Sie apparierten in einer schmalen Seitengasse, wo der winterliche Schnee sich bereits langsam in schmutzig grauen Matsch zu verwandeln begann. Von zerfallenden Dächern tropfte stetig Tauwasser herab, und hin und wieder brach ein Eiszapfen von einer Regenrinne ab, um mit einem leisen Klirren auf dem Bürgersteig zu zerschellen.

Snape hatte ihnen erklärt, er würde sie in die Nähe seines Hauses bringen, nahe bei der leerstehenden Fabrik, die er und Harry sich als Einsatzort ausgesucht hatten. Mit von der Partie waren außer Ron und Harry nur noch Ginny und Hermine. Luna war im Haus am Grimmauldplatz zurückgeblieben, um Neville bei seiner Rückkehr in Empfang zu nehmen und sich auszuruhen; sie hatte eine anstrengende Nacht hinter sich, ebenso wie der Tränkemeister, was für jeden deutlich sichtbar gewesen war.

Er hatte beim Frühstück äußerst mitgenommen gewirkt und kaum etwas gegessen, und Ginny hatte deshalb spontan entschieden, es sei Zeit für ein bisschen Ablenkung. Die Tatortbesichtigung war ohnehin längst fällig, und dieser Vorschlag hatte den Mann sichtlich aufgeheitert.

Ron sah sich neugierig um. Nicht unbedingt die ideale Wohngegend, entschied er für sich: das alte Arbeiterviertel schien kaum mehr bewohnt, und die Fenster und Türen der meisten heruntergekommenen Backsteinhäuschen waren mit Brettern zugenagelt. Vermutlich schon seit Jahren, so verwittert wie das Holz aussah.

In der Luft lag der modrige Geruch von schmutzigem Wasser. Der verdreckte Fluss, der in der Nähe vorbeiströmte, war ziemlich sicher ebenso tot wie die ganze Umgebung. Jedenfalls stank er erbärmlich.

Wer, bitteschön, würde freiwillig hier leben wollen? Vor allem, wenn man ein penibler und akkurater Typ wie Severus Snape war? Naja, vielleicht mochte er die abgeschiedene Lage – keine nervenden Nachbarn, zum Beispiel.

Mit einem Achselzucken folgte Ronald dem schlanken, hochgewachsenen Mann die Gasse entlang und versuchte so flach wie möglich zu atmen. Sie erreichten eine etwas breitere Straße mit mehr Schlaglöchern als intaktem Asphalt, wandten sich nach links… und blieben allesamt wie angewurzelt stehen. Auf diesen Anblick war ganz sicher keiner von ihnen vorbereitet gewesen!

Es schien, als hätte eine Bombe ganz am Ende der Straße eingeschlagen: wo einst das letzte Haus in der Reihe gestanden haben mochte, lag nun ein Minenfeld von Trümmern verstreut. Nur zwei kleine Stücke der Außenmauer, annähernd hüfthoch, hatten die heftige Explosion überstanden und ragten stur gen Himmel. Die kleine Tür zum ehemaligen Vorgarten hing schief in den Angeln, vom Zaun selber war nicht viel übrig geblieben außer hier und da einem Pfosten und ein paar herabhängenden Latten. Der Rest hatte sich in Form von Holzsplittern über den Gehweg und den Rasen verteilt.

„Grundgütiger Gott – Severus…", wisperte Hermine; ihre Finger umklammerten Rons Hand mit schmerzhaftem Griff, doch er zog sie nicht weg, sondern gab den Druck leicht zurück. Er war nicht weniger geschockt von dem Chaos als sie.

Der Angesprochene ging, gefolgt von der Gruppe Jugendlicher, die letzten paar Meter bis zu der verbliebenen Tür und besah sich schweigend das Bild des Schreckens, das sich ihnen bot.

„Ooo-kay", sagte er schließlich gedehnt, „das war… zu erwarten."

Sie starrten ihn alle fassungslos an. Das war zu erwarten? Merlin, wie abgebrüht konnte ein Mensch sein? Doch als Ron den älteren Zauberer ein wenig genauer musterte, sprang ihm dessen verborgene Anspannung trotz allem ins Auge.

Er hatte sich verflucht gut unter Kontrolle, wie meistens, aber Ron sah einen Muskel an seiner Wange zucken. Wie beim Schach, wenn er es schaffte, den Mann mit einer unvermittelten, privateren Frage aus seiner Konzentration zu reißen – die einzige Chance, mal eine Partie zu gewinnen, auch wenn es eigentlich unfair war.

