Kapitel 4

Nur Geduld!

Die nächsten Tage verliefen leider nicht wie im Fluge.

An normalen Tagen hätte sie schon früh morgens mindestens eine Trainingseinheit vor dem Frühstück gehabt. Oder sie wäre zwei bis drei Runden um den Palastkomplex gelaufen.

Aber jetzt?

Ans Bett gefesselt ereilte sie die Langeweile schneller als der Pfeil einer Armbrust sein Ziel.

Alleingelassen mit ihren Gedanken, wusste sie nichts mit sich anzufangen.

Die Ungewissheit über Adams Verbleib nagte an ihren Nerven und ließen sie an ihrem Verstand zweifeln. Am liebsten wäre sie sofort losgelaufen, mit oder ohne Krücken, um den Prinzen zu suchen.

Oder das Schwert.

Oder He-Man?

Sie erinnerte sich nur schemenhaft an das, was in der Höhle passiert war. Da war eine Menge Licht gewesen und He-Man war auf einmal da… vielleicht. Aber hatte er nicht auch ihr Bein mit seinem Schwert geschient?

Dalia hatte gesagt, dass da kein Schwert war als sie sie gefunden hatte.

War das doch nur alles ein Traum gewesen? Und sie hatte sich nur gewünscht, dass He-Man sie rettet?

Und wo war Adam dann geblieben?

Ihr Kopf schmerzte vor lauter Sorgen!

"Na, da ist aber einer schon früh wach!" Dalia kam gerade aus ihrer Schlafkoje gekrochen. In einer anderen Ecke des Zimmers jammerte Amade leise im Schlaf vor sich hin. Das Haus war recht klein. Es bestand aus einer Schlafkammer, die mit einem fleckigen Leinentuch vom Wohnraum abgetrennt war. Es war auch nur mehr eine Nische denn ein Raum. Sobald man den Vorhang beiseite schob, war da nur ein Verschlag, der als Bett diente, ausgelegt mit einer Schicht moderndem Heu.

Teelas Bett war in einer Art abgewinkelten Raum notdürftig errichtet worden. Es war eigentlich nur ein Holzkasten auf dem Boden, der mit ebenso modrigem Heu ausgelegt war. Das Stroh pikste überall. Doch sie ignorierte es. Schließlich wollte sie sich nicht beschweren.

Dann war da der Wohnraum und auf der Seite fernab von ihrer Schlafecke war ein Teil des Raumes mit einem Balken abgetrennt. Dort stand Dalias Esel Amade. Da das Tier nicht stubenrein war und Dalia die Ecke unregelmäßig entmistete, roch es dementsprechend in der kleinen Hütte.

Dalia hatte nicht viel, und doch kam sie sehr gut zurecht und war in jeder Situation recht erfinderisch.

Die Hütte besaß keine Fenster aus Glas. Wenn etwas frische Luft oder Licht hereinfiel, dann nur durch die geöffnete Tür oder Fensterläden. Von den Läden gab es zwei Stück. Es waren einfache Holzbretter mit den Scharnieren an der oberen Seite, so dass sie sich an der unteren Seite aufklappen ließen. Das hatte den Vorteil, dass es nicht hereinregnen konnte, wenn die Läden offenstanden. Dalia stellte zwei unbearbeitete, grade gewachsenen Äste zwischen Brett und Rahmen. Die Äste waren nicht an die Bretter befestigt. Bei jedem noch so kleinen Windstoß fielen die Läden deshalb immer mit einem lauten Knall zu und wehten dabei ein paar Schneeflocken hinein.

Von ihrem Lager aus konnte sie nach draußen schauen, wenn die Läden offen standen.

Sehr weit führte der Ausblick jedoch nicht. Das Land lag in eine dicke Schneedecke gehüllt. Die Frontseite des Hauses zeigte ins Tal und auf der anderen Seite des Tals erstreckte sich eine gigantische Bergkette. Das sah sicherlich schön aus im Frühling und Sommer, wenn es warm war. Doch der Winter in den Bergen war stürmisch und unerbittlich hart.

Deswegen waren die Fensterläden die meiste Zeit des Tages verschlossen.

Teelas Bettkasten stand mit einer Seite direkt an der Wand, hinter der sich auch der Kamin befand. Das war angenehm und bereitete ihr oft rosige Wangen wegen der Wärme.

Dalia half ihr so gut es ging. Bei einigen Erledigungen war dies allerdings schwierig bis nahezu peinlich. Der Abort lag außerhalb der Hütte und für kleinere Bedürfnisse stand ein Nachttopf in einer Ecke hinter dem schiefen Tisch mit einem ungleichen Bein.

