Da Arthur zum Bereitschaftsdienst im Ministerium verdonnert worden war, trat Molly Weasley allein aus dem Kamin und wurde von ihrer Tochter und Harry empfangen.
Sie hatte eigentlich nicht nach London kommen wollen, da sie sicher gewesen war, dass die Jugend an einem solchen Tag lieber unter sich bleiben wollte. Doch plötzlich war ihr das eigene Heim schrecklich leer vorgekommen, viel zu still und ruhig, und sie hatte spontan umgeplant und die Einladung der beiden trotz allem angenommen. In einer fröhlichen Runde musste sie zumindest nicht befürchten, die dunklen Stunden bis zum Jahreswechsel mit nichts als ihren Erinnerungen verbringen zu müssen.
Erinnerungen an Fred…
Fred, der sich von seinem Zwillingsbruder George bereits als Baby nur durch eine einzige, zusätzliche Sommersprosse über dem linken Auge unterschieden hatte. Fred, der als kleiner Junge jeden Tag mit einer neuen Schramme nach Hause zurückgekommen war. Und sichtlich mitgelitten hatte, wenn George sich verletzt hatte.
Fred, der so große Angst gehabt hatte, er würde nicht ins gleiche Haus eingeteilt werden wie sein Bruder. Fred, der sich in Hogwarts wöchentlich mindestens eine Strafarbeit eingehandelt hatte. Fred, der sich immer einen Spaß daraus gemacht hatte, seine jüngeren Geschwister mit Schreckensgeschichten über die Schule auf den Arm zu nehmen. Und sie trotzdem von ganzem Herzen geliebt hatte.
Fred, der gemeinsam mit George die Zivilcourage aufgebracht hatte, aus Protest gegen diese unsägliche Dolores Umbridge noch vor seinem Abschluss endgültig die Schule zu verlassen – auch auf die Gefahr hin, sich den Zorn seiner Eltern damit zu einzuhandeln. Und der genau diese Schule mit Klauen und Zähnen gegen die Angreifer verteidigt hatte.
Fred, der unerwartet kluge und erfinderische Geschäftsmann, der ein Händchen für Verkaufsschlager gehabt hatte. Fred, der junge Mann, der seinen Eintritt in den Orden kaum hatte erwarten können. Und der im Kampf für die Sache des Ordens sein Leben gegeben hatte. Durch einen dummen Unfall, über den er vermutlich herzhaft gelacht hätte.
Fred, der George zurückgelassen hatte. Seine Brüder und seine Schwester zurückgelassen hatte. Arthur zurückgelassen hatte. Und sie zurückgelassen hatte. Mit dem Schmerz, mit der Trauer, mit der Hilflosigkeit, mit dem Zorn und den Erinnerungen.
Es wurde langsam etwas besser. Neulich hatte sie Arthur tatsächlich lächeln gesehen – ein Anblick, den sie nie wieder zu sehen geglaubt hatte. Doch George hatte das Wunder vollbracht. George, der selbst am heftigsten unter dem Verlust gelitten hatte.
Doch George war nicht allein gewesen. Angelina Johnson hatte ihm beigestanden, und aus dieser Freundschaft hatte sich inzwischen weit mehr entwickelt. „Wisst ihr", hatte ihr Sohn neulich bei einem Glas Feuerwhisky zu ihr und Arthur gesagt, „ich glaub nicht, dass Freddy sehr begeistert davon wär, wenn wir seinetwegen Trübsal blasen. Er würde mir anständig eins hinter die Ohren geben… naja, hinters Ohr… und zu mir sagen, dass wir den Scherzladen aus einem bestimmten Grund aufgemacht haben. Dass wir die Leute zum Lachen bringen wollten. Und dass wir das jetzt verdammt nochmal selber auch tun sollen. Weil er nicht zufrieden damit gewesen wär, für eine Sache zu sterben, die die Leute trauriger zurücklässt als zuvor. Er hätt gewollt, dass wir uns über den Sieg freuen."
Er hatte sein Glas geleert und ganz beiläufig hinzugefügt: „Und wenn das Geschäft richtig gut läuft, schnapp dir dieses tolle Mädel und mach sie zu deiner Frau, bevor sie dir ein anderer wegschnappt – das würd er wahrscheinlich sagen. Und ich hab immer gewusst, was er als nächstes sagen würde, oder? Also hab ich auf ihn gehört und…"
Ganz sanft hatte er nach Angelinas Hand gegriffen und seinen sprachlosen Eltern den schlichten silbernen Ring mit dem ovalen Bernstein gezeigt, der an ihrem Finger steckte.
Genau das war der Moment gewesen, wo Arthur Weasley zum ersten Mal nach beinahe acht Monaten gelächelt hatte…
Energisch schüttelte Molly die Gedanken an die Zwillinge ab, während sie ihre einzige Tochter in eine liebevolle Umarmung zog. Ihre Jüngste, und doch war auch sie schon erwachsen. Eine junge Frau mit einem Ziel, einer festen Beziehung, engen Freunden… und einem Platz, an den sie jetzt gehörte.
London, Grimmauldplatz Nr. 12. Ein Haus, das ebenfalls viele Erinnerungen weckte, gute sowie schlechte. Doch so düster das alte Gemäuer auch früher gewirkt hatte, die guten Erinnerungen überwogen. Und inzwischen war es hier auch nicht mehr unheimlich und finster. Die jungen Leute hatten dem heruntergekommenen Ordensunterschlupf, der Sirius´ Stimmung so passend widergespiegelt hatte, Leben und Fröhlichkeit eingehaucht.
