Severus fuhr aus dem Schlaf hoch. Das dritte Mal heute Nacht, und er war erst vor zwei Stunden ins Bett gegangen. In der letzten Zeit wurde es immer unerträglicher, überhaupt zu schlafen. Doch natürlich blieb am Ende die Erschöpfung grundsätzlich Sieger, egal wie sehr er sich darum bemühte, wach zu bleiben. Er schüttelte den Kopf, um die letzten Traumfetzen aus seinem Verstand zu verbannen, doch das war nicht so einfach.

Die deprimierenden Eindrücke des Albtraums schienen sich beharrlich an sein Bewusstsein zu klammern und verblassten nur langsam: Hogwarts, grau in grau, leicht unwirklich in den allgegenwärtigen Nebelschwaden, nur noch ein schwächlicher Schatten des Schlosses, das so viele Jahre seine Zuflucht gewesen war. Die Schüler, ordentlich angetreten wie kleine, gut gedrillte Soldaten. Die Carrows, zuständig für Disziplin, jederzeit bereit, die kleinsten Fehltritte unnachgiebig zu bestrafen.

Schaudernd vergrub sich der Tränkemeister unter der warmen Decke, schloss die Augen und versuchte die Erinnerungen zu verdrängen. Unnötig zu erwähnen, dass es nicht funktionierte. Diese Eindrücke waren einfach zu stark gewesen, als dass man sie einfach hätte abschütteln können. Immer wieder kamen sie an die Oberfläche und nagten an seinem Unterbewusstsein, bis sie schließlich in seinen Albträumen die Oberhand gewannen.

Hogwarts hatte seine lebendige, positive Magie verloren im vergangenen Jahr. Es schien, als sei sie zusammen mit Albus Dumbledore verschwunden. Etwas Finsteres und Bedrohliches hatte sich stattdessen zwischen die dicken Mauern geschlichen und sich hartnäckig wie ein bösartiger Schimmelpilz im Schloss eingenistet.

Nun, geschlichen war nicht die richtige Bezeichnung dafür. Es hatte sich rücksichtslos hereingedrängt und die altehrwürdige Schule in Besitz genommen. Voldemorts Intention, Hogwarts zu übernehmen, war Wirklichkeit geworden. Seine Leute, an den richtigen Stellen im Ministerium positioniert, hatten nach Dumbledores Tod – dem Mord an Albus Dumbledore, korrigierte er sich – einen ausgesprochen geeigneten Ersatz gefunden. Ihn. Eine Farce, wie Severus sehr wohl bewusst gewesen war, denn diese Stellenbesetzung war bereits lange im Voraus sorgfältig geplant worden.

Und ihm zur Seite standen – mehr zur Kontrolle denn zur Unterstützung, wie er genau wusste – Alecto und Amycus Carrow. Zwei niederrangige Todesser aus dem dritten Zirkel, gerade mal für würdig befunden, das Dunkle Mal zu tragen. Nur eine winzige Stufe höher als Greyback und Konsorten, waren die beiden Geschwister selbstverständlich höchst interessiert daran, sich ein bisschen mehr Ansehen zu verdienen. Für sie war der Aufstieg in den zweiten Zirkel durch den angebotenen Job in greifbare Nähe gerückt. Und natürlich wollten sie dem Dunklen Lord ihre Loyalität und ihren Wert beweisen, um sich diesen besseren Platz zu sichern.

Ausgestattet mit der Macht, die Voldemort ihnen über die Schule gab, hatten sie dem restlichen Kollegium gegenüber fast komplett freie Hand gehabt, was Disziplinarmaßnahmen betraf. Und ihren Unterricht. Muggelkunde, bestehend aus Reinblüter-Propaganda, und Verteidigung gegen die Dunklen Künste, wobei das Hauptaugenmerk eindeutig nicht auf dem Begriff „Verteidigung" lag.