Sie hatte sich vorgenommen, so wenig zu trinken wie nur irgend möglich.

Fließendes Wasser gab es in der Hütte ebenso wenig, warmes Wasser erst recht nicht. Wenn sie Wasser benötigten, holte Dalia den Kessel vom Feuer und ging damit nach draußen, um ein paar handvoll Schnee hinein zuschaufeln, welcher dann über dem Kaminfeuer geschmolzen wurde.

"Das Frühstück wird heute etwas mager ausfallen, meine Liebe. Ich war nicht gerade auf Besuch eingestellt, musst du wissen", sagte die zierliche Frau.

"Ihr tut so viel für mich. Wie kann ich es Euch jemals wieder zurückzahlen?" fragte Teela unbeholfen.

"Red' keinen Unsinn, Kind! Und vor allem red' nicht so hochgestochen. Ich bin keine Hochgeborene von und zu!" Dalia rührte eifrig in einer Schüssel Mehl und Wasser mit dem alten Rest vom Sauerteig zusammen.

"Das ist wohl die Macht der Gewohnheit", sagte Teela verlegen. "Kann ich dir helfen?"

"Lass nur, Kindchen. Ich werde es wohl noch schaffen, allein Brot zu backen!" Dalia lachte. Sie stellte die Rührschüssel neben die Feuerstelle, damit der Teig schneller hochging. "Du wirst noch länger untätig herumliegen müssen. Gewöhn dich vorerst daran, dass du nicht alles alleine schaffen kannst."

Teela unterband grade noch eine vorgeschobene Schmolllippe.

"Wenn du unbedingt vor die Tür musst, kannst du dir den Schieber da nehmen, den ich für den Fensterladen normalerweise nehme. Wenn der Laden geschlossen ist, brauch ich ihn eh nicht. Der sollte recht gut als Stütze dienen. Dein Fliegengewicht hält das Holzstück allemal aus." Sie setzte sich ächzend auf einen Hocker neben der Schüssel und legte ein Holzscheit nach. "Ihr jungen Leute habt Hummeln im Hintern und könnt nicht still stehen. Wir Alten sind froh, wenn wir unsere Knochen ein wenig ausruhen können. Nimm das Schaffell da an der Tür und schnür es dir um, dann erfrierst du mir nicht."

Die Luft war sehr kalt doch angenehm. Sie humpelte ein paar Schritte. Mit der provisorischen Treppe vor der Haustür hatte sie ihre Schwierigkeiten. Die Hütte stand auf mehreren kleinen Steintürmen. Eigentlich eine gute Idee. So war der Boden vor dem Bodenfrost geschützt und konnte nicht aufgeweicht werden, wenn das Tauwasser aus den Bergen darunter hindurch fließen würde.

Vor der Hütte war eine Bank, auf der sie sich niederließ. Das Schaffell hielt die Kälte nicht ab, noch minderte sie sie, aber das störte Teela nicht im geringsten.

Ihre Gedanken galten Adam. Sobald sie wieder gehen konnte, musste sie sich auf die Suche nach ihm machen. Was würden sonst die anderen sagen, wenn sie mit leeren Händen nach Eternos zurückkehren würde!

Irgendwo musste der Junge doch stecken!

Sie schwor sich, nicht ohne ihn zurückzukehren. Er würde ihr sich mit einer langen Erklärung vor ihr verantworten müssen! So leicht würde er nicht davonkommen! Fest stand, dass er sich nie wieder auch nur einen Zentimeter fortbewegen würde, wenn sie mit ihm fertig war! Dafür würde sie Sorge tragen!

Aber jetzt musste sie sich darauf konzentrieren, wieder gesund zu werden. Sie wäre niemandem eine große Hilfe, wenn sie ihrem Bein nicht die nötige Zeit zur Heilung gab.

Hoch über ihr hörte sie einen Greifvogel rufen.

Die Wolkendecke verhüllte schon seit Tagen den Blick auf den blauen Himmel.

Selbst der Gipfel über ihnen verschwand hinter einem dunstigen Vorhang.

Ein steiler Weg führte in Zickzacklinien zur Spitze hinauf. Sie konnte den Weg nicht richtig sehen, er ließ sich nur erahnen, bis er hinter einer Reihe großer Tannen verschwand.

Es führte nur ein Weg vom Tal zur Hütte hinauf. Wer hier herkommen wollte, musste diesen Weg kommen.

