Eine große Tasse gezuckerten Tee in der einen Hand und die Teekanne in der anderen, setzte sich Ginny auf den Rand des gewaltigen Bettes. Snape wandte leicht den Kopf und warf ihr einen verwirrten Blick zu, bevor er sich unter der dicken Decke zusammenrollte, die halb geöffneten Augen auf das Kaminfeuer gerichtet. Ginny stellte den Tee neben sich aufs Fensterbrett.

„Wie fühlen Sie sich?" fragte sie leise und legte ihm prüfend die Hand auf die Stirn. Er zog grübelnd die Augenbrauen zusammen, nagte unschlüssig an seiner Lippe herum und schien über ihre Frage nachzudenken. Wie bereits draußen am See, dauerte es eine ganze Weile, bis sie eine Antwort bekam, aber zumindest reagierte er zu ihrer größten Erleichterung auf äußere Reize.

„Weiß nicht… es ist hell."

Es klang distanziert, fast ein wenig verträumt, und er sah sie nicht an. Sein Blick hing weiter wie gebannt an den tanzenden Flammen. Etliche Sekunden später, ganz ohne Zusammenhang: „I-ich musste raus. Ich hab… hab k-keine Luft mehr bekommen… einfach eine Weile raus… und jetzt ist es hell."

„Verstehe." Besänftigend strich Ginny ihm über das immer noch feuchte Haar und lächelte ihm zu. „Wir sollten uns schleunigst um diese nassen Haare kümmern, bevor Sie eine Unmenge Knoten drin haben. Die rauszukämmen würde ewig dauern. Ich seh mal nach, ob ich hier irgendwo einen Kamm auftreiben kann, okay?"

Er nickte nur schweigend. Ginny versuchte es mit einem einfachen Aufrufezauber, und tatsächlich surrte ein großer Kamm durch die Hütte auf sie zu. Sie fing ihn mit geübtem Griff auf und kämmte die schwarzen Haare sorgfältig durch, während sie den Trocknungszauber ausführte, den sie üblicherweise auch bei ihrem eigenen Haar anwandte. Er wirkte zwar etwas langsamer als normale Fönsprüche, schützte das Haar aber zusätzlich eine Weile davor, sich zu verknoten. Ab einer gewissen Länge war das auf jeden Fall von Vorteil, und Ginny war ihrer Schwägerin Fleur immer wieder dankbar dafür, dass sie ihr diesen Zauber beigebracht hatte.

„Fertig. Gar nicht mal so übel", befand sie schließlich nach einem kritischen Blick und legte den Kamm zur Seite. „Zumindest sind Sie jetzt komplett trocken… Okay. Dann müssen wir Sie nur noch ein bisschen von innen aufwärmen, Sie sehen immer noch halb erfroren aus. Ich hab Ihnen Tee gemacht. Was meinen Sie, sollen wir einen Schluck trinken, Severus?"

„Okay", gab er so leise und zaghaft zurück, dass es eher wie eine Frage klang. Da er keine Anstalten machte, sich zu bewegen, schob sie schließlich sanft die Hand unter seinen Nacken und hob langsam seinen Oberkörper so weit an, dass sie sich als eine Art lebender Ersatz für eine Rückenlehne hinter ihn setzen konnte. Dann nahm sie die Tasse vom Sims.

„Bleiben Sie ganz locker, ich mach das schon", sagte sie gelassen. „Lehnen Sie sich einfach bei mir an, in Ordnung? Ich halt Sie fest. Keine Angst, kann gar nix passieren. Alles okay."

Den freien Arm von hinten um seine Brust geschlungen, brachte sie das Kunststück fertig, ihm die Teetasse an die Lippen zu halten. Gehorsam nahm der Tränkemeister einen kleinen Schluck, dann noch einen zweiten und dritten. Ein leichtes Beben lief durch seinen Körper, als würde dieser sich erst durch den heißen Tee der Tatsache bewusst, dass er völlig unterkühlt war.

