Nur noch zwei Tage bis zu den Weihnachtsferien! Ginny erlaubte sich ein erleichtertes Aufatmen, während sie auf den Kalender sah. Zwei Tage, bis sie zurück nach London fahren würden, für beinahe drei herrliche Wochen ohne Lernstress, gruselige abendliche Kontrollgänge und das grässliche Gefühl, von ihren Freunden getrennt zu sein.
Fast wünschte sie sich, sie hätte nicht beschlossen, die sechste Klasse zu wiederholen – dann hätte sie die Unterrichtsstunden zusammen mit Harry, Ron, Hermine und Neville verbringen können. Nach einem halben Jahr, das sie fast ausschließlich gemeinsam verbracht hatten, fühlte es sich komisch an, den Unterricht ohne ihre Gesellschaft überstehen zu müssen. Ungefähr so, als würden ihr an einer Hand ein paar Finger fehlen.
Allerdings war ihr klar, dass sie im letzten Jahr zu viel verpasst hatte, um einen guten Abschluss zu erreichen, zumal das aktuelle Schuljahr auch noch um zwei Monate kürzer war als die vergangenen Jahre – und wenn sie keine hervorragenden Noten vorweisen konnte, wurde nichts aus ihrem Wunsch, Heilerin zu werden.
Genüsslich gähnend streckte sich die Schülerin, bevor sie widerstrebend die dicke warme Decke zurückschlug und die Beine aus dem Bett schwang. Fröstelnd zog sie die Schultern hoch, schlüpfte in Morgenmantel und Hausschuhe und griff nach ihrer Tasche; wenn sie sich beeilte, konnte sie vor allen anderen das Bad der Vertrauensschüler besetzen.
Ginny hatte Glück: Blaise Zabini verließ gerade das großzügige Bad und hielt ihr höflich die Tür auf, damit sie hineinschlüpfen konnte. Während sie ihre Runden im großen Becken schwamm, wurde sie munter. Ein schnelles Frühstück, dachte sie zufrieden und trocknete sich ab, und dann vielleicht ein Besuch bei Hagrid. Freistunden sind einfach eine phänomenale Erfindung!
Unterwegs zum Frühstück begegnete sie Harry und den anderen, die sich ihr auf dem Weg in die Große Halle anschlossen. „Was haben wir heute?" fragte Ron mit noch ziemlich verschlafener Miene, und Draco Malfoy schielte auf seinen Stundenplan. „Doppelstunde Verwandlung", sagte er missvergnügt, „zusammen mit den Slytherins."
Ginny musste lachen. Komisch, das aus Malfoys Mund zu hören! Der blonde Junge warf ihr einen irritierten Blick zu, schien dann seinerseits die Situationskomik zu verstehen und gluckste ein wenig beschämt auf. „Sorry…"
Allein, da Luna heute Morgen eine Doppelstunde Wahrsagen hatte, verließ Ginny bald darauf das Schloss und bahnte sich durch den knietiefen Schnee mühsam ihren Weg über die Ländereien. Es war nicht allzu kalt, und sie hatte Zeit bis nach dem Mittagessen, bevor sie selbst zu Kräuterkunde musste. Also beschloss sie, den längeren Weg zu wählen, zum allmählich zufrierenden See hinunter und dann am Waldrand entlang – wo der Schnee vermutlich nicht ganz so tief sein würde – zu Hagrids Hütte.
Als sie völlig unerwartet der schneidend kalte Wind auf dem baumlosen Hang traf, wäre sie beinahe wieder umgekehrt. Doch dann erspähte sie durch die verwehten Schneeflocken eine kleine Gestalt auf einer Bank am Seeufer und ging neugierig weiter: wer um Merlins Willen würde sich bei diesem Wind freiwillig dort hinsetzen und die Gefahr in Kauf nehmen, sich eine Lungenentzündung zu holen? Oder zumindest eine ordentliche Erkältung!
Als sie bis auf ein paar Meter an die Bank herangekommen war, erkannte sie Severus Snape. Er musste schon länger dort gesessen haben, der beeindruckenden Menge Schnee auf seinem Umhang nach zu urteilen. Seine Haare hingen in tropfnassen Strähnen herunter.
Ginny trat rasch näher. Kein Wärmezauber, stellte sie fest, die Steinbank war eiskalt. Doch Snape schien die Kälte nicht zu spüren. Er saß regungslos da, die leeren Augen auf den Schnee am Boden vor sich gerichtet, und Ginnys inzwischen ziemlich geübter Blick huschte prüfend über sein Gesicht.
