46. Das erste Training.

„In Ordnung, Herrschaften." Snapes Stimme war ruhig und gelassen. „Sie werden lernen müssen zu kämpfen, wenn wir das durchziehen wollen. Wir wissen nicht, wie stark der Gegner ist, und wir werden auf engem Raum agieren müssen, damit keiner der anderen irgendwie entkommen kann. Das ist schon aus dem einfachen Grund gefährlich, weil wir uns gegenseitig wesentlich mehr behindern werden als in offenem, weitläufigem Gelände. Das wird unschön werden, meine Damen und Herren, das kann ich Ihnen jetzt schon garantieren."

Harry schluckte und ließ den Blick über seine Mitschüler wandern, die allesamt ernst aber entschlossen wirkten. Dass das hier ein ganz anderes Kaliber sein würde als ihre damaligen DA-Übungsstunden, war ihm klar gewesen, seit sie begonnen hatten zu planen. Doch aus Snapes Mund hörte sich das alles noch einen Tick schlimmer und gefährlicher an. Es war, um es einmal milde auszudrücken, hochgradig riskant.

„Sie werden trainieren müssen, gegen mehrere Gegner gleichzeitig zu kämpfen, falls notwendig. Und Sie werden auf erbitterten Widerstand treffen, machen Sie sich das von vornherein bewusst. Dieser Einsatz ist tödlicher Ernst, und der Fehler eines Einzelnen kann uns alle das Leben kosten. Behalten Sie das immer im Hinterkopf."

Der gesamte Orden war zum Training angetreten, außerdem Harrys Kameraden von der DA, viele weitere Schulkameraden, und dank der Bemühungen von Monica Lupin und Blaise Zabini hatten sogar ein paar nervös wirkende Slytherins den Weg zu ihnen gefunden. Der siebte Jahrgang war beinahe komplett anwesend, stellte Harry erstaunt fest.

Sie hatten sich vor einer Wand im Raum der Wünsche versammelt, der sich nach Snapes Anweisungen in eine Art alte Fabrikhalle verwandelt hatte. Riesige gerippte Abluftrohre mit einem knappen Meter im Durchmesser zogen sich an der Decke und den Wänden entlang, und der Raum selber war ein verwirrender Irrgarten aus Metalltreppen, Laufstegen mit Gitterboden, Zwischenetagen und ausgemusterten Produktionsmaschinen.

Alles in allem war die Sache wirklich unübersichtlich. Doch auf diesem Terrain würden sie später tatsächlich kämpfen müssen, sobald sie sicher waren, dass der Plan gelingen konnte.

Harry wandte seine Aufmerksamkeit wieder Snape zu, der in schwarzen Cargohosen, Turnschuhen und einem grauen Shirt mit der Aufschrift „Hogwarts-Schule" vor der Gruppe auf und ab ging; wie der Mann es schaffte, trotz der Muggelkleidung einen durch und durch magischen Eindruck zu hinterlassen, war ihm ein Rätsel.

„Umhänge und Ähnliches werden Ihnen in solch einer Umgebung nur hinderlich sein, also schlage ich vor, Sie ziehen Muggelsachen an. Und trainieren Sie jetzt schon in der Kleidung, die Sie auch beim Einsatz tragen werden. Die Gegenseite wird aufgrund der Zaubererkleidung anfangs ein wenig im Nachteil sein, aber ich schätze, sie werden sich recht schnell darauf einstellen; unterschätzen Sie unsere Gegner auf keinen Fall."

Hastig wurden überall Umhänge ausgezogen und an den Wänden abgelegt, während der Professor diejenigen ins Auge fasste, die nicht im Orden waren: „Wer noch nicht volljährig oder kein Phönix ist, wird draußen im Gelände agieren, wir werden dort mindestens zwei Teams benötigen. Plus eine Rettungstruppe. Niemand kann von Ihnen verlangen, sich mehr als notwendig in Gefahr zu begeben. Doch Sie sollten mit uns trainieren, falls es wider Erwarten doch ein paar Todesser ins Freie schaffen, was ich allerdings nicht glaube. – Die Ordensmitglieder…"

Er dachte kurz nach, dann warf er Minerva McGonagall einen Blick zu. „Minerva, Sie und die erfahrenen Kämpfer des Ordens sollten sich mit ihren Teams in den Außenbereichen der Halle verteilen und sicherstellen, dass keiner entkommt. Potter und Konsorten, Sie bleiben in meiner Nähe. Wir werden die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken versuchen. Aber das liegt noch in der Zukunft. Vorerst werden wir uns auf normales Training beschränken. – Schulleiterin?"

