ganz falsch. Doch Severus fand es nicht besonders angenehm, dass sie ununterbrochen um ihn herumwuselte und ihn behandelte wie ein rohes Ei. Wenn man ihn gefragt hätte, welche Variante von Poppy ihm besser gefiel, dann hätte er wirklich Schwierigkeiten damit gehabt, diese Frage ehrlich zu beantworten!
Es war ein Hoffnungsschimmer, dass er diese elende Grippe endlich überstanden hatte. Immerhin bestand nun die Möglichkeit, ihrer lästigen Fürsorge ein wenig einfacher aus dem Weg gehen zu können. Doch trotz dieser wundervollen Aussicht lag ihm der morgige Tag schwer im Magen.
Nicht der Gedanke auf den Unterricht machte ihm zu schaffen. Auch nicht die Vorstellung, dass der Montag der Tag in der Woche war, an dem er keine einzige Freistunde haben würde. Beileibe nicht! Severus freute sich auf den Unterricht. Er hatte lange genug gefaulenzt – gezwungenermaßen!
Nein, es war die Professorin für Kräuterkunde, die ihm Sorgen machte. Und die Tatsache, dass er völlig hilflos vor einer komplett neuen Aufgabe stand, ohne den geringsten Anhaltspunkt, wie er die Sache angehen sollte. Und so ungern er es sich auch eingestand: er brauchte Hilfe. Verdammt!
Zu Monica konnte er mit diesem speziellen Problem nicht gehen. Sie würde ihn erst ein bisschen damit aufziehen und ihm dann sagen, er solle sich nicht so anstellen. Das Ganze sei doch keine große Sache, wirklich nicht!
Er war so tief in seine Grübeleien versunken, dass er nicht einmal bemerkte, wohin seine Füße ihn trugen, und ganz unvermittelt stand er vor der nackten Wand, die von Zeit zu Zeit eine Tür besaß. Dann, wenn sie gebraucht wurde.
Die Tür zum Raum der Wünsche, wo sich ihre kleine Gruppe ziemlich regelmäßig traf, um sich über ihre mangelnden Erfolge auszutauschen, etwas Neues und hoffentlich Hilfreiches über das Dunkle Mal herauszufinden.
Die Tür war da. Also war er eindeutig nicht der Einzige, den das Schicksal hierher geführt hatte. Mit etwas Glück…
Zögernd öffnete Severus die Tür und betrat die gemütliche kleine Forschungsstation, in der er sich inzwischen schon fast wie zuhause fühlte. Und das Schicksal schien es weiterhin gut mit ihm zu meinen: eine große Tasse Tee in der Hand und ein Buch auf den Knien, saß Luna Lovegood auf dem dicken Teppich vor dem Kamin. Allein.
Sie wandte sich lächelnd zu ihm um und begrüßte ihn freundlich: „Hallo, Severus. Sie sehen besser aus als neulich. Wie geht´s Ihnen?"
Luna war einfach perfekt. Mit ihrer unbekümmerten Art, ihrer manchmal wirklich nervenden Eigenschaft, allem – und das hieß tatsächlich: allem – von Anfang an offen gegenüberzustehen, und ihrem erstaunlich wendigen Verstand konnte sie ihm wohl am ehesten einen Rat geben.
„Wieder gut, danke", gab er zurück. „Poppy hat mich endlich in die Freiheit entlassen. Ich dachte schon, sie würde mich nie wieder arbeiten lassen. Manchmal ist sie wirklich furchtbar überfürsorglich, ehrlich gesagt. – Was machen Sie hier, Luna?"
„Ich lerne. In unserem Turm ist es heute einfach viel zu laut, deshalb bin ich hierhergekommen." Das Mädchen stand langsam auf, legte das Buch auf den Couchtisch und stellte die Teetasse daneben. „Möchten Sie auch einen Tee?"
Tee. Unbedingt. Seit Mittwoch hatte er nichts anderes bekommen als Tee, Tee, Tee. Und eine Menge Aufpäppeltrank natürlich. Er brauchte endlich etwas Anständiges!
„Ich kann keinen Tee mehr sehen", gestand er deshalb mit einem verlegenen Lächeln. „Kaffee wäre mir wirklich lieber."
„Da kann ich Ihnen helfen", schmunzelte die junge Frau. Umstandslos marschierte sie auf die Küchenzeile zu, und kurz darauf drückte sie ihm einen großen Becher in die Hand. Ein verlockender Duft stieg daraus auf, und Severus seufzte zufrieden. Unglaublich, wie sehr man etwas so Alltägliches wie eine Tasse Kaffee vermissen konnte!