In der Zeit, in der sie hier war, hatte sie weder einen Gleiter gesehen noch einen anderen Flugkörper oder sonstige Maschinen, die den Bewohnern enorm helfen würden, sich über die kalte Jahreszeit hinweg fortzubewegen, damit auch die abgelegeneren Häuser und deren Bewohner versorgt würden.

Dalia öffnete den Fensterladen und steckte den Kopf heraus.

"Das Frühstück ist fertig. Komm herein, so lange es noch warm ist!" rief sie Teela zu und ließ den Laden wieder zufallen.

Teela fühlte sich beinahe wie ein Kind, das von den Eltern nur zum Essen ins Haus gerufen wurde… oder wenn es Ärger gab.

Zur Treppe hinauf musste sie doch die Zähne wieder zusammenbeißen und sich jedes Stöhnen verkneifen.

In der Hütte selbst schlug ihr eine feuchte Hitze entgegen, dass sie sich das Schaffell sofort wieder abnehmen musste.

"Das hat wirklich gut getan", sagte sie und hüpfte ohne den Stock zum Tisch hinüber.

Dalia hatte eine große Schüssel mit Suppe aufgetischt und einen handgroßen Laib Stockbrot. Sie entschuldigte sich immer wieder dafür, dass sie ihrem Gast kein großes Mahl auftischen konnte. 'Eine gute Mahlzeit beschleunigt den Genesungsprozeß' sagte sie dann stets. Aber die Größe des Mahls störte Teela herzlich wenig. Sie fühlte sich mehr schuldig und unnütz.

Dalia war nicht reich, das war Teela gleich am ersten Abend aufgefallen. Ihr Hab und Gut reichte mit Sicherheit nicht einmal für sie selbst und den kleinen Esel. Wenn dem so war, so ließ sich die kleine Alte nichts davon anmerken.

Zum Mahl aßen sie beide aus einer Schüssel. Gegessen wurde meistens mit den Händen, oder wenn es Brei oder Suppe gab, dann mit Holzlöffel und einem Spieß oder einem Messer. Was gerade eben da war. Meistens gab es irgendeine gekochte Wurzelart oder Kastanien und Eicheln, angesetzt mit reichlich Kräutern, die der Wald auf den Hügeln so hergab. Fleisch gab es keines.

Heute war die Suppe recht dünn. Nur wenige kleine Kartoffelstücke schwammen oben auf.

Teela riss sich ein Stück vom Brot ab. "Wie kommt es, dass du hier oben ganz alleine wohnst?" fragte sie schließlich.

Dalia hielt kurz inne bevor sie sich den Löffel doch in den Mund steckte. Wenn sie lächelte, entblößte sie ein lückenhaftes und gelbes Lächeln. Ihre Augen blickten durch Teela hindurch. "Weiß du, Kind, wie es das Leben so will, kommt das eine zum anderen. Man ist jung und macht sich keine Gedanken um das Morgen und dann ist man plötzlich alt und allein." Sie blies ein paar mal über den vollen Löffel bevor sie daran schlürfte. "Ich habe schon immer hier oben gelebt, auch als mein Mann noch lebte. Es fällt nicht leicht, alte Gewohnheiten abzulegen. Mein Mann starb vor 15 Wintern. Es wird jedes Jahr schwerer, die Hütte instand zu halten. Jupp hat sich sonst immer darum gekümmert." Ihre Augen wurden für einen Moment ganz glasig. "Die Hütte sah nicht immer so heruntergekommen aus. Aber mit den alten Knochen muss ich mich arrangieren. Vieles geht nicht mehr so, wie man es einst konnte." Sie tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. "Aber das ist alles eine Sache des Blickwinkels. Verschließt sich eine Tür, dann öffnet sich eine andere." Sie brach ein Stück vom Brot ab und lehnte sich nachdenklich zurück. "Trotzdem wird das wohl mein letzter Winter hier oben sein." Sie lächelte wehmütig, erklärte sich dabei aber nicht, und Teela wollte nicht nachfragen.

Und so saßen sie schweigend beisammen und löffelten die Suppenschüssel leer.

