Am nächsten Abend blieb Hermine bei Severus im Raum der Wünsche, damit Ginny die Möglichkeit hatte, Poppy Pomfrey und Monica Lupin zu treffen und sich mit ihnen zu besprechen. Vorläufig waren sie übereingekommen, dass ihr Hauslehrer besser im Raum der Wünsche übernachten sollte, und hatten einen Schichtplan aufgestellt: jeweils eines der Mädchen würde nachts auf ihn achten.
Sie ließ Snape keinen Moment allein, da Ginny sie bereits gewarnt hatte: es war durchaus möglich, dass es nachts trotz des Schlafmittels, zu dem Mo ihn erneut verdonnert hatte, ein paar Probleme gab. Um die Gefahr einer Abhängigkeit so gering wie möglich zu halten, hatte die Heilerin bewusst die Dosis halbiert, was zwar ausreichend Schlaf garantieren sollte, allerdings auch zu vereinzelten Albträumen führen konnte.
Doch der dunkelhaarige Mann wirkte relativ entspannt, als sie ihn gegen halb Zehn in eins der Betten in der kleinen Krankenstation steckte und ihm sein abendliches Glas Saft mit Schlaftrank reichte. Er legte sich widerspruchslos hin, gähnte unterdrückt und warf ihr einen beinahe entschuldigenden Blick zu.
„Scheint so, als könnte ich einfach nie genug schlafen", stellte er fest und gähnte erneut, bevor er das Glas leerte und zur Seite stellte. „Vermutlich wäre dieser Trank überhaupt nicht nötig. Ich mutiere auch so schon zum Murmeltier."
„Naja, Sie haben immer noch eine Menge nachzuholen, stimmt´s?"
Stirnrunzelnd brach Hermine ab und zog die Decke ein wenig zur Seite. Etwas hatte ihre Aufmerksamkeit erregt – etwas am rechten Handgelenk des Tränkemeisters, das dort eigentlich nicht hin gehörte und ihr zuerst einen gehörigen Schrecken versetzte. Doch sie fasste sich rasch wieder.
„Wie ist das denn passiert?" fragte sie leise, umfasste Snapes Handgelenk mit den Fingern und strich mit dem Daumen behutsam über die zwei weißen, parallel verlaufenden Narben auf der Innenseite seines Arms.
Mit Bedacht hatte sie die Frage genau so und nicht anders formuliert – sie wollte ihm auf keinen Fall das Gefühl geben, sie würde ihn für einen potentiellen Selbstmörder halten. Sich auf diese Weise aus der Verantwortung zu stehlen – ob diese nun eingebildet war oder nicht – wäre für diesen Mann niemals in Frage gekommen. Und wenn, dann hätte er es richtig gemacht!
Gut, die Narben sahen aus, als wären sie bereits viele Jahre alt. Aber Hermine konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Severus in jüngeren Jahren eine völlig andere Einstellung gehabt haben sollte. Aus welchen Gründen auch immer. Er war schon als Junge ein Kämpfer gewesen, hatte Hagrid Ginny erzählt, und diesen Eindruck hatte auch das Wenige vermittelt, das sie über seine Vergangenheit erfahren hatten.
Trotz der langsam einsetzenden Wirkung des Schlaftranks schien er die Absicht hinter ihrer Frage zu verstehen, denn als er zu ihr aufsah, war der Ausdruck in seinen Augen beinahe wachsam. Doch er machte keine Anstalten, den Arm aus ihrem Griff zu winden, sondern beschränkte sich auf ein wegwerfendes Achselzucken.
„Nur ein Unfall", gab er in neutralem Ton zurück, der ganz deutlich machte, dass er die Sache nicht für wichtig erachtete. „Ich liege doch wohl hoffentlich nicht falsch, wenn ich vermute, dass Sie mich nicht für einen Feigling halten, oder?" In leichtem Spott hob er eine Augenbraue und warf ihr einen herausfordernden Blick zu. In diesem Moment erinnerte er sie sehr an sein früheres Selbst – abzüglich des beißenden Sarkasmus.
