Mit äußerst verschlafenen Mienen und ausgiebig gähnend kamen Ron, Harry und Neville die Treppen vom Jungenschlafsaal herunter. Draco wirkte ein wenig wacher und begrüßte Hermine und Ginny mit einem höflichen „Guten Morgen".
„Wir werden alle sterben", bemerkte Ron miesepetrig. „Wenn der so läuft, wie er kämpft, dann werden wir alle mit hängenden Zungen hinterherkriechen… außer Luna vielleicht. Die schwebt einfach neben ihm her und verschwindet danach im See. Ein bisschen wie die Maulende Myrthe, findet ihr nicht? Nur ohne das ständige Geheule und Gejammer. Und Luna wohnt nicht in ´nem Klo."
Ginny musste lachen, und auch Hermine und Draco grinsten. Für diese frühe Uhrzeit waren sie eigentlich schon recht gut gelaunt. Hermine zog die Jacke ihres Jogginganzugs über das leichte T-Shirt und warf den Jungs je ein Handtuch und eine Flasche Wasser zu: „Die werdet ihr sicher brauchen. Verkleinert sie am besten und steckt sie in die Jackentasche. Und jetzt los!"
In der Eingangshalle trafen sie auf Luna und Blaise, die beide recht fit wirkten, und gingen gemeinsam durch das Eichenportal hinaus in die Dunkelheit. Überrascht stellten sie fest, dass sie bereits von einer kleinen Gruppe von Leuten erwartet wurden.
Snape war natürlich da, aber auch Monica, Bill, Ernie Macmillan und Justin Finch-Fletchley, Hannah Abbott und Susan Bones, Daphne Greengrass und Theodore Nott aus Slytherin sowie Minerva McGonagall, die in ihrem altmodischen, dunkelgrünen Jogginganzug einfach unbeschreiblich fehl am Platz wirkte. Aber sie hatte zumindest auf ihren Spitzhut verzichtet!
Um diese Zeit war noch niemand sehr gesprächig, deshalb herrschte beim Aufwärmen vorwiegend Schweigen, ab und zu unterbrochen von einem unterdrückten Gähnen oder einem leisen Ächzen.
„Nun gut", sagte McGonagall schließlich, „dann werden wir uns jetzt aufteilen. Die Anfänger halten sich bitte an Professor Weasley und mich, der Rest läuft mit Professor Snape. Achten Sie darauf, wo Sie Ihre Füße hinsetzen, wir wollen keine Unfälle. Und sollten Sie feststellen, dass Ihnen das Tempo in Ihrer Gruppe zu schnell oder zu langsam ist, dann schließen Sie sich der anderen an – aber geben Sie uns Bescheid, ja?"
Harry, Ron und Neville steuerten zielstrebig McGonagall an, Hermine ebenso, doch Ginny schloss sich zusammen mit Luna, Draco und Blaise der kleinen Gruppe um Snape an, in der außer Daphne Greengrass nur noch Monica zu finden war. Fröhlich begrüßte diese sie: „Na, gut geschlafen?"
„Ein bisschen kurz", gab Ginny grinsend zurück, „aber was macht das schon? – Guten Morgen, Severus!"
Ein knappes Nicken war die einzige Antwort; der Tränkemeister schien noch nicht ganz wach zu sein, wenn sie seinen leicht verschleierten Blick richtig deutete. Das lässt hoffen, dachte Ginny mit einem Anflug von Galgenhumor, während die kleine Gruppe startete, dann können wir vielleicht doch mit ihm Schritt halten. Und falls nicht, tja, dann werden wir eben doch alle sterben, wie Ron behauptet hat.
Es klappte recht zufriedenstellend. Snape lief schweigend und wie in Trance voraus, als sei er sich seiner Begleiter gar nicht richtig bewusst. Luna blieb locker an seiner Seite, während eine von Monica geschaffene Lichtkugel den Weg vor ihnen sanft erhellte. Ginny fand ihr Tempo und harmonierte überraschend gut mit Daphne, so dass die beiden schließlich nebeneinander her trabten, gefolgt von Monica, die mit den beiden Jungs die Nachhut bildete.
