5. Familientreffen

"Ich muss mit den Weasleys reden", sagte Harry einige Tage später beim Frühstück. Er stocherte schon lange lustlos in seinen gebackenen Bohnen herum, ganz zu schweigen von den böse zermetzelten, aber immer noch ungegessenen Würstchen; und auch Sirius besorgte Blicke konnten ihn nicht dazu bewegen, tatsächlich etwas zu essen.

Remus war zur Schule zurückgekehrt, um seinen restlichen Unterricht bis zum Schuljahresende abzuhalten; danach würde er sich ihnen im Grimmauld Place anschließen. Sirius gab freimütig zu, dass Remus der bessere Lehrer war, aber Harry fand auch Sirius Unterricht durchaus spannend. Sie hielten sich lose an die Lehrpläne der ersten drei Hogwarts-Schuljahre, aber Sirius brachte Harry nebenbei auch eine Vielzahl an Schabernack bei sowie ein paar ernsthafte Flüche und Schilde.

Wenn sie Dumbledores Aussage mit dem geheimen Training glaubhaft rüberbringen wollten, musste Harry wissen, wie er sich selbst gegen Slytherin-Siebtklässler verteidigte. ...Außerdem hatten sowohl Harry als auch Sirius viel mehr Spaß an Trainingsduellen als an Pflanzenkunde.

Remus würde alle Hände voll zu tun haben, um Harry in den konventionellen Fächern auf denselben Stand wie seine Klassenkameraden zu bringen, zumal da Harry den Unterricht des dritten Schuljahres noch nicht besucht hatte. Aber immerhin würde im kommenden Herbst niemand anzweifeln können, dass Harry in der Tat über ein großes Arsenal von Sprüchen verfügte, die in Hogwarts so nicht unterrichtet wurden.

Sirius war erstaunlich humorvoll und hatte die unglaublichsten Geschichten zu erzählen. Es dauerte nicht lange, bis Harry begann, seinen Paten zu mögen. Und wie versprochen gab sich Sirius redliche Mühe, Peter nicht feindselig zu behandeln. Vermutlich half es, dass er jeden Tag sehen konnte, wie gut Harry die Freundschaft mit der Ratte tat.

Harry wechselte inzwischen fließend mehrfach am Tag von einer Form in die andere, quietschte und zankte unter dem Tisch mit Krätze, nur um dann wieder ein paar Worte mit Sirius zu wechseln, ehe er mitten im Sprung aufs Sofa wieder zu einer Ratte wurde und dort vergnügt auf und ab hüpfte. Es würde ihm schwer fallen, seine Animagusform in Hogwarts geheim zu halten; umso mehr wollte er sie jetzt noch einmal voll auskosten.

Aber... das war nicht das Einzige, was ihm schwer fallen würde. Die Weasleys als Mensch zu treffen würde vermutlich noch schwieriger. Glücklicherweise hatte keiner der Erwachsenen vorgeschlagen, dass sie die Weasleys genauso im Dunkeln ließen wie den Rest der Zaubererwelt. Die Mitglieder der Familie Weasley waren wichtige Bezugspersonen für Harry geworden und es war allen klar, dass er zumindest versuchen musste, ihnen die Lage zu erklären. Wenn sie die Neuigkeiten schlecht aufnahmen, würde das schwierig für den einsamen Jugendlichen; aber wenn nicht, würde er dadurch gleich mehrere Verbündete in Hogwarts gewinnen, die ihm vielleicht auch helfen konnten, die Lüge über sein "Training" länger aufrecht zu halten.

Das waren für Harry selbst aber alles nur Überlegungen am Rande. Viel wichtiger war es ihm, sich persönlich bei ihnen für die Täuschung zu entschuldigen und vielleicht, ganz vielleicht, wieder ein bisschen Teil dieser wunderbaren Familie werden zu dürfen. Harry hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie so wohl gefühlt wie bei den Weasleys und er war nicht bereit, diese Verbindung kampflos aufzugeben.

"Ich kann nicht bis Hogwarts warten und ihnen dann plötzlich als Mensch gegenübertreten, mit Krätze als Haustier noch dazu!", brach es jetzt aus Harry heraus. "Das geht nicht."

Sirius schürzte die Lippen; er hatte sich auch schon seine Gedanken darüber gemacht und Harry hatte Recht, das wäre ein sicherer Weg zum Desaster. "Hast du eine Idee, wie wir den Weasleys schonend beibringen können, dass ihre Hausratten eigentlich Peter Pettigrew und Harry Potter waren?"

Harry schnaubte. "Nein. Schonend gibt es da glaube ich nicht, das wird auf jeden Fall ein Schock. Aber ich will das nicht in der Schule machen, wo die anderen Rons garantierten Tobsuchtsanfall mitkriegen könnten. Und ich will auch, dass die Weasleys wissen, dass sie mir wichtig sind; vor allem Ginny und Ron und Mo - und Mrs. Weasley."

