Es wurde ruhiger im Haus, nachdem Neville für ein paar Tage zu seiner Großmutter abgereist war. Luna hingegen fand sich gleich nach den Feiertagen gut gelaunt bei ihnen ein, um bis zum Ende der Ferien Ginny und Hermine zu unterstützen, die froh über die Hilfe waren.

Severus hatte sich in der ersten Ferienwoche gut erholt und sein Schlafdefizit größtenteils ausgeglichen, und jetzt war es an der Zeit, ihn mit seinen Problemen zu konfrontieren.

Harry, Ron, Hermine und Luna hielten sich auf Ginnys Bitte hin zurück. Sie beschäftigten sich mit anderen Dingen, während sie sich mit ihm in sein Arbeitszimmer zurückzog und ihn größtenteils reden ließ, ohne ihn zu unterbrechen. Nur hin und wieder, wenn er mühsam nach Worten suchte, half sie ihm unaufdringlich mit einer gezielten Frage weiter.

Sie hörte aufmerksam zu, während er – anfangs sehr zögernd – von seinem Jahr als Schulleiter erzählte. Sie drängte ihn zu nichts, bremste ihn jedoch ab und zu ein wenig, wenn er zu hysterisch zu werden drohte. In solchen Situationen schloss sie ihn einfach nur eine Weile stumm in die Arme. Inzwischen hatte sie eine gewisse Übung darin, ihn mit ihrer Magie und ein paar psychologischen Tricks zu beruhigen. Meist saß er schwer atmend da, das Gesicht an ihrer Schulter verborgen, und die junge Frau wartete geduldig, bis die Panikattacke vorüber war, während sie ihre Hände arbeiten ließ.

Wenn es für ihn zu schwierig wurde, seine Erlebnisse in Worte zu fassen, begleitete sie ihn in sein Denkarium und blieb dicht an seiner Seite, während sie zusammen mit ihm alles noch einmal erlebte. Und obwohl Ginny des Öfteren mit tränennassem Gesicht wieder aus den Erinnerungen auftauchte, hatte sie den Eindruck, dass diese Ausflüge ihrem Professor leichter fielen als darüber zu reden. Harry hatte Recht gehabt: es war genau das richtige Geschenk für Severus gewesen!

Luna und Hermine saßen abwechselnd nachts an seinem Bett, damit Ginny ihre Kräfte regenerieren konnte, und es spielte sich rasch eine gewisse Routine ein. Vormittags ergriff Ron wiederholt die Gelegenheit beim Schopf und überredete den zunächst etwas widerstrebenden Tränkemeister zu einer Partie Schach. Die konzentrierten Stunden des Spiels taten ihm sichtlich gut, und der grüblerische Ausdruck auf seinem Gesicht verschwand fast völlig.

Weil sie bemerkt hatte, dass Harry sich bei all den Aktivitäten ein wenig ausgeschlossen zu fühlen begann, ließ Ginny ihn und Snape eines Tages nach dem Mittagessen allein im Salon vor dem Kamin zurück, nachdem sie ihrem Freund das Versprechen abgenommen hatte, den älteren Zauberer nicht über die Maßen aufzuregen. Doch darüber hätte sie sich, wie sich bald herausstellte, keine Sorgen zu machen brauchen.

Erstaunt sah sie die beiden bei ihrer Rückkehr über einigen Pergamenten brüten und angeregt diskutieren. „Was treibt ihr denn hier?" fragte sie mit einem amüsierten Lächeln. Die beiden sahen aber auch zu köstlich aus, wie sie die Köpfe zusammensteckten und auf verschiedene Punkte auf den gezeichneten Plänen deuteten. Der Anblick der beiden Verschwörer erinnerte sie in gewisser Weise an Fred und George! Nur dass diese zwei hier sicher nicht an Nasch- und Schwänzleckereien herumtüfteln würden… oder einem Monsterfeuerwerk. Wobei, Letzteres würde sie ihnen sogar noch zutrauen.

