4. Mensch

Harry konnte es kaum glauben. Peter war frei!

Der Zaubergamot hatte Sirius frei gesprochen und Peter für schuldig befunden; doch Dumbledore hatte sich für Peter eingesetzt – und Harry musste ihm zugestehen, der Mann hatte wirklich kein Argument ausgelassen, vom Imperius über sein seitdem tadelloses Betragen bis hin zur Rettung des Jungen-der-Lebt. Er hatte dafür gesorgt, dass Harry selbst eine Aussage machen und um Peters Leben bitten konnte. So sehr Harry den Schulleiter auch dafür hasste, dass er ihm die Information, wie man zum Gleis 9 ¾ kam nicht auf zuverlässigem Wege vermittelt hatte, er empfand während des gesamten Prozesses nichts als Hochachtung für den alten Mann.

Er konnte regelrecht zusehen, wie sich der Abscheu für Peter auf den Gesichtern der Zauberer in Mitleid für Harry Potter wandelte und wie Dumbledore sie einen nach dem anderen mit seiner Ansprache um den Finger wickelte. Und schließlich wurde das Urteil verkündet und das Wunder geschah: er durfte Peter mitnehmen!

Freilich als Ratte, nicht als Mensch.

Aber das war doch sicher besser als gar nicht, oder? Unsicher tastete er nach der warmen, kleinen Gestalt, die in einer Tasche seines neuen Umhanges zusammengerollt lag. Peter zitterte noch immer heftig. Harry strich ihm beruhigend durchs Fell. Mehr konnte er im Moment nicht tun, es war einfach zu gefährlich, Peter hier unterwegs herauszunehmen. Still folgte er Professor Dumbledore zu den Kaminen, von wo aus sie zurück nach Hogwarts flohten.

Dort angekommen zog Harry Peter sofort aus der Tasche und setzte ihn auf seinen Schoß. "Peter, alles okay? Krätze? Mensch, schau mich an! Sag was, Krätze!"

Harry hatte nur Augen für seinen Freund und Bruder. Er ignorierte Dumbledores Ankunft sowie Remus, welcher dem Schulleiter auf den Fuß folgte. Sirius musste noch länger im Ministerium bleiben, um jede Menge Formulare auszufüllen. Schließlich sollte er ja eine beachtliche Summe als Entschädigung vom Ministerium erhalten, für seine unrechtmäßige Gefangenschaft; und gewiss gab es auch noch mehr Formalitäten zu erledigen, ehe ein unschuldiger Häftling wieder Teil des öffentlichen Lebens werden konnte.

Harry war es egal. Er spürte, dass Krätze unter Schock stand, und als Mensch konnte er überhaupt nichts tun!

Es war keine bewusste Entscheidung. Harry war sich bis zu diesem Moment ja nicht einmal sicher gewesen, ob er sich gezielt wieder in eine Ratte würde verwandeln können. Doch genau wie er sich in einem Notfall zurück in einen Menschen verwandelt hatte, so gelang es ihm auch nun, da Krätze ihn brauchte, wieder zur Ratte zu werden.

"Harry?", hörte er die Männer im Raum verblüfft ausrufen. Doch er ignorierte sie. Eng kuschelte die schwarze Ratte sich an ihren Gefährten und rieb ihre Nase an der grauen. Ich bin da, sagte er mit jeder Geste. Es ist alles in Ordnung. Beruhige dich.

Ganz langsam nahm das Zittern der grauen Ratte ab. Peter gelang es endlich, wieder rationale Gedanken zu fassen. Allmählich hob er den Kopf und sah Fünkchen an. Es kostete ihn einige Mühe, doch schließlich schaffte er es, Fünkchen spielerisch in die Nase zu beißen und keck zu grinsen. Das erleichterte Funkeln in dessen Augen war so wunderbar, dass Peters erzwungene gute Laune beinahe echt wurde. Zärtlich rieb er seine Nase an Fünkchens, ehe er diesen auffordernd in die Seite stupste. Fünkchen sah ihn fragend an. Peter rollte die Augen und deutete mit der Nase auf die zwei Männer, welche sie besorgt beobachteten.