Okklumentik, dachte sie, plötzlich äußerst nervös, warum, bei allen Göttern, hat er die Schilde hochgezogen? Langsam und vorsichtig, darauf bedacht, den Mann nicht zu erschrecken, setzte sie sich neben ihn. „Severus? Alles in Ordnung? Geht´s Ihnen gut?"
Zuerst dachte sie, er hätte sie überhaupt nicht gehört. Doch nach ein paar Sekunden regte er sich leicht und erwiderte tonlos: „Bestens."
Argwöhnisch rutschte Ginny näher an ihn heran und griff nach seiner Hand, die der Kälte der Bank in nichts nachstand. „Sie sind eiskalt", bemerkte sie behutsam und nahm seine Hand zwischen ihre beiden. „Wie lange sind Sie schon hier draußen?"
Keine Antwort. Kein Blick, keine Bewegung. Etwas war ganz fürchterlich falsch, und das machte ihr Angst. Zögernd stand sie auf, kniete sich vor dem Professor in den Schnee und suchte seinen Blick.
„Severus, was ist los? Wozu die Okklumentik? Und seit wann sitzen Sie hier? Kommen Sie schon, Sie sollten zurück ins Schloss gehen, Sie holen sich sonst den Tod."
Der einzige kleine Erfolg ihres Appells war, dass ein wenig Leben in seine Augen zurückkehrte. Das war nicht viel, aber besser als nichts, auch wenn er immer noch durch sie hindurch zu sehen schien.
Ermutigt redete sie weiter. „Bitte, stehen Sie auf, ja? Sie können hier nicht sitzen bleiben. Und senken Sie die Schilde, in Ordnung? Hier ist nichts, wovor Sie sich verstecken müssten. Ich bin´s nur, Ginny. Sehen Sie mich an. Los, runter mit den Schilden, die brauchen Sie bei mir nicht."
Rede weiter. Sorg dafür, dass er dir zuhört, er muss sich auf dich konzentrieren. Lass ihn nicht komplett abdriften.
„Na los, sehen Sie mich an. Bitte, Severus… Sehr gut. Versuchen Sie sich zu konzentrieren, ja? Ich weiß, das ist schwierig, aber versuchen Sie´s. Mir zuliebe. Gut so. Bleiben Sie bei mir, in Ordnung? So ist es gut, konzentriert bleiben, Professor. Und jetzt hören Sie mir zu. Hier ist es zu kalt für Sie. Wir müssen zurück in die Schule. Stehen Sie auf, okay? Hey, kommen Sie schon, nicht ablenken lassen – schauen Sie mich an. Severus? Hey, sehen Sie mich an… so ist es gut. Konzentrieren Sie sich ganz auf mich. Sehr gut."
Er blinzelte ein paarmal angestrengt, wobei der abwesende Ausdruck dankenswerterweise langsam von seinem Gesicht verschwand, atmete zitternd aus und hob endlich den Kopf, um sie anzusehen.
„Kurz nach Drei", informierte er sie etwas unsicher.
Er reagiert, den Göttern sei Dank! Das war mehr als knapp. Jetzt versuch ihn dazu zu bringen, dass er sich auf das Gespräch konzentriert.
„Kurz nach Drei?" Ginny setzte sich wieder und sah ihn unverwandt weiter an, während sie wie schon vorhin nach seinen Händen griff, um sie ein wenig anzuwärmen. „Was ist denn kurz nach Drei, Severus?"
Er biss sich kurz auf die Unterlippe und wirkte sichtlich verwirrt. „Ich musste… ich musste raus", sagte er langsam, und es klang wie eine Entschuldigung. „Nur eine Weile raus…" Träge blinzelnd sah er sich um und stellte benommen fest: „Es ist hell."
Scheiße, war er die halbe Nacht hier draußen? Er muss total durchgefroren sein! Und wie lang waren die Schilde oben?
Offensichtlich war der Mann im Augenblick nicht in der Verfassung, auch nur einigermaßen klar zu denken. Er erinnerte sie fatal an den Severus Snape im Haus am Grimmauldplatz, der wochenlang kaum geschlafen hatte, und mit ihrem jetzigen Wissen über Okklumentik – Monica und Poppy sei Dank – konnte Ginny mit einiger Sicherheit sagen, dass er auch damals zu oft die mentalen Schilde eingesetzt haben musste.