„Also schön", ergriff McGonagall das Wort, „hören Sie bitte genau zu. Wir werden erst in Zweiergruppen üben, bis alle die notwendigen Flüche, Gegenflüche und Schutzzauber beherrschen. Das wird sicher einige Zeit dauern. Erst dann werden Sie in Gruppen trainieren, sich gegen mehrere Angreifer gleichzeitig zu behaupten. Wie das aussehen kann, werden wir Ihnen gleich demonstrieren."

Auf ihren Wink hin lösten sich Kingsley, Fleur, Bill und Charlie Weasley aus dem Pulk der Ordensmitglieder und traten in die Mitte des Raums. Snape ging ihnen langsam entgegen, und Harry stellte fest, dass sein Hauslehrer plötzlich völlig verändert schien. Seine Haltung wirkte fast lässig, doch seine Miene war konzentriert und angespannt, während die anderen Phönixe ihn einzukreisen begannen. „Okay", meinte er herausfordernd, „here we go."

Und dann brach die Hölle los. Jedenfalls sah es für Harry und die anderen Zuschauer so aus, als unvermittelt Flüche durch den Raum zischten. Ihm war klar, dass es nur ein Showgefecht war, doch trotzdem starrte er fasziniert auf das Geschehen.

Jeder der Phönixe hatte einen ganz eigenen Kampfstil, stellte Harry schnell fest. Kingsley, bedächtig und vorausschauend, setzte seinen Zauberstab ohne unnötiges Gefuchtel ein und war sehr treffsicher. Fleur, elegant und furios, bewegte sich auch in dieser Situation leichtfüßig und graziös; sie schien der beschützende Part des Viererteams zu sein. Sie griff kaum selbst an, außer um sich zu wehren, war aber aufmerksam genug, im Notfall auch ihre Kameraden mit Schildzaubern zu schützen.

Aus Bill und Charlie sprach die reine Kraft und Energie. Die beiden erinnerten auf verblüffende Weise an Feuergeister mit ihren flammend roten Haaren, und sie blieben selten lange auf einer Position, sondern wirbelten um die anderen Kämpfer herum. Sie konzentrierten sich komplett auf ihren Gegner, wobei Bill ein wenig bedachter zu Werke ging als der stämmigere Charlie, der sich impulsiv in den Kampf warf.

Doch Snape stellte sie alle in den Schatten. Seine hochgewachsene Gestalt war mitten unter ihnen, und Harry erkannte, dass der dunkelhaarige Zauberer trotz seiner schmalen Statur viel Kraft und Ausdauer hatte. Obwohl er immer noch beinahe so mager war wie in den Wochen seiner Genesung, schien er Muskeln und Sehnen aus Stahl zu haben, und er hatte seinen Körper perfekt unter Kontrolle.

Der ehemalige Todesser bewegte sich kraftvoll und elegant, schwang den Zauberstab wie eine Peitsche gegen seine Angreifer, schien die Bewegungen der anderen schon im Voraus zu ahnen und hielt sie sich mit gezielten Fluchattacken vom Leib. Wenn sich die Gelegenheit bot, setzte er auch den einen oder anderen völlig ohne Zauberei kurzzeitig außer Gefecht, um sich danach den anderen zu widmen. Ihm war, kurz gesagt, jedes Mittel recht, um sein Ziel zu erreichen. Und obwohl das Ganze schon ziemlich gefährlich aussah, umspielte ein spöttisches kleines Lächeln seine Mundwinkel. Er schien das tatsächlich zu genießen, und Harry war sich ziemlich sicher, dass der Mann noch lange nicht mit vollem Einsatz kämpfte.

Es dauerte keine zehn Minuten, bis die fünf Phönixe sich voneinander trennten. Grinsend klatschten Bill und Charlie sich ab, während sie wieder in die Reihen des Ordens zurückgingen, und die Schüler brachen in begeisterten Applaus aus. Harry stellte beeindruckt fest, dass sein Hauslehrer noch nicht einmal groß außer Atem war – er selber hätte inzwischen vermutlich gekeucht wie eine Dampflok mit undichtem Kessel.