Sie liefen in gemäßigtem Tempo an Hagrids Hütte vorbei, wo bereits um diese Uhrzeit Licht brannte und Rauch aus dem Kamin aufstieg, am Rand des Verbotenen Waldes entlang, über eine Grasfläche mit wild wuchernden, kniehohen Pflanzen und dann in einem Bogen auf den See zu. Ginny fand das Tempo nicht allzu anstrengend und bekam es sogar auf die Reihe, ein paar leise Worte mit Daphne zu wechseln.
Die Schülerin aus Slytherin war überhaupt nicht so, wie Ginny es aus reiner Gewohnheit heraus erwartet hatte. „Meine Familie hat mit den Todessern nichts zu tun", erklärte sie, den Blick aufmerksam auf den Weg vor sich gerichtet, „genau wie die von Blaise. Aber wenn man in Slytherin ist, glauben einem die Leute das grundsätzlich nicht. Meine Mum hat Astoria und mir die Entscheidung überlassen, ob wir dieses Jahr nach Hogwarts zurückgehen oder nicht. Sie hatte ein bisschen Angst um uns. Aber wir haben uns trotz allem dafür entschieden, und es ist weniger schwierig als erwartet, weil Professor Lupin uns echt unterstützt. Und ich hab nur noch dieses eine Jahr. Ich will eigentlich nur meinen Abschluss schaffen und dann Heilerin werden."
„Du auch?" Ginny war überrascht. „Ich möchte auch Heilerin werden, und ich mach gerade ein Vorpraktikum bei Poppy… Madam Pomfrey im Krankenflügel. Könntest du doch auch, das wird bei der Ausbildung angerechnet. So kannst du deine Lehrzeit schneller beenden. Ich kann sie ja nächstes Mal fragen, ob du dich einfach dranhängen könntest. Wenn du willst."
Daphne nickte, verblüfft und erfreut zugleich. „Das wär super. Mit dem Lehrlingsgehalt kann man ja keine großen Sprünge machen, und meine Familie ist froh über jeden zusätzlichen Knut… wir gehören nicht zu den reichen Reinblüter-Dynastien", gab sie unumwunden zu. „Je schneller ich also voll verdiene, desto besser. Danke für das Angebot, Ginny, ich würde das wirklich gern machen. Ich hatte keine Ahnung, dass sowas geht."
„Ich zuerst auch nicht. Aber gewisse… Umstände haben es notwendig gemacht, dass ich mich ein bisschen in das Thema einarbeite, und dann hat Poppy mir das verraten."
Sie mussten ihre kleine Unterhaltung beenden, da der Weg jetzt leicht bergauf zurück in Richtung Schultor führte und ihnen die Puste nun doch ein wenig ausging. Hinter sich hörte Ginny die Jungs schnaufen und keuchen, doch Luna und Snape liefen weiterhin unbeeindruckt nebeneinander her, ohne das Tempo zu verringern.
Als der Weg flacher wurde, kam Ginny wieder zu Atem. Daphne schien es ebenso zu gehen, und sie wies mit dem Kinn nach vorne zu Snape: „Er ist wirklich gut, was?"
„Jepp", gab Ginny neidlos zu, „Severus ist ein verdammt zäher Kerl, und ich würde meinen Besen verwetten, dass sein normales Tempo um einiges schneller ist."
Daphne nickte und zog grinsend die Nase kraus. „Hundertprozentig. Ich meine, sieh ihn dir an. Er wirkt ziemlich gelangweilt – oder vielleicht schläft er noch halb, kann auch sein. Jedenfalls ist es beeindruckend. Hätte ich ihm nie zugetraut. Ich dachte immer, ein gut platzierter Schocker würde ihn aus seinem Umhang pusten… wobei das natürlich niemals jemand wagen würde, oder was meinst du?"