„Severus", fragte sie eindringlich und legte beide Hände gegen seine Wangen, „warum mussten Sie raus?"
Sein Blick flackerte unsicher, doch er schaffte es immerhin, einigermaßen klar zu antworten. „Keine Luft. Ich… ich musste raus." Und gleich darauf verschloss sich sein Gesicht erneut, als wäre ein steinerner Vorhang darüber gefallen. Seine verdammten Barrieren bauten sich wieder auf. Offensichtlich wollte er sich nicht an die jüngsten Ereignisse erinnern müssen. Wie in Trance starrte er auf den Schnee zu seinen Füßen, während Ginny in Gedanken seine Fähigkeiten verfluchte. Genau vor so einer Situation hatte Monica Lupin sie eindringlich gewarnt!
Okay, in dem Zustand krieg ich ihn niemals von der Bank hoch – geschweige denn in den Krankenflügel.
Rasch wog das Mädchen seine Optionen ab. Er brauchte dringend Hilfe, aber sie konnte und wollte ihn hier nicht allein lassen. Nicht in diesem Zustand. Er musste sich aufwärmen und…Moment!
Eine große Gestalt kam vom Waldrand her auf den See zu. Ginny atmete erleichtert auf, sprang hoch und rief über die Wiese: „Hagrid! Hilfe!"
Der Halbriese stellte keine unnötigen Fragen. Er lud sich den Tränkemeister kurzerhand wie ein kleines Kind auf die Arme und eilte auf seine Hütte zu, rasch gefolgt von der besorgten Ginny. Im Inneren war es angenehm warm, und aufatmend zog die junge Frau ihren Winterumhang aus und hängte ihn samt der alten Heilertasche über eine Stuhllehne.
Währenddessen hatte Hagrid seine Last sanft auf dem riesigen Bett abgesetzt und machte sich daran, den völlig durchnässten Umhang von Snapes Schultern zu streifen.
„Er is eiskalt", sagte er leise und wandte sich kurz zu Ginny um. „Halb erfroren. Kannste ihm ´nen Tee machen? Ich hol ihn erst mal aus den nassen Klamotten raus und steck ihn ins Bett. Was hat er denn da draußen angestellt?"
„Tja, das hab ich noch nicht so genau rausgefunden", erwiderte Ginny und hängte einen Kupferkessel übers Feuer, „leider. Er ist ziemlich durcheinander, ich hab kaum einen zusammenhängenden Satz aus ihm rausgekriegt. Ich weiß nur, dass er seit Stunden draußen war."
„Ganz schön leichtsinnig. Passt gar nich zu ihm." Hagrid schnalzte ungläubig mit der Zunge und wandte sich erneut seinem Schützling zu. „Immer mit der Ruhe, Sev´rus, das wird schon wieder. Müssen Sie erst mal aufwärmen, nich wahr? War ´n bisschen kalt da draußen. Sie müssen aus dem nassen Zeug raus, sonst holen Sie sich noch ´ne Lungenentzündung. Lassen Sie nur, ich mach das schon. Sie müssen gar nix tun. Keine Angst. Is alles gut, Junge. Ganz ruhig. Ich mach das. Alles gut, Sie müssen keine Angst ham. Ginny und ich, wir kümmern uns schon um Sie. Lassen Sie sich einfach helfen. Is alles gut, Sev´rus, alles gut…"
Seine Stimme klang überraschend sanft und leise, und für so einen großen Mann war er sehr behutsam, während er den wie betäubt geradeaus starrenden Snape aus seiner tropfenden Kleidung schälte und ihn dann ohne weitere Umstände, nur in Unterwäsche, ins Bett komplimentierte. Der Tränkemeister reagierte kaum und ließ sich völlig apathisch von Hagrid hochheben und in die riesigen Kissen betten. Er wirkte, als wäre er überhaupt nicht richtig anwesend.
Und, Himmel, er ist immer noch so mager…
„Lass ihn erst ma auftauen", sagte der Halbriese leise zu Ginny, während er äußerst fürsorglich die Decken um Snape herum feststeckte. „Bleib einfach in seiner Nähe und lass ihn nich allein, keine Sekunde. Irgendwann kommt er wieder richtig zu sich, und dann musste ihn vielleicht ´n bisschen beruhigen oder trösten oder so. Weiß man ja nie, wie er reagiert, nich? Kann sein, dass er ´n bisschen durcheinander is am Anfang. Aber jetzt soll er sich erst ma bisschen aufwärmen können. Vorläufig reicht´s, dass er aus dem Schnee raus is, und hier drin isses warm genug."
