Als der Tränkemeister einen unsicheren Schritt zur Seite machte – haarscharf an der Sofaecke vorbei – ins Schwanken geriet und für seine Begriffe reichlich unelegant abbremste, indem er über die Rückenlehne gebeugt stehen blieb, kam ihm Luna rasch zu Hilfe. Es war wohl besser, ihn so schnell wie möglich wieder aufs Sofa zu verfrachten, als ihn vom Teppich aufsammeln zu müssen, sobald er den drohenden Kleinkrieg gegen die Schwerkraft verlor. Wenn sie das allein überhaupt hinbekam – immerhin war er ein gutes Stück größer als sie und im Augenblick ein bisschen… nun ja, ungeschickt, um es mal vorsichtig zu formulieren.

„Ich denke eher nicht, dass Sie heute noch irgendwo hingehen" bemerkte sie mit einem gutmütigen Lächeln, fasste ihn mit sicherem Griff um die Taille und legte sich seinen Arm um die Schultern, um den nicht gerade standfesten Mann wieder auf die Beine zu hieven.

„Sehen Sie sich an, Severus. Sie können nicht mal mehr gerade stehen, von Laufen wollen wir gar nicht erst reden. In diesem Zustand kommen Sie die ganzen Treppen nicht allein runter, ohne eine Bauchlandung zu machen. Und es ist ziemlich kalt in den Kerkern. Wahrscheinlich ist es besser, wenn Sie im Warmen bleiben. Sie können hier schlafen. Und ich bin da, um Ihnen zu helfen, falls Ihnen doch übel wird. Bei einer ganzen Flasche Feuerwhisky ist das nicht so abwegig, denke ich. Jedenfalls sollten Sie die nächsten Stunden nicht alleine bleiben. Kommen Sie, setzen Sie sich wieder zu mir, dann unterhalten wir uns noch ein bisschen. Ist das in Ordnung? – Sie können die Lehne übrigens loslassen. Nur keine Sorge, ich werde Sie festhalten. Gut so. Das kriegen wir schon hin."

Einen Moment stand er leicht schwankend neben ihr, schien dann aber zu realisieren, dass er Hilfe brauchte, und ergab sich in sein Schicksal.

„Aber… aber ich erzähle nur Mist", wandte er halbherzig ein, klammerte sich haltsuchend an ihr fest und ließ sich wieder aufs Sofa befördern. Luna setzte sich neben ihn und zog ihn sanft zu sich heran: „Severus, Sie hatten einen schlechten Tag. Sie wurden ziemlich heftig angegriffen, und jetzt sind Sie eben durcheinander und ein bisschen betrunken, aber das ist halb so schlimm. Sie brauchen nur jemanden, der sich um Sie kümmert und Ihnen ein wenig Gesellschaft leistet. Das ist schon in Ordnung. Ich hör Ihnen auch zu, wenn Sie Unsinn reden, okay?"

„Es tut mir leid, ich rede sonst nicht so viel", sagte er verlegen und lehnte sich schwer an ihre Schulter, „und schon gar keinen Blödsinn. Mein Verstand ist irgendwie viel zu… ähm… viel langsamer als meine Zunge… ich schätze, das kommt vom Whisky… wenn es Ihnen zu dumm wird, schocken Sie mich einfach."

„Das ist jetzt aber wirklich Blödsinn", schmunzelte das Mädchen. „Reden Sie sich ruhig alles von der Seele, das wird Ihnen nur gut tun. Erzählen Sie mal – warum war heute ein Scheißtag?"

Mit einem tiefen Seufzen setzte Snape sich aufrecht hin und ließ den Kopf hängen. So blieb er für einige Minuten regungslos sitzen, und Luna dachte schon, er sei im Sitzen eingeschlafen.

Als er überraschend doch noch zu sprechen begann, hatte sich sein Verhalten so rasch und vollkommen gewandelt, wie ein Metamorphmagus sein Äußeres verändern konnte: keine Spur mehr von leicht angetrunkener Trägheit; stattdessen wirkte er ausgesprochen unruhig und fahrig. Die schlanken Finger waren ununterbrochen in Bewegung, wanderten rastlos über die Sitzpolster und zupften an den Nähten des Sofas herum. Sein Atem ging sehr rasch, und er verhaspelte sich mehrmals beim Sprechen.