Doch andererseits lernte der Ältere dadurch, mit unerwarteten Situationen umzugehen, und Ron hatte bisher nicht den Eindruck gewonnen, dass es ihn wirklich störte. Wenn das, was er und die anderen sich nur grob aus Ginnys Äußerungen zusammenreimen konnten, auch nur halbwegs richtig war, hatte er weit größere persönliche Probleme zu bewältigen. Vermutlich sogar größere als ein bis auf die Grundmauern zerstörtes Haus…

„Das war zu erwarten?" wiederholte Hermine schrill und gab sich keine Mühe, das Beben in ihrer Stimme zu unterdrücken. „Hier sieht es aus wie im Krieg, Severus! Wer sind Sie, der bescheuerte Mister Spock mit seinen spitzen Ohren? Wie können Sie dabei so ruhig bleiben?"

Snapes Lippen verzogen sich zu einem schiefen, bitteren Lächeln. „Sie waren doch bei dem Einsatz damals dabei, Hermine. Sie haben das Haus gesehen. Hat irgendetwas da drin Ihnen den Eindruck vermittelt, ich würde gern hier wohnen?"

„Nein", flüsterte sie und sah betreten zu Boden, „eigentlich nicht…"

„Da haben Sie´s", kommentierte der dunkelhaarige Mann trocken. „Ich bin hier zwar aufgewachsen, aber ein Zuhause war es nie. Ich habe ehrlich gesagt früher selber ein paarmal erwogen, das Ding in die Luft zu jagen. Aber es wäre schwierig gewesen, den Nachbarn die Sauerei zu erklären."

Ron runzelte die Stirn. „Das ist jetzt vielleicht ´ne blöde Frage, aber… wieso sind Sie hier geblieben, wenn es Ihnen nicht gefallen hat? Sie hätten im Sicheren Dorf bleiben können, bei den Leuten vom Orden, oder? – Mum hat an Weihnachten erzählt, dass Sie als Schüler ´ne Weile in Godric´s Hollow gelebt haben", fügte er in leicht verteidigendem Ton hinzu, als der Ältere ihm einen scharfen Blick zuwarf. „Der Ort war damals speziell geschützt, richtig? Sie hat nie verstanden, warum Sie weggegangen sind. Wär es nicht besser gewesen, dort zu wohnen?"

„Um mich auch noch in den Ferien mit dem glorreichen gryffindor´schen Quartett herumärgern zu müssen?" gab Snape zurück und ignorierte Rons entschuldigende Miene völlig; seine Augen huschten über Harrys Gesicht und fixierten dann wieder das Trümmerfeld, das einst sein Haus gewesen war. „Lupin und Lily haben schließlich dort gewohnt, nachdem ihre Familien den Unruhen zum Opfer gefallen waren. Und deswegen war die restliche Bande auch ständig da. Das wollte ich mir nicht freiwillig antun. Potter und Black als Animateure? Alles wäre besser gewesen als das. Ich hatte schon in der Schule mehr als genug mit ihnen zu tun… sorry, Harry, ist nicht persönlich gemeint."

„Kein Ding", gab Harry achselzuckend zurück. „Aber Sie waren – wie alt, fünfzehn oder so? Warum gerade dieses Haus, wenn Sie schon nicht in Godric´s Hollow bleiben wollten? Warum haben Sie nicht irgendwo anders neu angefangen?"

„Bekanntes Terrain", erklärte ihr Lehrer, während sein Blick über das Chaos vor ihnen schweifte. „Ich kannte mich hier aus, und die wenigen Leute, die damals noch hier wohnten, waren allesamt Muggel aus der Unterschicht. Sie kümmerten sich um ihren eigenen Kram und stellten keine Gefahr dar. Man schläft wesentlich ruhiger in einer vertrauten Umgebung. – Und außerdem", setzte er mit einem süffisanten Grinsen hinzu, „war es mir eine ziemliche Genugtuung, dass mein alter Herr dadurch das Haus nicht wieder in Besitz nehmen konnte. Ich hatte immer den Verdacht, er würde eines Tages zurückkommen und sich hier breit machen wollen."

„Alles klar. Verstehe." Ron tat dem Mann den Gefallen, auf seinen leichten Plauderton einzugehen, auch wenn er sich noch einen weiteren Grund dafür hätte vorstellen können: die Hoffnung, hier dem verhassten Vater noch einmal zu begegnen. Was Snape mit dem Kerl gemacht hätte, wollte er sich lieber gar nicht erst ausmalen. „Kleine persönliche Rache, was? – Trotzdem, das hier ist ziemlich heftig, Severus. Ich glaub nicht, dass ich in der Situation so gelassen reagiert hätte, ganz ehrlich. Sind Sie nicht wenigstens ein bisschen, ich weiß nicht… sauer oder so?"