Während sie ihrer Tochter und ihrem zukünftigen Schwiegersohn die Treppen hinauf folgte, sah Molly sich interessiert um und stellte fest, dass sich wirklich einiges verändert hatte, angefangen von dem frischen, hellen Anstrich an den Wänden bis hin zu neuen Teppichen im Flur und auf den Stufen nach oben. Doch das war nicht alles.
Die Köpfe der Hauselfen, die Molly jedes Mal einen Schauer über den Rücken gejagt hatten, waren anscheinend einer weiteren Säuberungsaktion zum Opfer gefallen, genau wie der grässliche Schirmständer, der sich scheinbar so magisch zu Nymphadora Tonks hingezogen gefühlt hatte, dass sie grundsätzlich über das Ding gestolpert war.
Mrs Black hing noch immer an der Wand, sah jetzt aber stumm schmollend und mit verschränkten Armen aus einem frisch polierten goldenen Rahmen auf die Eingangshalle hinunter. Die schweren Vorhänge, die das Porträt früher verborgen hatten, waren durch leicht durchscheinende, grün-silberne Stoffbahnen ersetzt worden, die zu beiden Seiten des Rahmens hingen. Und egal wie sehr sich das Bild der Frau auch bemühte, finster dreinzuschauen, man konnte ihr doch ansehen, dass sie angetan von der Veränderung war.
„Lunas Idee", erklärte Ginny munter, als sie ihrem Blick folgte. „Anscheinend haben die Muggel ein Sprichwort… Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück. Und Luna hat sich ein paar Gedanken darüber gemacht, wie mies das Leben als wehrloses Porträt sein muss."
„Jepp", grinste Harry, „Sirius hat seine Mum nicht gemocht, und Luna war der Meinung, er hätte das an dem Bild ausgelassen… es nicht abgestaubt und stattdessen hinter gryffindor-roten Vorhängen versteckt. Ehrlich, ich glaub, Luna hatte Recht – das hätte jedem anständigen Slytherin die Laune verdorben. Luna hat den Rahmen saubergemacht und poliert, und Hermine hat mit Ron die neuen Vorhänge besorgt. Tja, seitdem beschimpft sie uns zumindest nicht mehr ständig. Außer, wir sind ihr wirklich mal zu laut, dann kann sie immer noch ordentlich loskreischen... Ich denk, irgendwann wird ihr auch das Schmollen langweilig werden. Und ab dann könnt´s richtig lustig mit der guten Mrs Black werden. Sie kennt garantiert Hunderte von Geschichten über Sirius!"
Molly lachte mit den beiden, wobei sie sich im Stillen über Luna Lovegood wundern musste. Die meiste Zeit über wusste niemand so genau, was im Kopf des Mädchens vor sich ging – aber wenn es daran ging, Probleme unkonventionell zu lösen, war die Trefferquote der jungen Frau verblüffend groß!
Hinter Ginny betrat sie den Salon, um den Rest der Bewohner zu begrüßen, und konnte sich im ersten Moment nur über den Mangel an Tumult und Chaos wundern. Die jungen Leute verhielten sich nicht unbedingt wie Schüler, die in den Ferien ein ganzes Haus für sich allein zur Verfügung hatten. Eher wie die jungen Erwachsenen, die sie nach dem Gesetz alle waren.
Sie sah Luna, Hermine und Ron – ihren Ron – über einem dicken alten Buch brüten, während Neville sich leise mit Severus Snape unterhielt. Ausgerechnet Neville, der doch immer solche Angst vor dem Mann gehabt hatte! Nun gut, Ron mit einem Buch – nein, kein Comic – vorzufinden, war auch nicht unbedingt etwas, womit sie gerechnet hätte…
… und zu allem Überfluss tauchte nun auch noch diese hässliche alte Kreatur von einem Hauselfen vor ihr auf, verneigte sich höflich und erkundigte sich mit seiner ochsenfroschähnlichen Stimme: „Kann Kreacher Misses Molly etwas zu trinken bringen?"
Stumm schüttelte Molly den Kopf. Das war zuviel des Guten! Arthur würde ihr niemals glauben, was sie hier gesehen hatte. Sie wartete immer noch darauf, dass irgendjemand „April, April" rufen würde. Aber: nichts dergleichen. Was wurde hier gespielt?
Und dann, ganz plötzlich, fiel es ihr ein. Severus. Du meine Güte, wie hatte sie das vergessen können! Dabei lag Heiligabend, der Abend, den sie alle gemeinsam im Fuchsbau verbracht hatten, doch erst eine Woche zurück.
Forschend betrachtete sie den jüngeren Mann, der sich leicht in Nevilles Richtung geneigt hatte, um sich ein Bild in dessen Buch anzusehen. Er sah eindeutig besser aus als letzte Woche. Gesünder. Zwar nicht viel, aber die Verbesserung war nicht zu leugnen. Sein Gesicht war nicht mehr ganz so bleich, er schien in der Zwischenzeit ein paar anständige Mahlzeiten gehabt zu haben, und etwas in seiner Haltung hatte sich geändert.
An Heiligabend hatte sie Mühe gehabt, sich ihr Entsetzen über seinen Zustand nicht allzu deutlich anmerken zu lassen. Der Mann, den sie von unzähligen Ordenstreffen als harten, zynischen und emotionslosen Einzelgänger in Erinnerung gehabt hatte, war völlig verändert gewesen. Nicht so wie an dem denkwürdigen Nachmittag des 1. November, bevor sie und Arthur mit ihm zusammen nach Hogwarts disappariert waren – nein, viel schlimmer.
