1. Gleis 9 3/4
September 1991
"Los, rück' den Koffer raus, kleiner Pisser!"
Aaron beugte sich vor, sodass er drohend über dem vielleicht zehn Jahre alten Knirps hing. Jack und Louis grinsten. Niles spielte mit seinem Baseballschläger, ließ ihn immer wieder mit einem dumpfen Geräusch in seine Handfläche schlagen.
Der Junge sah die Gang an wie ein verschüchtertes Kaninchen. Mit seiner riesigen altertümlichen Brille und den weit aufgerissenen Augen ähnelte er der Eule, die er seltsamerweise in einem Käfig bei sich trug.
Bis Jack ihm den selbigen aus der Hand riss.
"Hedwig!", rief der Junge entsetzt.
"Das Vieh wird sich garantiert teuer verkaufen lassen", erklärte Jack hämisch. "Sag Auf Wiedersehen, Kleiner."
"Nein..." Die Stimme des Jungen brach ab. Er wusste so gut wie sie alle, dass er gegen die vier Jugendlichen keine Chance hatte. "Hedwig", murmelte er noch einmal verloren. Dann war er wieder still und versuchte, sich in seiner Ecke noch kleiner zu machen.
Er war leichte Beute gewesen.
Der Junge hatte absolut planlos und verloren genau vor der Mündung einer dunklen, kleinen Gasse gestanden. Seine Eule hatte geschrien, doch die Passanten gaben sich redliche Mühe, den offensichtlich verloren gegangenen Knirps nicht zu beachten. So konnten Jack und Niles ihn ungehindert in die Gasse abdrängen, wo Aaron und Louis schon warteten.
Der Junge hatte selbst mit seinem sperrigen Koffer noch erstaunliche Ausweichreflexe, doch letztendlich konnte er den vier starken, gewaltbereiten jungen Männern in der engen Sackgasse nicht entkommen. Ganz an ihrem Ende stand er nun da, seinen Koffer neben sich und den Rücken zur Wand, und war lediglich mit einem Stöckchen bewaffnet.
Schnell wurde dem Jungen selbst bewusst, dass er mit seinem lächerlichen Stöckchen absolut gar nichts gegen seine Angreifer ausrichten konnte, denn er ließ es mit einem ergebenen Seufzen in seine hintere Hosentasche verschwinden. Der Junge hatte viel zu weite Klamotten an, der Stock passte tatsächlich in voller Länge in die Tasche. Kein Wunder, sie hing dem Jungen ja auch fast bis zum Knie.
"Was... was wollt ihr von mir?", fragte der Junge nun kläglich.
"Wir wollen deinen schönen Koffer da", deutete Aaron mit siegesgewisser Miene. Der Junge konnte es sich nicht leisten, zu widersprechen.
"Das geht nicht! Ich kann doch ohne meine Sachen nicht nach Hog-" Der Junge schlug sich eine Hand über den Mund.
Niles nützte seine Verwirrung, um mit einem großen Schritt und einem raschen Griff den Koffer an sich zu reißen.
"NEIN!", brüllte der Junge und stürzte sich auf Niles. Viel zu überrascht von der Attacke reagierte Niles zu langsam. Das Knie des Jungen bohrte sich schmerzhaft in seine Weichteile.
"DU KLEINER HOSENSCHEISSER! Dafür wirst du bezahhh..." Niles fluchte und ließ sich mit verkniffener Miene auf das Pflaster sinken.
Die drei anderen Jungendlichen hatten bislang mit unverfälschter Schadenfreude zugesehen, doch als das Kind nach seinem Koffer griff, schritten sie ein.
"Den lässt du mal schön da, Kleiner", zischte Jack. Der Junge wich zurück, ballte jedoch trotzig die Hände zu Fäusten.
"Sieh mal einer an", grinste Aaron. "Da braucht wohl einer eine kleine Abreibung."
