Mit Hagrids Hilfe hatte Ginny den fiebernden Snape wieder warm eingepackt. „Es dauert eine Weile, bis der Trank anfängt zu wirken", erklärte sie leise, ohne den schlafenden Mann aus den Augen zu lassen, „und dann steigt das Fieber erst mal, bevor es besser wird. Ich hab das zwar bisher noch nie allein gemacht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damit klarkomm. Als die halbe Schule krank war, hab ich im Krankenflügel geholfen, und Monica hat mir gezeigt, wie man mit sowas umgeht. Stablos, mein ich."

Der Halbriese nickte und warf sich seinen dicken Umhang über. „Wenn irgendwas is, hol mich", betonte er. „Muss mich jetzt allerdings noch nach ´n paar Bäumen für die Große Halle umgucken, bevor´s richtig dunkel wird."

Er schien kurz über etwas nachzudenken, bevor er fragte: „Soll ich Minerva sagen, dass ihr für die Nacht hier bleibt? Wär vielleicht besser für ihn, wenn er nich in der Schule aufwacht. Zu viel Stress. Ihr könnt hier schlafen, will diese Nacht eh noch bei Grawp in seiner Höhle vorbeischaun. Der is schon die ganze Woche allein, hat nur Fang bei sich oben. Hier stört euch keiner, da hat Sev´rus ´n bisschen Ruhe."

„Gute Idee", gab Ginny erleichtert und dankbar zurück, „vielen Dank, Hagrid. Und ich denk, morgen sollte auch nochmal jemand seinen Unterricht übernehmen. Das packt er nicht."

„Nee, das macht Poppy, sind ja nur Erst- und Zweitklässler morgen. Is schon geregelt, mach dir mal kein´ Kopf deswegen. Na dann, bis später, ihr zwei!" Eine eisige Böe wischte zur Tür herein, als Hagrid die Hütte verließ. Ginny fröstelte kurz, doch der Kamin sorgte schnell wieder für eine angenehme Wärme im Raum.

Während sie neuen Tee aufsetzte, dachte sie darüber nach, was Hagrid ihr erzählt hatte. Sie hatte geglaubt, die Schüler hätten ein furchtbares Jahr in Hogwarts gehabt, doch wie es schien, war Severus Snape durch die Hölle gegangen. Und sie hatte mit Neville, Luna und der DA für noch mehr Probleme gesorgt, als er ohnehin schon gehabt hatte. Trotzdem hatte er sie vor einer harten Bestrafung durch die Carrows bewahrt und sie stattdessen in die sichere Obhut des Wildhüters gegeben.

Er hatte sie alle beschützt, so gut es ihm unter diesen Umständen eben möglich gewesen war, und hatte oft selber darunter leiden müssen. Und er hatte keinerlei Unterstützung gehabt. Nicht einmal jemanden, mit dem er hätte reden können.

Ginny konnte außerdem nicht umhin, ihre Meinung über Hagrid zu revidieren. Hinter seiner polternden, oft fast kindlich naiven Fassade versteckte sich ein überaus wacher Verstand. Er hatte als Einziger nicht einfach die allgemeine Version geschluckt; er hatte sich tatsächlich berechtigte Zweifel erlaubt, war aber gleichzeitig auch noch klug genug gewesen, Severus nicht in Schwierigkeiten zu bringen.

Auch dass er daran gedacht hatte, dem Tränkemeister unnötigen Stress zu ersparen, indem er ihm und Ginny einen Übernachtungsplatz anbot, bewies ihr ganz deutlich, dass der Halbriese über das aktuelle Problem hinaus dachte. Wenn all diese schrecklichen Erinnerungen den Professor mitten in der Nacht aus der Schule gescheucht hatten, war es wirklich nicht sinnvoll, wenn er genau dort wieder zu sich kam. In seiner augenblicklichen Verfassung wäre das so ziemlich das Falscheste, was ihm passieren konnte.

Mit der Teekanne und einem von Hagrids riesigen Taschentüchern, das sie in kaltes Wasser getaucht hatte, kehrte Ginny zum Bett zurück. Ihr Patient war ansatzweise wach und sah aus fiebrig glänzenden Augen zu ihr hoch, Gesicht und Oberkörper schweißüberströmt.

„Hallo, Severus", sprach sie ihn leise an und setzte sich zu ihm an den Bettrand. „Wie fühlen Sie sich?"

Sein ohnehin schon leicht glasiger Blick verschwamm, als er sich aufs Antworten konzentrierte, und seine Finger krallten sich in die dicke Flickendecke. „Schwindlig", brachte er benommen heraus, „Kopfschmerzen… und… und…" Der halbherzige Versuch, ein Gähnen zu unterdrücken, brachte ihn vollends aus dem Konzept.

