„Bleiben Sie nach der Stunde hier, Longbottom."
„Ja, Sir." Neville fuhr mit dem Finger über den Rand seines leeren Kessels, beschämt genug, um Snapes Blick konsequent auszuweichen. Was war heute nur mit ihm losgewesen?
Seit seinem Erfolg in Snapes erster Stunde – egal wie klein er auch gewesen war – war für ihn alles viel besser gelaufen als in den Jahren zuvor. Er hatte tatsächlich angefangen, sich für den Stoff zu interessieren, hatte inzwischen sogar Spaß daran und war bei Weitem nicht mehr so ungeschickt am Kessel wie früher. Neville mochte Zaubertränke!
Dass der Professor inzwischen ein völlig anderer Mensch im Klassenzimmer war, hatte ihm dabei geholfen. Er hatte keine Angst mehr davor, etwas falsch zu machen, weil ihm jetzt keine unfairen, boshaften Bemerkungen mehr drohten, und ihm war klargeworden, dass Severus und er ein gewisses Interesse für Heilpflanzen teilten. Seit Neville versuchte, Zaubertränke als Partnerfach zu Kräuterkunde zu sehen, war er für seine Begriffe richtig gut darin geworden. Er half seinem Lehrer sogar dabei, die Tränke für den Krankenflügel zu brauen. Snape hatte ihm diese Aufgabe anvertraut, und Neville war entschlossen gewesen, dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen.
Neville kam klar in Zaubertränke. Wirklich! Er war zwar keine echte Koryphäe wie Hermine, aber er kannte die Grundlagen, konnte Zusammenhänge erkennen und hatte es bisher immer vermeiden können, wie ein völliger Trottel auszusehen. Er hatte für den Unterricht gelernt, seine Aufgaben gewissenhaft erledigt und durchaus anständige Arbeiten abgeliefert. Bis heute.
Und jetzt hatte er einen Standardtrank schlimmer versaut als ein unfähiger Erstklässler!
Wenn er ganz ehrlich war, dann wusste er, wo das Problem lag. Nicht daran, dass er den simplen Tranquilitas-Trank nicht hinbekam, den Snape sie heute hatte brauen lassen – das war einer der Tränke, die nicht im Lehrbuch standen, aber hin und wieder als Prüfungsaufgabe ausgewählt wurden. Nein, den Tranquilitas hatte er inzwischen schon ein paarmal zusammen mit Luna im Raum der Wünsche gebraut, und immer erfolgreich.
Aber genau das war der Grund gewesen, richtig? Luna. Er war mit seinen Gedanken bei Luna gewesen statt beim Rezept. Weil er sich sicher gewesen war, dass er genug Routine bei diesem Trank hatte. Zu sicher.
Behalten Sie immer das Rezept im Hinterkopf und Ihren Kessel im Auge.
Neville erinnerte sich nur zu gut an Snapes Worte, und er wusste, dass er genau diese nicht beherzigt hatte. Er hatte schlicht und einfach nicht aufgepasst, weil er lieber in Erinnerungen an den gestrigen Abend geschwelgt hatte. In Erinnerungen an die ruhige Stunde in der menschenleeren Bibliothek, wo er zusammen mit seiner Freundin in einer gemütlichen kleinen Nische gesessen hatte. Wo sie sich geküsst hatten, ohne viel zu reden. Wie schön es mit ihr gewesen war. Wie glücklich er war.
Er hatte nicht einmal bemerkt, dass der Inhalt seines Kessels heftig angefangen hatte zu blubbern… bis sein Trank übergekocht und über die Kante des Arbeitstisches auf den Boden geflossen war.
Snape hatte ihn ungeduldig zur Seite geschoben und mit einer raschen Handbewegung die Flammen unter dem Kessel gelöscht, was der Sache ein rasches Ende bereitet hatte. Er hatte Neville nur angesehen, ohne ein Wort zu sagen, doch das war auch gar nicht nötig gewesen. Es war deutlich erkennbar gewesen, wie sauer er war. Nein, eigentlich nicht sauer. Eher enttäuscht, und das war irgendwie noch schlimmer.
