2. Weasleys
September 1992
Harry quiekte erbost. Wie konnte es diese fremde Ratte wagen, in sein Revier einzudringen?
Er zeigte seine scharfen Beißer und sprang.
Als er sich das erste Mal in einem Schaufenster gesehen hatte, mit den gelben Zähnen, seinem rauen, dunklen Fell und dem nackten Schwanz, da war ihm übel geworden. Er war keine kuschelige, kleine Feldmaus, sondern eine Ratte. Eine magere, hässliche Ratte mit boshaften schwarzen Augen.
Widerlich.
Es hatte Wochen gedauert, Monate, bis er sich damit abgefunden hatte. Doch abfinden hatte er sich müssen. Was er schon in den ersten Tagen seiner neuen Existenz geahnt hatte, hatte sich voll und ganz bewahrheitet: Er war eine Ratte geblieben, Menschen hassten ihn und er lebte von Abfällen.
Schnell war es nicht gegangen, doch nach und nach hatte er sich an sein neues Leben gewöhnt und sogar die Vorteile seiner neuen Form erkannt. Er war nicht so hilflos und klein wie eine Maus. Raubvögel gab es in der Stadt keine, doch auch der gelegentliche Fuchs wurde ihm selten gefährlich. Vor Katzen hatte er Respekt, doch wenn sie sich partout nicht ausweichen ließen, hatte er keine Angst mehr davor, ihnen seine Krallen und Zähne zu zeigen.
Er war ein Kämpfer geworden.
Notwendigkeit hatte ihn gelehrt, auf seine Instinkte zu horchen und nicht zu zögern, seine Feinde dort anzugreifen, wo es am meisten weh tat. Andere Ratten machten einen Bogen um die bösartige junge Ratte, die sich in der Bahnhofsgegend eingenistet hatte, und die meisten ansässigen Katzen ließen ihn ebenfalls in Ruhe.
Harry war sich seiner Stärke wohl bewusst. Nur Menschen wurden ihm zuweilen gefährlich, doch auch deren Angriffe hatte er bislang überlebt. Er war zu intelligent, um auf Rattengift und verseuchtes Fleisch hereinzufallen, und auch wenn seine Sicht als Ratte nicht viel besser war denn als Mensch, so sah er die Hunde doch meistens rechtzeitig und konnte sich in einem Kanalloch in Sicherheit bringen.
In mancher Hinsicht, dachte er manchmal, war dieses Leben besser als das bei den Dursleys. Er war sein eigener Herr, musste keine Hausarbeit verrichten, niemand beschimpfte ihn und er konnte den ganzen Tag lang tun und lassen, was er mochte. Zu essen hatte er auch immer genug. Wirklich, wenn er sich so betrachtete, was für eine Existenz er sich aufgebaut hatte, dann konnte er eigentlich nicht klagen.
Auch wenn es ein sehr einsames Leben war.
Aber. Ärgerlich verbiss er sich im Genick der fremden Ratte. Besser einsam als in Gesellschaft von Typen wie dem hier!
"Krätze!", dröhnte plötzlich eine menschliche Stimme über ihm. Erschrocken machte Harry einen Satz zurück. Und keinen Moment zu früh: ein Schuh sauste durch die Luft, nur Millimeter an seinem Kopf vorbei. Dieser Tritt hätte tödlich sein können.
Harry war blind vor Wut. Den Menschen konnte er nicht angreifen, aber da war immer noch die fremde Ratte... Mit einem wilden Quieken schmiss er sich erneut auf seinen Gegner.
Und wurde von einer unsichtbaren Gewalt in die Seite getroffen.
Heftig atmend und mit unerträglichen Schmerzen blieb er liegen. Aus dem Augenwinkel beobachtete er ungläubig, wie die fremde Ratte von einem rothaarigen Menschenjungen aufgehoben wurde. Welche Ratte war so dumm, sich von Menschen einfangen zu...?
Oh.
Der Kerl war eine Hausratte. Das erklärte, warum er so fett war und ein so unglaublich schlechter Kämpfer. Und warum er Harrys Reviermarkierungen missachtet hatte. Hausratten waren dumm, das wusste jeder. Sie verstanden nicht, was es hieß, ein echtes Rattenleben zu führen.
