„Es tut wirklich weh, ihn so zu sehen", sagte Hermine betrübt, den Blick auf Snape gerichtet, der am Schreibtisch saß, das Kinn auf die verschränkten Arme gelegt hatte und abwesend auf den Stapel Aufsätze stierte. „Ich hab ihm gestern ein bisschen was vorgelesen, aber ich hab keine Ahnung, ob er auch nur ein Wort davon registriert hat. Und trotzdem war er mit der höheren Dosierung viel kommunikativer. Heute ist es… es ist irgendwie, als wär er gar nicht richtig da, weißt du."
„Ja, ein bisschen", gab Ginny leise zurück. „Dabei ist das hier noch der einfachere Teil der Übung. Im Moment steht er fast ständig unter Drogen, könnte man sagen, aber es geht ihm gut dabei. Und er braucht diese Erholungsphase, er war vor den Ferien mit den Nerven völlig am Ende. Sobald ich die Beruhigungsmittel und Schlaftränke weiter reduziere, wird es noch wesentlich schlimmer werden. Er wird verdammt viel Kraft brauchen, um das durchzustehen. Und unsere Unterstützung. Er schafft das nur, wenn wir für ihn da sind und er sich bei uns absolut sicher fühlt."
Die beiden Mädchen lehnten am Labortisch und warteten darauf, dass ihr Aufpäppeltrank abkühlte. Hermine schaute nachdenklich drein. „Ich hab oft genug an seinem Bett gesessen, während Monica ihn nach dem Schlangenbiss behandelt hat", entgegnete sie schließlich. „Damals war er auch total von der Rolle, und er hatte ständig diese üblen Albträume. Ich weiß was du meinst, Ginny."
„Nein. Weißt du nicht. Nicht mal ansatzweise." Die jüngere Hexe schüttelte entschieden den Kopf. „Damals war er krank, und die Nebenwirkungen des Schlangengifts haben verhindert, dass er wirklich bewusst wahrgenommen hätte, was mit ihm passiert. Wie du schon gesagt hast: er war ziemlich durch den Wind. Dieses Mal muss er mit völlig klarem Verstand durch die Hölle, und er wird mit seinen schlimmsten Erinnerungen konfrontiert. Und zwar während er wach ist, nicht in irgendwelchen wirren Träumen. Das wird wesentlich übler werden, glaub mir. Aber da muss er durch, sonst wird er niemals aufhören Angst zu haben. Und das würde ihn irgendwann umbringen."
„Wie schlimm ist es, Ginny?"
„Schlimmer", gab das rothaarige Mädchen düster zurück. „Viel schlimmer als wir gedacht haben."
Schweigend musterte Hermine den teilnahmslos dasitzenden Mann und versuchte sich vorzustellen, was auf sie alle zukommen würde – und auf ihn ganz besonders. Seufzend stieß sie sich von der Tischkante ab, ging langsam zu ihm hinüber und strich ihm übers Haar. „Kommen Sie, Severus", ermunterte sie ihn, „wir setzen uns da drüben vor den Kamin, da ist es bequemer und ein bisschen wärmer. Wir können eine Weile lesen, in Ordnung? Oder ich kann Ihnen wieder was vorlesen, wenn Ihnen das lieber ist. Was meinen Sie, sollen wir?"
„Okay…" Er nickte zwar wie in Trance, regte sich aber nicht. Monicas Beruhigungsmittel war auch in der niedrigeren Dosierung noch stark genug, um ihn völlig antriebslos zu machen. Er reagierte nur auf Impulse, die andere ihm lieferten: aufstehen, hinsetzen, essen, gehen – zu allem mussten sie ihn ständig mit sanftem Nachdruck drängen.
Das einzige, was sich wirklich geändert hatte, war seine Grundstimmung. War er mit der doppelten Dosis ein wenig albern und wie beschwipst gewesen, so tendierte er jetzt eher zu Nachdenklichkeit und Apathie. Weder Ginny noch Hermine gefiel das sonderlich. In diesem Zustand würde er sich früher oder später unweigerlich von ihnen abschotten.
„Severus?" Hermine legte vorsichtig die Hände auf seine Schultern und zog ihn langsam in eine aufrechte Haltung. Wie betäubt starrte er einfach weiter geradeaus, doch sie versuchte es geduldig weiter. „Severus. Kommen Sie, stehen Sie auf, ja?"
Als sie ihm leicht mit der Hand über die Wange strich, bekam sie endlich eine Reaktion: er sah zu ihr auf und lächelte kaum sichtbar. Sanft, aber bestimmt schlang sie ihm den Arm um die Hüfte.