"Verdammt wahr!", stöhnte Niles aus seiner Ecke.
Aaron, Jack und Louis wechselten einen kurzen Blick. Dann wandten sich alle drei zugleich mit böser Grinse ihrem Opfer zu. "Wollen wir ein bisschen Spaß haben, Kleiner?"
Was folgte, war eine sehr hässliche und ausgesprochen blutige Angelegenheit. Der kleine, ausgemergelte Junge mit den schlechten Augen hatte keine Chance. Seine drei Angreifer schlugen und traten auf ihn ein, bis er reglos am Boden vor ihnen lag. Ein leises Wimmern war das einzige Zeichen, dass er noch lebte.
"Ich will auch meine Rache", ließ sich da ein mehr schlecht als recht erholter Niles hören. Der Junge am Boden hatte es soeben geschafft, sein nicht zugeschwollenes Auge wieder auf seine Gegner zu richten, und selbst ohne seine zerbrochene Brille wusste er, dass der Gesichtsausdruck des Jugendlichen nichts Gutes verhieß. Selbst ein Blinder hätte das erraten können.
Die anderen Jugendlichen traten zurück, um den Geschädigten durchzulassen. Niles baute sich gewichtig vor dem am Boden liegenden Kind auf - nicht breitbeinig, das ließ sein momentaner Gesundheitszustand nicht zu - und betrachtete es eingehend.
"Ich weiß schon", eröffnete er dann seinen Freunden. "Wenn man bedenkt, was er mit mir gemacht hat, ist es eigentlich nur logisch, welche Strafe er dafür zu erhalten hat."
Niles wog bei diesen Worten seinen Baseballschläger in einer Hand, während seine Blicke zwischen die Beine des Jungen wanderten.
Der Junge keuchte entsetzt auf. Dann kauerte er sich zusammen, so klein er konnte. Er stand unter Schock. Immer wieder schien er dieselben Worte vor sich her zu murmeln, doch keiner der Jugendlichen hörte, was er da sprach. Es war ihnen auch sowas von egal.
"Na komm, komm, kleiner Junge, spreiz' mal die Beine und lass sehen, was du zu verlieren hast", stichelte Niles böse. Die anderen lachten.
Niles trat vor. Der Junge quiekte entsetzt - und verschwand.
Die vier Jungen blickten sich erstaunt um, sie konnten sich keinen Reim darauf machen, was gerade geschehen war. Keiner von ihnen hörte das leise Rascheln oder bemerkte das kleine Tier, welches hastig unter dem nächsten Kanaldeckel verschwand.
Harry saß keuchend und zitternd in einer dunklen Nische neben dem Abwasserkanal. Nein, er saß nicht: Er stand, auf allen vier seiner kurzen, dürren Beinchen. Panik brach in ihm aus, als er einen seiner 'Arme' anhob und die dürren, knorpeligen Krallen sah. Was geschah mit ihm?
Er schluchzte, doch das Geräusch, welches an seine Ohren drang, glich dem Fiepen eines verängstigten Vogels, oder vielleicht einer Maus.
Einer Maus?
Harry riss sich zusammen und tapste langsam vorwärts, bis sein Kopf sich über dem bräunlichen Wasser des unterirdischen Kanals befand. Das Licht war schlecht, und das Wasser trübe. Er erkannte sich nicht. Seufzend machte er sich auf, um einen Ausgang aus der Kanalisation zu finden. Irgendwo würde es schon eine Pfütze oder eine Glasscheibe geben, in der er sich mustern konnte.
Während seiner Wanderung ließ er noch einmal die Ereignisse des Tages in seinem Kopf Revue passieren. Es war sich immer noch nicht ganz sicher, was eigentlich geschehen war.
Die Dursleys hatten ihn zum Bahnhof gebracht. Dort hatte Harry feststellen müssen, dass es das Gleis, welches auf seiner angeblichen Fahrkarte in die Zauberwelt stand, gar nicht gab. War dies letztendlich doch nichts anderes als ein böser Scherz?