„Wir arbeiten", erklärte Harry so würdevoll, wie es die Feder zwischen seinen Zähnen zuließ, von der ab und zu ein kleiner Tintentropfen auf den Tisch hinabfiel. Er richtete sich auf, nahm endlich die Feder aus dem Mund und steckte sie zurück ins Tintenfass. „Nachdem der Orden noch überhaupt keine Anstalten gemacht hat, einen Plan auszuarbeiten, haben wir jetzt eben mal selber damit angefangen. Sonst wird das ja nie was."

Ginny erlaubte sich ein anerkennendes Grinsen und nickte ihrem Freund dankbar zu: Severus brauchte tatsächlich dringend eine Aufgabe, wenn sie seine Begeisterung für die Tintenspuren auf den Pergamenten richtig deutete. Neugierig beugte sie sich über den Tisch, eine Hand für einen unauffälligen Scan auf seine Schulter gelegt: „Schön. Und was muss ich mir jetzt darunter vorstellen?"

„Wissen wir selber noch nicht so genau", gestand der Tränkemeister. „Wir stehen noch ganz am Anfang. Aber es wird darauf hinauslaufen, dass wir die Todesser auf ein Terrain locken, das sie nicht kennen, und dann versuchen, so viele wie möglich auf einmal zu erwischen."

Der ehemalige Doppelagent schien ganz in seinem Element zu sein, als er fortfuhr: „Wir haben eine alte verlassene Fabrik in Cokeworth in Betracht gezogen, da könnten wir auch ein paarmal trainieren. Dort wohnt kaum noch jemand, den wir mit der Sache in Gefahr bringen könnten, und das Gelände ist ideal. Sobald wir herausgefunden haben, wie wir das Dunkle Mal nutzen können, kann es losgehen. Und es wäre wirklich eine sinnlose Zeitverschwendung, erst dann mit den Vorbereitungen anzufangen, wenn wir mit dem verdammten Ding umgehen können. Also sollten wir die Zeit zum Trainieren nutzen."

Harry hob die Hand, um den Vortrag zu unterbrechen, und meinte: „Ich würde mir den Einsatzort gern vorher mal ansehen, geht das? Ginny?"

Zwei fragende Augenpaare, eins leuchtend grün und eins tiefschwarz, suchten ihren Blick, und Ginny musste über den offensichtlichen Eifer der beiden lachen. „Naja, ich denk schon", gab sie nach, „aber ich würde Sie dabei gern begleiten, Severus. Nur zur Sicherheit. Und nicht sofort, damit sollten wir noch ein paar Tage warten. Einverstanden?"

Es war mitten in der Nacht, als Ginny aufwachte. Etwas stimmte nicht; sie fühlte sich beobachtet. Langsam drehte sie sich um, so dass sie zur Tür sehen und gleichzeitig unauffällig ihren Zauberstab unter dem Kopfkissen hervorholen konnte – und schaffte es gerade noch, einen erschrockenen Schrei zu unterdrücken, als sie die zierliche Gestalt neben ihrem und Harrys Bett stehen sah. „Luna, bei Merlins altem Baumwollnachthemd, du hättest mich beinahe zu Tode erschreckt", flüsterte sie und stützte sich auf einen Ellbogen. „Was ist denn, stimmt was nicht?"

„Tut mir leid, dich zu wecken", gab das blonde Mädchen ebenso leise zurück, „aber ich fürchte, ich brauche deine Hilfe, Ginny. Ich weiß nicht genau, was los ist. Severus scheint einen Albtraum zu haben, aber ich kann ihn weder beruhigen noch bekomme ich ihn richtig wach… er schaut einfach durch mich durch, als wäre ich gar nicht da, und fällt wieder in den Traum zurück. Und seine Gefühle sind ein einziges, verworrenes Durcheinander. Ich finde einfach keinen Zugang zu ihm."

„Oh. Okay. Das war zu erwarten", seufzte Ginny. „Er hat sich in den letzten Tagen mit verdammt vielen Altlasten auseinander setzen müssen… jetzt arbeitet sein Verstand das Ganze im Schlaf nochmal auf. Der Ärmste, das wird garantiert heftig."

Sie dachte kurz nach. „Tu mir einen Gefallen, Luna. Bring ihm bitte ein Glas warme Milch mit Honig rauf, und dann geh schlafen. Ich werd dich vermutlich am Morgen brauchen, um auf ihn aufzupassen – das wird heut wieder mal eine Nachtschicht für mich. Ist das okay?"