Ginny, vollauf damit beschäftigt, den Aufpäppeltrank für den Krankenflügel in Fläschchen abzufüllen, warf ihr einen fragenden Blick zu, doch Hermine schüttelte lächelnd den Kopf. „Wir kriegen das schon hin, oder?" sagte sie aufmunternd, mehr zu dem Tränkemeister denn zu ihrer Freundin. „Keine Angst, ich halte Sie fest. Alles gut. Sie schaffen das, es ist nicht weit. Sehen Sie, nur da rüber. Ganz ruhig, Severus. Ich bin da. Schön langsam aufstehen, und dann gehen wir zusammen rüber, ja?"
Snape ließ sich von ihr auf die Beine helfen und setzte zögernd einen Fuß vor den anderen. Hermine umschlang ihn fest mit sicherem Griff, und leicht schwankend wie ein Betrunkener ging er neben ihr her, vertrauensvoll an sie gelehnt. Knappe drei Meter weiter setzte sie sich mit ihm zusammen auf das kleine Sofa, nahm die Steppdecke von der Rückenlehne und legte sie ihm fürsorglich um die Schultern.
Er versuchte anfangs wirklich, aufrecht sitzen zu bleiben und ein Gähnen zu unterdrücken, während Hermine Die Märchen von Beedle dem Barden aufschlug, doch schon vor dem Ende von Der Zauberer und der hüpfende Topf sank sein Kopf leicht gegen ihre Schulter. Sie zog ihn behutsam dichter an sich heran und fuhr mit dem nächsten Märchen fort. Sie musste keine zwei Minuten warten, bis er sich hinlegte, den Kopf in ihren Schoß gebettet, und mit einem erleichterten Seufzen die Augen schloss.
„Schwindlig?" fragte sie mitfühlend, wärmte die Decke mit einem kleinen Zauber an und wickelte ihn fest darin ein. Als er benommen nickte, legte Hermine das Lesebändchen zwischen die Seiten des kleinen Buches, klappte es vorsichtig zu und legte es auf den kleinen Tisch, während sie mit der anderen Hand die rabenschwarzen Haare aus seinem Gesicht strich, in denen trotz seines für einen Zauberer noch recht jungen Alters bereits einige silberne Fäden erkennbar waren. Seit Ginny sie jedes Mal wusch, wenn er in der Wanne lag, sahen sie wirklich schön aus, dachte die junge Frau.
„Sind ganz schön gewachsen", bemerkte sie beiläufig und kämmte sie mit den Fingern behutsam durch. „Die Länge steht Ihnen besser, finde ich. Sieht gut aus." Diese Bemerkung brachte ihr ein Lächeln ein. Es war ein sehr schiefes, sehr müdes Lächeln, aber es war trotz allem ein Lächeln.
„Kommt ihr eine Stunde ohne mich zurecht?" fragte Ginny gedämpft, und Hermine nickte. Das rothaarige Mädchen griff sich den Karton mit den kleinen Fläschchen voll Aufpäppeltrank, verließ leise das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Hermine wusste, dass ihre Freundin einen Termin hatte: sie wollte sich mit Monica und Poppy im Schloss treffen, um den Tranknachschub für die letzten verbliebenen Opfer der vorweihnachtlichen Grippewelle zu liefern und bei dieser Gelegenheit auch gleich das weitere Vorgehen zu besprechen.
Weder Ginny noch Hermine waren überzeugt davon, dass der Tränkemeister bereits stabil genug war, um mit der normalen Menge Solacius zurecht zu kommen. Doch das würde sich heute erst wirklich zeigen.
Snape stemmte sich etwa eine Viertelstunde später mit schwerfälligen Bewegungen in eine sitzende Haltung hoch, wandte dann leicht den Kopf und suchte ihren Blick. „Seien Sie ehrlich, Hermine", sagte er leise, „ich bin ein komplettes Wrack, oder?"
„Ja, allerdings, das sind Sie", bestätigte sie mit einem Lächeln. „Aber machen Sie sich keine Gedanken, das wird schon wieder. Ginny wird Ihnen dabei helfen, und wir auch. Sie schaffen das schon."
