A/N: Ich komme über Weihnachten vermutlich nicht dazu, ein Kapitel hochzuladen. Also bekommt ihr dieses fast eine Woche früher. Ich wünsche euch allen schöne Feiertage! : )
3. Sirius
März 1994
Das zweite Schuljahr war durchweg unangenehm. Krätze ging es immer schlechter, je näher Black dem Schloss kam. Egal, wie Harry sich auch bemühte, ihn aufzumuntern, Krätzes Appetit sank und er war kaum noch aus dem Bett zu bekommen. Die Weasleys hatten endlich auch gemerkt, dass es ihren Haustieren nicht gut ging, und erlaubten ihnen, gemeinsam abwechselnd bei Ginny oder bei Ron zu schlafen.
Zu allem Überfluss machte auch noch Mrs. Norris verschärft Jagd auf die beiden Ratten. Heute Nachmittag waren sie ihr nur mit Müh und Not entkommen!
So kam es, dass sie in der Nacht, als Sirius Black ins Schloss eindrang, im Mädchenschlafsaal lagen. Erst am nächsten Tag erfuhren sie von dem Einbruch, und Krätze hatte Mühe, sein Frühstück nicht gleich wieder von sich zu geben.
Harry wusste, der andere wäre am liebsten davongelaufen. Doch wo sollte er hin? Krätze war kein Kämpfer. Er hatte jahrelang als Hausratte gelebt; versuchte er jetzt, sich auf einmal alleine in der Wildnis durchzuschlagen, dann konnte Harry seine verbleibenden Tage an seinen Krallen abzählen. Vielleicht sogar an Krätzes, und der hatte eine weniger.
Wenn er geht, gehe ich mit!, beschloss Harry spontan. Das war er seinem Freund schuldig. Solange sie noch in Hogwarts waren, wollte er aber zumindest ihre Chancen hier im Falle eines Angriffs erhöhen; so verbrachten Fünkchen und Krätze die nächsten Wochen damit, jeden hinterletzten Winkel des Schlosses zu erkunden, um alle möglichen Fluchtwege genaustens zu verinnerlichen.
Dabei wurden sie auch heimliche Zeugen so mancher Unterhaltung, die nicht für fremde Ohren bestimmt war. Harry war sich ziemlich sicher, dass der Großteil von Hogwarts keinen blassen Schimmer hatte, dass der Troll, welcher angeblich in dem Jahr, das Harrys erstes Schuljahr hätte sein sollen, in die Schule eingedrungen war, tatsächlich ein Opfer gefunden hatte. Von Ron wusste er, dass es in seinem Jahrgang eine Streberin gegeben hatte, die überall aneckte. Als sie mitten im laufenden Schuljahr nach einem Streit die Schule abbrach hatten alle angenommen, es läge daran, dass sie auf Hogwarts eben unglücklich gewesen war. Tatsächlich aber schien es, dass der Troll das Mädchen schwer verletzt hatte und die Eltern nach seiner Heilung entschieden hatten, dass Hogwarts einfach zu unsicher war.
Harry konnte das durchaus nachvollziehen. Was die Eltern der Muggelgeborenen wohl dieses Jahr gesagt hätten, da ein ausgebrochener Massenmörder es auf Hogwarts abgesehen hatte und die Schule von wandelnden Alpträumen umstellt war?
Ron Weasley derweil wurde zu einer Schulberühmtheit. Die beiden Ratten waren die einzigen, welche die volle Tragweite der Geschichte um Sirius Blacks Einbruch kannten, doch auch der Rest der Schülerschaft hatte den Bogen zwischen dem Weasley-Foto im Tagespropheten und Rons Erzählung von Blacks Worten 'Er ist in Hogwarts...' geschlagen. Nur dachten sie natürlich, Black habe es auf Ron abgesehen. Trotz der Angst, welche der Junge zweifellos bei dieser Erkenntnis verspüren musste, blühte er auf unter all der Aufmerksamkeit, welche ihm auf einmal zuteil wurde.
Harry konnte es ihm nicht verübeln. Ron war der sechste Junge in einer armen Familie. All seine Brüder waren auf die eine oder andere Art etwas Besonderes, und seine Schwester stach allein schon dadurch hervor, dass sie als Mädchen geboren worden war. Er aber... was hatte er schon? Kein Geld, nicht dumm, aber auch nicht von herausragender Intelligenz, kein auffallend guter Flieger... Es gab nichts, womit Ron Weasleys sich profilieren konnte.
Und nun stand er auf einmal im Mittelpunkt. Na klar musste ihm das gefallen!
Dennoch nahm Harry es ihm ein bisschen übel, denn durch seine plötzliche Berühmtheit hatte er begonnen, Krätze zu vernachlässigen. Harry hatte alle Pfoten voll mit den Versuchen, den Teufel namens Mrs. Norris von Krätze fern zu halten. Er wusste nicht, was in dieses Tier gefahren war, doch egal, was ihr Besitzer behaupten mochte, die Katze hatte es ganz eindeutig auf Krätze abgesehen. Harry schien sie nicht weiter zu beachten, doch kaum betrat Krätze einen Gang, in dem sich Mrs. Norris aufhielt, da sträubten sich alle Nackenhaare der Katze und sie begab sich auf die Pirsch. Es war fast, als hätte sie jemand gegen Krätze aufgehetzt.
Irgendwann wurde es Harry zu viel.
Mit einem entschlossenen Fiepen stand er auf und stupste Krätze an. Er setzte sich so auf die Hinterbeine, dass er die Vorderbeine frei hatte, und versuchte, mit seiner Mimik eine Katze darzustellen. Der Versuch scheiterte kläglich; Krätze sah ihn lediglich verwirrt an. Schließlich ließ sich Harry wieder auf alle Viere sinken. Er stieß sein aggressivstes Zischen aus und fletschte die Zähne. Endlich begriff Krätze und schauderte.
