Sorry, sorry, sorry... ich Böse! Ich weiß, es ist Wochen her, dass ich hier ein Kapitel gepostet habe. Zu meiner Entschuldigung: ich war im Urlaub. Und mein Urlaub besteht nun mal aus WLAN- und Internetfreier Zeit (kurz WIZ), die ich einmal im Jahr seeehr genieße. Da wird das Laptop weggeräumt, das Tablet in die Schublade gelegt und sogar das Handy ausgeschaltet, und dann genieße ich meine Freizeit mit meinem Freund an einem Ort, wo wir noch nie waren. Mit offenen Augen und Ohren und ohne Fotos zu machen. Versucht das mal, es ist erstaunlich, wie viel man da tatsächlich höchstpersönlich wahrnimmt... nicht erst zuhause beim Fotos angucken: "Ach, DA waren wir im Urlaub?"
Jetzt allerdings hat mich das Real Life wieder, Cay ist wieder in Kiel beim Arbeiten, und von daher geht es hier auch weiter. Tut mir leid, ich hätte euch vielleicht Bescheid geben sollen. Aber nachdem noch keine lautstarken Proteste bei mir ankamen... hat es vielleicht gar niemand bemerkt. ;-)
Es wurde schließlich Doyle. Der Hund der Baskervilles würde sich heute mit ihm und Ginny das Sofa teilen. Mit zielsicherem Griff fand Severus das Buch, strich kurz über den abgenutzten Rücken und zog es heraus. Es war alt, seit dreißig Jahren in seinem Besitz, und er hatte es schon oft gelesen, das sah man dem Band an. Als Kind hatte er es in einem Laden für gebrauchte Bücher erworben, von dem bisschen Geld, das er sich beim Kohlenschleppen für die Nachbarn verdient und vor seinem Vater versteckt hatte. Ein halbes Pfund, mühsam erarbeitet – doch das war es wert gewesen.
Mit einem leisen Lächeln fuhr Severus über den Einband. Dieses Buch hatte ihn durch viele Stunden der Einsamkeit begleitet, oben auf dem staubigen Dachboden, wo sein Vater ihn des Öfteren einzusperren pflegte.
Der junge Severus Snape hätte ohne Probleme den gesamten Text auswendig hersagen können, so oft hatte er es gelesen, um der Düsternis und den seltsamen Geräuschen zu entkommen, die die wurmstichigen Dachbalken und Bodendielen verursachten – und vermutlich auch eine ansehnliche Anzahl Ratten und Fledermäuse. Doch während der letzten Jahre hatte er irgendwie niemals genug Zeit gefunden, um das alte Buch erstmals mit dem Verstand und dem Wissen eines Erwachsenen zu lesen, und die Worte waren in seiner Erinnerung verblasst wie ein altes Foto.
Wieder im angenehm beheizten Salon angekommen, machten sie es sich wie vorhin auf dem Sofa gemütlich, und Ginny nahm erneut ihre vorherige Position ein. Mit untergeschlagenen Beinen lehnte sie sich in die Ecke, drückte ihm das Saftglas in die Finger, schenkte sich ebenfalls etwas Kürbissaft ein und nahm ihr Buch vom Tisch, um sich darin zu vertiefen.
Severus stellte erfreut fest, dass Monicas Trank keinen Eigengeschmack hatte, leerte langsam das Glas und fing währenddessen an zu lesen. Es war eigenartig, diese Geschichte nach all den Jahren wieder zu verfolgen. Sie klang vertraut, und doch lag sehr viel Unbekanntes darin, das er als Junge vermutlich einfach nicht wahrgenommen oder noch nicht richtig verstanden hatte. Als würde man einem Menschen begegnen, den man vor Jahrzehnten gekannt und dann völlig aus den Augen verloren hatte. Man erkannte ihn sofort wieder, doch er hatte sich trotz allem deutlich verändert.
Severus spürte ein fast widerwilliges, leises Bedauern darüber, dass er sich niemals hatte überwinden können, zu einem der Klassentreffen zu gehen, die seine Jahrgangskameraden in unregelmäßigen Abständen in den Drei Besen abhielten – wäre es ihm dort möglicherweise mit einigen Leuten ebenso ergangen wie jetzt mit diesem Muggelbuch? Vielleicht würde er beim nächsten Mal hingehen. Vielleicht… aus reiner Neugier.