Snapes schwarze Augen begegneten den seinen nur für einen kurzen Moment. Dann erklärte er sachlich: „Erstens: alles Wichtige und Private habe ich bereits beim Einsatz damals eingepackt und mitgenommen. Zweitens: das Haus selber war nicht mein bevorzugter Wohnort, ich habe nur die Sommerferien hier verbracht. Und drittens: es war mir seit Voldemorts Tod klar, dass meine ehemaligen Kameraden irgendwann hier auftauchen würden. Auf der Suche nach irgendetwas Hilfreichem, oder einfach um sich für den Verrat zu rächen. Nach dem Artikel im Tagespropheten sowieso. Es war eine Frage der Zeit. Ich hätte nur nicht gedacht…"

Seine Stimme wurde leiser und brach ab. Sie konnten sein Gesicht nicht sehen, als er das protestierend kreischende Gartentor aufschob und sein verwüstetes Grundstück betrat.

Die anderen machten Anstalten ihn zu begleiten, doch Ron hielt sie alle mit ausgestrecktem Arm davon ab. „Lasst ihn erst mal ein paar Minuten allein", sagte er leise und fügte, bevor jemand protestieren konnte, hinzu: „Hey, denkt mal nach, Leute. Erinnert euch daran, wie es euch in ähnlichen Situationen gegangen ist. Wie hast du dich gefühlt, als du Sirius verloren hattest, Harry? Oder du, Ginny, nachdem Harry mit dir Schluss gemacht hat? Als du die Erinnerungen deiner Eltern verändert und die beiden nach Australien geschickt hast, Hermine?"

Drei Augenpaare starrten ihn an, und Ron verlagerte unbehaglich sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Er war einfach nicht daran gewöhnt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, schon gar nicht bei einem derart ernsten Thema.

Doch er sprach so gelassen weiter, wie es ihm möglich war: „Ich weiß noch genau, wie ich mich gefühlt hab, als ich damals dieses Quidditchspiel so total vergeigt hab. Ich hab erst mal Zeit für mich gebraucht. Ich musste eine Weile allein sein, damit ich mit dem ganzen Chaos in meinem Inneren fertig werden konnte. Und das war ja wohl ein Scheiß gegen das, was hier abläuft, oder? Trotzdem, obwohl es nur ein blödes Spiel war, ich wollte eine Zeitlang niemanden in meiner Nähe haben. Und ganz ähnlich war´s, nachdem ich letztes Jahr abgehauen bin, als wir die Horkruxe gesucht haben… ich bin nicht sofort zu Bill und Fleur gegangen. Erst nach ein paar Tagen. Ich wette, Severus geht´s genauso. Lasst ihn ´ne Weile in Ruhe. Wir merken schon, wenn unser Typ gefragt ist."

Nachdenklich ruhte Hermines Blick auf seinem Gesicht. „Ich gebe zu, das klingt nachvollziehbar, Ron. Aber…"

„Ich weiß", unterbrach er sie mit einem leichten Lächeln. „Du und Ginny, ihr würdet ihm jetzt am liebsten hinterher rennen. Aber das wär wirklich komplett falsch. Hör mir zu. Hört mir beide zu, Mädels. Okay? Ihr seid wirklich toll, wie ihr euch um ihn kümmert. Ihr seid mitfühlend, könnt gut mit Worten umgehen, ihr habt sowas wie ein Vertrauensverhältnis und alles, aber eins seid ihr nicht: Kerle. Vertraut mir, wir werden es merken, wenn er uns braucht."

„Wie denn?" fragte Ginny ein wenig ratlos.

Ihr Bruder schmunzelte, als er ihr kurz den Arm um die Schultern legte. „Ginny, Severus ist ein Kerl. Ich bin ein Kerl. Und wenn ich in meinem langen Leben als Kerl eins gelernt habe, dann das: wir sind im Grunde fürchterlich schlechte Schauspieler. – Oh, wir können uns normalerweise wirklich super verstellen, versteht mich nicht falsch", fügte er hastig hinzu, als er ihre ungläubigen Mienen bemerkte. „Aber solche Sachen wie Hilflosigkeit lassen sich irgendwie nie ganz verstecken. Damit können wir einfach nicht umgehen, wir sind nicht dran gewöhnt. Da hilft sogar Okklumentik nicht viel, möcht ich wetten."