Harry nickte. Dann deutete er aus dem Fenster.
Krätze sah ihn groß an. Bisher hatte Harry ihm immer den Eindruck vermittelt, dass er voll und ganz gegen ein Ausreißen war. Meinte der andere wirklich das, wonach es aussah?
Harry nickte heftig. Und so war es beschlossen.
Es dauerte noch einige Tage, bis der Plan in die Tat umgesetzt werden konnte. Immerhin war es inzwischen Frühling und warm genug, dass zwei Hausratten in der freien Natur überleben konnten.
Schließlich nahm Harry bei Ginnys Kräuterkundeunterricht Reißaus.
"Fünkchen!", rief Ginny entgeistert. Sie rannte ihm hinterher, doch die entschlossene und noch immer gut trainierte Ratte wich ihr mühelos aus. Ginny gab erst auf, als Harry in den Büschen am Rand des verbotenen Waldes verschwand.
Nun hieß es abwarten. Harry hoffte, dass Ginny ihrem Bruder von seinem Verschwinden erzählen würde, wenn Krätze dabei war. Der andere würde dann hoffentlich am nächsten Tag seinem Beispiel folgen.
Harry derweil machte es sich in Hagrids verwilderten Gemüsebeeten gemütlich und verdrückte im Verlauf des Tages eine ganze Möhre.
In der Nacht lag Harry noch lange wach und betrachtete den Halbmond. Er hatte ihr Verschwinden gut geplant, denn von Krätze wusste er, dass der Verteidigungslehrer ein Werwolf war. Es hatte lange gedauert, bis Harry überhaupt begriff, wovon Krätze sprach; die Ausdrucksmöglichkeiten einer Ratte waren eben doch sehr beschränkt. Doch Krätze war es gelungen, Harry davon abzuhalten, Anfang des Schuljahres bei Vollmond alleine durch die Gänge zu schleichen.
Krätze wusste zwar, dass Lupin ein Werwolf war, doch er war sich nicht sicher, wie dieser seine Vollmondnächte verbrachte. Er wollte nicht riskieren, dass Harry ihm versehentlich im Schloss oder draußen auf den Ländereien in die Fänge lief. Sie waren schließlich Freunde.
Halbmond also. Wenn alles gut ging, waren sie beide weit von Hogwarts entfernt, ehe der nächste Vollmond drohte.
Harry machte sich Sorgen darüber, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Vielleicht konnten sie sich in Hogsmeade in einen Zug schmuggeln, aber was dann? Er hatte eine vage Ahnung, dass ein starker Zauberer sie vielleicht auch dann noch aufspüren konnte. Wie würden sie sich schützen? Vielleicht konnten sie sich nach Dover aufmachen und per Fähre das Land verlassen. Oder sich in ein Flugzeug schmuggeln. Oder...
Mit schwerem Herzen und unruhigen Gedanken schlief Harry lange nach Mitternacht ein.
Krätze floh tatsächlich am nächsten Tag, ebenfalls in Kräuterkunde, und lief zum Verbotenen Wald. Dort rief ihn Harry mit einem leisen Fiepen zu sich. Gemeinsam berieten sie über ihre weitere Vorgehensweise.
Es wäre gesünder gewesen, wenn sie sich sofort auf den Weg gemacht hätten. Ein heiseres Bellen erklang. Erschrocken blickten sie auf – direkt in die Augen eines geifernden schwarzen Hundes.
Panik ergriff sie. Die beiden Ratten schossen in verschiedene Richtungen davon. Doch auf einmal erschien Mrs. Norris und half dem Hund, sie gnadenlos wieder zusammenzutreiben.
Harry rannte um sein Leben. Er hörte Krätze neben sich keuchen. Ihr gemeinsames Spiel hatte die andere Ratte um einen Großteil ihres Fettes und ihrer Behäbigkeit gebracht; dennoch war sie älter und weniger sportlich als Harry.
Allein die nackte Angst um sein Leben gab Krätze die Kraft, weiter in einem irrsinnigen Tempo über die Wiese zu rennen, Haken zu schlagen, um den beiden Raubtieren auszuweichen, und sogar noch seine sieben Sinne bei sich zu behalten.
Harry zögerte keinen Moment, seinem Freund zu folgen, als dieser in einem Loch unter der Peitschenden Weide verschwand. Krätze würde schon wissen, was er tat, und alles, das ihre Verfolger einen Moment länger von ihrem Hals hielt, war gut.
Er wusste ja nicht, dass die Heulende Hütte eine Sackgasse war.
Sirius Black hob seinen Zauberstab. Nach zwölf Jahren in Azkaban, zwölf langen Jahren der Einsamkeit, Verzweiflung und verhinderter Rache, stand er endlich vor ihm: dem Mann, der für Lily und James' Tod verantwortlich war. Und für seine Gefangenschaft.
"Hallo Peter", grüßte er, das aschfahle Gesicht mit den eingefallenen Wangen eine böse grinsende Fratze, "endlich sehen wir uns wieder."
Die Ratten auf dem Bett quiekten, und während die kleinere, schwarze sich nur verstört in den hintersten Winkel drängte, versuchte die braune verzweifelt, ihren Gefährten zur Flucht zu bewegen.
Sirius Grinsen wurde noch eine Spur böser. "Wie rührend. Peter, der Verräter, sorgt sich um ein anderes lebendes Wesen. Zu dumm, dass es dir bei deinen Freunden nicht gelungen ist. Möchtest du wissen, wie es ist, wenn diejenigen sterben, die einem auf der Welt am meisten bedeuten, Peter?" Er richtete seinen Zauberstab auf die fremde Ratte. "Avada-"
Die Türe öffnete sich und Remus stürzte herein. "Sirius, ist es wahr? War es Pettigrew?"
Sirius nickte. Remus fiel ihm um den Hals und drückte ihn fest an sich.
