„Uns ist aufgefallen, dass diese Fluch-Attacken immer nachts von Freitag auf Samstag stattfinden", erklärte Luna Lovegood der versammelten Truppe, als sie nachmittags zum Tee alle zusammensaßen. „Ich nehme an, das ist kein Zufall, immerhin waren es jetzt schon… wie viele?" Mit fragend hochgezogenen Augenbrauen sah sie ihn an.
„Sieben", gab Severus zu und senkte den Blick in seine Kaffeetasse. Er wollte die erschrockenen Mienen der anderen nicht sehen, wenn ihnen klar wurde, dass er ihnen ein paar Zwischenfälle verschwiegen hatte.
„Wie, sieben?" hakte Draco Malfoy irritiert nach. „Das wär ja fast jede Woche, verdammt. Also, ich hatte nur zweimal das Vergnügen. Bisher zumindest. Nicht dass ich mich deswegen jetzt benachteiligt fühle oder sowas, aber seltsam ist es trotzdem, oder?"
„Sie müssen wohl gelernt haben, einen Einzelnen herauszupicken", vermutete Hermine düster. „Und das nach nur zwei Versuchen. Das ging schneller, als ich gedacht hätte. Irgendeiner von denen scheint tatsächlich ein funktionierendes Gehirn zu haben. Oder geheime Informationen, über die wir nicht verfügen."
„Ich tippe auf Lucius. Er war lange Zeit die rechte Hand von Voldemort, bevor er schließlich in Ungnade gefallen ist. Er wird in wesentlich wichtigere Dinge eingeweiht worden sein als ich. Vielleicht kennt er daher auch Einzelheiten über das Dunkle Mal. Und er besitzt in der Tat ein Gehirn, das er durchaus zu nutzen versteht."
Dankbar registrierte Severus, dass niemand daran dachte, ihm Vorwürfe zu machen. Doch er machte sich nichts vor: zumindest von Poppy hatte er ganz sicher noch einen Rüffel zu erwarten. Nun ja, wenigstens schien sie ihn nicht vor der ganzen Gruppe ins Gebet nehmen zu wollen.
„Also schön, das klingt logisch", ergriff Bill Weasley nun energisch das Wort. „Und was hat es jetzt mit diesem ominösen Freitag auf sich, was meint ihr? Severus, Sie kennen Lucius Malfoy am besten von uns allen… Draco vielleicht mal ausgenommen. Was genau könnte ihn veranlassen, seine Aktivitäten immer auf den gleichen Tag zu legen?"
Ratlos hob Severus die Schultern. Er hatte sich das schon den ganzen Tag gefragt – nun, jedenfalls seit er um halb drei wieder aufgewacht war.
Nachdem er sich morgens von Luna verabschiedet hatte, war er eine anfangs etwas verkrampfte Runde um die Schlossgründe gelaufen, um seine schmerzenden Muskeln zu lockern. An und für sich keine schlechte Idee, auch wenn ihm auf halber Strecke wieder speiübel geworden und der Frühstückstoast seither definitiv Geschichte war.
Er hatte rasch geduscht – Haarewaschen war die Hölle gewesen wegen der immer noch heftigen Kopfschmerzen, und er hatte sich wirklich kurz nach Ginnys geschickten und sanften Händen gesehnt – und war dann, ohne sich auch nur abzutrocknen oder einen Pyjama anzuziehen, mit noch nassen Haaren völlig erschöpft ins Bett getaumelt. Die Knoten nach dem Aufwachen wieder herauszukämmen, hatte eindeutig keinen Spaß gemacht. Und er war völlig durchgefroren gewesen, weil er es nicht einmal mehr zustande gebracht hatte, sich zuzudecken. Ehrlich gesagt, ihm war immer noch kalt.
„Es ist eigentlich überhaupt nicht Lucius´ Art, sich auf irgendeine Weise berechenbar zu machen", sagte er nachdenklich und wagte es endlich, seine Teamkollegen anzusehen, „ganz im Gegenteil. Er bevorzugt es, wenn seine Gegner völlig unvorbereitet sind. Und ich kann Ihnen beim besten Willen nicht sagen, was er für Freitagabendtermine hat. Am Wochenende haben wir uns fast nie gesehen, außer es stand ein Treffen an."
