Die nächsten paar Tage der Weihnachtsferien verliefen ebenfalls ausgesprochen ruhig, und Harry bekam wie alle anderen schnell eine gewisse Routine im Umgang mit dem ständig leicht neben sich stehenden und manchmal irritierend albernen Tränkemeister. Da jedoch Heiligabend rasch näher rückte und die Weasleys die gesamte Bande für Weihnachten in den Fuchsbau eingeladen hatten, nahm er Ginny zwei Tage zuvor beiseite.

„Gin, ich wollte dich was fragen. Was denkst du, kann Snape mitkommen zu deiner Familie? Oder bringt ihn das zu sehr durcheinander? Es ist so…" Er zögerte kurz und gab endlich ein bisschen verlegen zu: „Ich würde ihn ungern hierlassen, weil dann auch jemand von uns dableiben müsste. Und ich will ihn nicht ausschließen. Er gehört schließlich dazu. Außerdem könnte ein bisschen Abwechslung ihm bestimmt gut tun, oder? Was sagt die Heilerin vom Dienst dazu?"

Ginny nickte langsam und nachdenklich. „Ich hab mir das auch schon überlegt, Harry. Und ich hab über den Kamin mit Mo gesprochen. Sie hat meine Einschätzung bestätigt, dass er mitkommen sollte. Wir werden ab morgen also das Beruhigungsmittel auf die normale Menge reduzieren, dann wird er auch ein bisschen klarer im Kopf sein. Und wesentlich weniger euphorisch. Vermutlich fängt er dann allerdings wieder verstärkt an zu grübeln, das hatten wir ja schon mal probiert. Aber so eine Weihnachtsfeier ist die beste Zeit, um die Dosis zu verringern, da ist er sicher ziemlich abgelenkt durch den Trubel. Und schlafen wird er trotzdem problemlos, zumindest mit dem Schlaftrank von Mo."

Sie grinste ihm kurz zu. „Mum weiß Bescheid und freut sich schon auf die seltene Gelegenheit, ihn mit Essen vollzustopfen. Kennst sie ja – er wird keine Chance gegen sie haben, fürchte ich. Aber eine anständige Mahlzeit nach Weasley-Art wird ihm sicher nicht schaden, und wie du gesagt hast: er braucht ein bisschen Abwechslung. Der Rest ist auch informiert, dass sie dieses Jahr eine etwas sanftere Gangart einschlagen sollten – eigentlich kann gar nichts schief gehen. Wir werden sehen. Ich glaub nicht, dass er es bis zum traditionellen Weihnachtsfrühstück im Fuchsbau aushält, aber wenn´s ihm zu viel wird, können wir immer noch hierher zurückgehen. Und für den Notfall nehm ich eine Phiole von dem Trank mit."

„Puh. Du klingst manchmal echt genau wie Poppy, weißt du das?" Harry sah seine Freundin bewundernd an. „Da hast du dir eindeutig den passenden Beruf ausgesucht. Vielleicht solltest du so eine Art psychologische Beratungsstelle aufmachen, zusammen mit Luna…"

Ginny kicherte leise und schlug ihm leicht gegen den Hinterkopf. „Du hast ´nen Knall, Harry Potter. Schnapp dir die anderen und verschwinde in die Winkelgasse, damit ihr auch genug Päckchen zu verschenken habt. Ich bleib mit Severus hier und warte auf Mo, ich hab meine Geschenke schon vor ´ner Weile besorgt."

„Mo kommt her?" fragte Harry neugierig nach. „Wieso das denn? Du hast doch hier alles bestens im Griff."

„Naja", meinte Ginny achselzuckend, „ich bin immerhin noch nicht mal offiziell in der Ausbildung. Man hat mich nur zur Heilerin in Krisenzeiten berufen, das ist was komplett Anderes. Die medizinische Abteilung des Ministeriums hat zwar den magischen Vertrag zwischen Monica, Poppy und mir bestätigt, damit ich das Recht habe, mich um Severus zu kümmern. Aber dieser Vertrag ist zeitlich begrenzt und nur unter der Bedingung gültig, dass meine Arbeit von einem ausgebildeten Heiler kontrolliert wird. Mo ist im Gegensatz zu Poppy eine vollwertige Heilerin, deswegen ist sie meine offizielle Mentorin und müsste auch den Kopf dafür hinhalten, wenn ich was versaue. Also wird sie ab und zu kurz nach dem Rechten sehen… außerdem will sie mit mir üben, wie ich ohne Diagnosezauber einen Patienten scannen kann. Wir hoffen, dass ich es hinbekomme, aber das müssen wir eben ausprobieren."

Harry nickte. Seiner Meinung nach war Ginny als Heilerin bereits jetzt wesentlich besser als mancher Andere, doch es gab nun mal Vorschriften. Und je mehr sie jetzt schon von Monica Lupin und Poppy Pomfrey lernte, desto kürzer würde ihre Lehrzeit im St. Mungo sein. Heiler hatten meistens sehr lange Arbeitstage, vor allem während ihrer Ausbildung, und sie würden in dieser Zeit erbärmlich wenig voneinander haben. Zumal auch seine eigene Ausbildung zum Auroren viel Zeit verschlingen würde. Falls er die erforderlichen Noten bei seinen UTZ-Prüfungen erreichte.

„Na gut, dann viel Erfolg. Passt auf euch auf, ihr zwei." Er küsste Ginny sanft zum Abschied, legte dem schlafenden Snape kurz die Hand auf die Schulter – wie schnell er sich das angewöhnt hatte, erstaunte ihn selber immer wieder aufs Neue – und rief nach Ron, Hermine und Neville. Dann gingen die Vier in die Küche hinunter, um über den Kamin in die Winkelgasse zu gelangen.