Harry wurde rot, als Sirius seinen Versprecher mit einer erhobenen Augenbraue quittierte. Ob sein Pate wohl ahnte, dass Harry nicht "Molly" sondern "Mom" hatte sagen wollen? Wenn man das tagein, tagaus hörte, dann übernahm man es wohl einfach, sagte er sich; es hatte gewiss nichts damit zu tun, dass er sich nicht immer als das Haustier der Weasleys gefühlt hatte, sondern manchmal vielmehr wie ein achtes Kind.

"Du hast Recht. Dann ist die nächste Frage: Wollen wir die Weasleys im Fuchsbau besuchen, hierher einladen oder auf neutralem Boden treffen - also zum Beispiel in Hogwarts? Ich bin sicher, Dumbledore würde uns dabei gerne behilflich sein. Und die meisten Weasleys sind im Moment sowieso in der Schule."

Nun war es an Harry, nachdenklich zu gucken. "Ich glaube... ich..." Betreten senkte Harry den Kopf. "Ich möchte zum Fuchsbau. Falls sie es nicht gut aufnehmen und mich danach nicht wieder sehen wollen, möchte ich wenigstens noch einmal dort gewesen sein, um tschüs zu sagen." Seine Stimme war gegen Ende immer leiser geworden.

Harrys Augen blickten auf seinen verwüsteten Frühstücksteller, aber er nahm nichts von der Verheerung wahr; seine Gedanken waren nach innen gerichtet. Was, wenn sie ihm nicht vergaben? Wie würde er mit Ron in einer Klasse sein können? Wie konnte er Ginny jeden Tag im Gryffindorturm und beim Essen begegnen? Das würde der absolute Horror.

Natürlich konnte es immer noch passieren, dass Harry gar nicht nach Gryffindor kam; aber das fand er ziemlich unwahrscheinlich. Er war weder besonders treu noch überragend intelligent, und nach Slytherin würde ihn ja wohl hoffentlich niemand stecken wollen; das wäre ja geradezu Mord. Zugegeben, sonderlich viel Mut hatte er mit seinem Versteckspiel als Ratte nun auch gerade nicht bewiesen; aber alle Menschen, die ihm wichtig waren, wohnten in Gryffindor. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, in ein anderes Haus zu kommen.

Harry bemerkte nicht, dass Sirius aufgestanden und um den Tisch herumgelaufen war. Als Sirius Hand auf seine Schulter sank, zuckte er daher heftig zusammen. Die Hand begann, beruhigende Kreise zu massieren, während Sirius sich murmelnd bei ihm entschuldigte. Krätze ließ die Käseplatte links liegen und trippelte herbei, um seinen Kopf und die Vorderpfoten auf Harrys linke Hand zu legen, die sich um die Gabel verkrampft hatte.

Harry zwang sich, die Augen zu schließen und einmal tief durchzuatmen. "Sorry", sagte er dann matt.

"Ist schon gut, Kleiner", antwortete Sirius, immer noch in diesem angenehm ruhigen Tonfall. Harry wusste, dass er sich bevormundet fühlen müsste, aber im Moment war er einfach nur dankbar, dass Sirius so vorsichtig mit ihm umging. Offenbar hatte Harry das gerade tatsächlich nötig.

"Möchtest du noch ein paar Tage warten oder es lieber bald hinter dich bringen?", fragte Sirius offen.

Seufzend antwortete Harry: "Gleich. Lass uns das am besten gleich machen. Nicht zu wissen, ob die Weasleys meine Freunde sind oder nicht, macht mich fertig."

Sirius Arme schlossen sich von hinten um Harrys Brust. "Ganz egal, was auch passiert - du hast immer noch Remus und mich, Harry. Und Peter", fügte er im Nachsatz hinzu. Und okay, er tat es widerstrebend, aber allein die Tatsache, dass Sirius offen anerkannte, wie wichtig Peter für Harry war, machte Sirius in Harrys Augen zu einer noch viel wertvolleren Person als bisher. Überrascht stellte Harry fest, dass er Sirius inzwischen vollkommen vertraute.

Es fühlte sich gut an.


Sirius flohte den Weasleys noch am selben Morgen und kündigte sich und zwei Begleiter für einen Besuch zum Mittagessen an. Er bat, dass auch die Kinder für dieses Wochenende aus der Schule zu Besuch kamen; mit Dumbledore hatte er es bereits abgeklärt. Molly klang überglücklich, als sie die Verabredung bestätigte und nach den Essenswünschen der Gäste fragte. Mit einem breiten Grinsen bat Sirius für sich selbst und einen der Gäste um Mollys übliche wundervolle Küche - und für den dritten Gast einfach nur um ein gutes Stück Käse und ein paar Kekse.

Sein Kopf im Feuer wackelte, als eine feingliedrige Hand ihm einen Schlag auf den Hinterkopf verpasste; aber sein Grinsen wurde lediglich noch breiter, ehe er sich verabschiedete und Molly mit vielen Fragezeichen im Kopf zurückließ. Er konnte sich lebhaft vorstellen, was im Kopf der Weasley-Matriarchin vor sich ging. Wer waren die zwei Begleiter? Gehörte die kleine Hand einer jungen Frau, hatte der ehemals große Weiberheld Sirius so kurz nach seinem Freispruch bereits wieder eine Affäre? Oder gar zwei?