„Und ganz schön müde, was?" half ihm Ginny in freundlichem Ton weiter. Auf sein schwaches Nicken hin strich sie ihm leicht über die viel zu warmen Wangen und griff nach dem Tuch. „Severus, Sie haben Fieber. Sie wissen ja sicher noch, wie der Fiebertrank wirkt, nehm ich an. Ich versuch es Ihnen ein bisschen angenehmer zu machen, in Ordnung?"

„Ich bin nie krank", nuschelte er undeutlich vor sich hin und warf ihr einen fast gehetzten Blick zu. Als sie sein Gesicht abwischte, stöhnte er unterdrückt und schloss erschöpft die Augen. Seine Stirn war heiß, die Wangen unnatürlich gerötet. Ginny nahm seine schweißfeuchte Hand in ihre und drückte sie leicht, um seine Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. „Sie haben doch sicher Durst, oder? Möchten Sie was trinken? Einen Schluck Tee?"

„Okay", murmelte er bereitwillig, öffnete mühsam die Augen und versuchte sich aufzurichten. Ginny assistierte vorsichtig, den Arm um seine Schultern gelegt, und hielt ihm die Tasse an die Lippen. Er nahm einen kleinen Schluck, noch einen, und hielt dann inne, um sie anzusehen. „Kamille?"

„Kamille", bestätigte sie mit einem Lächeln. „Mit ein bisschen Weidenrinde, das sollte helfen, das Fieber zu senken. Trinken Sie, Severus, es ist genügend da. Okay? Kommen Sie, das wird Ihnen gut tun."

Er trank noch ein paar Schlucke, lächelte dann scheu und lehnte sich leicht gegen ihre Schulter. Seine Hände spielten fahrig mit einem Zipfel der Decke, und er vertiefte sich mit fast kindlicher Faszination in diese rastlosen Bewegungen, während das Mädchen ihn immer wieder geduldig in die Realität zurückholte und ihn mit sanftem Nachdruck zum Trinken anhielt.

Er nickte ein, sobald sein Kopf die Kissen berührte, die Finger immer noch um den Deckenzipfel geklammert, und Ginny strich ihm behutsam ein paar feuchte Strähnen aus der Stirn. Sie machte sich auf einen langen Tag und vermutlich eine ebenso lange Nacht gefasst und wurde sich plötzlich in aller Klarheit der Tatsache bewusst, dass ihr späterer Beruf nicht weniger anstrengend sein würde als der Harrys.

Eine Menge Herumsitzen und Warten, erinnerte sie sich an Madam Pomfreys auffällig zutreffende Beschreibung, schmunzelte kurz und beschränkte sich die nächste halbe Stunde darauf, die Stirn ihres Patienten mit dem feuchten Tuch zu kühlen.

Als das Fieber weiter anstieg, wurde Snapes Schlaf zunehmend unruhiger. Er stöhnte hin und wieder leise auf, als hätte er einen schlechten Traum, wälzte sich rastlos herum und kämpfte mit der Bettdecke. Ginny versuchte gar nicht erst, ihn ruhig zu halten. Die Nebenwirkungen des Tranks waren ihr seit der Grippewelle vertraut.

Irgendwann schreckte er hoch, sah sich verwirrt um und versuchte aus dem Bett zu steigen. Sanft, aber durchaus bestimmt drückte das Mädchen ihn in die Kissen zurück. „Wo wollen Sie denn hin, junger Mann? Bleiben Sie mal schön liegen, ja? Ganz ruhig, es ist alles in Ordnung. Na kommen Sie, wir trinken noch ein bisschen Tee, okay?"

Er sah sie an, ohne sie wirklich zu erkennen, aber Ginny nutzte die kurze Zeit, in der er wach genug dafür war, um ihm eine weitere Tasse Tee einzuflößen. Er würde die Flüssigkeit dringend brauchen. Sein ohnehin schon unsteter Blick verschwamm gleich darauf, und er wühlte sich zitternd tiefer in die Decken. Bald musste es an der Zeit sein, helfend einzugreifen.

„Kalt", hörte sie ihn leise in die Kissen sagen, gefolgt von unterdrücktem Stöhnen, und Ginny schloss für ein paar Sekunden die Augen, um sich zu sammeln. Das würde ein bisschen schwierig werden, da sie es noch nie in der Praxis umgesetzt hatte. Zumindest nicht allein.

„Nicht erschrecken", wisperte sie dem Professor zu, als sie erneut zu ihm unter die Decken kroch. „Ich bin´s nur – Ginny."

Der erwartete Schüttelfrost setzte schneller ein als sie erwartet hatte, und die junge Frau schloss ihren Patienten fest in die Arme. Sie konnte seine Zähne klappern hören, als er sich unbewusst näher an sie herandrängte, die glühend heiße Stirn gegen ihre Schulter gepresst.