„Ich hatte den ganzen Tag schon – ich hatte ziemliche Kopfschmerzen, und ich wollte früh ins Bett gehen, aber… aber ich musste noch ein paar Drittklässlern Nachhilfe geben und eine Menge Aufsätze korrigieren. Fünfte Klasse, wir behandeln gerade das Thema Mondstein, und ich dachte, das nimmt kein Ende. Nichts Vernünftiges dabei, rein gar nichts. Danach hatten wir eine ungeplante Lehrerkonferenz ohne wirklichen Sinn, und Flitwick hatte Streit mit Minerva wegen irgendwas Blödem, Quidditch oder sowas, und ich wollte eigentlich… eigentlich Okklumentik anwenden. Aber ich hatte schon Migräne, und dann haben die Magenschmerzen an… angefangen… Trelawney hat alles noch unnötig in die Länge gezogen mit ihrem estorisch… österreichischen… nein, mit dem… ihrem esoterischen Quatsch, und ich war erst um halb acht wieder unten. Ich wollte noch einiges für Poppy zu… zubereiten. Dann kam der Angriff, und der war dieses Mal wirklich heftig. Ich… ich war…"

Das alles hatte er überhastet und zunehmend hysterisch heruntergerattert, so dass Luna fast den Eindruck gehabt hatte, seine Worte würden sich gegenseitig überholen. Endlich schnappte er keuchend nach Luft und fuhr dann in fieberhafter Eile fort, als wolle er es schnell hinter sich bringen.

„Ich… ich dachte, ich k-könnte mich dagegen wehren, aber ich hatte keine Chance, und ich war allein, und dann… dann wurde mir übel, und ich glaube, ich lag ziemlich lang auf dem Boden im Klassenzimmer. Ich hatte Angst, Luna – ich hatte Angst, und es war so… so kalt. Ich wollte… ich wollte nicht allein bleiben, also kam ich hier rauf, und Sie haben… Sie haben so schön ge... gesungen, und ich, ich… ich dachte, wenn ich was trinke, würde es besser werden. Aber es ist nicht besser. Überhaupt nicht. Und jetzt… ich fürchte, jetzt wird mir schlecht…"

Er schluckte krampfhaft, schniefte einmal kurz und kämpfte nun sichtlich mit den Tränen, während er unbeholfen versuchte sich hochzurappeln.

„Keine Panik, Severus. Schön langsam. Immer mit der Ruhe. Atmen Sie mal tief durch. Ich geh mit Ihnen ins Bad, ja? Kommen Sie." Luna blieb ganz gelassen. Sie half ihm aufzustehen und fühlte den schmalen Körper erzittern, als sein Magen jäh anfing zu rebellieren.

Gerade noch rechtzeitig erreichten die zwei das kleine Badezimmer hinter der Krankenstation. Der größte Teil des Feuerwhiskys fand seinen Weg in die Toilettenschüssel, und erst eine halbe Stunde später ließ das wiederholte heftige Würgen nach. Schließlich sank der Professor völlig abgekämpft auf dem Boden zusammen. Einige weitere Minuten vergingen, während er mühsam versuchte, seinen Atem unter Kontrolle zu bringen. Vergeblich – die Art, wie er angestrengt und keuchend Luft holte, wies auf eine leichte Panikattacke hin. Damit würde er nicht allein zurechtkommen.

„Langsam", versuchte Luna ihn zu beruhigen. „Tief durchatmen, in Ordnung?"

Luna Lovegood war nicht unbedingt das, was ihr Vater als „visuelle Person" bezeichnete. Das galt eher für Ginny, denn ihr Verstand arbeitete vorwiegend mit Bildern, Farben und Licht. Luna tendierte eher zu Klängen, im Allgemeinen zumindest. Doch als sie nun nach einer Möglichkeit suchte, ihrem Lehrer zu helfen, lieferte ihre Erinnerung ihr ein Bild, das sie neulich erst gesehen hatte – in Severus´ Album.

Es hatte eindeutig den See gezeigt, der sich von Schloss Hogwarts bis weit in die grünen schottischen Hügel hinein erstreckte, und am Ufer hatte Lily Evans gekniet, mit Severus an ihrer Seite. Damals mussten sie ungefähr dreizehn gewesen sein.

Die Oberfläche des Sees war spiegelglatt gewesen, und das Foto musste Hagrid im Frühsommer aufgenommen haben, denn die silbern leuchtenden Blüten des alten Wasserapfelbaumes fielen aufs Wasser hinunter. Damit konnte Luna etwas anfangen.