Noch im Stehen nahm er den ersten Schluck, doch Luna Lovegood legte eine Hand auf seinen Rücken und schob ihn nachdrücklich in Richtung Sofa: „Mein Dad sagt immer, Kaffee muss man genießen. Und das geht doch viel einfacher, wenn Sie sich dazu hinsetzen, meinen Sie nicht auch?"
Da hatte ihr Daddy wirklich eine zutreffende Aussage gemacht. Erstaunlich eigentlich, wenn man Xeno Lovegood kannte! Aber selbst er hatte wohl seine hellen Momente.
Severus verkniff sich jeglichen Kommentar dazu und setzte sich widerspruchslos hin. Weite Wege schafften es immer noch, ihn zu erschöpfen. Ein Wunder war das natürlich nicht nach einer richtigen Grippe, doch es erschreckte ihn trotzdem ein bisschen. Er hatte sich bisher für ausgesprochen zäh gehalten, doch momentan zitterten ihm bereits in der Eingangshalle die Knie, wenn er aus seinen Kerkern zum Essen heraufkam. Was er Poppy selbstredend wohlweislich verschwiegen hatte!
Luna zwang ihn nicht zu flacher Konversation. Sie setzte sich neben ihn, öffnete ihr Buch und begann wieder zu lesen. Ihre Fähigkeit, sich kompromisslos mit einer bestimmten Sache zu beschäftigen, war wirklich faszinierend! Wenn sie las, dann las sie. Wenn sie sich unterhielt, dann gehörte ihrem Gesprächspartner ihre volle Aufmerksamkeit. Einfach so. Severus hatte noch nie jemanden kennengelernt, der auch nur annähernd mit Luna Lovegood vergleichbar gewesen wäre. Allerdings stand er nun vor dem Problem, sie bei ihrer Lektüre stören zu müssen.
Doch ein Gespräch zu beginnen, war gar nicht so einfach. Und das lag nicht mal daran, dass Luna sich mit ihrem Buch beschäftigte. Der Grund war schlicht und ergreifend, dass Severus sich nicht traute, mit seinem Anliegen herauszurücken.
Das war dumm, und er wusste es. Aber das Thema war ein bisschen… heikel. Zumindest für ihn. Auch wenn er sich ziemlich sicher war, dass Luna ihn nicht auslachen würde. In dieser Beziehung konnte sie ihn vermutlich am besten verstehen; immerhin war sie während ihrer ersten Jahre in Hogwarts auch so eine Art Außenseiterin gewesen, nicht wahr? Die Problematik mit dem Zwischenmenschlichen war ihr garantiert vertraut. Nur… er konnte ja schlecht einfach mit der Tür ins Haus fallen, oder?
Mit einem äußerst unbehaglichen Gefühl im Magen starrte Severus in seinen Kaffeebecher. Und schwieg. Und schwieg.
Bis sich ein Finger unter sein Kinn legte und es sanft anhob. Wohl oder übel musste er Luna ansehen, die ihn ruhig musterte. „Was beschäftigt Sie denn, Severus?" fragte sie leise. „Sie sehen aus, als würden Sie platzen, wenn Sie nicht bald darüber reden können."
Empathin. Natürlich. Wie hatte er das vergessen können? Luna Lovegood hatte seine Anspannung gespürt und ihm den entscheidenden Schubser versetzt, der es ihm endlich möglich machte, seine Schwierigkeiten in Worte zu fassen.
„Ich habe ein Problem, Luna", gab er ein wenig verlegen zu. „Eine Kollegin hat mich für morgen Nachmittag zum Tee eingeladen. Ich weiß, das hört sich unglaublich dumm an, aber ich habe keine Ahnung, was ich jetzt tun soll."
Luna lachte nicht. Sie schloss ihr Buch und legte es beiseite. Ihre hellen blauen Augen richteten sich aufmerksam auf ihn. „Das klingt so, als wäre Ihre letzte Verabredung schon eine Weile her."
„Es ist keine richtige Verabredung", beeilte Severus sich damit, die Sache klarzustellen. „Die Kollegin ist Professor Sprout. Ich nehme nicht an, dass sie… etwas Derartiges im Sinn hat." Er fühlte, wie seine Wangen heiß wurden, und musste der unangenehmen Tatsache ins Auge sehen, dass er höchstwahrscheinlich die Farbe einer reifen Tomate angenommen hatte.
