A/N: Sorry für die lange Pause! Hier ist endlich das nächste Kapitel...

8. Das Leben geht weiter

Professor Dumbledore war freudig überrascht, als er in seinem Büro eine Schülerin und einen Horcrux vorfand. Er war etwas weniger erfreut, als er erfuhr, dass Harry sich kurz vor seiner Ankunft in eine Ratte verwandelt hatte, um sich vor der feindlichen Übernahme durch den Horcrux zu schützen. Fünkchen ließ sich erst wieder unter dem Bücherregal hervorlocken, nachdem Dumbledore mit dem Horcrux auf der Suche nach Sirius oder Snape das Büro verlassen hatte.

Und dann hieß es für Harry und Luna warten.

Nach über einer Stunde kehrten Dumbledore und Sirius ins Büro zurück.

"Ist er weg?", fragte Harry sofort, kaum dass einer der Männer einen Fuß ins Büro gesetzt hatte.

"Komplett vernichtet", bestätigte Sirius.

"Gut so!", rief Harry aus und stieß triumphierend die Faust in die Luft. Luna dagegen murmelte traurig: "So viel schönes Wissen... alles futsch, nur wegen diesem Möchtegern-Lord. Oh, wie mich das wurmt!"

Ravenclaw, rief Harry sich noch einmal ins Gedächtnis. Die sehen die Dinge eben ein bisschen anders.


Am nächsten Tag kehrte der Alltag wieder in Hogwarts ein, oder doch zumindest ein geregelter Stundenplan sowie der übliche Wahnsinn einer Schule für Hexerei und Zauberei auf einem Landstrich mitten in Schottland.

Harry fand es surreal. Er wartete die ganze Zeit darauf, dass das drohende Unheil über ihn hereinbrach. Voldemort würde wieder auferstehen und noch ehe irgendjemand damit rechnete einen Großangriff auf Hogwarts planen. Oder er würde von seiner Schlange Besitz ergreifen und in dieser Form Jagd auf Harry machen. Oder...

Harry wollte sich einfach nur als Ratte unter dem Sofa neben dem Kamin verkriechen und dort an Krätze gekuschelt der Welt den Rücken zukehren. Doch das konnte er nicht, denn Dumbledore hatte ihm verboten, in Hogwarts seine Animagusform anzunehmen - zu seinem eigenen Schutz. Voldemort mochte die Form gesehen haben, doch seine Todesser kannten sie noch nicht. Also musste Harry leider als Mensch mit dem Stress und der Ungewissheit umgehen und konnte sich nicht in die Form zurückziehen, in der alles einfacher war und die Probleme kleiner schienen.

Die Ringe unter Harrys Augen wurden immer dunkler.

Doch die Tage vergingen und Voldemort machte keinen Mucks. Derweil tat sich sonst so einiges in der Zaubererwelt.

Der in der Muggelzeitung dokumentierte Tod Voldemorts hatte die glückliche Folge, dass Minister Fudge nicht länger die Vergeltung des Dunklen Lords fürchten musste, wenn er sich an dessen Anhängern vergriff, und dem Leiter der Auroren endlich freie Hand bei deren Verfolgung gab. Scrimgeour hatte seine diebische Freude dabei, mit den hohen Herren aufzuräumen, die bis dahin bei Fudge ein- und ausgegangen waren und geglaubt hatten, Scrimgeour Vorschriften machen zu können. Damit war es jetzt vorbei und nach allem, was man so hörte, hatte Scrimgeour sehr bald recht hübsch aufgeräumt.

Freilich hielt er damit Minister Fudge den Rücken frei, sodass dieser sich seine eigenen Gedanken zum politischen Tagesgeschehen machen konnte.

Es war mittlerweile Oktober als Harry beim Frühstück von einer irgendwie überkorrekt aussehenden, steifen Eule ein offizielles Schreiben des Ministers überbracht bekam.

"Oh Mann, das ist von Fudge persönlich", sagte Ron beeindruckt und nahm Harry den Brief aus der Hand, ehe der ihn selbst öffnen konnte. Ron zeigte auf das Siegel, welches den Umschlag verschloss. "Dad hat erst einmal so ein Ding bekommen, und das war nur ein Standardbrief mit Glückwünschen zum Dienstjubiläum. Die besiegelt der Minister zwar, aber geschrieben hat sie jemand anders." Ron versuchte das Siegel zu brechen - und ließ dann ganz schnell den Brief auf den Tisch fallen, als er mit einem Schrei die Hand zurückzog. "Au, heiß!"