„Fühlt sich nicht so an", gestand er so leise, dass sie es beinahe nicht gehört hätte. „Jedes Mal, wenn die Wirkung dieses Tranks nachlässt, ist es, als würde ich in ein bodenloses schwarzes Loch fallen…"
Hermine seufzte lautlos und schloss kurz die Augen. Genau diesen Punkt schienen sie gerade erreicht zu haben. Ginny hatte sie genauestens auf diese Situation vorbereitet und ein Glas Saft bereitgestellt, in das sie ein wenig Solacius-Trank gemischt hatte. Es schien so, als hätte sich die Befürchtung der angehenden Heilerin bestätigt, dass die „normale" Dosis des Beruhigungsmittels jetzt noch zu schwach sein würde, um den Professor effektiv von seinen düsteren Gedanken fernzuhalten.
Nun war Ginny in Hogwarts, und es lag an Hermine, sich um den Mann zu kümmern. Sowohl sie als auch Luna, inzwischen von Mo und Poppy mit der Zustimmung des Patienten über Severus´ Zustand informiert, wollten Ginny bei ihrer Aufgabe unterstützen. Und jetzt musste Hermine das in sie gesetzte Vertrauen versuchen zu rechtfertigen.
„Hören Sie mir zu, Severus", sagte sie behutsam und legte ihm den Arm um die Schultern. „Ich bin weder Heilerin noch Psychologin. Aber ich weiß viel genug über das Thema. Sie zeigen die typischen Symptome eines klassischen Burnout-Syndroms. Sowas ist therapierbar… Sie brauchen nur ein bisschen Zeit. Und die haben wir, okay? Wir schaffen das, das versprech ich Ihnen. Kommen Sie mal her, ja?"
Widerstandslos ließ Snape sich in die Arme schließen und legte die Stirn an ihre Schulter. „Und wenn nicht?" fragte er müde. „Sie könnten mich natürlich für den Rest meines Lebens mit diesem Trank abfüllen, nehme ich an. Aber eine Schule wie Hogwarts kann es sich nicht leisten, einen Lehrer zu beschäftigen, der dauerhaft unter Drogen steht. Schon gar nicht in einem Fach wie Zaubertränke…"
„So weit wird es nicht kommen", entgegnete sie mit Bestimmtheit. Ihr war klar, dass seine Befürchtung nur die Spitze des Eisbergs war. Seine Angst ging weitaus tiefer. Und im Augenblick war sie die Einzige, die sie vielleicht zerstreuen konnte.
Hermine wusste nur zu gut, wovor er sich insgeheim fürchtete: wieder allein zu sein, nachdem er sich endlich an ihre Gesellschaft gewöhnt hatte. Nicht nur sie hatte bemerkt, dass seine Zurückgezogenheit und seine verschlossene Art sich ins komplette Gegenteil verkehrt hatten. Severus Snape brauchte – gerade in der jetzigen schwierigen Situation – die Sicherheit, genau zu wissen, dass immer jemand in seiner Nähe war. Es schien fast, als würde er momentan alles nachholen, was er bisher versäumt hatte.
Er wurde schon unruhig, wenn niemand neben ihm auf dem Sofa oder am Tisch saß, selbst wenn andere im gleichen Raum waren. Er schlief nur dann gut, wenn jemand von ihnen bei ihm blieb. Und vor allem in den Phasen, wenn die Wirkung des Solacius-Trankes langsam nachließ – wie jetzt gerade – war körperliche Nähe das, was er am dringendsten brauchte. Jede kleine Berührung, ob es nun eine Hand war, die die seine hielt, ein Arm um seine Schultern, eine tröstende Umarmung oder die Chance, auf dem Sofa zu liegen mit dem Kopf in Ginnys oder Hermines Schoß, tat ihm sichtlich gut und schaffte es immer, ihn zu beruhigen.
Die grässliche Vorstellung, diese Zuwendung, Geborgenheit und Anteilnahme auf einen Schlag wieder zu verlieren – das war es, was ihm unglaubliche Angst machte. Er sagte es zwar nicht, aber sie hörte es deutlich aus seinen Worten heraus. Und wenn sie es nicht schaffte, ihm diese absolut grundlose Angst zu nehmen und ihm glaubhaft zu versichern, dass er weder ihr Mitgefühl noch ihre Unterstützung jemals verlieren würde, konnte sich diese Furcht zu einer ausgewachsenen Panikattacke steigern. Es kam also wieder einmal darauf an, die richtigen Worte zu finden.
„Hören Sie zu, Severus", sagte sie sanft, „wir stehen noch ganz am Anfang. Es sind gerade erst ein paar Tage vergangen, da können Sie noch keine Wunder erwarten, oder? Und ich kann Sie beruhigen: sollte der unwahrscheinliche Fall auftreten, dass das alles nichts nützt – was ich nicht glaube – dann werden wir Sie trotzdem nicht allein lassen. Haben Sie mich verstanden, Junge? Wir lassen Sie nicht im Stich, egal wie das hier ausgeht. Keine Sorge, wir kümmern uns um Sie. Versprochen."