Schmunzelnd drehte Sirius sich zu Harry um, der ihm mit schief gelegtem Kopf und gezücktem Zauberstab betrachtete. Sirius Augen leuchteten auf und er zückte seinen eigenen Zauberstab. Krätze huschte vorbei und ging unter dem Sofa in Deckung. "Auf Drei", sagte Sirius und ging in Duellierhaltung. "Eins, zwei..."

Harry griff an, ehe Sirius zuende gezählt hatte, und Sirius lachte bellend. "Sehr gut!", lobte er, während er den Locomotor Mortis abwehrte und mit einem Tarantallegra dagegen hielt. "Immer die Überraschung auf deiner Seite behalten! Eh, außer natürlich in einem formellen Duell, aber wer macht sowas heutzutage noch?"

Harry lachte und tauchte blitzschnell als Ratte unter dem Tisch ab, nur um am anderen Ende hinter Sirius wieder herauszukommen und ihn von hinten anzugreifen. Sirius wirbelte blitzschnell herum und parierte. Die beiden Zauberer sprangen auseinander und begannen, einander zu umkreisen, den Tisch immer zwischen sich. Auf einmal stand Harry statt seinem Paten dem Grimm gegenüber, der mit übermütigem Grollen auf den Tisch sprang und auf Harry zu pirschte. Harry machte quietschend einen großen Satz zurück.

Viele Teller und Tassen fielen dem spontanen Küchenduell zum Opfer und Sirius und Harry hatten einen Mordsspaß. Kreacher fand das Ganze deutlich weniger lustig, doch als er sah, wie Sirius später am Tag für Harry einige "gefährliche" Zauber demonstrierte und dabei erklärte, dass Dämonsfeuer sogar die bösartigsten aller schwarzmagischen Artefakte zerstören konnte, hörte das kontinuierliche Grummeln und Klagen aus seiner Richtung abrupt auf. Sirius fragte sich, ob der Elf ernsthaft glaubte, dass Sirius ihn mit Dämonsfeuer angreifen würde, beschloss dann aber nicht weiter darüber nachzudenken. Wer wusste schon, was im kranken Kopf von Mutters Elf so vor sich ging? Er jedenfalls wollte das lieber nicht zu genau wissen.


Ginny war neugierig auf den angekündigten Besuch. Ihre Eltern hatten nie viel von Sirius Black erzählt. Als der Mann letzten Sommer ausgebrochen war, hatten sie zum ersten Mal davon gesprochen, wie er die Potters verraten hatte und somit der Grund war, dass Ginnys großer Held Harry Potter seine Eltern verloren hatte. Aber darüber hinaus war kaum ein Wort aus ihnen heraus zu bekommen. Dann war Black vor zwei Wochen plötzlich freigesprochen worden und nun war auf einmal alles ein riesiges Missverständnis und Black der strahlende Held und ein anderer seiner Freunde der eigentliche Verräter... und während sie auf den Besucher warteten, begannen Ginnys Eltern zu erzählen.

Von den "Rumtreibern" war da die Rede - Ginny sah, wie ihre Brüder bei dem Namen aufhorchten und hörte an diesem Abend durch die Zimmertüre der Zwillinge einige faszinierende Details über eine gewisse Karte - und wie Harry Potters Vater und Professor Lupin damals mit Sirius Black und Peter Pettigrew befreundet gewesen waren. Ginnys Eltern waren zu dem Zeitpunkt nicht mehr selbst auf Hogwarts, aber die Streiche der Rumtreiber waren so legendär, dass sie trotzdem eine ganze Schatztruhe voll Erzählungen parat hatten. Nicht nur die Augen der Zwillinge leuchteten, als Molly und Arthur sich von ihrer Nostalgie hinreißen ließen und ausnahmsweise einmal in sehr positivem Licht von Streichen und Schabernack erzählten. Auch Bill, der gerade zwischen zwei Aufträgen für ein paar Wochen in England weilte und Mollys Einladung neugierig gefolgt war, schien sich bestens über die Geschichten ihrer Eltern zu amüsieren.

Die Spekulationen, wen Sirius Black da wohl mitbrachte, grassierten den ganzen Vormittag und wurden immer wilder. Remus Lupin, darin waren sich eigentlich alle einig; aber wer war der zweite Begleiter? War es ein weiterer Freund von früher, oder war es eine romantische Beziehung? Selbst Bill, der gerade für ein paar Tage in England war, um seine neuesten Funde zu besprechen, ließ sich von der Diskussion mitreißen und gab ein oder zwei Theorien zum Besten.

Und endlich war es Mittag. Ginny und Ron wurden eingezogen, um den Tisch zu decken, während Molly einen Topf nach dem anderen aus der Küche brachte. Ginnys Augen gingen über ob des Festmahls, das ihre Mutter da gezaubert hatte. Sie musste Sirius Black wirklich gerne haben.

Dass ihre Mutter auch das schlechte Gewissen antrieb, weil sie all die üblen Anschuldigungen gegen Sirius Black geglaubt hatte, wusste Ginny natürlich nicht.