Sie kamen erst vier Stunden später zurück, hungrig wie ein Rudel Wölfe, verfroren und mit geröteten Wangen, aber immerhin erfolgreich, was die Jagd nach Weihnachtsgeschenken anging. Bewaffnet mit einer großen Kanne Tee, die Hermine schnell aufgebrüht hatte, und einem großen Tablett voller Sandwiches, stiegen sie die Stufen hinauf. Sie kamen gerade rechtzeitig im Salon an, um Monica Lupin Hallo und Auf Wiedersehen zu sagen. Die walisische Heilerin war eben dabei, sich von Ginny zu verabschieden.

„Es ist ein bisschen schwierig, zugegeben", sagte sie gerade lächelnd zu der rothaarigen jungen Frau, „aber du hast das Potential. Du musst nur lernen damit umzugehen, dann wirst du eines Tages eine sehr gefragte Heilerin sein. Über Jobangebote musst du dir garantiert keine großen Gedanken mehr machen. Es gibt in Britannien nicht gerade viele Heiler, die beide Talente haben, weißt du."

Harry sah Ginny unterdrückt lächeln, während sie sich mit einer leichten Umarmung von der Empathin verabschiedete. Seine Freundin hatte ihre Bestimmung eindeutig gefunden!

„Prewett´sche Gene, oder?" sagte er gedämpft, als sie ihm zur Begrüßung um den Hals fiel, und sie grinste. „Jaah… warte nur, bis Mum das erfährt, die dreht völlig durch. Vor allem wegen Ron. Dass er das mit dem Feeding auch kann, wird sie komplett umhauen. Du glaubst gar nicht, wie stolz sie auf jedes ihrer Kinder ist. Sogar auf George, weil er jetzt mit Angelina zusammen ist und die beiden übers Heiraten nachdenken, und auf seinen Scherzladen – auch wenn sie das natürlich niemals öffentlich zugeben würde!"

Ihr anfangs erwähnter jüngster Bruder hatte die Gelegenheit genutzt und sich auf einen Stuhl neben Snape gesetzt, der gerade aufzuwachen schien; die Hände auf dessen Schultern gelegt, sprach Ron leise mit dem Mann, der sich ein wenig verwirrt umschaute. Neville setzte sich still daneben, und Hermine stellte Tee und Sandwiches auf dem Couchtisch ab.

„Tee, Monica?" fragte Harry und wies einladend auf die Sitzgruppe, doch die Heilerin winkte lächelnd ab. Sie habe noch eine Verabredung zum Tee mit ihrem Mann im Tropfenden Kessel, erklärte sie munter.

Alle sahen verblüfft drein, und sogar Snape stemmte sich mit einem Stirnrunzeln hoch. Ron, dem der Mund ein wenig offenstand ob dieser unerwarteten Neuigkeit, fasste den Tränkemeister zerstreut unter den Achseln und verfrachtete ihn gekonnt in eine annähernd sitzende Haltung: „Wie jetzt – Ihr Mann?"

Mo lächelte wissend, doch Hermine kam ihr mit einer Frage zuvor: „Aber Mo, ich dachte… ich meine, ich habe gelesen, dass Empathen normalerweise keine festen Partner haben, weil das für beide Seiten sehr schwer ist und fast nie lange hält. Für mich klingt das nachvollziehbar…"

„Das ist schon richtig, Hermine", gab die Heilerin zurück, „Beziehungen zwischen Empathen und nicht empathischen Partnern sind im Allgemeinen sehr schwierig und kompliziert. Es sorgt immer für Probleme, wenn einer in einer Partnerschaft sämtliche Gefühle des anderen kennt – entweder fühlt sich der nicht empathische Partner benachteiligt, oder der Empath muss sich entscheiden zwischen den beiden Möglichkeiten, seine Gabe zu unterdrücken oder sich für den Partner komplett aufzugeben und nur für ihn zu leben. Bei Rhys und mir funktioniert es gut, weil wir uns nicht oft sehen."

„Warum nicht?" wollte Harry neugierig wissen, und Mo lachte. „Rhys ist viel unterwegs. Er ist Agent und bildet den Agentennachwuchs für die Gemeinschaft von Rowan aus… ein Agent ist sozusagen eine Mischung aus Auror und Dämonenjäger", fügte sie erklärend hinzu, weil alle sie verständnislos ansahen. „Selbst als ich noch in Rowan unterrichtet habe, gab es für uns nicht sehr oft die Gelegenheit uns zu sehen. Von daher kommen die Probleme gar nicht erst auf, die in anderen Ehen oft entstehen, in denen die Partner zusammen leben und täglich miteinander konfrontiert werden. Wir lieben uns, aber wir haben den notwendigen Abstand für so eine schwierige Beziehung. Und Rhys ist eine starke Persönlichkeit."

Neville starrte sie nachdenklich an, und Harry ahnte dunkel, dass der junge Mann an Luna dachte; ihnen allen war schon aufgefallen, dass die beiden sich ausgesprochen gern hatten. Er hoffte für die zwei, dass sie eine ebenso gute Lösung finden konnten wie Mo und ihr Mann, denn seiner – und auch Ginnys – Meinung nach passten sie hervorragend zueinander.

„Vielleicht können Sie ihn uns mal vorstellen?" Harry war sehr interessiert daran zu erfahren, wie das Leben eines Rowan-Agenten aussehen mochte, und auch, was das für ein Mann war, für den jemand wie Mo die eigene Unabhängigkeit teilweise aufgegeben hatte… das Leben der beiden klang genauso, wie er sich seine und Ginnys Partnerschaft vorstellte.

„Werde ich, sobald sich eine Gelegenheit dazu ergibt", versprach sie, „aber jetzt muss ich wirklich los, sonst krieg ich Ärger. Rhys hat nur ein paar Stunden Zeit, bevor er zu irgendeinem Ausbilderseminar nach Brighton weiterfährt. Er bringt mich um, wenn ich zu spät komme!"