Ginny kicherte unterdrückt bei dem Gedanken. „Nee, ich denk nicht, dass irgendwer so bescheuert wär! Schon der Versuch könnte übelst nach hinten losgehen."
„Ich habe Ohren, meine Damen", hörten sie von vorne ein gereiztes Knurren, „und wenn Sie nicht am eigenen Leib erfahren wollen, wie sich ein gut platzierter Schockzauber anfühlt, dann seien Sie bitte so freundlich und halten Sie die Klappe! Ich versuche einigermaßen friedlich aufzuwachen."
Ginny und Daphne tauschten einen amüsierten Blick und trabten schweigend weiter. Sie hörten Blaise und Draco erleichtert aufstöhnen, als sie die Eingangstreppe erreichten, und auch Monica schien darüber nicht unbedingt unglücklich zu sein. Doch Snape blieb gerade mal lange genug stehen, um die kleine Gruppe zu teilen: „Wer auf die zweite Runde verzichtet, der kann jetzt mit Monica hier bleiben, die Gruppe von Minerva wird auch bald zurück sein. Vergessen Sie Ihre Dehnübungen nicht. Der Rest, falls vorhanden – folgen Sie mir. Schweigend, wenn möglich, sonst vergesse ich meine guten Manieren."
Ginny und Daphne sahen sich an. Daphne hob fragend die Augenbrauen und grinste ein wenig schief; Ginny reckte energisch das Kinn vor. Die beiden Mädchen tauschten einen grimmigen Jetzt-erst-recht-Blick und schlossen wieder zu Luna und Severus auf, der gelinde überrascht über ihre Hartnäckigkeit schien.
Ginny unterdrückte ein Lachen, als ihr klar wurde, dass sie mit ihrer Vermutung von vorhin Recht gehabt hatte: das Tempo war jetzt merklich höher, und sie musste sich ziemlich anstrengen, um nicht allzu weit hinter den beiden Führenden zurückzufallen. Daphne hatte etwas längere Beine und kam deswegen schneller voran, doch auch sie atmete schwerer als vorher. Glücklicherweise wurde es wenigstens langsam hell, daher mussten sie sich nicht mehr so auf die Beschaffenheit des Untergrundes konzentrieren.
Mit einem wütenden Blick auf Snapes Rücken verstärkte Ginny ihre Anstrengungen. Sie hatte sich bisher für recht sportlich gehalten, aber das hier brachte sie wirklich an ihre Grenzen – vor allem, als Severus auf den letzten paar hundert Metern vor dem Schloss das Tempo noch einmal steigerte.
Verbissen versuchte sie Schritt zu halten, und sie schaffte es tatsächlich gerade so. Sie und Daphne kamen gemeinsam an Lunas Seite an, die ihnen entgegenlächelte. „Nicht schlecht, ihr zwei. Wenn ihr wollt, könnt ihr noch mit mir schwimmen gehen."
Doch Ginny winkte ab und spähte hinüber zu der Wiese vor Hagrids Hütte, wo sie ein paar Gestalten ausmachen konnte. „Was machen die denn da drüben?" erkundigte sie sich, immer noch schnaufend, bei Snape. Auch er atmete nun ein wenig rascher als sonst, aber jetzt wirkte er zumindest einigermaßen wach und weniger reizbar.
„Monica hat zu einer Art… Handgemenge eingeladen", gab er trocken zurück, wischte sich den Schweiß von der Stirn und schraubte seine Wasserflasche auf. „Recht nützliche Sache, falls Sie im Kampf Ihren Zauberstab verlieren sollten. Wie schon gesagt, in einem völlig unmagischen Muggelgebiet sollte man sich nicht auf die Alte Magie verlassen."