Der Kamin flackerte grell auf und schon kam ihm Sirius Black entstiegen. Alleine. Ginnys Vater begrüßte ihren Gast mit einer herzlichen Umarmung, aber die Blicke der übrigen Weasleys hafteten weiter gebannt am Kamin. Die Flammen blieben grün, doch es kam kein weiterer Gast. Sirius Black schien das auch zu bemerken, denn er runzelte die Stirn und steckte seinen Kopf in den Kamin. Ginny hörte nicht, was am anderen Ende gesprochen wurde, doch einen Moment später zog Sirius Black seinen Kopf zurück und die Flammen wurden wieder rot.

"Meine Begleitung braucht noch einen Moment", sagte der Mann lässig, doch die Unruhe war ihm deutlich anzusehen. Er wandte sich zu Ginnys Mutter. "Molly, vielen Dank, dass wir uns so spontan bei dir einladen durften."

"Gar keine Ursache, Sirius", sagte Ginnys Mutter in warmem Tonfall. "Wir freuen uns, dich gesund und munter wiederzusehen... Naja, relativ gesund, jedenfalls. Ich hoffe, ich habe genug gekocht, du musst dringend mehr essen!"

Typisch. Ginny schaute Ron an und die Geschwister teilten sich ein Augenrollen.

Ihr Besucher lachte nur. "Das werde ich gerne tun, Molly, ich habe deine Küche in sehr positiver Erinnerung!" Dann wurde er ernst. "Aber nun zum Grund meines - unseres - Besuchs."

Er sah sich im Raum um und schaute in die Gesichter von Ginny, Ron, Fred, George und Percy. Bill bekam auch einen Blick, wenn auch einen deutlich flüchtigeren. "Weasleys", begann Sirius Black ruhig, aber eindringlich, "ich habe eine Bitte an euch alle."

Ginny reckte den Hals und spitzte die Ohren, um nur ja kein Wort zu verpassen; ihre Brüder taten es ihr gleich. Was konnte der berühmte Sirius Black von ihnen wollen? Sie waren noch Kinder und sie hatten ihn noch nie gesehen. Es konnte sicher nichts Wichtiges sein. Aber er klang so ernsthaft! Also was...?

"Ich werde gleich nochmal durch den Kamin steigen und dann meine Begleiter mitbringen. Ihr seid ihnen beiden schon begegnet, aber unter falschem Namen. Ich bitte euch darum, dass ihr ihnen das nicht übel nehmt und ihnen die Chance gebt, alles zu erklären. Bitte, bitte, nehmt die beiden freundlich auf; das würde mir sehr viel bedeuten."

Sirius Black sah sie alle mit weiten, flehenden Augen an und Ginny fühlte sich an einen treuherzigen Hundeblick erinnert. Wie konnte ein erwachsener Mann so einen steinerweichenden Blick produzieren? Das war geradezu unfair.

Gebührlich eingeschüchtert und noch viel neugieriger als zuvor nickte Ginny Black ihr Einverständnis zu. Aus dem Augenwinkel sah sie ihre Brüder ebenfalls nicken und ihre Eltern bestätigten Black überschwänglich, dass sie natürlich jeden Freund von Sirius freundlich aufnehmen würden, gar keine Frage, auch wenn es ein Häftling wäre oder ein Muggel oder...

Sirius lächelte schwach und winkte ab, während Ginnys Mutter wie so oft versuchte, ihren Vater davon abzuhalten, dass er sich in einem langatmigen Monolog über die Wunder der Muggelwelt verlor.

"Ich hole die beiden dann mal", kündigte Sirius an und nahm eine Handvoll Flohpulver. Einen Moment später war er durch die Flammen verschwunden.

"Meinst du er kommt gleich mit zwei Lebedamen wieder?", flüsterte Ron sensationslüstern. Ginny quittierte das mit einem verächtlichen Blick. "Er hat gesagt, wir kennen die beiden schon", flüsterte sie zurück. "Also wie viele 'Lebedamen' kennst du, Ron?"

Ihr Bruder errötete zufriedenstellend und hielt die Klappe.

Gleich darauf war Sirius Black auch schon wieder da, aber diesmal mit einem Jugendlichen, den er dicht an seine Brust gepresst hielt. "Mein Patensohn ist noch nie gefloht, da ist zu zweit erstmal besser", erklärte Black mit einem einnehmenden Lächeln. Dann packte er den jungen Mann bei den Schultern und drehte ihn entschieden herum. "Harry, lass mich dir die Weasleys vorstellen - diesmal offiziell. Weasleys, das hier ist Harry Potter."

Ginnys Kinnlade klappte herunter.


Harrys Herz klopfte wild in seinem Hals, während er von einem Weasley zum andern blickte. Alle starrten ihn an wie das achte Weltwunder. Obwohl Sirius gesagt hatte, er hätte sie vorgewarnt, dass sie Harry schon kannten, schien keiner von ihnen misstrauisch zu gucken. Und oh Gott, himmelte Ginny ihn etwa an? Harry hatte natürlich mitbekommen, dass sie die Märchen von Harry Potter, dem wunderbaren Helden, toll fand - aber meistens hatte er reißaus genommen, wenn sie davon anfing. Das war nun wirklich nichts, was er sich anhören sollte. Er hatte scheinbar ein bisschen unterschätzt, wie sehr sie ihren fiktiven Harry Potter vergötterte.