Mit einem fröhlichen Winken verließ sie den Salon, und Harry fand sich während des sehr verspäteten Tees beziehungsweise des vorgezogenen Abendessens – wie auch immer man es nennen wollte – schnell in einer angeregten Diskussion mit Ron über magische Agenten wieder, an der auch Severus sich zu beteiligen versuchte. Allerdings nicht lange, da Ginny den wenig kooperativen Mann bald darauf energisch ins Bett befahl, weil er schon im Sitzen einzuschlafen drohte.

Im Hinblick auf die reduzierte Menge an Solacius, die er ab morgen bekommen würde, hielt sie es für angeraten, ihm so viel Schlaf wie möglich zu ermöglichen, und hatte ihm seine abendliche Dosis Schlaftrank in den Tee gemischt. Doch Snape war nicht unbedingt begeistert davon, ins Bett geschickt zu werden wie ein ungehorsames Kind, und weigerte sich anfangs recht hartnäckig, von seinem Sitzplatz aufzustehen.

Tatsächlich musste Harry unterstützend eingreifen, als der Tränkemeister sich endlich doch noch überreden ließ und sich mit der Bemerkung vom Sofa aufrappelte, er sei noch keine hundert Jahre alt und könne deshalb durchaus allein die Treppen hochgehen. Er widerlegte diese Behauptung höchstpersönlich, indem er bereits nach den ersten zwei Schritten leicht ins Schwanken geriet und unsicher nach einem festen Halt tastete. Harry und Ron fassten den Professor kommentarlos von beiden Seiten bei den Ellbogen. Sie achteten nicht auf seine finstere Miene, als er auf unsicheren Beinen zur Tür ging, und nur dank ihrer Hilfe erreichte er unfallfrei sein Schlafzimmer.

Neville, der ihnen vorausgeeilt war, öffnete rasch die Tür und trat zur Seite, um die drei hineinzulassen. Ginny hatte es anscheinend ein wenig zu gut mit dem Schlaftrank gemeint, denn Snape war zweifelsohne bereits kurz davor einzuschlafen. Er geriet leicht ins Taumeln, kämpfte aber noch gegen die Müdigkeit an und versuchte schwach zu protestieren, als Ron ihn ohne viel Brimborium auf die Arme nahm und ins Bett steckte, bevor seine Knie endgültig einknicken konnten.

Harry deckte den Mann zu, und die drei Jungs wollten eben das Schlafzimmer verlassen, als Snapes Stimme sie aufhielt: „Meine Herren, würden Sie noch kurz hierbleiben? Ich möchte…" Er hielt inne und gähnte unterdrückt, dann fuhr er fort: „Ich würde gern noch etwas mit Ihnen besprechen, bevor ich einschlafe. Bitte."

„Sie schlafen doch schon halb", wandte Ron belustigt ein. Doch er ging mit Harry und Neville zum Bett des Professors zurück, der sich ein wenig unbeholfen hochstemmte und ihm einen Blick zuwarf, der vermutlich hatte verärgert wirken sollen, seine ursprüngliche Bestimmung aber komplett verfehlte und bestenfalls als gequälte Grimasse durchging.

Harry grinste knapp und setzte sich auf die Bettkante. „Na gut, Sir, was ist jetzt so wichtig, dass es nicht bis morgen warten kann? Ich meine… es ist ja nicht so, als würden wir Ihnen mitten in der Nacht davonlaufen, oder?"

„Witzig, Potter", grummelte der Tränkemeister, während Ron und Neville sich Stühle ans Bett heranzogen. „Es mag Ihnen vielleicht entgangen sein, aber Ihnen und Ihrer kleinen Chaotentruppe traue ich fast alles zu. – Scherz beiseite", fuhr er wesentlich ernsthafter fort, „ich denke, es wird langsam Zeit, die lästige Sache mit der Anrede etwas lockerer zu handhaben. Zumindest außerhalb der regulären Unterrichtsstunden. Immerhin sind wir Ordenskollegen…"

Er gähnte wieder, mit bereits halb geschlossenen Augen, und schenkte den erstaunten Jungs ein schwaches Lächeln. „Die jungen Damen und ich sprechen uns bereits mit Vornamen an, also… denken Sie, wir könnten uns ebenfalls darauf einigen?"

Das verblüffte Schweigen, das auf diesen Vorschlag folgte, wurde ausgerechnet von Neville Longbottom gebrochen, der aufstand und seinem Lehrer die Hand entgegenstreckte: „Es wäre mir wirklich eine Ehre… Severus."

Erst als er leise die Tür zu Snapes Schlafzimmer hinter sich zuzog, fiel Harry auf, dass nicht nur Neville, sondern auch Ron den Schock wesentlich schneller überwunden hatte als er selber – er hatte den Mann einfach weiter angestarrt, bis Ron ihm endlich recht nachdrücklich den Ellbogen in die Rippen gerammt hatte, um ihn aus seiner Starre aufzuwecken.

Überlass es einfach Snape – nein, Severus – aus dem berühmten Harry Potter einen glotzenden Idioten zu machen!

Harry war sich nicht sicher, was er von der ganzen Sache halten sollte; immerhin hatte er sich erst in den letzten paar Monaten mühsam daran gewöhnt, den ehemaligen Spion tatsächlich mit dem gebührenden Respekt als „Professor Snape" zu bezeichnen – und jetzt das! Aber, beschloss er mit einem gedanklichen Achselzucken, der Mann hatte das Ganze selber vorgeschlagen. Und wenn der ältere Zauberer mit dieser Regelung leben konnte, würde er es wohl auch hinbekommen!