Neugierig ging Ginny näher heran, gefolgt von Daphne und erstaunlicherweise auch Severus. Handgemenge war nicht unbedingt der richtige Begriff, dachte sie belustigt. Von hier aus wirkte das Ganze eher wie eine ausgewachsene Kneipenschlägerei. Doch als sie die Gruppe erreichten, erkannte sie ein gewisses System hinter dem Chaos.
Schüler kämpften paarweise miteinander, ohne dabei Zauberei einzusetzen. Sie schubsten sich gegenseitig aus dem Weg, warfen einander zu Boden und traten ihrem Gegner – wie sie bei Harry sehen konnte, der Theodore Nott als Partner hatte – sogar nachdrücklich in den Hintern, um diesen zu Fall zu bringen. Fröhliches Gelächter, Neckereien und alberne Kommentare vervollständigten das Schauspiel.
Daphne kicherte, als Hermine ihren Fuß in der Kniekehle von Blaise verhakte, ihm gleichzeitig einen Stoß vor die Brust versetzte und ihn damit ins Gras beförderte. Doch Ginny sagte entschieden: „Das muss ich nicht üben, ich hatte sechs ältere Brüder zum Trainieren."
„Ich nur eine jüngere Schwester", gab Daphne zurück, „aber die hat mir auch genug in dieser Art beigebracht: Kratzen, Beißen, Kitzeln, ins Ohr kreischen und an den Haaren ziehen, weißt du? Ich sollte das allerdings unbedingt noch an Jungs testen gehen." Munter marschierte sie auf die Gruppe zu und griff sich Neville als Opfer, der sie allerdings – sehr zu seiner eigenen Überraschung – rasch in den Schwitzkasten nahm.
„Begleiten Sie mich?" Severus sah Ginny auffordernd an. „Ich zeige Ihnen eine Möglichkeit, Ihre Koordination zu verbessern, wenn Sie möchten. Es ist ein wenig… nun ja, ungewöhnlich, aber Sie werden davon profitieren."
Sie dachte kurz nach, dann warf sie sich das Handtuch über die Schulter und nickte. „Okay. Kann nicht schaden. – Wenn ich Ihren Tonfall richtig interpretiere, sind Sie jetzt wach?"
Er begegnete ihrem freundlich neckenden Blick mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln, schien sich dann aber zusammenzureißen und nickte. „Tut mir leid, manchmal bin ich morgens unausstehlich. Zu kurze Nächte sind dabei auch nicht unbedingt hilfreich… Wieso, war das zu heftig?" erkundigte er sich einigermaßen besorgt.
Ginny musste lachen. „Nein, nur wie früher. Irgendwie hab ich das beinahe vermisst, wissen Sie? Und ich bin wirklich heilfroh, dass ich noch nie in der ersten Stunde Zaubertränke hatte." Sie lächelte ihm zu, stieß ihn spielerisch mit dem Ellbogen in die Rippen, und er schien beruhigt, auch wenn er ein bisschen rot wurde.
Ginny entschied für sich, dass diese leichte Verlegenheit und Unsicherheit ihm eigentlich ganz gut stand. Es war irgendwie… nett, wenn der ehemals so griesgrämige Professor sich damit abmühte, sich wie ein normaler Mensch zu verhalten. Eigentlich machte er sich dabei erstaunlich gut. Doch freundschaftliche Neckereien wie diese – vor allem unerwartete – schafften es immer noch hin und wieder, ihn völlig aus der Bahn zu werfen.
Sie erreichten ein ebenes Stück Wiese am Waldrand, gerade als die Sonne leuchtend rot aufging. Snape nahm eine kleine Rolle aus seiner Jackentasche, tippte sie mit dem Zauberstab an und ließ sie auf die Größe einer zusammengerollten Decke anwachsen, legte diese auf den Boden und zog zwei schlanke Schwerter daraus hervor. Eins davon reichte er, das Heft voraus und die Klinge auf den eigenen Unterarm gelegt, an Ginny weiter, die die Waffe ergriff und von allen Seiten betrachtete.