Harry schluchzte erneut, doch wieder erklang das unmenschliche Fiepen und er brach verstört ab. Schweigend setzte er seinen Weg fort. Er war zu nahe am Boden. Oder war der Boden hier plötzlich größer als normal?
Es gab kein Gleis 9 ¾. Als die Dursleys das bemerkten, waren sie wie zu erwarten sehr schadenfroh gewesen. Aber Harry war doch mit Hagrid in der Winkelgasse gewesen? Er hatte doch seinen eigenen Zauberstab erstanden?
Harry wollte nach seiner Hosentasche greifen und wäre beinahe gestürzt. Wieso lief er auf allen Vieren? Und wieso... wieso trug er keine Hose?
Panik überkam ihn und er blieb stehen, hyperventilierte, und schließlich wurde ihm schwarz vor Augen.
Irgendwann kam Harry wieder zu sich. Er rappelte sich mühsam auf. Kalter Stein unter seiner Wange, seinem Bauch. Der durchdringende Gestank von Abwasser. Harrys Schluchzen ein klägliches Fiepen. Es war ihm egal. Er musste einfach schluchzen, gleich wie es klang.
Wieso wachte er nicht endlich auf aus diesem Alptraum?
Harrys Magen knurrte und er fragte sich, wie viel Zeit wohl seit dem Bahnhof vergangen sein mochte.
King's Cross.
Wo seine Familie ihn ausgesetzt hatte.
Anders konnte man es nicht nennen. Die Dursleys hatten schadenfroh erklärt, dass Harry ja jetzt ein Zauberer sei, da müssten sich dann auch die Zauberer um ihn kümmern. Sie seien sich sicher, wenn Harry nur seine Magie anwendete, würde er schon zu seinem Gleis kommen. Lachend waren sie in ihr Auto gestiegen, hatten die Türen zugeschlagen und waren davongefahren.
Und Harry blieb allein zurück.
Harry, mit seinem Koffer voll sonderbarer Gegenstände, dem Käfig mit seiner Eule, seinem Zauberstab, der geflickten Brille und den zu großen Kleidern.
Harry. Ganz alleine.
Lautes, fiependes Schluchzen erfüllte den unterirdischen Gang, als Harry bitterlich sein Schicksal beklagte.
Harry war noch lange einsam und verlassen inmitten des von geschäftigem Leben erfüllten Bahnhofsgebäudes gestanden und hatte in purem Schock vor sich hin gestarrt, während um ihn herum die Leute vorbeihasteten: Geschäftsleute in dunklen Anzügen, eine ganze Horde rothaariger Kinder, eine ausländische Familie, Touristen, Touristen, Touristen, ein Mann im Rollstuhl, ein Kind mit einer Kröte in der Hand ...
Harry hatte nichts davon wahrgenommen. Die Hoffnungslosigkeit seiner Lage hatte von ihm Besitz ergriffen und er stand wie angewurzelt an seinem Fleck.
Irgendwann, lange nachdem der Hogwartsexpress abgefahren wäre, wenn es ihn denn überhaupt gab, ließ die Verzweiflung endlich nach und es kam erneut Leben in den elfjährigen Jungen. Zögerlich griff er sein Gepäck und Hedwigs Käfig und verließ das Bahnhofsgebäude. Wenn er nur den Weg zurück zu den Dursleys fände, würden sie ihn schon wieder bei sich aufnehmen, oder nicht? Wenn er sich entschuldigte, ihnen zustimmte, dass es keine Magie gab – wären sie dann nicht vielleicht gewillt, ihn trotz allem weiter bei sich wohnen zu lassen?
Harry wusste, sein Onkel und seine Tante mochten ihn nicht. Aber er konnte kochen, putzen, im Garten arbeiten... wenn er noch besser arbeitete als sonst, und vielleicht noch etwas weniger aß – bei dem Gedanken wurde ihm mulmig, aber welche Wahl hatte er schon? Nun, wenn er sich nützlich machte, dann würden sie ihn doch vielleicht wieder aufnehmen.
