Der nächste Morgen bescherte Ginny einen anständigen Muskelkater, doch damit hatte sie schon halb gerechnet und war deshalb extra noch ein wenig früher aus dem Bett gekrochen… Nun ja, gerollt wäre der bessere Begriff dafür gewesen, dachte sie ein wenig beschämt. Hastig griff sie nach ihrer Tasche und verschwand im Bad der Vertrauensschüler, wo sie eine ausgedehnte Runde schwamm, bis sich die Schmerzen einigermaßen gelegt hatten.
„Severus Snape, ich hasse dich", knurrte sie beim Abtrocknen und musste dann über sich selber lachen. Er konnte nichts dafür; sie hätte ja schließlich ihren Ehrgeiz zurückstellen und mit der langsameren Gruppe laufen können. Nun musste sie eben mit den Folgen ihrer Starrköpfigkeit klarkommen.
Nach dem Schwimmen fühlte sie sich wieder einigermaßen fit für einen weiteren Trainingslauf, bevor sie dann mit Snape zu den Schwertern greifen würde. Was an sich schon kurios genug war.
Heute waren sie alle ein wenig langsamer; Draco und Blaise hatten ihren Slytherin-Stolz hinuntergeschluckt und sich nach dem Aufwärmen der Gruppe von McGonagall angeschlossen, so dass Snape nun ausschließlich von jungen Damen begleitet wurde, wie Monica schmunzelnd bemerkte. Er warf ihr nur einen kurzen, noch leicht glasigen Blick zu, dem es an der üblichen Schärfe mangelte und der ihnen verriet, dass auch er erst vor kurzem aus dem Bett gefallen sein konnte, dann wandte er sich kommentarlos Richtung Wald um und lief los.
„Okay. Kein Morgenmensch", murmelte Mo Ginny und den anderen zu, und Daphne kicherte leise. Luna dagegen setzte sich wieder mit ihm an die Spitze und forderte ihn nach einer halben Runde zu einem etwas flotteren Schritt heraus. Erstaunlicherweise ging er bereitwillig darauf ein und verschärfte nun seinerseits das Tempo, so dass Ginny, Daphne und Mo bald geschlagen zurückblieben.
Sie versuchten trotzdem, das Tempo nach und nach zu steigern, und gönnten sich auch das zweifelhafte Vergnügen einer zweiten Runde. Ginny war einigermaßen stolz auf sich, als sie endlich ihre beiden Mitläufer am Schloss wieder trafen. Luna winkte ihnen fröhlich zu und trabte locker weiter Richtung See, doch Snape – inzwischen zur Gänze aufgewacht – hatte auf Ginny gewartet.
Während Daphne und Mo sich der Nahkampfgruppe anschlossen, begleitete Ginny ihren Lehrer zu dem Platz, wo sie gestern schon trainiert hatten. Sie wollte nach einem der Schwerter greifen, doch Snape hielt sie zurück. „Noch nicht", sagte er. „Erst machen wir ein paar Trockenübungen, danach kommt die Kür. Und vergessen Sie nicht: alles links."
Fragend sah das Mädchen ihn an. Doch er band nur seine Haare zusammen und stellte sich kurzerhand in Position – genau so, wie er schon gestern seine Schwertübung begonnen hatte, nur dass er die jetzt unbewaffnete Linke ausstreckte, mit der Handfläche nach oben: „Rechte Hand: Zauberstab. Links für das Schwert… oder für stablose Schildzauber. Oder wahlweise einen Besenstiel." Ginny tat es ihm ohne weitere Fragen gleich.
„So stehen bleiben." Snape kam zu ihr herüber und betrachtete kritisch ihre Haltung. „Das Gewicht etwas mehr auf das vordere Bein, rechte Hand an die Taille… gut so. Jetzt versuchen Sie mal, die Hüfte seitlich zu drehen. Damit bieten Sie weniger Angriffsfläche, und Ihr Gegner wird auf das Schwert achten statt auf Ihren Zauberstab. Klar?"