Nur der Schulleiter war den Geschwistern gegenüber weisungsberechtigt – doch Severus war nicht so dumm gewesen zu glauben, dass das ein Privileg für ihn war. Eher eine weitere, geschickt getarnte Überprüfung seiner Loyalität: Wie würde er als Leiter der Schule agieren? Wie ein getreuer Gefolgsmann, im Sinne seines Herrn? Oder würde dieser in seinen Handlungen vielleicht Hinweise auf Verrat feststellen können? So oder so, für den Dunklen Lord hatte es auf jeden Fall einen positiven Effekt.

Unterdessen kämpfte sein bisheriger Spion einen harten, einsamen Kampf auf seinem neuen Posten, in einer für ihn schier unerträglichen Situation.

Schon der Empfang zwei Wochen vor Schuljahresbeginn war schlicht überwältigend gewesen. Wenn Blicke hätten töten können, wäre Severus bereits auf der Eingangstreppe mindestens ein Dutzend Mal tot umgefallen, und es hatte ihn ehrlich gewundert, dass ihn nicht ein einziger Fluch aus dem Hinterhalt getroffen hatte. Herzlichen Glückwunsch zum neuen Job. Ach, übrigens, wo wir schon davon sprechen: willkommen in der Hölle.

Mit spöttisch-zufriedenem Ausdruck, auch wenn sich sein Innerstes schon bei dem Gedanken wimmernd zusammenkrümmte, bezog er die Räume des Schulleiters und verspürte ein grimmiges Vergnügen dabei, Slughorn aus dessen bisherigem, sehr luxuriösen Büro in die Räume zu verbannen, die bisher er selbst bewohnt hatte: die kleine Personalwohnung in den Kerkern. Eine logische Entscheidung. Die Räumlichkeiten lagen hinter dem Büro des Lehrers für Zaubertränke, und in den Kerkern. So war Slughorn als Hauslehrer von Slytherin für seine Schützlinge viel einfacher zu erreichen.

So sehr es Severus auch widerstrebte, mit seinen Habseligkeiten in Dumbledores Wohnung umzuziehen, die leicht feuchte Kälte in seinen bisherigen Räumen würde er jedenfalls nicht vermissen. Und Slughorn genau dort unterzubringen, war eine der wenigen Freuden, die sein neuer Job mit sich brachte – denn der Rest stellte sich schnell als genauso unangenehm heraus, wie er es erwartet hatte.

Die erste Konferenz des Kollegiums ließ sich mit einem einzigen Wort beschreiben: kräfteraubend. Er hatte den Lehrkörper über die „vom Ministerium revidierten und der heutigen Zeit angepassten" Lehrpläne informiert – was im eigentlichen Sinne nichts anderes als Zensur bedeutete – und unmissverständlich klar gemacht, dass er darüber nicht zu diskutieren wünschte.

Ein paar seiner ehemaligen Kollegen hatten es dennoch vehement versucht, während andere, vor allem die dem Orden des Phönix nahestehenden Lehrer, ihre Ansichten zu seinem neuen Posten hatten loswerden wollen. Zugegebenermaßen, dachte er mit verhaltenem Respekt, mit einem durchaus reichhaltigen Wortschatz. Beeindruckend, wozu sogar eine gänzlich unauffällige Person wie Madam Pomfrey fähig war: er solle es bloß nicht wagen, mit irgendwelchen Verletzungen zu ihr gekrochen zu kommen, hatte sie resolut gemeint und war türenknallend aus dem Lehrerzimmer verschwunden. Der galante Abgang hatte McGonagall eine beeindruckte Miene und ein anerkennendes Nicken entlockt. Sehr nett. Vielen Dank, Minerva.

Severus hatte seine Rolle bravourös gespielt, auch wenn ihn die Blicke derjenigen erdolchten, die er bisher beinahe als Freunde angesehen hatte. Nun, gut, dass es Okklumentik gab. Er durfte sich auf keinen Fall verraten, sonst wäre weder sein Leben noch das eines jeden anderen an dieser Schule noch einen Pfifferling wert gewesen. Keine hohen Ansprüche also. Kein Erfolgsdruck.