Der Tränkemeister schluckte hart, antwortete aber nicht. Schweigend hielt Hermine ihn ein paar Minuten fest und gab ihm Zeit, über das Gehörte nachzudenken und dessen Sinn zu begreifen, bevor sie ihn leise fragte: „Severus, erinnern Sie sich noch an unser Gespräch unten im Flur? Nach diesem Ordenstreffen?"
Wortlos nickte er.
„Erinnern Sie sich auch daran, wie schwer es damals für Sie war, sich von anderen Menschen berühren zu lassen?"
Er nickte wieder, rührte sich aber ansonsten überhaupt nicht. Hermine begann mit ihren Händen langsam über seinen Rücken zu streichen. „Und jetzt sehen Sie sich mal an", sagte sie aufmunternd. „Sehen Sie sich an, was für Fortschritte Sie in der kurzen Zeit gemacht haben. Ich finde, Sie dürfen ruhig ein bisschen stolz auf sich sein. Ich bin´s jedenfalls. Das war eine wirklich große Leistung, und das kann kein anderer so gut beurteilen wie wir beide. Sie haben es geschafft, ihre Angst zu besiegen. Und das hier", sie drückte ihn kurz an sich, „das schaffen Sie genauso. Da bin ich mir sicher."
Langsam, ganz langsam hob er den Kopf und sah sie an. In seinem Blick mischten sich Resignation, Hoffnung und Furcht. „Glauben Sie wirklich? Oder gehört das zur Therapie?"
Hermine schüttelte den Kopf. „Unsinn. Das glaube ich wirklich. Ich vertraue auf Ihre Stärke. Wenn das einer schafft, dann Sie. Und wir helfen Ihnen da durch, in Ordnung? Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen. Wir begleiten Sie. Jeder einzelne von uns weiß, dass Sie eine Menge durchgemacht haben, und dass die Vergangenheit Spuren hinterlassen hat. Es ist ganz bestimmt nicht einfach für Sie, wieder in der Schule zu sein, stimmt´s?"
„Nein", sagte er kläglich und senkte den Kopf, „ist es nicht…"
Erneut drückte die junge Frau ihn fest an sich, strich mit der Hand ganz sacht über seinen Nacken und biss sich auf die Unterlippe, um nicht selbst in Tränen auszubrechen. Sie hatte noch nie zuvor einen so durch und durch hilflosen und unglücklichen Menschen gesehen, und der Anblick tat ihr in der Seele weh. Hatte dieser Mann nicht schon genug gelitten?
„Sie sollten bei der ganzen Sache eins bedenken, Severus", erklärte sie ihm behutsam, „Ihre Situation ist inzwischen eine völlig andere, verstehen Sie? Letztes Jahr waren Sie allein. Sie konnten sich niemandem anvertrauen und haben direkt zwischen allen Fronten gestanden. Sie mussten völlig ohne Hilfe durch die Hölle. Jetzt ist das nicht mehr so. Sie haben Freunde, und wir sind für Sie da. Ohne irgendwelche Bedingungen, ohne Wenn und Aber. Bei uns müssen Sie sich nicht verstellen, Sie können uns vertrauen. Vergessen Sie das nie. Keiner von uns wird Sie im Stich lassen, in Ordnung? Wir schaffen das. Gemeinsam. Kämpfen Sie, Junge, Sie sind doch nicht der Typ, der einfach aufgibt."
Vorsichtig löste sie sich von ihm, um ihre Hände stattdessen auf die schmalen Schultern des Tränkemeisters zu legen. „Severus, Freunde lassen einander nicht hängen, schon gar nicht in solchen Zeiten. Eine echte Freundschaft ist nicht auf die guten, lustigen Momente beschränkt, das liegt nicht in ihrer Natur. Wir sind auch dann für Sie da, wenn Sie uns brauchen. Und jetzt brauchen Sie uns. Lassen Sie sich helfen. Und seien Sie einfach Sie selbst. Mit allen Höhen und Tiefen. Sie haben jedes Recht der Welt, müde oder wütend oder unglücklich zu sein. Und Sie dürfen Angst haben. Niemand wird Ihnen das zum Vorwurf machen, und keiner von uns wird Sie auslachen oder für schwach halten. Lassen Sie ihre Gefühle zu, verstecken Sie sie nicht. Versuchen Sie offen zu sein – auch zu sich selbst. In Ordnung?"