„Leicht gesagt", kommentierte Ginny skeptisch. Doch der Tränkemeister ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen, trat an ihre linke Seite und legte die Hände seitlich an ihre Beckenknochen. „Nicht so anspannen", riet er durchaus freundlich und drehte Ginnys Hüfte ein wenig. „Sehen Sie? So. Nehmen Sie den Oberkörper mit, rechte Schulter zurück, aber der Blick geht nach vorn."
„Das ist ja wie beim Tai Chi der asiatischen Muggel", lächelte Ginny, „und morgen lernen wir, wie man den Knoten wieder aufkriegt, was?"
Snape prustete völlig unerwartet los und warf ihr einen belustigten Blick zu. „Eigentlich keine schlechte Idee. Aber ich weiß was Besseres. Sehen Sie zu und lernen Sie."
Erwartungsvoll sah sie ihn an, als er sich wieder in Position stellte. Es war wie gestern, die gleichen Bewegungen, nur diesmal ganz langsam und ohne die scharfe Klinge. Dafür konnte Ginny jetzt die einzelnen Abläufe genau beobachten, die als Ganzes wirklich an eine asiatische Kampfsportübung erinnerten. Die flache Hand ersetzte die Schwertklinge, der Rest sah für Ginnys Augen aus wie Muggelkarate in Zeitlupe.
Fasziniert verfolgte sie jede der Aktionen, die fließend ineinander übergingen, und bewunderte die absolute Körperbeherrschung, die eine derartige Vorführung erforderte. Sie hätte nicht zu sagen vermocht, ob ihr die schnelle oder die langsame Version besser gefiel, doch eines stand fest: es lag pure Harmonie in diesen Bewegungen. Und sie wollte es lernen.
„Jetzt Sie", forderte Snape sie auf, nachdem er aus der knienden Schlussposition wieder hochgekommen war. „Ganz langsam. Machen Sie es mir einfach nach, in Ordnung?"
Mit einem zweifelnden Blick stellte Ginny sich auf, wie er es ihr vormachte, und versuchte seine Bewegungen nachzuahmen. Einiges geriet noch ziemlich holprig, doch sie gab sich Mühe, und Severus Snape war ein ausgesprochen geduldiger Lehrer.
Schließlich, viele Durchgänge später, hatte sie den Ablauf im Kopf, und Snape beobachtete sie zufrieden, während sie die Übung ein paarmal allein durchexerzierte.
„Das war schon sehr gut", lobte er sie und stellte sich ihr gegenüber. „Jetzt machen wir das Ganze gemeinsam nochmal. Sie werden feststellen, dass es zu zweit wirkt wie ein Showkampf. Okay? Dann los. Here we go."
Er hatte Recht. Erstaunt stellte das Mädchen fest, dass bei synchroner Ausführung die beiden gedachten Schwerter immer wieder aufeinander trafen, die Klingen sich kreuzten und die simultanen Hiebe einander stoppten, während die rechte Hand ständig wohlbekannte Zauberstabbewegungen ausführte. Die dazugehörigen Flüche und Gegenflüche waren ihr so vertraut wie Harrys Gesicht.
Am Ende knieten die beiden einander gegenüber, die Spitzen der imaginären Zauberstäbe unter dem Schwertarm hindurch aufeinander gerichtet, und ihre Blicke trafen sich.
„Das war cool", sagte Ginny begeistert.
Snape nickte schmunzelnd und setzte sich ins Gras. „Könnte man so sagen, ja. Sie scheinen eine natürliche Begabung für solche Dinge zu haben. Sie lernen schnell, Ginny, und damit lässt sich einiges anfangen. Aber jetzt ist erst mal Essen angesagt, bevor wir uns an die wirklich scharfen Sachen wagen."
„Scharfe Sachen? Severus! Ich hatte keine Ahnung, dass Sie auch ausgesprochen albern sein können, ehrlich." Hungrig nahm Ginny ein Käsesandwich von ihm entgegen. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass es bereits auf die Mittagszeit zuging, doch nun meldete sich ihr Magen und forderte laut knurrend sein Recht. „Gereizt oder schlecht gelaunt, ja. Das kann man sich gut vorstellen – aber albern?"
Er warf ihr einen raschen Blick zu, und in seinen Augen blitzte es schalkhaft auf. „Manchmal überrascht mich das selber, um ehrlich zu sein. Aber Sie müssen zugeben, dass ich heute früh auf bissige Kommentare verzichtet habe, oder?"