Das Willkommensfest am ersten September: dieselbe Eiseskälte schlug ihm entgegen wie schon Mitte August, als er die Schule zum ersten Mal betreten hatte – nur mit wesentlich mehr Intensität. Er spürte deutlich die Wellen von Hass, die ihn vom Lehrertisch erreichten, und sie wurden noch um ein Vielfaches übertroffen durch diejenigen aus den Reihen Hunderter von Schülern. Er hielt seine Ansprache mit unbewegter Miene und völlig ruhiger Stimme, wie immer mit wohlgewählten Worten. Seine zitternden Hände, die sich auf dem Rednerpult so hart zu Fäusten ballten, dass seine Fingernägel blutige, brennende Halbmonde in seinen Handflächen hinterließen, sah niemand.

Es gab wenigstens einen kleinen Lichtblick: Potter war nicht da, konnte also auch nicht in Gefahr geraten. Eine Schwierigkeit weniger. Und egal wo sich der Junge jetzt auf Dumbledores Wunsch hin herumtrieb, Severus wünschte ihm von ganzem Herzen Glück. Beinahe beneidete er ihn ein wenig um seine Aufgabe. Der Bengel hatte es auf jeden Fall besser als diejenigen, die in die Schule zurückgekommen waren.

Die ersten Disziplinarmaßnahmen waren noch einigermaßen zivil, doch die Carrows fanden schnell Gefallen daran, sich die Delinquenten zunutze zu machen. Bei gröberen Streichen konnte ein Schüler durchaus damit rechnen, für die anderen Klassen als Versuchskaninchen im Verteidigungsunterricht herhalten zu müssen. Severus war insgeheim dankbar, dass die Weasley-Zwillinge nicht mehr an der Schule waren – denn so viele Optionen für anderweitige Strafarbeiten hätte selbst er sich nicht ausdenken können: Kreativität erforderte Energie. Und das nicht zu knapp. Energie, die er kaum aufbringen konnte.

Inzwischen begann er die doppelte Belastung zu spüren, die sein neuer Job und die übermäßige Nutzung von Okklumentik mit sich brachten. Ein Leben ohne Kopfschmerzen erschien ihm bald wie der Himmel auf Erden, doch wie es so schön heißt: keine Ruhe für die Verdammten. Severus hatte Pflichten.

Wöchentliche Berichterstattung beim Dunklen Lord bedeutete nicht, dass er ihm per Eule eine Notiz zukommen lassen konnte. Nein, der Schulleiter von Hogwarts hatte seinem Herrn die Aufwartung zu machen, der sich dann persönlich von den Fortschritten an der Schule überzeugte. Er holte sich alles, was er wissen wollte, aus Severus´ Geist, und war dabei üblicherweise nicht besonders rücksichtsvoll.

Doch wie mitgenommen auch immer er von diesen Ausflügen zurückkehrte, Severus erinnerte sich an Poppys Warnung und hielt sich konsequent vom Krankenflügel fern. Nicht dass er in den vergangenen Jahren oft dort gewesen wäre, nur wenn die Schwere der Verletzungen es unbedingt erfordert hatte – doch er wollte die Genugtuung in ihren Augen nicht sehen müssen. Und die Gefahr, dass er sich nach einem solchen Abend nicht mehr genug unter Kontrolle hatte, um seinen wahren Auftrag vor ihr zu verbergen, war einfach zu groß. Dieses Risiko konnte er in ihrer aller Interesse nicht eingehen. Wohl oder übel musste er auf seine eigenen Fähigkeiten in der Medimagie zurückgreifen und die Nachwirkungen allein durchstehen.

Die Essenszeiten in der Großen Halle wurden zu seiner persönlichen, täglichen Nemesis, doch er zwang sich, zumindest beim Frühstück anwesend zu sein. Es war nicht einfach, einen Bissen hinunter zu würgen, während ihn der gesamte Lehrkörper seine Abneigung deutlich spüren ließ. Inklusive der beiden Carrows, die ihm seine höhere Position beim Dunklen Lord neideten und ihn liebend gern für irgendetwas ans Messer geliefert hätten. Was seine Person betraf, waren sich also wenigstens alle einig. Wunderbar!

McGonagall und Flitwick gingen sogar noch einen Schritt weiter und wagten es, leise miteinander zu tuscheln, während ihre Blicke ihn unauffällig streiften; es wurde unterdrückt geschmunzelt, und ein oder zwei Mal glaubte er, aus dem Geflüster „Schniefelus" herauszuhören.