Heute hatte er sich seine null Punkte redlich verdient, das musste Neville ehrlich zugeben. Er hatte – da Snape keine Anstalten machte, die stinkende Brühe verschwinden zu lassen – seinen Kessel ausgeleert und die restliche Stunde damit verbracht, seinen Arbeitsplatz sauber zu machen, während der Rest der Klasse Phiolen mit Proben von größtenteils gelungenem Tranquilitas abfüllte und zum Benoten nach vorn brachte.
Beschämt blieb Neville auf seinem Platz sitzen, als die anderen das Klassenzimmer verließen. Die Tür schloss sich hinter dem letzten Grüppchen von Schülern, und der junge Mann wartete ergeben auf seine Strafpredigt.
Die nicht kam.
Stattdessen hörte er das Rascheln von schwerem Stoff, als Snape sich an seinen Schreibtisch setzte – und dann ein schweres Seufzen.
Erstaunt sah er hoch und musterte seinen Professor, der die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben hatte.
„Sir?" fragte er zögernd. „Ist alles in Ordnung?"
„Johanniskraut, Neville", sagte Snape müde, ohne auf seine Frage einzugehen. „Johanniskraut. Ein Auszug auf Ölbasis. Ein Inhibitor. Das sollten Sie wissen, Sie haben diesen Trank schon oft genug gebraut. Wie um Himmelswillen konnten Sie das nur mit Wermut-Aufguss verwechseln?"
„Ich…"
„Wermut-Aufguss hat eine alkoholische Basis. Alkohol, Neville. Alkohol, der bei entsprechender Hitze stark reagiert. Ein Aktivator. Stoff der dritten Klasse. Ich dachte, über solche Grundlagentheorie sind Sie längst hinaus… Bin ich wirklich so ein schrecklicher Lehrer, dass ich es nicht geschafft habe, Ihnen die Unterschiede beizubringen?"
„Was?"
Verdutzt starrte Neville den Mann an. „Nein… Himmel, Severus, ich hab was falsch gemacht. Okay? Ich hab geträumt und nicht aufgepasst, und das ist einzig und allein meine Schuld, nicht Ihre. Ich war mit den Gedanken woanders. Tut mir Leid, ehrlich. Das hat doch nichts mit Ihren Fähigkeiten als Lehrer zu tun. Wie kommen Sie bloß auf so eine dumme Idee?"
Snape antwortete nicht. Er blieb reglos sitzen, und Neville war sich nicht einmal sicher, ob der Professor ihn überhaupt gehört hatte. Was bei Merlins fleckigem Spitzhut war nur los mit ihm?
Ein wenig unentschlossen stand er auf, ging nach vorne zum Lehrerpult und lehnte sich neben Severus gegen die Tischkante. „Hey", sagte er leise und legte ihm die Hand auf die Schulter, „haben Sie mir zugehört?"
Langsam sah der schlanke Mann zu ihm auf. „Was?"
„Ich hab gesagt", wiederholte Neville geduldig, „es war meine Schuld. Ich weiß das alles, Severus, okay? Ich kenne den Unterschied zwischen Hemmstoffen und Aktivatoren. Ich hab nur… ich war unkonzentriert. Ich hab an Luna gedacht und nicht aufgepasst. Dämlicher Anfängerfehler. Tut mir leid. Aber es war mein Fehler, Severus, nicht Ihrer. In Ordnung?"
Snape zuckte nur stumm die Achseln, was Neville ehrlich gesagt etwas irritierte. „Was zur Hölle ist los?" hakte er nach. „Wie kommen Sie bloß auf die Idee, Sie seien kein guter Lehrer? Das ist Unsinn, und das wissen Sie. Also, was ist wirklich los?"
„Unsinn?" Snape sah aus, als wolle er ihm widersprechen. „Ist es das wirklich? Ich habe nicht genug Geduld für diesen Job, Neville. Ich… ich erwarte zu viel von meinen Schülern, ich bin ungeduldig und muss mich ständig dazu zwingen, nicht die Beherrschung zu verlieren. Ich hasse es, mich ständig wiederholen zu müssen, und ich werde nachlässig. Ich hätte sehen müssen, dass Sie Zutaten auf dem Tisch stehen haben, die Sie überhaupt nicht für diesen Trank brauchen. Ich…"
„Halt." Neville fasste den Mann bei den Schultern, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Jetzt mal langsam, ja? Was wollen Sie damit sagen? Dass Sie lieber was Anderes machen würden? Mögen Sie Ihren Job nicht?"
