„Großer Gott, Ginny, was ist los mit ihm?" fragte Harry erschrocken. „Er sieht aus, als hättest du ihn unter Drogen gesetzt, ehrlich."
Auch die anderen hatten bestürzte Mienen aufgesetzt und wagten es nicht, laut zu sprechen. Keiner wollte Snape aufwecken, der zusammengesunken in einem Sessel nahe am Kamin hing und döste, ein leichtes Lächeln auf den Lippen.
„Also wirklich, Harry", tadelte Hermine in gedämpftem Ton. „Laut dem 1728 von Dilys Derwent verfassten Ethik-Edikt für Heiler und Medimagier, was im Grunde so ziemlich das Gleiche ist wie der Hippokratische Eid der Muggelärzte…"
Ron stöhnte verhalten und legte ihr die Hand über den Mund. „Mensch, Hermine, verschon uns bitte mit so einem Zeug. Wir haben Ferien, ist dir das schon aufgefallen?"
„Aber sie hat Recht", bemerkte Ginny verlegen. „Ich muss solche Sachen vertraulich behandeln, Ron. Weil Poppy und Mo mir offiziell die Verantwortung übertragen haben, bin ich sozusagen die Heilerin vom Dienst in diesem Haus, zumindest für die Dauer der Ferien. Ich muss mich deswegen auch an das Ethik-Edikt halten. Allerdings, weil wir alle gemeinsam hier sein werden, sollte ich euch vielleicht erklären, was ihr beachten müsst."
Sie sah ernst in die Runde. „Severus geht es im Moment nicht gut. Ich hab mich im Vorfeld schon deswegen mit Poppy und Mo abgesprochen. Wir halten es für das Beste, ihn bis nach Weihnachten ein bisschen ruhigzustellen. Dann werd ich nach und nach die Dosis des Solacius-Tranks verringern und mit ihm arbeiten."
Fünf Augenpaare waren aufmerksam auf sie gerichtet. Ein wenig nervös fuhr sie fort: „Diese Woche wird relativ ruhig ablaufen, denk ich. Er wird die meiste Zeit ein bisschen neben sich stehen. Aber er sollte nie länger allein bleiben, auch nicht, wenn er schläft. Er muss sich hier absolut sicher fühlen können, damit er sich wirklich erholen kann. Und denkt dran, dass diese Tränke ein permanentes Schwindelgefühl verursachen. Er wird deswegen ziemlich unsicher auf den Beinen sein, also muss ihn immer jemand begleiten, egal wohin. Wir wollen schließlich keine dummen Unfälle. Ansonsten, seid einfach nett zu ihm. Er ist zur Zeit ein bisschen, ich weiß nicht genau… sensibel trifft es ganz gut, denk ich. "
Ihre Freunde nickten schweigend, und Hermines Blick verweilte lange auf dem Gesicht des Tränkemeisters. Luna erkundigte sich leise: „Und danach? Wenn du die Beruhigungsmittel absetzt, meine ich."
Ginny seufzte. „Dann wird es schwierig, nehm ich an. Severus steht gefühlsmäßig ziemlich unter Druck, und wir werden versuchen, das Problem nach und nach unter Kontrolle zu bringen. Auf psychologischer Basis vorwiegend. Das wird nicht einfach, weil Zauberer damit wesentlich weniger Erfahrung haben als die Muggel. Aber Mo meinte, ich sei trotzdem die bessere Wahl als sie oder Poppy, weil zwischen uns die Vertrauensbasis größer ist. Außerdem muss Mo sich um die Slytherins kümmern, die über die Ferien in der Schule geblieben sind. Sie kann also nicht rund um die Uhr für Severus da sein, das ist aber genau das, was er brauchen wird. Mindestens eine feste Bezugsperson, die ständig in seiner Nähe ist. Und ich hab mich schon ein bisschen eingelesen."
„Gut." Luna schenkte ihr ein kleines Lächeln. „Dann schreib ich Daddy, dass ich umgeplant hab. Ich werde jetzt ein paar Tage daheim bei ihm verbringen, dann kann ich nach den Feiertagen hierher kommen, weil du sicher ein bisschen Hilfe brauchst."