Hagrid behielt Recht: das erste bisschen Tee war schneller wieder draußen als gedacht. Ginny war sich nicht ganz sicher, ob Snape überhaupt richtig registrierte, dass sein Magen gegen die gezuckerte Flüssigkeit rebellierte; er blieb völlig lethargisch in ihren Armen hängen, als wäre das alles nur ein simpler Reflex wie Atmen oder Blinzeln.

Ginny beschloss, ihm etwas Zeit zu lassen, wie Hagrid es ihr empfohlen hatte. Der Halbriese war sicher wesentlich erfahrener als sie, was solche Kleinigkeiten anging. Nach einer Pause von ungefähr zwei Minuten hielt sie dem Professor erneut die Tasse an die Lippen, nur für einen einzigen Schluck, und jetzt hatte sie damit Erfolg. Der gesüßte Tee blieb genau da, wo er hingehörte: wärmespendend in Severus´ Magen. Mit kurzen Unterbrechungen, Schluck für Schluck, flößte das Mädchen ihm den gesamten Inhalt der Tasse ein, danach landete diese wieder auf dem Fenstersims.

Schweigend hielt Ginny ihren Lehrer fest, und er lehnte seinen Kopf seitlich gegen ihre Schulter, während das knisternde Feuer erneut seine Aufmerksamkeit beanspruchte. Langsam hoben und senkten sich seine Lider; vermutlich war er wirklich hundemüde.

„Möchten Sie sich hinlegen?" fragte Ginny endlich sanft, in der Hoffnung, er wäre erschöpft genug um schlafen zu können. Er brauchte wirklich dringend einige Stunden Schlaf!

„Okay…"

Widerstandslos ließ Snape sich von ihr helfen und rollte sich unter der Decke zusammen wie ein Kind. Ginny blieb einfach neben ihm auf dem Bett sitzen und betete darum, der Mann würde einschlafen. Doch er starrte immer noch ausdruckslos auf den Kamin. Und ihr war rasch klar, woran es lag. Die fast leblosen, dunklen Augen sprachen eine deutliche Sprache.

„Severus?"

„Hmmm?"

„Nehmen Sie die Schilde runter. Bitte." Behutsam streichelte Ginny seine Schläfe. „Das tut Ihnen nicht gut. Okay? Sie brauchen hier keine Okklumentik. Ich pass schon auf, dass Ihnen nichts passiert."

Große dunkle Augen blinzelten eulenhaft zu ihr hoch. Sie legte die Hand auf seine Schulter und spürte die Anspannung in seinen Muskeln, eine unbewusste Abwehrreaktion auf ihre Anweisung. Und er war immer noch so furchtbar kalt.

Er hält die Schilde oben, damit er die Kälte nicht spürt. Dummer Kerl.

Da blieb nur eins. Seufzend streifte Ginny ihre Stiefel ab, zog die Strickweste aus, hob die Decke ein Stück an und schlüpfte ebenfalls darunter. „Alles gut", versicherte sie ihrem Schützling, während sie sich nahe an seinen Rücken kuschelte und vorsichtig den Arm um ihn legte. „Keine Angst. Ich wärm Sie nur ein bisschen auf, ja?"

„´kay…"

„Schilde runter, Severus."

„Mm-hmmm…"

Ginny fühlte, wie sich seine Muskeln langsam entspannten, und rückte noch ein wenig näher an ihn heran, als der schmale Körper plötzlich heftig zu zittern begann. Sie schlang ihren Arm ein wenig fester um ihn und fuhr mit der anderen Hand beruhigend über seine Schultern. „Keine Angst, Severus, wird gleich besser. Ganz ruhig. Versuchen Sie sich zu entspannen. Ihnen passiert nichts, okay? Alles gut. Ganz ruhig bleiben, das geht vorbei."

Es dauerte eine ganze Weile, bis das Zittern langsam ein wenig nachzulassen schien. Geduldig hielt Ginny den Mann in ihrer Umarmung, und irgendwann drängte er sich selber ganz eng an sie, auf der Suche nach Schutz und Wärme. Die Beine hatte er bis zur Brust hochgezogen, und seine Arme klammerten sich fest um die Knie. Ein frierendes, bibberndes Häufchen Elend. Doch er schien ihre Körperwärme zu fühlen.

