Severus Snape war erstaunlich ausgeglichen gewesen, als sie in die Schule zurückgekehrt waren. Einzig an seinem Geburtstag schien er ein wenig in sich gekehrt während ihrer improvisierten abendlichen Party mit ausnahmslos allen Gryffindors, zu der auch Luna und Blaise Zabini eingeladen gewesen waren.
Die gesamte Schülerschar von Schloss Hogwarts hatte sich schon morgens gemeinsam mit seinen Kollegen zu einem strahlenden, wenn auch nur mittelmäßig begabten Chor in der Großen Halle aufgestellt gehabt, um dem Tränkemeister zu gratulieren. Dieser wäre vermutlich in Rekordtempo aus der Halle verschwunden, wenn Ron und Draco nicht schnell reagiert und ihn festgehalten hätten, und ein Hauch Rosa überzog seine Wangen, während die ganze Halle ziemlich misstönend, aber voller Überzeugung „Happy Birthday" schmetterte.
In der Mittagspause hatte Harry die kleine Gruppe um sich geschart. Sie hatten den Professor in seinem Büro aufgesucht, wo er mit gerunzelter Stirn und mit mürrischer Miene über einen Stapel Schüleraufsätze gebeugt am Schreibtisch saß. Er schien sich wirklich über ihren Besuch zu freuen und schob die Hausaufgaben rasch zur Seite. Offensichtlich war er dankbar für den Vorwand, den sie ihm lieferten, um die lästige Arbeit eine Weile zu vernachlässigen.
Bei Tee und Keksen setzten sie sich in seinem kleinen Wohnzimmer zusammen, und Hermine überreichte dem überraschten Mann das Geschenk, auf das sie alle viel Mühe verwendet hatten: sie hatten sich schon vor einer ganzen Weile auf die Suche nach Fotos gemacht und ein Album für ihn zusammengestellt.
Es war erstaunlicherweise ein hübscher Stapel zusammengekommen. Teilweise von Hagrid, der ein paar alte Aufnahmen von Severus und Lily beigesteuert hatte, sowie von Molly Weasley, die eine Eule mit Bildern aus der kurzen Zeit geschickt hatte, während der sie sich in Godric´s Hollow um den fünfzehnjährigen Severus Snape gekümmert hatte. Auf einem davon stand der Junge neben Molly, ganz eindeutig damit beschäftigt, zusammen mit ihr einen Kessel voll Dipsacus-Tinktur zu brauen.
Minerva McGonagall hatte ihnen aus dem Schularchiv ein Bild herausgesucht, auf dem Lily und Severus abgebildet waren – Siegerteam im damals jährlich stattfindenden, fächerübergreifenden Schulwettbewerb. Die Schulleiterin hatte ihnen erzählt, dass dieser Wettbewerb statt der Prüfungen im vierten Jahr abgehalten worden war, um den Schülern einen Vorgeschmack auf ihre ZAG-Prüfungen zu geben. Allerdings hatten die Viertklässler paarweise antreten müssen. Und niemals mit einem Partner aus dem gleichen Haus!
Aufgaben aus den wichtigsten Fächern waren es gewesen – Verwandlung, Zauberkunst, Verteidigung gegen die Dunklen Künste und Zaubertränke – und in ihrem Jahrgang hatten Lily Evans und Severus Snape am besten abgeschnitten.
Harry und die anderen fanden es sehr bedauerlich, dass dieser Wettbewerb inzwischen nicht mehr Teil der Ausbildung in Hogwarts war. Doch da die Tatsache, dass fast niemand freiwillig mit einem Slytherin hatte zusammenarbeiten wollen, zu den Glanzzeiten Voldemorts für unüberwindbare Probleme gesorgt hatte, war dieser Versuch einer Kooperation zwischen den verschiedenen Häusern damals für gescheitert erklärt worden. McGonagall hatte ihnen allerdings versprochen, sie wolle sich die Entwicklung in diesem Schuljahr ansehen und dann entscheiden, ob dieses kleine schulische Turnier möglicherweise noch eine Chance hatte.