„Severus", sagte sie leise, immer noch von hinten die Arme um ihn gelegt, „erinnern Sie sich an das Foto von Ihnen und Lily am See? Ja?"

Er nickte zögernd, immer noch mit hektischen, unregelmäßigen Atemzügen beschäftigt, schien aber zumindest zuzuhören.

„Stellen Sie sich dieses Bild vor", leitete Luna ihn sanft an, „sehen Sie sich den See an. Wie glatt das Wasser ist. Wie sich die Hügel und der Himmel darin spiegeln. Wunderschön, nicht wahr? Man kann die ganze Landschaft darin sehen…"

Sie zog ihn ein wenig näher zu sich heran, damit er sich mit dem Rücken gegen sie lehnen konnte, und sprach leise weiter. „Stellen Sie sich vor, Ihr Atem ist der Wind, der übers Wasser weht. Versuchen Sie langsam zu atmen, Severus, damit das Wasser keine Wellen schlägt. In Ordnung? Schön langsam… Gut so. Ganz ruhig atmen. Ja, so ist es besser. Lange Atemzüge… Sehr gut. Konzentrieren Sie sich auf das Foto. Sehen Sie die Blüten? Wie sie auf dem Wasser schwimmen? Die kleinen silbernen Blüten… genau. Die sind von dem Wasserapfel-Baum am Ufer, richtig? Ich finde, sie sehen ein bisschen aus wie die Boote, mit denen die Erstklässler über den See fahren."

Luna spürte, wie Severus sich etwas entspannte, als er sich mehr und mehr auf das Bild konzentrierte, und schließlich den Kopf nach hinten gegen ihre Brust lehnte, die Augen geschlossen. „Wissen Sie, warum die Blüten schwimmen, Severus?" fragte sie in sanftem Ton nach, „können Sie mir sagen, warum sie nicht einfach untergehen?"

Er schluckte hart und holte tief Luft, dann gab er unsicher zurück: „Ober… Oberflächenspannung… Wasser hat eine starke Oberflächenspannung…"

„Richtig", bestätigte sie und zog ihn noch ein bisschen näher heran, „deswegen schwimmen die Blüten. Achten Sie darauf, keine Wellen zu machen, sonst könnten sie trotzdem untergehen. – Was hat Lily damals gemacht, Severus? Wissen Sie das noch?"

Er nickte, inzwischen etwas ruhiger, und flüsterte: „Die… die Blüten. Sie wollte… dass sie bis zum anderen Ufer schwimmen. Sie wollte, dass sie die Hügel sehen…"

Luna lächelte bei dieser Vorstellung. Lily schien wirklich zauberhaft gewesen zu sein – und sehr phantasievoll.

„Zeigen Sie mir, wie sie das gemacht hat?" bat sie, während sie ihn langsam und behutsam bei den Schultern fasste. „Wie bei kleinen Booten?"

„Segel… Segelboote. Sie hat… einfach nur…"

Severus atmete ein paarmal durch, und Luna stellte zufrieden fest, dass er immer noch darauf zu achten schien, keine Wellen zu verursachen. Er musste ebenfalls eine gewisse Affinität zu Bildern haben – und ganz sicher zu Lily Evans. Es war relativ einfach gewesen, seine Aufmerksamkeit ganz auf die Erinnerung an diesen Frühsommertag zu lenken. Und mit etwas Übung würde er genau dieses Bild nutzen können.

„Zeigen Sie´s mir", wisperte sie ihm ins Ohr, und er atmete langsam und tief ein, um dann sehr vorsichtig wieder auszuatmen – als würde er eine Kerze ausblasen… oder schwimmende Silberblüten anpusten, um sie auf eine Reise über den See zu schicken.

„Das ist schön", sagte Luna sehr leise und streichelte sanft seine Schultern, „nochmal, Severus. Es sind so viele Blüten…"

Gehorsam erfüllte er ihre Bitte, und die nächsten Minuten verbrachten sie still damit, Wasserapfelblüten über einen fiktiven See schwimmen zu lassen, bis er völlig entspannt war und wieder ganz ruhig atmen konnte.

„Das haben Sie gut gemacht", meinte Luna schließlich sehr freundlich und schlang vorsichtig die Arme um ihn. „Ich möchte, dass Sie abends vor dem Einschlafen an dieses Bild denken, Severus. Erinnern Sie sich daran, wie wir gerade geatmet haben. Üben Sie es und denken Sie dabei an das Foto, einverstanden? Das ist eine schöne Meditation, wissen Sie? Und Sie können diese Technik anwenden, wenn Sie wieder mal eine Panikattacke haben. Das wird Ihnen helfen."