Wohin konnte er denn sonst?
So lief Harry also langsam los. Doch schon nach wenigen Schritten wurde ihm bewusst, wie wenig er eigentlich über London wusste. Wie weit war es von hier nach Little Whinging? In welche Richtung musste er laufen? Er blieb stehen.
In diesem Moment war es, dass diese Jugendlichen ihn überfielen. Harry wusste nicht, wie ihm geschah. Plötzlich sah er sich in die Ecke gedrängt, allein, ohne Hoffnung auf Entkommen. Es war klar, dass er mit seiner Zauberei nichts anfangen konnte, wenn sie überhaupt existierte. Zugegeben, sonderbare Dinge waren hin und wieder um ihn geschehen, doch nie hatte er sie beeinflussen können. Was, wenn die 'Magie' doch nur ein böser Scherz der Dursleys gewesen war? Eine Falle, um ihn loszuwerden?
Harry betete um ein Wunder. Als der wutentbrannte Teenager mit dem Baseballschläger in der Hand auf ihn losging, da kauerte sich Harry in seine Ecke und hatte nur einen Wunsch: sich so klein zu machen, dass der andere ihn nicht mehr bemerkte.
Und das Wunder geschah. Harry hatte das sonderbare Gefühl, dass sein Körper schrumpfte. Auf einmal stand er auf allen Vieren, und die Jugendlichen, welche ihn bedrängt hatten, schienen ihn nicht mehr wahrzunehmen. Zugleich verwirrt, erleichtert und immer noch leicht panisch hatte er sich davon gestohlen und war instinktiv in der dunklen Ritze zwischen den Fugen der Bordsteinkante abgetaucht.
Und nun war er hier.
Der Gefahr entronnen, aber immer noch einsam, verlassen, allein - und absolut verwirrt. Wo war er hier? Und was war er? Er lief auf vier Beinen wie ein Tier, und quiekte wie eine Maus. Er war instinktiv in der Kanalisation abgetaucht.
Er war kein Mensch mehr.
Harry blieb nicht stehen. Er trottete weiter den Gang entlang, hoffend, dass dieser Alptraum irgendwann ein Ende nahm und er wieder das Licht des Tages erblickte. Und er schluchzte.
Harry wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit er in dieses Ding verwandelt worden war, doch endlich, endlich erblickte er vor sich Licht. Er lief schneller, trieb die müden Beinchen zur Eile an. Sein Magen knurrte laut, er hatte Durst, er war müde, und von den Schlägen der bösartigen Gang taten ihm alle Knochen weh. Am liebsten wollte Harry nur schlafen; doch der Drang, endlich wieder die Sonne zu sehen, war stärker.
Der Gang öffnete sich vor ihm und Harry trat hinaus ins Licht - einer Straßenlaterne.
Es war Nacht.
Harry war den ganzen Tag unterwegs gewesen. Oder waren es mehrere? Er vermochte es nicht zu sagen.
Zu müde und ausgelaugt, um sich noch über irgendetwas aufzuregen, trottete Harry lediglich weiter geradeaus. Irgendwo würde er schon ankommen... Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber solange er noch laufen konnte, würde er das auch tun.
Nur... musste es denn gerade neben diesem stinkenden Wasserlauf sein?
Nun blieb Harry doch stehen und sah sich um. Rechts und links des Kanals erhoben sich steile Böschungen. Er drehte sich um und sah zurück. Der unterirdische Gang, aus dem er kam, sah von hier aus klein und unscheinbar aus. Der Abwasserkanal entsprang aus der Seite eines Abhanges, über dem die Leitplanke einer Straße sichtbar war...
Straße.
Menschen.