Draco hatte sie darüber reden hören und war ziemlich beeindruckt gewesen – nicht nur von diesem Plan der Schulleiterin, sondern auch von ihrem geplanten Geschenk für ihren Hauslehrer – und hatte ihnen erklärt, dass sie bezüglich der Fotos auch in Malfoy Manor fündig werden könnten. Seine Mutter habe noch ein paar alte Bilder aus Snapes Jugendzeit und würde sie ihnen sicher gern überlassen.
Narcissa Malfoy hatte Harry, der sie in einem Brief um diesen Gefallen gebeten hatte, ein paar Aufnahmen von Severus und Lucius geschickt, sowohl beim Fliegen im weitläufigen Garten des Herrenhauses als auch bei etwas, das wie Fechttraining aussah, und beim Duellieren mit dem Zauberstab; das Bild eines etwa achtzehnjährigen Severus auf einer Party im Haus der Malfoys, wo er zwischen Lucius und Narcissa stand und sich etwas unwohl zu fühlen schien in seinen offensichtlich sündhaft teuren Roben und all dem übertriebenen Glanz des Anwesens; sowie eines von Severus, ernst und konzentriert am Kessel arbeitend, eindeutig während seiner Ausbildung bei dem alten und angesehenen Zaubertrankmeister Yaxley.
Und – sie hatten außerdem alte Fotos aus dem Haus der Blacks bekommen!
Das Porträt von Mrs Black hatte sich auf Lunas Bitte hin dazu herabgelassen, ihnen zu verraten, dass Sirius seine alten Fotos auf dem Dachboden aufbewahrt hatte. Sie hatten unzählige verstaubte Kisten durchstöbern müssen, bis sie schließlich auf die Bilder gestoßen waren: Klassenfotos von Sirius´ komplettem Jahrgang, Bilder von Lily mit dem kleinen Harry, und sogar eine relativ neue Aufnahme von einem Ordenstreffen, die Severus im Gespräch mit Arthur und Bill Weasley zeigte.
Ihre kleine Gruppe war allerdings noch weiter gegangen: Harry und Ginny hatten Kreacher gebeten, während der Ferien diskret und unauffällig ein paar Schnappschüsse zu machen, und der Elf hatte ihnen stolz seine Werke überlassen. Es gab Gruppenbilder von gemütlichen Abenden im Salon, ein Foto von Severus zusammen mit Mrs Weasley, ebenso wie Aufnahmen von Severus mit jedem Einzelnen von ihnen, und sie waren ehrlich begeistert von Kreachers Arbeit gewesen.
Unter ihrem überschwänglichen Lob war der alte Hauself regelrecht in sich zusammengeschrumpft und so leuchtend rot geworden, dass Luna Angst gehabt hatte, er würde schmelzen. Und er war tatsächlich in lautstarke Tränen ausgebrochen und in seinen Schrank geflüchtet, als Hermine bemerkt hatte, er habe „ein echtes Händchen fürs Fotografieren".
Sie hatten die Bilder – nach bestem Wissen – einigermaßen chronologisch geordnet, einen Abzug von dem Wintermarkt-Foto auf die letzte Seite geklebt und ihre Unterschriften darum herum verteilt. Darüber hatte Hermine in Schönschrift geschrieben: „Jeder Mensch hat zwei Familien: die eigene, in die man hineingeboren wird und die man sich nicht aussuchen kann – und die, die aus echten Freunden besteht. Alles Gute zum Geburtstag, Severus!"
Gespannt hatten sie beobachtet, wie der Tränkemeister das Album auspackte und es langsam durchblätterte. Er hatte jedes einzelne Bild sehr lange betrachtet, minutenlang die letzte Seite fixiert, und dann schweigend das dicke, ledergebundene Buch geschlossen, auf dessen Front in Silberschrift seine Initialen eingeprägt waren. Sowohl darunter als auch auf dem Rücken war, in Gold und Bronze, ein Bild von zwei ineinander verschlungenen Schlangen zu sehen, das Hermine ein „Aurin" genannt hatte. Es stammte ihr zufolge aus einem sehr bekannten Muggelbuch namens „Die Unendliche Geschichte".
Hermine war es gewesen, die die magische Buchbinderkunst recherchiert hatte, und sie hatte dann auch den dunkelgrünen Einband für die Albumseiten gemacht. Sie war nun einmal die Beste im Zaubern. Zweifellos.