„Kein Problem", nickte Luna und zog sich ins Treppenhaus zurück. Ginny hörte sie barfuß die uralten, ächzenden Holztreppen hinuntertapsen und schlüpfte vorsichtig aus dem Bett, um Harry nicht zu wecken.

Leise schob sie Snapes Schlafzimmertür auf und betrat den Raum. Luna hatte nicht übertrieben, der Mann war tief in einem Albtraum gefangen. Seine Finger hatten sich fest in die Laken gekrallt, die Augen bewegten sich rasch hinter den geschlossenen Lidern, und sein Gesicht war schweißüberströmt. Er hatte sich hoffnungslos in den Decken verheddert und stöhnte hin und wieder leise auf.

„Nein", hörte sie ihn flüstern, „nein… bitte! Nicht!"

Ginny ließ sich auf der Bettkante nieder, befreite ihn vorsichtig aus den verdrehten Decken, griff dann nach seiner Hand und legte die andere auf seine Stirn. Sie war heiß, als hätte er wieder Fieber.

„Ignis", wisperte das Mädchen und hauchte den Docht der Kerze auf dem Nachttisch an, worauf sich dieser entzündete und das flackernde Licht der Kerze die Dunkelheit in die Ecken des Zimmers zurückdrängte. Ginny mochte diesen schlichten kleinen Zauber, den ihre Klasse bei Monica Lupin in Alte Magie gelernt hatte.

Luna kam mit einem Glas herein und stellte es auf den Nachttisch. Ihre ängstlichen Augen ruhten auf Snapes Gesicht, doch Ginny winkte sie entschlossen hinaus. Als die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss gezogen wurde, zuckte der schmale Körper unter den Decken heftig zusammen; sämtliche Muskeln spannten sich an, dunkle Augen sprangen auf und starrten panisch im Zimmer umher, ohne wirklich etwas wahrzunehmen.

„Severus?" Ginny bemühte sich, sehr leise zu sprechen. „Ganz ruhig, ich bin hier, Sie sind nicht allein. Reden Sie mit mir. Sagen Sie mir einfach, was Sie sehen. Ich höre Ihnen zu, okay? Wovor haben Sie Angst?"

„Nein…"

Mit einem leisen Wimmern schüttelte der verstörte Mann den Kopf und kniff die Augen wieder fest zu. Ginny löste die zerknitterten Laken aus seinem Griff, glitt vorsichtig zu ihm unter die Decken, legte sich neben ihn und zog ihn behutsam an sich. Instinktiv, immer noch in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachsein, klammerte er sich an ihr fest und presste die Stirn an ihre Halsbeuge, während sie einen Arm schützend um ihn legte. Körperkontakt war im Allgemeinen die beste Grundlage, um ihm ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Mit einer Umarmung schaffte sie es normalerweise stets, ihn einigermaßen zu beruhigen.

Minutenlang regte sich keiner der beiden, dann endlich spürte Ginny, wie er sich ein wenig entspannte. Mit der freien Hand streichelte sie sanft seine Schläfe, und schließlich stöhnte er kaum hörbar auf und bettete seinen Kopf auf ihre Brust, direkt unter ihrem Kinn. Immer noch atmete er schnell und gehetzt, doch wenigstens war er jetzt wach, wenn auch völlig durcheinander und verängstigt.

„Ist schon gut", flüsterte sie tröstend. „Sie haben nur geträumt. Keine Angst, Sie sind hier absolut sicher. Vertrauen Sie mir, okay? Alles in Ordnung, es war nur ein Albtraum… Beruhigen Sie sich, Severus. Hören Sie meinen Herzschlag? Ja? Sehr gut. Versuchen Sie sich darauf zu konzentrieren. Nicht nachdenken, Junge. Nur zuhören. Einfach nur zuhören. Ganz ruhig, entspannen Sie sich. Schhh… Alles gut. Hören Sie einfach zu…"

Ginny griff auf eine bewährte Technik zurück, die sie auch schon ein paarmal angewandt hatte, wenn er während ihrer Gespräche plötzlich Panik bekam: sie zwang sich bewusst dazu, ebenfalls um einiges rascher und flacher zu atmen als gewohnt. Allmählich – von Severus selbst völlig unbemerkt, weil er sich aufs Zuhören konzentrierte – passte sich sein Atemrhythmus instinktiv dem ihren an. Er wurde erst langsamer und dann tiefer, genau so, wie sie es ihm vormachte.