"Nun, wollen wir dem bösen Spiel ein Ende machen?", fragte Remus. Sirius nickte erneut. Die beiden Ratten auf dem Bett zitterten. Dann kam die größere widerstrebend auf die beiden Zauberer zugelaufen.
"Sieh nur, er schützt seine Freundin", frotzelte Sirius. Remus runzelte die Stirn, sagte jedoch nichts. Gemeinsam hoben die beiden ihre Zauberstäbe. "Avada-"
Da schoss die kleinere Ratte plötzlich nach vorne. Remus und Sirius hielten erschrocken inne, als sich das kleine, schwarze Tier vor ihren Augen in einen schlanken, schwarzhaarigen jungen Zauberer verwandelte, der seinen Zauberstab auf sie richtete.
"Rührt ihn nicht an!"
Sirius erstarrte. "James?"
Harry blinzelte verwirrt. James? Wie sein Vater?
"Sirius, James ist tot", erinnerte Professor Lupin den anderen Mann sanft. "Er kann es nicht sein."
"Aber er sieht aus wie..." Black brach ab. "Harry?", fragte er dann ungläubig.
Harry war nun richtig verwirrt. "Woher kennen Sie mich?" Ein panisches Quieken hinter ihm zerstreute Harrys Verwirrung. Anklagend und wesentlich mutiger, als er sich fühlte, fragte er: "Und was wollen Sie von Krätze?"
"Harry?", fragte jetzt auch Professor Lupin. "Bist du das wirklich?"
Es ärgerte Harry, dass die beiden Männer seine Fragen nicht beantworteten, doch er erkannte auch, dass sie ihm anscheinend nichts Böses wollten. Vielleicht konnte er das nutzen, um sich und Krätze hier heil wieder herauszubringen.
"Woher kennen Sie mich?", fragte er noch einmal.
"Harry, wir waren Freunde deiner Eltern", sagte Lupin.
"Beste Freunde", ergänzte Black.
"Ein Mörder und ein Werwolf?", konnte Harry es sich nicht verkneifen zu fragen. Es schien doch etwas schwer zu glauben. Nach allem, was er in der Zaubererwelt bisher gehört hatte, waren seine Eltern nahezu perfekt gewesen. Zudem war Black ein Todesser, und seine Eltern waren von Voldemort umgebracht worden. "Das kann nicht sein!", knurrte er nun. "Meine Eltern wären niemals mit einem Todesser befreundet gewesen!"
Wieder quiekte es hinter ihm angstvoll. Er sah ein böses Grinsen über Blacks Gesicht ziehen und machte einen kleinen Schritt zur Seite, um sicher zwischen dem Mann und der Ratte zu stehen. "Und lassen Sie endlich Krätze in Ruhe!"
"Harry", sagte Lupin in einem Versuch, beschwichtigend zu klingen. "Diese Ratte hinter dir ist keine Ratte."
"Ach ne! Für wie blöd halten Sie mich eigentlich?"
Die beiden Männer schienen einen Moment erstaunt über diese Erkenntnis, doch dann fingen sie sich wieder. "Weißt du auch, wer diese Ratte ist?"
"Nein", knurrte Harry, "und es ist mit auch egal. Ich weiß nur, dass Sie ihn nicht umbringen werden. Er ist mein Freund!"
Lupin seufzte. "Harry, es tut mir leid, aber diese Ratte ist Peter Pettigrew. Er war der Geheimniswahrer deiner Eltern. Er hat sie verraten. Seinetwegen sind deine Eltern gestorben, Harry."
"Nein", flüsterte Harry. "Nein!", rief er lauter. "NEIN! Sie lügen!"
"Es ist wahr, Harry", mischte sich Black ein. "Ich saß zwölf Jahre unschuldig in Azkaban, weil Peter die Schuld auf mich schob und seinen eigenen Tod inszenierte. Das größte Stück, welches man von ihm fand, war sein kleiner Finger. Den hat er sich selbst abgehackt. Hast du dich nie gefragt, wie dein Freund seine Kralle verloren hat, Harry?"
Harry drehte sich zu Krätze um, der klein und verloren auf dem Bett saß. Natürlich hatte er sich das gefragt. Oft.
"Krätze?", fragte er zögerlich. "Kannst du dich verwandeln, bitte? Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll, aber... ich muss mit dir darüber reden. Bitte?"
Krätze zitterte. Er lief ein paarmal hin und her. Schließlich blieb er stehen und sah Harry lange an. Dann verwandelte er sich zurück. "Harry...", flüsterte er, noch immer überwältigt. "Du bist wirklich Harry..." Tränen standen in seinen Augen.
Harry musterte den Mann, der nun vor ihm auf dem Bett saß, ausführlich. Krätze war sehr durchschnittlich. Er hatte helle Haare, ein Allerweltsgesicht und einen leichten Bart. Seine Erscheinung als Mensch war ähnlich ungepflegt wie als Ratte, doch Harry wollte gar nicht wissen, wie er selbst im Moment aussah. Krätzes Kleidung hing an ihm herunter, wie Harrys es früher getan hatte – es war deutlich, dass er durch ihr Spielen viel Gewicht verloren hatte. Er war jetzt von durchschnittlicher Statur, während seine Kleidung eindeutig für einen dickeren Mann gemacht war.
Harrys eigene Kleidung war ihm zwar immer noch zu weit, doch die Hosen endeten mittlerweile weit über seinen Knöcheln, während die Ärmel seines Hemdes nur gerade über die Ellenbogen gingen. Er war in den letzten zwei Jahren ein ganzes Stück gewachsen. Harry hätte sich gerne in einem Spiegel betrachtet, doch dafür war jetzt keine Zeit.
Erst musste er herausfinden, ob Krätze tatsächlich der war, den Black und Lupin da beschrieben hatten.
"Krätze?", fragte Harry sanft. "Die beiden sind sich zu sicher, als dass es alles gelogen sein könnte. Bitte, sagst du mir die Wahrheit?"
Der Mann seufzte.