Scheiße.

"Harry, sag Hallo", soufflierte Sirius neben ihm und schob Harry mit einer Hand in seinem Kreuz auf die Weasleys zu. Harrys Augen weiteten sich panisch und sein Herz raste noch schneller - und auf einmal hielt er es nicht mehr aus. "Sirius, ich kann das nicht!" schluchzte er verzweifelt. Und noch ehe er darüber nachdenken konnte, hatte er sich in Fünkchen verwandelt und war unters Sofa geschossen. Peter, der noch in seiner Tasche gesessen hatte, fand sich bei der Aktion plötzlich alleine im Mittelpunkt des Kreises von Weasleys wieder.

"Krätze!", rief Ron erfreut und stürzte auf ihn zu.

Fünkchen beobachtete von seinem sicheren Platz unter dem Sofa aus, wie Krätzes Augen sich geradezu komisch weiteten, und wäre er selbst gerade nicht noch verstörter, hätte er vielleicht darüber gelacht. So quiekte er nur ein eindringliches "Komm her!" und machte Platz, als Krätze angerast kam und sich neben ihm unter das Sofa kuschelte. Gemeinsam zitterten sie dort um die Wette und warteten darauf, dass sich ihre rasenden, kleinen Nagerherzen langsam wieder beruhigten.

Sirius derweil stand bedröppelt zwischen den Weaselys und räusperte sich in der plötzlichen Stille. "Ähm. Also... eigentlich war der Plan, es euch schonend beizubringen, aber ich glaube, die Katze ist jetzt aus dem Sack. Oder vielmehr, die Ratte. Ratten. - Mann, Harry", grummelte er düster, "mir den schwarzen Peter hinzuschieben ist nicht fair. - Oh, 'Peter' – oh Mann… "

Harry sah, wie Sirius eine Grimasse zog, als hätte er in eine Zitrone gebissen, als ihm bewusst wurde, dass er versehentlich auch noch ein schlechtes Wortspiel von sich gegeben hatte.

Harry hätte ihm ja wirklich gerne geholfen, und er fühlte sich auch richtig schlecht deswegen, aber er konnte - einfach - nicht. Sein Herz raste immer noch wie blöd und seine Krallen schienen auf den Bodendielen unter dem Sofa festgefroren zu sein. Jetzt diesen sicheren Zufluchtsort zu verlassen um Sirius beizustehen wäre vielleicht die feine englische Art gewesen, aber es war schlicht und ergreifend unmöglich. Harrys Zittern intensivierte sich und er drängte sich noch enger an Krätze.

"Also, es ist so: Das waren gerade Harry Potter und Peter Pettigrew", erklärte Sirius betreten. "Ihr kennt sie aber besser als Fünkchen und Krätze."

Einige Sekunden lang herrschte geschocktes Schweigen, dann brach im Fuchsbau das absolute Chaos aus.


Bill hatte in seiner kurzen Karriere als Fluchbrecher schon eine Menge ungewöhnlicher Situationen erlebt, aber er musste zugeben, dass selbst er von dieser Wendung der Dinge total geplättet war. Harry Potter war Fünkchen? Die Ratte, die seine kleine Schwester am Bahnhof gefunden und nach Ägypten mitgebracht hatte?

...Und die beinahe einem altägyptischen Fluch zum Opfer gefallen wäre. Ein kalter Schauer lief Bill über den Rücken. Wenn der Junge-der-Lebt wirklich der einzige war, der Voldemort zu Fall bringen konnte, war es verdammt leichtsinnig von ihnen gewesen, Fünkchen und Krätze mit auf diese Reise zu nehmen.

Andererseits: Peter Pettigrew. Feigling und offiziell als Verräter verurteilt. Und ganz offensichtlich bestens mit ihrem Fünkchen befreundet. Was hatte es damit auf sich? Hatten die beiden Ratten gewusst, wer der jeweils andere war, während sie bei Bills Familie wohnten?

Und in Ginnys Bett schliefen?

Bill hätte ja wirklich gerne ein Donnerwetter über die beiden Ratten hereinbrechen lassen, vor allem die erwachsene, aber leider kauerten die Tiere derzeit unter dem Sofa und weder Schwanzspitze noch Schnurrhaar war von ihnen zu sehen.

Sirius Black wurde die Verschwindenummer seines Patensohns so langsam sichtbar unangenehm. Erst sanken seine Mundwinkel immer weiter nach unten… dann zuckte einer davon blitzschnell wieder nach oben. Hätte Bill in dem Moment geblinzelt, er hätte es nicht gesehen. Doch da war es, ganz deutlich: ein kurzes, fieses Grinsen zuckte über das Gesicht des Ex-Sträflings, ehe er es schnell wieder begrub.