„Okay…"

Er lehnte sich mit einem leichten Nicken zurück, wandte den Kopf zur Seite und legte die Wange gegen ihren Hals.

Luna ließ ihn in Ruhe. Er sollte genug Zeit haben, um sich die Szene und die Atemtechnik einzuprägen. Das würde ihm ein wenig Sicherheit geben, auch wenn es bei heftigeren Panikanfällen sicher nicht mehr viel bringen würde. Doch es war zumindest eine kleine Rettungsleine…

„Geht´s wieder?" fragte sie schließlich leise. „Wir sollten Sie besser zurück ins Warme bringen, Severus, in Ordnung? Kommen Sie, ich helf Ihnen hoch, und dann gehen wir rüber zum Kamin. Sie sollten sich ein bisschen aufwärmen und vielleicht eine Weile schlafen, bis die Wirkung des Alkohols nachlässt."

Er nickte und versuchte sich unsicher hochzustemmen, bekannte dann aber verlegen: „Luna, ich glaub, ich kann nicht. Tut mir leid… war wohl zu viel… Feuerwhisky, wissen Sie… Mir ist immer noch scheußlich schwindlig…"

„Keine Sorge, das schaffen wir schon. Ich halt Sie fest. Okay? Dann hoch mit Ihnen. Schön langsam. Und keine Angst, ich bin da. Alles gut, Severus."

Hilfsbereit legte Luna ihre Arme um die schlanke Taille des älteren Zauberers, brachte ihn mit viel Geduld zum Aufstehen und dirigierte den unsicher neben ihr her stolpernden Mann umsichtig zurück zum Sofa. Sie brühte rasch eine Tasse Kamillentee auf und nötigte ihn, ein paar Schlucke zu trinken, woraufhin er sich schnurstracks erneut zusammenrollte und das Mädchen aus Ravenclaw als Kissen benutzte. Still rannen Tränen über sein Gesicht, doch er machte keine Anstalten sie vor ihr zu verbergen. Dazu fehlte ihm eindeutig die Kraft. Oder es war ihm selbst überhaupt nicht bewusst.

„Schhh… ist schon gut." Luna strich ihm sanft das strähnige Haar zurück und legte ihre Hand beruhigend auf seine Magengegend. Ganz leise begann sie zu singen. Eine ganze Weile rührte er sich nicht, doch irgendwann versiegten zumindest die Tränen.

„Wie geht´s Ihrem Magen jetzt? Ist Ihnen immer noch schlecht?" fragte sie schließlich voller Anteilnahme, doch Snape schüttelte schwach den Kopf. „Nur… nur noch müde", nuschelte er fast unhörbar und wischte sich fahrig über die Augen. In dieser Verfassung sah er sehr jung aus, kaum älter als Luna und ihre Kameraden, und erschreckend verwundbar.

„Dann schlafen Sie, Severus." Das Mädchen strich ihm tröstend über die Schulter. „Schlafen Sie. Es wird alles wieder gut. Ruhen Sie sich einfach eine Weile aus, in Ordnung? Kommen Sie, trinken Sie noch ein bisschen Tee, der wird Ihren Magen beruhigen."

„Okay…", gab er sehr leise zurück, ließ sich von ihr mit der Tasse helfen, sank danach wieder aufs Sofa und schloss erschöpft die Augen. Er drehte sich mit einem tiefen, zitternden Atemzug auf die andere Seite, vergrub das Gesicht entschlossen in ihrem Pulli und schlang die Arme um ihre Taille wie ein Ertrinkender.

„Sie sind tatsächlich ganz schön durch den Wind", stellte Luna belustigt und gleichzeitig mitfühlend fest, „und Monica hatte Recht: das ist wirklich irgendwie süß, Severus. Sie sind ja richtig anhänglich in diesem Zustand. Na, dann kommen Sie mal her, ist schon gut. Wir kriegen das wieder hin, Sie müssen nur ein paar Nächte ohne Störung durchschlafen können. Es spricht nichts dagegen, die nächste Zeit in diesem Raum zu übernachten, wenn Sie sich hier wohler fühlen als in den Kerkern. Ginny oder ich werden bei Ihnen bleiben, das ist kein Problem. Entspannen Sie sich einfach, ja?"