Harry drehte sich um und begann den mühsamen Aufstieg. Bald hatte er die Böschung erklommen und fühlte den unnachgiebig harten Asphalt der Straße unter seinen Pfoten. Er blickte nach rechts und links und sah auf beiden Seiten dasselbe: einsam zog sich die Straße durch die dunkle Landschaft, nur erleuchtet vom gelegentlichen kalten Licht einer Lampe.
Entschlossen überquerte Harry die Straße und sah auf der anderen Seite den Hügel hinunter. Was er sah, ließ ihn bewundernd ausatmen.
Vor ihm lag London.
Es konnte keinen Zweifel geben. Das Lichtermeer war schier unendlich und selbst aus dieser beträchtlichen Entfernung konnten seine scharfen Ohren den Lärm der Großstadt wahrnehmen.
Harry seufzte. Er war anscheinend wirklich weit aus der Stadt herausgewandert. Doch die Straße schien, wenn er sich links hielt, wieder ins Zentrum des Lebens zurückzuführen. Es würde jedoch wiederum einen ganzen Tag - oder auch mehrere? - dauern, bis er dort war. Darüber machte er sich keine Illusionen.
Harry wollte nicht hier bleiben. Er wollte zurück in die Stadt. Was er dort vorzufinden hoffte, war ihm nicht so ganz klar, denn in seinem momentanen Zustand würden ihn gewiss auch die Dursleys nicht aufnehmen. Doch er hatte keine bessere Idee, und die Stadt schien ihm weniger bedrohlich als das düstere, schweigende Land um ihn.
Dennoch, in derart schlechter Verfassung konnte er unmöglich den ganzen Weg zurücklegen.
Harry lief unschlüssig ein paarmal am Straßenrand auf und ab. Gerne wäre er per Anhalter gefahren, doch ein Auto war für ihn als... als Maus oder was auch immer, mehr Gefahr als Hoffnung.
Er musste sich von der Straße fernhalten, wenn er überleben wollte.
Mit diesen trüben Gedanken verließ er die Straße und durchstreifte die angrenzende Wiese. Welche natürlichen Feinde hatte eine Maus? Füchse kamen ihm in den Sinn, Raubvögel... Er zitterte. Oh, was hatte er sich da nur eingebrockt!
Denn das hier musste ganz sicher seine eigene Schuld sein. Er erinnerte sich nun wieder daran, wie er sich gewünscht hatte, klein zu sein und seinen Angreifern zu entkommen. Klein war er, ohne Zweifel. Aber auch absolut schutzlos.
Er fand eine Nische unter einer Baumwurzel und zwängte sich hinein. Hoffentlich wäre es genug, um die Nacht zu überleben.
Mit kalten Pfoten und zitterndem Fell fiel er nach langen Stunden endlich in einen unruhigen Schlaf.
Als Harry am nächsten Morgen aufwachte, war sein erster Gedanke nicht Freude darüber, dass er noch am Leben war. Nein, vielmehr verfluchte er sein Schicksal, dass er nicht in seinem Schrank oder Dudleys zweitem Zimmer im Ligusterweg aufwachen konnte. Wieso konnte dies alles nicht einfach nur ein Alptraum gewesen sein?
Ihm war kalt und er hatte Hunger. Er wusste immer noch nicht, was er war, noch, wie er wieder zu Harry werden konnte. Und selbst wenn er wieder er selbst wäre, was sollte er tun? Wie sollte er zurück nach Hause kommen?
Er hatte das Haus der Dursleys nie wirklich als sein Zuhause betrachtet. Doch nun, da er hilflos allein in der Wildnis ausgesetzt worden war, wurde ihm bewusst, was er dort alles gehabt hatte: ein Dach über dem Kopf. Halbwegs warme Kleidung. Essen – vielleicht nicht immer so viel, wie er sich wünschen würde und nicht immer das Beste, aber doch genug, um am Leben zu bleiben.
Es war eigentlich nicht so schlecht gewesen.