Es brauchte eine weitere Tasse Tee, bis Severus Snape endlich zu ihnen aufsah, das Album immer noch auf den Knien. „Die zweite Familie ist mir lieber", hatte er sehr leise, doch mit einem kleinen, beinahe schüchternen Lächeln gesagt. „Danke… für alles."
„War Harrys Idee", hatte Ron zufrieden erklärt, „er hat nach seinem ersten Jahr so was Ähnliches von Hagrid bekommen, weil er ja überhaupt keine Bilder von seinen Eltern gehabt hat und so. Und wir haben uns gedacht, sowas könnte Ihnen auch gefallen. Scheint so, als hätten wir richtig geraten."
Snape hatte genickt, mit fest zusammengepressten Lippen, und den Blick verlegen auf das Album gerichtet. Ginny, wie immer genau darüber im Bilde, was zu tun war, hatte die ganze Bande umsichtig hinausgelotst, um dem Mann ein wenig Zeit für sich zu gönnen. Luna war sich ziemlich sicher, dass er nicht einmal bemerkt hatte, dass sie sich zurückgezogen hatten. Als sie als Letzte den Raum verlassen hatte, hatte Severus das Fotoalbum abermals geöffnet und studierte sorgfältig Bild für Bild.
Abends nach dem Essen war er auf das Drängen seiner Schützlinge hin ziemlich widerwillig im Gryffindor-Gemeinschaftsraum aufgetaucht und hatte dabei anfangs den Eindruck gemacht, als ginge es zum Galgen. Doch Ginny hatte mit ein paar geflüsterten Worten und einer kurzen Umarmung seine düsteren Gedanken zerstreut. Schließlich hatte er sich sogar mit einem etwas hilflosen Grinsen dazu überreden lassen, seine Geburtstagstorte anzuschneiden, die – obgleich wirklich nicht gerade klein geraten – den Ansturm der hungrigen Schülerschar nicht lange überlebte.
Von dem Schokoladen-Kürbiskuchen in Kesselform war bald nur noch ein Häufchen Krümel übrig geblieben, obwohl das Essen erst eine halbe Stunde zurücklag. Doch ein paar eifrige Hauselfen, allen voran Kreacher, hatten die Gryffindors mit großen Platten voll verschiedener Häppchen, Schüsseln mit Gebäck und Knabbereien und unzähligen Flaschen Kürbissaft und Butterbier versorgt, bis schließlich selbst Ron kurz vor dem Platzen war.
Vor allem die jüngeren Jahrgänge drängten sich fröhlich schnatternd um ihren Hauslehrer, und eine wirklich winzige Erstklässlerin – von Kopf bis Fuß knallrot angelaufen vor Verlegenheit – überreichte ihm strahlend das Geschenk des gesamten Hauses: einen smaragdgrün und scharlachrot gestreiften Schal, auf dessen Enden der goldene Löwe und die silberne Schlange eingestickt waren. Auf der einen Seite lag die Schlange geschützt zwischen den großen Vorderpranken des Löwen, auf der anderen barg sie die Raubkatze liebevoll in ihren gewaltigen Windungen.
Der Schal war Dracos Idee gewesen, und Blaise hatte die Vorlagen für die Stickereien entworfen. Ausnahmslos alle Gryffindors sowie Luna und Blaise hatten zusammengelegt und den Schal bei Madam Malkin in Auftrag gegeben. Die Eule war bereits zwei Tage danach mit der Bestellung angekommen, und alle waren gespannt, wie ihr Hauslehrer reagieren würde.
Der schlanke Mann in den schwarzen Lehrerroben betrachtete den Seidenschal minutenlang völlig reglos, bevor er sich mit leisen Worten bedankte und in einen kleinen Erker flüchtete. Dort sah er still aus dem Fenster, und Luna hinderte zusammen mit ihren Freunden die anderen Gryffindors daran, ihn zu stören, bevor er sich wieder gefangen hatte.
Natürlich brauchte er ein wenig Zeit, um die unerwartete Geste zu verdauen. Doch dass er sich über das einzigartige Geschenk freute, zeigte sich ganz klar dadurch, dass der „Zwei-Häuser-Schal" zu seinem ständigen Begleiter wurde, wann immer er in den zugigen Gängen von Schloss Hogwarts unterwegs war. Man konnte also als sicher ansehen, dass der Professor einen schönen Geburtstag gehabt hatte.