„Ist schon gut, Junge, alles in Ordnung. Bald haben Sie´s überstanden. Lassen Sie sich helfen. Alles gut. Das wird schon wieder. Ist okay." Beruhigend strich sie ihm übers Haar, während ihre andere Hand zu arbeiten begann. Langsam fuhr sie über seinen Rücken, auf und ab; die Alte Magie floss durch ihre Finger, drang in seine verkrampften Rückenmuskeln ein und begann sie ganz sachte zu lockern. Das war der Vorteil an Monicas Methode: im Gegensatz zu Madam Pomfreys Variante brauchte sie hier keinen hinderlichen Zauberstab. Und der notwendige Körperkontakt gab dem Patienten ein Gefühl der Sicherheit.

Trotzdem, es war wirklich höllisch anstrengend! Ginny hatte noch keine große Übung in Heilzaubern, und sie konnte nur inständig hoffen, dass ihre Kräfte ausreichten. Während sie sich auf den angespannten Rücken konzentrierte, hörte sie den Tränkemeister zitternd Luft holen. Ihre Hände waren bald rutschig und feucht von seinem Schweiß, doch sie verrichteten zuverlässig ihre Arbeit.

Lockern mit Magie, dehnen mit den Fingern. Immer der gleiche Rhythmus, auf und ab. Und dann, ganz überraschend, war es vorbei. Das heftige Zittern schwächte sich ab, und während sie erleichtert Luft holte, fühlte sie, wie der ausgelaugte Mann sich eng an sie kuschelte. Das Schlimmste war geschafft. Ginny drückte ihren Schützling an sich. Sie war plötzlich todmüde.

Beinahe wäre sie eingeschlafen, doch dann nahm sie unkoordinierte Bewegungen neben sich wahr. Sie hatte nur ungefähr zehn Minuten Zeit gehabt, um sich zu erholen, doch das musste eben reichen. Snape saß aufrecht im Bett und starrte mit geweiteten Augen ins Leere. Er atmete rasch und unregelmäßig und murmelte zusammenhanglos vor sich hin.

Seufzend stemmte Ginny sich hoch und zog den widerstrebenden Mann zu sich heran. „Severus, ganz ruhig, es ist alles in Ordnung. Sie haben nur geträumt. Legen Sie sich wieder hin. Schon gut, kommen Sie her. Es ist okay, beruhigen Sie sich."

„Hoch zur Schule", flüsterte er zerstreut und sah sich orientierungslos um, „ich muss zurück… bitte… ich muss sie… be-beschützen…"

„Severus", sagte Ginny ruhig und legte beide Hände fest gegen seine glühenden Wangen. „Severus. Es ist alles gut. Sie müssen nirgendwo hin. Sie haben Fieber, Junge. Bitte, legen Sie sich wieder hin. Versuchen Sie sich zu beruhigen, in Ordnung?"

Er sah sie aus stark geröteten Augen an. „Ich… ich hab´s Dumbledore versprochen. Bitte… ich bin der einzige Schutz, den sie haben. Die Carrows…", stammelte er hektisch und in ohnmächtiger Verzweiflung, während Ginny ihn an sich zog. „Ich hab´s ihm versprochen. Bevor… b-bevor ich… ich muss zurück, bitte… zur Schule…"

Flashback, dachte sie erschrocken und umklammerte ihren völlig aufgelösten Patienten, um ihn daran zu hindern, aus dem Bett zu krabbeln. „Severus, alles okay", versicherte sie ihm sanft und fuhr mit der Hand über seinen Rücken, „es ist alles gut. Die Carrows sind weg. Man hat sie eingesperrt, sie kommen nie wieder zurück. Okay? Alles gut. Sie sind weg."

„Weg?" wiederholte er unsicher und hörte auf sich zu wehren. „Sie sind… sie sind weg? Minerva?"

„Nein, nicht ganz", gab sie lächelnd zurück, lockerte ihren Griff und fasste ihn bei den Schultern. „Ich bin´s. Ginny. Sehen Sie mich an. Ich bin´s. Alles ist gut, entspannen Sie sich. Es ist vorbei."

Der panische Ausdruck in seinen Augen verschwand nach und nach, und sein benebelter Blick klärte sich. „Ginny? Ginny Weasley?"

Er glühte immer noch vor Fieber, doch immerhin schien er zu wissen, wer sie war. Ganz langsam, um ihn nicht unnötig zu erschrecken, hob sie die Hand und strich sein strähniges, schweißnasses Haar nach hinten. „Es ist vorbei, Junge", beschwichtigte sie ihn. „Die Schule ist wieder sicher, Voldemort ist tot. Und die Carrows sitzen für den Rest ihres Lebens in Askaban. Alles in Ordnung. Versuchen Sie sich zu beruhigen, ja? Sie haben das großartig gemacht. Professor Dumbledore wäre sehr stolz auf Sie."