Harry seufzte. Mit einer großen Willensanstrengung zwang er sich zurück in seine menschliche Form. "Mir geht's gut, alles okay", sagte er knapp, ehe er sich bereits wieder zu Krätze umgedreht hatte. Er kniete sich vor den Sessel, auf dem die Ratte hockte, und sah ihr fest in die Augen.

"Es tut mir leid, dass wir nie als Menschen miteinander reden können", sagte er ehrlich und eine Träne lief seine Wange hinunter. "Aber ich bin einfach nur so froh, dass du weiterhin bei mir bist!"

Peter tapste vorsichtig zum Rand des Sesselpolsters und reckte seine Nase, bis er Harrys erreichte. Leicht rieb er seine Nase an der des Jungen. Es war ein ungewohntes Gefühl. Doch das hier war nicht nur Harry, der Sohn seiner ehemals besten Freunde; es war auch immer noch Fünkchen, sein einziger und bester Freund der letzten zwei Jahre. Auch wenn er jetzt wieder ein Mensch war.

"Meinetwegen bist du jetzt für den Rest deines Lebens eine Ratte", schniefte Harry. "Es tut mir leid." Der Dreizehnjährige konnte die Tränen nicht länger zurückhalten und heulte nun ungehemmt los.

Krätze saß aufgebracht vor ihm und wusste nicht, was tun. Remus hatte Harry beruhigend eine Hand auf die Schulter gelegt, doch die hatte er unwillig abgeschüttelt. "Es tut mir leid", wiederholte er nur immer wieder, während seine Hände sich beide in das Sesselpolster verkrallt hatten.

Krätze lief aufgebracht hin und her, rieb sich an Harrys Gesicht, versuchte ihn irgendwie zu erreichen – doch nichts wirkte. Nach einem Blick auf die ebenso hilflosen Männer entschloss er sich schließlich, das Problem auf Rattenart zu lösen. Er ging zu einer von Harrys Händen, suchte sich einen Finger aus... und biss herzhaft hinein.

"Yiiieaau!", quietschte Harry. "Krätze, was soll der Müll?!"

Vor Schreck hörte Harry augenblicklich auf zu weinen. Ungläubig starrte er Krätze an, der jedoch bloß keck zurückgrinste, als sei er sich keiner Schuld bewusst. Dann drehte das freche Biest sich auch noch um und reckte den Hintern hoch.

Harry lachte. Er erkannte die Geste nur zu gut.

Es war ihm egal, was der Schulleiter und Remus Lupin denken mochten. Flink setzte er sich neben Krätze auf den Sessel, verwandelte sich in eine Ratte – diesmal ging es schon viel einfacher – und reckte ebenfalls seinen Hintern, ehe er ihn mit Wucht gegen Krätzes knallen ließ.

Harry war sich ziemlich sicher, dass 'echte' Ratten sich nicht auf diese Art 'High Five' gaben. Aber er und Peter waren ja auch eigentlich Menschen. Und verflixt, es machte Spaß!

Harry drehte sich wieder um und sah, dass Krätze es ihm gleich getan hatte. So saßen sie Nase an Nase da und sahen sich an. Geht es dir gut?, fragte Harry mit ihrer gemeinsam entwickelten Körpersprache.

Alles okay, antwortete Krätze.

Bist du mir böse?

Nein. Wirklich nicht. ...Du musst gehen.

Gehen?

Krätze deutete erneut zu den Menschen. Fünkchen rümpfte genervt die Nase, kam aber der Aufforderung ein zweites Mal nach. Wieder verwandelte er sich in einen Menschen. "Du bist mir wirklich nicht böse?", fragte er noch einmal.

Krätze gab das Äquivalent eines Augenrollens.

"Okay...", machte Harry verwirrt.

"Harry", sagte Remus vorsichtig, und war erleichtert, als Harry ihm diesmal seine Aufmerksamkeit schenkte. "Ich denke, wenn du nicht gewesen wärest, dürfte Peter den Rest seines Lebens in Azkaban verbringen. Ich weiß nicht, wie viel du über das Gefängnis weißt -"

Der Schauer, der Harry bei der Erwähnung Azkabans über den Rücken lief, beantwortete Remus' Frage. Harry hatte oft genug darüber in der Zeitung gelesen, um sich durchaus bewusst zu sein, dass er niemandem einen Aufenthalt in Azkaban wünschen würde – selbst Voldemort nicht.