Heiligabend kam rascher als erwartet, und Harry machte sich vormittags noch einmal allein auf den Weg in die Winkelgasse – um ein ganz besonderes Päckchen im Laden von George und Angelina abzuholen. Mit einem verschwörerischen Zwinkern reichte der junge Weasley ihm die kleine Schachtel: „Ein absolutes Unikat, Harry. Schon aus dem einfachen Grund, weil es höllisch kompliziert war, das Ding herzustellen… aber ich glaub, eure Idee war wirklich genial! Verlier es nur nicht, nochmal mach ich sowas nämlich nicht, klar?"

„Danke, George." Strahlend nahm Harry das hübsch verpackte Geschenk in Empfang und reichte George die vorher vereinbarten 24 Galleonen, die er und seine Freunde zusammengelegt hatten – ein absoluter Freundschaftspreis, wie der junge Geschäftsmann ihnen versichert hatte. Und er hatte Recht, wie sie alle wussten: so etwas würde auf dem Markt wesentlich mehr einbringen. Doch ihre kleine Gruppe war nun im Besitz des einzigen Stückes!

Sie hatten beschlossen, auf das Mittagessen zu verzichten, im Hinblick auf das bevorstehende Festessen bei den Weasleys, und setzten sich am frühen Nachmittag mit einer Kanne Tee und Gebäck im Salon zusammen.

Kreacher – anfangs ein wenig enttäuscht, dass er nicht die Gelegenheit haben würde, ein aufwändiges Abendessen für sie zu kochen – hatte den Vormittag damit verbracht, eine Unmenge gefüllte Eclairs für sie alle zu backen, und sonnte sich nun in dem Lob, mit dem vor allem Ron ihn überschüttete.

Nach einer vergnüglichen halben Stunde verschwand Harry kurz in sein Schlafzimmer und kam gleich darauf zu den anderen zurück, die ihn erwartungsvoll ansahen – bis auf Severus, der noch keine Ahnung davon hatte, was sie vorhatten.

„Ähm…", machte Harry ein bisschen verlegen, räusperte sich und wandte sich dann an den Tränkemeister. „Severus, wir haben… naja, wir haben ein kleines Geschenk für Sie, und wir denken, es ist besser, wenn Sie das hier aufmachen statt im Fuchsbau. Es ist ein bisschen… ähm, persönlich." Er zog die Hand mit dem kleinen Päckchen aus der Tasche seines Kapuzenshirts und reichte es dem verwirrt dreinschauenden Snape. „Ist von uns allen."

„Aber…", sagte der Professor schwach und sah unsicher von einem zum anderen, „aber… wieso?"

„Na, es ist Weihnachten, Sie dummer Kerl", erklärte Ron mit einem breiten Grinsen. „Jetzt machen Sie´s schon auf, okay?"

Gespannt beobachteten die fünf jungen Leute, wie der ältere Zauberer sehr vorsichtig die kleine Schachtel auspackte und einen misstrauischen Blick auf das Logo von „Weasley´s Zauberhafte Zauberscherze" warf, das auf dem Deckel eingeprägt war. „Das wird nicht explodieren, wenn ich es aufmache, oder?" erkundigte er sich mit einem wachsamen Unterton, und die Mädchen lachten leise.

„Nein", beruhigte Harry ihn mit einem kleinen Lächeln, „keine Sorge, das ist kein typischer Weasley-Artikel. Genauer gesagt", fügte er erklärend hinzu, „ist das ein Unikat, das George nach unseren Vorgaben angefertigt hat. Es gibt nur dieses eine hier. Und ich denke, es ist genau das Richtige für Sie."

Snape sah ihn ein paar Augenblicke unverwandt an, bevor er schließlich zögernd die Schachtel öffnete und eine silberne Taschenuhr, in smaragdgrünen Samt gebettet, zum Vorschein kam. Auf ihrem Deckel waren ein Löwe und eine Schlange eingraviert, den Rand zierten winzige dunkelgrüne Steine.

Sprachlos starrte der schlanke Mann die Uhr an, und es dauerte eine Weile, bis er die Sprache wiederfand. „Die ist… wunderschön", flüsterte er schließlich und strich vorsichtig über den Deckel. „Danke…"

„Oh", sagte Harry ruhig und setzte sich neben ihn, „wissen Sie, Mrs Weasley hat mir mal erzählt, dass jeder Zauberer traditionell zu seinem siebzehnten Geburtstag eine Uhr von seinen Eltern bekommt, und ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie das Vergnügen nicht hatten… also haben wir beschlossen, das nachzuholen. Und bitte - keine albernen Proteste oder Einwände, ja? Geben Sie uns die Chance, etwas in Ordnung zu bringen, was andere vor langer Zeit versaut haben. Wir mögen Sie, und wir sind der Meinung, Sie haben dieses Geschenk verdient. Also nehmen Sie es einfach an, in Ordnung? Und das ist noch nicht alles, Severus. Sehen Sie mal her."

Vorsichtig nahm er die Uhr aus ihrer Schachtel, drückte auf den Knopf und ließ den Deckel aufspringen. Ein äußerst ungewöhnliches Zifferblatt zog die Blicke aller auf sich: die schlichten smaragdgrünen Zeiger schienen über einer silbern leuchtenden Oberfläche zu schweben, in der dünne Schlieren herumwirbelten – nicht flüssig, aber auch nicht gasförmig.

„Wie ein…", begann Snape leise, verstummte aber sofort und machte große Augen, als Harry das Zifferblatt mit seinem Zauberstab antippte, worauf die Uhr sich rasch vergrößerte, bis sie so groß war wie eine Obstschale.

„ … Denkarium", ergänzte Harry gelassen. „Genau. Wir dachten, Sie könnten vielleicht eins gebrauchen. Und dieses hier ist eine Sonderanfertigung. Klein genug, um es überallhin mitzunehmen – und die Uhr ist nicht nur eine Tarnung, sie funktioniert tatsächlich."