„Wieso nicht?" Das war Ginny.
Wieder hob er die Schultern. „Ich nutze meine Wochenenden vorwiegend für die Arbeiten, die etwas mehr Zeit benötigen, als ich unter der Woche erübrigen kann."
„Und Malfoy weiß das?" erkundigte sich Poppy.
Severus nickte stumm und musste sich beherrschen, um nicht die Hände gegen seine Schläfen zu pressen; dank seiner großartigen Idee, sich gegen den Cruciatus mit Okklumentik wehren zu wollen, kündigte sich inzwischen ein nicht minder großartiger Migräneanfall an. Am liebsten wäre er zurück in sein Bett gekrochen und vor Montagmorgen nicht mehr aufgestanden.
Und was, in Dreiteufels Namen, hatte er Luna nach seinem unrühmlichen Versuch, zurück in seine Wohnung zu gehen, eigentlich alles erzählt? Dieser Teil des gestrigen Abends verschwamm in roten Nebelschwaden…
Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, sich zu betrinken, wirklich nicht. Doch die Erinnerungen, die Lunas Gesang in ihm heraufbeschworen hatte, waren so stark gewesen, dass er plötzlich den unglaublichen Drang verspürt hatte, sich ihr anzuvertrauen. Nur… wie anfangen?
Und dann waren ihm seine bisherigen Erfahrungen mit Feuerwhisky eingefallen, und dass es damit wesentlich leichter gewesen war, sich anderen zu öffnen. Außerdem half der Alkohol tatsächlich ein bisschen gegen die Nachbeben, und… irgendwie hatte er die Übersicht verloren. Spektakulär!
Bitte… lass das nicht zur Gewohnheit werden. Du kannst deinen Freunden auch vertrauen, ohne eine exakte Kopie deines Vaters zu werden! Auf Dauer wird dir das nicht helfen, das weißt du. Damit machst du alles nur noch schlimmer…
„Warum haben sie mich in Ruhe gelassen?" grübelte Draco. „Ich meine, ich bin für die genauso ein Verräter. Da hätten sie doch zwei Klatscher mit einem Schläger treffen können, oder etwa nicht?"
„Tja", meinte Hermine langsam, „zumindest dürfte damit klar sein, dass dein Vater mit von der Partie ist. Er ist der Einzige, der ein gewisses Interesse daran haben könnte, dass dir nichts passiert. Du bist immerhin sein Sohn, und ich kenne keinen Vater, der sein Kind leiden sehen will… naja, von Mr Crouch vielleicht mal abgesehen", fügte sie mit deutlich sichtbarem Widerwillen hinzu.
Setzen Sie meinen ruhig auch mit auf die Liste, wenn Sie schon gerade dabei sind…
„Okay..." Draco legte die Stirn in nachdenkliche Falten. „Aber warum am Freitag, das ist mir auch schleierhaft. In der Familie war Freitag immer der Tag, an dem wir gemeinsam etwas unternommen haben. Konzerte, Theater, irgendwelche Gesellschaften, so ein Zeug eben. – Könnte es sein, dass er deswegen freitags jetzt einfach Langeweile hat?" Sein Grinsen machte allen klar, dass diese Vermutung nicht ganz ernst gemeint gewesen war. „Wobei ich diese… gesellschaftlichen Verpflichtungen, ehrlich gesagt, auch ziemlich langweilig gefunden hab. Lauter alte Knacker, und nichts als dummes Gelaber, wenn ihr wisst, was ich meine."
„Und wenn es gar nichts mit Lucius Malfoy zu tun hat?" warf Ginny ein; ihr Blick ruhte fast geistesabwesend auf Severus. „Was genau haben Sie denn in den Jahren vor der Schlacht am Freitagabend gemacht? Immer dasselbe?"
Severus wollte nicht nachdenken müssen. Sein Kopf schmerzte schon übel genug, ohne dass er sein Hirn anstrengte, und nun gesellte sich ein leichtes Schwindelgefühl dazu, nicht schlimm, nur ganz am Rande. Wie kurz nach dem Apparieren.