„Doch…"
Snapes Stimme war so leise, dass Neville Mühe hatte, ihn zu verstehen, also zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn.
„Aber?" drängte er.
Wieder ein Achselzucken.
„Oh, um Himmelswillen, Severus, reden Sie einfach mit mir." Neville atmete bewusst durch und bemühte sich, seine Frustration nicht allzu deutlich zu zeigen. „Oder mit jemand anderem. Aber fressen Sie nicht alles in sich rein. Das bringt nichts. Lassen Sie sich helfen, wenn Sie Probleme haben. Wir sind Ihre Freunde, okay? Ich dachte, das hätten wir inzwischen klargestellt. Wir sind Ihre Freunde, und Sie können mit uns reden. Über alles, verstehen Sie?"
„Ich glaube", gab Severus langsam und nachdenklich zurück, „das ist Teil des Problems…"
Er hob abwehrend die Hand, als Neville Einwände erheben wollte, und sprach zögernd weiter. „Ich lebe immer noch in zwei Welten, Neville. In der einen sind Sie meine Freunde, und in der anderen meine Schüler. Es ist schon schwer genug, ein Leben in den Griff zu bekommen. Das private, meine ich. Es wird langsam etwas einfacher, dank Ihrer Hilfe. Nur… da ist dieser andere Teil. Der Unterricht. Und auch in diesem Bereich musste ich… nein, ich musste nicht, ich wollte es. Ich wollte mich ändern. Das tun, was ich eigentlich immer wollte. Niemand hat mich gezwungen, Lehrer zu werden; ich wollte unterrichten. Mein Wissen weitergeben, Schüler für mein Fach begeistern, die Talente unter ihnen fördern. Und ich will es immer noch. Aber es ist schwerer als ich dachte. Und… und ich weiß nicht, ob… ob ich es richtig mache, wissen Sie?"
Das war alles?
Neville hätte vor Erleichterung fast laut aufgelacht, hielt sich jedoch zurück, als ihm klar wurde, wie schwer das alles für einen Menschen wie Severus Snape sein musste. Er konnte natürlich nicht wissen, ob er sich einigermaßen wie ein guter Lehrer verhielt – oder ob es sich nur für ihn selbst gut anfühlte, weil er Spaß dabei hatte. Spaß, den man ihm in fast allen Stunden ganz deutlich ansehen konnte!
Außerdem hatte der Mann bisher nicht viele echte Freunde gehabt. Hatte er möglicherweise Angst, sie zu verlieren, wenn er sich ihnen gegenüber im Unterricht wie der Lehrer verhielt, der er nun mal war?
Na, diese Sorge konnte Neville ihm zumindest nehmen, richtig?
„Sie machen das großartig", versicherte er ihm ruhig. „Und uns ist klar, dass Sie uns im Unterricht wie alle anderen Schüler behandeln müssen, nicht wie Ihre Freunde. Genau wie andersrum auch. Wenn wir Fehler machen, dann ist es Ihr Recht und Ihre Pflicht als Lehrer, sich darum zu kümmern. Keine Sorge, keiner von uns wird Sie fallenlassen, wenn Sie uns mal Strafarbeiten aufgeben oder irgendwas in der Art. Wie Sie gesagt haben: das sind zwei völlig verschiedene Welten. Wir wissen das, und wir können damit umgehen, in Ordnung? Keiner von uns wird Sie deswegen hängenlassen."
Snape sah nicht sehr überzeugt aus, fand Neville. Und dessen nächste Worte bestätigten seine Befürchtung, dass der Ältere immer noch Probleme damit hatte, ihren Beteuerungen Glauben zu schenken. „Irgendwann gehen sie alle, Neville. Manche früher, manche später, aber irgendwann geht jeder. Bisher hat mir noch jeder den Rücken zugekehrt. Jeder."