Ratten sprachen nicht miteinander, wie Menschen es taten, doch manche Weisheiten bekam Harry auch so mit. Es brauchte nicht viel Intelligenz, um das Verhalten einer 'echten' Ratte gegenüber einer Hausratte zu deuten.
Schmerzen hielten Harry davon ab, weiter über die seltsame Ratte nachzudenken. Was zur Hölle war das? Er hatte es überhaupt nicht kommen sehen, geschweige denn gehört oder gerochen. Total aus heiterem Himmel heraus war er plötzlich verletzt.
Der Junge mit der anderen Ratte stand auf und entfernte sich, da kam ein Mädchen angerannt. Auch dieser Mensch hatte rote Haare. "Ron, Ron! Ist mit Krätze alles in Ordnung?"
"Ja", nickte der Junge. "Vater hat das andere Vieh getroffen, das tut so schnell keinem mehr was." Genugtuung schwang deutlich in seiner Stimme mit und Harry hasste ihn dafür.
"Aber..." Das Mädchen sah sich um und seine Augen fielen auf Harry. Harry hätte nicht sagen können, ob es sein Blick war, in dem sich Hass und Angst mischten, oder sein kümmerliches Aussehen, doch das Gesicht des Mädchens wurde bei seinem Anblick weich. "Ach, du armes Ding."
Es bückte sich, und Harry versuchte panisch von ihm weg zu kommen. Doch er war von den Schmerzen zu geschwächt und musste es hilflos mit sich geschehen lassen, dass das Mädchen ihn hochhob und zu einer Gruppe von rothaarigen Menschen trug.
Harry hatte in dem Jahr, das er nun schon als Ratte lebte, seinen tierischen Instinkten soweit nachgegeben, dass die beruhigenden Worte des Mädchens unbeachtet an ihm vorüber flossen. SeinInstinkt brüllte in seinem Kopf: Weg! Weg! Weg! Mensch! Lebensgefahr!
Er quiekte, wand sich in dem Griff, strampelte mit den Beinen und versuchte, die fesselnde Hand zu beißen. Doch das Kind hielt ihn in stahlhartem Griff und es blieb ihm nichts anderes übrig, als nach langem erfolglosem Kampf seine Instinkte zu unterdrücken und zu versuchen, mit menschlichem Denken weiter zu kommen.
"...es Krätze gewesen wäre? Fändest du es dann auch okay?", giftete das Mädchen gerade. Der Junge gab trotzig zurück: "Es ist aber nicht Krätze. Das da ist lediglich irgend so eine Straßenratte. Mir doch egal, wenn das Vieh verreckt."
"Oh Ron, du bist herzlos! Und Vater, wie konntest du nur!"
Harry sah, wie ein älterer Mann sich verlegen am Kopf kratzte. "Ginny, Schatz, du weißt doch, wie Ron an seiner Ratte hängt. Ich wollte nicht, dass diese andere Ratte Krätze umbringt. Das verstehst du doch, oder?"
"Ach, aber die andere Ratte umzubringen ist okay, oder was?"
"Lebt doch noch!", spuckte Ron.
"Ja", keifte Ginny, "aber sie hat Schmerzen!"
"Und was sollen wir deiner Meinung nach deswegen tun?"
"Ich werde sie mitnehmen", erklärte Ginny patzig.
Ron lachte sie aus. "Ginny, das da ist keine Hausratte. Die wird eher versuchen, dich zu beißen, als für dich das Haustier zu spielen!"
Stimmt, dachte Harry grimmig, dich würde ich wirklich eher beißen!
Doch er plante keineswegs, das Mädchen zu beißen, das ihn gefangen hatte. Zwar ging es gegen sämtliche Instinkte, doch er wusste, dass er Hilfe brauchte. Wenn dieser Mensch ihm helfen wollte, wer war er, dass er das ablehnen würde?
"Percy hat Krätze damals auch bei uns im Garten gefunden und einfach behalten. Was ist an der Ratte hier so anders?"
Der Vater der beiden Kinder runzelte die Stirn. "Krätze scheint magisch zu sein. Jedenfalls lebt er schon viel länger, als es eine einfache Hausratte eigentlich dürfte. Und er hat keine Krankheiten. Kam ja auch aus der freien Wildbahn. Das Tier hier dagegen" – er gab Harry einen missbilligenden Blick – "das ist ein Stadttier, es könnte wer weiß welche Krankheiten haben!"