Es war angenehm still im Raum, und er hörte nur das leise, stetige Ticken der großen Standuhr in der Ecke, Ginnys ruhigen Atem, gelegentliches Umblättern und das Knistern der Flammen im Kamin. So konnte man durchaus ein paar Stunden verbringen. Es war wohl doch nicht so falsch gewesen, für die Ferien hierher zu kommen.
Einige Minuten vergingen, bis Severus eine erste kleine Veränderung spürte. Ihm war, als würde die Oberfläche der Welt an den Rändern seines Sichtfeldes fast unmerkliche, zitternde Wellen schlagen. Nicht wirklich unangenehm, aber leicht schwindelerregend und ein wenig irritierend. Und es würde nicht bei diesem Zittern bleiben, so viel war klar. Gestern hatte es sich zu einem ausgewachsenen Schwindelgefühl gesteigert. Es war vielleicht besser, sich einen festen Halt zu suchen, bevor die Wirkung des Beruhigungsmittels sich weiter verstärkte.
Ohne darüber nachzudenken, setzte er sich anders hin, leicht gegen Ginnys Schulter gelehnt, und zog die Knie an, so wie das Mädchen es ihm vorhin vorgemacht hatte. Er war schon wieder müde – wie um Himmelswillen konnte ein Mensch nach vierzehn Stunden Schlaf immer noch so erledigt sein? – und das Buch wurde schwerer und schwerer in seinen Armen. Es war einfacher, den dicken Band gegen die Beine zu lehnen. Mühsam unterdrückte er ein Gähnen und las den letzten Absatz noch einmal. Und dann noch einmal. Nur weil… nun, zum besseren Verständnis.
„Ooh…"
Da war er: ein erster richtiger Schwindelanfall. Severus hatte das Gefühl, er würde jeden Moment vom Sofa rutschen. Doch bevor er richtig reagieren konnte, legten sich zwei Arme um seinen Oberkörper, und er wurde mit sicherem Griff in eine andere Position verfrachtet. Und als sich der Wirbel von Farben legte und das Zimmer zur Ruhe kam, fand er sich an Ginnys Brust gedrückt wieder, die ihm wie schon bei diversen anderen Gelegenheiten als Rückenlehne diente.
„Alles okay", sagte sie leise, „ich hab Sie. Ganz ruhig, ja?"
Normalerweise wäre ihm das schrecklich peinlich gewesen. Aber Monicas Beruhigungsmittel verhinderte solche Gefühle äußerst erfolgreich. Gähnend beschloss er, sich nichts daraus zu machen, und erhob auch keine Einwände, als die junge Frau eine Decke über ihn breitete. Die Wärme, die ihr Körper ausstrahlte, und die schützende Decke waren erstaunlich angenehm. Langsam entspannten sich seine Muskeln, während er versuchte, sich auf seinen Roman zu konzentrieren.
Als nächstes bemerkte er, dass sein Kopf im Inneren wattig und im Gesamten… schwer wurde. Viel zu schwer. Er ließ ihn einfach nach hinten gegen Ginnys Schulter fallen und war danach nicht mehr fähig, ihn aus eigener Kraft anzuheben. Hilflos blinzelte er zu dem Mädchen hoch und war sich vage bewusst, dass er ein ziemlich albernes Grinsen aufgesetzt hatte. In seinem Magen kribbelte es leicht, als blubberte unterdrücktes Gelächter darin, das demnächst heraus wollen würde. Und er konnte das ganz sicher nicht verhindern. Nicht in seinem Zustand!
Sie sah auf ihn herunter und schmunzelte. „Was ist denn so lustig?"
„Ich", erklärte er so würdevoll, wie es eben gerade noch ging… was gar nicht so einfach war, weil er kurz davor stand, laut loszuprusten. Warum auch immer. Ein Kichern stieg ihm die Kehle hoch, das er nur mühsam zurückhalten konnte. Es kitzelte ein wenig, als hätte es winzige Tentakelchen.
„Aaa-ha. Ausführlich wie immer, Severus."