"Also gut", sprach er. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte Harry beim Anblick der langen Vorderzähne gelacht, die Krätze beim Sprechen enthüllte. Der Mann war auch als Mensch einer Ratte verdammt ähnlich!
Nicht, dass Harry damit ein Problem hätte.
"Harry", sagte Krätze jetzt, "ich will dich nicht anlügen. Dafür bist du mir zu wichtig. Glaube mir, unsere Freundschaft, die war echt. Das war nicht gelogen. Ich... ich wusste allerdings nicht, wer du bist. Es tut mir leid, Harry. Was Remus sagt, ist wahr."
Harry fühlte sich, als hätte man ihm einen Eimer kaltes Wasser übergegossen. "Nein!"
"Doch Harry. Ich bin Peter Pettigrew. Ich war der Geheimniswahrer von Lily und James. Als der Dunkle Lord davon erfuhr, ließ er mich entführen und so lange foltern, bis ich den Verstand verlor. Ich verriet meine Freunde. Ich gab ihr Geheimnis preis, und nicht nur das: Ich sorgte auch dafür, dass Sirius ins Gefängnis kam. Erst drei Tage später ließ der Imperius mich los, und da war es bereits zu spät. Wer hätte mir geglaubt, dass ich es nicht freiwillig getan hatte?"
"Du... du hast einen anderen im Gefängnis sitzen lassen, um deine eigene Haut zu retten?!" Harry konnte nicht glauben, was er da hörte.
"Und er hat Lily und James auf dem Gewissen!", donnerte Black.
Harry ignorierte ihn. Das war schließlich nicht freiwillig geschehen und Harry hatte gerade einfach keine Kapazitäten frei, um sich auch darüber noch den Kopf zu zerbrechen. "Krätze, wenn du keinen verdammt guten Grund dafür hast, was du da getan hast, dann habe ich gute Lust, dich den beiden einfach zu überlassen!"
Der Mann schluckte. "Harry, es... ich... es tut mir leid." Er ließ den Kopf hängen. "Es gibt keinen guten Grund. Ich war einfach nur feige. ...Es tut weh, dich so zu enttäuschen. Deine Freundschaft bedeutet mir viel. Weißt du, du bist der erste, der in meinem Leben ohne Eigennutz mein Freund geworden ist. Dein Vater, Sirius und Remus waren zu Schulzeiten meine einzigen Freunde, und ich hatte immer das Gefühl, dass es nur aus einer Mischung aus Mitleid und Eigennutz geschah. Es macht schließlich einen guten Eindruck, wenn man den tollpatschigen Außenseiter aufnimmt, nicht wahr? Oh, und natürlich war ich immer gut genug, um meine starken Freunde zu bewundern."
Harry fand es gar nicht toll, seinen Vater in diesem Licht beschrieben zu sehen. Doch die Bitterkeit in Krätzes Stimme war so echt, dass es ihm schwer fiel, an dessen Worten zu zweifeln.
"Du bist der Erste, der mein Freund geworden ist, ohne davon zu profitieren."
"Aber das stimmt ja gar nicht!" Harry konnte sich das nicht schweigend anhören. "Du hast ja keine Ahnung, wie viel ich von unserer Freundschaft profitiert habe! Ohne dich wäre ich immer noch in King's Cross. Ohne dich hätte ich das ganze letzte Jahr über niemanden zum Spielen und Herumtoben gehabt. Ohne dich... ohne dich wäre ich ja nicht einmal mehr am Leben!"
Harry hörte, wie zwei Männer erschrocken die Luft einsogen.
"Harry, ist das wahr?", fragte Lupin. "Hat er dir das Leben gerettet?"
"Ja", sagte Harry verwirrt. "Warum?"
"Eine Lebensschuld...", fluchte Black. "Warum?!"
"Was ist so schrecklich daran, dass er mir das Leben gerettet hat?", grollte Harry.
"Harry, du verstehst nicht... Eine Lebensschuld bedeutet, dass wir ihn nicht einfach so umbringen können. Du schuldest ihm etwas, und da Sirius dein Pate ist, bindet die Schuld auch ihn."
"Pate!" Harry brauchte einen Moment, um das zu verdauen. Dann sah er Lupin an. "Und Sie?"
Lupin schüttelte den Kopf. "Ich bin nicht gebunden. Doch wenn ich Peter etwas antun wollte, wäre Sirius verpflichtet, mich aufzuhalten."
"Aha." Harry hing immer noch dem vorigen Punkt nach. "Nochmal langsam – sagten Sie gerade, Black sei mein Pate?"
"Ja, Harry", seufzte der niedergeschlagen. "Aber ich habe so das Gefühl, dass du mich gar nicht in deinem Leben haben willst."
Harry riss ungläubig die Augen auf. "Na entschuldigen Sie mal! Ich sehe Sie heute zum ersten Mal!"
Albus brütete wieder einmal über seinen Unterlagen: Die Mitschrift vom Prozess der Dursleys wegen Vernachlässigung und grober Fahrlässigkeit, die zum Verschwinden Harry Potters geführt hatte; die Liste mit versuchten und gescheiterten Aufspürzaubern; Hagrids Briefe aus den verschiedenen Teilen Englands. Nachdem seine Nachlässigkeit sich als Hauptgrund für Harrys Verschwinden herausgestellt hatte, war Hagrid beinahe untröstlich gewesen. Lediglich die Aufgabe, Harry zu finden, welcher er sich fortan mit Feuereifer widmete, hielt ihn Albus' Ansicht nach davon ab, sich etwas anzutun.
Hagrid suchte Harry, Vollzeit. Nur einen Tag in der Woche verbrachte er in Hogwarts, um sich um sein Gemüse und um die gelegentliche in Professor Kesselbrandts Unterricht verletzte Kreatur zu kümmern.