Neugierig beobachtete Bill, wie Sirius seinen Zauberstab wie zufällig in seine rechte Hand fallen ließ und den Arm lässig neben seinem Körper herunterhängen ließ. Ein scheinbar zufälliger kleiner Schritt drehte seine rechte Seite zum Sofa und dann ging es plötzlich ganz schnell: Black ging in die Knie und schoss einen gut gezielten Fluch unter das Sofa. Wütendes, entgeistertes Quieken und Fauchen antwortete ihm, dann kamen zwei klatschnasse Ratten unter dem Sofa hervorgesaust.

Eine davon verwandelte sich in einen zerzausten Teenager, kaum dass sie genug Platz zum stehen hatte, und richtete ihren eigenen Zauberstab auf den grinsenden Mann. "Sirius!", grollte Harry Potter, "Das wirst du büßen!"

Bill versteckte sein Lächeln hinter einem Räuspern und einer hastig erhobenen Hand. Mann, war der Kleine niedlich, wenn er sich aufregte! Die grünen Augen funkelten, die schmale Brust bebte, und die nassen Haare fielen ihm unkontrolliert ins Gesicht.

Ich möchte ihn knuddeln, ging es ihm durch den Kopf und er spürte, wie er noch breiter grinste. Verstohlen blickt er sich im Raum um, ob es jemand bemerkt hatte. Er hatte Glück: aller Augen waren auf den niedlichen Giftzwerg gerichtet, keiner schaute zu ihm. Die meisten seiner Geschwister sahen recht beeindruckt aus, da Harry Potter jetzt begann, sich ein gar nicht mal so unqualifiziertes Duell mit dem erwachsenen Ex-Auror zu liefern; Bills Eltern schauten eher verwirrt, und ein wenig besorgt um ihre Einrichtung, wenn Bill die gelegentlichen Blicke auf die Blumenvase oder das Porträt von Urgroßtante Erna richtig deutete. Und Ginny…

Beim Anblick seines Schwesterchens konnte Bill sich endgültig ein amüsiertes Schnauben nicht mehr verkneifen. Wo Bill selbst den wütenden Harry Potter niedlich gefunden hatte, wie man eben Kinder oder kleine Tiere niedlich findet, da hatte Ginny offenbar etwas ganz anderes gesehen. Vielleicht auch "niedlich", ja, aber die Sorte, die man mit nach Hause nimmt und zu sich ins Bett holt -

Ach verdammt.

Da war Harry ja bereits gewesen. Und offenbar war Ginny das gerade auch bewusst geworden. Leider nicht nur ihr, wie Bill einen Moment später feststellen musste.

"Schwesterchen, wir wussten ja gar nicht, dass du so frühreif bist", hörte Bill seinen Bruder Fred neben sich flüstern. Natürlich in sicherer Entfernung von ihren Eltern. "Schläfst in deinem Alter schon mit deinem großen Schwarm."

"Ich habe gehört, er ist ein echtes Tier in der Kiste", setzte George noch einen oben drauf. Beide Zwillinge grinsten breit, während Ginny puterrot anlief.

Bill zwang sich, sein eigenes Grinsen endlich unter Kontrolle zu bringen, und warf den Dreien einen strengen Blick zu. "Damit ist nicht zu spaßen", sagte er ernst. "Ginny, hat sich jemals eine der Ratten in deiner Gegenwart in einen Menschen verwandelt?"

"Nein!" kiekste Ginny, die sich sichtlich in Grund und Boden schämte. "Natürlich nicht!"

Bill glaubte ihr. Ginny konnte durchaus verschwiegen sein, wenn sie ihren Brüdern einen Streich spielen oder dem Zorn ihrer Mutter entgehen wollte; aber Bill traute ihr genau null Selbstbeherrschung zu, wenn sie tatsächlich schon vor diesem Tag ihrem Idol Harry Potter begegnet wäre. Das hätte Ginny mit absoluter Sicherheit noch am selben Tag allen auf die Nase gebunden.

Und irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass ein sich versteckender Verräter dumm genug wäre, sich einem kleinen Mädchen zu erkennen zu geben, nur um… was auch immer man da an bösen Hintergedanken unterstellen mochte.

Bills Aufmerksamkeit zuckte abrupt zurück zu den kämpfenden Zauberern, als ein gurgelnder Schrei ertönte. Bills Augen weiteten sich. Harry Potter stand in einer Blase, die sich rasant mit Wasser füllte. Der Junge sah aber keineswegs panisch aus ob er Gefahr zu ertrinken; vielmehr schien er wütend und frustriert, weil er keinen Gegenfluch sprechen konnte. Sobald er die Lippen öffnete, drang mehr Wasser in seinen Mund und die nötige klare Aussprache wurde unmöglich.

Der nächste Moment zementierte für Bill von jetzt an und immerdar die Tatsache, dass Harry Potter nicht umsonst als der Hoffnungsträger der Zaubererwelt gehandelt wurde. Denn Harry Potter, konfrontiert mit einer Situation in der er nicht sprechen konnte - presste die Lippen zusammen, schloss die Augen und schleuderte dem Ex-Gefangenen, Ex-Auror Black einen wortlosen Expelliarmus entgegen!

Black war genauso geschockt wie Bill und seine Reflexe versagten. Der Zauberstab des hageren Mannes flog in hohem Bogen durch die Luft und landete in Harry Potters ausgestreckter Hand.