Ihre trockene Antwort brachte ihn endgültig zum Lachen und besänftigte dadurch das Magenkribbeln und die Tentakel in seiner Kehle. Fast sofort vermisste er das Gefühl ein bisschen, auch wenn er nicht wusste weshalb, doch Ginny Weasley sprach schon weiter. „Und was genau ist an Ihnen so witzig, wenn ich fragen darf?" Sie zog ihn auf. Hundertprozentig! Da war er sich ganz sicher, denn in ihren Augen tanzten lachende Funken, und sie zwinkerte ihm zu.
Severus dachte eingehend darüber nach, was er denn nun so lustig an sich selber fand. War es das dümmliche Grinsen? Seine ungewohnte Tollpatschigkeit? Oder die Tatsache, dass es ihm komplett egal war, wenn er sich vor ihren Augen aufführte wie ein Teenager, der gerade sein erstes Glas Feuerwhisky auf Ex geleert hatte? Wie ein Kind, das ungeniert jedes kleine Bisschen Zuneigung beanspruchte, das andere ihm geben konnten?
„Ähm…", machte er ein wenig unentschlossen, bevor er mit einem Lachen antwortete: „Naja, ich… ich verhalte mich genauso ungeschickt und tölpelhaft wie ein betrunkener Trottel, wissen Sie. Ich bewege mich absolut… unbeholfen. Ich rede Unsinn. Ich denke sogar Unsinn! Und das Blödeste daran ist, dass es mir überhaupt nichts ausmacht… denke ich zumindest."
Lächelnd schüttelte die junge Frau den Kopf. „Ach was, so schlimm ist es gar nicht, junger Mann. Machen Sie sich keine Gedanken, in Ordnung? Sie können nichts dafür – dieses Zeug von Mo ist ein ziemlicher Hammer. Ich schätze mal, es sorgt unter anderem dafür, dass die Endorphin-Ausschüttung gesteigert wird. Das ist in dieser Dosis vielleicht etwas heftig."
„Hm", machte er nur – eine wirklich nichtssagende Antwort, doch ihm fiel nichts dazu ein. Sein Körper ließ ihn im Stich, als er erfolglos versuchte den Kopf zu heben. Also wandte er ihn nur zur Seite, legte die Stirn gegen den Hals seiner Babysitterin, und sie verfielen wieder in das angenehme Schweigen, das Severus so schätzte. Träge versuchte er seinen eigenen verworrenen Gedanken zu folgen, während er sich kraftlos und mit schlaffen Muskeln an das rothaarige Mädchen lehnte und sich nichts weiter dabei dachte. War schon okay. Sie hatte gesagt, es sei nicht seine Schuld. Punkt.
Ginnys Arme hielten ihn völlig sicher und ruhig, ihre Finger strichen leicht über seine Rippen. Seltsame Erfahrung, aber irgendwie auch sehr wohltuend. Nur gut, dass er nicht kitzlig war – das wäre jetzt vermutlich sein Todesurteil: er würde sich totlachen. Ja. Buchstäblich.
Mit einem weiteren herzhaften Gähnen rutschte er in eine etwas tiefere Position hinunter. So. Gemütlich genug, um einfach für die nächsten paar Stunden liegen zu bleiben. Und vielleicht ein Nickerchen zu halten?
Severus schielte wieder auf sein Buch hinunter. Um ihn herum schien sich die ganze Welt merklich zu verlangsamen. Die Muskeln in seinen Beinen erreichten langsam einen geleeähnlichen Zustand, und seine Knie sanken zur Seite, gegen die Rückenlehne des Sofas. Auch nicht so schlimm, befand er mit einem Achselzucken. Wenn er nur nicht ständig gähnen müsste! Der Solacius war an sich kein Schlaftrank. Es musste also an ihm selber liegen.
Einer der Arme um seinen Oberkörper löste sich vorsichtig, und kurz darauf tauchte eine schmale Hand mit einer Teetasse in seinem Blickfeld auf. Das Mädchen schien Gedanken lesen zu können; er hatte sich gerade gefragt, ob er sich in der Küche einen Tee holen sollte, den Plan aber sofort wieder verworfen, weil seine Arme und Beine in den letzten paar Minuten so schwer geworden waren wie Blei. Muskeln und Sehnen waren ebenso nutzlos wie sein eingeschlafener Verstand.
Versuchsweise nippte er an seinem Tee: Orange, mit einem Hauch von Zimt und Honig. Überirdisch…
Langsam und genießerisch nahm er einen größeren Schluck, dann noch einen. Hielt kurz inne, weil ein erneutes Gähnen ihn so unerwartet überfiel, dass er es nicht zurückdrängen konnte. Egal.