Hermine lächelte verhalten vor sich hin. Das hätte sie sich ja denken können! Er erriet wie so oft ihre Gedanken und brachte das Thema ziemlich direkt zur Sprache. Naja, jedenfalls besser, als wenn er sich wie früher einfach vor einem Gespräch gedrückt hätte. In dieser Hinsicht hatten sie enorme Fortschritte gemacht.
„Nein", bestätigte sie ruhig, „Sie liegen nicht falsch. Im Gegenteil. Feigheit ist überhaupt nicht Ihr Ding, und jeder von uns weiß das. – Also, was war das für ein Unfall? Wenn… wenn ich fragen darf", fügte sie zaghaft hinzu. Es gab Dinge, über die würde er niemals sprechen, da war sie sich sicher.
Kurz war es ruhig, während Snape darüber nachdachte. Dann nickte er ergeben und versuchte sich seufzend hochzustemmen. „Sie dürfen. Und vielleicht kann ich Ihnen die Frage auch noch komplett beantworten, bevor mich dieses Schlafmittel wieder aus dem Verkehr zieht."
„Oh, machen Sie sich keine Sorgen", beeilte sie sich zu versichern, „Monica hat Ihnen nur die Hälfte der normalen Dosis verordnet. Gerade genug, dass Sie einigermaßen problemlos schlafen können."
„Sie können sich gar nicht vorstellen, wie mich das freut", gab er so trocken zurück, dass Hermine sich das Lachen nicht mehr verkneifen konnte. Ein wenig widerstrebend ließ er sich von ihr helfen, und gleich darauf saß er im Bett, mit dem Rücken gegen zwei dicke Kissen gelehnt, während sich die junge Frau den Stuhl ans Bett herangezogen hatte. Wieder gähnte er, bevor er sich ihr zuwandte.
„Das stammt von einem Gürtel."
Die Geschichte war schnell erzählt: Tobias Snape war eines Abends, nachdem er wie schon so oft vergeblich versucht hatte einen neuen Job zu finden, frustriert und betrunken nach Hause gekommen und hatte seinen Ärger wie üblich an seiner Frau auslassen wollen. Und der dreizehnjährige Severus hatte sich schützend vor seine Mutter gestellt und den breiten Ledergürtel mit seinem Arm abgefangen, den der Herr des Hauses bei solchen Gelegenheiten gern als Peitschenersatz benutzte.
„Besser mein Arm, als ihr Gesicht", schloss er mit einem erneuten, sehr ausgiebigen Gähnen, während Hermine ihn geschockt anstarrte. „Vermutlich wären nicht einmal Narben als Beweis zurückgeblieben, wenn dieser idiotische Magiehasser ihr wenigstens dieses eine Mal erlaubt hätte, ihren Zauberstab zu benutzen."
„Aber das… Severus, das ist häusliche Gewalt", stotterte das Mädchen fassungslos. „Dafür hätte man ihm das Sorgerecht entziehen können, ist Ihnen das klar? Vielleicht wäre er sogar ins Gefängnis gekommen – mit ausreichend Beweisen. In einem solchen Fall lauten Muggel- und Zauberergesetze tatsächlich gleich. Haben Sie in der Schule je mit jemandem darüber geredet? Oder ihn angezeigt?"
Noch bevor er den Kopf schüttelte, wurde ihr klar, dass der junge Severus niemanden gehabt hatte, dem er genügend vertraut hätte – nicht einmal in der Schule. Selbst Lily Evans schien er nicht alles erzählt zu haben, was bei ihm zuhause passierte, nur dass seine Eltern sich stritten. Und vermutlich hätte er sich eher die Zunge abgebissen, als einen Vertrauensschüler oder Lehrer einzuweihen.
„Hat nie jemand etwas bemerkt?" fragte sie leise nach. „Poppy Pomfrey zum Beispiel? Oder Professor Dumbledore? Ihr Hauslehrer vielleicht?"
„Nein." Jetzt war sein Ton eindeutig abweisend. „Ich habe mich selber um solche Sachen gekümmert. Es gibt einige sehr gute Bücher über Medimagie in der Bibliothek von Hogwarts."