Leider stand Potter immer noch in seiner Blase. Black hatte den Fluch sauber gewirkt, er musste nicht permanent aufrechterhalten werden. Potter blickte mit Entsetzen auf die beiden Zauberstäbe in seiner Hand, dann auf seinen Gegner. Leicht panisch verwandelte er sich in einer Ratte - Bill sah, dass er dabei sowohl seine Kleidung als auch die beiden Zauberstäbe mitnahm. Eine vollendete Animagustransformation! - aber auch in dieser Form schloss ihn die Wasserblase vollständig ein und er konnte ihr nicht entkommen. Potter wurde wieder zum Menschen und versuchte, nun schon recht rot im Gesicht und mit angestrengt verkniffener Miene, der Blase durch Schwimmen oder Laufen zu entkommen, doch sie bewegte sich unerbittlich mit jeder seiner Bewegungen mit.

Resigniert sah Potter erneut zu Black hin und streckte ihm schließlich ergeben beide Zauberstäbe hin. Black ergriff die Zauberstäbe, die aus der Blase herauslugten, und sprach rasch den Gegenfluch; die Blase verdampfte. Bill sah mit Wohlwollen, dass Black dabei nicht selbstzufrieden drein schaute sondern vielmehr Potter die ihm gebührende Hochachtung zollte. "Harry, das war der Hammer!" rief der Mann, sobald Potter wieder zu Atem gekommen war, und zog den klatschnassen Jungen in eine feste Umarmung. "Ungesagt! Ich bin beeindruckt. Das war das erste Mal, oder?"

Potter nickte, sah dabei aber nicht stolz aus. Verkniffener Miene starrte er zu Boden. "Wieder verloren," grummelte er.

"Wie lange trainiert ihr schon zusammen?" fragte Bill neugierig.

"Etwa eine Woche," antwortete Black schmunzelnd. Ungläubige Ausrufe ertönten rings ums Wohnzimmer.

"Und Harry ist Fünkchen, ja?" forschte Bill weiter. "Die Ratte, die meine Schwester seit zwei Jahren als Haustier hat."

Black nickte, sichtlich amüsiert, während sich Potters hochgezogene Schultern seinen Ohren annäherten. Es schien, dass der Junge jetzt sehr gerne im Erdboden verschwunden wäre. Bill war überrascht, dass er sich nicht gleich wieder als Ratte unter dem Sofa verkroch; andererseits war ihm das ja schon das erste Mal nicht so gut bekommen.

Bill überlegte kurz. "Dann hat er wohl schon als Kind einen guten Unterricht bekommen, oder?" Das war eigentlich die einzig mögliche Erklärung.

"Er war auf einer Muggelgrundschule," sagte Black. Er sah Potter jetzt mit warmen Augen und einem breiten Grinsen an. "Seinen Zauberstab hat er vor sechs Tagen zum ersten Mal verwendet."

Bill schluckte ungläubig. "Das ist nicht Ihr Ernst."

"Kannst ruhig Du sagen," bot Black großmütig an. "Ich heiße Sirius, hi. Und doch, das ist mein voller Ernst. Harry hier ist ganz offensichtlich ein Naturtalent."

Die steigenden Schultern des Jungen hatten bereits ihren Zenit erreicht und dazwischen ging jetzt die Sonne auf: Strahlend rot leuchteten die Wangen des jungen Mannes, während sein Blick weiter starr auf den Boden gerichtet war.

Die zweite Ratte im Bunde hatte sich derweil wieder unter dem Sofa hervor getraut. Bill sah, wie Potter zusammenzuckte und eine Art überraschtes Quieken ausstieß. Sein Blick folgte dem des Jungen und fand Krätze vor, der Potter in die Wade gezwickt hatte.

Nun gab es kein Halten mehr: Potter verwandelte sich erneut in eine Ratte und gleich darauf jagte Fünkchen Krätze in einer wilden Hatz durch die Wohnung. Amüsiert beobachtete die ganze Weasleyfamilie das treiben der beiden Nager. Sirius Black war der einzige, der das noch nie in dieser Form beobachtet haben dürfte, doch auch er schien nicht wirklich überrascht. Die drei waren aber auch gemeinsam durch den Kamin gekommen; Bill vermutete, dass Potter dann wohl bei Black... bei Sirius wohnte. Hatte seine Mutter nicht erwähnt, dass Potter Blacks Patensohn war?

Als die beiden Ratten endlich wieder zur Ruhe kamen, verwandelte sich Potter zurück in einen Menschen. Immer noch etwas unbehaglich, aber deutlich weniger verkrampft als zuvor stand er nun vor ihnen und hob endlich den Blick. Die leuchtendgrünen Augen waren eine Überraschung, doch ansonsten sah der Junge genauso aus, wie man ihn sich aus den Erzählungen vorstellte, bis hin zur berühmten Narbe auf seiner Stirn.

"Fünkchen?" fragte Ginny mit leiser, ehrfürchtiger Stimme.

"Um, hi Ginny," sagte Potter und winkte unbeholfen. "Ich heiße eigentlich Harry."