Beim Frühstück saß Severus inzwischen – Monicas Beispiel folgend, die ihre Essenszeit immer in der Gesellschaft unterschiedlicher Gruppen von Slytherins verbrachte – mit ihnen gemeinsam am Tisch. Mit diesem Arrangement schien er sich wesentlich wohler zu fühlen, als wenn er hätte am Lehrertisch sitzen müssen.
Luna hatte ihn nicht danach gefragt, glaubte sich aber vage daran zu erinnern, dass der Mann im vergangenen Schuljahr auch nur zur Frühstückszeit am Hohen Tisch gesessen hatte. Und ob er damals tatsächlich gegessen hatte, wusste sie nicht.
Zumindest ließ er sich seit den Weihnachtsferien morgens regelmäßig in der Großen Halle blicken, was eine gewaltige Verbesserung war. Mittwochs nach dem Abendessen traf er sich weiterhin mit Ginny zu Gesprächen unter vier Augen in seinem Büro, bei denen manchmal auch Monica Lupin anwesend war. Und er verwandte seine gesamte Energie darauf, mit Harry einen Plan aufzustellen, wie sie die Todesser am besten schnappen konnten.
Insgesamt wirkte der Tränkemeister gelassener und bedeutend glücklicher als vor den Ferien, auch wenn seine Figur immer noch schlank und schmal war – auf eine Art, die Ginny missbilligend als „ungesund" bezeichnete.
Leise vor sich hin summend räumte Luna ihre gespülten Teetassen wieder ins Regal und dachte über diesen Erfolg nach. Ihre verschiedenen Talente hatten gemeinsam gute Arbeit geleistet; jetzt kam es nur noch darauf an, dass dieser Standard erhalten blieb.
Luna lächelte vor sich hin. Neville hatte sich vor einer Viertelstunde mit einem sehr vorsichtigen und überraschend zarten Kuss von ihr verabschiedet, und sie war allein im Raum der Wünsche zurückgeblieben, um noch ein wenig aufzuräumen. Die letzten zehn Minuten allerdings hatte sie dazu genutzt, eine schnelle Zeichnung von Severus´ Gesicht zu machen – sie war der Auffassung, dass er zusammen mit Harry, Ron, Hermine, Ginny, Neville und sogar Draco Malfoy die Decke ihres inzwischen wieder hergestellten Schlafzimmers schmücken sollte. Schließlich waren sie Freunde. Nicht wahr?
Normalerweise waren am Freitagabend Snape und Ginny die Letzten, die den Raum verließen, doch das rothaarige Mädchen war heute wieder einmal mit dem ungeliebten Patrouillendienst an der Reihe, und der Professor schien ebenfalls mit anderen Dingen beschäftigt zu sein, zumindest hatte er sich bis jetzt nicht blicken lassen.
Eigentlich merkwürdig, denn bisher war kein Abend am Wochenende vergangen, ohne dass sie ihn hier gesehen hätte. Luna mochte den ruhigen Mann und musste nun vor sich selber zugeben, dass sie den vertrauten Anblick von Severus ein wenig vermisste, der dem Raum eine ganz eigene Aura der Konzentration und zugleich Gelassenheit verlieh, wenn er völlig in seine Arbeit vertieft am Labortisch stand. Nun, vielleicht steckten er und Harry wieder die Köpfe zusammen, dachte sie mit einem kleinen Lächeln. Oder er spielte mit Ronald Schach.
Severus, Poppy, Pomona und Bill mit Vornamen anzusprechen, war Luna wesentlich leichter gefallen als ihren Kameraden. Sie war von Kindheit an immer nur von Erwachsenen umgeben gewesen, die meisten davon Freunde ihrer Eltern, und sie hatte alle von klein auf nur mit Vornamen gekannt. Sie war daran gewöhnt. Luna Lovegood war nun mal ein Einzelkind, und nach dem Tod ihrer Mutter hatte ihr Vater sie wie eine Erwachsene behandelt.