„Luna…" Ginny war ihrer Freundin dankbar für das Angebot, wollte aber nicht die Ferienplanung der Lovegoods in letzter Sekunde sabotieren. „Das ist lieb von dir, aber dein Dad freut sich doch auch, wenn du eine Weile bei ihm sein kannst."
„Ach was, dem ist es egal, ob er mich vor oder nach Weihnachten bei sich zuhause hat", meinte Luna leichthin. „Aber hier wird meine Unterstützung in der Zeit nach den Feiertagen gebraucht. Ich komme also nach Weihnachten her und helf dir. Du hast doch nicht wirklich geglaubt, ich würde dich und Severus damit allein lassen, oder? Ihr seid meine Freunde, Ginny, alle beide. Ich lasse euch nicht im Stich."
„Danke… du bist großartig, wirklich!" Mit einem dicken Kloß im Hals eilte Ginny auf Luna zu und umarmte das blonde Mädchen heftig. Natürlich, das war typisch Luna. Sie wusste immer ganz genau, wann sie gebraucht wurde, und dann war sie einfach da.
Ohne viel Lärm zu machen, verbrachten sie den Abend alle gemeinsam im Salon. „Tut mir leid", sagte Ginny kleinlaut zu Harry, „du bist sicher enttäuscht, weil wir wenig Zeit füreinander haben werden…"
„Ich bin nicht enttäuscht", gab er mit einem Lächeln zurück. „Ginny, ich bewundere dich, wie du das alles hinkriegst. Und ich bin echt stolz darauf, so eine Freundin zu haben. Wenn ich irgendwie helfen kann, tu ich das gern. Und wenn das bedeutet, dass ich meine Freundin mit einem anderen teilen muss, dann ist das eben so. Ist ja nicht für ewig. – Leute", fügte er etwas lauter hinzu, „was haltet ihr von Pizza? Ich hab noch etwas Muggelgeld, wir könnten einen Lieferservice anrufen."
Die Idee stieß auf Begeisterung, und Harry ging mit Hermine nach draußen, um von einer Telefonzelle aus mit dem Pizzaservice zu sprechen. Ron und Neville waren ganz aus dem Häuschen, weil sie noch nie eine Muggelpizza gegessen hatten, und waren sehr gespannt auf den Lieferdienst. Hibbelig standen sie eine halbe Stunde später zusammen mit dem grinsenden Harry draußen vor dem Haus und sahen aufgeregt zu, wie der Pizzabote seine Fracht aus dem kleinen Auto holte.
„Coole Sache", bemerkte Neville strahlend, eine riesige Schachtel in den Armen, als er mit den beiden anderen Jungs wieder in den Salon kam. „Sowas kann auch nur Muggeln einfallen, oder? Essen aus Autos, ich bitte euch… wo sie wohl die Küche in dieser winzigen Karre untergebracht haben? Ich hab nur ganz hinten den Kamin gesehen, aber der war auch wahnsinnig klein."
Harry lachte schnaubend auf und erklärte ihnen in aller Ausführlichkeit das Prinzip eines Lieferdienstes. Neville schien anfangs ernstlich beschämt darüber, dass er so falsch gelegen hatte, verlagerte sein Interesse aber rasch auf den riesigen flachen Karton, von dem ein verlockender Duft aufstieg. Auch Ron schnupperte erwartungsvoll und beugte sich interessiert vor. „So… und was passiert jetzt?"
Sie legten die Familienpizza mitten auf dem Couchtisch ab, und Hermine schnitt sie sachkundig in kleinere Ecken. „Das isst man mit den Fingern", erklärte sie dem verwirrten Ron, klaubte ein Stück Pizza aus der Schachtel und biss mit einem glücklichen Seufzen hinein: „Gott im Himmel – ist das gut!"