Doch die Dursleys wollten ihn nicht mehr. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass sie ihn einfach ausgesetzt hatten. Wenn er nicht zu diesem ... Etwas geworden wäre, hätte ihn der Typ mit dem Baseballschläger vermutlich umgebracht. Oder zumindest so schwer verletzt, dass er sich nie wieder ganz erholt hätte.
So gesehen war seine Verwandlung ein Glück. Harry lachte bitter und zuckte kaum noch zusammen, als statt seiner eigenen Stimme ein pfeifendes Piepsen seine empfindlichen Ohren erreichte. Nun gut, er war also jetzt ein Tier. Ein kleines, fiependes Tier auf knorrigen Pfoten.
Aber immerhin war er am Leben.
Der Gedanke hätte aufmunternd sein können, doch er wurde zu dicht gefolgt von seiner logischen Fortsetzung: Aber wie lange noch?
Wie lange, bis er auf ein Raubtier stieß, das ihm den Garaus machte? Wie lange, bis er vor Hunger umkam?
Harry wurde bewusst, dass er auch in der Stadt als Tier kein Brötchen kaufen konnte. Zudem hatte er kein Geld... aber das war wirklich nebensächlich. Er schnaubte. Brauchten Mäuse Geld?
Nein, ergänzte sein Geist hilfreich, die fressen Körner, Pflanzen und Abfälle.
Harry erstarrte. Würde es dazu kommen? Würde er im Müll wühlen wie eine Ratte?
Langsam sah er sich um.
Es war September. Die Wiese neben der Straße summte vor Leben, und weiter vorne glaubte er ein Getreidefeld zu erblicken. Würde er dort etwas zu essen finden?
Zu fressen, korrigierte er sich selbst und hasste sich dafür. Gut, er war eine Maus; aber hieß das denn unbedingt, dass er auch so denken musste?
Vielleicht schon, schoss es ihm durch den Kopf. Mit menschlichen Essgewohnheiten würde er wohl kaum überleben. Sein Abgang in die Kanalisation hatte gezeigt, dass er durchaus die Instinkte seiner neuen Form besaß; also warum nicht darauf vertrauen, wenn es an die Ernährung ging?
Harry dachte weiter über diese Frage nach, während er am Straßenrand entlang der Stadt entgegen trappelte. Irgendwann stieg ihm ein himmlischer Geruch in die Nase. Er bemerkte, wie sich sein Riechorgan steil aufrichtete und intensiv schnupperte. Dann trugen ihn seine Beine nahezu ohne sein Zutun zum entgegengesetzten Straßenrand. Er schnupperte erneut, driftete nach links und fand endlich seinen Schatz.
Es war ein angebissenes, dreckiges Sandwich.
Harry machte einen Satz zurück. Ameisen liefen über die Brotscheiben, der Käse hatte Flecken und die Wurst schillerte grünlich.
Nein!, schrie alles in ihm. Das esse ich nicht!
Sein Körper schien sich nicht darum zu kümmern. Schrittchen für Schrittchen trappelte er näher an das verführerisch riechende Futter heran.
Nein!
Mit einer unglaublichen Willensanstrengung riss Harry sich von dem Sandwich los und rannte. Er floh, floh vor einem angebissenen Sandwich, floh vor seiner Reaktion, vor seinem Hunger, vor seinen tierischen Instinkten.
Erst Meilen später kam Harry zur Ruhe. Längst rannte er nicht mehr, sondern schleppte sich nunmehr kraftlos dahin. Wäre es so schlimm gewesen, etwas von dem angegammelten Brötchen zu essen? Er machte sich Vorwürfe, dass er nicht auf seine Instinkte vertraut hatte. Er hatte seine Tante einmal verächtlich sagen hören, dass es auch Menschen gab, die von dem lebten, was andere weggeworfen hatten. Sollte er nun verhungern, nur weil er zu stolz gewesen war?