Dieser kleine, kaum verdrängte Spitzname in Kombination mit seiner ohnehin kaum zu bewältigenden Anspannung genügte denn auch, um beim zweiten Mal beinahe eine Panikattacke auszulösen. Er schaffte es gerade so, ohne unziemliche Hast aufzustehen, halbblind durchs Schloss zu stolpern und rasch in seine Räume zu verschwinden, bevor sein Rührei auch schon recht entschlossen den Lift nach oben nahm.

Ab jenem Morgen beschränkte der neue Schulleiter sich darauf, mit ungerührter Miene am Tisch zu sitzen und eine Tasse Kaffee zu trinken; das Abendessen ließ er sich von den Hauselfen in seine Räume bringen, während Mittagessen komplett ausfiel – während der Mittagszeit kümmerte er sich um die Anträge für Disziplinarische Maßnahmen. Schon die Anwesenheit der Carrows genügte, um jeglichen Gedanken an feste Nahrung konsequent zur Seite zu schieben.

Selbst während der wenigen ruhigen Stunden in der Nacht fand er keinen Frieden; sein Geist versuchte angestrengt und zunehmend verzweifelt, das Erlebte zu verarbeiten, und das bescherte Severus unzählige Albträume.

Schlaftränke waren keine Option: sie setzten die Wachsamkeit zu weit herunter, und er traute zumindest den Carrow-Geschwistern einen kleinen, nächtlichen Mordversuch zu. Also versuchte er vor dem Einschlafen ebenfalls mit Okklumentik zu arbeiten, bis ihm klar wurde, dass die Träume schlimmer waren als zuvor, sobald im Schlaf die Schilde fielen. Und das taten sie, ob er nun wollte oder nicht. Keine Chance also auf ein paar Stunden Ruhe und Erholung.

Mehr als einmal verfluchte er Albus Dumbledore, der ihn so geschickt zu all dem hier getrieben hatte mit seinen nahezu unbemerkten, spielerischen Schubsern in die richtige Richtung – und seine eigene dumme Loyalität, die ihn dazu gebracht hatte, dem Schulleiter seine Dienste zuzusichern. Auch wenn er sich von Anfang an schmerzlich der Tatsache bewusst gewesen war, dass er nichts anderes war als ein Bauer auf dem Schachbrett des älteren Zauberers. Er persönlich war dem Alten ungefähr so wichtig gewesen wie ein Schweizer Taschenmesser: nützlich in vielerlei Hinsicht, doch als Gegenstand an sich betrachtet kaum eine Galleone wert.

Nicht einmal in der Abgeschiedenheit seiner Räume erlaubte er sich, seine Gefühle offen zu zeigen, denn in ausnahmslos jedem Zimmer hing, natürlich ohne die geringste Chance auf Entsorgung, irgendein Bilderrahmen. Und der heiter blinzelnde Dumbledore hatte es sich schnell zur Gewohnheit gemacht, seinem Nachfolger „beratend" zur Seite zu stehen und ihn immer öfter „mein lieber Junge" zu nennen, vermutlich in der unsinnigen Absicht, ihn ein bisschen aufzuheitern. Dämliches Porträt!

Severus flüchtete vor dem Geplapper seines ehemaligen Mentors und vor der permanenten Präsenz der Carrows in den Verbotenen Wald, so oft es ihm möglich war. Dort begegnete er niemandem, er fühlte zur Abwechslung keine misstrauischen, verächtlichen oder hasserfüllten Blicke auf seinem Rücken, und die friedliche Stille zwischen den jahrhundertealten Bäumen war eine wirkliche Erleichterung.

Eine kleine Lichtung tief im Herzen des Waldes wurde für ihn zu einem Zufluchtsort, wo seine Maske komplett fiel. Die einzigen, die er manchmal von Weitem sah, waren die Zentauren, und die würde ein relativ aufgelöster Zauberer nicht groß scheren. Sie kümmerten sich nur um sich selbst und um die Sterne. Wenn das die Menschen nur auch tun würden!