„Oh." Luna nickte nachdenklich. „Da haben Sie sicher Recht. Ein Glück, denn mit richtigen Verabredungen hab ich keine große Erfahrung… und Ihre hält sich wohl auch in Grenzen, wenn ich Ihre Reaktion nicht falsch ausgelegt hab, richtig?"
Er schwieg mit zusammengepressten Lippen und gesenktem Blick, klammerte die Finger um seinen Becher und fragte sich mit wachsender Verzweiflung, wie rot man eigentlich werden konnte. Manchmal war Lunas Offenheit ehrlich gesagt absolut furchteinflößend!
„Sie hatten also noch keine richtige Freundin?" fragte sie nach einigen Sekunden der Stille, doch etwas in ihrem Ton dämpfte wundersamerweise seine Nervosität, so dass er zumindest mit einem leichten Kopfschütteln antworten konnte, ohne sich unglaublich dumm vorzukommen.
„Kein Grund sich zu schämen", bemerkte sie sanft. „Sie hatten ja in der Vergangenheit nicht gerade viel Zeit für solche Dinge, nicht wahr? Das kommt schon noch. Keine Sorge. Daddy sagt, die Liebe kommt erst dann, wenn man für sie bereit ist. Ich denke, er hat Recht, wissen Sie?"
Sie schubste ihn leicht mit der Schulter an. „Sie müssen sich nur mal mich ansehen, Severus, da haben Sie das beste Beispiel vor Augen. Bevor ich nach Hogwarts gekommen bin, habe ich keine Gleichaltrigen gekannt. Und die ersten paar Jahre hier in der Schule war ich ganz sicher das, was man einen Einzelgänger nennen würde. Während dieser Zeit wäre ich mit einer festen Beziehung komplett überfordert gewesen. Mit Freundschaften vermutlich genauso. Ich musste erst lernen, mit den anderen umzugehen und mich auf sie einzulassen. Dabei war meine empathische Gabe nicht sehr hilfreich."
Sie nippte kurz an ihrem Tee und fuhr fort: „Hunderte von Schülern haben eine erschreckende Menge an Gefühlen, wissen Sie? Und die sind alle auf mich eingeprasselt wie Hagelkörner. Wie schlimm das ist, kann sich ein nicht empathischer Mensch überhaupt nicht vorstellen. Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um nicht schreiend davonzurennen. Deswegen bin ich am Anfang auf Abstand zu allen gegangen, bis mein Verstand gelernt hatte, diese Masse auszublenden. Hätte ich damals eine Lehrerin wie Monica gehabt, wäre es wahrscheinlich viel leichter gewesen. Aber so musste ich eben allein zurechtkommen. Und dann hat Harry die DA gegründet, was ein echtes Glück für mich war. Beim Training haben sich die Leute nämlich auf ihre Flüche konzentriert, und dadurch gab es wesentlich weniger Durcheinander an Gefühlen. Das hat mir wirklich geholfen, und ich hab dort sogar ein paar Freunde gefunden. Und ich hab Neville kennengelernt. Es hat aber eine ganze Weile gedauert, bis wir uns ineinander verliebt haben. Erst, als wir beide bereit dafür waren. Und das hat bei Neville fast genauso lange gedauert wie bei mir. Er war anfangs ein bisschen schüchtern, wissen Sie?"
„Wie können Sie wissen, dass das wirklich Liebe und nicht nur eine enge Freundschaft ist?"
Die Frage war ihm herausgeschlüpft, bevor er es hätte verhindern können. Bevor er auch nur darüber nachgedacht hatte. Doch mit Luna war es verhältnismäßig einfach, dieses Thema anzuschneiden.
Auch er hatte als Schüler geglaubt, mit Lily würde ihn wesentlich mehr verbinden als nur Freundschaft. Und er war bitter enttäuscht worden. Sie hatte die Gesellschaft von James Potter vorgezogen, und für ihn war eine Welt zusammengebrochen.
Die junge Ravenclaw schien zu wissen, woran er dachte. Bedächtig trank sie noch einen Schluck von ihrem Tee und stellte die Tasse dann weg, um stattdessen ihren Arm sanft um seine Schultern zu legen. „Sie waren in Harrys Mum verliebt, nicht wahr?" fragte sie sehr behutsam und griff mit der freien Hand nach der seinen. „Wissen Sie, Severus, wenn man noch so jung ist wie Sie damals, dann kann man das schon mal verwechseln. Freundschaft und Liebe, meine ich. Aber mit der Zeit lernt man es zu unterscheiden."