Die Uhr zeigte halb neun, genug Zeit also noch bis zur Ausgangssperre. Sie als Sechstklässlerin durfte bis elf in den Gängen unterwegs sein, ohne deswegen Probleme befürchten zu müssen. Mit einem Lächeln ging Luna um den Raumteiler herum in die winzige Krankenstation und nahm die alte Gitarre vom hinteren der drei Betten. Seit Neville ihr gesagt hatte, dass ihm ihre Musik gefiel, spielte sie wieder öfter.
Probeweise zupfte sie die Saiten an, drehte kurz ein wenig an einem der Wirbel, machte es sich dann mit dem Instrument auf dem kuscheligen Teppich vor dem Kamin bequem und begann leise zu singen.
Sich in der Musik zu verlieren war so leicht. Jedes der alten irischen Lieder erinnerte sie an das lächelnde Gesicht ihrer Mutter, als diese dem kleinen Mädchen auf dem Kaminvorleger die Melodien beigebracht und dann eine zweite Stimme dazu gesungen oder auf der Flöte gespielt hatte. Und an den träumerischen Blick ihres Vaters, der voller Zuneigung auf ihnen beiden ruhte, wenn sie gemeinsam gesungen hatten. Ganz ähnlich sah Neville sie jetzt oft an, sobald sie nur eine kleine Melodie summte.
Neville…
Sie beide hatten sich heute Abend über die Zukunft unterhalten, und er hatte ihr versichert, dass sie eine Lösung für das Empathen-Problem finden würden. Da Luna die Reisefreudigere von ihnen beiden war und seltene magische Geschöpfe zu erforschen plante, wollte er sich eine Arbeit suchen, die ihn auch über längere Trennungsphasen hinweg trösten würde, anstatt sie zu begleiten. Am liebsten in Hogwarts. Wenn sie es schafften, es wie Monica Lupin und ihr Mann zu handhaben, könnten sie miteinander genauso glücklich werden.
Zu ihrer Überraschung bemerkte Luna plötzlich, dass sie nicht mehr allein war. Sie blickte auf und sah Severus Snape hinter dem kleinen Zweisitzer stehen, die Hände auf die Rückenlehne gestützt. Wie lange er ihr schon zugehört hatte, konnte sie nicht sagen; er musste vollkommen lautlos den Raum betreten haben. Ganz der Spion, dachte sie amüsiert. So leise konnte sich sonst niemand im gesamten Schloss bewegen. Außer den Geistern.
Sie lächelte ihm zu und wechselte mit einem kurzen Zwischenspiel inklusive Tonartwechsel zu ihrem Lieblingslied „Caledonia" über. Publikum hatte Luna noch nie etwas ausgemacht; sie hatte sich diesbezüglich die Einstellung ihrer Mutter zu Eigen gemacht, dass selbst das großartigste aller Talente unnütz war, wenn es verborgen blieb. Und Musik war eine Magie, der sich so gut wie niemand verschließen konnte. Also sang sie weiter.
Während der zweiten Strophe kam Snape ein wenig zögernd um das Sofa herum und setzte sich leise, den Blick auf die Flammen gerichtet, als wolle er sie nicht stören.
Nachdem sie schließlich eine Stunde später die Gitarre zur Seite gelegt hatte und aufstand, fiel ihr Blick auf sein Gesicht. Er sah immer noch ins Feuer, mit völlig abwesender Miene, als wäre er mit seinen Gedanken Hunderte von Meilen weit weg. Doch von Entspannung schien er genauso weit entfernt zu sein. Als Luna sich in den alten zerknautschten Sessel direkt daneben setzte, bemerkte sie erstaunt, dass er ganz leicht zitterte, obwohl es angenehm warm im Zimmer war. Dass sie neben ihn trat, merkte er nicht.
Erst jetzt fiel ihr das Whiskyglas in seiner Hand auf, die kaum mehr halbvolle Flasche auf dem Tisch und seine Finger, die das Glas viel zu fest umklammerten. Was war los mit ihm? Normalerweise trank er wenig bis gar nicht.
Ganz behutsam, um ihn nicht unnötig zu erschrecken, legte Luna ihre Hand auf seinen Arm. So gut wie Mo war sie bei Weitem noch nicht, das war ihr klar, doch selbst sie spürte deutlich, dass er ziemlich durcheinander war. In seinem Inneren herrschte absoluter Aufruhr. Sein Blick stellte sich nur langsam auf sie scharf, und er schien Mühe zu haben, in die Wirklichkeit zurück zu finden.