Die Auroren hatten den Jungen noch nicht aufgegeben und auch die Muggelpolizei war informiert. Diverse Ordensmitglieder durchstreiften London und andere Städte Englands auf der Suche nach Harry, wann immer sie die Zeit erübrigen konnten. Und Albus selbst verbrachte seine Wochenenden mit Nachforschungen über hoch komplexe Aufspürzauber.
Die meisten dieser Zauber freilich wirkten nur einvernehmlich: Die Magie half einem Menschen nicht, jemanden aufzuspüren, der nicht gefunden werden wollte. Darum war auch das Hauptquartier Voldemorts nicht zu entdecken. Aber welchen Grund konnte es geben, dass Harry nicht gefunden werden wollte? Hagrid zufolge hatte der Junge durchaus begeistert von der Vorstellung, nach Hogwarts zu gehen, gewirkt. Hatte er seine Meinung geändert? Oder war es nicht der Schulleiter, von dem Harry nicht gefunden werden wollte? Wusste er von Voldemort? Oder hatte er noch andere Feinde?
Albus seufzte. Er war nicht der Einzige, der sich diese Fragen stellte, doch tat er es mit weitaus größerer Motivation. Ihm ging es nicht nur um das Leben des Jungen, sondern auch um die Prophezeiung. Der Einzige, der außer ihm davon wusste, war Severus, und der hatte ihm in den ersten Wochen nach Harrys Verschwinden vorgeworfen, er suche ja nur nach seiner Waffe – für einen anderen Jungen hätte er gewiss nicht einen solchen Aufwand betrieben.
Die Anschuldigung traf Albus tief, denn er wusste, dass sie gerechtfertigt war. Sicher hätte er auch nach jedem anderen verschwundenen magischen Kind sehr ausdauernd gesucht, doch hätte er nicht wie für Harry Himmel und Erde in Bewegung gesetzt. Diese Erkenntnis reifte in ihm in den Tagen nach Severus' Vorwurf heran, und je mehr er sich der Tatsache bewusst wurde, umso mehr begann er, seine Methoden und Ziele zu überdenken.
Ginge just in diesem Moment ein weiteres Kind verloren, Albus würde vermutlich mit demselben Feuereifer an dessen Suche gehen wie an Harrys. So viel zumindest hatte er gelernt. Auch wurde ihm durch Severus' Anschuldigung damals deutlich bewusst, dass er andere Kinder zugunsten Harrys vernachlässigte. Er hatte sich anfangs voll auf seine Suche konzentriert und darüber die Schule unter den Tisch fallen lassen. Als nach ein paar Wochen jedoch klar wurde, dass Harry noch länger verschwunden bleiben würde, musste er schweren Herzens die Vollzeitsuche Hagrid überlassen und seine eigenen Nachforschungen auf die Wochenenden begrenzen, auf die wenigen freien Stunden, die der Schulalltag und seine diversen anderen Verpflichtungen ihm ließen.
Dann war auch noch Sirius Black ausgebrochen und Albus hatte sich mit Fudge herumschlagen müssen, der doch tatsächlich dumm genug war, Dementoren auf dem Schulgelände zu postieren! Kopfschüttelnd trat Albus ans Fenster und sah hinaus in den permanenten Nebel, den die Dementoren wie einen Ring um die Schule zogen. Er runzelte die Stirn. Der Nebelring hatte Löcher.
Ein schärferer Blick enthüllte das Fehlen etlicher Dementoren, welche ihre Positionen verlassen hatten. Andernorts hingegen standen mehr, als da sein sollten. Die Dementoren schienen sich zu versammeln. Albus verfolgte ihre Bewegungen einen Augenblick, bis er ihr Ziel identifiziert hatte: der Mittelpunkt, um den sich die Dementoren zusammenzogen, war die Heulende Hütte.
Hatten sie Black gefunden? Wäre der junge Mann wirklich leichtsinnig genug, sich trotz der Dementoren erneut so nahe an Hogwarts heranzuwagen? Er galt als verrückt, rief Albus sich in Erinnerung. Und das war nur gar zu leicht zu glauben. War er nicht sogar in Hogwarts eingedrungen, in dem festen Glauben, dort Harry Potter zu finden – obwohl die Zeitung, welche Fudge ihm gegeben hatte, deutlich betonte, dass Harry Potter eben gerade nicht in der Schule war? Welchem Wahn war der früher so clevere Gryffindor erlegen?
Oder suchte er tatsächlich jemand Anderen? Doch warum sollte er das gerade nach dem Lesen einer Zeitung tun, in der wieder einmal Harrys Verschwinden thematisiert wurde? Der Gedanke, er könne hinter einem der Weasleys her sein, wie es die Kinder spekulierten, war zu abwegig und Albus hatte ihn sofort verworfen. Doch warum dann ausgerechnet der Jungenschlafsaal der Gryffindors? Es ergab einfach keinen Sinn.
Nun, verrückt oder nicht, wenn Sirius Black tatsächlich gerade von Dementoren eingekreist wurde, musste Albus ihn retten gehen, denn er war durchaus nicht überzeugt, dass die Dementoren mit dem Kuss warten würden, bis dieses Urteil von einem ordentlichen Gericht gesprochen wurde. Und sollte sich irgendeine andere arme Seele in der Hütte befinden – nicht auszudenken!
"Fawkes, mein Freund, darf ich um deine Hilfe bitten?", wandte Albus sich an seinen langjährigen Gefährten. Fawkes trällerte fragend und Albus deutete aus dem Fenster. "Die Dementoren haben, wie es scheint, einen Menschen in der Heulenden Hütte umzingelt. Wir müssen ihn retten." Fawkes schlug aufgeregt mit den Flügeln und mit einem besorgten Tschirpen sprang er in die Luft, schlug die Krallen in Albus' Umhang und die beiden verschwanden in einer lodernden, roten Flamme.