Die nächsten paar Minuten verbrachte er schweigend damit, die Teetasse zu leeren, die die junge Frau ihm hilfsbereit an die Lippen hielt – einen Schluck nach dem anderen. Kaum stand die Tasse auf dem Tisch, legte sich Ginnys Arm wieder schützend um ihn. Er war sich ganz sicher, dass er ohne ihre Unterstützung längst weggerutscht wäre – obwohl das natürlich Unsinn war. Niemand rutschte grundlos vom Sofa. So unfair war Newton nicht.
Aber es war schön zu wissen, dass jemand sich um ihn kümmerte. Mit einem warmen Gefühl der Dankbarkeit wandte er die Augen wieder seinem Buch zu und dachte darüber nach, was für eine willkommene Gesellschaft die junge Frau doch für ihn war. Sie ließ ihn einfach in Ruhe und sorgte dafür, dass er sich völlig sicher fühlen konnte. Und das, obwohl das Schwindelgefühl inzwischen sehr viel stärker wurde.
Achte einfach nicht darauf. Gestern hast du es ja auch überlebt. Halb so schlimm, du wirst dich daran gewöhnen. Lenk dich mit Lesen ab.
Doch Lesen war zu einer unglaublich schwierigen Aufgabe geworden. Seine Gedanken wurden langsamer, träger, während er – anfangs ein wenig irritiert – versuchte den Text zu verstehen, den er doch eigentlich auswendig kennen sollte. Ach ja, gestern hatte er sich auch so benommen und schwerfällig gefühlt. Nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Bedröppelt, hätte Dumbledore es wohl genannt. Sein Verstand war richtiggehend benebelt und wurde durch diesen Beruhigungstrank effektiv ausgebremst. Als wären seine Synapsen teilweise eingeschlafen.
Dachte er da gerade dummes Zeug? Unsinn, Schwachsinn, Blödsinn, Käse, Blech, Unfug, Nonsens, Quatsch, Stuss… geistlos, albern, töricht, bescheuert, hohl, sinnfrei, doof, hirnrissig, unterbelichtet… ach, alles Schwachfug.
Schwachfug? War das ein Wort? Ja. Nein... Jein, oder? War „jein" ein Wort?
Hey, du schweifst ab, Dummerchen. Zurück zu Sherlock.
Severus versuchte den gleichen Absatz inzwischen schon zum vierten… oder fünften…? Nicht so wichtig, jedenfalls zum wiederholten Male zu lesen, doch sein seltsam schräger Blickwinkel half ihm dabei nicht unbedingt weiter, und die Buchstaben auf den Seiten waren auch nicht sehr kooperativ. Sie tauschten immer wieder die Plätze, stellten sich auf den Kopf, veränderten unverhofft ihre Form und drohten wegzurutschen, während das alte vergilbte Papier langsam anfing, sich wellenförmig zu bewegen. Erst ganz leicht, dann immer intensiver, genau wie die restliche Welt um Severus herum. Er überlegte müßig, ob ihm vielleicht übel werden würde, verwarf den Gedanken dann aber als zu unangenehm.
Du wirst dich nicht übergeben. Hast du gestern auch nicht. Atme tief durch und versuch dich einfach dran zu gewöhnen. Manchmal heben und senken sich Polster eben. Dir wird nicht schlecht. Stell dich nicht so an. Atmen, Sev.
Mit einiger Mühe konzentrierte er sich auf seinen eigenen Ratschlag, und tatsächlich wurde es etwas besser. Ihm war zwar immer noch ausgesprochen schwindlig, aber jetzt fühlte es sich eher ein bisschen so an, als wäre er beschwipst… oder vielmehr schon reichlich angetrunken. Gar nicht mal so unangenehm. Auch wenn er das lustige Magenkribbeln von vorhin immer noch irgendwie vermisste.
Nach ein paar tiefen Atemzügen meldete sich die Müdigkeit mit Macht zurück und verdrängte den Schwindel erfolgreich auf den zweiten Rang. Severus versuchte ergebnislos ein gewaltiges Gähnen zu unterdrücken und kicherte kurz über sein eigenes kindisches Verhalten, bevor er erneut auf das offene Buch starrte, dieses Mal mit einem deutlichen Anflug von Ratlosigkeit. Hallo? Buchstaben? Wo waren die denn abgeblieben? Und was bedeuteten diese ganzen Kleckse, die noch dazu ineinander flossen? Hm. Aber denen konnte er ja genauso gut eine Weile zusehen. Zeit genug hatte er ja. Also starrte er weiter fasziniert die Buchseite an, während sein Blick leicht aus dem Fokus geriet.