Hagrid seufzte lautlos und musterte den Jüngeren mit äußerst besorgter Miene. „Vielleicht wärmste die Decke nach ´n paar Minuten leicht an, nach zehn Minuten oder so. Nur nich zu schnell, bloß ´n kleinen leichten Wärmezauber und später ´n bisschen mehr. Bisschen Tee schadet auch nix, aber ganz langsam. Ein Schluck nach´m andern. Kann sein, dass die ersten paar nich drinbleiben, musst ihm halt Zeit lassen. Aber er braucht was Warmes im Magen, also gib nich auf", mahnte er eindringlich. „Ich muss leider weg, hab gleich ´ne Ladung Zweitklässler. Aber ich halt´s für das Beste, wenn ihr ´n paar Stunden hier bleibt. Der Junge braucht jetzt jemand, der sich ´n bisschen um ihn kümmert, und ich glaub, du wirst das ganz prima hinkriegen, Mädel. Hab schon gehört, dass de dich als Heilerin richtig gut machst. Außerdem, mit Poppy hat er´s nich so, und Monica hat den ganzen Tag Unterricht und abends ´ne Einsatzbesprechung. Vielleicht bringste ihn ja dazu, ´ne Weile zu schlafen. Er sieht total fertig aus. Könnt ihm jedenfalls gut tun, so ´n paar Stunden Ruhe."
Er klopfte ihr aufmunternd auf die Schultern. „Ich schreib dir ´ne Entschuldigung für heut, in Ordnung? Und geb deinen Lehrern Bescheid. Ich bring euch beiden dann später was zum Mittagessen mit, was Leichtes und Warmes. Suppe oder sowas. Falls ihr allein nich klarkommt, schick mir den Winzling da. Find dann schon jemand, der mein´ Unterricht übernimmt. Oder lass den ausfallen, is eh kurz vor den Ferien jetzt."
Hagrid wies mit einer riesigen Hand auf einen dösenden Zwergkauz in einer Fensternische, der in seiner Faust komplett verschwunden wäre. Ginny nickte nur, goss heißes Wasser in eine Teekanne und hängte ein Leinenbeutelchen mit Kamille und Ingwer hinein. „Ich komm schon zurecht, mach dir keine Sorgen deswegen. Kümmere du dich um deine Schüler. Und… danke, Hagrid. Du hast echt ein Händchen für sowas."
Der Halbriese gluckste leise und sah belustigt drein. „Das is ja auch mein Job, Mädel. Pflege magischer Geschöpfe. Is er doch auch, oder? Sind wir alle, irgendwie, magische Geschöpfe. Stimmt´s?"
Ginny schmunzelte. „Da hast du wohl Recht. Trotzdem danke. Kannst du Harry und den anderen Bescheid geben, wo wir sind?"
„Jepp. Mach ich. Und ich sag Minerva, dass sie nach ´ner Vertretung für ihn schauen soll. Sieht nich aus, als wär er heut fähig zu unterrichten, oder? Soll sich lieber mal ´n Tag oder zwei richtig ausruhen. Sind eh bald Ferien, da verpasst ihr beide nix Wichtiges."
Mit einem Winken verschwand Hagrid durch die Vordertür nach draußen. Ginny hörte ihn durch den knirschenden Schnee davonstapfen und sah ihm voll neu erwachtem Respekt nach. Hätte aus Hagrid vielleicht auch ein guter Heiler werden können, wenn er nicht von der Schule geflogen wäre? Oder hatte er einfach jede Menge nützlicher Erfahrungen im Umgang mit magischen Geschöpfen gesammelt?
Wenn sie so darüber nachdachte, klang das logisch. Der Wildhüter musste sich bestimmt oft um verletzte Tiere kümmern und hatte deswegen ein gutes Auge für alle möglichen Probleme. Achselzuckend nahm Ginny den Teebeutel aus der Kanne und warf ein paar Holzscheite in den Kamin, bevor sie sich nach Snape umschaute. „Alles in Ordnung, Severus?"
Sie bekam keine Antwort. Der Professor hatte sich nicht gerührt, seit Hagrid ihn ins Bett gesteckt hatte.