„Sie sehen", wandte sich Snape an die Zuschauer, die wie gebannt auf ihn starrten, „dass man nicht automatisch im Nachteil sein muss, wenn man es mit mehreren Gegnern zu tun bekommt. Dieses Team hier…", er wies auf Kingsley, Fleur, Bill und Charlie, „dieses Team ist bereits hervorragend aufeinander eingespielt. Die Kämpfer wissen sich also so zu bewegen, dass sie einander nicht stören, und jeder hat seine besonderen Aufgaben. Trotzdem konnte ich mich ganz gut wehren. Weil ich diese Leute kenne und ihre Art zu kämpfen studiert habe."

„Ehrlich gesagt", sagte Charlie lachend, während er sich die schmerzende Schulter rieb, „möchte ich mich mit Ihnen lieber nicht ernsthaft anlegen müssen. Ein Glück, dass wir auf derselben Seite stehen, ich würde jemand wie Sie echt ungern bei den Todessern sehen."

Bill nickte bekräftigend und fügte hinzu: „Eigentlich eine Schande, dass Voldemort nicht mehr Leute von ihrem Kaliber hatte, oder? Dann wär er niemals so weit gekommen. Ein paar Kerle wie Sie hätten die Schlangengrube im Alleingang ausgehoben, möchte ich wetten."

Damit schienen die jungen Weasleys genau den richtigen Ton getroffen zu haben, um ihrem Gegenüber klar zu machen, dass sie ihn für einen echten Verbündeten hielten. Dass sie seine bisherige Arbeit würdigten. Und in Bills Fall – wenn auch sehr subtil ausgedrückt – dass er Dumbledores Entscheidung nicht guthieß, Severus völlig allein auf diese Aufgabe anzusetzen.

Die Botschaft - freundschaftlich, ehrlich und auf beste Weasley-Art in einen lockeren Witz verpackt - schien angekommen zu sein. Snape warf Charlie einen raschen, fast spitzbübischen Blick zu, wie man ihn eigentlich eher von den Weasley-Zwillingen erwartet hätte, und nickte grinsend.

„Gut", fuhr er dann ernster fort, an die Schüler gewandt, „nach den ersten paar Trainingsstunden werden wir versuchen, Sie ebenfalls zu funktionierenden Teams zusammen zu stellen. Ich gebe Ihnen allen den Rat: nutzen Sie die Zeit zwischen Ihren eigenen Übungen, um das Verhalten und die Technik Ihrer Kameraden zu studieren. Jegliches Wissen über andere kann im Ernstfall sehr nützlich sein."

Zustimmendes Gemurmel wogte durch die Schülermenge, und dann versammelte jeder der Phönixe ein Grüppchen von Freiwilligen um sich, um mit ihnen die Anwendung von Flüchen und Gegenflüchen zu üben. Die Maschinenhalle löste sich vor ihren Augen in Luft auf und hinterließ nur einen großen leeren Raum.

„Potter, Weasley, Weasley, Granger, Longbottom, Lovegood, Malfoy, Zabini", sagte Snape ruhig, „Sie bleiben bei mir, bitte. Sie werden auch beim Einsatz mit mir zusammen ein Team bilden, deshalb sollten wir uns von Anfang an aneinander gewöhnen. Verstanden?"

Sie nickten und folgten ihm bis zu einer Wand, wo sie sich alle auf den Boden setzten, während die anderen Schüler bereits unter den aufmerksamen Augen der Ordensmitglieder zu trainieren begannen.

Snape ließ sich ihnen gegenüber nieder, die verschränkten Arme auf die angezogenen Knie gelegt, und sah sie der Reihe nach durchdringend an. „Ich werde Ihnen nicht verheimlichen, dass dieser Einsatz gefährlich wird", sagte er und fasste Harry ins Auge, „und wie ich schon sagte, ein einziger Fehler kann uns alle umbringen. Wir werden uns nicht damit aufhalten, in Zweiergruppen zu üben. Ich habe Sie schon kämpfen gesehen und weiß daher, dass Sie alle bereit sind für den Einsatz im Team. Und ich weiß, so seltsam sich das für Sie vielleicht anhören mag, dass Sie als Gruppe hervorragend zusammenpassen werden."

„Verzeihung, Sir", warf Neville irritiert ein, „aber wann genau haben Sie uns kämpfen gesehen?"