Die Aktivitäten der sogenannten DA – vom vorherigen Jahr allen Kollegen noch wohlbekannt – machten die ganze Sache nicht einfacher. Severus betrachtete die Bemühungen der Schüler mit größter Achtung, und ihr Lerneifer und ihr unbeugsamer Mut beeindruckten ihn zutiefst. Er sah ihnen gern mit Hilfe von Dumbledores silbernem Schulobservanten beim Training zu – eine der wenigen Freuden, die ihm dieser Tage vergönnt waren – und wünschte sich, er könnte ihre Bemühungen aktiv unterstützen, sie ausbilden und anleiten. Doch er konnte nicht einmal die Strafen für die jungen Aktivisten abschwächen, ohne selber unter Verdacht zu geraten. Er musste untätig bleiben. Und schlimmer noch, seinen Namen unter die entsprechenden Formulare setzen. Jedes Mal, wenn er die Spitze seiner Feder auf ein solches Pergament senkte, kam er sich vor wie ein lausiger, erbärmlicher Verräter.

Allerdings bestand er darauf, bei härteren Strafen anwesend zu sein. Die Carrows – grob gestrickt und gerade einmal fähig, Flüche anzuwenden, aber nicht, sie auch in ihrer komplexen Wirkungsweise zu begreifen – bemerkten seine unauffällige Einmischung nicht, die Schüler noch viel weniger, aber er fühlte sich zumindest ein wenig besser. Doch auch wenn sich während dieser Disziplinarmaßnahmen wenigstens ab und zu die Möglichkeit bot, mit subtilen Schutzzaubern die Bestrafung ein wenig zu mildern, hatte er hinterher größte Mühe, die Bilder wieder aus seinem Kopf zu bekommen.

Am schlimmsten war es, tatenlos dabei zusehen zu müssen, wie Erst- und Zweitklässler im Unterricht der älteren Jahrgänge mit hässlichen, oft sehr schmerzhaften Flüchen traktiert wurden – widerspruchslos angewandt von Slytherin-Schülern mit Todesser-Hintergrund und angewidert verweigert vom Rest der Schüler – für so kleine Fehler wie verspätet abgelieferte Aufsätze oder ähnliches.

Wie bereitwillig seine ehemaligen Schützlinge auf den fahrenden Zug aufsprangen, verursachte ihm Übelkeit, hatte er doch bisher in seiner Funktion als Hauslehrer immer versucht, sie so gut es ging von den Dunklen Künsten fernzuhalten. Er wusste, spätestens jetzt hatte er sie an den Dunklen Lord verloren. Nicht wenige würden in die Fußstapfen ihrer Väter treten. Und der alte Slughorn hielt die Füße still. Feigling! Aber was hatte er erwartet? Der Kerl war schon immer auf Nummer Sicher gegangen. Seine eigene Haut war ihm wichtiger als seine Schutzbefohlenen.

Alles geriet aus dem Ruder: je mehr Schüler bestraft wurden, desto mehr Unruhe, Rebellion und Untergrundaktivitäten gab es an der Schule. Und oft, viel zu oft, wurden die Schuldigen erwischt. Severus hatte bald das Gefühl, in einer Folterkammer zu arbeiten. Seine fast ständig präsenten Schilde hielten dem Ansturm der Gefühle noch stand, was um einiges mehr war, als sein Magen von sich behaupten konnte.

Mindestens dreimal pro Woche fand er sich in seinem Badezimmer auf den Fliesen kauernd wieder, zitternd gegen die Wand gelehnt, nachdem sein ohnehin schon spärliches Abendessen im Abfluss verschwunden war. An solchen Abenden schlich er sich nach Einbruch der Dunkelheit zu seinem Rückzugsort, zwischen die dichten Bäume des Waldes. Saß dort schweigend, mit hängenden Schultern, auf dem angenehm kühlen Boden, den Rücken gegen einen Stamm gepresst, und versuchte den Tumult seiner aufgewühlten Gefühle zu bewältigen, während Tränen auf seinem Gesicht trockneten.