Er starrte ein paar Augenblicke mit finsterem Gesicht die Bettdecke an, biss sich auf die Unterlippe und weigerte sich strikt sie anzusehen. „Lucius Malfoy hat mich einmal in der Jungentoilette überrascht, kurz nach Beginn des zweiten Schuljahres", gestand er dann tonlos. „Ich wollte mich gerade um ein paar blaue Flecken und eine angeknackste Rippe kümmern. Lucius hat sich die Sache angesehen und mich kurzerhand in den Krankenflügel geschleppt. Poppy hat einen riesigen Aufstand veranstaltet und meinen Hauslehrer zu sich zitiert…"
Mit angehaltenem Atem beugte Hermine sich etwas vor. „Und?"
„Nichts und." Severus sah grimmig drein und lieferte eine erstaunlich gute Imitation von Horace Slughorn: „Nun übertreiben Sie mal nicht, Poppy, der Junge wohnt nun mal in einem recht armen Viertel voller arbeitsloser Muggel. Und er ist in einem schwierigen Alter. Jungs in der Pubertät neigen dazu, sich mit anderen zu streiten. Wenn an Ihren Vermutungen etwas dran wäre, hätte sich seine Mutter längst ans Zaubereiministerium gewandt oder zumindest Albus benachrichtigt. Das sind doch alles nur harmlose Streitereien gewesen, nicht wahr, mein Junge?"
„Schwachsinn!" entfuhr es Hermine, die sich ein wütendes Schnauben nicht verkneifen konnte. „Slughorn hat das als Kindereien abgetan? Im Ernst? Ich frage mich immer wieder, wie so ein rückgratloser Idiot jemals Hauslehrer werden konnte."
„Die Wege des Herrn sind unerforschlich", bemerkte Snape mit stoischer Ruhe, die zum Teil sicher durch den Schlaftrank verursacht wurde. „Ich hatte jedenfalls keine Lust, ihm zu widersprechen. Bei meinem Glück wäre Poppy sonst gleich zum Schulleiter gerannt, und der hätte mit Sicherheit das Ministerium unterrichtet. Etwas später hätte die ganze Schule aus dem Tagespropheten davon erfahren, und auf dementsprechende Kommentare meiner Mitschüler aus Gryffindor konnte ich gut und gern verzichten."
Hermine nickte stumm. Ja, das wäre sicher das Letzte gewesen, was der junge Slytherin gewollt hätte: Spott und Hohn von seinen Kontrahenten, und von seinen eigenen Hausgenossen, die ihn gerade erst halbwegs zu akzeptieren begonnen hatten, bestenfalls eine Runde Mitleid. Und wie sie wusste, reagierte Severus sehr allergisch auf Mitleid!
„Und was ist mit Poppy? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie nichts dagegen getan hat."
„Machen Sie ihr keine Vorwürfe, Hermine. Sie konnte nichts unternehmen, solange ich ihren Verdacht nicht durch eine offizielle Aussage bestätigte. Sie hatte keinerlei gesetzliche Handhabe. Alles was sie tun konnte, war, mich alle zwei Wochen für eine Untersuchung in den Krankenflügel zu bestellen, und an jedem ersten Tag nach den Ferien. Aber ich war gut genug bei der Anwendung von Heilzaubern, um sämtliche Spuren bereits im Hogwarts-Express zu beseitigen. Ich… ich wollte einfach nicht, dass… dass jeder davon erfährt. Ist auch egal, so schlimm war es nicht. Ich war ja immer nur ein paar Wochen zuhause. Ich war sicherer vor ihm als meine Mutter. Und es ist inzwischen fast dreißig Jahre her…"
Mittlerweile hatte das Schlafmittel das Kommando übernommen. Snape lehnte sich schweigend in die Kissen zurück, während die Müdigkeit ihn übermannte, und blinzelte schläfrig. „Wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben", murmelte er, „dann entschuldigen Sie mich jetzt bitte, Hermine. Ich habe eine dringende Verabredung mit Morpheus…"
„Natürlich." Sie zwang sich zu einem kleinen Lächeln. „Dann will ich Sie mal nicht länger aufhalten. Kommen Sie, legen Sie sich besser wieder hin, sonst schlafen Sie demnächst noch im Sitzen ein."