Remus räusperte sich. "Ich gehe davon aus, dass Peter dann doch lieber für den Rest des Lebens eine Ratte ist."

Harry sah unsicher erst zu ihm, dann zu Krätze. Der jedoch nickte nachdrücklich.

"Sicher?"

Noch heftigeres Nicken.

Harry hob Krätze vorsichtig hoch, ließ sich selbst auf dem Sessel nieder und nahm die Ratte auf den Schoß. "Okay", sagte er noch einmal und damit war die Diskussion fürs erste beendet.


Harry war dankbar für die Tatsache, dass Professor Dumbledore als Kopf des Zaubergamots jeder Zeit eine Notsitzung einberufen konnte. Folglich hatten er, Peter und Sirius nur eine Nacht in Hogwarts übernachtet; gleich am nächsten Tag begann der Prozess. Und da sich die Zaubererwelt selten mit den komplizierten – wenn auch vermutlich in vielen Fällen durchaus sinnvollen und fairen – Regeln aufhielt, welche einen Prozess vor einem Muggelgericht auf Jahre ausdehnen konnten, wurde die Verhandlung noch am selben Tag zum Abschluss gebracht. Auch an diesem Abend übernachteten Sirius, Harry und Krätze in einem separaten Quartier in Hogwarts.

Den nächsten Tag verbrachten sie zum großen Teil in einer langen Diskussion mit Professor Dumbledore darüber, wie es nun mit ihnen allen weitergehen sollte. Der Tagesprophet berichtete heute auf der Titelseite der ganzen Zaubererwelt von der Unschuld Blacks, dem Geständnis Pettigrews und der Rückkehr des Jungen-der-Lebt von seinem 'geheimen Training'.

Teile des Prozesses waren zum Schutz aller Beteiligten unter Ausschluss der Öffentlichkeit und nicht einmal vor dem vollen Zaubergamot abgewickelt worden; die ganze Geschichte hörten nur Dumbledore und die zwei Ratsältesten – laut Dumbledore waren diese beiden über jeden Verdacht, Todesser zu sein, erhaben. Dem Rest des Zaubergamots hingegen vertraute der alte Schulleiter deutlich weniger und bemühte sich, so viele Details wie nur möglich über Harry geheim zu halten. So wurde beispielsweise nicht öffentlich erwähnt, dass Harry die letzten zwei Jahre als Rattenanimagus verbracht hatte, oder auch nur, dass Pettigrew sich in eine Ratte verwandeln konnte. Auch das Urteil über Pettigrew wurde so geschickt als Hausarrest mit einer Reihe von verklausulierten Bedingungen und Caveats formuliert, dass seine Animagusform dabei niemals explizit zur Sprache kam. Er hatte seine Animagus-Fähigkeit damals nicht dem Dunklen Lord preisgegeben; warum sollten sie diesen Vorteil jetzt zunichte machen?

Das Schuljahr war in wenigen Monaten vorbei, es hatte keinen Sinn, dass Harry sich jetzt noch am Unterricht beteiligte. Viel besser wäre es, wenn er all das passiv Erlernte jetzt unter Aufsicht von Sirius und Remus tatsächlich mit seinem eigenen Zauberstab üben konnte. Die Geschichte vom geheimen Training wäre sehr schnell sehr durchsichtig, wenn Harry nicht einmal einen Lumos sprechen konnte.

"Warum brauchen wir die Geschichte denn?", fragte Harry verwirrt.

Dumbledore seufzte. "Ich muss gestehen, Harry, dass diese Geschichte lediglich dem Schutz meines Rufes dient. Ich kann mich nicht oft genug bei dir dafür entschuldigen, was dir durch meine Unvorsicht widerfahren ist. Doch würde die Zaubererwelt davon erfahren, würde sie den Glauben an mich verlieren. Auf das Ministerium vertraut bereits niemand mehr; was aber passiert, wenn die Leute auch mir nicht mehr vertrauen? Ich glaube, dass wir dann eine große Anzahl an Zauberern und Hexen an Voldemort verlieren würden, welche glauben, nur dadurch vor seiner Zerstörungswut sicher zu sein. Um das zu vermeiden, möchte ich gerne an der Geschichte festhalten. Kannst du damit leben?"

