Ginny sah von einem Buch auf, das Poppy ihr geliehen hatte, als Snape sich morgens regte und sich blinzelnd umschaute. „Hey, da sind Sie ja wieder, Severus. Wie geht´s Ihnen?"

Langsam wanderte sein verwirrter Blick über das Bett, den großen Küchentisch und die Wände von Hagrids Hütte, bevor er zu ihr zurückkehrte. „Ich weiß nicht…", sagte er unsicher. Mit müden Bewegungen stemmte er sich ein wenig in die Höhe. „Wie spät ist es?"

Ginny sah auf die Uhr. „Kurz nach Neun. Haben Sie Hunger? Hagrid hat uns Frühstück gemacht. Kommen Sie, ich helf Ihnen beim Anziehen, Sie werden noch ein bisschen unsicher auf den Beinen sein. Sie hatten einen anstrengenden Tag gestern. Lassen Sie sich helfen. Okay?"

Teilnahmslos ließ er sich von ihr in Hosen, T-Shirt und Hemd helfen. Während sie ihm Socken und Stiefel anzog, saß er mit gesenktem Kopf auf der Bettkante. Er bewegte sich nur, wenn sie ihn dazu aufforderte, und wartete abwesend, bis sie ihn hochzog.

Himmel, er ist immer noch total erledigt.

Beunruhigt musterte Ginny ihren Patienten. Er wirkte völlig apathisch und tat nichts aus eigenem Antrieb, stand nur leicht schwankend da und starrte blicklos zu Boden. Seufzend schlang das Mädchen einen Arm um ihn und bugsierte ihn zum Tisch. Dort ließ er sich still auf einen der Stühle sinken und sah auf die Schüssel mit gezuckertem Haferbrei, die Ginny ihm hinschob.

„Ich muss meinen Unterricht vorbereiten", sagte er schließlich leise und stand etwas unbeholfen auf.

„Nein, müssen Sie nicht, Severus", erklärte Ginny sanft. „Sie unterrichten heute nicht. Sie sind krank. Hagrid sagt, Poppy hat Ihre Stunden für heute übernommen, damit Sie sich ausruhen können. Okay?"

Im Zeitlupentempo wandte er sich zu ihr um, das Gesicht beinahe grau vor Erschöpfung. „Das ist Unsinn. Ich bin nicht krank, nur ein bisschen müde. Ich schaffe das schon."

„Nicht in Ihrem Zustand", widersprach Ginny energisch, zögerte kurz und holte dann tief und entschlossen Luft. Da sie während des abendlichen Treffens mit Mo und Poppy tatsächlich die Verantwortung für ihren Lehrer übernommen hatte, wurde es Zeit für sie, auch entsprechend zu handeln. Und es würde ihm nicht helfen, wenn sie die Dinge beschönigte. Also erkundigte sie sich in äußerst ruhigem Ton: „Severus… erinnern Sie sich daran, was gestern passiert ist?"

„Passiert?" Er runzelte leicht die Stirn und blinzelte träge. „Nein… es ist alles irgendwie unscharf und verschwommen. Ich weiß nicht… was ist los mit mir, Ginny?"

„Sie haben die halbe Nacht draußen gesessen", erinnerte ihn die angehende Heilerin und fasste ihn behutsam bei den Schultern. „Sie hatten so eine Art… Nervenzusammenbruch, denk ich. Und danach haben Sie mit Fieber im Bett gelegen."

Schwerfällig schüttelte er den Kopf, während sein Blick sich leicht verschleierte. „Ich kann mich nicht erinnern", gestand er. „Es ist alles neblig und dunkel. War ich… war es sehr schlimm?"

„Für Sie ganz sicher", gab Ginny leise zurück und drückte mitfühlend seine Schultern. Es musste mehr als nur schlimm gewesen sein, wenn sein Verstand die gestrigen Ereignisse so vehement verdrängte. Sein gesamtes Verhalten wies darauf hin, dass es ihm wirklich schlecht ging. „Das vergangene Jahr war schrecklich für Sie. Ich denke, Sie waren mit dieser Situation einfach total überfordert. Das hätte jeden aus der Bahn gehauen."

„Letztes Jahr? Oh… stimmt." Abwesend setzte er sich wieder und begann mechanisch zu essen; Ginny hätte wetten können, dass er sich dessen nicht einmal richtig bewusst war, doch immerhin bekam er auf diese Weise etwas in den Magen.

Eine Viertelstunde verbrachten sie schweigend mit Frühstücken. Es gelang der Schülerin, Snape unauffällig nachzuschöpfen. Er hatte den ganzen letzten Tag nichts gegessen bis auf ein wenig Suppe, und am Abend davor hatte er sich übergeben – er hatte die Extraportion dringend nötig.

Nach zwei Tassen Tee wurde der Professor endlich etwas lebendiger, allerdings schien nun auch langsam seine Erinnerung wiederzukommen, denn er wirkte zunehmend nervös und überreizt. Seine Finger – inzwischen gute Stimmungsindikatoren für Ginny – spielten mit den Knöpfen seines Hemds, dem Löffel, der Teetasse. Unruhig huschte sein Blick durch die Hütte, und schließlich schob er mit einer hastigen Bewegung seinen Stuhl zurück und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.