Snape schluckte hart und wirkte, als wäre er kurz davor, in Tränen auszubrechen. Doch Ginny, die ein untrügliches Gespür für solche Momente hatte, lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. „Wissen Sie", sagte sie sanft und setzte sich ebenfalls neben ihn, „Sie müssen im Augenblick mit so viel Mist klarkommen, dass es manchmal vielleicht zu schwierig ist, über gewisse Dinge zu reden. Jetzt haben Sie die Möglichkeit, uns manches einfach zu zeigen. Ich schätze mal, das ist bei einigen Erinnerungen ein bisschen einfacher, oder?"

Der schwarzhaarige Mann nickte nur stumm, den Blick wie gebannt auf das Denkarium gerichtet, bis Neville ein wenig verlegen bemerkte: „Das ist immer noch nicht alles, Severus. Hier…"

Der junge Mann mit dem freundlichen, runden Gesicht zog seinen Zauberstab und tippte vorsichtig die Uhrenkette an. Fast sofort lösten sich die Kettenglieder voneinander, verformten sich und wurden größer, bis an ihrer Stelle etwa zwei Dutzend kleine Glasphiolen auf der Tischplatte lagen.

„Unzerbrechliches Glas", kommentierte Neville, „damit auch ganz sicher nichts passieren kann. George hat da ein ziemlich gutes Stück Verwandlungsarbeit geleistet, meinen Sie nicht? Im Moment reagiert sie noch auf jedes Antippen mit einem Zauberstab, aber George meint, wenn Sie mit der Uhr bei ihm vorbeikommen, kann er sie auf Ihren Zauberstab eichen. Dann kann niemand außer Ihnen das Ding benutzen."

Für eine Weile schien die Zeit am Grimmauldplatz stillzustehen, und Harry konnte nichts hören außer dem Ticken der Uhr in der Ecke und dem prasselnden Feuer im Kamin… bis Snape endlich aus seiner geschockten Starre aufzuwachen schien und zitternd Luft holte.

„Oh Merlin", sagte er heiser, „Sie sind verrückt… alle miteinander. Wirklich, ich… das ist…" Er wirkte ziemlich hilflos, fast schon überfordert, und sah jeden von ihnen ein paar Sekunden lang an. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll", erklärte er schließlich, und jetzt sah Harry tatsächlich Tränen in seinen Augen aufsteigen.

„Hmmm… wie wär´s mit Fröhliche Weihnachten?" schlug Ron trocken vor – und rettete die ganze Situation damit sehr erfolgreich. Der Tränkemeister sah ihn verblüfft an und brach ein paar Sekunden später in Gelächter aus, in das die anderen rasch einstimmten. Ron zwinkerte Harry vergnügt zu, während er dem immer noch grinsenden Professor kameradschaftlich auf die Schulter klopfte: „Wenn ich Ihre Reaktion richtig deute, haben wir mit unserem Geschenk nicht völlig danebengelegen, stimmt´s?"

Snape schüttelte nachdrücklich den Kopf. „Ein Volltreffer… danke. Das ist wirklich…" Er tippte Denkarium und Phiolen mit seinem Zauberstab an, und nur Augenblicke später hielt er wieder eine Taschenuhr in der Hand. Seine Finger zitterten leicht, und er gestand sehr leise: „Ich fühle mich ein bisschen erschlagen, ehrlich gesagt. Bisher hat sich noch nie jemand so viele Gedanken meinetwegen gemacht. Ich… danke."

Mit einem schiefen Grinsen sah er in die Runde. „Ich hab auch nachgedacht, wissen Sie? Ich hatte zwar keine Gelegenheit zum Einkaufen, aber ich würde Sie gern zu einem Abend auf dem Wintermarkt in der Winkelgasse einladen, wenn Sie keine Einwände haben."

Er wirkte ein wenig unsicher, doch ihre strahlenden Gesichter schienen ihn schnell zu beruhigen. Und als Ron eifrig nachhakte, was es dort zu essen gab, prustete nicht nur Ginny, sondern auch Severus los. Harry musste neidlos zugeben, dass Ron ein Händchen dafür hatte, dem Mann über schwierige Situationen hinwegzuhelfen – mit nicht mehr als ein paar einfachen Worten und einem Grinsen.

Als es Zeit wurde, in Richtung Fuchsbau zu disapparieren, beschlichen Harry doch ein paar leise Zweifel. War es wirklich eine so gute Idee, den Professor zu der Familienfeier mitzuschleppen?

Er kannte Severus Snape jetzt schon eine ganze Weile, und eigentlich glaubte er nicht, dass dieser sehr begeistert über die Menschenansammlung bei den Weasleys sein würde – vor allem, da er erstaunlich wach schien, nachdem er den Beruhigungstrank nicht mehr in so hohen Dosen wie bisher nehmen musste. Obgleich er immer noch schnell müde wurde, häufig unter leichten Schwindelanfällen litt und leider auch, wie Ginny richtig vermutet hatte, des Öfteren in dumpfes Brüten verfiel. Aber zumindest schien er nicht nervös zu sein. Außerdem war es jetzt ohnehin zu spät, die Planung noch einmal komplett über den Haufen zu werfen. Und notfalls konnten sie ja nach London zurückkehren.

Mit einem Achselzucken schob Harry seine Bedenken beiseite, legte genau wie Ron einen stützenden Arm um seinen Lehrer, und dann lösten sie sich in Luft auf. Sie hatten sich bewusst fürs Apparieren entschieden anstatt für die eigentlich angenehmere Reise per Flohpulver, um nicht von einer Sekunde auf die andere die beschauliche Ruhe des Grimmauldplatzes gegen das übliche Chaos im Fuchsbau einzutauschen – das hätte Severus mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit überfordert.

