Sämtliche Unruhe fiel von Snape ab, sobald sie in London aus dem Kamin kletterten. Erleichtert führte das Mädchen den abgespannt wirkenden Mann zum Sofa in seinem Arbeitszimmer, nahm ihm den Umhang ab und legte ihm eine angewärmte Decke um die Schultern. Mit einem Schwung ihres Zauberstabs entfachte sie das Feuer im Kamin und bereitete dann eine Kanne Tee zu: Johanniskraut, Melisse, Holunder, Lindenblüten.
Ginny goss Apfelsaft in ein Glas und fügte den Inhalt zweier winziger Flaschen hinzu, dann brachte sie Tee und Saft zu Snape, der trotz der dicken Decke ziemlich verfroren aussah und bereits wieder leichte Anzeichen von nervösem Unbehagen zeigte. „Hier, Severus, trinken Sie das", forderte sie ihn auf. „Das ist Solacius-Trank. Monica hat ihn aus Rowan mitgebracht. Der wird Ihre Nerven ein bisschen beruhigen."
Skeptisch sah er zu ihr auf, doch Ginny drückte ihm resolut das Glas in die Hand: „Na los. Das Zeug wird Sie schon nicht umbringen. Mo hat gemeint, es unterdrückt zu heftige Gefühlsregungen und sorgt dafür, dass sich die Muskeln entspannen. Genau das, was Sie jetzt brauchen. Sie sind immer noch viel zu hibbelig und nervös. Sie müssen wirklich dringend ein paar Gänge runterschalten, okay?"
Poppy war am Abend zuvor mit Monica in Hagrids Hütte vorbeigekommen, um nach dem Professor zu sehen, und Ginny hatte ihnen das Wichtigste erzählt. Sie hatten sich abgesprochen, während Severus geschlafen hatte. Alle drei waren übereinstimmend der Meinung gewesen, dass er die nächsten paar Tage sehr viel Ruhe und ständige Zuwendung brauchte. Mit einem so heftigen Zusammenbruch war nun einmal nicht zu spaßen, und jegliche Aufregung würde dem Mann nur noch mehr schaden.
Er hatte eine Menge Schlaf nachzuholen, und das konnte nicht funktionieren, wenn er nervös und unruhig zu Bett ging. Es war das Beste, ihn ein wenig ruhigzustellen, um weitere Albträume zu verhindern. Deshalb hatte Mo Ginny nicht nur die kleinen Phiolen mit Solacius mitgegeben, sondern für die Abende außerdem einen Schlaftrank, der auch in Kombination mit dem Beruhigungsmittel keinerlei unerwünschte Nebenwirkungen verursachte; die beiden Medikamente waren für die gemeinsame Anwendung entwickelt worden. Ihr Schützling würde damit ruhig und entspannt schlafen können.
Sobald es ihm körperlich wieder besser ging, konnten sie damit beginnen, sich mit seinen Problemen in der Schule auseinander zu setzen. Er brauchte Ginnys Hilfe, um seine Angst zu überwinden und zu lernen, mit den Erinnerungen zurechtzukommen. Es war wichtig, dass er die Vergangenheit abhakte, aber vorerst waren ungestörter Schlaf und regelmäßiges Essen wesentlich dringender.
Monicas Solacius-Trank wirkte rasch und zuverlässig, genau wie sie es versprochen hatte. Es dauerte nicht lange, bis der Tränkemeister merklich ruhiger wurde. Mit einem matten Lächeln lehnte er sich bei Ginny an, die den Arm um seine Schultern legte. „Ich komme mir ehrlich gesagt ein bisschen blöd vor", gestand er in gedämpftem Ton, während sie mit der freien Hand gelassen sein Hemd aufknöpfte. „Sie haben doch sicher Besseres zu tun, als den Babysitter für mich zu spielen…"
„Ach was, jetzt seien Sie aber nicht albern", lachte sie und streifte ihm das Hemd über die Schultern. „Ich hab überhaupt nichts zu tun, es sind Ferien. Na schön, ich könnte natürlich lernen, klar. Aber da ist mir Babysitten wirklich lieber. – Wie geht´s Ihnen jetzt? Etwas besser?"
„Ein bisschen benebelt. Und ich würde gern… ich könnte eine Dusche vertragen", fügte er verlegen hinzu.