Sich plötzlich der Tatsache bewusst, dass er seinen Freunden einen Vortrag hielt, verstummte Ron ein wenig verlegen. Schweigend drängte sich die kleine Gruppe am Straßenrand zusammen und beobachtete die schmale hochgewachsene Gestalt, die ziellos durch Mauerbrocken und Glasscherben wanderte und schließlich mit dem Rücken zu ihnen stehen blieb, gegen ein übrig gebliebenes Stück Fassade gelehnt.

„Seht ihr, genau das hab ich gemeint." Ron wies mit dem Daumen grob in Snapes Richtung. „Ich denke, jetzt braucht er jemanden in seiner Nähe. Jemand, der nicht viel redet für den Anfang."

Als Ginny Snape folgen wollte, hielt Ron seine Schwester zurück. „Lass mich das machen", bat er leise. „Ich hab zwar noch nicht so viel Übung mit diesem Feeding-Kram wie du, aber mit der Situation hier kann ich umgehen."

Er hielt kurz inne, um die passenden Worte zu finden. „Severus weiß genauso gut wie wir, dass wir noch einen Ortstermin haben, und bis dahin wird er sich zusammenreißen. Der richtige Schock setzt garantiert erst ein, sobald er ein bisschen zur Ruhe kommt. Du wirst deine Kräfte sicher heute Abend brauchen, wenn er sich komplett darüber klar wird, was hier passiert ist. Schon dich bis dahin. Ich geh rüber und seh nach ihm, okay?"

„Bist du sicher, dass ihr beide klarkommt?" hakte Hermine mit deutlich erkennbarer Sorge nach, doch Ron winkte ab. „Hermine, ich kenn ihn, okay? Wir spielen Schach, inzwischen sogar ziemlich oft. Regelmäßige Schachpartner lernt man meistens besser kennen als die eigene Familie."

„Ach, deshalb hast du also damit angefangen?" mischte sich Harry neugierig ein.

„Unter anderem", gab Ron mit einem verlegenen Grinsen zu und fühlte, wie seine Ohren heiß wurden. „Stimmt schon, ich war neugierig auf den echten Kerl hinter den schwarzen Klamotten. Ich wollte mehr über ihn erfahren. Aber nein, ich hab das nicht nur deswegen gemacht. Es war genau das gleiche Ding wie mit dem Feeding… naja, ihr Mädels steht ihm ja schon lang ziemlich nahe. Und du auch, Harry. Ich dagegen, wie soll ich sagen? Ich bin nicht der Typ für lange Gespräche, ich bin nicht gut darin Leute zu trösten – und ich hätte ihm niemals so energisch den Kopf zurechtrücken können wie du damals, Harry. In der Position war ich nicht, und das werd ich auch in Zukunft nie sein. Aber eine Partie Schach, das ging, versteht ihr? Wenn ich schon sonst für nix gut war, dann konnte ich ihn doch zumindest für ein, zwei Stunden von seinen Problemen ablenken. Ich weiß in der Zwischenzeit recht gut, wie er tickt. Und ich kann darauf reagieren. Mehr ist im Moment nicht gefragt."

„Wahrscheinlich hast du sogar Recht", seufzte Ginny. „Er kann sagen, was er will – das hier macht ihn trotzdem fertig. Geh und red mit ihm, Ron. Und versuch ein bisschen Energie an ihn weiterzugeben, er wird sie brauchen… auch wenn er einen auf harter Brocken macht. Wir bleiben hier stehen und warten auf euch."

Er erlaubte sich noch einen kurzen Moment des Zögerns, doch schließlich holte Ron tief Luft und löste sich von den anderen. Langsam ging er auf seinen Lehrer zu, der immer noch reglos da stand, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf. Wie gewohnt verbargen die schwarzen Haare sein Gesicht.

Körpersprache. Die einzige Sprache außer der Musik, die man überall auf der Welt versteht. Bei Muggeln und Magiern gleichermaßen.

Wer Schach spielt, lernt nicht nur eine Menge über Taktik, sondern auch über die Kunst, seinen Gegner zu lesen. Ein guter Schach- oder auch Pokerspieler ist geübt darin, seinen Gesichtsausdruck zu kontrollieren. Doch Menschen sind keine Roboter. Es gibt immer winzige Anhaltspunkte, die auf gewisse Gefühlslagen hindeuten. Körpersprache lässt sich nicht komplett unterbinden. Und je länger Schachpartner sich kennen, desto einfacher wird es für sie, den anderen zu durchschauen.