„Singen Sie nicht weiter?" fragte er schließlich beinahe zaghaft und leerte sein Glas in einem Zug. „Sie haben… Sie haben wirklich eine wunderschöne Stimme, Luna."
Unwillkürlich musste sie lächeln. Das war irgendwie… lieb. Komplimente waren im Normalfall überhaupt nicht sein Ding. Schon daran konnte man deutlich erkennen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. „Später", versprach sie. „Jetzt verraten Sie mir aber erst mal, wieso Sie sich heute Abend unbedingt betrinken wollen. In Ordnung?"
Es dauerte einen Moment, bis er ihre Frage begriffen hatte. Mit gerunzelter Stirn schien er nach einer seiner üblichen geschliffenen Formulierungen zu suchen, doch anscheinend wurde ihm schnell klar, dass das in diesem Moment ein Ding der Unmöglichkeit war. Mit einem resignierten Seufzen beschränkte er sich auf ein Achselzucken. Und obwohl Luna nicht viel Erfahrung mit stärkeren Getränken als Butterbier hatte, war ihr spätestens jetzt bewusst, dass er nicht besonders viel zu vertragen schien.
„Was ist los?" formulierte sie die Frage einfacher, verkniff sich ein Schmunzeln und nahm ihm sanft, aber entschieden die Flasche ab, als er nachschenken wollte. „Warten Sie, Severus, ich mach das. Auch wenn Sie so aussehen, als hätten Sie schon einiges mehr getrunken, als Ihnen gut tut."
Während sie ein wenig von dem Whisky in sein Glas goss, sah sie seine Hände wieder kurz zittern. Nur für ein oder zwei Sekunden, doch das genügte ihr, um Bescheid zu wissen. Poppy Pomfrey, die berufsbedingt – oder vielleicht eher ordensbedingt – eine Menge über den Cruciatus wusste, nannte es ein „Nachbeben": eine Reaktion der überreizten Nervenenden, die sich nur langsam regenerieren konnten.
Und das Dunkle Mal schien zusätzlich die unangenehme Eigenschaft zu haben, eine Art Nachhall des übertragenen Fluches zu speichern, der die Symptome verstärkte. Je nachdem, wie stark der Fluch gewesen war, konnte so etwas noch stundenlang andauern.
„Wieder ein Cruciatus-Fluch?" erkundigte sie sich besorgt, und Severus nickte langsam. „Ein E", gab er müde zurück. „Die werden besser. Und ich wollte… ich konnte nicht… Ich hab versucht mich dagegen zu wehren, aber… ach, Shit."
Shit? überlegte Luna verdutzt. Diese Wortwahl passte absolut nicht zu ihrem Zaubertrank-Professor. Das musste wohl am Alkohol liegen.
Mit frustrierter Miene ließ er sich gegen die Rückenlehne des Sofas fallen, wobei Luna ein wenig seine sonstige natürliche Eleganz vermisste, biss sich unschlüssig auf die Unterlippe und starrte einige Augenblicke ziemlich verloren vor sich hin. Dann nahm er abermals einen großen Schluck Whisky und hielt ihr das leere Glas auffordernd entgegen.
Mit einem zweifelnden Seitenblick nahm Luna ihm das Glas ab und füllte nach. Ihr war klar, dass ihm der Alkohol nichts bringen würde, doch der Versuch, ihn davon abzuhalten, war im Moment nicht besonders empfehlenswert. Sie spürte, dass er innerlich immer noch vor Angst bebte – er war vermutlich allein gewesen, als die Todesser ihm den Fluch auf den Hals geschickt hatten, und dieser war, wie er selbst zugegeben hatte, ziemlich stark gewesen. Kein Wunder, dass er jetzt nicht unten in seinen Kerkern bleiben wollte. Sie sollte heute Abend ein wenig nachsichtig mit ihm sein.
Mit dem vollen Glas in der Hand setzte sie sich neben ihn auf das kleine Sofa. „Meinen Sie wirklich, das Zeug wird Ihnen helfen, Severus?" fragte sie sanft, während er den Whisky erneut mit grimmiger Entschlossenheit hinunterstürzte.