"Na und?", machte Ginny trotzig. "Ich bin sicher, dass Madam Pomfrey es heilen kann. Oder Herr Hagrid, nach allem, was Ron erzählt hat. Hatte der nicht letztes Jahr Ärger, weil ein Drache seine Hütte abgebrannt hat? Ich bin sicher, wenn er es mit Drachen aufnimmt, kann er auch eine Ratte pflegen!"
Harry sah, wie der Vater nach einem Blick auf die Uhr aufseufzte. "Kinder, ihr müsst auf den Zug. Ginny, ich bin dagegen, dass du diese Ratte behältst, aber wir haben jetzt einfach nicht die Zeit, das weiter zu diskutieren. Nimm das Tier in Merlins Namen mit, und zeig es Madam Pomfrey. Immerhin hat Ron ein Haustier und du nicht. Wenn Madam Pomfrey sagt, dass die Ratte gesund ist, und wenn sie nicht zu viel Ärger macht, dann kannst du sie behalten. Ist ja nicht so, als könnte ich gegen deinen Sturkopf ankommen", grummelte er. "Warum musste Molly gerade heute krank werden?", fluchte er so leise, dass Harry sich sicher war, dass außer seinen feinen Rattenohren niemand die Worte mitbekommen hatte.
"Der Zug fährt in drei Minuten", gab eine fröhliche Stimme bekannt. Plötzlich kam Leben in die Gruppe. Koffer wurden angehoben, Taschen zurechtgerückt und dann ging es im Laufschritt los – direkt auf die Absperrung zwischen Gleis Neun und Zehn zu!
Harry zitterte am ganzen Leib, doch sah er keine Chance, zu entkommen, als das wahnsinnige Mädchen mit ihm auf die massive Wand zulief. Als er unbeschadet auf der anderen Seite herauskam, gerieten all seine Gedanken ins Stocken.
Gleis 9 ¾ lag vor ihm.
Harry saß nun schon seit einigen Stunden in Ginnys Schoß. Das Mädchen fütterte ihn mit belegten Brötchen und Apfelstücken, die seine Mutter für es eingepackt hatte. Harry hatte den Verdacht, dass das Mädchen selbst deswegen etwas zu kurz kam, doch konnte er sich nicht soweit zurückhalten, dass er gutes Essen verschmähte. Dafür lebte er dann doch schon zu lange auf der Straße.
Hogwarts. Er würde nach Hogwarts gehen! Zwar nicht so, wie er es sich einst erträumt hatte, aber dennoch: Hogwarts!
Magie war echt! Er war tatsächlich ein Zauberer! Oft in den letzten Monaten, wenn er alleine in seinem dunklen Loch saß und nicht schlafen konnte, hatte er daran gezweifelt, dass er jemals in der Winkelgasse gewesen war, und manchmal sogar daran, dass er je ein Mensch gewesen war. Er war so sehr Ratte, dass seine Kindheit, sein ganzes bisheriges Leben ihm als ein seltsamer Traum erschien.
Dann sah er, wie eine andere Ratte Gift fraß und elendiglich daran zugrunde ging. Gift. Nein, er war ein Mensch, denn wie könnte er sonst soviel über die Menschen wissen? Dennoch, dass es Hogwarts wirklich gab, das war wie ein Wunder.
Aber ein böses.
Wenn es Hogwarts gab, gab es auch Hagrid und die Schulleitung, welche ihn eingeladen hatte. Warum hatten sie ihm damals nicht gesagt, wie man zum Gleis 9 ¾ kam? Er war bei Muggeln aufgewachsen. Dachten diese Leute wirklich, er würde einfach wissen, wie man den Zug erreichte? Oder dass er ganz von alleine auf die blendende und absolut naheliegende Idee kommen würde, auf eine grundsolide aussehende Wand zuzurennen? Also bitte!
Vielleicht war Harry ja ein besonders schwacher Zauberer, aber verdammt, er konnte doch nicht der einzige sein, der hier einen kleinen Tipp brauchte!
Alter, halb vergessener Groll stieg in ihm auf. Diese Zauberer waren kein Stück besser als die Dursleys. Auch sie hatten ihn im Stich gelassen.
Harry ahnte, dass man in Hogwarts herausfinden würde, dass er ein Mensch war. Vielleicht nicht sofort, aber irgendwann würde jemand merken, dass er keine normale Ratte war. Dann würde man ihn zurückverwandeln... Er wusste nicht, ob er sich darauf freuen sollte – oder sich davor fürchten.