Harry senkte den Kopf und sah zu Krätze hinab, der wieder in seinem Schoß saß. Wollte er eine solche Lüge leben? Seit Dumbledores Unterstützung im Prozess um Peter war ein Großteil von Harrys Abneigung gegen den Schulleiter verraucht; doch ganz vergeben hatte er ihm noch nicht. Warum sollte er nun auch noch für ihn lügen?

Andererseits wäre die Lüge ja nicht für Dumbledore, sondern zugunsten all der Leute, die sonst die Hoffnung aufgeben würden. Wenn sie nicht mehr zu Dumbledore aufschauen könnten, zu wem dann? Zu Harry vielleicht? Er schauderte. Das konnte er überhaupt nicht gebrauchen. Nein, lieber sollten sie weiter zu Dumbledore laufen.

Harry wusste von den Weasleys, welch große Bedeutung Dumbledore für ihre Welt hatte. War er gewillt zu lügen, um diese Rolle aufrechtzuerhalten?

Harry legte den Kopf schief und fragte Peter mit einer Geste: "Vorteil?"

Peters Antwort war ein breites Grinsen.

Harry nickte entschlossen. "Professor, wenn es sein muss, dann werde ich die Lüge verteidigen. Aber ich möchte, dass eines klar ist: Wenn Sie noch einmal mich oder jemand anderen durch so eine große Dummheit gefährden, dann ist es damit vorbei!"

Sirius sah ob Harrys Tonfall milde entsetzt aus, doch der Schulleiter nickte bloß. Er hatte damit gerechnet, dass Harry ihm nicht sofort voll vertrauen würde und akzeptierte, dass Harrys Worte ihn in ein leicht verschobenes Machtgefälle brachten. Harry hatte nun die Macht, Dumbledores Ruf ernsthaft zu schaden, und es war ihnen beiden klar bewusst. Die Karten lagen offen auf dem Tisch. Oder doch beinahe.

"Du hast ein Anliegen, Harry; sprich", forderte Dumbledore ihn auf. Harry hätte sich nicht so weit vor gewagt, wenn er nicht etwas dabei zu gewinnen erhoffte.

Harry wechselte noch einen Blick mit Krätze, dann sprach er recht fordernd. "Ich will nicht, dass Sie sich nochmal darin einmischen, wo ich wohne, wer mich kontaktiert, und was ich überhaupt tue. Wenn Sie etwas von mir wollen, sagen Sie es mir direkt. Und ich möchte mehr über Voldemort wissen."

Sirius räusperte sich. "Harry... ich hatte gehofft, dass du bei mir wohnen würdest. Bei deinem Paten."

Harry musterte ihn lange. "Sie hassen Peter", sagte er. Nicht mehr, doch es war genug. Black verstummte. Betretenes Schweigen breitete sich im Raum aus, bis Black durch ein leises Seufzen erneut auf sich aufmerksam machte. "Harry, dir zuliebe lerne ich gerne, mit ihm zu leben."

Harry legte den Kopf schief. "Peter, was sagst du dazu?"

Peters Antwort bestand in einer tapsigen Jagd auf seinen eigenen Schwanz – er wusste auch nicht recht, was tun.

Dumbledore schaltete sich ein. "Harry, gibt es einen anderen Ort, an dem du wohnen möchtest?"

Im Fuchsbau, wollte Harry sagen, doch dann hielt er inne. Ja, als Ratte hatte er sich im Fuchsbau wohl gefühlt. Doch wäre er dort als Mensch willkommen? Immerhin hatte er die Weasleys zwei Jahre lang hinters Licht gefühlt. Und Krätze noch viel länger! Wenn Sirius Peter hasste, würden dann nicht auch die Weasleys ein großes Problem mit ihm haben? Gelinde ausgedrückt!

Bei ihnen hatte Peter sich fast zwölf Jahre lang versteckt, hatte zeitweise im Bett ihrer Tochter geschlafen – nein, Harry konnte sich nicht vorstellen, dass Krätze im Fuchsbau jemals wieder willkommen wäre!