„Wie denn?" Severus konnte nicht verhindern, dass seine Frage ein wenig resigniert klang. Doch Luna hatte offensichtlich Verständnis dafür. Sie rückte ein wenig näher an ihn heran und erklärte: „Ich kann mir vorstellen, dass Sie Harrys Mum wirklich gern gemocht haben. Immerhin war sie ja wohl eine der wenigen Leute in der Schule, die nett zu Ihnen waren, richtig? Und Sie waren Teenager – die neigen oft dazu, Gefühle überzubewerten. In diesem Alter ist es für viele schon die große Liebe, wenn sie beim Aufwachen immer an denselben Menschen denken. Sie halten Verliebtsein für Liebe, aber genauso schnell ist die Sache dann oft auch wieder vorbei. Und dann ist die Enttäuschung groß. Solche Phasen macht man ein paarmal durch, bis man dann den Unterschied erkennt."
Ein paarmal? Severus hielt mit einiger Mühe ein bitteres Auflachen zurück; wenn man alles zusammenzählte, war Lily bisher das einzige Mal gewesen… außer der leisen Hoffnung, die er verspürte, wenn er an Monica Lupin dachte. Würde das das zweite Mal werden? Maß er ihrer Freundlichkeit ebenfalls zu viel Bedeutung zu? Bildete er sich da etwas ein, nur weil sie ihn wie einen Menschen behandelte und zufällig – im Gegensatz zu der kleinen Gruppe von Schülern, mit denen er so eine Art Freundschaft aufgebaut hatte – in seinem Alter war?
Ernüchtert stellte er fest, dass seine Gefühle für sie nicht einmal so weit gingen, dass er beim Aufstehen als erstes an sie dachte. Er mochte sie, ja. Er fühlte sich wohl in ihrer Gesellschaft und war dankbar für ihre Fürsorge, aber das galt genauso für Ginny, Luna und die anderen jungen Leute. Also wohl doch das zweite Mal, oder?
Unwillkürlich seufzte er leise auf. Und Luna schien ihn wieder einmal mühelos lesen zu können, selbst wenn er den Blick gesenkt hielt. Sie schubste ihn erneut sanft mit der Schulter an und sagte leise: „Liebe ist etwas viel Größeres. Wenn man morgens aufsteht und als allererstes an jemand Bestimmten denkt, ist das noch keine Liebe. Ich wache oft auf und frage mich, wie es Ihnen geht. Oder was Ronald zum Frühstück essen wird. Das ist aber noch lange nicht diese enge Bindung, die die Grundlage für echte Liebe ist, wissen Sie?"
Das klang beinahe, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Und jetzt – endlich – wagte Severus es, sie wieder anzusehen. Sie lächelte ganz leicht, als sie sagte: „Liebe ist, wenn man plötzlich bemerkt, dass man die eine Hälfte von sich selber gefunden hat, von der man bisher nicht mal gewusst hat, dass man sie vermisst. So ist es jedenfalls für mich. Oder zumindest ist das die einzige Art, wie ich es einigermaßen verständlich beschreiben kann. Sie werden es wissen, wenn es so weit ist, glauben Sie mir. Und auch Sie werden jemanden finden, der genau diese fehlende Hälfte zu Ihnen zurückbringt. Sobald Sie dafür bereit sind."
Sie drückte seine Hand, und er versuchte ein wenig scheu zu lächeln, was ihn selber am meisten erstaunte. Doch Luna bewies wieder einmal, dass sie ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt hatte, drückte ihn kurz an sich und wandte sich dann kurzentschlossen seinem aktuellen Problem zu: „Aber ich denke, mit Professor Sprout besteht da keine Gefahr. Also, wie kann ich Ihnen bei der Sache helfen?"
Severus, erleichtert darüber, dass sie ihm so bereitwillig ihre Hilfe anbot, dachte eingehend über seine Antwort nach. „Ich… Luna, ich habe keine Ahnung, wie man sich bei solchen Verabredungen verhält. Halten Sie mich nicht für albern, bitte, aber Pomona ist die erste, die sich tatsächlich außerdienstlich mit mir abgeben will. Ich möchte einfach nicht zu viel falsch machen."
„Was genau ist Ihnen denn unklar?" fragte das Mädchen nach. „Die Kleiderfrage? Ob Sie ihr was mitbringen sollen? Oder worüber Sie mit ihr reden könnten?"
„Um es kurz zu machen: alles davon", erklärte er mit einem resignierten Seufzen, doch Luna lachte nur leise. Ihr Arm lag immer noch um seine Schultern, und wieder drückte sie ihn ein wenig an sich. Was seltsam beruhigend und tröstend war.