„Zu schwer?" erkundigte er sich. Das Mädchen schüttelte den Kopf und schwang das Schwert probeweise vor sich durch die Luft: „Nö. Ich denke, das ist okay. Und was jetzt?"
Severus stellte sich hinter sie, legte seine Hände über die ihren und führte mit ihr zusammen das Schwert. „Achten Sie darauf, die Klinge immer mit der Schneide in Schlagrichtung zu halten, ja? Und passen Sie auf, das Ding ist höllisch scharf."
„Na klasse", sagte Ginny gepresst, „dann kann ja überhaupt nichts schief gehen, oder?"
Sie war nervös und spürte ihr Herz bis in den Hals hinauf schlagen, aber sie war sich nicht sicher, ob das nur an der ungewohnten und gefährlichen Waffe lag, am bereits absolvierten Training – oder eher an der Tatsache, dass Snape immer noch dicht hinter ihr stand. Zudem ein Severus Snape, der sehr selbstbewusst, energisch und viel mehr er selbst war, und daran war sie inzwischen einfach nicht mehr gewöhnt.
Üblicherweise hatte Ginny sich in der Führungsrolle befunden, seit sie ihn an jenem Abend in London verletzt vor der Haustür entdeckt hatte. Diese neu entdeckte Selbstsicherheit, das musste sie zugeben, verunsicherte sie ein bisschen, und sie kam sich wieder vor wie die kleine Schülerin von früher, die sich vor dem Zaubertrank-Unterricht immer ein wenig gefürchtet hatte.
So ein Blödsinn, dachte sie wütend, du brauchst nicht hibbelig zu werden. Sei doch froh, dass er sich auf die Kampfvorbereitung konzentrieren kann! Oder wär´s dir lieber, wenn er aufgegeben hätte, statt sich dem Leben zu stellen?
Natürlich wäre ihr das nicht lieber gewesen. Es war nur einfach so, dass sie momentan einen völlig neuen Snape kennen lernte, an den sie sich erst einmal gewöhnen musste. Er war jetzt viel offener und entspannter, auch im Umgang mit Schülern und Kollegen, und erlaubte sich selber, anderen gegenüber seine Gefühle zu zeigen. Zumindest bei der kleinen Gruppe, die ihm nahe stand. Anderen gegenüber verhielt er sich da noch etwas vorsichtiger, doch das war völlig in Ordnung.
Jedenfalls machte er inzwischen kaum noch Gebrauch von seinen Okklumentik-Schilden, was ihm nur gut tun konnte. Erste Erfolge hatten sich ja bereits, für alle sichtbar, eingestellt: Severus lächelte des Öfteren, lachte sogar hin und wieder, und manchmal machte er tatsächlich selber einen Witz. Dabei sorgte schon allein seine unnachahmlich trockene Art für viele Lacher… und natürlich die Tatsache, dass kaum jemand auf einen Witz von Severus Snape gefasst war!
Auch seine Ausdrucksweise hatte sich leicht verändert, das war Ginny in letzter Zeit schon öfter aufgefallen. Zwar verzichtete er nicht komplett auf seine berühmten wohlgewählten Worte, aber seine Sprachmuster waren nicht mehr ganz so altmodisch und steif wie früher.
Er war, um es kurz zu machen, viel menschlicher geworden. Menschlich genug, um rot zu werden, wenn sie ihn aufzuziehen versuchte und es schaffte, ihn damit doch leicht zu verunsichern. Was wirklich süß war. Menschlich genug, um Kontakt zu anderen zuzulassen und diesen Kontakt auch selbst zu suchen. Und menschlich genug, seine Schwächen einzugestehen und manchmal sogar um Hilfe zu bitten. Und sie freute sich sehr für ihn, dass er langsam aber sicher in ein normales Leben hineinzufinden schien.