"Vielleicht sollten Sie es sich doch besser zweimal überlegen, ehe Sie versuchen, wichtige, private Korrespondenz Ihrer Mitschüler zu lesen, Weasley", schnarrte Snape über ihrer beider Schultern. Harry und Ron zuckten gleichermaßen zusammen.

"Das ist okay, wir sind quasi Familie", nahm Harry Ron eilig in Schutz.

"Der Schreiber des Briefes scheint das anders zu sehen", erklärte Snape. In seiner Stimme schwang ein nicht geringes Maß an Verachtung mit, sowie einige Genugtuung über Rons offensichtliche Schmerzen. Der Rotschopf schüttelte heftig seine rechte Hand und pustete darauf, als ob sie in Flammen stünde.

"Potter, vielleicht sollten auch Sie etwas gründlicher über das Konzept der Privatsphäre nachdenken. Gibt es wirklich nichts, das Ihr 'Bruder'" - Snapes Stimme triefte bei dem Wort geradezu vor Verachtung; Harry sah, dass Ron rot anlief und er selbst sah vermutlich auch nicht mehr ganz gelassen aus - "nicht erfahren sollte?" Snape warf Harry einen bedeutungsschwangeren Blick zu, ehe er mit gewohnt dramatischem Schwung des Umhangs eine Kehrtwende vollzog und aus der Halle brauste.

Ron sah tatsächlich ein klein Wenig verlegen aus, als er mit seiner unverletzten Linken auf den Brief deutete. "Du solltest das wohl besser lesen", sagte er kleinlaut.

"Du bist mein Bruder, Ron", sagte Harry eindringlich und ließ den Brief links liegen. "Und es gibt nichts, das ich vor dir ge-" Er stockte. Über die Horcruxe hatte er Ron nichts erzählt, und das hatte er auch nie vor. In diesem einen Punkt stimmte er Dumbledore zu: Es sollte niemand erfahren, was genau diese Höllenteile waren und dass Harry eines davon in sich getragen hatte.

Ron sah ihn mit eng zusammengekniffenen Augen an, offensichtlich am Grübeln, was es wohl war, das Harry vor ihm geheim hielt.

Ein amüsiertes Leuchten flackerte kurz über sein Gesicht. "Du und Ginny?", fragte er dann frech.

Harry rollte die Augen. "Wow. Das wird echt nie alt, oder? Ron. Egal, wie oft du fragst: Nein, ich habe deiner kleinen Schwester nie nachgestellt. Nein, ich will aktuell nichts von ihr. Und nein, das wird sich auch in Zukunft nicht ändern."

Ron sah ihn unbeeindruckt weiter grinsend an. Er hob eine Augenbraue.

"Ron!", rief Harry mit gespielter Verzweiflung. "Sogar Ginny hat es mitbekommen und gelernt, damit umzugehen. Warum musst du eigentlich immer so darauf herumreiten? Begreif es endlich: da läuft nichts! Man könnte meinen, du machst das ex- oh."

Rons Grinse breitete sich rasant nach beiden Seiten aus bis man ihn beinahe mit der Grinsekatze hätte verwechseln können.

"Oh, du...!" grollte Harry. Die Finger seiner erhobenen Hände zuckten, als wolle er Ron gleich erwürgen. Der grinste ihn nur weiter frech an.

"Vielleicht solltest du endlich deinen Brief lesen?", schlug Ron vor, ruhig und rational als könne er kein Wässerchen trüben.

Seufzend gab Harry nach. Er griff nach dem Brief, brach ohne Probleme das Siegel und begann zu lesen.

"Oh."

" 'Oh', was?", fragte Ron.

" 'Oh, ich muss mit Dumbledore reden' ", erklärte Harry. "Der Minister möchte mit mir über Voldemorts Tod sprechen, und wie es dazu gekommen ist." Harry wollte in der großen Halle seine Animagusform nicht erwähnen, weshalb er nur zweimal kurz die Nase zucken ließ.

Ron sah ihn kurz dumm an, aber dann fiel der Sickel und seine Augen weiteten sich. "Oh!"

"Genau", stimmte Harry ihm zu. "Wie ich schon sagte: Oh."