Trostlos und ausgehungert mühte er sich weiter die Straße entlang.
Dann, endlich, erreichte er das Getreidefeld, welches er am Morgen in der Ferne gesehen hatte. Rasch verließ er die Straße und näherte sich den verlockenden goldenen Halmen.
Ein leises Brummen ließ ihn innehalten. Er hob den Kopf, schnüffelte und fletschte angewidert die Zähne. Es roch nach Benzin, nach Abgasen. Doch der Geruch kam nicht von der Straße, sondern vom Rand des Feldes. Der Lärm wurde lauter, und auf einmal sah Harry direkt vor sich ein riesiges Gefährt um die Ecke des Feldes auftauchen.
Ein Güllefahrzeug.
Leider informierten Harrys Sinne zusammen mit seiner menschlichen Erfahrung ihn sofort darüber, dass der Bauer keine Gülle ausfuhr. Nein, es war etwas anders, was dort über die Halme gespritzt wurde: Insektizide und Pestizide.
Harry schluckte.
Davon hatte er schonmal gehört. Was an den meisten Menschen unbemerkt vorbei ging und nur einigen wenigen, empfindlichen Leuten Ausschlag verursachte, brachte Insekten und kleine Tiere gnadenlos um. Wie groß war er wirklich? Wie viel Gift konnte sein Körper fassen, ohne daran umzukommen? Und wer garantierte ihm, dass der Bauer nur dieses eine Gift auf seine Pflanzen losgelassen hatte? Wo Menschen Ackerbau betrieben, da waren immer auch Tiere, die davon profitieren wollten. Und die Menschen wussten es und schützten ihre Pflanzen dagegen.
Harry quiekte als ihm die Aussichtslosigkeit seiner Lage bewusst wurde: er konnte hier nichts fressen. Rein gar nichts!
Außer dem, was Menschen für ihn hinterließen.
Mit plötzlich neu erwachter Sehnsucht dachte er an das verschmähte Sandwich. Das wäre bestimmt nicht giftig gewesen! Gut, es hatte schon leicht geschimmelt, aber ... war ein Tiermagen nicht eher dafür gerüstet, es mit Schimmel aufzunehmen, als mit Spritzmitteln oder gar Rattengift?
Harry trottete zurück zur Straße.
Dudley hatte ihm so oft sein Essen streitig gemacht, dass er daran gewohnt war, nicht genug zu essen zu bekommen. Ein, zwei Mal hatte er auch die harten Brotkanten gekaut, die seine Tante ihm zum Wegwerfen gegeben hatte. Doch... einen Hunger wie diesen hatte er noch nie verspürt.
Es schmerzte. Sein Magen krampfte sich zusammen und ihm war schlecht. War das seine menschliche Reaktion auf seine Lage oder wurde Mäusen auch übel? Er wusste es nicht, und es war ihm auch herzlich egal.
Langsam sah er seine Situation sehr viel realistischer als noch am Tag zuvor. Er war eine Maus. Er würde es auch bleiben, auf unbestimmte Zeit; vielleicht sogar für immer. Er konnte sich nicht ernähren wie eine Maus das natürlicherweise tun würde, denn die Felder in seiner Umgebung bargen zu viele Gefahren. Sollte es Magie tatsächlich geben, dann würde er das am ehesten in der Stadt herausfinden.
All seine Gedanken führten zu demselben Ergebnis: Er musste zurück nach London.
Harry verbannte seinen Hunger aus seinen Gedanken und machte sich wieder auf den Weg. Es war ein langer Weg, aber er würde es schaffen. Und wenn er erst einmal in London wäre... Nun, das würde er sehen wenn er da war.
Irgendwie würde er überleben.
A/N: Updates gibt's voraussichtlich ab jetzt jeden Freitag. Die Geschichte hat insgesamt 8 Kapitel, die ich aber alle vorher nochmal durchlesen sollte. ; )