Ginny schmunzelte. „Ich fürchte, das könnte sich ein bisschen schwierig gestalten, unmöglich wär der passendere Ausdruck dafür. Außer Sie wollen, dass ich mit Ihnen zusammen in die Dusche steige, aber darauf sollten wir wohl besser verzichten…"
Sie lachte leise über seinen irritierten Gesichtsausdruck, erklärte dann aber geduldig: „Dieser Beruhigungstrank wird Sie ziemlich außer Gefecht setzen, glauben Sie mir. Die Wirkung von Solacius steigert sich nach und nach, damit Geist und Körper nicht total davon überrumpelt werden. Das hier ist nur der Anfang. Es wird also nicht bei benebelt bleiben, Severus. Das Zeug sorgt außerdem für absolute Muskelentspannung, und ohne fremde Hilfe werden Sie sich schon bald nicht mehr auf den Beinen halten können, fürchte ich. Wird also nichts werden mit Duschen. Die Badewanne ist eine Option, da wären Sie zumindest schon in der Waagerechten… aber dann sollten wir sofort ins Badezimmer gehen, bevor die Wirkung des Tranks zu stark wird. Es wird schwer genug werden, Sie danach wieder aus dem Wasser zu kriegen, aber das schaffen wir schon. Einverstanden?"
„Hört sich gut an", murmelte Snape ein wenig verlegen und machte Anstalten aufzustehen. Mit Ginnys tatkräftiger Unterstützung kam er auf die Beine, und einige Minuten später lag der Professor gemütlich im heißen Wasser. Mit einem erleichterten Aufatmen schloss er die Augen und entspannte sich sichtlich, als die junge Frau ihm den Fieberschweiß abwusch.
Während der erschöpfte Mann eindöste, griff Ginny nach der Handbrause und ließ warmes Wasser über seine Haare laufen. Ruhig begann sie Shampoo darauf zu verteilen und massierte beim Haarewaschen sanft seine Kopfhaut und die Schläfen, was ihm ein wohliges Stöhnen entlockte. Sieh mal einer an, dachte sie mit einem amüsierten Lächeln, so einfach ist es also, dich ein bisschen zu verwöhnen, was?
In Jogginghosen und einem frischen Langarmshirt lag Severus eine halbe Stunde später unter einer wärmenden Decke auf dem Sofa und beobachtete träge blinzelnd die Flammen im Kamin. Der Anblick von Feuer schien ihn immer beinahe magisch anzuziehen.
Ginny kämmte bedächtig seine noch feuchten Haare durch und trocknete sie auf die gleiche Art wie schon in Hagrids Hütte, danach bestand sie darauf, dass er eine Tasse Tee trank sowie ein Glas kühlen Apfelsaft, in das sie ein paar Tropfen von dem Fiebertrank gemischt hatte. Der Tränkemeister glühte zwar nicht mehr, war aber immer noch etwas zu heiß, und seine Augen glänzten leicht fiebrig.
„Sie sind wirklich ein vorbildlicher Patient", stellte sie augenzwinkernd fest, als er folgsam Tee und Saft ausgetrunken hatte. „Dafür lohnt es sich echt, auf Geschichte der Zauberei zu verzichten. Wie geht´s Ihnen jetzt?"
Es dauerte einen Augenblick, bis er schläfrig zu ihr hochschaute. „Ich bin todmüde, meine Muskeln sind allesamt aus Pudding, mir ist schwindlig und ich komme mir wirklich dämlich vor. Ich glaube, mein Gehirn ist ohne mich in Urlaub gefahren. – Tut mir leid, ich stehe völlig neben mir", fügte er entschuldigend hinzu und gähnte verstohlen. „Also, wenn ich anfange Unsinn zu reden, dann… dann liegt das sicher an… das ist dieser Sol… das Beruhigungsmittel, oder?"
„Ja", bestätigte Ginny und strich ihm besänftigend über die Wange, „ist es. Keine Sorge, das ist völlig normal. Sie sollten versuchen, ein bisschen zu schlafen. Sie brauchen dringend etwas Ruhe, Junge. Na los, legen Sie sich mal auf den Bauch. Entspannen Sie sich und lassen Sie mich einfach machen, in Ordnung? Warten Sie, ich helf Ihnen. Das mit dem selbständig Bewegen wird jetzt etwas schwierig, was?"
„Scheint so. Tut mir leid."