Dort durfte er sich hilflos und verletzlich fühlen, schwach, mut- und machtlos, und oft kehrte er erst im Morgengrauen völlig erschöpft und ausgelaugt über einen verborgenen Nebeneingang zurück ins Schloss, wo der Horror spätestens zur Frühstückszeit von Neuem beginnen würde.

Er hoffte jeden Morgen inständig, die Schüler würden sich, wenn überhaupt, dann auf wirklich schlimme Untaten konzentrieren. Wenn die Schwere des „Verbrechens" es rechtfertigte, konnte er sie zu Hagrid schicken und wusste sie dort in relativer Sicherheit, ohne sich selber in Gefahr zu bringen. Wie Longbottom, Lovegood und das Weasley-Mädchen. Und noch etliche andere, die härtere Strafen erwarteten.

Severus zog sich vom Schulalltag zurück, so weit es möglich war. Die vielfältigen administrativen Pflichten des Schulleiters gaben eine ausreichende Ausrede ab, doch um den Verwaltungskram zu erledigen, musste er oft mit McGonagall zusammenarbeiten, ihres Zeichens Stellvertretende Schulleiterin. Taktisch klug auf ihrem Posten belassen, um Zweifler zum Schweigen zu bringen und der ganzen Sache den Anschein von Seriosität zu verleihen – solange Dumbledores langjährige Vertraute und rechte Hand noch etwas zu sagen hatte in Hogwarts, konnte die Schule ja wohl nicht dem gefürchtetsten Schwarzmagier des Jahrhunderts in die Hände gefallen sein, nicht wahr? Severus selbst hatte seinem Herrn in der Planungsphase bestätigt, dass McGonagall eher gewillt wäre zu sterben, als die Schüler einfach der Willkür des Schwarzen Ordens zu überlassen. Und er hatte Recht behalten.

Ihr steifes, unnahbares Schweigen in Kombination mit dem glühenden Hass, der aus ihren Augen sprach, ließ in ihm den verzweifelten Wunsch aufkommen, ihr alles zu erzählen, sich wenigstens einem Menschen anvertrauen zu können, doch es war nicht möglich. Sie würde ihm nicht glauben, schon aus dem einfachen Grund, weil er ein Slytherin war. Noch dazu ein Slytherin, der das Dunkle Mal und die Schuld am Tod von Albus Dumbledore trug. Und wenn – falls – sie sich doch hätte überzeugen lassen, wäre auch sie in größter Gefahr gewesen.

McGonagall war zwar, wie Severus wusste, eine ausgezeichnete Schauspielerin und Strategin – das hatte er über die Jahre hinweg während diverser Schachpartien immer wieder schmerzlich erkennen müssen – doch sie war keine ausgebildete Okklumentikerin, die solch gefährliches Wissen vor anderen hätte verbergen können. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sie in ihrem falschen Glauben zu lassen, er sei ihr Erzfeind.

Daher tat Severus, was er bei Konfrontationen mit der älteren Hexe immer getan hatte: er verbarg sich hinter seinen mentalen Barrieren, zog sich in sich selber zurück und flehte zum Himmel, dass diese Hölle auf Erden irgendwann vorbei sein würde. Er musste einfach sein Bestes geben und vermutlich noch ein bisschen darüber hinaus. Hilfe war nicht zu erwarten, bis Potter seinen Auftrag erledigt hatte; Severus stand allein zwischen den Fronten, aber er hatte es Dumbledore versprochen. Jemand musste die Schüler schützen. Und deswegen würde er es irgendwie durchstehen, selbst wenn es Jahre dauern sollte. Er musste einfach da durch, egal wie.

Severus gab es schließlich einfach auf, die Bilder unterdrücken zu wollen, die auf ihn einstürmten wie eine unaufhaltsame Naturgewalt. Sie spülten unerbittlich über ihn hinweg wie ein eisiger Strom von Gletscherwasser, rauschten um ihn herum und zerrten unbarmherzig an seinem Verstand, während die Wände seines Schlafzimmers sich bedrohlich auf ihn zu zu bewegen schienen.