Was blieb also? Zurück zu den Dursleys? Alles, nur das nicht! Mal ganz davon abgesehen, dass Tante Petunia einen Herzkasper bekommen würde, wenn Harry ihr eine Ratte anschleppte. Beinahe hätte Harry bei dem Gedanken gegrinst, was für ein Gesicht sie wohl machen würde, doch dann fing er sich wieder. Er hatte eine ernsthafte Entscheidung zu treffen.

"Ich möchte nie wieder zurück zu den Dursleys", sagte er langsam, sich der Blicke sehr wohl bewusst, welche ihm das von Seiten Dumbledores, Blacks und Krätzes einbrachte. Das würde wohl noch einige Gespräche nach sich ziehen. "Mit Krätze kann ich wohl kaum in den Fuchsbau", fuhr er fort. Krätze sah ihn entschuldigend an und Harry strich ihm beruhigend über den Rücken.

"Mr. Black", sagte er schließlich sehr förmlich, "können Sie mir einen magischen Eid schwören, dass Sie Krätze nichts antun werden, wenn wir bei Ihnen einziehen?"

Dass Harry ohne Krätze nicht zu Black ziehen würde, blieb unausgesprochen; es war für alle Beteiligten selbstverständlich.

Sirius stand auf und wandte sich an Dumbledore. "Albus, erweist du uns die Ehre?"

Dumbledore nickte schwer.

"Harry, weißt du, wie ein bindender Schwur funktioniert?", fragte Black unsicher, während er sich vor Harry kniete.

Harry schüttelte den Kopf. "Ich habe nur davon gehört", gab er zu. "Details kenne ich keine."

Dumbledore erklärte es ihm. Sirius sah mit wachsendem Unbehagen das Funkeln in Harrys Augen, als dieser verstand, dass der dritte Teil des Schwurs unaufhaltsam war, solange sich die Formulierung nur vage an die ersten beiden Teile hielt. Doch er biss tapfer die Zähne zusammen und hielt Harry seine Hand hin. Harry ergriff sie und Dumbledore begann, den Schwur zu weben.

"Sirius Black, schwörst du, dem Mensch Peter Pettigrew und der Ratte Krätze fortan nie körperlichen oder seelischen Schaden zuzufügen?", fragte Harry, und Sirius fluchte innerlich, dass er mit der ersten Frage gleich zwei Aspekte erschlagen hatte. Das gab Harry mehr Raum für die nächsten beiden.

"Ich schwöre es", antwortete er dennoch fest.

"Sirius Black, schwörst du, dass du verhindern wirst, dass andere dem Menschen Peter Pettigrew und der Ratte Krätze körperlichen oder seelischen Schaden zufügen?"

"Ich schwöre es", bestätigte Sirius etwas niedergeschlagen. Somit endete der Plan, Remus auf Peter loszulassen, noch ehe er begonnen hatte.

Sirius' Blick traf auf Harrys funkelnde, grüne Augen, als dieser seine dritte Forderung stellte. "Sirisu Black, schwörst du, gegen die Ratten in deinem Haus für jegliche Streiche und eventuelle Schäden an Möbeln und sonstiger Einrichtung fortan keinerlei Vergeltung zu üben?"

Sirius' Mund klappte lautlos auf und zu. Doch die Magie des Schwurs sah in der Forderung ein passendes Element zu den ersten beiden Teilen, und somit war Sirius zum Einverständnis gezwungen.

"Ich schwöre es", brachte er zähneknirschend hervor.

Der Zauber leuchtete hell auf und sank unter die Haut, woraufhin er spontan unsichtbar wurde. Sirius schüttelte seine Hand, als habe er in eine Nessel gelangt. "Was für ein fieser Trick", grummelte er. Doch dann hoben sich seine Mundwinkel unwillkürlich. Ein Trick, der dem Sohn der Rumtreiber würdig war!

"Dir ist schon klar, dass ich keinen so noblen Grund wie "angemessene Vergeltung" brauche, um einen Streichekrieg zu fechten, oder? Und eine Ratte bist du doch bestimmt auch nur einen Teil der Zeit."

Harry grinste zur Antwort bloß frech.