„Kein Problem. Dafür bin ich ja da." Behutsam half sie ihm dabei sich umzudrehen, und er legte den Kopf auf die verschränkten Arme, während das Mädchen seine mittlerweile komplett gelockerten Schulter- und Rückenmuskeln knetete. Mo hatte Recht gehabt: diese doppelte Dosis war bestens geeignet zum Einsatz bei akuten Notfällen. Die nächsten Tage würde sie dann die normale Menge anwenden, damit Severus zumindest ansatzweise mobil sein würde. Wenn auch vermutlich ein wenig unbeholfen.
Inzwischen wurde der schlanke Mann zunehmend benommener, doch anscheinend hinderte ihn die Ungewissheit noch am Einschlafen. „Ich fange doch nicht an überzuschnappen, oder?" fragte er ängstlich. „Ich… ich habe Angst, Ginny. Ich bin so müde… aber ich wache ständig… ständig auf, und… und ich kann…" Er suchte vergeblich nach den richtigen Worten und gab resigniert auf.
„Machen Sie sich mal keine Sorgen", beruhigte Ginny ihn, „wir kriegen Sie schon wieder hin. Die nächsten paar Tage geb ich Ihnen das Zeug von Monica, damit Sie sich richtig erholen können. Und wenn´s Ihnen wieder besser geht, werden wir beide zusammen versuchen, mit Ihren Problemen klarzukommen. Aber das hat noch Zeit bis nach Weihnachten. Okay? Jetzt machen Sie die Augen zu und schlafen Sie ein Stündchen. Alles in Ordnung."
Der Tag verging in nahezu völliger Ruhe. Snape schlief die meiste Zeit über, und auch Ginny döste währenddessen, in einem Sessel neben dem Sofa zusammengerollt, um ihre eigenen Kräfte zu regenerieren. Sie war inzwischen selber mehr oder minder erledigt, weil sie recht wenig Schlaf bekommen und darüber hinaus viel Alte Magie angewandt hatte. So also würde später ihr Berufsleben aussehen, dachte sie mit leichter Ironie, entweder arbeiten oder schlafen. Harry würde begeistert sein!
Wann immer ihr Patient aufwachte, nötigte die junge Frau ihn dazu, ein wenig zu essen und zu trinken, und nach einem weiteren Bad am Abend brachte sie ihn gegen Neun ins Bett. „So, das wird für eine ruhige und traumlose Nacht sorgen", erklärte sie und reichte ihm einen Becher Apfelsaft mit einer Dosis Schlaftrank. „Runter damit. Danach gibt´s noch einen Becher Hühnersuppe, und dann wird geschlafen, junger Mann."
„Ginny, ich bin kein Kind mehr", protestierte Severus halbherzig. „Haben Sie sich das von Poppy abgeschaut, um Himmelswillen? Dann hätte ich genauso gut in der Schule bleiben können."
„Vergessen Sie´s. Während der nächsten drei Wochen bin ich für Sie verantwortlich, mein Lieber. Sie können versuchen zu kämpfen und werden unweigerlich verlieren, oder Sie sparen sich die Mühe und haben schöne ruhige Ferien. Ihre Entscheidung."
Er schnaubte ärgerlich, legte den Kopf schief und schielte missmutig zu ihr hoch. Als das nichts brachte, versuchte er einen flehenden Blick aufzusetzen, der Ginny schon aus dem Grund zum Kichern reizte, weil er so gar nicht zu ihm passen wollte. Vergebliche Mühe also.
„Sehen Sie mich nicht so an, das nützt Ihnen überhaupt nichts." Ginny verbiss sich mühsam das Lachen und hielt ihm wortlos den Apfelsaft unter die Nase. Die beiden fochten einen stummen Starrwettbewerb aus, den die junge Frau gewann – aber wenn man ehrlich war, nur aus dem einfachen Grund, weil ihr Gegenüber plötzlich herzhaft gähnen musste. Doch gewonnen ist gewonnen!
Gehorsam leerte Snape den Becher und gab ihn ihr zurück. „Sie scheinen das Ganze richtig zu genießen, Ginny", stellte er in leicht anklagendem Ton fest, bevor er sich demonstrativ unter den Decken verkroch. Komplett.
Ginny grinste. Das Zeug von Mo war wirklich gut. Und der Grimmauldplatz war die beste Wahl gewesen. Severus schien entspannt und ausgeglichen, und er fühlte sich anscheinend sogar sicher genug in ihrer Gegenwart, um sich mit ihr auf eine freundschaftliche Kabbelei einzulassen. Naja, zumindest während der Zeit, in der die Wirkung des Solacius langsam nachließ. Ansonsten war der Trank schon ein recht heftiger Hammer.