„Alles klar?" erkundigte sich Ron bei Snape, der ziemlich blass geworden war und sich schwer gegen die beiden lehnte. „Atmen Sie tief durch, das wird gleich besser. Lassen Sie sich Zeit, wir müssen ohnehin noch auf die anderen warten, okay? Kommen Sie mal her." Der Rotschopf nutzte die Gelegenheit, um sein neu erworbenes Talent zu erproben, die Fingerspitzen an die Schläfen des Älteren gelegt.

„Besser?" fragte er nach ein paar Minuten, und Severus bedankte sich mit einem leichten Nicken, während Hermine mit Ginny und einem riesigen Stapel Päckchen im Schlepptau auftauchte; den beiden Mädchen war die Aufgabe zugefallen, die Weihnachtsgeschenke mitzubringen, da Neville erst noch einen Zwischenstopp bei den Lovegoods einlegen musste und Harry und Ron genug mit Snape zu tun gehabt hatten.

Neville, den Arm fest um Luna geschlungen, die er soeben bei ihrem Vater abgeholt hatte, landete ein wenig weiter entfernt; er hatte immer noch manchmal Probleme mit der Genauigkeit, vor allem dann, wenn er seinen Zielort nicht kannte. Und er war noch nie bei den Weasleys gewesen. Doch immerhin hatte er sie nicht um viel verfehlt und kam jetzt unter Gelächter und Neckereien bei dem kleinen Grüppchen an. Als alle versammelt waren, gingen sie gemeinsam zum Haus.

Der Abend an sich verlief harmonisch und recht abwechslungsreich, aber nicht zu hektisch. Molly Weasley tischte ein herrliches Essen mit nicht weniger als fünf Gängen auf und ließ es sich partout nicht nehmen, sich höchstpersönlich um Snape zu kümmern: „Merlin, Sie sind viel zu dünn, junger Mann, so geht das nicht. Wird Zeit, dass Sie ein bisschen was auf die Rippen kriegen! Man könnte wirklich glauben, Sie würden in der Schule nichts zu essen bekommen, um Himmelswillen."

Ihre hartnäckige Präsenz veranlasste den Tränkemeister dazu, seinen Schülern immer wieder hilfesuchende Blicke zuzuwerfen, doch sie hatten keine Chance gegen die besorgte Mrs Weasley, die unaufhörlich wie eine zu groß geratene Mutterhenne um Severus herumwieselte und ihn keine Sekunde aus den Augen ließ.

Harry – insgeheim froh darüber, dass zur Abwechslung mal nicht er in Mollys Fokus stand – empfand bald so etwas wie Mitleid für den Professor. Aber er schaffte es zusammen mit Neville erst nach dem üppigen Dessert, den fast ein bisschen eingeschüchtert wirkenden Mann aus ihrer überfürsorglichen Nähe zu „retten", indem sie ihn auf einen kurzen Spaziergang im Garten mitnahmen. Damit entschärften sie die Lage recht zufriedenstellend.

Der Rest saß fröhlich scherzend bei Punsch und Eierflip im Wohnzimmer, als sie wieder zurückkamen, und sie hatten viel Spaß dabei, die unzähligen Geschenke auszupacken.

George überraschte sie alle mit je einem grauen und einem schwarzen Shirt, die den Aufdruck „Hogwarts-Schule" trugen. Auch Bill und Snape hatten welche bekommen und schienen sich darüber zu freuen.

„Die neue Kollektion fürs Frühjahr", erklärte George strahlend, „die Dinger halten sogar leichtere Flüche ab. Wir sind grad dabei, auch Kapuzenjacken und Pullis und so weiter herzustellen, mit verschiedenen Aufdrucken. Hogwarts-Schule, Orden des Phönix, Schicksalsschwestern, solche Sachen eben. Und Logos von Quidditch-Teams. Angies Idee. Sie ist drauf gekommen, als wir den letzten Rest unserer Schildhüte eingemottet haben. Gut, was?"

Die gesamte Mannschaft – einschließlich Luna und Severus – wurde außerdem mit einem handgestrickten Weasley-Pulli beschenkt… und das war dann auch der Punkt, an dem die Situation den ehemaligen Spion etwas zu sehr aufzuwühlen schien: ziemlich überwältigt von dem ungewohnten Familienanschluss, verzog er sich still in einen kleinen Erker und sah aus dem Fenster auf den in nächtlichem Dunkel liegenden Garten hinaus, wo es inzwischen leicht zu schneien begonnen hatte.

„Bleib du bei deiner Familie", sagte Harry mit einem Lächeln und hielt Ginny zurück, die sich bereits zielstrebig dem Erker zuwandte. „Du hast dir ein paar freie Stunden echt verdient, und deine Mum bringt dich vermutlich um, wenn du nicht mit den anderen bis zum Frühstück morgen bleibst. Ich werd mit ihm zurück nach London gehen und während der Nacht bei ihm bleiben, okay? Das hier wird ihm eindeutig zu viel."

„Es ist jetzt auch deine Familie, Harry", entgegnete sie sanft.

„Ich weiß", sagte er im gleichen Ton, „aber irgendwie… irgendwie ist Severus inzwischen auch so was Ähnliches wie Familie für mich geworden. Er ist fast wie ein Bruder. Mal ein älterer Bruder, der mir viel beibringen kann – und gerade in letzter Zeit auch ein kleiner Bruder, den ich unbedingt beschützen will. Klingt ein bisschen albern, wenn ich es so sage, aber… Naja, weißt du, es ist wirklich… schwer zu beschreiben."

Ein verständnisvolles Lächeln huschte über Ginnys Gesicht. „Er hat´s geschafft, sich hier rein zu mogeln, was?" stellte sie fest und legte ihre schmale Hand gegen Harrys Brust, direkt auf sein Herz. „Und nicht nur bei dir, Harry. Es geht uns allen so, denk ich."