Ron schnaubte belustigt und hielt Harry seine Hand für einen Faust-Check hin. Seit er von dem Brauch erfahren hatte, war Ron ein Fan, und er und Harry hatten sich eine über die Jahre immer länger werdende Reihe von Folgegesten ausgedacht. Für die hatte Harry im Moment aber leider keine Zeit. Also öffnete er direkt die Finger und beendete die Folge damit abrupt.

"Dumbledore", wiederholte Harry und stand auf. Seufzend ließ Ron ihn ziehen.


Tamarah Windbang legte sich auf ihrem Schreibtisch die Unterlagen für ihren nächsten Fall zurecht und ging dann zur Türe. Wie immer öffnete sie die Türe leise und unbemerkt, um die Besucher kurz unter die Lupe zu nehmen, ehe sie zu ihr kamen. Man sah es der streng gekleideten, älteren Dame mit der scharfkantigen Brille, mit der sie einen Apfel schneiden könnte - und das auch manchmal tat -, nicht an, doch sie liebte es, vorab zu raten, welche Form eine Hexe oder ein Zauberer wohl anmelden würde. Oft lag sie richtig, aber wenn sie komplett daneben gegriffen hatte war es oft noch wesentlich spannender. Sie liebte Überraschungen.

"...Und Sie meinen wirklich, es ist okay?", hörte sie eine junge Stimme fragen. Das musste Harry Potter sein, der Junge der Lebt. Sechzehn war er jetzt wohl, und auch schon deutlich durch den Stimmbruch; doch gegenüber Dumbledore, der ihm jetzt antwortete, wirkte er trotz allem blutjung.

"Gewiss, mein Junge, gewiss. Das Schlimmste, was dir passieren kann, ist eine Geldstrafe. Welche ich natürlich übernehmen würde, immerhin habe ich als dein Schulleiter dir dazu geraten, es geheim zu halten."

Womit er durchaus Recht hatte. Tamarah plante keineswegs, den Jungen der Lebt wegen unterlassener Registrierung nach Azkaban zu schicken. Aber es überraschte sie, wie eingeschüchtert der Junge klang. Das passte nicht so recht zu ihrem bisherigen Bild von ihm als dem strahlenden Helden.

Geheimes Training schon im Kindesalter. Hogwartseinstieg in der vierten Klasse, und zu dem Zeitpunkt beherrschte er schon die ungesagte Zauberei sowie eine ganze Reihe fortgeschrittener Duellierzauber. Bester ZAG in Verteidigung seit Filius Flitwick.

Und nicht zuletzt war da der Grund seines heutigen Hierseins: Harry Potters Animagusform. Gerüchten zufolge war es eine so mächtige Form, dass sie es mit Du-weißt-schon-wem und dreien seiner Todesser auf einmal aufgenommen und siegreich aus dem Gefecht hervorgetreten war.

Minister Fudge hatte spontan die Zahl seiner Leibwächter verdoppelt, als er davon Wind bekommen hatte.

Tamarah ließ sich ihre Belustigung nicht anmerken, als sie direkt zur Sache kam.

"Mister Potter", begann sie, kaum dass die beiden Zauberer in ihrem Büro Platz genommen hatten, und starrte den jungen Helden dabei mit hochgezogenen Augenbrauen über die scharfen Ränder ihrer stahlgrauen Brille hinweg an, "im internen Bericht der Sonderkommission zur Ermittlung der Todesursache wird erwähnt, dass Sie-wissen-schon-wer aufgrund Ihrer Animagusform ums Leben gekommen sei. Ich selbst habe den Bericht nicht gelesen, wurde jedoch darüber in Kenntnis gesetzt, dass Sie über eine Animagusform verfügen, die noch nicht bei uns registriert ist." Sie schürzte plakativ die Lippen, um ihrer Verachtung für dieses Versäumnis gebührend Nachdruck zu verleihen.

Niemand konnte sagen, dass Tamarah Windbang ihre Aufgabe nicht ernst nahm. Auch wenn sie eigentlich lieber Schauspielerin geworden wäre. Ohne Potter eine Chance zu geben, den Mund zu öffnen, fuhr sie fort.