„Severus", gab sie kopfschüttelnd zurück, „hören Sie auf damit. Sie müssen sich nicht verstellen, okay? Jeder ist mal unausgeschlafen oder einfach schlecht gelaunt, das ist menschlich. Ich kann Ihnen doch nicht vorwerfen, dass Sie… nun ja, Sie selber sind. Auch wenn das bedeutet, dass Sie morgens um Sechs manchmal ziemlich mies drauf sein können."
„ ´tschuldigung", murmelte er ein wenig kleinlaut, doch Ginny lächelte ihm beruhigend zu. „Kein Problem, wirklich. Und jetzt sollten Sie dieses Ding vielleicht lieber essen, als es zu zerquetschen. Das war nicht im Sinne des Erfinders, wissen Sie?" Sie wies auf das Sandwich, das er mit den Fingern hart umklammert hielt. „Ron behauptet, der Typ hätte tatsächlich Sandwich geheißen. Stimmt das?"
„Wie? Ähm… keine Ahnung." Mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln betrachtete ihr Lehrer sein plattgedrücktes Mittagessen. „Manchmal frage ich mich wirklich, wie Sie und Ihre Kameraden es mit mir aushalten… Warum machen Sie sich die Mühe?"
„Das ist schnell erklärt", schmunzelte sie vergnügt, „wir mögen Sie, Sie dummer Kerl. Kapiert? Wird Zeit, dass Sie das endlich in Ihren sturen Schädel kriegen, mein Lieber. Oder muss ich es Ihnen wirklich schriftlich geben? Und jetzt tun Sie mir den Gefallen und essen Sie dieses Sandwich. Okay? Sonst muss ich ernsthaft drüber nachdenken, Mum eine Eule zu schicken und sie hierher zu bitten. Sie wartet schon seit Weihnachten auf eine weitere Gelegenheit…"
„Nicht doch!" Severus riss in gespieltem Entsetzen die Augen auf und biss hastig von seinem Sandwich ab. „Ich esse, sehen Sie?"
„Na also. Geht doch."
Zufrieden kauend saßen die beiden in der Wiese und genossen die Ruhe. Ginnys Muskelkater war inzwischen spurlos verschwunden, was ihr nicht im Geringsten leid tat. Mit einem glücklichen Seufzer ließ sie sich zurückfallen und blinzelte in die Sonne. Ihr Professor tat es ihr gleich.
Das Leben ist herrlich, dachte sie – und korrigierte diese Ansicht rasch wieder ein paar Stufen nach unten, als sie daran dachte, was der Grund für diese ausgedehnten Trainingseinheiten war.
„Da möchte man doch nie wieder aufstehen", murmelte Snape nach vielleicht einer halben Stunde und unterdrückte ein Gähnen. „Aber ich fürchte, wir haben noch ein bisschen was zu tun, richtig?"
„Vermutlich", stimmte Ginny bedauernd zu. „Wenn ich mich jetzt nicht bewege, dann bleib ich für alle Ewigkeit hier liegen, soviel ist sicher. Also los, machen wir weiter."
Langsam, fast widerwillig stand Snape auf, reichte ihr die Hand und zog sie ebenfalls hoch. Er nahm die beiden Schwerter von der Decke auf und reichte eines mit leicht verlegenem Lächeln an Ginny weiter. „Also… sollen wir?"
Sie trainierten den Ablauf erst nebeneinander, bis Ginny die verschiedenen Schwertstellungen verstanden hatte, dann stellte Snape sich ihr gegenüber auf. Als sie in die Anfangsposition gingen, waren die Spitzen ihrer Waffen gerade mal ein paar Zentimeter voneinander entfernt, und am Ende der Übung knieten sie sich gegenüber, Ginny heftig atmend von der Anstrengung, während Snape so unbeeindruckt wie immer wirkte.
Bis zum Nachmittag steigerte er das Tempo immer weiter, und das Mädchen bemerkte erstaunt, dass die schnellere Variante ihr wesentlich mehr lag. Außerdem wurde ihre Standfestigkeit besser, und sie gewöhnte sich an die anfangs so schwierige Linkshändigkeit.