Er starrte sie einen Moment an, als müsste er ihre Worte erst sortieren, bevor sie für ihn einen Sinn ergaben. Dann rollte er sich zu ihrer Überraschung auf dem Sofa zusammen und legte seinen Kopf auf ihren Schoß. „Nein", sagte er gedämpft und ein wenig unentschlossen. „Glaub ich nicht. Ich kann… ich kann nicht mal mehr klar denken. Verflucht."
„Das ist ganz normal", meinte Luna mit einem unterdrückten Lächeln, „Sie sind betrunken, Severus Snape."
Beschwichtigend strich sie ihm übers Haar, und er schloss mit einem leisen, mutlosen Seufzen die Augen: „ Vielleicht, kann sein… Ich glaube schon, ja." Wieder spürte sie kurz, wie er zitterte.
„Und wie fühlen Sie sich?" erkundigte sich das Mädchen aufrichtig besorgt. „Ist Ihnen schwindlig? Oder übel?"
„Ähm… sehr schwindlig", gestand er, „und ziemlich wirr im Kopf. Nicht so benebelt wie unter dem Einfluss von Solacius, nur… irgendwie gedanklich neben der Spur, wenn Sie wissen, was ich meine. Aber es ist anders als beim letzten Mal."
„Beim letzten Mal?" wiederholte Luna leicht amüsiert. Es schien so, als hätte sie etwas verpasst.
Nachdenklich runzelte er die Stirn. „Das erste Mal, da hatte ich so eine Art Sitzung mit Monica, wissen Sie. Wir haben viel über mich geredet. Wie es war, als ich heimkam und feststellen musste, dass meine Mum tot war. Wie ich ein paar Jahre später einen Überfall auf meinen eigenen Vater geleitet hab… Da war ich aber nur ein kleines bisschen angetrunken", fügte er in leicht verteidigendem Ton hinzu, „und ich bin danach einfach eingeschlafen, denke ich. Das zweite Mal – das war nach dem Ausflug in die Winkelgasse. Monica und ich sind irgendwie in dieses irische Pub geraten, und da hab ich wohl eine Menge getrunken… also, nicht nur ich. Alle."
Ein wenig schwerfällig rappelte er sich in eine sitzende Haltung hoch, fasste mit verschwommenem Blick die Muster des Teppichs ins Auge und sprach in so ernsthaftem Ton weiter, dass Luna große Mühe hatte, sich das Lachen zu verkneifen: „Die wandern da tatsächlich von einem Tisch zum anderen, und jedes Mal, wenn sich jemand dazu setzt, gibt es ein neues Glas Feuerwhisky für alle. Und ich hatte drei… oder vier? Moment… das erste haben wir am Anfang bestellt, das war schnell leer. Das zweite hab ich, glaub ich, ausgetrunken, während Monica beim Tanzen war. Das dritte, da hat sie mit der Band gesungen. Das vierte… nein, es waren nur drei. Denke ich. Also, drei große Guinness auf jeden Fall. Plus viel… ziemlich viel Whisky."
Ein wenig unkoordiniert, aber durchaus beherzt stützte er die Ellbogen auf die Knie und legte das Kinn schwerfällig in die linke Hand, während die rechte stur das Whiskyglas festhielt.
Luna schaffte es, eine aufmerksam-interessierte Miene zu bewahren, ohne loszukichern, während ihr Gesprächspartner ein weiteres Glas leerte und, von Zeit zu Zeit nach den richtigen Worten suchend, mit seinem Monolog fortfuhr. Sie wollte ihn auf keinen Fall auslachen – das Ganze war nur ziemlich… ja, was genau war es eigentlich? Drollig? Seltsam? Albern? Nun, zumindest sehr untypisch. Ja, das war die richtige Bezeichnung für die Situation. Untypisch.