Am nächsten Tag war ein Einkaufsbummel angesagt. Harrys Zauberstab hatte sein Rattenleben überraschend ohne Schäden überstanden, doch davon abgesehen besaß Harry rein gar nichts. Harry trug aktuell eine geschrumpfte Hose von Remus, sein eigenes altes Hemd, und darüber eine geliehene Hogwarts-Schulrobe. Sowohl er als auch Sirius brauchten dringend eine komplett neue Garderobe. Außerdem war Harrys Brille bei seinem Zusammenstoß mit der Gang nahe King's Cross zerbrochen und er sah als Mensch noch schlechter denn als Ratte. Der erste Stopp war daher bei einem magischen Optiker.

Harry ging davon aus, dass er eine neue Brille angepasst bekäme; immerhin trug auch Dumbledore eine, also war es wohl auch in der Zaubererwelt unmöglich, Augen komplett zu heilen.

Doch der "Augenheiler" lachte leise, als er danach fragte. "Kindchen, du brauchst keine Brille! Das ist etwas für alte Leute, die ihr Gestell noch aus dem vorigen Jahrhundert gewohnt sind! Außerdem sieht es so gelehrt aus, nicht wahr?" Er schmunzelte fröhlich. "Nein, heutzutage lösen wir Augenprobleme mit einer Reihe von Tränken."

Der Heiler griff in ein Regal und zog genau das hervor – eine Reihe von Tränken. In eine Halterung eingefasst reihten sich hier zwölf Tränke, im Farbton von schwarz über dunkelviolett, blau, grün, gelb, orange, rot, rosa bis hin zu durchsichtig rangierend. "Du fängst bei schwarz an", erklärte der Heiler. "Dann jede Woche einen, immer eine Farbe weiter. Nach drei Monaten sollten deine Augen tipptopp in Schuss sein. Und bis dahin..."

Er fischte kurz in einem weiteren Regal und zog schließlich eine sehr viel schickere Brille als Harrys altes Gestell hervor. "Diese hier passt sich deinen aktuellen Werten an. Zieh mal auf!"

Harry setzte die Brille auf und die Welt sprang sofort in messerscharfen Fokus. "Woah!"

Während Harry damit beschäftigt war, seine neue Sicht auszutesten, wechselte hinter seinem Rücken eine nicht unbeachtliche Summe von Galleonen die Hände.

Der nächste Punkt auf ihrer Einkaufsliste war Kleidung.

Sowohl Harrys eigene Klamotten von den Dursleys als auch die Sachen der Weasleys waren immer entweder von anderen Familienmitgliedern vererbt oder gebraucht gekauft gewesen. Daher staunte Harry nicht schlecht, als Sirius und Remus ihn zielstrebig in ein großes Kaufhaus in der Muggelwelt führten. In so einen Laden hatte seine Tante ihn gewiss nie mitgenommen!

Rattenhaft zuckte seine Nase ob der vielen neuen Gerüche und er konnte seine Neugier kaum bezähmen. Sirius aber schien nur Augen für die Klamotten zu haben.

Zwei Stunden später holte Remus Harry in der Gastronomie-Ecke ab und führte ihn zu Sirius, der etwas verschämt zwischen zwei Einkaufswägen stand, die bis zum Rand mit Kleidung in Sirius und in Harrys Größe gefüllt waren. In vorsichtiger Entfernung konnte Harry zwei Verkäufer sehen, die Sirius und seine Beute misstrauisch beäugten.

"Schau bitte mal drauf, ob dir das so ungefähr zusagt", meinte Remus belustigt. "Wenn nicht, dann lass Sirius wissen, was du stattdessen haben möchtest, und ich bin sicher er wird sich mit Freuden nochmal zwei Stunden ins Getümmel stürzen."

Harry grinste kurz, ehe ihm der Gedanke ans besagte Getümmel die Grinse wieder aus dem Gesicht wischte. So wenig es ihm auch behagte, auf den Geschmack eines noch quasi Unbekannten zu vertrauen, der Gedanke, sich selbst zwischen all den Menschen durchzuschlagen und sich mit irgendwelchen Jugendlichen um die besten Schnäppchen zu prügeln behagte ihm noch viel weniger. Harry rieb sich bei dem Gedanken unbewusst das damals zugeschwollene Auge, während seine andere Hand Krätze in seiner Tasche suchte und ihm ein paarmal beruhigend übers Fell strich.