Der schwarzhaarige Mann schmunzelte. „Glauben Sie etwa tatsächlich, Ihre DA hätte völlig unbeaufsichtigt trainiert, Longbottom?" fragte er mit Unschuldsmiene. „Es gibt durchaus Mittel und Wege für den Schulleiter von Hogwarts, über fast alles informiert zu bleiben, was im Schloss und auf den Ländereien geschieht. Wir waren alle sehr beeindruckt von Ihren Fortschritten während der… ähm, Ära Umbridge, und Ihre eifrigen Bemühungen im vergangenen Jahr haben mir des Öfteren den Tag gerettet. Die Slytherins hatte ich als Hauslehrer ohnehin ständig im Auge."

„Sie haben uns bespitzelt?" riefen Ron und Draco entrüstet im Chor, sahen sich dann an und brachen in Gelächter aus.

„Ich habe mich informiert", korrigierte Snape sie milde. „Nichts ist so wichtig wie das Wissen über die Eigenschaften anderer, ihre Stärken und Schwächen. Vergessen Sie das niemals. Da fällt mir ein: Blaise, Sie achten immer noch zu wenig auf das, was hinter Ihrem Rücken passiert. Das kann gefährlich werden. Ich hätte wirklich gedacht, nach dem kleinen Missgeschick während Ihres Kontrollgangs im November wären Sie inzwischen ein bisschen vorsichtiger. – Übrigens ist das kein regulärer Unterricht, ich bin hier weder Ihr Lehrer noch Ihr Vorgesetzter, und in einem funktionierenden Team würde es eher stören, wenn wir auf förmliche Anreden achten müssten. Severus genügt. Im laufenden Schulbetrieb bleibt allerdings alles beim Alten… und wagen Sie es ja nicht, mich Sev zu nennen, wenn Sie an Ihrem Leben hängen – darauf reagiere ich im Allgemeinen allergisch!"

Alle nickten und grinsten unterdrückt, auch wenn Zabini ein wenig nervös wirkte angesichts der Tatsache, seinen ehemaligen Hauslehrer nun mit Vornamen ansprechen zu müssen.

Harry dachte an seine eigene Überraschung zurück, als Snape ihm, Ron und Neville genau dies eines Abends in London nahegelegt hatte – er hatte sich am Anfang überhaupt nicht wohl dabei gefühlt. „Man gewöhnt sich dran", murmelte er Zabini beruhigend zu. „Vor allem, weil er ganz anders ist als im Unterricht. Halb so wild."

„Genug geredet." Der Tränkemeister sprang auf und warf ihnen einen auffordernden Blick zu. „Kämpfen lernt man nur, indem man kämpft. Greifen Sie mich an."

„Wie, etwa alle?" Ron sah drein wie vom Donner gerührt, doch Snape nickte ungeduldig. „Was dachten Sie denn, einer nach dem anderen vielleicht? Keine Sorge, ich weiß mich zu wehren, Ronald."

„Das ist es ja, was mir Sorgen macht", gab Ron mit einem verlegenen Grinsen zurück. „Können wir´s nicht einfach so machen, dass Harry Sie angreift und wir anderen ihn aus der Entfernung verteidigen?"

„Und wo bleibt da der Spaß?" Snape lachte leise auf und versetzte dem Rotschopf einen spielerischen Klaps auf den Hinterkopf, bevor er ihn umstandslos am Kragen hochzog: „Nur keine Hemmungen, Herrschaften. Nutzen Sie alle Möglichkeiten, die Ihnen zur Verfügung stehen. Das hier ist kein alberner lockhart´scher Duellierclub, wir trainieren für den Ernstfall. Und keiner Ihrer Gegner wird freiwillig auf schmutzige Tricks verzichten. Ich übrigens auch nicht, ganz beiläufig bemerkt. Das meine ich ernst."

„Ähm… Severus?" Ginny hob die Hand, und ihre Augen funkelten vor unterdrückter Heiterkeit. „Werden die Rücksicht darauf nehmen, dass Hermine, Luna und ich Mädchen sind?"

Die anderen lachten los, doch Snape gab trocken zur Antwort: „Wohl eher nicht. Die Todesser haben mit Bellatrix Lestrange gemeinsam trainiert, und sie war überhaupt nicht mädchenhaft. Ich bezweifle daher ernsthaft, dass sie Unterschiede machen werden. Aber wenn ich Ihren Kampfstil bedenke, Ginny, dann können die Herren von Glück reden, wenn sie ohne größere Blessuren aus der Sache herauskommen."