Zitternd raffte er seine Decke um sich und kauerte sich mit angezogenen Knien ans Kopfende seines Bettes, die Augen ganz fest geschlossen, als könnte er die Erinnerungen so von sich fernhalten. In einem hilflosen Versuch, sich selbst zu wärmen, schlang er die Arme um die Knie und hörte das leise, hysterische Wimmern in seinem Kopf lauter werden, während sein Körper langsam vor und zurück schaukelte.

Nach quälend langen, von Grauen erfüllten Minuten erkannte Severus, dass das Wimmern nicht nur in seinem Verstand war. Das sehr reale Geräusch drang aus seiner Kehle. Um Beherrschung ringend, krallte er die Finger hart in seine eigenen Oberarme, die Knie immer noch fest umschlungen.

Du wirst jetzt nicht anfangen zu heulen. Beherrsch dich. Es ist Vergangenheit, du kannst es nicht mehr ändern.

Die kalten Wände rückten immer noch stetig näher, und Severus stolperte über den Teppich in seinem verzweifelten Bemühen, auf die Beine und zur rettenden Tür zu kommen. Er schlug der Länge nach hart auf dem Boden auf. Vollkommen panisch rappelte er sich wieder hoch und floh hastig und auf wackligen Beinen aus dem Schlafzimmer.

Schwer atmend sank er vor der geschlossenen Tür zu Boden, presste den Rücken gegen das polierte Holz, das Gesicht in den Händen verborgen, und versuchte vergeblich ein trockenes Schluchzen zu unterdrücken, während sich seine Rückenmuskeln schmerzhaft verkrampften. Stählerne Bänder schienen sich um seine Brust zu legen, und sie pressten sich immer enger um ihn. Es gab nicht genügend Luft hier drin, er würde ersticken!

Ein bereits vor Jahrzehnten erworbener und im vergangenen Jahr perfektionierter Reflex übernahm mit routinierter Endgültigkeit die Kontrolle über seinen Körper: sein Magen machte einen einzelnen, schmerzhaften Satz in Richtung seiner Kehle.

Es war beinahe eine Erlösung, sich zu übergeben, auch wenn nach einigen Minuten nur noch Galle hochkam. Die massive Panikattacke verflog über der körperlichen Anstrengung, und die aufkeimende Hysterie machte schnell einer trägen, benommenen und leicht schwindligen Müdigkeit Platz. Seine wild durcheinander rasenden Gedanken beruhigten sich, wurden langsamer und traten zugunsten der Erschöpfung in den Hintergrund. Viel besser.

Severus stemmte sich keuchend wieder in eine halbwegs aufrechte Sitzhaltung hoch, wischte sich mit einer zitternden Hand über den Mund und starrte minutenlang teilnahmslos auf die Sauerei am Boden, während ihm die Kälte der Steinfliesen langsam bis tief in die Knochen kroch. Es war ihm egal. Er würde einfach hier sitzen bleiben, bis er einschlief. Nicht denken. Nicht fühlen. Vielleicht würde er hier weniger intensiv träumen… oder einfach erfrieren. Warum auch nicht?

Dann, endlich, meldete sich sein Verstand und erhob Einspruch gegen die Lethargie. Fast automatisch zogen sich die mentalen Schilde in seinem Geist hoch, die ihm geholfen hatten, die letztjährige Hölle zu überstehen. Er atmete ganz bewusst durch, hob den Zauberstab, reinigte mit einem heiser geflüsterten „Evanesco" den Boden, stand schließlich mit abgehackten Bewegungen auf und zog sich methodisch an.

Raus, er musste einfach nur eine Weile raus. Weg von den Träumen und der Dunkelheit, weg von der permanenten Kälte in den Kerkern, weg aus der Enge, weg von der Angst, der Einsamkeit und den Erinnerungen.

Raus an die frische Luft. Geh schon. Wenn das nichts hilft, kannst du immer noch in den See springen.

Sein Gesicht war eine ausdruckslose Maske, als er gegen drei Uhr morgens seine Räume verließ, die spärlich von Fackeln beleuchteten Treppen hochstieg und die Eingangshalle durchquerte. Lautlos öffnete sich das Eichenportal vor ihm, und er trat aufatmend hinaus in die verschneite Landschaft.

Ruhe…