Er nickte mit hängendem Kopf und presste die Lippen fest aufeinander; Hermine hatte das dumpfe Gefühl, dass er wieder einmal gegen die Tränen kämpfte, und beschloss rücksichtsvoll, ihm einen Augenblick zu geben, bis er sich wieder gefasst hatte. Sie stand auf und ging zum Arbeitstisch hinüber, wo Ginny das Saftglas mit dem Solacius deponiert hatte.
Mit dem Glas in der Hand kehrte sie zu dem Professor zurück, der nach vorn gebeugt auf dem Sofa saß, die Ellbogen auf die Knie gestützt, wie ein Denkmal der Depression. Sie setzte sich dicht neben ihn, legte erneut den Arm um ihn und zog ihn an sich. „Hier, trinken Sie das, ja?" Sie hielt ihm den Saft hin. „Die normale Dosis ist wohl wirklich noch etwas zu schwach im Moment. Aber Sie müssen sich deswegen nicht unnötig quälen, oder?"
„Danke", sagte er sehr leise.
Ohne sie anzusehen, griff er langsam nach dem Glas und leerte es in einem Zug. Hermine nahm ihm das leere Glas ab und stellte es auf den Tisch, während er sich kraftlos an sie lehnte. Sie schwiegen beide einige Minuten lang, und irgendwann schniefte er leise.
„Oh, Himmel, Severus", sagte sie voller Mitgefühl, „Sie sind wirklich total fertig, was? Kommen Sie. Lassen Sie sich einfach eine Weile festhalten, bis der Solacius wirkt."
„Hermine, Sie müssen nicht… Das ist wirklich nicht… nicht nötig."
„Ach was, jetzt seien Sie nicht albern", bemerkte sie in ruhigem Ton. „Kein Mensch kann immer stark sein. Oder mutig. Oder unabhängig. Jeder braucht mal eine Umarmung und ein bisschen Trost. Es ist keine Schande, Schwäche zu zeigen, haben Sie gehört? Schon gar nicht in Ihrer Situation. Sie haben im Augenblick ein paar echte Probleme, da kann Ihnen ein wenig menschliche Nähe nicht schaden. Im Gegenteil. Sie brauchen jedes bisschen Hilfe, das Sie kriegen können. Nur so werden Sie die Kraft finden, um das alles durchzustehen. Und wenn es Ihnen gut tut, dann nehm ich Sie gern eine Weile in den Arm. Okay? Kommen Sie her, Junge, ich halt Sie fest."
Als hätte es nur noch ihrer Worte bedurft, atmete er zitternd aus, flüchtete sich buchstäblich in ihre Arme und klammerte sich an ihrem Pulli fest wie ein kleiner Koala an seiner Mutter. Die junge Frau legte die Arme fest um ihren Schützling und gab ihm einen liebevollen Kuss auf die Schläfe. Er schniefte noch einmal und drängte sich enger an sie.
„Ich…", setzte er in hilflosem Ton an, doch sie unterbrach ihn, noch bevor er auch nur Atem holen konnte: „Schhh… nicht reden, Severus. Nicht denken. Einfach nur fühlen, in Ordnung? Gönnen Sie sich diese kleine Erholungspause, alles andere ist im Moment absolut unwichtig. Sie müssen sich um überhaupt nichts kümmern… Alles okay, ganz locker bleiben. Schließen Sie die Augen und versuchen Sie sich zu entspannen. Bald geht´s Ihnen wieder besser. Und bis dahin passe ich auf Sie auf, einverstanden?"
Er nickte und atmete hörbar auf. Hermine hielt ihn an sich gedrückt, legte ihre Wange leicht auf seinen Kopf und fuhr mit der freien Hand tröstend über seinen Rücken, bis etwa zehn Minuten später die Wirkung des Beruhigungsmittels einzusetzen begann. Hermine bemerkte es daran, dass er sich in ihrer Umarmung spürbar entspannte und sich schließlich mit einem erleichterten Seufzen aufrichtete.
„Oh Merlin, ich bin wirklich ein Wrack", bemerkte er verzagt. „Danke, dass Sie so viel Geduld mit mir haben… Ich wünschte, ich hätte nur ein bisschen von Ihrer Stärke."