"Natürlich verstehen wir, dass in Ihrem Fall besondere Umstände herrschten", sagte sie mit einem Blick auf Dumbledore. "Da Sie-wissen-schon-wer jedoch mittlerweile der Mysterienabteilung zufolge nachweisbar tot ist und auch nicht mehr wiederkehren kann" - Potter schnappte hörbar nach Luft. Oh. Waren das geheime Interna gewesen? Wie ungemein verdrießlich. - "müssen die genannten besonderen Umstände nunmehr als gegenstandslos betrachtet werden und die Registrierung muss umgehend vorgenommen werden. Die Bearbeitungsgebühr von drei Galleonen inklusive der Strafe von fünfzig Galleonen für die verzögerte Registrierung entrichten Sie bitte beim Verlassen des Büros bei der Rechnungsstelle im dritten Gang links, zwei Treppen hinunter und im 45°-Winkel nach oben."

Potter fiel sichtbar die Kinnlade hinunter. Ganz offensichtlich wusste der arme Junge nicht, ob die gestrenge Hexe ihm gegenüber gerade eine ernsthafte Wegbeschreibung geäußert hatte oder ob sie ihn tatsächlich veräppelte. Hach, Tamarah liebte ihren Job!

"Wir werden die Gebühren selbstverständlich umgehend begleichen", versicherte ihr Albus Dumbledore freundlich, während Potter seine beste Karpfen-Imitation zum Besten gab.

Ein Blick auf Dumbledores mildes Lächeln verriet ihr, dass er genau wusste, was sie da trieb. Sie hatte jedoch den Verdacht, dass er seinen jungen Schützling nicht darüber aufklären würde. Auch Dumbledore hatte wohl zu viel Kontakt mit der Bürokratie, um sich seine kleinen Freuden nehmen zu lassen oder sie jemand anderem zu vergönnen. Sehr sympathischer Mann, wirklich.

"Nun, dann lassen Sie mal die Form sehen, die unseren Minister in Angst und Schrecken versetzt, junger Mann", forderte sie Potter auf, ihr Ton so kühl dass er die nahezu freundlichen Worte wunderbar negierte.

Potter schaute etwas unsicher, doch nach einem Nicken Dumbledores verwandelte er sich.

Tamarah hatte erwartet, dass er dazu aufstand, denn seine furchteinflößende, gefährliche Form bräuchte sicher viel Raum... Doch Potter blieb auf seinem Stuhl sitzen und wurde von einem Moment zum anderen zu einer kleinen, pelzig-grauen... "Ratte?!"

Potter war eine Ratte?

Fudge hatte sich tagelang wegen einer Ratte ins Hemd gemacht?

"Wie. Wie konnte." Mehr brachte sie nicht heraus, während sie entgeistert auf den kleinen Nager starrte.

Professor Dumbledore schien zu wissen, in welche Richtung ihre Gedanken gingen. "Natürlich ist es schwer vorstellbar, dass ein nicht-magisches Nagetier, das in eine Jackentasche passt, Voldemort und drei seiner Schergen auf dem Gewissen haben soll. Ich kann Ihnen versichern, Ms. Windbang, dass dies auch keineswegs der Fall ist. Sollten Sie aber die Möglichkeit haben, ein Exemplar der vortrefflichen Muggelzeitung namens "The Times" in die Hände zu bekommen, so empfehle ich Ihnen die Lektüre der Ausgabe vom zweiten September. Der tragische Unfall, bei dem vier Männer von der U-Bahn erfasst wurden, als sie wie aus dem Nichts plötzlich auf den Gleisen erschienen, dürfte -" Weiter kam er nicht. Der Schulleiter brach ab und legte milde interessiert den Kopf schief, als aus Tamarahs Mund ein Geräusch drang, das dort nichts zu suchen hatte.

"Kh."

Oh nein. Das war nicht gut.

"Kh, kh." Das war gar nicht gut. Sie hatte einen Ruf zu verlieren!

"He. Hehehe." Tamarah Windbang war hart, kalt und unnahbar. Sie hatte keinen Sinn für Humor. Sie -

"Heheheheh. Heh. HAHHAHAHAHHAH!"

Sie lachte Tränen.

"Bei Merlins schillernden Schlüpfern!"


Harry war total geplättet. Diesen Ausbruch von Heiterkeit hatte er von der unterkühlt aussehenden Beamtin nun wirklich nicht erwartet. Noch auf dem Weg zum Ausgang wollte ihm nicht recht in den Kopf, dass die auf den ersten Blick so strenge Hexe ihnen soeben vergnügt die Gebühren erlassen hatte, weil sie "sich selten so gut amüsiert" habe.