„Okay", nickte Ginny zufrieden, „dann kann ich auch Mädchentricks anwenden, nehme ich an. Bestens! Legen wir los."

Harry zögerte kurz. Es fühlte sich für ihn mehr als seltsam an, Snape anzugreifen – auch wenn er noch im letzten Jahr nichts lieber getan hätte als genau das.

Damals hatte er richtiggehend darauf gebrannt, während seiner Suche nach den Horkruxen eventuell den Weg des Spions zu kreuzen und ihn fürchterlich für alles büßen zu lassen, was er verbrochen hatte. Wären sie einander während dieser Zeit begegnet, dann hätte Harry überhaupt keine Bedenken gehabt, einen der Unverzeihlichen Flüche auf den vermeintlichen Todesser Snape abzufeuern – im Gegenteil, er hätte es genossen!

Doch etwas hatte sich verändert. Sie hatten sich verändert, und zwar alle beide. Er hatte ein halbes Jahr mit Severus gemeinsam unter einem Dach verbracht, er hatte die Wahrheit über ihn erfahren und ihm zusammen mit den anderen beigestanden, wenn er Hilfe brauchte – ja, er hatte ihn sogar mal völlig ungestraft angebrüllt.

Und er hatte gelernt, dass auch dieser verschlossene, immer beherrscht wirkende Mann nur ein Mensch war, mit all den absolut menschlichen Gefühlen, die er ihm niemals zugetraut hätte… oft sogar mit einer dermaßen überwältigenden Menge an Gefühlen, dass er kaum mehr allein damit fertig werden konnte.

Beinahe unbemerkt war aus der gegenseitigen Abneigung eine Art vorsichtiger Respekt geworden, und inzwischen schien es Harry sogar möglich, dass sich aus diesem Respekt irgendwann eine enge Freundschaft entwickeln könnte. Wenn der schwierige Mann dazu bereit war.

Für Harry selber fühlte es sich bereits jetzt so an. Er vertraute Severus genauso wie Ron, Hermine, Ginny, Neville und Luna, und der schwarzhaarige Mann war mittlerweile, als sei das ganz selbstverständlich, zu einem festen Mitglied der eingeschworenen Gruppe geworden. Ginny hatte Recht gehabt: er hatte es irgendwie geschafft, sich in ihre Herzen zu mogeln, auch wenn das anfangs sicher nicht in seiner Absicht gelegen hatte. Und für Harry gehörte er zur Familie.

Doch nun wurde es erst einmal ernst zwischen ihnen – der Ältere hatte nicht zu viel versprochen. Er hielt sich tatsächlich nicht zurück, als die acht Schüler ihn angriffen, sondern wehrte sich nach Kräften. Für die Gruppe jugendlicher Kämpfer wurde es die katastrophalste und zugleich beeindruckendste Niederlage, die sie je erlebt hatten.

Mehr als einmal rappelte sich Harry vom Boden auf, ohne überhaupt zu wissen, was ihn da eigentlich getroffen hatte. Den anderen erging es auch nicht besser. Doch was ihnen an Kampferfahrung noch fehlte, machten sie mit Hartnäckigkeit, einer guten Prise Humor und dem Mut der Verzweiflung wieder wett.

„So ein verfluchter Mistkerl", knurrte Blaise Zabini verhalten, als er zum vierten Mal in Folge unsanft neben dem keuchenden Harry in einer Ecke des Raums landete. „Es ist, als hätte er ein Dutzend Arme, oder? Wie der Riesenkrake… autsch."

Harry lachte schnaubend auf und hielt sich die schmerzenden Rippen. Vermutlich würde er morgen nur noch aus blauen Flecken bestehen. „Ja, ein Dutzend Arme und überall Augen, fürchte ich. Wir müssen wohl noch ´ne Menge lernen." Er stand mühsam auf und streckte dem Slytherin hilfsbereit die Hand entgegen, um ihm hochzuhelfen. Sie sahen sich mit einem grimmigen Grinsen an und stürzten sich wieder in den Kampf.