Aber für die Spanne von etwa fünfzehn Minuten, bis der abendliche Schlaftrank anfangen würde zu wirken, konnte sie ihrem Lehrer ja zumindest diese kleine Freude gönnen. Nichts machte ihm erfahrungsgemäß so viel Spaß wie ein kleines Wortgefecht, konnte er da doch zumindest ein bisschen wie früher reagieren. Und Ginny hielt sich durchaus für eine würdige Gegnerin.
„Klar genieß ich das", neckte sie ihn deswegen freundlich, „ich liebe es, Sie rumzukommandieren, das ist mal eine komplett neue Erfahrung. Der beste Teil daran ist, dass Sie sich nicht mal groß wehren können, nicht wahr? Sie sind mir hilflos ausgeliefert, auf Gedeih und Verderb. – Und jetzt kommen Sie bitte unter der Decke raus, ja? Sie sollten wenigstens noch ein bisschen was essen, bevor Sie wieder einschlafen und ich mich zu Tode langweile. Na los, Severus, kommen Sie schon. Hoch mit Ihnen, sonst wird die Suppe kalt."
„Nein."
„Doch. Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig."
Ihr Schützling stöhnte genervt auf. „Schon wieder essen? Ernsthaft?"
„Ja, schon wieder", bestätigte die junge Frau ungerührt, zog die Decke von seinem Gesicht, setzte sich zu ihm aufs Bett und stupste ihn spielerisch in die deutlich sichtbaren Rippen. „Sie sind viel zu dünn, Junge. Ein richtig dürres Elend. Wird wirklich Zeit, dass wir Sie ein bisschen aufpäppeln. Warten Sie, ich mach das. Kommen Sie, ich helf Ihnen hoch. Das Zeug fängt wohl schon an zu wirken. Stimmt´s?"
„Ich fürchte, Sie haben Recht", gestand er freimütig und versuchte ohne großen Erfolg, sich aufzurichten. „Mir ist schon wieder leicht schwummrig. Aber ich verrate Ihnen was: im Moment ist mir das alles völlig egal…"
„Na sehen Sie, genau das wollt ich doch hören."
Ginny bediente sich ihrer bewährten Methode und setzte sich als menschliche Lehne hinter ihn. Mit sicherem Griff hielt sie seine Brust umschlungen und strich mit den Fingern sanft über seine Rippen. Er war wirklich zu dünn. „Entspannen Sie sich einfach und trinken Sie Ihre Suppe, in Ordnung? Danach dürfen Sie sich dann richtig ausschlafen."
„Ich hab doch… ich hab den ganzen Tag verschlafen. Und gestern auch. Wie kann ich denn immer noch so müde sein, Ginny?"
Kopfschüttelnd griff sie nach der Suppe. „Rechnen Sie mal nach, wieviel Schlaf Sie allein schon während der zwei Monate in der Schule verpasst haben. Das sind sicher weit mehr als zwei Tage, Junge. Und irgendwann holt einen das eben ein… Okay, kommen Sie, ein bisschen was sollten Sie schon noch trinken von dem Zeug. Sie haben´s bitter nötig. Na los."
Snape begann bereits nach ein paar Schlucken der Hühnersuppe einzudämmern. Mit viel Mühe schaffte er es, den Becher zur Hälfte zu leeren, doch dann erschlafften seine Muskeln zunehmend. „Tut mir leid", murmelte er ziemlich benommen und rollte sich ein wenig unkoordiniert zusammen wie eine Katze, Kopf und Schultern auf Ginnys Schoß gebettet. „Ich… ich kann meine Augen nicht… nicht mehr aufhalten."
„Das seh ich." Mit einem leisen Lächeln schob Ginny ihren Arm unter seine Schultern, so dass sein Kopf in ihrer Armbeuge ruhte. „So ist es bequemer, oder? Machen Sie sich´s einfach gemütlich, Severus. Sie haben schließlich auch Ferien. Schlafen Sie gut, Junge."
Eine Weile hielt sie ihn so im Arm wie ein Kind, während die Wirkung des Tranks an Kraft zunahm und er in den Tiefschlaf abdriftete. Dann legte sie sich zu ihm unter die Decken und versorgte ihn mit beruhigender Energie, indem sie ihre Hände sanft über seinen Rücken streichen ließ. Er seufzte leise im Schlaf und streckte sich lang aus.