„Schon in Ordnung", erwiderte sie sanft. „Ich kann mir vorstellen, dass das Ganze nicht einfach ist. Sie sind ziemlich kaputt, Junge, und Sie haben vermutlich noch einen harten Weg vor sich. Aber geben Sie trotzdem nicht gleich auf, ja? Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen, und lassen Sie es zu, dass wir Ihnen helfen. Denken Sie zur Abwechslung mal ausschließlich an sich. Hogwarts kann warten."
„Okay", sagte er sehr leise, aber er sah sie dabei an und lächelte kaum wahrnehmbar. „Sie haben Recht, Hermine – die Situation ist jetzt wirklich eine andere."
„So ist es richtig. Nur nicht unterkriegen lassen", sagte Hermine aufmunternd. „Wie sieht´s aus? Fühlen Sie sich jetzt ein bisschen wohler?" Noch einmal schloss sie ihn kurz in die Arme, und dabei bemerkte sie amüsiert, dass er versuchte ein Gähnen zu unterdrücken – was auf grandiose Weise misslang.
„Denk schon…" Ziemlich kleinlaut grinste er sie an, hob die Schultern und machte Anstalten sich hinzulegen. Hermine unterstützte ihn dezent dabei, um zu verhindern, dass er auf dem Boden landete. Scheinbar entfaltete der Trank seine Wirkung wesentlich schneller, wenn die vorherige Dosis noch nicht völlig abgeklungen war, und der schlanke Mann hatte gewisse Schwierigkeiten damit, seine Arme und Beine zu koordinieren.
Doch seine trübe Stimmung schien sich tatsächlich aufzuhellen. Die scharfen Falten in seinem Gesicht begannen sich nach und nach zu glätten. Zwei Minuten später lag er lang ausgestreckt auf dem Sofa, benutzte sie als Kopfkissen und versuchte mit sehr wenig Geschick und noch weniger Erfolg, die Märchen von Beedle dem Barden vom Tisch zu angeln. In dieser Verfassung war er eindeutig tollpatschiger, als selbst Neville es zu seinen Glanzzeiten gewesen war, stellte Hermine belustigt fest.
Snape kicherte leise, als sie ihm das sagte. „Ich fürchte, da haben Sie Recht", räumte er verblüffend offenherzig ein und gab seine fruchtlosen Bemühungen auf. „Wissen Sie, dieses Solacius-Zeug… also, es ist… Ich weiß nicht genau, wie ich das finden soll. Kennen Sie das blöde Gefühl, wenn Sie aufwachen und bemerken, dass Ihr Arm eingeschlafen ist, weil Sie darauf gelegen haben? Wenn Sie versuchen den Wecker auszuschalten, und meterweit danebenfassen? Genau so fühlt sich mein ganzer Körper an. Irgendwie taub und… ähm… schlabberig. Und wenn ich bedenke, dass ich mir schon wieder vorkomme, als hätte ich innerhalb von zehn Minuten zwei Flaschen Feuerwhisky getrunken, und zwar synchron… kann ich bestimmt nicht mehr richtig… Es ist besser, wenn Sie vorlesen, Hermine. Ich bin dazu nicht mehr in der Lage, ehrlich."
„Schlabberig, was? Na schön, dann seh ich mal, was ich tun kann."
Hermine lachte ein wenig über seinen übertrieben ernsthaften Ton und die äußerst anschauliche, bildhafte Beschreibung seines Zustands, nickte jedoch zustimmend. Zielsicher griff sie sich gerade das Buch, als die Tür sich einen Spalt öffnete und Ginny ins Zimmer lugte. Hermine winkte sie herein, und das rothaarige Mädchen trat leise zu ihnen.
Severus rollte sich unbeholfen auf den Bauch und drängte sich dichter an ihren Körper. Hermine sah schmunzelnd auf ihn hinunter, als er reichlich ungeschickt einen Arm um ihre Taille schlang. Sie fuhr langsam und beruhigend mit den Fingern durch sein Haar und öffnete schließlich das Märchenbuch wieder, um dem still daliegenden Mann vorzulesen. Kurz darauf begann er langsam einzudösen.
Leise setzte sich ihre Freundin auf den Sessel daneben und beobachtete die Szene mit einem leicht bedauernden Lächeln. „War also wirklich noch zu früh für die normale Dosierung, was?" bemerkte sie leise. „Das hab ich mir beinahe gedacht."
Hermine nickte ernst. „Ich fürchte, dafür ist er noch zu labil. Aber wir schaffen das schon, nicht wahr, mein Großer?"
„Häh?" Snape öffnete mühsam die Augen, nuschelte abwesend „Hi Schinny…" und versank unvermittelt wieder in seinen vorherigen entrückten Dämmerzustand, während die beiden Mädchen sich grinsend ansahen.