Es war jetzt drei Jahre her, dass Harry in Camden zusammengeschlagen worden war und er fand, dass er wirklich mal damit aufhören könnte, beim Anblick von Jugendlichen in "coolen" Klamotten zusammenzuzucken, aber sein Körper sah das offenbar anders.

Vielleicht hatte Remus doch recht mit seinem nervigen Herumgereite auf dem Thema Therapie.

Würg.

Entschieden schob Harry diese Gedanken von sich und beugte sich vor, um den Inhalt des Einkaufswagens mit den kleineren Kleidungsstücken zu inspizieren. Krätzes Nase schob sich neugierig aus seiner Jackentasche und reckte sich ebenfalls nach den Klamotten. Aus dem Augenwinkel sah Harry, wie sich einer der beiden Verkäufer versteifte.

Lustig, dachte er ein wenig böse und begann, Krätze die einzelnen Teile vor die Nase zu halten, damit dieser sie beschnuppern konnte. Sirius runzelte erst die Stirn, doch dann folgte er den heimlichen Blicken seines Patensohns auf die versteinerten Verkäufer, die sichtlich mit sich rangen, ob sie nun eher die dreckige Ratte von der guten Kleidung fernhalten oder sich den guten Willen dieses potenziellen Großkunden bewahren sollten.

Bald waren aber die Zaungäste vergessen, als Harry die konservativen ersten Lagen der Kleidung hinter sich gelassen hatte. Gerade fischte Harry ein T-Shirt von einem deutschen Cartoonisten aus dem Stapel, auf dem eine Ratte abgebildet war, die sich selbst auf den Hintern zeigte - und dazu der Spruch "Rate mal, was du mich kannst..." Remus stöhnte, aber Harry und Krätze kicherten lauthals. Sirius strahlte. Das nächste Shirt zeigte einen laut Sirius amerikanischen Cartoon, auf dem eine Maus eine Katze böse in die Falle laufen ließ; auch das gefiel Harry und Krätze ungemein gut.

Neben den rattenfreundlichen und katzenfeindlichen Cartoons gab es auch noch einige T-Shirts und Langarmhemden mit witzigen Sprüchen, ein paar einfach nur mit angenehmen oder witzigen Mustern und dann noch ein paar mit ausgefallenem Schnitt.

Harry beschloss, sie alle zu behalten. Über den Preis machte er sich keine Gedanken - sein Pate war soweit er hörte vorher schon reich gewesen und gerade noch reicher geworden, und er schuldete ihm zwölf Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke. Also.

Sirius schien das genauso zu sehen und Remus hatte in der Sache nichts zu sagen. Dafür fand der Werwolf eine ganze Menge kreativer Schimpfwörter, als Sirius nach dem Bezahlen seines eigenen Kleiderstapels eines der T-Shirts aus dem Chaos fischte und Remus mit dem Wort "Partnerlook!" zuwarf. Auf dem Shirt war ein Cartoon-Wolf zu sehen, der eine Pirouette drehte; Sirius hielt sich grinsend ein T-Shirt an die eigene Brust, auf dem Kevin Costner zu sehen war und darunter der Filmtitel "Der mit dem Wolf tanzt".

"Oh wow, wie sehr ich das doch nicht vermisst habe!", seufzte Remus, während er schicksalsergeben das T-Shirt in seiner Umhängetasche verstaute.

Alles in allem verlief der Einkaufsbummel in der Muggelwelt sehr positiv. Anders würde es in der Zaubererwelt aussehen. Sirius war der Star des Tages und wenn auch niemand mit Harry rechnete, gingen doch alle vier davon aus, dass er gemobbt würde, wenn er sich in der Winkelgasse sehen ließe. Schließlich kamen sie überein, dass Remus Harrys Schulsachen kaufen würde und auch alles weitere, was er bis zum ersten Schultag zum Lernen brauchen würde.

Harry, Krätze und Sirius dagegen begaben sich endlich in Sirius Elternhaus und begannen alsbald mit der haarsträubenden - aber auch enorm spannenden - Aufgabe, 12 Grimmauld Place bewohnbar zu machen.


A/N: Frohes Neues allerseits! : )