Harry setzte sich zaghaft neben Peter auf das Bett, welcher ihn besorgt anblickte. Seufzend ließ Harry sich gegen die Schulter des älteren Mannes sinken. So sehr ihn die Geschichte um den Mord an seinen Eltern auch geschockt hatte und so sehr er glaubte, Peter für seine egoistische Feigheit zu verachten, der Mann war immer noch der beste – und einzige – Freund, den er jemals gehabt hatte. Es war ihm schlicht unmöglich, sich ganz von ihm abzuwenden, noch dazu in einer so verwirrenden und beängstigenden Situation wie dieser. Er brauchte jetzt seinen Freund und dessen Unterstützung!
Harry war keine Ratte mehr. Er glaubte nicht, dass Lupin und Black ihm erlauben würden, sich einfach zurück zu verwandeln – wenn er es überhaupt konnte! - und weiter friedlich als Ratte zu leben. Was würde nun aus ihm werden? Musste er nun doch als Schüler nach Hogwarts?
Und was wurde aus Krätze? Aus Peter, korrigierte er sich selbst. Das würde eine Weile dauern, bis er sich an den anderen Namen gewöhnt hatte. "Was wird jetzt aus uns?", fragte er ängstlich in die Runde. Betretene und ähnlich unsichere Blicke antworteten ihm.
Peter strich ihm beruhigend über den Rücken. Oder zumindest sollte es wohl beruhigend sein; das Zittern seiner Hand zerstörte den Effekt jedoch nachhaltig. "Mach dir keine Sorgen, Fünk- Harry. Dir wird sicher nichts passieren."
Harry nickte, doch wirklich trösten konnte ihn das nicht. "Das glaube ich dir sogar. Aber was ist mit dir? Ich will nicht, dass du ins Gefängnis musst!"
Peter sah ihn hilflos an. "Das will ich auch nicht, Kleiner. Aber selbst wenn meine Schuld gegenüber deinem Paten und deine Lebensschuld mir gegenüber sich gegenseitig tilgen sollten, ist da immer noch das Gesetz. Ich wusste, dass ein Unschuldiger in Azkaban sitzt, und habe nichts dagegen getan. Das wird vielleicht nicht mit dem Kuss bestraft" – alle Vier zuckten bei dem Gedanken nervös zusammen – "aber sie könnten mich durchaus lebenslänglich ins Gefängnis stecken. Und wenn ich Pech habe..." Peters Zittern nahm zu. "Wenn ich Pech habe, glauben sie mir nicht, dass ich unter Imperius stand, und machen mich auch für die vielen Morde verantwortlich. Dann ist es vielleicht doch nicht nur ...lebenslänglich..."
"Nein!" Harry schlang seine Arme um den zitternden Peter und drückte ihn fest an sich. "Das können sie nicht machen! Das dürfen die doch nicht!"
Zischhh.
Mit einem geräuschvollen Flackern entzündete sich eine Stichflamme in der Luft zwischen dem Bett und den beiden noch immer stehenden Männern, welche Harrys und Peters Unterhaltung betreten gelauscht hatten. Albus Dumbledore trat aus der Flamme, mit Fawkes dem Phönix auf der Schulter.
"Herr Direktor!", rief Harry überrascht.
Der Mann sah selbst auch sehr überrascht aus. Was auch immer ihn hierher geführt haben mochte, er hatte offensichtlich nicht damit gerechnet, den entflohenen Häftling Sirius Black in Gesellschaft des verschollenen Harry Potters vorzufinden, welcher einen fremden, aber sehr abgerissen aussehenden Mann umarmte, während Remus Lupin einfach dabei stand und zusah.
Die Augen des Schulleiters weiteten sich. Dann begannen sie wie gewohnt voller Schalk zu funkeln. "Meine Herren, es scheint, dass mir einige hoch relevante Informationen fehlen. Möchte mich einer von Ihnen vielleicht darüber aufklären, was hier vor sich geht?" Und ehe einer von ihnen antworten konnte, wandte er sich an Harry. "Junger Mann, bist du Harry Potter?"
Harry nickte. "Hallo Professor Dumbledore."
"Hallo Harry", antwortete der. "Es freut mich, dich endlich kennen zu lernen. Oh, aber wir sollten unsere Unterhaltung besser in der Schule fortsetzen. Die Dementoren haben diesen Ort eingekreist und es wird hier sehr bald sehr ungemütlich werden, fürchte ich."
Sirius erbleichte, Harry und Peter drängten sich Schutz suchend aneinander und Remus starrte den Schulleiter fassungslos an. "Sie haben die Dementoren hierher gebracht, ohne auch nur zu wissen, wer sich überhaupt in dieser Hütte befindet?! Sie hätten Harry ermorden können!"
Dumbledore hob beschwichtigend die Hände. "Ich tat nichts dergleichen, Remus", erklärte er ruhig. "Es scheint, dass das Ministerium in der Tat so wenig Kontrolle über die Wesen hat, wie ich immer geahnt habe. Sie haben eigenmächtig gehandelt. In jedem Fall sollten wir aber besser sehr bald von hier verschwinden."
Alle fühlten jetzt die Kälte, welche sich schleichend im Raum ausbreitete und ein Blick aus dem Fenster bestätigte Remus, dass dort draußen in der Tat sehr viel mehr Dementoren waren, als ihm lieb sein konnte. "Sirius, da kommst du nicht durch", sagte er leise. Sirius trat blass neben ihn und nickte dann. "Es scheint, ich habe keine andere Wahl", sagte er mit rauer Stimme.
Harry war nicht viel glücklicher als Sirius Black über die Aussicht, sich mit dem Schulleiter zu unterhalten. Sein Rattenleben war vorbei, und sowohl sein Pate, den er eben erst kennengelernt hatte, als auch sein bester Freund und Mentor seit zwei Jahren liefen Gefahr, nach Azkaban gebracht zu werden, wenn sie über Dumbledore mit dem Ministerium in Kontakt kamen. Keiner von ihnen wusste sicher, was der Schulleiter tun würde, wenn sie ihm ins Schloss folgten. Würde er sich ihre Geschichte anhören oder gleich die Auroren rufen?