„Ich… Ginny?" Er zögerte kurz, dann hob er eine zitternde Hand und berührte mit andächtigem Gesichtsausdruck ihre Wange, wie um sich selber zu versichern, dass sie wirklich da war – eine rührend hilflose Geste.

„Ich… ich wollte einfach… einfach nur eine Weile raus", sagte er dann unglücklich, während die ersten Tränen über seine Wangen liefen. „Ich… tut mir leid. Ich hab geträumt, und… dann bekam ich Panik und hab mich über… übergeben… ich konnte nicht mehr… es war alles so eng, und ich wollte einfach nur noch raus… nur… nur…" Seine Stimme wurde leiser und erstarb unter den ersten heftigen Schluchzern.

„Schhh… ich weiß." Ginny legte liebevoll den Arm um ihn und zog ihn mit sanfter Gewalt mit sich hinunter, zurück in die weichen Kissen. „Ich weiß. Ist schon in Ordnung, mein Junge. Für Sie muss das die Hölle gewesen sein… es tut mir so leid, dass Sie da ganz allein durch mussten. Kommen Sie, lassen Sie einfach los. Ganz locker, ich halt Sie fest. Alles gut, ich bin ja da. Es ist vorbei, Severus. Es ist vorbei. Nur noch eine Erinnerung. Sie kann Ihnen nicht mehr weh tun. Lassen Sie los. Alles gut. Alles okay."

Behutsam streichelte sie die bebenden Schultern, und er presste sich hilfesuchend an sie, das vom Fieber glühende Gesicht, nass von Tränen und Schweiß, an ihrem Hals vergraben.

„Ich wusste nicht, ob… ob ich das schaffe", sagte er mit tränenerstickter Stimme, immer wieder unterbrochen von angestrengten Atemzügen. „Ich war… es war niemand da… ich hatte es versprochen, Ginny. Aber es… es war die Hölle. Und ich… ich war allein."

„Grundgütiger, und wir haben Ihnen noch mehr Schwierigkeiten gemacht mit der DA", meinte Ginny betreten. „Shit. Tut mir leid, Severus. Wir wussten es nicht. Himmel, es tut mir so leid, Junge. Kommen Sie her." Sie schlang die Arme noch fester um ihn und streichelte sein Haar, um ihn zu beruhigen, war aber selbst den Tränen nahe. „Ganz ruhig, jetzt ist alles vorbei. Sie haben das wirklich sehr gut gemacht. Und Sie sind nicht mehr allein, okay? Nie wieder, versprochen. Ist alles gut…"

Es dauerte lange, bis sein Schluchzen verebbte, und Ginny sprach die ganze Zeit leise und besänftigend auf ihn ein, während sie ihn hielt. Doch damit war es noch lange nicht getan, das war ihr klar. Er brauchte dringend Hilfe.

Seine Jahre als Doppelagent, der Druck des letzten Schuljahres, ein völlig über den Haufen geworfenes Leben – das alles war ihm jetzt endgültig über den Kopf gewachsen. Mit seiner Rückkehr ins Schloss waren auch die Erinnerungen zurückgekommen und hatten zusammen mit der erneuten Bedrohung durch die Todesser für diesen Zusammenbruch gesorgt.

„Sie sind nicht allein, Severus", flüsterte sie ihm zu und drückte ihn fest an sich. „Ich bin für Sie da, und ich werde Ihnen helfen, okay? Wir schaffen das schon. Es wird alles wieder gut, das versprech ich Ihnen. Ich kümmere mich darum. Machen Sie sich keine Sorgen. Alles wird gut." Er seufzte leise und schlief endlich eng an sie geschmiegt ein, als die Dämmerung gerade anfing die Ländereien in tiefe Schatten zu hüllen.

Ginny jedoch lag wach, starrte mit gerunzelter Stirn zu den Dachbalken hoch, und auf ihrem Gesicht machte sich ein entschlossener Ausdruck breit.

„Wir kriegen das hin. Versprochen."

Etwas später löste sie sich vorsichtig von ihrem Schützling und stieg aus dem Bett. In ihrer Tasche fand sich rasch ein kleiner Notizblock. Ginny riss ein Blatt heraus, fischte ihr Schreibzeug aus der Tasche und kritzelte ein paar Worte auf das Pergament: „Mo, es gibt ein Problem. Ich brauche Ihren und Poppys Rat. Könnten Sie zu Hagrids Hütte kommen? Es ist wichtig. Danke. Ginny."

Der winzige Kauz kam sofort zu ihr geflattert, als sie ihn rief, und schwirrte kurz darauf in die Dunkelheit davon. Nun konnte das Mädchen nur noch abwarten.