Die Welt drehte sich nicht um ihn, zumindest noch nicht; er hatte nur immer wieder kurz den Eindruck, sie würde leichte Wellen schlagen. Das war entschieden unangenehm, und es versprach schlimmer zu werden. Ob diese Sache mit dem Foto vom See jetzt helfen würde? Oder würde es nur Poppy auf den Plan rufen? Severus beschloss resigniert, es einfach auszusitzen. Das Treffen konnte ja nicht ewig dauern, und danach konnte er sich einfach wieder in seinem Bett vergraben… und ein bisschen… ähm… meditieren.
Obwohl ihm alles zu hell und zu laut war, versuchte er sich zusammenzureißen. Je schneller sie zu einer Lösung kamen, desto früher konnte er sich hinlegen. Bevor ihm wieder schlecht wurde. Hoffentlich. Und möglicherweise war er sogar müde genug, dass er nicht träumte.
„Meistens stocke ich am Wochenende Poppys Vorräte wieder auf und mache Inventur bei den Zutaten", gab er zurück und widerstand der Verlockung, kurz die trockenen, brennenden Augen zu schließen. „Und ich habe meine eigenen Projekte."
„Die Versorgung des Krankenflügels zu sabotieren, macht keinen Sinn", sagte Bill entschieden. „Ich denke nicht, dass eine Handvoll Todesser versuchen will die Schule anzugreifen. Und selbst wenn, würden sie sich dabei sicher nicht auch noch darauf verlassen, dass Poppy eventuelle Verletzungen nicht kurieren kann. Was sind das für Projekte, Severus?"
„Nichts, was für solche Leute interessant wäre", winkte er ab. „Ich versuche eigentlich nur, alte Rezepte zu verbessern oder zu vereinfachen, ab und zu stelle ich auch Variationen von bestehenden Tränken her. Das sind Aufgaben, die in der Zunft denjenigen Meistern zufallen, die selber keine Lehrlinge ausbilden: Forschung und Entwicklung."
„Nicht schlecht", bemerkte Ginny anerkennend, „dann kann es das aber auch nicht sein. Ich denk nicht, dass die Todesser auf sowas stehen. Oder ist da irgendwas Gefährliches dabei?"
„Glaub ich nicht", meldete sich Neville überraschend zu Wort. „Soweit ich weiß, haben Sie sich auf die medizinische Sparte spezialisiert, richtig?"
Als alle ihn verwundert ansahen, setzte er verlegen hinzu: „Ich hab Sie so oft mit dem Zeug arbeiten sehen… und ich hab mir ein paar Ihrer Veröffentlichungen durchgelesen."
Er lief leicht rosa an und lächelte Severus schüchtern zu. „Die sind echt gut. Seitdem seh ich viele meiner Pflanzen mit ganz neuen Augen. Sie sollten sich wieder mehr damit beschäftigen, wenn das Ganze hier vorbei ist. Seit Ihrem letzten Artikel in Moderne Tränke sind schon ein paar Jahre vergangen – aber der war wirklich brillant! Sie haben ein Talent dafür, die Zusammenhänge verständlich zu erklären, sogar ich hab´s kapiert. Und ich bin ganz sicher kein wissenschaftliches Genie."
Jetzt war Severus ehrlich verblüfft. Neville Longbottom interessierte sich ernsthaft für seine Forschungsarbeiten? Hätte ihm das vor einem Jahr jemand gesagt, dann wäre er in hysterisches Gelächter ausgebrochen. Es war allerdings richtig, dass das Ganze eine Menge mit Kräuterkunde zu tun hatte – und darin war der Junge wirklich ein As. Es gab also durchaus eine logische Verbindung. Trotzdem… es war überraschend. Und, wenn er ganz ehrlich war, sogar ein wenig schmeichelhaft.
„Oh… Danke, Neville."
Er griff nach seiner Kaffeetasse, wobei er sich Mühe gab, die Hände so ruhig wie möglich zu halten. Gar nicht so einfach, wenn der Kreislauf in den Keller und der Magen gleichzeitig Richtung Kehle zu rutschen drohte.