Die anderen taten es ihr vorsichtig gleich, während Ginny sich neben Snape auf die Armlehne des Sessels setzte und ihn sanft zu wecken versuchte. Er brauchte zwar einen Augenblick, bis er sich in der Realität zurechtfand, doch mit der Auswahl des Abendessens schien er durchaus zufrieden.
„Weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal Pizza gegessen hab", sagte er mit einem kleinen Lächeln. „Muss schon ein paar Jahre her sein… Ich glaube, bei Dumbledores Geburtstagsfeier vor ungefähr zehn Jahren gab es Pizza. Er wollte unbedingt auf Muggelart feiern… hat eine Weile gedauert, bis der Fahrer das Schloss gefunden hat. Als er endlich ankam, war die Pizza kalt und die Hälfte des Kollegiums hoffnungslos betrunken, wenn ich mich recht erinnere. Und dann dachte Trelawney… sie dachte…" Nachdenklich runzelte er die Stirn, zuckte dann jedoch die Achseln: „Ach, egal."
Er hielt sich tapfer und bemühte sich eine ganze Weile, dem angeregten Gespräch zu folgen; beim dritten Stück Pizza jedoch hatte er bereits wieder Schwierigkeiten damit, die Augen offen zu halten, und drohte aus dem Sessel zu rutschen. Ginny nutzte diese Tatsache schamlos aus: sie half ihm, unterstützt von Ron, auf die Beine und lotste ihn mit sanftem Nachdruck ins Badezimmer.
In der Wanne nickte er immer wieder kurz ein, schien allerdings das Haarewaschen eindeutig zu genießen und lehnte sich vertrauensvoll in ihre Berührungen hinein.
Ginny brauchte die Hilfe ihres erstaunlich hilfsbereiten Bruders, um den Mann wieder aus dem Wasser zu bekommen, abzutrocknen und in einen Pyjama zu stecken. Eine halbe Stunde ließ sie ihn noch in Gesellschaft der anderen im Salon vor sich hindämmern, wo er sich schläfrig blinzelnd auf dem Sofa an die Schulter der überraschten Hermine lehnte. Dann brachte Ginny ihm ein Glas Saft mit Schlaftrank, der ihn innerhalb von ein paar Minuten zuverlässig in Morpheus´ Arme beförderte.
Etwas später trug Ron den schlafenden Mann in sein Zimmer. Luna bestand darauf, während dieser Nacht bei ihm zu bleiben, damit Ginny sich ausruhen konnte, und diese nahm das Angebot dankbar an und ging mit Harry in ihr gemeinsames Zimmer.
Morgens, bei einem späten Frühstück – Ron und Neville fielen begeistert über die Reste der Pizza her – sah Snape bereits etwas besser aus als am Tag zuvor. Er war immer noch schläfrig und benommen, doch die dunklen Ringe unter seinen Augen waren beinahe verschwunden, und er saß mit ihnen am Küchentisch. „Luna kann es auch", bemerkte er an Ginny gewandt.
„Sie kann was?" hakte Neville neugierig nach. Der Professor lächelte ihm vage zu und erwiderte mit einem unterdrückten Gähnen: „Energie… ähm, Energiefeeding. Genau. So nennt es zumindest Monica."
„Häh?" Harrys Gesicht war ein einziges Fragezeichen, und Ginny musste kichern. Da Snape keinerlei Anstalten machte, den Begriff zu erklären, und stattdessen völlig in Gedanken versunken mit dem Löffel Muster in seinen Haferbrei zeichnete, übernahm sie diesen Part.
„Es bedeutet, dass jemand – normalerweise ein Heiler oder Medimagier – seine Energie über Berührungen an einen anderen weiterleitet. Man kann damit heilen, wärmen, Kraft geben, beruhigen, Schmerzen lindern und all sowas eben. Diese Fähigkeit ist nicht sehr weit verbreitet, meint jedenfalls Poppy. Sie selber kann es zum Beispiel nicht, Mo dagegen schon."
Harry nickte. „Also, dann ist es das, was du machst, wenn wir…" Er verstummte verlegen und wurde feuerrot. Die anderen am Tisch grinsten, und Ginny nickte schmunzelnd, während er sein Gesicht beschämt in den Händen vergrub.