„Dann haben Sie bisher einfach die falschen Leute gekannt", versuchte Neville ihn zu überzeugen. „Ich werde nicht gehen. Keiner von uns wird gehen. Wir sind Ihre Freunde, und das bleiben wir auch. Wir lassen Sie nicht einfach so im Stich. Punkt."
„Hm…"
„Severus", sagte Neville eindringlich, „hören Sie zu, in Ordnung? Kann schon sein, dass jeder Sie bisher allein gelassen hat. Dass Sie nichts anderes erwarten, weil Sie nichts anderes kennen. Aber Sie sollten uns eine Chance geben, Ihnen das Gegenteil zu beweisen. Sie gehen damit kein Risiko ein, wenn Sie ohnehin nicht viel erwarten, oder? Aber wenn Sie falsch liegen – und das ist so, das versichere ich Ihnen – dann wird das eine wunderbare Erfahrung für Sie sein…"
„Oder…"
Snape brach ab, schluckte hart und flüsterte dann: „Oder ich habe Recht, Neville. Und wenn es so ist, dann… dann wird es wirklich wehtun. Schlimmer als bei allen anderen vorher. Weil ich Ihnen glauben möchte… Ich will nicht erleben müssen, dass Sie sich einfach abwenden und gehen. Das… das würde ich nicht… ich könnte es nicht ertragen."
„Also gehen Sie lieber von Anfang an auf Abstand und rechnen mit dem Schlimmsten. Verstehe."
Neville nickte bekümmert, schob dann kurzentschlossen jede Vorsicht beiseite, stand auf und schloss den schlanken Mann in die Arme. Der schnappte überrascht und hörbar nach Luft, machte aber keine Anstalten, sich zu befreien, so dass Neville ihn noch fester an sich drückte.
„Sie können uns vertrauen, Severus", erklärte er ruhig, „wir lassen Sie nicht allein. Geben Sie uns die Chance, Ihnen zu beweisen, dass es auch anständige Leute gibt, in Ordnung? Ich verspreche Ihnen, wir werden Sie nicht enttäuschen. Und ich werde Ihnen das noch tausend Mal sagen, wenn Sie es so oft hören müssen, um mir zu glauben. Okay?"
Schweigen war die einzige Antwort. Kurz befürchtete Neville, Snape würde einfach zusammenbrechen oder anfangen zu weinen. Er war sich nicht ganz sicher, ob er damit umgehen könnte. Für solche Sachen waren Ginny und Luna zuständig! Doch endlich spürte er, wie die Muskeln des Professors sich langsam entspannten und sein angestrengter Atem sich beruhigte, während er ihn festhielt, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
„Eine Chance. Okay?" hakte er schließlich nach, und Snape nickte zögernd.
„Gut. Danke, Severus."
Der junge Mann hielt den älteren noch ein paar Minuten an sich gedrückt, dann ließ er ihn los und setzte sich wieder neben ihn, eine Hand tröstend auf die Schulter seines Lehrers gelegt, während dieser den Blick entschlossen auf die Schreibtischplatte heftete.
„Und was Ihre Qualitäten als Lehrer angeht", fuhr Neville mit einem Lächeln fort, um die Situation ein wenig zu entspannen, „da bin ich wohl die beste Messlatte. Sehen Sie sich meine Noten an. Vergleichen Sie sie mit denen aus den letzten Jahren. Können Sie den Unterschied sehen? Ich bin um Welten besser geworden in Zaubertränke. Jetzt hab ich sogar die Chance, einen UTZ in diesem Fach zu schaffen."
Als Snape ihm einen unsicheren Blick zuwarf, nur um gleich darauf wieder die Tischplatte anzustarren, bemerkte er gelassen: „Ich versichere Ihnen, ich hab auch in den Jahren vorher gelernt, und nicht weniger als jetzt. Der Unterschied ist, dass ich den Stoff jetzt kapiere. Weil Sie verdammt gut im Erklären sind. Weil ich keine Angst mehr davor habe, Sie zu fragen, wenn ich etwas nicht verstehe. Sie haben jede Menge Geduld mit Ihren Schülern, und Sie geben sich genau so viel Mühe wie wir. Und das ist ein ganz schöner Fortschritt, würde ich sagen. Stellen Sie Ihr Talent nicht in Frage. Seien Sie verdammt nochmal einfach der Lehrer, der Sie immer sein wollten. Jetzt haben Sie die Gelegenheit, also nutzen Sie sie."