„Ich möchte es versuchen, Ginny", sagte Hermine gedämpft, als sein langsamer Atem ihr verriet, dass er fest eingeschlafen war.
„Du möchtest was versuchen?" erkundigte sich Ginny neugierig. Hermine warf ihr einen raschen Blick zu und erwiderte: „Energiefeeding. Ich hab gestern noch einiges darüber gelesen. Ich weiß", fuhr sie rasch fort, als Ginny den Mund öffnete, „es ist keine sehr verbreitete Gabe, nur ungefähr sieben Prozent der magischen Bevölkerung haben sie. Aber das sind fast ausschließlich Hexen und Zauberer, die auch über andere geistig orientierte Fähigkeiten verfügen… Heiler, Empathen, ein paar Alchemisten – Mo kann es, Luna kann es, und du kannst es. Ich habe ein fotografisches Gedächtnis, Ginny. Eine sehr starke mentale Gabe. Und vielleicht stimmt das mit der Prozentzahl auch gar nicht genau, immerhin weiß es bestimmt nicht jeder, wenn er über so ein Talent verfügt. Die Dunkelziffer könnte tatsächlich riesig sein! Mit etwas Glück habe ich das Potential zum Feeding und kann es ausbauen. Dann würde nicht die ganze Last bei dir und Luna liegen."
„Ich versuch´s auch."
Die beiden Mädchen wandten sich zu Ron um, der mit leicht verlegener Miene und ziemlich roten Ohren im Türrahmen lehnte. Nach einem Augenblick des Zögerns betrat er leise den Raum und setzte sich zu ihnen. Sein Blick ruhte nachdenklich auf Snape. „Er schläft immer noch verdammt viel, oder? Eigentlich recht pflegeleicht, der Junge."
„Du willst es versuchen?" fragte Ginny erstaunt. „Wie bist du auf diese Idee gekommen, Ronald Weasley?"
Ron errötete leicht, erklärte aber entschieden: „Weil wir Geschwister sind. Mum hat diese spezielle Gabe, Ginny, da wett ich drauf. Auch wenn sie sie wahrscheinlich eher unbewusst einsetzt, weil es damals keine Lehrer gab, die auch nur die geringste Ahnung von Alter Magie und so einem Kram hatten. Niemand hat sich zu ihrer Schulzeit darum gekümmert, seltene Fähigkeiten bei den Schülern zu fördern. Aber sie hat uns als Kinder immer auffällig schnell wieder auf die Beine gebracht, wenn wir krank waren, stimmt´s? Und du kannst es auch. Wer sagt denn, dass ich dieses Talent nicht von ihr geerbt hab?" Mit einer beinahe trotzigen Miene beugte er sich nach vorn und zog die Decke vorsichtig über Snapes Schultern hoch.
Es war ein gut durchdachtes Argument, das musste Hermine ehrlich zugeben. Auch Ginny schien milde beeindruckt. Sie dachte nur ganz kurz darüber nach. „Na schön. Wir finden es nur raus, wenn wir´s ausprobieren. Es wär natürlich super, wenn mehrere hier es könnten… dass es euch selber wesentlich mehr Kraft entziehen wird, als ihr an ihn weiterleiten könnt, ist euch hoffentlich klar, oder? Gerade am Anfang ist das heftig."
Hermine und Ron nickten synchron, und Ginny grinste kurz. „Okay. Dann lasst uns mal hoffen. Sollen wir uns nach dem Abendessen im Salon zusammensetzen? Wenn ihr das Potential in euch tragt, kann ich es euch beibringen, denk ich. Es ist nicht wirklich schwer und ich hab´s auch innerhalb kürzester Zeit von Mo gelernt. Aber es ist echt anstrengend, gerade wenn man noch keine Übung darin hat."
„Wir kriegen das schon hin", versicherte Ron seiner Schwester mit ungewohnter Ernsthaftigkeit. „Es ist mir ziemlich egal, ob es anstrengend ist, verstehst du? Der Mann braucht jede Hilfe, die er kriegen kann, möchte ich wetten. Lass es uns einfach versuchen."
„Gut", gab Ginny zurück, „dann probieren wir´s aus."
Das Abendessen konnte ihnen heute allen gar nicht schnell genug vorbei gehen. Harry und Neville hatten beschlossen, es ebenfalls zu versuchen, und sich daher ziemlich damit beeilt, ihre Lasagne zu verputzen. Aufgeregt und erwartungsvoll versammelten sich die fünf Jugendlichen im gut beheizten Salon, und Ginny nahm sich einen nach dem anderen vor, während Severus sich großzügig als Testperson zur Verfügung stellte und es sich auf dem großen Sofa gemütlich machte.