„Ich glaube, das will ich gar nicht hören", kommentierte der Tränkemeister abwehrend – und für alle ziemlich unerwartet – und nahm ein Glas Kürbissaft von Luna entgegen. Er leerte es rasch, lehnte sich im Stuhl zurück und nippte zunehmend abwesend an seinem Tee, während die anderen immer noch über Harrys Bemerkung lachten.
Luna verabschiedete sich kurz darauf; ihr Vater holte sie ab, doch bevor sie ging, strich sie dem versunken auf die Tischplatte starrenden Snape mit einem liebevollen Lächeln über die Wangen: „Bis bald, Severus. Erholen Sie sich gut." Sie drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und entschwebte.
„Merlin, was… was war das jetzt?" Severus sah ihr verwirrt nach, und Hermine kicherte verdruckst.
"Das, mein Lieber, war Luna Lovegood, wie wir sie kennen und lieben", bemerkte sie amüsiert, strich ihm kurz übers Haar und setzte freundlich hinzu: "Und sie scheint Sie wirklich gern zu haben, oder? Freuen Sie sich einfach drüber."
"Okay..."
Er sah zwar erst ein wenig zweifelnd drein, doch Hermines bekräftigendes Nicken schien ihn davon zu überzeugen, dass sie es ernst gemeint hatte. Schließlich lehnte er sich mit einem etwas verlegenen Lächeln bei ihr an, und Hermine legte ihm einen Arm um die Schultern, während sie ihren Tee trank.
"Schon fertig mit dem Frühstück?" fragte sie ihn sanft. Er nickte nur mit leicht verschleiertem Blick, legte die Wange auf ihre Schulter - und so blieb er sitzen, bis sie fertig war.
Ginny musste lächeln. Das war wirklich ein ungewöhnliches Bild. Aber Severus schien sich bei Hermine genauso sicher zu fühlen wie bei ihr, und das war wirklich großartig! Vielleicht konnte ihre Freundin ihr mehr helfen, als sie erwartet hatte.
Hermine schien ähnlich zu denken, denn sie wandte sich an den Professor: "Severus, was halten Sie davon, wenn wir beide uns um Ihre Aufsätze kümmern? Dann haben Sie das schon mal vom Tisch und können die Ferien genießen. Ich helf Ihnen dabei, dann geht es schneller. Aber vorher trinken wir noch eine Tasse Tee, in Ordnung?"
Ohne auch nur eine Antwort seinerseits abzuwarten, reichte sie ihm seine halbvolle Tasse, und Snape nahm gehorsam einen Schluck. Hermine griff nach ihrem eigenen Tee und tat es ihm gleich, den Arm immer noch um ihn gelegt.
Sie begleitete den leicht abwesenden Mann etwas später die Treppen hinauf in sein Arbeitszimmer und half ihm dabei, seine Aufsätze zu korrigieren – gut, wenn man ehrlich war, korrigierte sie die Arbeiten, während er wie betäubt auf ein Blatt Pergament starrte und angestrengt zu lesen versuchte, was beinahe sofort an seiner mangelnden Konzentration scheiterte.
Schließlich erbarmte sich Hermine, griff nach dem Pergament und las ihm den Aufsatz vor, während er sich wie selbstverständlich bei ihr anlehnte. Bereits nach den ersten paar Sätzen zog jedoch das Feuer im Kamin seine ganze Aufmerksamkeit auf sich, und mit einem amüsierten Kopfschütteln vertiefte sich die junge Frau in die Aufgabe, die Schülerarbeiten gewissenhaft zu überprüfen. Severus setzte abschließend seine Unterschrift unter einige der Arbeiten, bis sie ihm irgendwann sanft die Feder aus den Fingern nahm und die restlichen Aufsätze zur Seite legte.
„Genug für heute", entschied sie und half ihm auf die Beine. „Setzen wir uns doch eine Weile aufs Sofa. Sie machen sich´s bequem, und ich werde Ihnen ein bisschen was vorlesen, einverstanden?"