Als Mensch würde er all den Menschen gegenübertreten müssen, die ihn verraten und im Stich gelassen hatten. Als Mensch wäre er wieder ein schwaches, unmündiges Kind und würde den Erwachsenen gehorchen müssen, obwohl diese nie das Beste für ihn im Sinn hatten. Als Mensch... als Mensch müsste er sich wieder wie ein Mensch verhalten und sich in eine Gesellschaft einfügen, die zu hassen er jede Menge Gründe hatte.
Und wer würde ihn dann auf den Schoß nehmen und streicheln? Es mochte seinen Stolz kränken, dass er nun hier saß wie eine zahme Hausratte, er, der Sieger zahlreicher Schlachten! Und doch konnte er nicht umhin zu bemerken, dass er sich noch nie in seinem Leben so wohl gefühlt hatte, so geborgen und ... so geliebt.
Nein, Harry hoffte nicht, dass man ihn bald erkannte. Er wollte lieber eine Ratte bleiben.
August 1993
"Komm, Fünkchen, Frühstück!"
Harry wühlte sich schlaftrunken aus den Laken und schnupperte der gut gelaunten Stimme Ginnys nach. Sie nannte ihn 'Fünkchen', da er scheinbar eine weiße Blässe auf der Stirn hatte, die vage blitzförmig aussah. Ihm selbst war das nie aufgefallen, aber das war bei seiner Kurzsichtigkeit und den seltenen Gelegenheiten, da er sich im schmierigen unteren Rand eines Schaufensters betrachten konnte, nun wirklich nicht verwunderlich.
Ron hatte sich lange über den Namen lustig gemacht und darauf bestanden, die Ratte 'Flash' zu nennen, was er viel cooler fand. Zu seinem Pech mochte das Tier ihn anfangs jedoch nicht sonderlich – immerhin hatten sowohl er als auch Mr. Weasley sich dagegen ausgesprochen, dem schwer verletzten Harry zu helfen und ihn mitzunehmen. Sie hätten ihn ruhigen Gewissens sterben lassen! Somit weigerte Harry sich strikt, auf den Rufnamen 'Flash' zu hören und reagierte ausschließlich auf 'Fünkchen'.
Mit der Zeit gab Ron den Kampf auf und nannte ihn ebenfalls Fünkchen. Ab diesem Punkt begann Harry ihm zu vergeben und freundete sich nach und nach mit dem Jungen an. Seine engste menschliche Bezugsperson in der Familie war und blieb jedoch Ginny Weasley.
Ginny hatte soeben ihr erstes Jahr in Hogwarts hinter sich. Harry hatte sie oft zum Unterricht begleiten dürfen und hatte das Gefühl, sollte er je wieder ein Mensch werden, dann war er gut gerüstet. Er hatte sich so viel er konnte gemerkt und wenn er auch nicht ganz auf Ginnys Stand war, da er keinerlei praktische Übungen hatte machen können, so war er doch zumindest um einiges klüger als zu Beginn des Schuljahres.
Mit Krätze verstand er sich trotz ihrer anfänglichen Schwierigkeiten mittlerweile erstaunlich gut. Die andere Ratte verhielt sich bisweilen so menschlich, dass Harry sich fragte, ob nicht auch sie ein Animagus war. Ja, er hatte in McGonagalls Verwandlungsunterricht gut aufgepasst. Seine Rattenaugen hatten jede Bewegung der gefährlichen Katze mit größter Aufmerksamkeit verfolgt und er hatte sich auch kein Wort des Menschen McGonagall entgehen lassen. Er war also ein Animagus, was bedeutete, er müsste sich eigentlich auch selbst wieder zurückverwandeln können.
Wenn er es denn wollte.
Harry dachte nicht im Traum daran. Sicher, es wäre spannend gewesen, als Zauberer alle möglichen Sprüche zu wirken. Doch ihm war nicht entgangen, dass man seinen Namen in dieser Welt kannte.
Harry Potter, der Junge-der-Lebt.
Im vorigen Jahr war Lord Voldemort, besser bekannt als Der-dessen-Name-nicht-genannt-wird, mit Hilfe des Steins der Weisen wieder auferstanden. Scheinbar war er es, der Harrys Eltern umgebracht hatte. So viel zum Thema Autounfall, dachte Harry verbittert.