Schließlich packte ihr Lehrer die Schwerter weg, sehr zu Ginnys Bedauern, und ließ sie mit der Schwerthand stablose Schildzauber üben, bis sie sich gegen seine Angriffe mit dem Zauberstab einigermaßen verteidigen konnte.
„Wow."
Von den beiden unbemerkt, waren Harry, Ron und Hermine zu ihnen gestoßen. Snape wirkte ein wenig überrascht, winkte sie jedoch heran und erlaubte ihnen zuzusehen, während er mit Ginny noch einmal die Schwerter zur Hand nahm.
„Das ist ganz schön krass", urteilte Ron abschließend und beäugte seine Schwester beinahe ehrfürchtig. „Lernen wir das auch noch?"
Mit einem gezielten ungesagten Fluch, dem Ginny aus Unaufmerksamkeit nicht viel entgegenzusetzen hatte, beförderte Severus sie ins warme Gras, ließ sich kurzerhand neben ihr auf den Boden fallen und bedeutete den anderen, sich zu ihnen zu setzen.
„Ich werde Sie in dieser Disziplin einzeln unterrichten", erklärte er sachlich. „Ein blankes Schwert ist um einiges gefährlicher als ein verpatzter Zaubertrank, und ich habe ehrlich gesagt nicht die Energie, bei einer solchen Übung auf mehr als einen Schüler aufzupassen."
Hermine nickte und schien beruhigt, doch Harry und Ron warfen begehrliche Blicke auf die beiden glänzenden Klingen auf der Decke.
„Na schön", gab Snape sich schließlich geschlagen und stand seufzend auf. „Weasley, kommen Sie her. Nehmen Sie sich ein Schwert, aber passen Sie um Merlins Willen auf, dass Sie niemanden damit aufspießen."
Ron war zugegebenermaßen sehr konzentriert bei der Sache, während der Professor ihn mit der Handhabung vertraut machte. Harry dagegen schien sich mit der silbernen Klinge nicht so ganz anfreunden zu können, und Hermine gefiel sich wesentlich besser in der Rolle der Zuschauerin.
„Ginny, wir sehen uns morgen nach dem Laufen", meinte Snape schließlich, als es anfing zu dämmern. „Wenn Sie Zeit haben, versuchen Sie doch einfach mal, Zauberstab und stablose Magie zu kombinieren. Nicht auf die übliche Art, sondern Zauberstab rechts und Schildzauber mit der linken Hand. Und halten Sie den jungen Sir Lancelot von Gryffindors Schwert fern, bis er gelernt hat, mit den Dingern anständig umzugehen." Sein amüsierter Blick streifte Ron, der immer noch das Schwert in seinen Händen drehte und bewunderte.
„Gibt es eigentlich irgendwas, das der Mann nicht kann?" fragte Hermine immer noch verblüfft, während sie auf das Schloss zugingen. „Ich meine, wir könnten vermutlich unser ganzes Leben damit verbringen, von ihm zu lernen, und würden gegen ihn immer noch aussehen wie dumme kleine Erstklässler, findet ihr nicht?"
„Jede Wette", gab Harry mit einem Grinsen zurück, „er hat ja auch einige Jahre Vorsprung, vergiss das nicht. – Aber er ist wirklich ziemlich cool, oder? Er muss ´ne Menge Zeit mit dem Training verbracht haben. Wo, glaubt ihr, hat er das alles gelernt?"
„Einiges sicherlich bei den Todessern", vermutete Hermine düster, „vergiss nicht, Harry, die meisten von denen sind Mitglieder uralter Reinblüterfamilien. Die sind sowas wie der Hochadel der Zaubererwelt. Da gehört die Ausbildung in solchen Disziplinen wie Schwertkampf, Fechten oder Reiten sicher dazu… auch wenn ich glaube, dass Voldemort keine Ahnung hatte, dass die Alte Magie existiert. Sonst hätten wir größere Probleme gehabt."
„Da sprichst du ein wahres Wort gelassen aus", grummelte Harry. „Aber für diese Sache heut hat sich´s auf jeden Fall gelohnt, Hogsmeade sausen zu lassen, findet ihr nicht?"