„Stimmt", gab er zu. „Er ist nicht Sirius, aber er und meine Familie haben auch eine gemeinsame Vergangenheit. Sirius war eher wie ein Vater, was das angeht. Severus ist… naja, er ist Severus. Aber er gehört auf seine Art ebenso dazu, und er ist als einziger von ihnen noch am Leben… Ich weiß, wie es ist, niemanden zu haben, Gin. Ihm geht´s nicht anders, wenn man mal ehrlich ist. Er war bisher ständig nur allein. Und ich will, dass er weiß, dass meine Tür für ihn immer offen ist. Auch später, wenn ich nicht mehr sein Schüler bin. Ist vielleicht keine schlechte Gelegenheit, ihm das klar zu machen. – Kannst du Molly die Situation erklären und uns entschuldigen? Ich denke, sie wird es verstehen."

Sie sah ihn überrascht an, nickte aber, und so ging Harry schließlich zu seinem Lehrer hinüber und legte ihm behutsam die Hand auf die Schulter. „Sie sehen müde aus. Und das hier wird wohl noch ´ne ganze Weile dauern. Weasley-Feiern ziehen sich immer irgendwie ewig hin. Was halten Sie davon, wenn wir beide schon mal nach Hause gehen?" schlug er leise vor, und Snape nickte dankbar.

Sie schafften es dank Ron und Ginny, die ihre Mutter mit der Schilderung ihrer neu entdeckten Fähigkeiten erfolgreich ablenkten, sich unauffällig zu verdrücken. Harry brachte sie zurück zum Haus am Grimmauldplatz und ging mit Snape hinauf in den Salon.

„Danke", sagte sein Begleiter gedämpft und warf den schweren Umhang ab, „ich bin so viel Rummel nicht gewöhnt." Mit einem schwachen Grinsen ließ er sich in einen der Sessel fallen, und Harry setzte sich zu ihm.

„Ja, es kann einen schon leicht erschlagen", gab er lachend zu, „aber allein das Festessen ist die ganze Aufregung durchaus wert, find ich." Er schnippte zweimal mit den Fingern – stolz darauf, diesen kleinen Trick von Ron gelernt zu haben, der viel besser mit der Alten Magie zurechtkam als er – und griff sich die beiden Flaschen Butterbier, die aus dem Barfach auf ihn zugeschwebt kamen. „Hier, das sollte den Abend angemessen beenden, denken Sie nicht?"

Einige Minuten verbrachten sie in angenehmem Schweigen, hingen ihren Gedanken nach und tranken ab und zu einen Schluck Butterbier. Harry bemerkte jedoch bald, dass Snape langsam einzudösen begann. Schließlich lehnte er sich mit einem nachsichtigen Kopfschütteln zu ihm hinüber und nahm ihm sicherheitshalber die noch halbvolle Flasche aus der Hand, die gefährlich kippelig auf der Armlehne stand und sich, kaum mehr gehalten durch Severus´ lockeren Griff, bedrohlich immer weiter zur Seite neigte, während der schmale Körper in den Polstern merklich in sich zusammensank.

Erschrocken sah der Mann auf. „Ich… ich bin wach!" behauptete er mit einem halbherzigen Versuch, sich aufrecht hinzusetzen. Relativ erfolglos.

„Ich weiß", entgegnete Harry belustigt, „aber ich denke, Sie sollten trotzdem bald ins Bett gehen. Sonst schlafen Sie hier wirklich noch im Sitzen ein, Severus. Weihnachten im Fuchsbau ist anstrengend, ehrlich. Vor allem, wenn Molly Sie zum Opfer des Jahres auserwählt hat. Ich sprech da aus jahrelanger Erfahrung. Seien Sie mal froh, dass wir nicht auch noch bis zum Weihnachtsfrühstück bleiben mussten. – Na los, trinken wir aus und machen Feierabend, einverstanden?"

Er gab dem Professor grinsend seine Flasche zurück, und sie tranken den Rest ihres Butterbiers. Danach streckte Harry auffordernd die Hand aus: „Kommen Sie, Ihnen fallen ja schon die Augen zu. Ich bring Sie rauf."

Er zog den widerstrebenden Schwarzhaarigen aus seinem Sessel hoch, legte ihm den Arm um die Schultern und begleitete ihn zu seinem Zimmer. Harry hatte nicht viel Erfahrung damit, weil meist die Mädchen über Nacht bei Snape blieben, also verließ er sich auf seine Intuition und verschwand ins Bad, wo er vorsätzlich eine Weile herumtrödelte. Familie oder nicht, er hatte absolut nicht die Absicht, dem Älteren beim Umziehen zuzusehen. Also zog er den festlichen Umhang aus, legte ihn ordentlich zusammen und gönnte sich eine ausgedehnte heiße Dusche.

Gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass Ginny den Schlaftrank erwähnt hatte, und er machte einen Abstecher in ihr gemeinsames Zimmer. Dort stand die kleine Flasche immer auf der Kommode. Harry zählte gewissenhaft die richtige Menge Tropfen in ein Glas mit Apfelsaft. Als er, inzwischen im bequemen Jogginganzug, leise in Snapes Zimmer zurückkehrte, fand er den Tränkemeister im schwarzen Pyjama auf der Bettkante sitzend vor. Er sah müde und ein wenig verloren aus, fand Harry.

„Alles okay?" fragte er ein bisschen verlegen und setzte sich neben seinen Lehrer. Der hob leicht die Schultern, blieb ansonsten aber regungslos sitzen, und Harry hatte das dumme Gefühl, der völlig Falsche für diese Aufgabe zu sein. Wie um alles in der Welt hatte er nur glauben können, er würde mit so etwas klarkommen?

„Severus?" hakte er schließlich nach. „Was ist los, stimmt was nicht?"