Nur Harry hatte überlebt. Und das würde er gerne auch weiterhin tun.
Wenn dieser gefürchtete Dunkle Lord erfuhr, dass Harry Potter nicht, wie man allgemein zu glauben schien, 'im Geheimen trainierte', sondern sich hier in Hogwarts befand und absolut kein Training erhalten hatte, nicht ein Bisschen... Kein guter Gedanke.
Nein, Harry war wesentlich besser dran, wenn er weiter Ginny Weasleys Haustier spielte. Gerade trug sie ihn hinunter ins Wohnzimmer und setzte sich an den Frühstückstisch. Harry bekam eine Menge Brot, Obst und auch etwas Schinken. Es war ein gutes Leben. Seine einzige Sorge war, dass er so fett werden könnte wie Krätze; doch je mehr Zeit sie zusammen im Fuchsbau verbrachten, umso mehr schwanden diese Gedanken.
Mit Krätze konnte man toll spielen! Fangen, verstecken... Es war, als hätte Krätze nur darauf gewartet, einen Gefährten zu haben. Die alte Ratte blühte förmlich auf, und Harrys Verdacht, dass das Tier wie er selbst nicht nur Tier war, verstärkte sich mit jedem Streich, den der andere ihm spielte, mit jedem lachenden Zucken der Schnurrhaare, das sie bei den Albernheiten der Zwillinge austauschten.
Manchmal fragte er sich, wer 'Krätze' wohl wirklich sein mochte, und ob der andere ahnte, dass Harry auch ein Mensch war. Dann wiederum sagte er sich, dass es ihn nichts anging: Wenn Krätze wie Harry lieber als Ratte leben wollte, dann war seine Situation als Mensch vermutlich ähnlich unangenehm. Es stand zu erwarten, dass er dann wohl auch weiterhin eine Ratte bleiben würde.
Krätzes angebliches Alter gab Harry Hoffnung. Wenn der Mann es schon seit so vielen Jahren geschafft hatte, unentdeckt bei den Weasleys zu wohnen, dann sollte es auch für ihn, Harry, möglich sein, unerkannt zu bleiben. Ein Rattenleben war doch was Schönes.
Morgen ging es los nach Ägypten. Harry war irrsinnig gespannt darauf. Als Mensch war er nie weit aus Little Whinging heraus gekommen; abgesehen vielleicht von ein oder zwei Fahrten nach London – in den Zoo, oder ins Kino -, wenn die Dursleys ihn nicht auf die alte Ms. Figg abschieben konnten. Aber Ägypten? Das war eine ganz andere Größenordnung!
Harry quiekte erschrocken, als er scharfe Zähne in seinem Schwanz spürte. Krätze hatte ihn gebissen! Grollend drehte er sich um, doch Krätze schenkte ihm lediglich ein Rattengrinsen. Es war klar, dass er Harry bloß aufziehen wollte, weil dieser so zappelig war.
Es war aber auch zu aufregend!
Eine Woche später musste er sich eingestehen, dass ihm etwas weniger Aufregung vielleicht ganz gut täte. Er war von Ginnys Schulter geklettert, um einen faszinierenden Gang in einer alten Pyramide auszukundschaften, als ein Schutzbann ihn plötzlich gefangen setzte. Dann begannen die Wände zusammenzurücken. Hätte Krätze nicht wie wild gequiekt und damit schließlich Bill Weasley auf den Plan gerufen, wäre Harry in dieser Pyramide gestorben.
Harrys Freundschaft mit Krätze war in diesem Urlaub wesentlich stärker geworden. Sie wichen einander kaum noch von der Seite, und wo einer Angst hatte oder unsicher war, half der andere ihm aus. Wann immer es sich einrichten ließ, schliefen sie gemeinsam in Ginnys oder Rons Bett, und den ganzen Tag über 'unterhielten' sie sich über die Weasleys und andere Dinge, mit kleinen Gesten, bedeutungsschweren Blicken und amüsiertem oder missbilligendem Quieken.
Es war ohne Zweifel die beste Zeit in Harrys Leben.
Mit Bedauern dachte er daran zurück, als er auf Ginnys Schulter die Rückreise antrat. Bald ging es wieder nach Hogwarts, und so spannend das Leben dort auch war, er würde viel weniger von Krätze zu sehen bekommen, und überhaupt...