„Severus?" fragte Ginny schließlich leise. „Sie sehen ziemlich geschafft aus. Was halten Sie von einem kleinen Nickerchen?"
Er hielt absolut nichts davon. Wenn er schlief, konnte er ihre Nähe und das Gefühl der absoluten Geborgenheit nicht genießen. „Ich binnich müde", gab er deshalb rasch zurück und verkniff sich ein weiteres Gähnen. Seiner Zunge fiel es merkwürdig schwer, die paar Worte zu formen, so als wäre er tatsächlich betrunken, und er merkte, wie seine Augenlider immer schwerer wurden. Doch er versuchte sich beharrlich wach zu halten. Der Nachmittag war einfach zu schön, um ihn zu verschlafen.
„Verstehe", hörte er Ginny wie durch einen dichten Vorhang sagen, „das würde natürlich die ständige Gähnerei erklären."
Sie klang amüsiert, versuchte ihn zu foppen, lachte ihn aber eindeutig nicht aus. Severus erlaubte sich ein belustigtes Grinsen und stellte fest, dass er sich gerade innerlich schon wieder selber auslachte. Langsam schien das bei ihm zur Gewohnheit zu werden, oder?
Sturer Dickschädel. Du wirst einschlafen, ob du willst oder nicht. Also versuch gar nicht erst dich zu wehren. Genieß es einfach!
„Mm-hmmm."
Er wusste nicht genau zu sagen, wem er gerade geantwortet hatte: Ginny oder der Stimme in seinem Verstand, doch das war eigentlich auch unwichtig. Mm-hmmm passte überall. Und fast immer. Ein universaler, nein, universeller Zwei… Zweisilber? Hieß das wirklich so?
Severus blinzelte, seiner Einschätzung nach wirklich nur ganz kurz, doch als er die Augen aufschlug, war sein Buch verschwunden. Verständnislos musterte er seine leeren Hände, beschloss aber, sich später um dieses Problemchen zu kümmern, wenn er wieder Herr über seinen Verstand war. Er befand sich momentan eindeutig in einer Verfassung, die Lesen schlicht unmöglich machte. Und den Text zu verstehen erst recht.
Er gähnte wieder, rutschte noch weiter hinunter, rollte sich zusammen und auf die Seite und machte es sich gemütlich, sanft unterstützt und dirigiert von zwei hilfreichen Händen, die höchstwahrscheinlich verhinderten, dass er durch seine unkoordinierten Bewegungen vom Sofa rutschte. Nicht dass ihm das viel ausgemacht hätte – der Teppich war auch in Ordnung. Solange Ginny mit ihm da runterkam.
Ganz am Rande bemerkte er, dass er mit dem ganzen Oberkörper auf ihrem Schoß lag, als wäre er ein kleines Kind. Und das fühlte sich entschieden gut an. Er seufzte zufrieden und schlang etwas linkisch einen wenig kooperativen Arm um die Taille der jungen Frau, während sein Blick mehr und mehr verschwamm. Himmel, er war wirklich völlig fertig. Wovon auch immer.
„Ich hasse es, wenn Sie ständig Recht haben", murmelte er und versuchte vergeblich, missmutig dreinzuschauen. Irgendwie machten seine Gesichtsmuskeln das nicht mit. Er konnte nur leicht schmollend zu ihr aufsehen und hatte den unbestimmten Verdacht, dass er anfing zu schielen. Konnten Augen in zwei völlig verschiedene Richtungen schauen?
„Ja, ich weiß", entgegnete sie und strich ihm besänftigend über Stirn und Wange. „Zur Kenntnis genommen, Professor. Und jetzt entspannen Sie sich einfach, in Ordnung?"
Die Hand war wunderbar warm. Er schmiegte sich instinktiv in ihre Berührung und wünschte sich, sie würde genau dort bleiben. Die Hand verschwand nicht. Sie blieb wie ein Kissen unter seiner Wange liegen, und ein Daumen fuhr die Linie seiner Wangenknochen nach, immer wieder, ganz langsam und sacht, was ihm ein leises, zufriedenes Stöhnen entlockte.