Noch mehr als von ihrem Humor aber fühlte er sich von ihren Worten über Voldemort definitives, unumkehrbares Ableben überrollt.

"Professor Dumbledore...", fragte er leise. "Meinen Sie, was Ms. Windbang über Voldemort gesagt hat, ist wahr?"

Dumbledore antwortete nicht sofort. Er schien sich seine Worte reiflich zu überlegen. "Harry, mein Junge", begann er und Harry wusste sofort, dass jetzt ein Schwall salbungsvoller Worte folgen würde, der leider komplett an jeder belastbaren Aussage vorbeischipperte. Und tatsächlich: "Wie beziffert man den Tod eines Menschen? Ab welchem Moment kann man sicher sagen: hier ist das Ende und von dieser Person ist nichts mehr übrig? Leben wir nicht in den Gedanken der Menschen fort, selbst wenn unsere Seelen -"

Die Türe des Aufzugs schloss sich hinter den beiden und sie waren für kurze Zeit alleine. Dumbledore brach augenblicklich ab. "Ich muss diese Aussage natürlich mit meinen Kontakten bei den Unsäglichen besprechen, aber ich halte es für durchaus plausibel, dass sie belastbar ist. In der Mysterienabteilung betreiben sie Forschung am Puls der Zeit. Die Abteilung verfügt über Messvorrichtungen, prophetische Verfahren und hochmoderne Spürzauber, die selbst mir immer wieder von Neuem den Atem rauben, wenn ich damit in Kontakt komme." Er runzelte kurz die Stirn. "Manchmal wortwörtlich, es gibt gelegentlich unerfreuliche Nebenwirkungen." Dann erhellte sich seine Miene wieder. "Wenn es stimmt, mein Junge, dann haben wir dieses Wochenende endlich einen richtigen Grund zum Feiern!"

Harry sah Dumbledore schief von der Seite an. "Feiern, Professor?"

"Ja!", strahlte Dumbledore. "Das habe ich seit meiner Jugend nicht mehr getan. Flaschendrehen mit Feuerwhiskey! Wettessen - am besten mit Hagrid und Filius! Die Nächte durch tanzen! Wettrennen in Animagusform -"

Der Aufzug öffnete sich und augenblicklich verloren Dumbledores Augen ihr geradezu manisches Funkeln und ein Ausdruck milder Gelassenheit legte sich über Dumbledores Züge. "- ist natürlich nicht auszuschließen, dass es den Schrumpfhörnigen Schnarchkackler tatsächlich gibt. Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass das einzige jemals gesichtete Exemplar doch ein Weibchen war und folglich die Reproduktion dieser Spezies nicht wie bisher angenommen auf dem Prinzip der Hirnteilung beruht..."

Harry hielt mit Mühe sein Lachen zurück. Er hatte in seinem ersten Schuljahr als Fünkchen nicht verstanden, warum Ron Dumbledore als seinen großen Helden bezeichnete, aber inzwischen wusste er es. In den Gesichtern der Hexen und Zauberer in der großen Eingangshalle des Ministeriums spiegelte sich nichts als ehrfurchtsvolle Bewunderung wieder, für diesen ungemein gebildeten und so vielseitig interessierten, weisen und mächtigen alten Zauberer - während Dumbledore selbst über einen Haufen an den Haaren herbeigezogenen Blödsinns redete.

Weibliche Schnarchkackler! Wo doch jeder gebildete Klitterer-Leser wusste, dass Schnarchkackler sich nur in Gruppen von mindestens vier ihrer sieben Geschlechter fortpflanzten.


"Du bist jetzt offiziell registriert?", hakte Ginny nach.

Harry seufzte. "Ja, das war nicht länger vermeidbar."

"Und Du-weißt-schon-wer kann ganz sicher nicht nochmal zurückkommen?", fragte Ron hoffnungsvoll.

"Soweit die Unsäglichen sich nicht geirrt haben, ja." Etwas in Harry entspannte sich, als er das laut aussprach. Zum ersten Mal fiel ihm auf, wie hart seine Nackenmuskulatur die letzten Wochen über geworden war. Hatte er unwillkürlich in Erwartung der nächsten Hiobsbotschaft die ganze Zeit die Schultern hochgezogen? Er wusste, er neigte dazu, und seit er nicht mehr jederzeit Zuflucht in seiner Rattenform finden konnte, war es nur noch schlimmer geworden.