„Keine Ahnung", gestand dieser. „Ich schätze, dieses Zeug von Monica… dieses Beruhigungsmittel lässt langsam nach. Ich weiß nicht genau, ob ich nach so einem Abend schlafen kann, verstehen Sie? Es war alles irgendwie zu viel für mich. Ich…" Mit einem resignierten Kopfschütteln verkroch er sich unter die Bettdecken. „Ich habe wohl eine zu hohe Dosis Familienleben abbekommen, wenn Sie wissen, was ich meine."

Nachdenklich nickte Harry. Er kannte dieses Gefühl. „Ich glaub, ich weiß ganz genau, wovon Sie reden. Man gehört für ein paar Stunden fast dazu. Und danach ist die Leere nur umso schlimmer."

Snape warf ihm einen raschen, erstaunten Blick zu, doch Harry sprach bereits weiter: „Mir ist es am Anfang genauso gegangen. Es war ja nicht meine Familie, sondern die von Ron und Ginny. Aber jetzt hab ich dieses Problem nicht mehr… Ginny und ich gehören zusammen, und nun bin ich wirklich ein Teil der Weasley-Familie, genau wie Hermine."

Er zögerte für einen kurzen Augenblick, dann hob er die Hand und legte sie auf Snapes Schulter: „Hören Sie mal, Severus, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es Ihnen mit uns auch so geht. Dass Sie denken, Sie würden nur halb dazu gehören. Aber lassen Sie mich Ihnen eins sagen: für mich sind Sie ein Mitglied meiner Familie, und für Ginny auch. Okay? Und daran wird sich auch nächstes oder übernächstes Jahr nichts ändern, wenn wir alle nicht mehr zur Schule gehen."

Hier bot sich ihm genau die Gelegenheit, auf die er gehofft hatte, und er nutzte sie, ohne groß darüber nachzudenken. „Sie sind hier jederzeit willkommen, haben Sie verstanden? Das hier ist Ihr Zuhause, genau wie es meins und Ginnys ist. Wenn irgendwas ist, egal was – dann kommen Sie vorbei. Auch wenn´s nur zum Essen am Wochenende oder auf ein abendliches Gespräch im Salon ist. Und natürlich in den Ferien. Oder einfach so, völlig ohne Grund. Sie gehören zu uns, und ich freu mich, dass Sie hier sind. Klar?"

Einen langen Augenblick musterte ihn der Tränkemeister schweigend, bevor er Harrys eindringlichem Blick auswich. Doch er nickte, setzte sich auf und nahm mit einem dankbaren Lächeln das Glas entgegen. „Das Problem an Familien", sagte er nach einem großen Schluck leise, „ist, dass man, sobald man eine hat, unweigerlich anfängt sich um sie zu sorgen."

Jetzt war Harry platt. So eine Äußerung hatte er von dem Professor nicht erwartet. „Sie… Sie machen sich Sorgen um uns? Wieso?"

Achselzuckend stellte der Mann das mittlerweile geleerte Saftglas auf den Nachttisch. „Seit das Dunkle Mal wieder aktiv ist…" Er stockte und wirkte ein wenig hilflos bei dem Versuch, seine Gefühle in Worte zu fassen. Die einsetzende Wirkung des Schlaftranks war sicher auch nicht unbedingt hilfreich, doch Harry wartete geduldig ab, bis Snape schließlich einräumte: „Es ist mein schlimmster Albtraum, bei einem Kampf einen von Ihnen zu verlieren, Harry. Und wir werden kämpfen müssen, um die Todesser nach Askaban zu bringen – das lässt sich nicht verhindern. Genauso wenig, wie ich Sie davon abhalten kann, sich an diesem Einsatz zu beteiligen, oder?"

„Damit liegen Sie absolut richtig." Harry nickte ernst. „Wir werden auf jeden Fall dabei sein. Zusammen mit allen anderen vom Orden. Wir gehören immerhin dazu. Aber wenn Sie befürchten, wir hätten noch zu wenig Übung oder Erfahrung, dann gibt es doch eine einfache Lösung. Bringen Sie uns bei, wie man überlebt. Trainieren Sie uns für den Kampf. Sie haben die meiste Erfahrung von allen Leuten, die ich kenne. Sie kennen beide Seiten. Und Sie haben Recht – bisher sind wir meistens nur heil davongekommen, weil wir ´ne Menge Glück hatten. Ich hätte nichts gegen eine anständige Ausbildung in Kampftechniken und Flüchen einzuwenden."

Severus´ Augen weiteten sich überrascht, doch er schien darüber nachzudenken. Es dauerte eine Weile, bis sein vom Schlaftrank betäubtes Gehirn die richtigen Schlüsse gezogen hatte. Aber endlich trafen seine schwarzen Augen auf Harrys grüne, und er nickte. „Einverstanden."

„Klasse", erwiderte Harry erfreut und grinste ihm kurz zu, während der Ältere sich mit ein wenig Unterstützung seinerseits wieder hinlegte. „Ich muss Sie allerdings fairerweise warnen: nicht nur wir sechs werden dieses Training besuchen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich auch die gesamte DA an der Aktion beteiligen wird."

„Oh, wundervoll." Snape stöhnte verhalten und bemerkte trocken, wenn auch bereits recht schlaftrunken: „Und das haben Sie mir absichtlich verschwiegen, bis ich dem Vorschlag zugestimmt hab, richtig?"

„Jepp. Sie kennen mich wirklich."

Harry beobachtete mit leisem Lächeln, wie dem schwarzhaarigen Mann nun endgültig die Augen zuzufallen drohten, zog die Bettdecke bis über dessen Schultern hoch und strich ihm behutsam über die Stirn. „Aber jetzt schlafen Sie erst mal. Gute Nacht, Severus."