Als er nach seinem Umhang griff und auf die Tür zuhielt, fing Ginny ihn sanft wieder ein. „Severus, halt. Bleiben Sie hier. Beruhigen Sie sich erst mal, in Ordnung? Kommen Sie, sehen Sie mich an. Alles okay." Mit unerschütterlicher Ruhe griff sie nach den Händen des rastlosen Mannes und sah ihm in die Augen. „Hey, alles gut. Ganz ruhig. Hören Sie mir zu. Wir beide packen jetzt Ihre Sachen, und dann gehen Sie mit mir nach London."

„London?" wiederholte er verständnislos.

„Über die Ferien", nickte Ginny lächelnd und zog ihn zum Bett. „Wir beide gehen heute schon. Monica hat das mit McGonagall geklärt. Harry, Ron, Hermine, Luna und Neville kommen morgen nach. Ist das in Ordnung?"

„Ich sollte hierbleiben", wandte er halbherzig ein, „ich hab noch eine Menge Aufsätze zu korrigieren…"

Resolut schüttelte das Mädchen den Kopf, drückte ihn mit sanfter Gewalt hinunter auf den Rand von Hagrids Bett und legte prüfend die Hand an seine Stirn. „Nein. Auf gar keinen Fall. Sie werden nicht allein hier in der Schule bleiben, nicht in Ihrer Verfassung. Sehen Sie sich an. Sie sind krank, und Sie sind völlig fertig. Ich werde nicht zulassen, dass Sie die ganzen drei Wochen da unten in den Kerkern hocken und grübeln, klar?"

Snape ließ Kopf und Schultern hängen, nickte aber leicht. Ginny fuhr fort: „Heute sollten Sie sich einfach nur ausruhen. Ich werd Sie zu Ihren Räumen begleiten, damit Sie packen können. Dann gehen wir durch den Kamin im Schulleiterbüro. Ich werd die ganze Zeit über bei Ihnen bleiben, keine Sorge. Sie müssen unbedingt noch ein paar Stunden Schlaf nachholen, und ich glaub, der Grimmauldplatz ist dafür besser geeignet als Ihre Kerker, oder?"

Wieder nickte er, hob langsam den Kopf und warf ihr einen zaghaften Blick zu. „Meine Aufsätze?"

„Die holen wir, bevor wir aufbrechen", beruhigte sie ihn mit einem leisen Lächeln. „Jetzt gehen wir erst mal packen, Severus. Kommen Sie… ziehen Sie den Umhang über. Es ist ziemlich kalt draußen, und Sie haben immer noch ein bisschen Fieber."

Bereits in der Eingangshalle zeigte sich deutlich, wie erschöpft der Tränkemeister immer noch war: er geriet leicht ins Stolpern, und Ginny fasste ihn fest am Ellbogen. „Sachte, junger Mann, Sie sind noch nicht ganz fit. Lassen Sie sich helfen, ja?"

Sie begegneten niemandem im Schloss außer dem Fast Kopflosen Nick, der den Professor zwar mit einem eindeutig besorgten Blick musterte, dann aber rücksichtsvoll und ohne Kommentar durch eine solide Mauer entschwebte. Die meisten Schüler waren im Unterricht, und wer eine morgendliche Freistunde hatte, nutzte sie vermutlich, um länger zu schlafen. Die Korridore waren wie ausgestorben.

Ginny ging still neben Snape her. Sie fühlte deutlich seine wachsende Anspannung, sobald sie den Kerkerbereich betreten hatten, kramte in ihrer Tasche und reichte ihm eine Phiole mit Tranquilitas: „Hier, damit werden Sie sich zumindest ein bisschen wohler fühlen, okay?"

Widerspruchslos leerte er das kleine Glasgefäß und folgte ihr, die Finger fest um die leere Phiole geklammert. Ginny registrierte sein Zögern, verlangsamte ihr Tempo und legte ihm beruhigend einen Arm um die schmalen Hüften. So eskortierte sie ihren stummen Begleiter eine Treppe hinunter und einen schwach beleuchteten Korridor entlang, bis sich endlich die vertraute Tür zu Snapes Büro vor ihnen öffnete.

Der Trank wirkte rasch, und Ginny half ihrem Lehrer, etwas Kleidung in eine Tasche zu packen – vorwiegend Muggelsachen: Jeans, Shirts, leichte Jogginghosen, Sweatshirts. Die Zaubererumhänge waren einfach zu steif und unbequem für einen schlichten Erholungsurlaub.

Sie holten aus dem Büro einen beeindruckenden Stapel von Schüleraufsätzen, dann gingen sie durch das Schloss zu McGonagalls Büro. Die Schulleiterin erwartete sie bereits und verzichtete komplett auf unnötige Fragen. Offensichtlich hatten Mo und Madam Pomfrey sie bereits über die Situation in Kenntnis gesetzt, denn auch in ihrem Blick lag deutliche Besorgnis. Als sie ihnen schöne Ferien wünschte und sie sich zum Kamin wandten, stellte Ginny fest, dass Snape es konsequent vermied, seine Kollegin anzusehen. Sanft nahm sie ihn beim Arm und zog ihn mit sich in die grünen Flammen.