"Meine Herren, wenn ich bitten darf", sagte Dumbledore leise und deutete auf Fawkes, der sich auf seiner Schulter umgedreht hatte und ihnen nun die leuchtenden Schwanzfedern entgegenstreckte. Peter nickte schwach und bedeutete Harry, es ihm gleich zu tun und eine der Federn zu fassen. Harry zögerte etwas, griff aber nach einem auffordernden Nicken des Schulleiters vorsichtig zu. Black und Lupin schlossen sich ihnen an und wenig später waren sie in einer Flamme verschwunden. Die Hütte blieb kalt und verlassen zurück.
Albus nahm auf seinem gemütlichen Schreibtischsessel Platz und bedeutete seinen Begleitern, sich auf den Sesseln und Sofas häuslich einzurichten, welche dem Schreibtisch gegenüber standen. Während Fawkes zu seiner Stange zurück flog, rief Albus einen Hauselfen und bestellte für alle Tee und etwas Gebäck. Unter dem Schreibtisch hielt er seinen Zauberstab auf Sirius Black gerichtet, doch dieser schien zu geschwächt, um in naher Zukunft irgendwem gefährlich zu werden. Zudem war der Mann vollauf damit beschäftigt, den fremden Mann, der sich mit Harry ein Sofa teilte, mit Blicken zu erdolchen.
Etwas überrascht beobachtete Albus, wie sowohl Harry als auch der Fremde sich beinahe schuldbewusst nach beiden Seiten umsahen, ehe sie je einen Keks stibitzten und wie die Hamster daran zu mümmeln begannen, wobei sie das Gebäck zwischen beiden Händen hielten. Es sah ausgesprochen drollig aus und Albus machte sich erste Sorgen um Harrys geistige Gesundheit. Und um die des fremden Mannes, der ihm bei längerem Hinsehen immer bekannter vorkam.
Überhaupt hatte er sich vorhin in der Heulenden Hütte in die Vergangenheit zurückversetzt gefühlt. Sirius und Remus, und dazu Harry, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war - da fehlte eigentlich nur noch Peter...
Endlich fiel der Sickel. "Peter Pettigrew!", keuchte Albus erstaunt. Der Mann sah mit gequälter Miene auf, während Harry sich in einer Mischung aus Unterstützung und Schutzsuche an seine Seite kuschelte.
"Nicht so tot, wie er sein sollte, nachdem ich ihn angeblich umgebracht habe, oder?", grollte Sirius Black düster.
"Sirius ist unschuldig", fügte Remus erklärend hinzu.
"Aber Peter ist mein Freund", kam es trotzig von Harry.
Albus sah neugierig von einem zum anderen. Na, das versprach doch mal eine interessante Unterhaltung zu werden!
Viele Stunden später saßen die vier Männer und der dreizehnjährige Junge schweigend beisammen und grübelten über das Gehörte. Sirius, Harry und Peter hatten jeder seine Geschichte erzählt und nun galt es zu entscheiden, wie es weitergehen sollte. Es war klar, dass das Ministerium über Sirius' Unschuld in Kenntnis gesetzt werden musste, doch würde dies zu Peters Verhaftung führen.
Albus, Sirius und Remus waren prinzipiell sehr dafür, dass der Verräter seine gerechte Strafe bekam, denn selbst wenn er den Verrat unter Folter und die Morde an den Muggeln unter Imperius verübt hatte, so war es ganz allein seine Entscheidung gewesen, Sirius an seiner Statt in Azkaban leiden zu lassen. Dafür musste er unbedingt bestraft werden, schon allein um Harry beizubringen, dass man die Gesetze und auch sein eigenes Gewissen achten sollte.
Doch gerade wegen Harry brachte es keiner der Männer übers Herz, dies auszusprechen. Nachdem Harry erzählt hatte, wie er ein Jahr lang allein als Ratte auf der Straße gelebt hatte, wie er tagtäglich um sein Überleben hatte kämpfen müssen, und wie sich das alles schlagartig geändert hatte, als er Krätze traf – da war selbst Peter überrascht und ergriffen gewesen. Er hatte gewusst, dass er für die andere Ratte eine wichtige Bezugsperson war, doch war ihm nie klar gewesen, dass er Harrys erster und einziger Freund war; noch hatte er Fünkchens genaues Alter gekannt.
Peter war davon ausgegangen, dass der andere Animagus ein jugendlicher Tunichtgut war, der sich wie er selbst vor dem langen Arm des Gesetzes versteckte; oder vielleicht auch ein abtrünniger Todesser, der nicht von Du-weißt-schon-wem und seinen Schergen gefunden werden wollte. Keinesfalls hatte er jedoch geahnt, dass der Junge noch ein Schulkind war! Jung, ja; aber so jung?
Auch wenn es niemand aussprach, hing die Androhung einer empfindlichen Strafe für Peter doch wie eine düstere Wolke zwischen ihnen in der Luft und vergällte allen vier Männern das langersehnte Wiedersehen mit Harry. Ja, auch Peter hatte oft an Harry gedacht, hatte sich gefragt, wie es dem Jungen wohl gehen mochte. Er war sehr besorgt gewesen, als er von dessen Verschwinden erfahren hatte und hatte einen vagen Drang verspürt, auf eigene Faust nach dem Jungen zu suchen; doch Feigling, der er war, hatte er auch dann den sicheren Schutz der Familie Weasley nicht verlassen.
Harry hätte ihn dafür hassen können. Aber letztendlich fasste er sich an die eigene Nase und schluckte seine Vorwürfe herunter. Er selbst hatte es ja nicht anders gemacht. Er hatte gewusst, dass die Zaubererwelt ihn zu brauchen glaubte, und hatte sich trotzdem als Ratte vor der Welt versteckt.