Am nächsten Tag beim Frühstück im Fuchsbau hielt seine düstere Stimmung an. Er brütete über der Ungerechtigkeit des Lebens, welches ihm einen so wunderbaren Spielgefährten und Freund gegeben hatte, nur um ihn dann für einen Großteil des Jahres in einen anderen Schlafsaal und andere Unterrichtsstunden zu verbannen.
Ein panisches Fiepen riss ihn aus seinen Gedanken.
Krätze hatte sich wie so oft unbemerkt an die Zeitung herangepirscht und, wie Harry vermutete, sich über den politischen Stand der Dinge informiert. Nun aber saß er zitternd und winselnd auf dem Tisch und schien vor Angst erstarrt.
Harry sprang von Ginnys Schulter auf den Tisch und rannte zu seinem Freund.
"Fünkchen, nicht durch die Butter!", rief Mrs. Weasley erbost, doch Harry achtete nicht darauf. Besorgt schmiegte er sich an Krätze, um diesem Trost zu spenden. Die Weasleys schienen nicht zu bemerken, wie schlecht es der Ratte ging, doch Harry sah es und Harry wusste, er konnte helfen. Er schenkte seinem Freund Wärme und ein Gefühl der Freundschaft und Geborgenheit. Er wich ihm nicht von der Seite, bis die Weasleys längst mit dem Essen fertig waren und begannen, den Tisch abzuräumen. Erst dann verließ er Krätzes Seite, um einen raschen Blick in die Zeitung zu werfen.
Mit zusammengekniffenen Augen bemühte er sich, die Überschriften zu erkennen, doch er fand nichts, was seinen Freund so verängstigt haben konnte. Er ließ ein fragendes Quieken hören.
Und Wunder über Wunder, Krätze schmiss alle Vorsicht in den Wind und trappste herbei, um Harry zu zeigen, welcher Artikel ihn so verstört hatte. Harry musterte das Bild des Massenmörders Sirius Black aufmerksam. Er schenkte Krätze einen fragenden Blick. Was konnte ihn dieser Mann angehen?
Krätze lief ein paarmal panisch im Kreis, dann legte er sich auf den Rücken und streckte alle Viere in die Luft.
Er spielt tot, ging es Harry durch den Kopf. Er tappte fragend auf das Bild, und Krätze rappelte sich auf und nickte. Harry verstand. Scheinbar hatte Black noch eine persönliche Rechnung mit Krätze zu begleichen. War das der Grund, warum dieser ein Rattendasein dem menschlichen vorzog?
Eines jedoch verstand Harry nicht. Wenn Black im Gefängnis gewesen war, warum hatte sich Krätze dann die ganzen letzten Jahre versteckt? Harry versuchte, dem anderen seine Frage zu vermitteln, indem er das Wort 'Azkaban' im Text antippte und fragend den Kopf schief legte.
Krätze zitterte, nickte aber, dass er die Frage verstanden hatte. Er lief zu dem Bild und tippte erneut Sirius Black an. Dann sah er sich suchend um, lief ein paar Schritte und tippte auf ein Pluszeichen. Er lief zu einem Artikel über den Dunklen Lord und tippte dessen Nicht-Namen an. Dann lief er wieder zu dem Plus, und tippte schließlich noch auf ein '...', ehe er sich erneut tot stellte.
Harry machte große Augen. So viele Leute wollten Krätze umbringen?! Wer war er?
Dann fing er sich wieder. Er trippelte zu Krätze und rieb ihre Nasen aneinander. Wer auch immer Krätze war, und was auch immer er getan haben mochte, heute war er Harrys Freund. Sie teilten die Weasleys miteinander, sie tollten herum, stahlen Kekse und markierten das Sofa, wenn keiner hinsah. Sie lachten über die drolligen Zwillinge und amüsierten sich auch heimlich immer wieder über den Rest der Familie. Sie teilten Freud und Leid, und Krätze hatte Harry einmal das Leben gerettet. Krätze hatte er es auch irgendwie zu verdanken, dass er heute überhaupt bei den Weasleys lebte. Einen besseren Freund konnte man sich nicht wünschen!
Harry legte sich neben Krätze, um diesem so viel von seiner Körperwärme zu spenden, wie er nur konnte. Er wusste, dass er den anderen damit beruhigen konnte. Wer auch immer sich an Krätze heranwagte, der würde es mit Harry zu tun bekommen!