Er hielt kurz inne, um sich seine weiteren Worte sorgfältig zurechtzulegen, und fuhr dann fort: „Wissen Sie, diese ganze Sache ist für beide Seiten eine komplett neue Erfahrung. Aber keine schlechte, wenn Sie mich fragen. Wir müssen uns nur alle erst an die veränderten Bedingungen gewöhnen, und in dieser Phase kann es schon mal ein paar kleine Rückschläge geben. Sie werden Ihre Fehler machen, und wir die unseren. Aber das sollte man nicht gleich überbewerten. Und es ist absolut kein Grund, gleich aufzugeben."
Er grinste und schubste seinen Gesprächspartner freundschaftlich mit der Schulter an. „Heute hab ich was falsch gemacht. Na und? Es wird immer mal wieder jemand etwas falsch machen, Severus. Einfach aus dem Grund, weil Kinder und Jugendliche in Ihren Klassen sitzen. Wir sind nicht immer so aufmerksam und konzentriert, wie wir es sein sollten, und uns fehlt die Erfahrung. Wir müssen noch viel lernen. Ansonsten müssten wir wohl kaum zur Schule gehen, richtig? Wir sind Menschen. Genau wie Sie auch. Und kein Mensch ist perfekt; deswegen wird sicher ab und zu irgendwas schiefgehen. Das gehört einfach irgendwie dazu, gerade in einem Fach wie Zaubertränke. Aber das bedeutet ganz sicher nicht, dass Sie kein guter Lehrer sind. Okay?"
Nun endlich hob Snape den Kopf und sah ihn an. Ein kaum sichtbares Lächeln spielte um seine Mundwinkel, als er zurückgab: „Sie scheinen sich da ziemlich sicher zu sein."
„Bin ich", bestätigte Neville nachdrücklich. „Wenn Sie mir nicht glauben, dann sehen Sie sich die Noten von allen Schülern an. Stellen Sie meinetwegen eine Statistik auf oder zeichnen Sie eine Leistungskurve oder sowas, wenn Sie´s auf die akademische Tour haben wollen. Sie werden sehen, dass die meisten deutlich besser geworden sind. Jeder freut sich auf Ihren Unterricht. Und wenn das nichts wert ist, dann weiß ich auch nicht mehr, was ich noch sagen soll. – Ehrlich, Severus, Zaubertränke gehört inzwischen zu den beliebtesten Fächern bei allen Schülern. Und ich wette mit Ihnen, dass die meisten Jüngeren es nach ihren ZAG-Prüfungen nicht abwählen werden. Wir lernen eine Menge bei Ihnen, und es macht allen Spaß. Sogar Ihnen, oder? Leugnen ist zwecklos!"
„Es macht Spaß, ja. Erstaunlicherweise." Jetzt schmunzelte der Professor tatsächlich. „Ich war mir nur nicht ganz sicher, ob es das sollte… für den Lehrer, meine ich."
Er grinste ein wenig verlegen, als hätte dieses Geständnis ihn selbst überrascht, und winkte dann ab: „Ach, vergessen Sie´s. Ich rede Unsinn, Neville. Vielleicht bin ich einfach müde… Danke fürs Zuhören. Und für die Aufmunterungsrede… ich schätze, das hab ich einfach mal gebraucht. Tut mir Leid, dass ich Ihnen jetzt dafür danken muss, indem ich Ihnen einen Aufsatz aufgebe. Die Unterschiede zwischen Inhibitoren und Aktivatoren und ihre Verwendung bei medizinischen Tränken, bis zur nächsten Stunde."