Oh, bitte, nicht schon wieder. Dieser verdammte Feuerwhisky. Dämlicher Idiot, musste es wirklich die ganze Flasche sein? Und wie kann irgendjemand freiwillig mehr als einmal im Leben einen solchen Kater in Kauf nehmen? Das ist es wirklich nicht wert, oder?
Nach einem großen Schluck des abscheulich lauwarmen Getränks stellte er die Tasse rasch wieder ab, lehnte sich im Sessel zurück und konzentrierte sich auf seinen Atem, während er sich gleichzeitig auf die Zunge biss, um das stärker werdende Schwindelgefühl zurückzudrängen.
Behalt wenigstens den Kaffee unten… Luna und Ginny bringen dich um, wenn sie das mitbekommen.
„Na schön", seufzte Monica und bedachte ihn mit einem unangenehm forschenden Blick, „also ist es auch nicht der Inhalt Ihrer Arbeiten, der Malfoys Leute interessiert, schätze ich. Was dann?"
„Ich weiß es nicht." Resigniert schüttelte Severus den Kopf. „Vielleicht liegen wir auch komplett falsch…"
Oh, ooh. Strategischer Rückzug. Jetzt.
Severus schluckte krampfhaft und stand auf. Darauf bedacht, nicht allzu gehetzt zu wirken, wandte er sich der kleinen Krankenstation zu und verschwand im angrenzenden Badezimmer, wo er leise die Tür hinter sich schloss. Aufatmend lehnte er sich gegen das dunkle Holz. Der Kaffee in seinem Magen war inzwischen ziemlich unmissverständlich damit beschäftigt, ihm die Kehle hinaufzusteigen.
Am ganzen Leib bebend umklammerte er kurz darauf das Waschbecken; sein gesamter Mageninhalt – sprich: die halbe Tasse Kaffee von vorhin – war in der Toilette verschwunden und hatte nur ein unangenehm flaues Gefühl hinterlassen. Doch immerhin: er stand noch auf seinen eigenen Beinen, auch wenn seine Knie dabei bedrohlich zitterten, als wollten sie jede Sekunde nachgeben.
Langsam drehte Severus den Wasserhahn auf, trank ein paar Schlucke und ließ das beruhigend kalte Wasser über seine Handgelenke rinnen, bis der Schwindel etwas nachließ.
Das sollte dir eine Lehre sein, dachte er, während er seinem ziemlich elend und bleich aussehenden Spiegelbild einen gequälten Blick zuwarf und ein erneutes Würgen zu unterdrücken suchte. Cruciatus, Okklumentik und Feuerwhisky sind eine hässliche Kombination, Trottel.
Er spritzte sich Unmengen kaltes Wasser ins Gesicht und setzte sich schließlich mit gesenktem Kopf auf den Toilettendeckel, weil ihn eine weitere Welle der Übelkeit überrollte. Wenigstens war es hier kühl und ruhig.
Die weißen Fliesen schienen sich allerdings ganz leicht in einem konstanten Rhythmus zu heben und zu senken, als würde ein ganzer Ozean im Schlaf atmen, und sein Magen passte sich bereitwillig dieser Bewegung an. Aber wenn er nicht zu lange und zu genau hinsah, musste das Schwindelgefühl doch sicher mit der Zeit nachlassen. Severus warf einen letzten, angeekelten Blick auf die Fliesen und zwang sich, stattdessen an die spiegelglatte Oberfläche des Sees zu denken. Es konnte zumindest nicht schaden, ruhig und tief zu atmen, oder?
Atmen, Sev. Mach einfach die Augen zu und atme. Denk an den See. Denk an Lily und die Blüten. Silberblüten auf ruhigem, kühlem Wasser. Als würden sie über den Himmel schwimmen… Langsam einatmen… pusten… nochmal. Ganz vorsichtig. Einatmen… und pusten. Ein… Aus… Ein… Aus…
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis jemand leise an die Tür klopfte, doch Lunas Methode hatte ein wenig geholfen. Vorsichtig öffnete er die Augen: die Fliesen bewegten sich nicht mehr. Merlin sei Dank für kleine Gnaden… und für Miss Lovegod!