„Angenehm so?"
„Mm-hmmmmm…"
Sanfte, gutmütige Wellen aus lautlosem Gelächter gingen von Ginny aus und versetzten die Luft um Severus herum in leichte Vibrationen. Ihre zweite Hand, genauso beruhigend wie die andere, strich langsam über seine Schulter. Und da war diese Wärme wieder, flüssiges Gold, das wie Mondlicht in ihn hineinströmte. Ihre vertraute magische Energie. Er würde sie mittlerweile sogar im tiefsten Schlaf erkennen.
„Liegen Sie bequem?" erkundigte sich das Mädchen freundlich. Er nickte nur wortlos und genoss das Gefühl, vollkommen eingehüllt zu sein in diesen Kokon aus Wärme und Fürsorge, ohne dass sich für ihn daraus irgendwelche Pflichten ergeben würden. Er durfte das Ganze einfach genießen, sich ausruhen und es Ginny überlassen, sich um alles Weitere zu kümmern. Ungewohnt, aber sehr willkommen.
Er fühlte sich längst nicht mehr dazu imstande, irgendwelche eigenständigen Entscheidungen zu treffen, wenn er ganz ehrlich war. Ginny konnte das viel besser als er.
Sie hat Recht. Du bist wirklich am Ende, Sev. Lass dir von ihr helfen.
Severus beschloss, auf die leise Stimme zu hören und Ginny einfach machen zu lassen, anstatt sich weiterhin selber mit den Problemen seines verpfuschten Lebens abzuplagen. Es war viel einfacher, bedenkenlos das zu tun, was die junge Frau ihm vorschlug. Viel einfacher, ihr Urteil gar nicht erst in Frage zu stellen. Viel einfacher, sich von ihr an der Hand nehmen und führen zu lassen.
Sie kannte ihn, manchmal sogar besser als er sich selbst, und wusste ganz sicher, was das Beste für ihn war. Er konnte unbedenklich ihrem Rat folgen, ohne sich irgendwelche Sorgen machen zu müssen. Sich von ihr den richtigen Weg zeigen lassen. Ihr vertrauen. Ja. Ganz sicher.
Er musste nur noch eines wissen.
„Ginny?"
„Ja?"
„Is Schwachfug ein Wort?" Selbst für ihn in seinem absolut merkwürdigen, berauschten Zustand klang seine genuschelte Frage mehr als dämlich. „Ein… ein echtes, meine ich", fügte er hinzu, nur für den Fall, dass sie ihm nicht folgen konnte. „Oder is das blöd?"
Die junge Frau lächelte ihn gutmütig an. „Ich glaub nicht, dass es ein echtes Wort ist, Severus. Aber blöd ist es trotzdem nicht." Ihre Hand – die, die für seine Schulter zuständig gewesen war – verstrubbelte ihm fast liebevoll die Haare und kehrte dann zu ihrer bisherigen Aufgabe zurück. „Man erkennt auf jeden Fall den Sinn dahinter, wenn Sie das beruhigt."
Er nickte, wobei eine irgendwie gelatineähnliche Substanz in seinem Schädel träge und ein wenig zeitversetzt in schaukelnde Bewegungen geriet, und fragte sich vage, ob es sich dabei um sein Gehirn handelte. Doch der Gedanke wurde unwichtig und entglitt ihm rasch wieder, als er eine weitere, wundervolle Erfahrung machte: warme Finger, die sachte über seinen Nacken streichelten.
„Das…" Severus musste schon wieder gähnen. Er machte sich nicht mehr die Mühe, es zu verbergen, sondern drängte sich so nahe wie nur irgend möglich an den köstlich warmen Körper und schloss die Augen. „Das is… schön", murmelte er und konzentrierte sich dann vollkommen auf die behagliche Wärme und die sanfte Berührung ihrer Hände.
Alles war gut. Er war völlig sicher in ihrer Gegenwart, sie würde sich um ihn kümmern und auf ihn aufpassen. Er konnte Ginny Weasley unbesorgt sein Leben anvertrauen. Durch diese Gewissheit beruhigt und getröstet, ließ er sich fallen. Friedliche, wärmende Dunkelheit hüllte ihn ein.