„Geht klar, kein Problem", lachte Neville gutmütig und klopfte ihm auf die Schulter. „Wenn ich Schwierigkeiten damit habe, bitte ich meinen Lehrer um Hilfe, der ist da ganz gut drin. – Ähm… wo wir schon gerade von gut reden", schwenkte er um zu einem anderen Thema, „wie sieht´s aus, haben Sie schon mal überlegt, wie wir das mit dem Training machen? Ich meine… Harry hat gesagt, Sie haben einen Plan, um die restlichen Todesser nach Askaban zu bringen. Sie wollten uns doch beibringen, wie man richtig kämpft und alles, stimmt´s? Und wir haben schon mit einigen anderen geredet. Die DA-Leute sind alle total begeistert, wissen Sie? Jeder will dabei sein, wenn es den Kerlen an den Kragen geht, schätze ich. Und Draco hat gemeint, Blaise Zabini hätte auch Interesse… der ist gar nicht so übel, wenn man ihn ein bisschen näher kennenlernt."
Neville war klar, dass er redete wie ein Wasserfall, aber er konnte sich nicht zurückhalten. Die Vorstellung, die drohende Gefahr endgültig loszuwerden, war einfach zu verlockend. Und er musste zugeben, dass er, seit Harry mit der Sache herausgerückt war, selber unglaublich scharf darauf war, zusammen mit einem Mann von Snapes Kaliber für einen Kampf zu trainieren. Es war ein Ziel, das sie alle nur noch fester zusammenschweißen würde, und Neville konnte es kaum erwarten, mehr als nur das Tränkebrauen von Snape zu lernen – und ihn tatsächlich kämpfen zu sehen.
Bisher hatten sie ihn ja nur in diesem lächerlichen Duell gegen Lockhart erlebt, was für ihn sicher keine große Herausforderung gewesen sein konnte, wenn Neville dem Glauben schenkte, was seine Oma ihm über Severus erzählt hatte. Der ehemalige Spion hatte einen glänzenden Ruf, was sein Talent in Duellen betraf. Gerüchten zufolge spielte er ungefähr in der gleichen Liga wie Flitwick, und der war immerhin früher mal Weltmeister im Duellieren gewesen. Plus: Snape kannte beide Seiten, was immer ein Vorteil war!
„Ich muss erst mit der Schulleiterin sprechen, Neville", erklärte Severus mit weitaus weniger Enthusiasmus, doch etwas in seinen Augen leuchtete auf und strafte seinen sorgfältig beherrschten Ausdruck Lügen. „Wir werden mehr als nur einen Trainer brauchen, wenn Sie die halbe Schule anschleppen wollen, also werde ich Minerva bitten, die Ordensmitglieder dazu zu holen. Die meisten Schüler werden erst einmal ausgiebig üben müssen, um ungefähr auf DA-Level zu kommen, und das allein wird schon einige Zeit in Anspruch nehmen. Sie haben Recht, wir sollten bald damit anfangen."
Er sah Neville direkt an und sagte geradeheraus: „Ich möchte Sie und die anderen bitten, Ihren Mitschülern anständige Vorbilder zu sein. Nach den… ähm, Ereignissen der letzten Jahre könnte ich mir vorstellen, dass einige der Slytherins die Gelegenheit gerne nutzen würden, um allen zu zeigen, auf welcher Seite sie stehen. Ich kann die meisten der älteren Slytherin-Schüler ziemlich gut einschätzen, und ich bitte Sie, ihnen eine faire Chance zu geben. Nicht jeder Slytherin gehörte zu den Todessern, und nicht alle Kinder haben die Ansichten ihrer Eltern geteilt. Diejenigen, bei denen ich Bedenken hätte, sind dieses Jahr nicht in der Schule aufgetaucht. Der Rest… nun, lassen Sie es mich so ausdrücken: die meisten haben sich angepasst oder sich zumindest bedeckt gehalten, um ihre Familien oder sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Das mag nicht sehr heldenhaft sein, aber es war für viele die einzige Möglichkeit, am Leben zu bleiben. Seien Sie nicht zu hart mit ihnen, bitte."
Langsam nickte Neville. Das war absolut typisch für Severus. Er dachte schon wieder einige Züge voraus und nutzte sein gesamtes Wissen, um für alle das Beste aus der Situation zu machen. Und er setzte sich entschlossen für die Schüler aus Slytherin ein, auch wenn er nicht mehr direkt für sie verantwortlich war – um ihnen die Chance zu geben, die er damals als Schüler nicht bekommen hatte.
Was irgendwie erschreckend… gryffindormäßig war, oder?