"Wie geht es jetzt weiter?", brach Remus schließlich das Schweigen. Er richtete seine Frage an Dumbledore und zumindest Sirius und Peter sahen den Schulleiter unsicher, doch mit hoffnungsvollen Augen an. Wenn jemand einen Ausweg aus diesem Dilemma wusste, dann er.
Harry hingegen kuschelte sich nur enger an Peter und beobachtete Dumbledore misstrauisch. Er machte sowohl Hagrid als auch den Schulleiter dafür verantwortlich, dass man ihm damals nicht gesagt hatte, wie er Gleis 9 ¾ erreichte, was letztendlich dazu geführt hatte, dass er erst überfallen wurde und dann ein Jahr lang als Ratte auf den Straßen Londons ums Überleben kämpfte. Hagrid und Dumbledore hatten eine Menge gutzumachen, ehe er ihnen erneut freiwillig sein Leben anvertrauen würde.
Unfreiwillig – das war eine andere Sache. Wenn Harry es recht verstanden hatte, war Dumbledore als Bürger der englischen Zaubererwelt laut Gesetz unbedingt verpflichtet, Sirius' Auftauchen zu melden und Peter auszuliefern. Der Mann galt weithin als mächtigster Zauberer Englands, vor dem sogar Du-Weißt-Schon-Wer Angst hatte. Ob er wollte oder nicht, Harry würde sich nach Dumbledores Entscheidung richten müssen. Er war ihm ebenso ausgeliefert wie Sirius und Peter. Wie würde der Mann sich entscheiden?
"Nun", begann Dumbledore langsam, "wir werden nicht umhin können, das Ministerium einzuschalten." Alle Anwesenden stöhnten. "Harry hier braucht eine Schulbildung", fuhr Dumbledore unnachgiebig fort. "Wenn er einfach so in Hogwarts auftaucht, wird es Fragen geben. Harry ist kein Okklumens; früher oder später wird die Wahrheit herauskommen." Sein mitleidiger Blick auf Harry wurde kalt, als er zu Peter weiter wanderte. "Außerdem muss Sirius offiziell freigesprochen werden und Kompensation für seine unrechtmäßige Gefangenschaft erhalten!"
Peter schluckte laut, nickte dann aber zögerlich. "Also muss ich nach Azkaban", stellte er mit bebender Stimme fest. Oder schlimmer, dachte er bei sich, sprach es aber Harry zuliebe nicht aus. Er duckte seinen Kopf und senkte den Blick, um Sirius' hartes, zufriedenes Grinsen nicht länger sehen zu müssen.
"Aber das könnt ihr doch nicht machen! Nicht, nach allem, was er für mich getan hat!", schniefte Harry neben ihm. Peter hob eine Hand und wuschelte ihm sanft durch die Haare. "Schhh, Fünkchen. Das Leben geht weiter, auch ohne mich." Harry wirkte nicht sonderlich beruhigt. "Nein! Ohne dich geht es eben nicht weiter!"
Peter sah ihn geschockt an. "Bitte sag mir jetzt nicht, dass du dir was antun würdest!"
Harry erwiderte den Blick mit zornig zusammengepressten Kiefern und entschlossenen Augen.
"Ach Fünkchen...!", seufzte Peter. Er war hin- und hergerissen zwischen Dankbarkeit, dass Harry so weit für ihn gehen würde, und Sorge um den jungen Mann. Es durfte nie so weit kommen, dass Harry sich tatsächlich etwas antat – seinetwegen!
"Vielleicht...", begann Remus zögerlich. Alle Blicke wanderten sofort zu ihm. Er errötete leicht. "Nun, es ist nur so eine Idee, aber... Würde das Gericht nicht Peters Fürsorge für Harry, während dieser 'verschollen' war, zu seinen Gunsten rechnen? Vielleicht wird es dann ja nicht lebenslänglich, oder vielleicht kann er sogar eine alternative Strafe abbüßen."
"Außerhalb des Gefängnisses?", fragte Peter ängstlich. So wenig er auch nach Azkaban wollte, Du-weißt-Schon-Wems Häschern in die Hände fallen wollte er noch viel weniger. In dessen Plänen war es gewiss nicht vorgesehen, dass Peter wieder auftauchte und Sirius entlastete. Der Dunkle Lord wäre nicht begeistert über diese Entwicklung, und Peter somit nicht sicher außerhalb einer gut gesicherten Gefängniszelle. So dankbar er Remus auch für den Versuch war, die Idee fand er nicht besonders ansprechend.
Remus zuckte mit den Schultern. "Hast du eine bessere Idee?"
Harry und Peter sahen sich unsicher an. "Hogwarts ist sicher", brachte Harry zögerlich hervor.
"Nein", sagte Dumbledore mit fester Stimme. "So leid es mir tut, Harry, aber wir können einen Mensch wie Peter, der einen Unschuldigen zwölf Jahre lang in Azkaban leiden lässt, nicht in die Nähe der Schüler bringen."
"Aber da war er doch schon mehrere Jahre lang!", erwiderte Harry zornig. Tränen der Wut standen in seinen Augen. Warum mussten die Erwachsenen immer alles so verkomplizieren? Peter hatte jahrelang in Hogwarts gelebt, ohne jemandem zu schaden; warum sollte er jetzt auf einmal damit anfangen?
"Harry", erklärte Remus, "da war er aber eine Ratte. Jetzt wäre er ein Mensch."
"Sagt wer?", grummelte Harry zornig. Er sah, verärgert und beleidigt, dass er nicht ernst genommen wurde, auf seine abgewetzten, immer noch zu großen Schuhe hinab. So entgingen ihm die bedeutungsschweren Blicke, welche die Männer nach seinem Einwand wechselten.
Dumbledores sanfte Stimme, in der eine schalkhafte Note mitschwang, ließ Harrys Kopf wieder nach oben schnellen. "Mir scheint, der junge Mister Potter hat da einen brauchbaren Einfall..."