Endlich, nach einer Ewigkeit, hörte er auf zu zittern. Mit einem mitfühlenden Lächeln sah Ginny auf ihn hinunter und begann sanft sein Haar zu streicheln, bis er langsam den Griff um seine Knie lockerte und sich etwas bequemer ausstreckte. Doch er rückte keinen einzigen Zentimeter von ihr ab und kämpfte verbissen gegen die Müdigkeit an.

Es war ein völlig aussichtsloser Kampf, den er innerhalb von ein paar Minuten verlor. Sein gesamter Körper entspannte sich, doch Ginny rührte sich erst, als sie ganz sicher war, dass sie ihn nicht sofort wieder aufwecken würde. Dann schlüpfte sie leise aus dem Bett, legte einen kräftigen Wärmezauber auf die Steppdecke und setzte sich an den Rand.

Knappe zwei Stunden später regte er sich, hob den Kopf langsam vom Kissen und starrte mit verschwommenem Blick zu ihr hoch. „Tut mir leid", murmelte er benommen und rieb sich die müden Augen.

„Es gibt nichts, was Ihnen leid tun müsste, Severus", gab Ginny ruhig zurück und strich ihm ein paar verirrte Strähnen aus dem Gesicht. „Legen Sie sich wieder hin, ja? Es ist alles in Ordnung. Sie waren nur ziemlich durchgefroren vorhin. Wärmen Sie sich noch eine Weile auf."

Die kurze Schlafperiode hatte definitiv nicht ausgereicht; Snape war immer noch zu erschöpft um zusammenhängend zu denken. „Ich wollte einfach nur raus", seufzte er und tastete fahrig nach Ginnys Hand. „Nur… n-nur raus."

„Warum wollten Sie raus?" fragte Ginny behutsam nach. Das Thema schien ihn zu verfolgen. Vielleicht war es sinnvoll, wenn er darüber sprechen konnte. Immerhin stand er sichtlich unter Druck.

Sie nahm seine Hand und hielt sie fest. „Ist irgendwas passiert, Severus? Erzählen Sie mir alles, in Ordnung? Ich werde Ihnen zuhören, versprochen. Was war denn los?"

Ein schmerzhafter Ausdruck huschte über sein Gesicht, verschwand aber rasch wieder, als er in angestrengter Konzentration die Stirn runzelte.

„Es war alles zu viel", gestand er schließlich, beinahe gegen seinen Willen, und wich ihrem Blick konsequent aus. „Überall Er-Erinnerungen… das letzte Schuljahr, ich… es hat mich beinahe erdrückt. Ich… ich dachte, ich würde ersticken."

Ginny Weasley schloss kurz die Augen, als ihr das Ausmaß des Problems endlich bewusst wurde.

Oh, Scheiße.

Das hatte niemand von ihnen bedacht, als sie ihn ermutigt hatten, nach Hogwarts zurückzukehren. Nicht nur für die Schüler war es im vergangenen Jahr schwer gewesen. Snape hatte mit Sicherheit wesentlich Schlimmeres erlebt als sie.

Jetzt keine schwierigen Fragen, sagte sie sich energisch, der Mann ist völlig durcheinander. Einfache Sätze. Nichts Kompliziertes. Versuch ihn zum Reden zu bringen. Wenn das nicht klappt, hilf ihm zu schlafen.

„Sie wissen, dass Sie mir vertrauen können, oder?" fragte sie so sanft wie möglich. Snape nickte müde, schwieg aber. Ginny kannte ihn mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass er zu einem Gespräch noch nicht bereit war. Falls sie ihn zu sehr drängte, würde er nur wieder die Schilde hochfahren, und damit wäre niemandem geholfen. Also blieb ihr nur, dafür zu sorgen, dass er wenigstens ein paar Stunden Schlaf bekam.

„Gut", meinte sie und strich ihm wieder übers Haar. „Sie können jederzeit zu mir kommen, wenn Sie reden wollen. Oder einfach nur Gesellschaft brauchen. Möchten Sie sich noch ein bisschen ausruhen? Ich bleib bei Ihnen."

„Okay…"