Er nickte mit bereits halb geschlossenen Augen, lehnte sich an sie, während sie die Kissen hinter seinem Rücken hervorholte, und ließ sich von ihr in die magisch angewärmten Decken einhüllen. Eine Minute später lag er in tiefem, ruhigem Schlaf, während Hermine neben dem Bett saß und ihr nachdenklicher Blick auf seinem Gesicht ruhte.
Ganz in Gedanken versunken griff sie erneut nach seiner Hand und fuhr die zwei dünnen, weißen Narben mit dem Finger nach, die ihn dauerhaft an seinen Vater erinnern würden. Für den Rest seines Lebens.
Sie war äußerst beeindruckt von dem Mut, den der dreizehnjährige Junge aufgebracht hatte, um seine Mutter zu beschützen. Und wütend auf Horace Slughorn, dessen Pflicht als Lehrer es – ihrer Meinung nach – gewesen wäre, beim kleinsten Verdacht den Snapes einen Hausbesuch abzustatten. Immerhin war er für die Schüler aus Slytherin verantwortlich gewesen!
Sie konnte nicht umhin, Lucius Malfoy für seine Entschlossenheit gedanklich zehn Punkte zu verleihen – anscheinend war er nicht völlig grundlos zum Vertrauensschüler ernannt worden. Er hatte zumindest versucht, einem jüngeren Mitschüler zu helfen, auch wenn seine Bemühungen schlussendlich erfolglos geblieben waren. Vielleicht war das einer der Gründe für die langjährige Freundschaft der beiden Slytherins gewesen.
Hermine versuchte sich vorzustellen, wie Poppy Pomfrey sich in dieser Situation gefühlt haben musste. Es war sicher schrecklich frustrierend gewesen, nichts für den Jungen tun zu können, weil dieser sich weigerte zu reden und die Gesetze – genau wie in der Muggelwelt – erst dann griffen, wenn die Beweislast ausreichend war. Sprich: erst dann, wenn einem Kind etwas wirklich Übles zustieß, durfte die zuständige Behörde eingreifen! Und das war traurig genug.
Die meisten Opfer häuslicher Gewalt – egal ob minderjährig oder erwachsen – wagten es nicht, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, das wusste Hermine natürlich. Sie fürchteten die Rache ihrer gewalttätigen Väter oder Ehepartner, versuchten andere Angehörige vor diesen zu schützen, hatten Angst davor, wie Freunde, Bekannte und Nachbarn auf ihre Enthüllungen reagieren würden, sie schämten sich oder gaben sich sogar selbst die Schuld an ihrem Schicksal. Und ohne ihre Aussage konnten ihre Peiniger genauso weitermachen wie gewohnt. Bis eines schönen Tages etwas passierte, was die verfahrene Situation von Grund auf veränderte.
Bei den Snapes war das Ganze irgendwann einfach eskaliert, das hatte Harry ihr erzählt. Tobias hatte seine Frau kurz vor dem Ende von Severus´ viertem Schuljahr zu hart angefasst, und sie war an ihren Verletzungen gestorben. Daraufhin hatte der Mann sich vom Acker gemacht und den fünfzehnjährigen Jungen sich selbst überlassen, der seinen Vater nur wenige Jahre später aufgespürt und sich grausam für alles gerächt hatte. Doch er hatte sich immer beharrlich geweigert zum Mörder zu werden.
Kopfschüttelnd lehnte sich Hermine vor und strich Snape ein paar verirrte Strähnen aus dem Gesicht, die Finger der anderen Hand immer noch um sein Handgelenk gelegt. In der Vergangenheit dieses Mannes schien es nicht viel Gutes gegeben zu haben – und doch hatte er es irgendwie geschafft, etwas Anständiges mit seinem Leben anzufangen.
Hagrid hatte Recht gehabt: Severus war tatsächlich ein Kämpfer!