„Das war besser, als ich gehofft hatte", fasste Snape schließlich zusammen, während Harry und seine Kameraden nach Atem ringend an der Wand saßen. „Am Anfang war alles noch ein bisschen zögerlich, aber Sie haben sich rasch angepasst. Jetzt werde ich Ihnen erzählen, was ich in der kurzen Zeit über jeden von Ihnen herausgefunden habe."

„Wie, Sie hatten noch Zeit, uns zu beobachten und zu analysieren?" Hermine starrte ihn verblüfft an. „Ich hatte mehr als genug damit zu tun, auf mich selber aufzupassen. Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder?"

Snape lächelte ein wenig über ihre offensichtliche Entrüstung. „Sie dürfen nicht vergessen, Hermine, dass ich ein paar Jahre mehr an Erfahrung und Übung vorzuweisen habe", erklärte er sanft. „Wenn Sie mal in meinem Alter sind, werden Sie kämpfen können wie eine Löwin. Allerdings hoffe ich, dass das nicht nötig sein wird."

„Wem sagen Sie das", seufzte sie und rieb sich abwesend den Hintern, auf dem sie zum Schluss reichlich unsanft gelandet war, „ich bin ein Bücherwurm, kein Soldat."

„Das eine schließt das andere nicht aus", belehrte er sie geduldig. „In einem Gefecht kann man sich nicht ausschließlich auf seine Kraft verlassen. Es ist eine Kombination aus Energie, Beobachtung, Geschick und Intuition. Die Grundlagen sind die drei K´s: Koordination, Kondition und Konzentration. Sie sind hochkonzentriert bei allem, was Sie tun, Hermine. Und Sie beherrschen Ihre Flüche und Gegenflüche. Sie sollten sich nur ab und zu ein bisschen mehr auf Ihre natürliche Intuition verlassen, anstatt sich nur auf Vorschriften und Beschreibungen in Büchern zu versteifen. Man kann Überleben nicht auswendig lernen, verstehen Sie? Das ist eine Frage des Instinkts."

Er stand vor ihnen, die Hände auf dem Rücken, und sah nachdenklich auf sie herab. Dann wies er auf Harry. „Sie sind ausgezeichnet, was Flüche und Schildzauber betrifft. Allerdings müssen Sie an Ihrer Wahrnehmung arbeiten, Sie übersehen ganz gern, was neben und hinter Ihnen vorgeht. Und Sie sind eindeutig viel zu besorgt darum, auf Ihre Freundin aufzupassen. Dadurch bringen Sie sich in gefährliche Situationen. Außerdem lassen Sie sich zu leicht provozieren. Wer wütend ist, wird leichtsinnig. Das kann tödlich sein. Lernen Sie sich zu beherrschen."

Er betrachtete Ron mit einem Stirnrunzeln. „Sie halten sich zu sehr zurück, wenn Sie angreifen. Sie können viel mehr, Ronald, also zeigen Sie das auch. Haben Sie keine Angst davor Fehler zu machen, das hält Sie nur davon ab, Ihr gesamtes Können zu zeigen. Sie sind wesentlich geschickter mit dem Zauberstab, als Sie glauben. Haben Sie ruhig ein bisschen mehr Vertrauen in sich und Ihre Fähigkeiten. Ich garantiere Ihnen, in so einem Kampf werden keine Schulnoten verteilt. Sie sind ein erwachsener Phönix, also verhalten Sie sich auch so. – Und, nebenbei bemerkt: ich weiß Ihre Sorge durchaus zu würdigen, aber ich bin nicht aus Glas. Sie müssen nicht auf mich aufpassen, das schaffe ich für gewöhnlich schon selber. Und falls ich Hilfe brauchen sollte, gebe ich Ihnen Bescheid, das versichere ich Ihnen."

Ron starrte ihn mit offenem Mund an, doch Snape hatte sich bereits Ginny zugewandt. „Sie sind eine Löwin, wie sie im Buche steht, Ginny. Sie halten sich nicht zurück und nutzen alles, was irgendwie hilfreich sein kann. Sie sind die einzige außer Luna, die den Zauberstab mit Alter Magie kombiniert. Aber dabei vergessen Sie manchmal, sich rechtzeitig ein bisschen zurückzuziehen, wenn Sie müde werden, und gefährden sich selber dabei. Versuchen Sie daran zu denken, dass die Alte Magie für Sie nur so mühelos zu handhaben ist, weil hier im Schloss viel magische Energie verfügbar ist. In einem Muggelgebiet wird das viel schwieriger werden und wesentlich mehr Kraft erfordern. Sie nützen niemandem mehr, wenn Sie deswegen außer Gefecht gesetzt werden. Dasselbe gilt für Sie, Draco. Nutzen Sie Ihre Slytherin-Eigenschaften besser. Denken Sie, bevor Sie handeln, und überlassen Sie anderen den Platz in der vorderen Reihe, wenn Sie mit Ihrer Taktik nicht mehr weiterkommen."