Ron war längst kein Anfänger mehr im Schach. Und wie er den anderen schon erklärt hatte: er kannte Snape mittlerweile wirklich recht gut. Doch in diesem Augenblick war es nicht einmal besonders schwierig, sich in den Mann hinein zu versetzen. Vielleicht lag es zum Teil daran, dass er immer noch erschöpft von einer Nacht voller Albträume war, vielleicht vertraute er ihnen inzwischen auch einfach weit genug, um sich nicht mehr komplett hinter seinen emotionalen Mauern zu verstecken. Vielleicht beides. Oder er konnte schlicht und einfach nicht mehr.

Ja, das hier machte ihn fertig. Das Haus war, abgesehen von seiner Stelle in Hogwarts, die letzte Verbindung zu seinem alten Leben gewesen. Hierher hatte er sich bisher in den Sommerferien zurückgezogen. Und auch wenn er sicher nicht gelogen hatte, was seine Gefühle für dieses alte Haus betraf, so war es doch ein Schock für ihn. Nun gab es wieder eine Option weniger in seinem Leben: er konnte sich nicht mehr dafür entscheiden, hier zu wohnen; diese Entscheidung hatte man ihm abgenommen. Ein ziemlich heftiger Eingriff in seine Privatsphäre. Ganz abgesehen von der unmissverständlichen Botschaft, die die Todesser ihm mit dieser Tat übermittelt hatten.

Wortlos lehnte sich Ron ebenfalls an das Stück Mauer. Schweigend standen die beiden so unterschiedlichen Zauberer eine Weile nebeneinander, dann hörte der Jüngere die gepresste Stimme seines Gefährten: „Es gibt wohl nicht mehr viel, was ich jetzt noch verlieren könnte, oder?"

Ronald Weasley war normalerweise wirklich nicht sehr gut darin, irgendwelche Leute zu trösten, doch in diesem Moment wusste er ganz genau, was er zu tun hatte. Seufzend stieß er sich von der Mauer ab, trat vor seinen Kameraden und legte ihm die Hände auf die Schultern. Ein sanfter Strom beruhigender Energie begann langsam durch seine Hände zu fließen, und nach einem stillen Augenblick sagte er in völlig gelassenem Ton: „Sehen Sie mal da rüber, Severus."

Mit dem Kinn wies er zu ihren wartenden Freunden hinüber, und der Ältere folgte zögernd seiner Anweisung. „Sehen Sie hin. Das ist alles, was im Leben wichtig ist. Ein paar Leute, denen man komplett vertrauen kann. Die einem immer zur Seite stehen und einen nicht verurteilen, auch wenn man vorher mal Mist gebaut hat. Nur ein paar richtig gute Freunde, mehr braucht kein Mensch. Wenn das passt, findet sich für jedes Problem eine Lösung. Und ich wage jetzt einfach mal zu behaupten", fuhr er mit einem kleinen Lächeln fort, „von solchen Freunden haben Sie inzwischen ´nen ganzen Arsch voll. Mehr als jemals zuvor in Ihrem Leben, richtig?"

Er drückte kurz Snapes Schultern. Der hielt noch für ein paar Sekunden den Blick auf Harry, Ginny und Hermine gerichtet, dann wandte er sich mit einem winzigen, schiefen Grinsen sowie einem sehr professorenhaften Knurren an Ron: „Achten Sie etwas mehr auf Ihre Ausdrucksweise, Weasley. Sie sind ein Phönix, kein verlauster Straßenköter. Überlassen Sie sowas Fletcher."

„Yessir." Ron salutierte schmunzelnd, lehnte sich wieder neben ihn und begutachtete mit prüfendem Blick das Durcheinander. „Hier können wir wohl nicht mehr viel ausrichten, tut mir echt leid. Aber zumindest haben wir die Möglichkeit, uns diese verdammten Mistkerle zu schnappen und sie da hin zu stecken, wo sie hingehören. Konzentrieren wir uns darauf, okay?"

Er warf Snape einen eindringlichen Blick zu und schubste ihn kameradschaftlich mit der Schulter an. „Hey, kommen Sie schon. Sehen wir uns diese Fabrik an, damit die Sache endlich mal ins Rollen kommt. Heulen können wir später, wenn alles vorbei ist, stimmt´s?"

Der Tränkemeister musterte ihn abschätzend, warf einen letzten Blick auf die Zerstörung um sie herum, straffte entschlossen die Schultern und nickte zustimmend. „Schön, treten wir ihnen in den Arsch, Ronald."

„Das heißt Hintern, Professor", korrigierte der Rotschopf grinsend, und Severus versetzte ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. Ron lachte nur, klopfte ihm aufmunternd auf den Rücken und ging neben ihm her, die Hand auf seine Schulter gelegt – zurück zu ihren wartenden Freunden.