Bill sah, dass Potter mit diesen wenigen - und wenig dramatischen - Worten spontan in den Augen seiner kleinen Schwester vom größten Helden aller Zeiten zu ihrem persönlichen Gott aufgestiegen war.

Au Backe. In Moms Haut möchte ich nicht stecken...

"Danke, dass du mich damals mitgenommen und gesund gepflegt hast," fuhr Harry fort, dem bei der Unterhaltung sichtlich unwohl in seiner Haut war.

Ginny hatte jetzt beinahe sichtbare Herzchen in den Augen. "Aber klar doch, Harry," kiekste sie und lief puterrot an.

"Cooler Kampf, Harry," zwängte sich jetzt Bills jüngster Bruder betont lässig in die Unterhaltung.

Harry schien sich nicht an der Unterbrechung zu stören, er wirkte eher erleichtert. "Oh, ähm, danke!" sagte er und sah Ron hoffnungsvoll an. "Ihr seid mir nicht böse?"

"Nein, Kumpel!" rief Ron sofort, während Ginny stumm den Kopf schüttelte. "Aber hey, kannst du mir das beibringen?"

Bills Augen fanden über den Köpfen der Jüngeren die seiner Mutter. Sie wechselten einen halb amüsierten, halb resignierten Blick. Hatten sie wirklich geglaubt, dass ihr kleiner Aufmerksamkeitsschwamm sich eine so vielversprechende Freundschaft würde entgehen lassen?

Harry für seinen Teil schien einfach nur erleichtert, dass die Menschen, mit denen er die letzten zwei Jahre als Ratte zusammengelebt hatte, offenbar bereit waren, ihn auch als Mensch zu akzeptieren. Bill konnte sich gar nicht vorstellen, wie konfus Harrys Gefühle für die Weasleys sein mussten. Sie hatten Fünkchen als Haustier behandelt, aber für ihn mussten sie eher eine Art Ersatzfamilie gewesen sein: Die Menschen die ihm Essen, einen Platz zum Schlafen, Unterhaltung und Gemeinschaft gaben, und von denen ihn einige auch ganz offensichtlich in ihr Herz geschlossen hatten. Sah Harry Ginny und Ron als seine Freunde an, oder auch als seine Versorger? Waren Mom und Dad für Harry nur die Eltern seiner Menschen, oder waren sie mehr?

Die Frage bekam Bill schneller beantwortet als er gedacht hätte. Harry, Ginny und Ron waren mittlerweile in eine Duellier-Lehrstunde vertieft, bei der Harry den Lehrer gab während Sirius das Ganze beobachtete und hin und wieder ein wenig korrigierte oder eine Erklärung zum Besten gab. Harry schien seine Sache gut zu machen und bald standen er und Ron sich in einem Probeduell gegenüber.

Rons Eröffnungs-Expelliarmus zischte erstaunlich präzise auf Harry zu und der Schwarzhaarige wich mit einem Satz zur Seite aus. Dabei stieß er gegen Molly, die das Duell leicht besorgt, aber an sich wohlwollend beobachtete.

"Ah, sorry Mom," sagte Harry zerstreut, ehe er sich wieder dem Duell zuwandte und Ron mit einer Reihe von leichten Flüchen beschoss, bis Bills Bruder unter einer Ganzkörperklammer zu Boden ging. Harry, Ginny und Ron waren vollkommen in ihr Duell vertieft. Die Köpfe der übrigen Weasleys dagegen waren bei Harrys Worten hochgefahren.

Percy, der den Besuch bisher eher teilnahmslos und distanziert verfolgt hatte, hob elegant eine Augenbraue. Bill unterdrückte ein belustigtes Schnauben. Hatte sein kleiner Bruder sich das von Snape abgeschaut?

Sirius schien hin- und hergerissen zwischen Freude darüber, wie leicht sein Patensohn enge Beziehungen zu Leuten aufbaute... und Neid, dass er es nicht selbst war, der da als Elternteil angesprochen wurde.

Die Zwillinge grinsten verschmitzt - vermutlich dachten sie, sie hätten soeben bestes Erpressungsmaterial in die Hände bekommen. Aber da hatten sie die Rechnung ohne ihre Eltern gemacht. Denn Molly und Arthur hatten die Hände ineinander gelegt und offenbar nicht nur einen festen Händedruck, sondern auch einen Kuss ausgetauscht. Sie sahen abwechselnd Harry und einander an und Bill bekam den starken Eindruck, dass zwischen den beiden bereits alles gesagt war.

Bill lächelte still.

Die Welt war ein gefährlicher Ort geworden, seit Voldemort mit Hilfe des Steins der Weisen wiederauferstanden war. Die Weasleys litten so sehr wie alle anderen unter der Spannung und der wachsenden Unruhe, die mit jedem Tag, den Voldemort sich bedeckt hielt, nur weiter anstieg. Und Harry Potter selbst musste diese Unruhe härter spüren als jeder Andere.

Es würde ihnen allen gut tun, wenn sie einander hatten. Harry würde eine Familie brauchen, um die kommenden Jahre gesund und munter zu überstehen. Und ohne angeben zu wollen - die Weasleys waren ganz offensichtlich die beste Wahl, die er dafür hätte treffen können.