An diesem ersten Tag des neuen Schuljahres war er nur sehr unsicher und verängstigt gewesen, nichts, was Molly nicht hätte in Ordnung bringen können. Aber Heiligabend?
Mitten in ihrer fröhlichen Runde hatte er gesessen. Bleich, mit hängenden Schultern, dunklen Schatten unter den Augen und einem leicht gehetzten Blick, der ihr verraten hatte, dass er kurz vor einer Panikattacke stand – schrecklich jung und verletzlich im Vergleich zu seiner sonstigen Persönlichkeit. Und in diesem Augenblick hatte sie erst richtig verstanden, worüber Ginny zuvor mit ihr gesprochen hatte. Molly hatte die kleine Hölle, durch die Severus ging, in seinen Augen gesehen…
Nun, was auch immer die jungen Leute taten, sie hatten damit Erfolg. Der junge Mann – Himmel, er konnte noch nicht einmal die Vierzig erreicht haben! – wirkte entspannter, ruhiger, wenn auch ein wenig zurückgezogen. Alles in allem schien er Fortschritte zu machen, und Molly fühlte unglaublichen Stolz auf diese jungen Leute in sich aufsteigen. Harry, Ron, Hermine, Neville, Luna – und ihre Ginny. Sie waren nicht nur im Krieg Helden gewesen, sie blieben es auch im darauffolgenden Alltag.
Sie hatten gehandelt. Verantwortung übernommen für den Mann, den alle anderen wohl sich selbst überlassen hätten, sich um ihn gekümmert. Und wenn sie sich die Szene so ansah, die kleinen Hinweise zu lesen versuchte in der Art, wie sie mit ihm umgingen, dann konnte sie mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass diese sechs jungen Erwachsenen den älteren Ordensspion gewissermaßen adoptiert zu haben schienen.
Das Abendessen, das der alte Hauself unten in der gemütlichen, sehr sauberen Küche servierte, erwies sich als ausgesprochen gut und reichlich. Molly erkannte das Dessert als eins ihrer eigenen Rezepte, was Ginny ihr grinsend bestätigte. „Ohne Brotpudding mit Karamellsoße kann kein Weasley lang überleben. Deswegen hab ich Kreacher erklärt, wie man ihn macht. Und er kriegt das wirklich toll hin, oder?"
Molly musste neidlos anerkennen, dass das kleine Geschöpf Talent hatte, und beschloss in einem Anfall von heiterer Stimmung, Arthur in allen Details unter die Nase zu reiben, was er verpasst hatte! Sie selber genoss es einfach, einmal nicht selber in der Küche stehen zu müssen – und einen Abend in der Gesellschaft von Freunden und Familie verbringen zu können. Diese Gelegenheiten schienen in der letzten Zeit immer seltener geworden zu sein.
Im Salon, wo sie es sich nach dem Essen gemütlich machten, wartete eine große Schüssel Bowle auf sie, und Molly – auf dem Sofa zwischen ihren beiden Kindern eingequetscht – bemerkte nun endlich doch einen Anflug von jugendlichem Übermut bei der versammelten Schar, als sie sich die prickelnde Mischung aus Sekt, Wein und unterschiedlichen Früchten schmecken ließen.
Es wurde viel gelacht, und sie fühlte sich beinahe wie auf einem der großen Familienfeste im Fuchsbau, so munter ging es zu… nur Severus wirkte ein wenig bedrückt, während der Rest vergnügt über die diversen Fehlbesetzungen der letzten Jahre lästerte, die den Posten des Lehrers für Verteidigung gegen die Dunklen Künste innegehabt hatten.
Ginny warf ihrer Mutter einen bezeichnenden Blick zu und hob die Augenbrauen, als der Mann sich still ein Glas Feuerwhisky einschenkte. Er ließ sich in einer Ecke des Zweisitzer-Sofas nieder und beschäftigte sich schweigend mit dem Inhalt seines Glases, das er im Laufe des Abends mehrfach nachfüllte.
Es war noch eine halbe Stunde bis Mitternacht, als die jungen Leute ihre Gläser mit Bowle mit nach draußen nahmen, um das Feuerwerk nicht zu verpassen, mit dem London – der magische und nichtmagische Teil gleichermaßen – den Übergang ins neue Jahr feiern würde. Wenn es um solche Dinge ging, würden sie wohl hoffentlich alle noch lange die Kinder bleiben, als die sie sie kennengelernt hatte!
Molly wechselte einen weiteren kurzen Blick mit ihrer Tochter. Sie mussten nicht miteinander sprechen, um einander zu verstehen, und ihr Mädchen folgte der fröhlich schnatternden Gruppe.
Molly selbst blieb im Salon zurück, zusammen mit dem jungen Lehrer für Zaubertränke, der gedankenverloren ins Feuer starrte. Er wirkte nachdenklich und ein wenig verloren, war in seine eigene Welt abgetaucht und spielte abwesend mit dem Glas Feuerwhisky, das er in den schlanken Fingern hielt. Seine Hände zitterten leicht und umklammerten das Glas ein wenig zu fest.
Was wohl in seinem Kopf vorging? Welche Gedanken beschäftigten ihn zum Jahreswechsel? Hielten auch ihn, wie sie selbst, die Erinnerungen an Vergangenes gefangen?