Immerhin das könnte er zukünftig endlich wieder tun.

"Du kannst also jetzt jederzeit zur Ratte werden, wenn du möchtest", sprach Fred Harrys Gedanken offen aus, als hätte er sie aus seinem Kopf gepflückt. Die Zwillinge waren jedoch keine heimlichen Meister-Legilimentoren, wie George im nächsten Moment bewies.

"Was meinst du, schaffst du es unbemerkt durch diesen Gang in den Kerker?"

Fünf Minuten später war Voldemort komplett vergessen, während sich die fünf Weasleys - einer davon ehrenhalber - und eine Ratte über die Karte des Herumtreibers beugten und fieberhaft zu planen begonnen.


"Wenn ich den finde, der mir Fionas Geschenk gestohlen hat", grollte Draco Malfoy düster. "Den werde ich..."

Den Rest hörte Fünkchen nicht mehr, denn schon hatten ihn seine flinken Beine aus dem Schlafsaal der Jungen durch eines der Löcher in der Wand zurück in den Gemeinschaftsraum der Slytherins getragen, wo er die todschicke, silberne Unterhose betont chaotisch hinter einem der Sofas fallen ließ.

Wer hätte wohl geahnt, dass der Slytherin-Prinz solch intime Geschenke erhielt? Oder dass er so unachtsam damit umging?


"Hey!" "Lass mich los!" "Nein, lass du mich los!"

"Guck mal, wie cool ist das denn?" "Hehe, ja, aber schau mal, wenn ich das mache..."

"AU!" "Ja hau mich halt nicht, du Vollpflaume!" "Wer ist hier die Vollpflaume, du besoffener Irrwisch?! Ich habe jedenfalls nicht damit angefangen."

"Faszinierend... Wenn ich meinen Arm hebe, bewegt sich also auch deiner? Aber in die Gegenrichtung?" "Ja, ein beeindruckendes Phänomen. Was meinst du, würde geschehen, wenn ich mich an der Nase kratze?" "Finden wir es heraus!"

"Oll. So können wir nicht weiter essen." "Ja. Oll."

Die Reaktionen am Tisch der Ravenclaws, als sich herausstellte, dass ihre Bewegungen mit denen ihres nächsten Nachbarn verknüpft worden waren, fielen höchst unterschiedlich aus. Einige stellten sofort sämtliche Bewegungen ein, andere begannen zu streiten und wieder andere bemühten sich, einen gemeinsamen Rhythmus zu finden, um weiter essen zu können.

Den Trank hätten Harry und seine Geschwister vermutlich auch auf anderem Wege an die Ravenclaws bringen könnten, aber ihn von den Hauselfen unbemerkt mit Fünkchens und Krätzes Pfoten im Kompott zu verteilen war mit Abstand die lustigste Methode gewesen.


"Fred! George! Das ist nicht lustig!" Eine grünhaarige Angelina, eine weißblonde Lavender und eine Katie mit leuchtend blauer Mähne bauten sich bedrohlich über den beiden Zwillingen auf ihrem Sofa auf. "Was habt ihr mit unseren Shampoos gemacht?!"

Die jedoch waren kein Stück beeindruckt. "Wie kommt ihr darauf, dass wir das waren, Mädels?"

"Wir sind entsetzt!"

"Zutiefst getroffen!"

"Unheilbar verwundet!"

"Wir waren den ganzen Abend hier im Gemeinschaftsraum und haben mit Lee Snape Explodiert gespielt."

"Stimmt doch, Lee -"

"-oder?"

Lee, die Karten noch in der Hand, bestätigte dies; und auch drei weitere Gryffindors, die ebenfalls schon länger am Kamin saßen, nickten bekräftigend mit den Köpfen. Unbemerkt von der Gruppe huschten zwei Ratten von der untersten Stufe des Aufgangs zu den Mädchenschlafsaals die Wand entlang und verschwanden unter dem nächstliegenden Sofa.


"Neville! Was hast du nur getan!"

Neville starrte entsetzt auf den Fleck, wo eben noch Harry gesessen hatte. Neville hatte sich mitten im Zauberspruch verschluckt und musste beim Husten wohl versehentlich seinen vermurksten Zauberspruch ausgerechnet auf Harry losgelassen haben.

Neville erbleichte.