„Da war ich zum ersten Mal richtig betrunken, schätze ich. Erst hat mir das gar nichts ausgemacht, ich weiß nur nicht mehr, ob ich bei diesem bescheuerten Abschiedsdings… also, ob ich bei diesem Lied mitgesungen hab, was ich wirklich nicht hoffe, wobei, wäre ja auch egal, weil… naja, da hab ich ja niemanden gekannt… aber dann sind wir raus an die frische Luft. Und das war… tödlich. Ich hab eine ganze Weile gebraucht, bis ich wieder allein stehen konnte. Weil der Boden so geschwankt hat. Monica war der Meinung, ich könnte nicht mehr… ähm… apparieren, deswegen haben wir ein… ein Taxi genommen, und dann hat Molly uns erwischt – das war dann ein bisschen peinlich. Aber es war auch irgendwie witzig, verstehen Sie? Ich glaube, ich war ziemlich albern an dem Abend. Und mir war so ziemlich alles egal. Komplett egal sogar. So egal, dass ich…"
Der Tränkemeister neigte sich ein wenig zu Luna herüber, blieb der Bequemlichkeit halber gleich an ihre Schulter gelehnt sitzen und senkte vertraulich die Stimme: „Ich schätze, ich hab versucht… ich glaub, ich hab… vielleicht ein bisschen mit Miss… ähm, Professor Lupin geflirtet. Oder irgendwas in der Art eben, ich bin nicht sehr gut bei sowas. Und sie sagte… warten Sie mal, ich hab´s gleich… Sie sagte, ich sei niedlich, können Sie sich das vorstellen? Niedlich. Ernsthaft! Und sie hat mich ins Bett gebracht. Mir ging´s gut, und sogar… naja, ich hab zumindest nichts wirklich Schlimmes geträumt. Zur Abwechslung mal. War richtig schön…"
„Kann ich mir vorstellen", meinte Luna amüsiert – nicht nur wegen der Vorstellung eines flirtenden Tränkemeisters, sondern auch wegen seines ungewohnten Mangels an Zurückhaltung.
„Und dann… dann war da noch Silvester", fuhr er leicht abwesend fort. „Molly war da, und sie hat mir gesagt, dass… dass sie…"
Er schluckte, holte tief Luft und flüsterte: „Sie wollte mich damals in ihrer Familie aufnehmen, wissen Sie? Als meine Mum gestorben war… das war… ich weiß nicht. Ich glaube, es hätte mir gefallen. Und… und jetzt betrachtet sie mich wirklich als eine Art Sohn, Luna. Und da war die Bowle, und eine Menge Feuerwhisky, und es war ein lustiger Abend, oder? Und Molly ist bei mir geblieben und hat sich um mich gekümmert wie eine echte Mum. Ich… ich hab mich in dieser Nacht einfach nur wohlgefühlt. Obwohl ich völlig betrunken war. Oder… oder vielleicht genau deswegen, ich hab keine Ahnung."
„Das freut mich für Sie. Familie ist etwas sehr Wichtiges, finde ich, und jeder sollte eine haben. – Scheint so, als wären wir zu früh schlafen gegangen, nicht wahr?" Luna, zutiefst gerührt beim Gedanken an Mrs Weasleys mütterliche Zuwendung dem Professor gegenüber, lächelte freundlich und legte den Arm um seine Schultern, um ihn kurz an sich zu drücken. „Und heute? Wie geht´s Ihnen heute, Severus?"
Snape hob die Schultern und hielt ihr wieder auffordernd das leere Glas entgegen. Luna schenkte nach, und er starrte eine Weile auf die amberfarbene Flüssigkeit, bevor er einen langen Zug des Getränks nahm.
„Heute. Ja, ähm… das. Heute hatte ich einen richtigen Scheißtag", gab er freimütig zu, „und ich hab gehofft, es wäre so wie beim letzten Mal… dass es mir danach besser gehen würde. Aber es ist anders. Und kein bisschen besser. Mir ist furchtbar schwindlig, das ganze blöde Zimmer dreht sich, ich bin durcheinander, ich kann nicht mehr denken – und ich rede Müll. Verflucht viel Müll!" schloss er deprimiert, stellte das Glas auf der Tischplatte ab, stemmte sich mit weitaus mehr Entschiedenheit als Erfolg hoch und versuchte steifbeinig um das Sofa herum zum Ausgang zu staksen.
„Ich geh besser wieder runter. – Oder", murmelte er undeutlich und tastete unbeholfen nach einem festen Halt, den er schließlich in der Rückenlehne des Sofas fand, „vielleicht doch nicht… Oh, so eine verdammte Scheiße… ´tschuldigung, Luna."