Neville schien ein wenig zusammenzuschrumpfen, als Snapes Blick auf ihn fiel, dennoch hörte er aufmerksam zu. „Sie, Neville, sind nicht der leichtsinnige oder risikofreudige Typ. Sie haben die Umgebung im Auge und lassen sich nicht leicht ablenken. Das ist hervorragend. Allerdings reagieren Sie die meiste Zeit über nur, anstatt bei Gelegenheit die Initiative zu ergreifen. Dasselbe Problem wie schon bei Ron: Sie sollten sich eindeutig mehr zutrauen, denn Sie können es. – Blaise, Sie handeln kühl und überlegt, ganz der Slytherin. Sie gehen ein bestimmtes Maß an Risiko ein, setzen aber nicht zu viel aufs Spiel. Das ist eine gute Taktik, nur sollten Sie – wie ich Ihnen vorhin schon sagte – Ihre Wahrnehmungsfähigkeit schärfen, was Ihr Umfeld betrifft. Sie sind ein paarmal direkt in einen Fluch aus dem eigenen Team gelaufen, weil Sie nicht auf das Geschehen hinter sich geachtet haben."

Mit einem kleinen Lächeln wies Snape schließlich auf Luna. „Sie, junge Ravenclaw, haben es doch tatsächlich geschafft, mich zu überraschen. Sie sind das lebende Beispiel für angewandte Intuition. Was Ihnen momentan noch an Aufmerksamkeit fehlt, gleichen Sie erstaunlich gut mit einem instinktiven Gespür für die jeweilige Situation aus. Nur bei den Flüchen zeigen Sie bisher noch ein paar kleine Schwächen, weil Sie nicht immer ganz bei der Sache sind. Aber Sie sind äußerst kreativ bei der Wahl Ihrer Zauber. Und Sie haben erstaunlicherweise die beste Kondition in der Gruppe. Treiben Sie Sport, Luna?"

Luna nickte lebhaft. „Ich gehe jeden Morgen joggen und schwimme danach ein paar Bahnen im See. Daheim mache ich das mit meinem Dad zusammen, das ist so eine Art Ritual für uns geworden. So haben wir eine Stunde oder zwei am Tag, die wir miteinander verbringen können."

Erstaunt sah Harry das blonde Mädchen an. Er hätte nie vermutet, dass Luna und Sport zusammen passten. Doch Snape nickte nur anerkennend. „Das wird Ihnen helfen", erklärte er ernsthaft. „Und für den Rest von Ihnen wäre es eine gute Idee, sich an Luna ein Beispiel zu nehmen. Sie alle müssen Ihre Kondition unbedingt verbessern, sonst wird unser Einsatz vermutlich ein sehr rasches Ende finden. Und das nicht unbedingt in unserem Sinne."

„Ich soll am frühen Morgen in den See hüpfen?" Ron schauderte. „Pfui Teufel! Ich glaub nicht, dass das was für mich ist, Severus. Quidditch ist Sport genug."

„Quidditch verbessert vor allem Geschicklichkeit, Koordinationsfähigkeit und Wahrnehmung", dozierte der Tränkemeister, „alles wichtige Voraussetzungen für einen Kampf. Aber die Ausdauer bleibt dabei doch etwas auf der Strecke. Niemand erwartet von Ihnen, dass Sie in den See springen, aber ein wenig Lauftraining könnte nicht schaden. Keinem von Ihnen", setzte er mit einem kaum merklichen Schmunzeln hinzu. „Gut, das war´s für heute. Sie haben genug gelitten, Herrschaften. Gehen Sie Ihre blauen Flecken zählen. Der mit den wenigsten hat gewonnen und darf beim nächsten Mal den Gegner spielen. – Wir sehen uns am Mittwoch nach dem Abendessen wieder hier. Und wer möchte, kann sich mir gern zum Geländelauf anschließen. Wir starten morgens um Sechs vor der Eingangstreppe."