Harry war weg. An seiner Stelle saß eine dünne, schwarze Ratte auf dem Sofakissen, die zitternd ihren Kopf in den Pfoten verbarg.

Mensch-zu-Tier-Verwandlungen waren, mit Ausnahme der Animagustransformation, oft nur sehr schwer wieder rückgängig zu machen. Wie konnte das nur passieren?! Dabei hatte Neville lediglich einen Accio auf sein Erinnermich sprechen wollen, weil er nicht mehr wusste, wo er es hingelegt hatte. Und jetzt das!

"Oh Merlin, Harry...!" Neville streckte, ebenfalls zitternd, langsam die Hand nach der Ratte aus. Da wurde diese urplötzlich wieder zu Harry.

"Überraschung!"

Neville glotzte.


"Hör endlich auf, ihn ständig zu fotografieren!" sagte Ron griesgrämig. "Wenn du so weiter machst, stiehlst du ihm noch die Seele und dann kann er nicht mehr als Mensch existieren."

Colin lachte. "Haha, der war gut, Weasley." Er machte noch ein weiteres Bild von Harry, der friedlich vor dem Kamin weggedöst war. Ron hätte es nie freiwillig zugegeben, aber er sah dabei tatsächlich irgendwie goldig aus.

Colin wechselte seine Position, um etwas besseres Licht für sein nächstes Foto zu bekommen. Sein Zeigefinger zuckte, die Kamera klickte... und plötzlich war Harry verschwunden.

Colin erstarrte.

"Hab ich's dir nicht gesagt?!" wütete Ron. "Da hast du's! Jetzt isser eine Ratte!"

"Das..." Colin starrte entgeistert auf die schwarze Ratte. "Das ist jetzt nicht dein Ernst."

Die Ratte quiekte.


Minerva McGonagall sah Professor Dumbledore mit unwillig geschürzten Lippen und in Falten gelegter Stirn streng an. "Sollten wir dem Treiben nicht endlich ein Ende bereiten, Albus?"

Doch der Schulleiter winkte amüsiert ab. "Nein nein, lass sie nur, Minerva. Harry und seine Familie hatten es die letzten Jahre über nicht leicht, da sollen sie sich jetzt ruhig ein wenig austoben. Es kommt ja niemand wirklich dabei zu Schaden." Er grinste spitzbübisch. "Außerdem sind die Wetteinsätze im Lehrerzimmer mittlerweile viel zu hoch, als dass wir Harry von uns aus enttarnen könnten. Das müssen die Schüler schon unter sich ausmachen."

Minerva hmpfte abfällig, äußerte sich jedoch nicht weiter zu dem Thema. Sonst hätte sie ja auch zugeben müssen, dass sie selbst mehrere Münzen darauf gesetzt hatte, dass Mister Potters Animagusform bei einem dieser Streiche noch vor dem Wochenende auffliegen würde.


Doch es gab keinen plötzlichen, großen Eclat. Harry gab sich Neville und Colin jeweils direkt zu erkennen, gleich nachdem er ihnen mit Hilfe seiner Geschwister einen Streich gespielt hatte. Und auch die anderen Gryffindors wurden einer nach dem anderen erst veräppelt und dann eingeweiht.

Die meisten waren erst verlegen, manche auch sauer - und dann beeindruckt. Welcher Hogwartsschüler außer Harry wäre in der Lage, sich schon in so jungem Alter eine Animagusform zuzulegen und gezielt einsetzen zu können?

Von den Rumtreibern wusste der Rest der Schülerschaft freilich nichts.

Da niemand von selbst auf die Idee kam, Krätze könne ebenfalls ein Animagus sein - denn wie absurd wäre das denn? - und keiner der Weasleys es für nötig befand, das von sich aus anzusprechen, blieb Peters Geheimnis gewahrt.

Colin freilich war erst verlegen, dann beeindruckt... und dann zutiefst entsetzt. Gerade lauschte er noch einem begeisterten Monolog darüber, wie selten diese Fähigkeit überhaupt war, und dann auch noch bei jemand so jungem!, da sah Harry Colin plötzlich kreidebleich werden.

"Colin?", fragte er besorgt. "Was ist denn?"

Colin sah ihn untröstlich an. Dann klagte er Harry sein Leid: "Oh nein! Ich habe Fünkchens Fotos bei den Haustieren einsortiert!"

~ ENDE ~