Nach einem fast halbstündigen Versuch unter Ginnys geduldiger Anleitung musste Hermine enttäuscht feststellen, dass sie ihre magische Energie nicht weitergeben konnte. Sie war zwar recht schnell gewesen, als sie alle zum ersten Mal Bekanntschaft mit Monicas Art von stabloser Magie gemacht hatten, doch sie konnte so hartnäckig üben wie sie wollte: hierbei hatte sie nicht den geringsten Erfolg. Sehr zu ihrem Leidwesen.
Ron hingegen schien die Begabung tatsächlich von Molly Weasley geerbt zu haben. Seine Schwester leitete ihn mit gedämpfter Stimme an, während er – ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen lebhaften Art – still und konzentriert mit den Händen über den Rücken des vor sich hin dösenden Tränkemeisters fuhr, der sich überraschend schnell entspannte und kurz darauf tief und fest schlief.
Harry und Neville, die ähnlich erfolglose Versuche wie Hermine hinter sich hatten, sahen ihrem Freund respektvoll und staunend zu, der erst eine gute halbe Stunde später mit einem leisen Ächzen die Hände von Snapes Rücken nahm und sich aufrichtete.
„Schande, ist das anstrengend", kommentierte er und wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn. „Vor allem, dass man am Schluss irgendwie den Hahn langsam zudrehen muss. Das ist ´n bisschen kompliziert, find ich. Aber irgendwie auch richtig gut, wisst ihr?"
Als sie ihm fragende Blicke zuwarfen, fügte er mit einem Achselzucken hinzu: „Es ist cool, wenn man helfen kann. Ich bin nicht gerade ein Ass im Tränkebrauen, obwohl ich inzwischen nicht mehr so viel verbocke wie früher. Als Zuhörer bin ich auch eher mittelmäßig, und dieses Beschützer-Ding ist absolut die Sache der Mädels. Aber in dem hier bin ich ganz gut, da kann ich meinen Teil beisteuern. Fühlt sich großartig an, ehrlich."
Er grinste ein wenig verlegen und schüttelte seine Finger aus. „Auch wenn ich noch ´ne Menge Übung brauchen werd. – Bei Merlins hängenden Pobacken, ich brauch jetzt wirklich ganz dringend ein Butterbier!" Er hielt inne und setzte mit einem Blick auf Snape hinzu: „Aber vorher muss das Kerlchen hier ins Bett. Ich bring ihn schon rauf, Ginny, lass gut sein. Du hast für heute Feierabend."
„Feierabend?" hakte seine Schwester überrascht nach. „Heißt das etwa, du übernimmst die Nachtwache, Bruderherz?"
„Jepp. Melde mich zum Dienst. Aber ich leg mich nicht zu ihm ins Bett, klar? Das kommt nicht in die Tüte. – Aus dem Weg, alle zusammen, bevor ich es mir anders überlege." Ron grinste kurz und äußerst selbstzufrieden in die Runde, lud sich den schlafenden Snape auf die Arme und steuerte auf die Tür zu, die Harry ihm hilfsbereit aufhielt. „Wow. Ich glaub, unser Freund hier ist echt auf dem Weg der Besserung… vor ein paar Tagen war er noch wesentlich leichter, das schwör ich euch."
Als Harry und Neville kicherten, wandte sich der Rothaarige zu ihnen um und bemerkte: „Lacht nur. Nächstes Mal dürft ihr euch mit ihm abplagen… und zur Strafe könnt ihr mir mein Butterbier hochbringen."
„Weißt du, Ron", erwiderte Neville trocken, „du hättest ihn auch einfach mit einem Zauber hochheben können."
Alle glotzten den rundgesichtigen Jungen sprachlos an.
Doch Ginny rettete ihren Bruder, indem sie bemerkte: „Besser nicht, Neville. Zu viel fremde Magie könnte schädlich für Severus sein, meint Monica. Sein Körper braucht momentan eine Menge Kraft, um mit der ganzen Situation zurechtzukommen, und kann sich nicht auch noch an Rons Magie anpassen. Sieht so aus, als hätte mein Lieblingsbruder tatsächlich instinktiv genau das Richtige getan."
„Ich? Wow…" Rons Gesicht, als er sich mit seiner Last Richtung Treppe wandte, war eindeutig Gold wert.