Langsam ging Molly Weasley zu ihm hinüber, nahm eine Decke von der Sofalehne und legte sie ihm um die Schultern. Er sah nicht einmal auf, schien ihre Anwesenheit kaum zu registrieren, als sie sich neben ihn setzte und ihn eindringlich musterte. Sein Gesichtsausdruck war neutral, doch seine Augen verrieten ihn. Sie waren nicht unlesbar wie früher, sondern zeigten – vermutlich auch aufgrund des Whiskys – deutlich den Aufruhr, der in seinem Inneren tobte.
Angst. Unsicherheit. Schmerz. Hilflosigkeit… und ein Hauch von Hoffnung.
Die Hoffnung darauf, dass alles besser werden würde. Dass er nicht allein sein würde mit seinen Problemen. Dass er Hilfe und Unterstützung finden würde. Und Vergebung.
Es konnte ihm wahrscheinlich nur gut tun, mit jemandem zu reden, beschloss sie. Mit jemandem, der ein wenig älter war, vielleicht.
Behutsam nahm Molly ihm das Glas aus der Hand und bettete seine Hände zwischen die ihren. „Wie geht´s Ihnen, Severus?" fragte sie leise. „Sie sehen etwas besser aus als zu Weihnachten, wissen Sie? Ich hatte mir wirklich Sorgen um Sie gemacht. Konnten Sie sich ein bisschen erholen, Junge?"
„Etwas."
Er sah sie nicht an, sondern hielt den Blick weiter auf den Kamin gerichtet, während er sichtlich mit sich kämpfte. Schließlich gestand er sehr leise: „Es ist nicht einfach, Molly. Ich… ich hatte wesentlich weniger Angst davor, eines der Todessertreffen zu besuchen, obwohl ich gewusst habe, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis Voldemort herausfinden würde, wo meine Loyalität wirklich liegt. Obwohl ich wusste, dass es ihm jederzeit einfallen konnte, aus reiner Willkür einen von uns als Spielzeug für die anderen auszuwählen. Obwohl ich wusste, dass jeder meiner Kameraden insgeheim darauf hoffte, ich würde ausgewählt werden... sie haben sich gern an mir ausgetobt, weil sie mich nicht richtig einordnen konnten. Weil ich für ihren Geschmack als Halbblut dem Dunklen Lord zu nahe stand. Weil ich ihre eigenen Positionen bedrohte. Und weil ich als Lehrer in Hogwarts jederzeit Zugriff auf ihre Sprösslinge gehabt hätte… nicht, dass ich je einem Kind etwas angetan hätte, aber das wussten sie nicht."
Er hielt kurz inne, schüttelte bedauernd den Kopf und sprach weiter: „Ich hatte Angst davor, gerufen zu werden, ja. Ich hatte Angst davor, zusammen mit diesen Leuten vor dieser abscheulichen Kreatur im Dreck zu knien und darauf zu warten, was sein kranker Verstand sich nun wieder ausgedacht hatte. Ich hatte Angst davor, enttarnt und umgebracht zu werden. Und ich hatte Angst davor, wieder einmal an ihren grässlichen Aktivitäten teilnehmen zu müssen, ohne die geringste Chance, mich völlig herauszuhalten aus dem, was sie für eine Art Sport hielten. Ich hatte Angst, Molly. Jedes Mal. Aber das war eine Angst, mit der ich zu leben gelernt hatte. Sie war mir bekannt, und ich habe mich bewusst und freiwillig auf diese Sache eingelassen."
Der ehemalige Spion zog seine Hände zwischen ihren hervor, griff nach seinem Glas und leerte es. Schenkte nach und leerte es erneut, bevor er es zurück auf den Tisch stellte und die Hände vors Gesicht schlug, die Ellbogen auf die Knie gestützt und mit hängenden Schultern.
„Das hier", flüsterte er endlich, „das hier ist schlimmer. Viel schlimmer. Ich weiß nicht, worauf ich mich einstellen muss. Ich stehe einem unbekannten Feind gegenüber, den ich nicht einschätzen kann, auch wenn ich ihn eigentlich besser kennen müsste als jeden anderen Menschen. Molly… wie kann ich denn gegen mich selber kämpfen und gewinnen? Das… das ist unmöglich."
„Ach, Junge…" Seufzend schlang Molly ihren Arm um seine Schultern und zog ihn an sich. Er wehrte sich nicht dagegen, drängte sich im Gegenteil noch enger an sie, und sie fühlte, wie er zitterte. Sanft strich sie ihm über die Schultern und hielt ihn schweigend fest, bis er sich ein bisschen beruhigt hatte.
„Severus", sagte sie nach ein paar Minuten behutsam, „vergessen Sie das einfach, in Ordnung? Das hier ist kein Kampf. Sie müssen lernen, mit sich selbst zurechtzukommen, sich zu akzeptieren, wie Sie sind. Ihre Fehler, Ihre Versäumnisse, aber auch Ihre guten Seiten, Herzchen. Vergessen Sie die nicht. Finden Sie sich selber, Junge. Unter all diesen Schichten aus Tarnung, Selbstvorwürfen und Schutzreflexen steckt immer noch Severus. Wissen Sie noch? Kämpfen Sie nicht gegen diesen jungen Mann in sich, versuchen Sie ihn lieber zu finden. Lassen Sie es zu, dass er ans Licht kommt, und versuchen Sie zu leben. Wirklich zu leben, mein Junge. Fawkes hat Ihnen ein großes Geschenk gemacht nach der Schlacht. Nutzen Sie die Chance. Und lassen Sie sich von Ihren Freunden helfen. Sie sind nicht allein mit dem Problem."