„In Ordnung. Dann wollen wir mal sehen. Ich gehe davon aus, dass Sie sich in ihrer Personalwohnung treffen werden, richtig? Also brauchen Sie sich eigentlich nicht groß umzuziehen. Vielleicht ziehen Sie sich einfach einen anderen Umhang über, aber mehr ist nicht nötig, denke ich. Was das Gesprächsthema angeht, das ist auch leicht. Vergessen Sie nicht, die Einladung kam von ihr. Das bedeutet ziemlich sicher, dass sie neugierig auf Sie ist. Sie können sich also getrost darauf verlassen, dass Ihre Kollegin Sie ein bisschen ausfragen wird. Sie müssen einfach nur antworten, und schon haben Sie Ihr Gespräch. Und ich an Ihrer Stelle würde ihr eine Kleinigkeit mitbringen. Als Dankeschön für die Einladung, wissen Sie?"
Bei Luna hörte sich das alles wunderbar einfach an. Severus fragte sich inzwischen ernsthaft, weshalb er sich eigentlich solche Sorgen wegen einer simplen Einladung gemacht hatte. Doch eine Frage blieb noch.
„Und was genau bringt man jemandem wie Pomona mit?" erkundigte er sich ziemlich ratlos. „Eine Pflanze?"
Luna schmunzelte. „Nein, ich nehme mal an, davon hat sie selbst schon genug, Severus. Aber die Richtung ist gar nicht mal so verkehrt… Was halten Sie von Tee? Ich möchte wetten, Sie sind nicht unbegabt darin, selber eine schöne Mischung zusammenzustellen."
„Tee." Severus runzelte die Stirn. „Vielleicht haben Sie Recht, Luna. Tee ist eine gute Idee…"
Es war in der Tat eine gute Idee. Doch Severus wäre nicht Severus gewesen, wenn er den Plan nicht ein wenig verfeinert hätte. Tee war gut und recht – aber wenn er sich schon die Mühe machte, dann sollte das Geschenk auch zu seiner Kollegin passen. Zumindest ansatzweise.
Bodenständig, erdverbunden, ein wenig herb, aber mit viel Wärme und einem Hauch von Blüten. Das war die Aufgabenstellung. Und seine Vorräte belieferten ihn mit allem, was er dafür brauchte: Schwarztee, Brombeeren, Holunder- und Lavendelblüten, Zitronenmelisse.
„Na, wie ist es gelaufen?" fragte Luna Lovegood ihn am Dienstag, als sie ihm auf dem Weg zum Frühstück begegnete. Und Severus konnte tatsächlich voller Stolz vermelden, dass seine Verabredung zum Tee erfolgreich verlaufen war. Was nicht zuletzt an seinem doch sehr speziellen Geschenk gelegen haben dürfte. Und an der offenen Freundlichkeit seiner Gastgeberin, die es ihm nicht übelnahm, dass er zweifellos ein wenig steif gewesen war. Zumindest am Anfang.
Doch nach einer kurzen Eingewöhnungsphase hatten sie sich eigentlich recht nett unterhalten, wobei sich seine Kollegin sehr für eine Zusammenarbeit mit ihm interessierte, da sie beide als Hauslehrer tätig waren. Was die Einladung zufriedenstellend erklärte: ganz offensichtlich hatte sich das kleine Straftribunal vom Donnerstag im Kollegium herumgesprochen!
Seine Vergangenheit kam nicht ein einziges Mal zur Sprache, wofür er der stämmigen Hexe wirklich dankbar war. Bei diesem Thema wäre er sich äußerst unsicher gewesen, wie viel Offenheit sie erwartete und wie viel er bereit sein würde zu erzählen. Doch die Kollegin kümmerte sich anscheinend lieber um die unmittelbare Zukunft.
Sie waren schnell übereingekommen, Schwierigkeiten zwischen ihren Häusern genauso zu handhaben, wie er und Monica es hielten, und Pomona Sprout erbot sich, diesbezüglich auch mit Flitwick zu sprechen, um bei der Leitung der Häuser eine einheitliche Linie zu gewährleisten.
Nach guten zwei Stunden verabschiedete sie ihn sehr freundlich – und in der kurzen Pause am Vormittag hatte Severus heute im Lehrerzimmer die angenehme Erfahrung gemacht, von einer Kollegin mit einer frischen Tasse Kaffee versorgt zu werden. Allein dafür hatte sich das ganze Drama doch schon gelohnt!
