Epilog
Zwei Wochen zuvor
In einem abgelegenen Kanal tief in den Eingeweiden der Londoner U-Bahn krabbelte eine ausgemergelte, graue Ratte auf eifrigen Pfoten dahin. Auf den ersten Blick war es eine ganz gewöhnliche Ratte, mit einem Unterschied: Sie hatte rote Augen. Tatsächlich war aber nichts an dieser Ratte gewöhnlich. Oder vielmehr sollte man vielleicht sagen: etwas an dieser Ratte war ganz und gar ungewöhnlich.
Es waren nicht die roten Augen; die hatten auch Albinoratten. Es war auch nicht der Schwanz, von dem ein Drittel fehlte, noch waren es die ausgefransten Vibrissen, die traurig rechts und links der Schnauze herabhingen.
Nein, was diese Ratte auszeichnete, war der ganz und gar un-tierische, aber zugleich auch eher un-menschliche Geist.
Potter! Wenn ich dich erwische, wirst du LEIDEN!, dachte der Dunkle Lord soeben.
Potter sollte so leiden, wie er gelitten hatte. Er war Potters Spur in einen dunklen Gang gefolgt, und urplötzlich war da ein Zug aus dem Nichts erschienen und hatte ihn viele Hundert Meter mit sich fortgerissen, ehe Voldemorts schwarzes Herz aufhörte zu schlagen. In der Bahn waren Menschen gewesen, jede Menge Menschen, doch Voldemort war geschwächt gewesen und hatte keinen von ihnen zu fassen bekommen.
Er wusste nicht, was passiert sein konnte, doch er fühlte sich schwächer als an jenem schicksalhaften Halloween-Abend. Als ihn ein Lufthauch ergriff und weiter den Gang hinunter trieb, fort von den Menschen und tiefer hinab in die Dunkelheit, verspürte er zum ersten Mal Angst, er könne seine körperlose Form nicht aufrecht erhalten,
Doch dann war auf vier schmutzigen, kleinen Pfoten seine Rettung erschienen. Wie ein Moskito in ein Stück nackte Haut war Voldemort in den kleinen Nager gefahren und hatte seiner Existenz wieder feste Grenzen beschert. Es war kein sehr starker Körper, auch kein sonderlich schöner; selbst Wurmschwanz sah gepflegter aus als dieses räudige, verlauste Vieh. Aber es war da und es war noch zu haben. Voldemort griff zu.
Einige Tage ritt Voldemort als passiver Beobachter im Hinterkopft der Ratte mit, doch schließlich glaubte er genug Gespür für die Motorik der Ratte entwickelt zu haben, dass er das Steuer übernehmen konnte. Mit einem entschiedenen Tritt beförderte er das Bewusstsein der Ratte ins Abseits und ging ans Werk.
Hinaus aus dem Tube-Netzwerk musste er, dann in die Nokturngasse, und einen Todesser finden, der ihn zu Nagini bringen und wieder auferstehen lassen konnte.
Nagini... "Nagini?"
Vor lauter Gedanken an seine Vertraute bildete sich Voldemort geradezu ein, sie zu hören. Als ihm vor Überraschung Naginis Name herausrutschte, ertönte allerdings nur ein rostiges Quietschen. Voldemort schüttelte über sich selbst den Kopf und tapste weiter.
Doch halt; war da nicht wirklich ein Zischen? Nicht wie von einer fernen Schleuse oder einem undichten Ventil. Das hier war ganz klar das Zischen einer Schlange!
::Meisster... Wo issst der Meisssssster?...::
Es war tatsächlich Nagini!
Freudetrunken bog Voldemort in den Gang ein, aus dem er Naginis Stimme vernahm. "Nagini!", rief er wieder, doch wieder ertönte nur ein Quieken. Voldemort war es egal. Nagini musste ihn nicht hören, er hörte sie ja nur allzu gut. So alt und krank sein Rattenkörper auch war, er war noch recht flink auf seinen Beinchen. Mühelos schloss Voldemort zu der riesigen Schlange auf.
"Meine geliebte Nagini", quiekte er erfreut.
Naginis Kopf fuhr herum. ::Ich spüre den Meissster...::, zischte sie verwirrt, ::aber ich sehe ihn nicht.::
Zum ersten Mal kam es Voldemort in den Sinn, dass er vielleicht eine unbedeutende, kleine Fehlkalkulation begangen haben könnte.
::Aber ich ssssspüre die Erschütterung von Rattenpfoten::, zischte Nagini zufrieden. ::Wie gut, dasss esss hier ssso viel zu fressssen gibt...::
"N...agini?" quiekte Voldemort unsicher. "Ich bin es, dein Meister. Nagini? Nagini!"
Es war vermutlich ein Glück, dass Harry Potter niemals auf den dummen Gedanken gekommen war, einen der Horcruxe zu schlucken. Fun fact: Ein Horcrux konnte nicht innerhalb eines andern existieren. Wenn ein Horcrux dennoch in einen anderen eingeführt wurde, konnten die Folgen, nun ja, sagen wir mal ein wenig explosiv sein.
Der Bautrupp brauchte geschlagene vier Monate, um die eingestürzte Sektion der Victoria Line wiederherzustellen.