„Ich weiß", sagte er gepresst, ließ endlich die Hände sinken und legte seine Wange gegen Mollys Schulter. „Ginny und Hermine haben mir das Gleiche gesagt. Und ich versuche es. Wirklich. Aber… es ist so schwer, Molly."
„Es wird besser werden", tröstete sie ihn sanft, „glauben Sie mir, Junge. Am Anfang werden Sie es vielleicht gar nicht richtig bemerken, aber es wird Tag für Tag leichter. Und ich kenne meine Tochter, Severus. Sie wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um Ihnen dabei zu helfen. Lassen Sie es einfach zu und vertrauen Sie ihr. Sie findet den richtigen Weg, da bin ich mir sicher. Und wenn Sie irgendwann jemand Älteren zum Reden brauchen sollten", fügte sie mit einem kleinen Lächeln hinzu, „dann kommen Sie einfach auf eine Tasse Kaffee bei mir vorbei, in Ordnung? Sie sind mir jederzeit willkommen, junger Mann."
Einen langen Augenblick herrschte Schweigen im Salon, dann fragte Severus zaghaft: „Wie damals? In Godric´s Hollow?"
„Wie damals", bestätigte Molly und schloss ihn ein wenig fester in die Arme, „und wissen Sie, Herzchen, Sie haben sich in der Zwischenzeit nicht sehr verändert. Gut, Sie sind natürlich ein ganzes Stück gewachsen, das lässt sich nicht leugnen. Aber davon abgesehen sind Sie immer noch Severus, nicht wahr?"
Er hob nur schweigend die Schultern, und Molly ließ ihn in Ruhe über alles nachdenken. Ihre Hand strich langsam und beruhigend über seinen Rücken, und bald entspannten sich seine verkrampften Muskeln.
„Denken Sie, ich hätte bleiben sollen?" fragte er nach ein paar Minuten unsicher. „Damals?"
„Das kann ich Ihnen nicht beantworten, Junge", gab Molly aufrichtig zurück. „Das können nur Sie selbst. Ich weiß bis heute nicht, warum Sie überhaupt gegangen sind. Ich nehme an, Sie hatten Ihre Gründe. Für Sie war es zu dieser Zeit wohl die richtige Entscheidung, nicht wahr? Ich hatte den Eindruck, dass Sie uns Erwachsenen nicht vertraut haben… hätte ich die Hintergründe nur früher verstanden. Dann hätte ich schneller gehandelt, und Ihr Leben wäre vielleicht ganz anders verlaufen."
Sie zögerte kurz, bevor sie entschlossen weitersprach: „Wissen Sie, Lily hat mir nie verraten, worüber Sie am ersten Tag bei uns mit ihr gesprochen haben. Aber ich konnte spüren, dass etwas passiert sein musste. Und als Albus uns relativ verspätet über die Ereignisse in Ihrer Familie informiert hat, wollte ich nichts dringender, als Sie in meiner Familie aufzunehmen wie einen Sohn. Arthur musste ich nicht groß überreden, er war sehr schnell damit einverstanden. Also habe ich mit Albus darüber gesprochen – besser gesagt, ich habe mich mit ihm deswegen ziemlich heftig gestritten. Er war der Meinung, Sie würden nicht sehr begeistert von dieser Vorstellung sein. Doch am Ende hat er nachgegeben und mir versichert, er würde seinen Einfluss beim Ministerium nutzen, um uns dabei zu helfen. Ich wollte gleich an diesem Abend mit Ihnen darüber sprechen und dann die Reaktion der zuständigen Stellen im Ministerium abwarten. Aber als ich zurückkam, waren Sie schon fort. Ohne eine Nachricht oder auch nur einen Hinweis, wo wir Sie hätten erreichen können."
Seufzend strich sie ihm übers Haar. „Ich habe mir schreckliche Sorgen um Sie gemacht, Junge. Wir haben Ihre Schulkameraden gefragt, ob sie etwas wüssten, und Lily Evans hat Dumbledore und mir schließlich verraten, dass Sie zurück in das Haus Ihrer Familie wollten, um während der Ferien dort zu leben. Ich wollte nach Ihnen suchen, aber Albus meinte, Sie wären sehr selbständig für Ihr Alter, und wir sollten Ihre Entscheidung respektieren. Dass es nichts bringen würde, Sie zu irgendetwas zu zwingen… Ich frage mich immer noch, ob die Alternative nicht besser für Sie gewesen wäre."
Langsam hob er den Kopf von ihrer Schulter und sah sie an. In seinen Augen schwammen Tränen, und seine Lippen bebten, als er flüsterte: „Sie wollten… Sie wollten mich haben?"
„Aber natürlich, mein Kleiner." Molly musste lächeln, auch wenn sich ihr Herz bei dem ungläubigen Unterton in seiner Stimme schmerzhaft zusammenzog. „Natürlich wollte ich das. Sie waren noch so jung. Viel zu jung, um Ihre Mutter zu verlieren, und viel zu jung, um auf eigenen Beinen zu stehen. Gerade in diesen schweren Zeiten. Und ich habe meine Meinung nicht geändert, wissen Sie? Wenn Sie mich brauchen, bin ich für Sie da. Und ich wäre sehr, sehr stolz darauf, Sie als Sohn ansehen zu dürfen. So, wie es schon vor vielen Jahren hätte sein sollen. Jeder verdient es, eine Familie zu haben... Ach, um Himmelswillen, Severus – kommen Sie her, Junge."