Gute zwei Minuten verbrachte Ginny damit, das Tempo nach und nach zu verringern. Dann holte sie tief Luft, und er tat es ihr ganz automatisch gleich, hielt mit ihr zusammen einen langen Augenblick den Atem an – und dann stießen sie gemeinsam die angehaltene Luft aus. Gleich darauf atmete er zitternd ein paarmal durch, und seine Muskeln erschlafften spürbar. Der Moment der blinden Panik war überstanden.

Schweigend hielt sie ihn fest und wartete geduldig ab, während sein keuchender Atem sich langsam beruhigte. Seine Finger hielten immer noch den Stoff ihres Shirts fest, hatten aber ihren krampfhaften Griff etwas gelockert, und er schien seine gesamte Aufmerksamkeit darauf zu verwenden, dem Pochen ihres Herzens zu lauschen.

„Gut so", sagte Ginny und strich mit der Hand besänftigend über seine Wange, während die andere leicht auf seinem Rücken lag. Sie musste sich zurückhalten, um ihn nicht mit zusätzlicher Energie zu versorgen; um richtig schlafen zu können, sollte er besser ein wenig erschöpft sein. „Alles gut. Ruhen Sie sich aus."

Sie ließ ihrem Schützling noch ein paar Minuten Zeit, um sich ein wenig zu erholen und sich der Tatsache bewusst zu werden, dass da jemand an seiner Seite war, der ihn festhielt und auf ihn aufpasste. Er brauchte das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit in dieser schwierigen Phase dringender als alles andere. Aber er musste auch über seine Träume reden, wenn sich die Situation wirklich dauerhaft verbessern sollte.

„Geht´s Ihnen jetzt ein bisschen besser?" fragte sie schließlich und bekam ein schwaches Nicken zur Antwort. „Möchten Sie mir erzählen, was Sie so erschreckt hat?" setzte sie sanft hinzu, doch Snape versteifte sich prompt wieder und versuchte auf Abstand zu gehen. Ginny hob die Hand und zog seinen Kopf zurück an ihre Brust; ihre Finger strichen ganz behutsam über seinen Nacken, bis er ihrem Griff nicht mehr auszuweichen versuchte.

„Hey", beschwichtigte sie ihn leise, „ist schon gut. Sie brauchen keine Angst zu haben. Wir müssen nicht sofort darüber reden. Das kann warten. In Ordnung? Jetzt trinken Sie erst mal einen Schluck. Wir sprechen später über alles, Junge. Wenn Sie dafür bereit sind. Nicht eher."

„Später?" fragte er sehr leise und schielte mit bangem Blick zu ihr hoch, die Augen gerötet und nur halb geöffnet. „Morgen?"

„Wir werden sehen", erklärte sie lächelnd, half ihm beim Aufsetzen und griff nach dem Glas mit der Honigmilch, das er bereitwillig leerte. „Gut gemacht", sagte sie sanft, stellte das Glas beiseite und strich ihm ein paar dunkle Strähnen aus der Stirn, worauf er abermals unter die Decken kroch, erleichtert die Augen schloss und sich zögernd entspannte.

„Denken Sie, Sie können wieder einschlafen?" fragte Ginny in freundlichem Ton und legte sich ebenfalls wieder hin. „Ich kann Ihnen auch einen leichten Schlaftrank geben, wenn Sie möchten. Und ich bleib bei Ihnen, okay? Aber Sie sollten auf jeden Fall erst mal versuchen, auf andere Gedanken zu kommen, sonst werden Sie sicher wieder träumen."

„Ich… Gehen Sie einfach nicht weg", flüsterte er und bettete seinen Kopf wieder auf ihre Brust.

„Keine Angst. Ich geh nicht weg. Kommen Sie her, ich halt Sie ein bisschen fest. Ruhen Sie sich einfach aus und versuchen Sie an was Anderes zu denken, in Ordnung?"