Benommen blinzelte er zu ihr hoch, drängte sich näher an sie und murmelte undeutlich: „Ach verdammt, warum passiert immer nur mir sowas? Und jedes Mal am Wochenende. Scheiße… tut mir leid, Luna."

Ganz sachte summte Luna die Melodie von „Danny Boy", während sie tröstend sein Haar streichelte, und im Halbschlaf rückte er noch ein paar Zentimeter näher. Sein Bedürfnis nach der Nähe eines anderen Menschen in Verbindung mit – eindeutig – viel zu viel Alkohol ließ ihn seine Reserviertheit komplett vergessen. Heute Nacht brauchte er jemanden, der einfach nur für ihn da war.

Sie nahm ganz kurz ihre Hand weg, um eine Decke aufzurufen und über ihm auszubreiten, versah sie mit einem zusätzlichen Wärmezauber, und danach strich sie langsam und beruhigend mit der Hand über seinen Rücken, bis er endlich eindämmerte.

Man könnte ohne Probleme die Mondscheinsonate auf den einzelnen Rippen spielen, dachte sie erschrocken, war er in London auch schon so dünn?

Das Mädchen versuchte sich zu erinnern. Ja, ganz am Anfang, direkt nach der Schlacht in der Schule und seiner beinahe tödlichen Begegnung mit dieser Schlange, war der schwer verletzte Mann wirklich entsetzlich mager gewesen. Vermutlich hatte das Jahr, als er gezwungen gewesen war, die Schule gegen alle Widerstände aus den Reihen der Schüler und des Kollegiums zu leiten, ihm einiges abverlangt. Seine beunruhigend schlechte Verfassung war einfach niemandem aufgefallen, weil er in der Schule wie üblich seine weiten Umhänge getragen und sich selten blicken gelassen hatte. Und sicher hätte es damals auch niemanden interessiert, geschweige denn beunruhigt.

Molly Weasleys reichhaltige Küche hatte in London bald dafür gesorgt, dass er zumindest gesünder aussah – wenngleich er natürlich immer noch eine relativ schmale Statur hatte. Aber er hatte wenigstens nicht mehr so fragil gewirkt.

Nun allerdings war er von diesem besorgniserregenden Zustand wieder einmal nicht weit entfernt, und auch die Weihnachtsferien hatten offensichtlich nicht sehr viel daran geändert, obwohl sie wirklich darauf geachtet hatten, dass er genügend aß. Seufzend wickelte das Mädchen die magisch angewärmte Decke enger um den schlafenden Zauberer.

Ginny, die nach ihrem Kontrollgang hereinkam, schaute ein wenig irritiert, bis Luna ihr flüsternd den Abend geschildert hatte. Dann zog sie grübelnd die Stirn in Falten und sagte langsam: „Da hat er doch mal ´nen Ansatzpunkt geliefert. Immer am Wochenende – genaugenommen immer in der Nacht von Freitag auf Samstag. Dass uns das noch nicht aufgefallen ist!"

„Du hast Recht", entgegnete Luna erstaunt, „das muss ganz bestimmt einen Grund haben. Nur fürchte ich, wir können den armen Kerl jetzt nicht aufwecken, um ihn zu fragen."

Sie sah Ginny schmunzeln. „Nein, wohl eher nicht. Obwohl ich ja gern mal erleben würde, wie mitteilungsbedürftig er sein kann…"

Schlagartig wurde die angehende Heilerin ernst. „Wir müssen uns wirklich wieder mehr um ihn kümmern, Luna. Ich denke, dieser Zusammenbruch kurz vor Weihnachten und das heute Abend zeigen recht deutlich, dass er immer noch Probleme hat. Er muss aus diesen Kerkern raus, die sind zu kalt, zu gruselig und zu einsam. Ich werd mit McGonagall reden, vielleicht kann er in die Räume umziehen, die sie früher bewohnt hat, als sie noch unsere Hauslehrerin war. Dann wär er zumindest nicht mehr so weit von uns allen entfernt. – Soll ich hierbleiben, oder kommst du allein mit ihm zurecht?"

„Ach", meinte Luna und sah mit einem leisen Lächeln auf den inzwischen völlig entspannt schlafenden Mann hinunter, „ich denke, ich schaff das schon. Er ist so erledigt, dass er die Nacht garantiert durchschläft. Allerdings wette ich um zehn Galleonen, dass unser Professor Snape morgen ein bisschen… unpässlich sein wird."