Draußen vor den großen Fenstern des Salons erleuchtete eine erste verfrühte Feuerwerksrakete die Nacht, in genau dem gleichen Augenblick, als Molly Weasley ihre Arme fest um einen heftig schluchzenden Severus Snape schlang und ihn eng an sich drückte. „Schhh… ist schon gut, mein Junge. Alles gut, ich bin bei Ihnen. Ganz ruhig, es wird alles gut."
Molly ließ ihn weinen, wiegte ihn sanft in ihren Armen, bis die Tränen sämtliche Angst, Anspannung und Hilflosigkeit weggespült hatten und er sich endlich wieder ein wenig gefasst hatte. Erschöpft und kraftlos ließ er sich weiter von ihr festhalten, während sie die Tränen von seinen Wangen wischte, und als sie ihn schließlich aus ihrer Umarmung entließ und ihm ein weiteres Glas Feuerwhisky reichte, nahm er es mit einem zittrigen Lächeln entgegen.
Gütiger Merlin, dachte sie, es wäre nur eine Kleinigkeit nötig gewesen, um diesen Jungen auf einen völlig anderen Weg zu bringen. Er hätte nur eine Mutter gebraucht. Nur einen einzigen Erwachsenen, dem er hätte trauen können. Nicht mehr. Warum haben wir das nicht gesehen?
„Es ist nie zu spät, mein Kleiner", sagte sie leise, als er sich wieder bei ihr anlehnte, und legte ihren Arm um ihn. „Es ist nie zu spät, um zu leben."
Er nickte müde, und sie sahen beide einige Minuten schweigend den Flammen zu, die langsam aber sicher das Holz im Kamin verzehrten. Draußen zeichneten bunte Lichtbälle leuchtende Spuren an den schwarzen Nachthimmel, zerbarsten in glitzernde Kaskaden aus Feuer und erinnerten die Welt einmal mehr daran, dass selbst in der größten Finsternis ein kleines Licht genügt, um den Weg in eine bessere Zukunft zu erhellen.
Molly griff nach Severus´ Hand. „Komm, mein Junge. Ich glaube, wir sollten zusammen mit deinen Freunden in dieses neue Jahr gehen. Vielleicht nehmen wir diese großartige Flasche hier einfach mit, was hältst du davon? Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Und ich denke, wir haben alle einen Grund zu feiern. Über den Kater machen wir uns morgen früh Gedanken."
Mit einem schüchternen Grinsen ließ er sich von ihr hochziehen, und Molly ging zusammen mit dem schlanken Mann die Treppen hinunter, einen Arm um seine Taille gelegt, um sich draußen vor dem Haus zu ihrer Tochter und den anderen jungen Leuten zu gesellen.
„Scheint so, als hätte ich einen weiteren Bruder bekommen", bemerkte Ginny so leise, dass nur Molly es hörte, und legte ebenfalls den Arm um Severus, während sie das spektakuläre Schauspiel am Himmel betrachteten. Die Finger ihrer anderen Hand waren fest mit denen von Harry verschränkt, der den jungen Lehrer unauffällig, aber mit deutlich erkennbarem Mitgefühl musterte.
Als die letzten glühenden Feuerstreifen am Nachthimmel erloschen, stießen sie alle mit einem sehr vollen Glas Feuerwhisky auf das neue Jahr an, wandten sich dann um und kehrten in den Salon zurück. Zu einer ausgezeichneten Gulaschsuppe, die Kreacher ihnen servierte, zu ein paar Runden eines Muggelspiels, das Hermine „Mensch ärgere dich nicht" nannte - und zu der immer noch fast vollen Bowleschüssel, die geduldig auf ihre Rückkehr gewartet hatte und es leider nicht schaffte, mehr als die ersten zwei Stunden des gerade erst geborenen Jahres zu überleben.
Die Stimmung war fröhlich, beinahe ausgelassen, als die kleine Gruppe gegen halb Drei beschloss, Feierabend zu machen. Molly blieb noch eine Weile mit Severus im Salon sitzen, nachdem sie sich von Ginny, Ron und ihren Freunden verabschiedet hatte, die kichernd und giggelnd in ihre jeweiligen Schlafzimmer verschwanden; dass Ginny sich ein Zimmer mit Harry teilte und Ron mit Hermine in ein anderes verschwand, beschloss sie taktvoll zu übersehen. Es gab Dinge, die wollte sie nicht zu genau wissen.
Mit einem amüsierten Lächeln sah sie dem jüngeren Mann dabei zu, wie er ungeschickt die übrig gebliebenen Fruchtstückchen aus der beinahe leeren Bowleschüssel zu angeln versuchte. Er würde, das war ihr klar, heute eindeutig nicht nüchtern zu Bett gehen, doch das war völlig in Ordnung. Ein bisschen Entspannung konnte ihm nicht schaden. Ganz im Gegenteil!
Also griff sie sich beherzt die Schöpfkelle, füllte den Rest der Bowle in sein Glas und sah mit leisem Kopfschütteln zu, als er den Inhalt sorglos hinunterkippte und sich danach erfolglos bemühte, die fast leere Whiskyflasche zu öffnen. Molly legte ihre Hände über die seinen und lenkte sie sanft, um zu verhindern, dass der Feuerwhisky auf dem Tisch statt in seinem Glas landete: „Komm, lass dir helfen, Junge. Wir wollen doch keine Sauerei machen, nicht wahr?"