Ginny lenkte ihr bewusstes Denken rasch wieder zurück zu ihrer momentanen Aufgabe. Sie zog das Schwert so energisch durch die Luft, dass sie kurz einen pfeifenden Ton hörte, bevor ihr der gerillte Griff aus der Hand rutschte und die Waffe einige Meter entfernt ins Gras fiel – wo sie bei der Gelegenheit gleich noch etliche der längeren Grashalme kappte.
Snape sammelte das Schwert kopfschüttelnd wieder ein, rammte die Klinge vor Ginny in den Boden und baute sich vor ihr auf. „Konzentration, junge Dame", mahnte er mit ernster Miene, „sonst bringen Sie uns beide um, noch bevor wir in die Schlacht ziehen können. In Ordnung?"
Mit hochrotem Kopf, den Blick verlegen gesenkt, nickte Ginny. „Nur keine Bange", tröstete ihr Lehrer sie mit einem angedeuteten Lächeln, „halb so wild. Das lernen Sie schon noch. Für heute reicht es, wenn Sie das Ding richtig in die Hand nehmen, okay? Für den Anfang halten Sie es beidhändig, bis Sie ein Gefühl dafür haben. – Gut so. Nochmal?" Er sah sie auffordernd an, und Ginny nickte entschlossen.
Nach einer halben Stunde war Snape mit ihrem Griff zufrieden, band seine Haare zusammen – für Ginny inzwischen ein vertrautes Schauspiel – und packte sein eigenes Schwert mit der Linken: „So, dann sehen Sie mal her."
Das staunende Mädchen verfolgte seine Demonstration mit angehaltenem Atem. Poliertes Metall blitzte auf, als das Sonnenlicht auf die Klinge traf. Er hielt das Schwert waagerecht vor sich ausgestreckt, das linke Bein gebeugt, das rechte nach hinten gestreckt, und so verharrte er unbeweglich mit konzentrierter Miene wie ein japanischer Schwertkämpfer – bis er förmlich zu explodieren schien und Ginnys Augen plötzlich Mühe hatten, seinen Bewegungen zu folgen.
Sirrend sauste glänzender Stahl durch die Luft, beschrieb perfekte Bögen um die schlanke schwarzgekleidete Gestalt herum, wurde hochgeschleudert, wirbelte durch die Luft und landete punktgenau in Snapes sicherem Griff.
Dieser führte das Schwert mit sichtbarer Routine, als wäre es die Verlängerung seines Armes und kein lebloser Gegenstand, schien fast damit zu tanzen, malte silbern glitzernde Spuren in die Luft, warf die Waffe abermals hoch hinauf, drehte sich unter ihr weg – bis die Klinge endlich mit einem hörbaren Ssssst senkrecht vor Ginny in die Erde sauste und Severus, die Hand souverän wieder fest am Heft, vor ihr auf dem Boden kniete.
Die ganze Sache hatte nur ein paar Minuten gedauert. Doch Ginny hätte dem eleganten Duett von Mann und Schwert noch stundenlang zusehen können. Mit offenem Mund starrte sie den Tränkemeister an, der nun langsam den Schwertgriff losließ, aufstand und sich galant vor ihr verneigte. Und immer noch ging sein Atem relativ ruhig.
„Oh Mann", brachte Ginny schließlich heraus, „Sie können aber mit den Dingern umgehen."
Der sonst so ernste Mann zog mit einem überraschend jungenhaften Grinsen die Waffe aus der Erde und wischte die Klinge sorgfältig ab, bevor er ihre beiden Schwerter in die Decke wickelte, diese wieder verkleinerte und in die Tasche schob.
„Schluss für heute", entschied er so ruhig, als hätte er gerade nichts Aufregenderes getan als den Rasen zu mähen, ließ sich sorglos ins Gras plumpsen und verschränkte die Arme unter dem Kopf.