„Severus?" fragte Ginny zaghaft, öffnete die Tür ein Stück und spähte zu ihm herein. „Alles in Ordnung?"
„Geht schon", gab er matt zurück, während die junge Frau das Bad betrat und ihre Hände zwei oder drei Minuten lang an seinen Schläfen ruhen ließ. Er spürte dankbar, wie ihre Energie in ihn hineinsickerte, sich verstärkte und nach einer Weile ganz langsam wieder abschwächte, bevor Ginny ihre Hände sinken ließ und nach einem Handtuch griff, um sein immer noch nasses Gesicht abzutrocknen.
„Meine Güte, Sie sehen wirklich schrecklich aus. Harte Nacht, was?"
Dann riss sie die Augen auf und packte ihn bei den Schultern: „Mensch, das ist es!" Mit diesen rätselhaften Worten ließ sie ihn sitzen und eilte zu den anderen zurück. „Ich kann mir denken, worum es geht, Leute!"
Ein wenig unsicher auf den Beinen, aber ansonsten einigermaßen wieder hergestellt, folgte Severus dem Rotschopf langsam zu der kleinen Sitzgruppe. Er achtete nicht auf die besorgten Blicke, die das Team wechselte, und setzte sich wieder, während er Ginnys Erklärung lauschte. Erleichtert bemerkte er, dass der unangenehme Druck in seinem Schädel spürbar abgenommen hatte, und nahm zögerlich den gebutterten Toast entgegen, den Luna ihm reichte.
„Erinnert ihr euch an das erste Mal, als die Todesser das Mal aktiviert haben?" begann das rothaarige Mädchen. „Da hat es Draco und Severus erwischt. Allerdings, rein theoretisch, wenn es der gleiche Fluch war… also, wenn nur ein Fluch angewandt wurde, was ich als ziemlich sicher annehme, dann hätte es beide gleich stark angreifen müssen, oder?"
„Sie waren wesentlich schlimmer dran", bemerkte Poppy an Severus gewandt. „Ginny hat Recht. Warum ist mir das nicht komisch vorgekommen? Eigentlich ist es völlig unlogisch, wenn ich bedenke, dass Sie – Verzeihung, wenn ich es so ausdrücke – schon an eine solche Behandlung gewöhnt sein müssten. Rein von der Überlegung her hätte Draco angegriffener sein müssen als Sie, Severus… Sie sehen übrigens ein bisschen grün aus, vielleicht sollten Sie sich lieber etwas hinlegen", fügte sie wenig charmant hinzu und fasste ihn scharf ins Auge.
Hätte ich längst getan, wenn dieses unsägliche Treffen nicht wäre, Sie nervige alte Glucke. Lassen Sie mich doch einfach in Ruhe. Zum tausendsten Mal: Sie sind nicht meine Mutter. Merlin sei Dank!
„Dankeschön…", knurrte er, ohne sie anzusehen, „sehr freundlich."
„Gern geschehen", schoss sie pikiert zurück. Sie hatte es ja noch nie leiden können, wenn er sich ihren Anordnungen widersetzte; da konnte diese Frau wirklich unleidlich werden. Und diesmal hatte sie auch noch Recht. Verdammt nochmal. Seufzend wandte Severus sich wieder der kleinen Runde zu. Ging das Ganze auch etwas schneller? Er hörte sein Bett bis hierher nach ihm rufen.
„Genau das ist der Punkt", nickte Ginny, ohne den kurzen Schlagabtausch zu kommentieren. „Sorry, Draco, das heißt jetzt ganz sicher nicht, dass du ein Weichei bist – aber Severus ist ein ziemlich zäher und sturer Kerl. Es hätte eigentlich andersrum sein müssen. War es aber nicht, und ich kann euch auch sagen warum."
„Hat das irgendwas mit dem Freitag zu tun?" erkundigte sich Hermine ein wenig irritiert, offensichtlich verärgert darüber, dass nicht sie zum richtigen Schluss gekommen war. „Ich sehe die Verbindung nicht, Ginny."