„Ich doch nich", behauptete er voller Überzeugung und nahm einen unnötig großen Schluck, bevor er sie ziemlich verlegen angrinste. Molly musste sich sehr zusammenreißen, um ihm nicht spontan die Haare zu zerstrubbeln – das würde ihm selbst in angetrunkenem Zustand nicht gefallen!
Sie sah ihm eine Weile beim Trinken zu und spielte schließlich eine weitere Runde des Muggelspiels mit ihm, obwohl er leichte Probleme damit zu haben schien, die winzigen Plastikfiguren richtig zu bewegen, und die Partie recht unvermittelt zu einem verfrühten Abschluss brachte, indem er die Hälfte der Männchen vom Brett fegte, als er eins davon ins Ziel schubsen wollte.
„Uups", bemerkte er ein wenig verspätet und zog den Zauberstab, wohl um die verstreuten Figuren einzusammeln. „Ich glaub, ich bin ´n bisschen beduselt, was?"
„Das ist die Untertreibung des Jahres, Severus."
Sicherheitshalber nahm sie ihm den Stab aus den Fingern, worauf er sich entschlossen den letzten verbliebenen Früchten in der Bowleschüssel widmete, während sie die Spielfiguren mit einem raschen Aufrufezauber wieder in ihre Schachtel beförderte.
„Witzig", konterte er mit einem leisen Kichern und ließ sich gegen die Rückenlehne seines Sessels fallen – mit sehr unkoordinierten Bewegungen! „Das Jahr is ja noch nich so… is noch ganz kurz, oder? Aber die… die Bowle war echt gut. Viel Obst. Das is gesund, Molly…"
Ob sie wollte oder nicht, sie musste über seine ausgesprochen ernsthafte Miene lachen. Zufrieden stocherte er in seinem Glas herum, bis auch das letzte Stückchen Mandarine aufgegessen war, und stellte es dann, die Augenbrauen konzentriert zusammengezogen, vorsichtig auf dem Tisch ab: „Siehs´ du, so schlimm isses noch gar nich. Ich hab immerhin den Tisch getroffen. Gut, nich?"
Molly erklärte den Abend schließlich recht energisch für beendet, als er völlig grundlos anfing zu lachen und aus dem Sessel auf den Teppich hinunterrutschte. „Bowle", kommentierte er trocken, prustete gleich darauf wieder los und sah mit hilflosem Achselzucken zu ihr auf: „Is echt ´n blödes Wort. Bowle… Tut mir leid, Molly, ich schwöre, das is keine Absicht – aber ich komm nich mehr hoch. Und ich weiß, was jetzt kommt. Mir wird speiübel, und ich fürchte, ich muss mich über… übergeben. Is immer so. Vertrag das Zeug einfach nich. – Kannst du mich ins Bad bringen? Bitte? Mir wird echt schlecht…"
„Ich denke, das lässt sich einrichten", gab Molly zurück, half ihm hoch und fasste ihn sichernd um die Taille. „Na komm, Severus. Gehen wir."
Sie ließ es sich nicht nehmen, ihr wirklich sehr betrunkenes, neuestes Familienmitglied nach einem Abstecher ins Bad auf sein Zimmer zu bringen, und hoffte nur, dass die restlichen Bewohner des Hauses schon fest genug schliefen, um nicht durch die Unruhe wieder aufgeweckt zu werden. Und auch wenn es schön war, den jungen Mann lachen zu sehen, war sie doch ein oder zweimal versucht, ihn mit einem Schweigezauber zu belegen, während er mit ziemlicher Schlagseite und sehr geräuschvoll neben ihr her den Flur entlangstolperte. Die Zimmertür konnte ihr gar nicht schnell genug in Reichweite kommen, und sie verspürte eine gewisse Erleichterung, als sie ihn geschickt zu seinem Bett manövrierte.
Er hatte nicht übertrieben – er vertrug wirklich keinen Alkohol! Aber es hätte schlimmer kommen können… wenn man den dringend notwendigen Zwischenstopp im Badezimmer nicht mitrechnete; zumindest war er immer noch bestens gelaunt.
„Hätt nich gedacht", sagte Severus mit einem breiten Grinsen, „dass Eltern ihre Kinder auch noch zum Trinken ermutigen. Ich… Himmel! Ich bin sinnlos besoffen, Molly. Dieses ganze bescheuerte Zimmer is ´n verdammtes Karussell. Mir is immer noch schlecht, obwohl ich mir vorhin die Seele ausm Leib gekotzt hab, und ich fürchte, ich kann nich mal mehr geradeaus schauen… Bist du sicher, dass du ´nen guten Einfluss auf mich hast?"
„Mütter tun das, was das Beste für ihre Kinder ist", bemerkte sie und bemühte sich um einen sachlichen Ton, doch auch ihre Lippen verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln. „Und du hattest diesen Abend wirklich dringend nötig, mein Kleiner. Manchmal muss man einfach loslassen, sich ausheulen und sich danach ausgiebig betrinken, glaub mir. Am besten in Gesellschaft von guten Freunden. So, und jetzt versuch zu schlafen. Ich bleib bei dir, bis du eingeschlafen bist. Leg dich hin, Herzchen."