Kopfschüttelnd betrachtete sie ihn, als sähe sie ihn zum ersten Mal: keine Spur mehr von dem verschlossenen und resignierten Ex-Spion – die Aussicht auf den Kampf gegen seine ehemaligen Todesser-Kameraden ließ ihn regelrecht aufblühen. Die Tatsache, dass er inzwischen wie alle anderen bei den meisten Mahlzeiten anwesend war, kam noch verstärkend hinzu. Er wirkte viel jünger, aber nicht mehr unsicher und verletzlich wie noch zum Jahreswechsel in London, sondern voller Energie.
Das, kam es ihr plötzlich in den Sinn, hätte aus dem elfjährigen Severus Snape werden können, wenn er in der Schule nur ein wenig gefördert und unterstützt worden wäre!
Harry hatte ihr von seinem Verdacht erzählt, dass Dumbledore bereits früh entdeckt haben könnte, welches Potential in dem zurückgezogenen Jungen steckte – und sie war geneigt, seine Ansicht zu teilen, was das betraf. Sie hatte sich selbst schon öfter Gedanken darüber gemacht und war zum gleichen Schluss gekommen. Nicht dass diese Tatsache besonders erfreulich gewesen wäre! Sie hatte ihr im Gegenteil etliches an kindlichen Illusionen geraubt, wenn sie ehrlich war.
Sie war wie alle Kinder aus Zaubererfamilien in dem festen Glauben aufgewachsen, dass Albus Dumbledore das Gute verkörperte und seine Entscheidungen und Handlungen beinahe unfehlbar waren. Doch im Laufe des letzten Jahres hatte dieses Bild in Ginnys Vorstellung deutlich sichtbare Kratzer und Risse bekommen. Es gab einige Dinge, die sie den alten Mann sehr gern einmal hätte fragen wollen. Doch das war nicht mehr möglich. Leider.
„Was?" fragte Severus belustigt, als er Ginny immer noch regungslos auf ihrem Platz stehen sah. „Ich habe Ihnen doch gesagt, ich hatte viele Jahre Zeit zum Üben…"
„Nicht zu fassen", gab sie schwach zurück, ging zu ihm hinüber und setzte sich neben ihn. „Was sagten Sie, wie viele Jahrhunderte braucht man, um so gut zu werden?"
Dieses Mal wurde Snape zu ihrem größten Bedauern nicht rot. Er lachte vergnügt, rollte sich auf den Bauch und blinzelte zu ihr hoch, das Kinn in die Hände gestützt: „Machen Sie mich nicht älter als ich bin, Feuerköpfchen. Sie kriegen das auch bald hin, nur Mut. Morgen lernen Sie das Ganze in Zeitlupe, das Tempo kommt dann mit der Routine. Und tun Sie mir den Gefallen und erstarren Sie jetzt nicht vor Ehrfurcht, okay? Es sieht viel beeindruckender aus als es eigentlich ist."
„Völlig klar", erwiderte Ginny trocken, tippte sich demonstrativ an die Stirn und legte sich dicht neben ihm ins Gras, auf einen Ellbogen gestützt. Einige Minuten lang sah er schweigend den Bäumen zu, die sich sanft in der leichten Brise wiegten. Ginny betrachtete mit einem leisen Lächeln sein ruhiges, entspanntes Gesicht, bis ihr etwas einfiel: „Sie sind Linkshänder?"
„Nein", gab er gelassen zurück, „aber in die rechte Hand gehört der Zauberstab, kleine Hexe. Haben Sie das vergessen?"
„Sie meinen… Sie machen beides gleichzeitig?" Fassungslos vor Staunen setzte Ginny sich wieder auf und starrte auf ihn hinunter. „Das ist wirklich krass, wissen Sie das?"
„Alles eine Frage der Konzentration", bemerkte ihr Lehrer, sprang auf und hielt ihr die Hand entgegen: „Ab zum Frühstück. Wir sehen uns morgen früh zum Laufen."
„Meine Güte, als könnte ich das vergessen!"