Doch Severus sah sie ganz deutlich – jetzt, da Ginny ihn praktisch mit der Nase darauf gestoßen hatte. „Draco war ausgeruht, während ich ein wenig… angeschlagen war. Darum geht es, oder?" Vorsichtig nahm er einen Bissen von seinem Toast, in der leisen Hoffnung, dass sein Magen dagegen nicht auch sofort wieder protestieren würde.
„Exakt." Ginny nickte knapp. „Sie waren ziemlich erledigt an dem Abend, und das sind Sie am Wochenende eigentlich immer, weil es da ja grundsätzlich spät wird. Es ist doch so: Sie vergessen komplett die Zeit, wenn niemand auftaucht und Sie ins Bett schickt. Ich wette, Lucius Malfoy ist sich dessen bewusst. Er kennt Sie ja schon ´ne ganze Weile. Und Ihr Meister, dieser Yaxley… er ist auch einer von denen. Es gibt Gewohnheiten, die legt man nicht ab. Sicher waren Sie als Lehrling schon genauso, richtig?"
Sie holte tief Luft und fuhr wütend fort: „Die sind ausschließlich hinter Ihnen her, Severus. Draco musste die ersten beiden Male vermutlich einfach nur deswegen mitleiden, weil die noch nicht rausgefunden hatten, wie das mit dem Auswählen funktioniert. Bei diesen ersten Versuchen hat es genau genommen jeden erwischt, der das Mal trägt. Jetzt sind sie schlauer, und siehe da, Draco hat keine Probleme mehr."
„Oder er hatte einfach das Glück, dass sie seine Signatur oder was auch immer kannten", bemerkte Severus halblaut. „Mit diesem Wissen konnten sie ihn von der Gästeliste streichen."
„Ich Glückspilz", kommentierte Draco mit säuerlicher Miene, „jetzt stellt sich nur noch die Frage: was bezwecken sie damit?"
„Rache", vermutete Monica, und zum Erstaunen aller erhellte ein kleines triumphierendes Lächeln ihr Gesicht. „Aber die haben nicht weit genug gedacht, glaub ich. Wenn sie es nämlich geschafft haben, das Dunkle Mal für ihre Zwecke zu nutzen, dann könnten wir es umgekehrt auch. Wir müssen einfach rausfinden, wie das mit dieser Spur funktioniert – vielleicht haben wir damit dann die Möglichkeit, die Typen aufzuspüren und zu erwischen."
Einen Moment blieb es still. Severus dachte angestrengt nach, während er den Rest Toast aß und verwundert feststellte, dass dieser offenbar unten zu bleiben gedachte.
„Das geht auch einfacher. Finden wir heraus, wie wir sie zu uns rufen können. Harry und ich haben in den Ferien schon einen groben Plan ausgearbeitet." Er sah auf und ließ den Blick über das Team wandern. „Es ist riskant, und wir werden die Hintermänner damit nicht in die Finger bekommen, aber…"
„Moment mal", rief Hermine entrüstet, „reden wir hier wirklich davon, dass Sie den Lockvogel spielen wollen? Das ist Irrsinn, Severus, und das wissen Sie genauso gut wie ich. Wir können nicht mal abschätzen, wie viele die sind, und Sie wollen sie tatsächlich in eine Falle locken? Mal ganz abgesehen davon, dass diese – wie viele waren das beim ersten Mal, Mo? Sechs? Also, dass diese sechs Typen garantiert nicht auf den Ruf eines Unbekannten hören werden, da wären sie echt dümmer als Felsentrolle."
„Ich hatte ja eben schon erwähnt, dass wir die Köpfe der Organisation damit nicht erwischen, Hermine", gab Severus ein wenig gereizt zurück. „Aber das Fußvolk könnten wir auf einen Schlag festsetzen. Es wäre eindeutig besser als gar nichts. Wir sollten uns darauf konzentrieren, statt zu versuchen das Dunkle Mal loszuwerden. Das können wir später auch noch machen. Im Moment kann es uns mehr nützen als schaden."
„Schauen Sie in den Spiegel, und dann behaupten Sie das nochmal", murrte Hermine.