„Schlechte Idee", erklärte er mit Entschiedenheit. „Dann fällt mir mein Magen ausm Mund. Mr Whisky und ich… wir haben irgendwie ´n gestörtes Verhältnis zu´nander. Das Zeug macht mich fertig, ehrlich. Ich werd einfach sitzenbleiben. Bequem genug hier…"
Schmunzelnd betrachtete Molly den Professor, der leicht schwankend auf der Bettkante saß und zu ihr hochschielte. „Du verträgst wirklich nicht viel, oder, Junge? Deine Freunde machen noch einen wesentlich vernünftigeren Eindruck – auch wenn ich mir gar nicht vorstellen will, was meine beiden Sprösslinge in diesem Moment…"
„Oh, bitte!" unterbrach er sie hastig. „Keine Bilder. Ich hab schon genug Stoff für Albträume, Molly. Ich muss mir Potter wirklich nich mit nacktem Hintern beim Matratzenturnen vorstellen… Sorry", fügte er hinzu und lief tatsächlich knallrot an, „zu viel… Alkohol. Da kommt der Straßenbengel wieder zum Vorschein, der ich mal war. Inklusive Aus… ähm, Ausdrucksweise. Oh, Mann, is das blöd. Ich hör mich schon fast so an wie mein beschissener Vater. Mist…"
Molly verkniff sich mit einiger Mühe ein herzhaftes Lachen. „Na, heute wollen wir das mal großzügig übersehen", gab sie freundlich zurück, setzte sich neben ihn und zog ihn an sich. „Die Kopfschmerzen morgen früh sind Strafe genug, schätze ich."
„Muss ich wohl noch üben, das", murmelte er undeutlich, während er sich schwer an sie lehnte und seinen Kopf auf ihre Schulter bettete. „Molly?"
„Ja, mein Junge?"
„Danke…"
„Oh, ist schon in Ordnung, Severus. Komm, ich helf dir beim Umziehen, ja? Versuch auf deinen vier Buchstaben sitzen zu bleiben, Jungchen."
„Buchstaben", wiederholte er nachdenklich, während sie ihm das Shirt über den Kopf zog. „Weil die in Büchern stehen, richtig? Was sind die dann… in einem Brief oder so? Pergamentstaben? Und wenn die inner Luft hängen? Luftstaben? Oder einfach bloß Staben? Staaben… Ohne was drum rum? Außer Luft, mein ich…"
„Buchstaben sind Buchstaben, Severus", erklärte Molly geduldig, obwohl ihr wirklich nach Kichern zumute war, „auch wenn das nicht immer logisch ist… Herrje, so gesprächig kenn ich dich überhaupt nicht, junger Mann. Du hattest wirklich ein paar Gläser zu viel, was?"
„Jaah… paar. Vielleicht auch mehr. Und… und das Zeugs inner Bowle vielleicht. Obst, oder? Und mir is immer noch schwindlig. Oder… oder das Bett is schuld. Das schaukelt die ganze Zeit. Is ´n Wasserbett, vielleicht. Mein… mein ´jama is da, Molly. Unterm Kop-pfff-kissen. Kann ich aber nich mehr allein anziehen, glaub ich. Nich… nich ohne… ohne Umfallen, weiß´ du? Keine Chance. Nich im Wasserbett."
„Nein, das geht natürlich nicht."
Kopfschüttelnd zog sie den schwarzen Pyjama unter dem Kopfkissen hervor und legte einen Arm fest um Severus´ Taille. Sie würde ihn wohl oder übel mit nur einer Hand umziehen müssen – die Bowle war eindeutig zu viel des Guten gewesen. „Schon gut, Junge, ich mach das. Komm, lehn dich einfach bei mir an. Dann ist das mit dem Schaukeln nicht ganz so schlimm. Gut so. Und jetzt entspann dich. Bleib ganz locker. So, siehst du, ich halt dich fest. Besser?"
„Weiß nich. Glaub schon. Aber das Zimmer is immer noch ´n Karussell. Immer im Kreis rum. Lass mich nich los, Molly, bitte…"
„Nein, Kleiner, ich lass dich nicht los. Versprochen."
„ ´kay…"
Seine Lider waren schon halb geschlossen, als Molly Weasley es endlich geschafft hatte, ihn in einen Pyjama zu stecken. Er schlang schlaftrunken die Arme um ihren Hals, während sie ihn ziemlich mühelos hochhob – der Mann war eindeutig viel zu dünn – und ins Bett verfrachtete, und brachte mühsam ein paar beinahe unverständliche Worte heraus, die entfernt klangen wie „Nich schütteln". Doch gleich darauf blieb die Müdigkeit klarer Sieger, und Severus schloss mit einem erleichterten Aufatmen die Augen: „Nacht, Molly."
„Schlaf gut, mein Kleiner." Vorsichtig löste sie sich aus seiner Umklammerung, deckte ihn zu und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Dann setzte sie sich an den Bettrand, nahm seine Hand in ihre und streichelte sie sanft, bis sein Atem ganz tief und ruhig ging.
Erst im Morgengrauen trat Molly Weasley aus dem Kamin im Fuchsbau. Beinahe zeitgleich kam auch Arthur nach einer ereignislosen Nacht im Ministerium zurück, und Molly frühstückte mit ihm zusammen und erzählte ihm von ihrem Familienzuwachs, bevor sie beide nach einem schnellen Frühstück den versäumten Schlaf nachholten.
Einem Brief von Ginny konnten sie zwei Tage später entnehmen, dass Severus sich zwar am Neujahrstag noch ein paarmal herzhaft übergeben hatte, trotz des Ausnüchterungstranks, den Hermine ihm bei Poppy geholt hatte, aber ansonsten wesentlich gefasster und entspannter war.
Ich schätze, er hat einfach sowas wie eine Mutter gebraucht, um sich wirklich wie zuhause zu fühlen – und das war so ziemlich das Einzige, was wir ihm nicht hätten geben können. Danke, Mum!