Auch Ginny nutzte die Zeit, um zu schlafen. Gute drei Stunden später rührte sich ihr Schützling schwach neben ihr, und sie schreckte sofort alarmiert hoch. Doch er rückte nur im Halbschlaf näher an seine lebende Wärmflasche heran. Gähnend und schon beinahe aus der Routine heraus schlang sie einen Arm um ihn und zog ihn an sich. Ihre Hand, die sanft über seine Stirn strich, und ein gewispertes „Somnias" schickten ihn zuverlässig für weitere Stunden ins Reich des tiefen, traumlosen Schlafs.
Ginny hatte eigentlich vorgehabt, sich wieder auf den Stuhl neben dem Bett zu setzen, sobald Severus fest genug schlief – doch als sie in der Morgendämmerung erwachte, den ruhig atmenden Mann immer noch im Arm, musste sie mit einem belustigten Grinsen feststellen, dass es bei diesem Vorsatz geblieben war. Na, zumindest hatte er wirklich tief und ruhig geschlafen, und das war doch die Hauptsache.
Schön, die erste Dosis Solacius war eigentlich bereits zu lange her. Aber nach dem Frühstück würde er ja ohnehin wieder etwas von dem Beruhigungsmittel bekommen. So lange er absolut entspannt schlief, würde sie ihn sicher nicht wecken, nur um ihm den Trank zu geben.
Leise stand sie auf, legte einen starken Wärmezauber über die Daunendecke und vergewisserte sich, dass Snape noch im Tiefschlaf lag. Ein weiteres geflüstertes „Somnias" – das würde ihn zumindest noch eine Stunde ruhen lassen. Zeit genug für sie, um das Frühstück zuzubereiten.
Vergnügt summend trottete sie die Treppen hinunter. Das war für den Anfang wirklich ganz gut gelaufen. Und sie würde eine Woche Zeit haben, um sich auf den schwierigeren Teil ihrer Aufgabe vorzubereiten.
Unten erwartete sie ein Gast. Rons Winzeule Pigwidgeon flatterte aufgeregt in der Kellerküche herum und schien überglücklich über ihr Erscheinen zu sein, so dass sie eine gute Minute brauchte, um den aufgedrehten Federball einzufangen. Eine kurze Notiz von Harry war an sein Bein gebunden, und Ginny lächelte leicht beim Lesen.
„Wir nehmen den Zug nach London, damit D. nicht allein fahren muss, und verbringen die Nacht bei ihm zuhause. Seine Mum hat uns eingeladen. Wir sind morgen am frühen Abend bei euch. Hab M. strikt untersagt, in den Ferien irgendwelche Treffen bei uns abzuhalten, wir wollen alle mal unsere Ruhe haben. Bis später, pass gut auf ihn auf. Du fehlst mir! H."
Das war typisch Harry. Immer für alle da, immer – nun ja, fast immer – die richtige Entscheidung. Es war gut, dass er und die anderen mit Draco nach Wiltshire fahren würden. Der ehemalige Slytherin kehrte sicher lieber nach Hause zurück, wenn ihn seine Freunde begleiteten anstatt eines Paars grimmig dreinschauender Auroren. Und im Zug würde ihn die Anwesenheit der anderen ziemlich sicher vor ein paar kleinen Problemen bewahren.
Auch wenn die Kinder der bekannten Todesser allesamt nicht zur Schule zurückgekehrt waren, bestand immerhin die geringe Möglichkeit, dass man es bei manchen anderen einfach nicht wusste.
Ginny machte Rühreier und Toast, goss Tee auf und versorgte Pig mit einer kleinen Schüssel Cornflakes, bevor sie ihn einfing und in seinen Eulenkäfig in Rons Zimmer verfrachtete. Dann belegte sie das Frühstück mit einem Warmhaltezauber und stieg damit die Treppen hoch, um es im Salon auf den Tisch zu stellen.
Anschließend trat sie leise in Severus´ Schlafzimmer. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie die friedliche Gestalt in den Decken liegen sah. Er schlief immer noch tief und ruhig, die Arme locker um eins der Kissen geschlungen und mit völlig entspannter Miene.
Ginny ließ ihn schlafen. Sie setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett, beugte sich vor und strich ihrem Schützling ein paar lange schwarze Strähnen aus dem Gesicht. Er regte sich schwach, seufzte leise und kuschelte sich eng an sein Kissen, das er wohl als Ersatz für sie an sich gezogen hatte.
Schlaf ruhig noch eine Weile, Kleiner. Du hast es nötig.