"Wir hatten keine Kinder", fing Dalia nach einer Weile erneut an. "Wir haben es versucht, aber die Götter hatten einen anderen Plan für uns beschieden. Unsere Hütte war trotzdem immer voll. Jupp nahm jedes verletzte Tier auf, das ihm über den Weg kam. Als er das erste Mal mit einem verletzten Vogel ankam, wollte ich das Vieh rupfen und schön anbraten." Sie lachte ein kehliges Lachen, wie das von alten Leuten, die zu viel in ihrem Leben geraucht hatten. "Da wollte er mich doch tatsächlich übers Knie legen! 'Weib!', hat er gesagt, 'Wir nehmen uns nur so viel, wie wir zum überleben brauchen. Diesen hier werden wir an die Natur zurückgeben.' So war er, mein Jupp. Hat immer an andere zuerst gedacht… Letztendlich hat es ihm doch das Leben gekostet…"

Da klopfte es plötzlich laut an der Tür.

"Mach auf, Baba!" brummte eine dunkle Stimme von draußen herein.

"Hab ich mir doch gedacht, dass der Junge bald wieder hier auftaucht. Du hast ihm ganz schön den Kopf verdreht als wir dich da oben am Höhleneingang aufgegabelt haben!"

War das Adam?

Dalia stand auf und schob den Türriegel zurück.

"Du bist ganz schön spät dran, Tahir!" tadelte sie einen groß gewachsenen dunkelhaarigen Mann mit wettergegerbtem Gesicht.

"Dir auch einen guten Morgen, Baba!" Er kam herein gestiefelt.

"Klopf dir gefälligst die Schuhe draußen ab!"

Er starrte sie erst mürrisch an, ging dann aber doch wieder vor die Tür und klopfte seine Schuhe ein paar Mal ab.

"Ich hab ein paar Vorräte mitgebracht… für dich und deinen Gast." Verstohlen blickte er kurz zu Teela hinüber, schaute aber gleich wieder weg. Er trug einen schneebedeckten Weidenkorb auf dem Rücken und stellte diesen behände vor dem Kamin ab. Die Schneeschicht fiel auf den Boden und bildete sofort kleine Pfützen Tauwassers.

"Du bist ein guter Junge, Tahir!" lobte Dalia. Sie nannte ihn Junge, dabei war er eindeutig ein erwachsener Mann. Trotzdem ließ er sie gewähren. Inzwischen hatte Dalia sich über den Vorrat hergemacht und mehrere kleine Päckchen aus Ölpapier ausgepackt. "Hast du den Schnupftabak dabei? Sag mir nicht, dass der wieder ausverkauft war!"

Tahir schnaufte kurz. "Den Fehler mach ich nicht noch einmal… Wenn du deinen Schnupftabak nicht kriegst, bist du unausstehlich!" Er griff in sein Wams und holte eine kleine Dose hervor.

"Oh, was für ein Fest!" Dalia klatschte freudig in die Hände bevor sie die Dose an sich nahm und an dem Inhalt roch. "Was würde ich nur ohne dich tun!" Sie stopfte sich gleich eine Prise in die Nase.

Teela wurde das unheimliche Gefühl nicht los, dass Tahir sie von oben bis unten musterte. Doch wenn sie zu ihm rüberschaute, sah er in eine andere Richtung ohne sie angesehen zu haben.

'Du hast Wahnvorstellungen!' tadelte sie sich selbst. Normalerweise konnte sie sich auf ihren Instinkt verlassen. Diese Situation war anders. Sie befand sich auf keinem Schlachtfeld, und sie befand sich auch nicht auf einer Mission. Das waren ganz normale Menschen mit alltäglichen Problemen.

"Rotes Haar", sagte Tahir und deutete mit seinen großen Händen auf Teela.

Sie schob ihre Zweifel beiseite und starrte ihn fragend an. Er ging einen Schritt auf sie zu und machte Anstalten, sie zu berühren. Seine ausgestreckte Hand war mit vergilbtem Leinen bandagiert. Es war schon eine Weile her, dass er sich die Hände gewaschen hatte. Die Fingernägel waren schwarz und einer davon unterm Nagelbett blau angelaufen.

Instinktiv wich sie vor ihm zurück.

"Erschreck das Mädchen nicht, du Klotz!" Dalia stellte sich zwischen ihnen und schob Tahir beherzt zurück. "Du musst ihm verzeihen. Bei uns im Dorf hat niemand rote Haare. Du bist wahrscheinlich die erste Rothaarige in seinem ganzen erbärmlichen Leben." Dann drehte sie sich um und sagte in einem schrofferen Ton: "Mach dich nützlich, Tahir! Miste den Stall aus und halt kein Maulaffengeil! Die Arbeit wird nicht weniger, während du hier nur herumstehst!" Sie setzte sich wieder neben Teela. "Iss ruhig den Rest vom Brot auf, Kind. Du musst zu Kräften kommen."

Schweigend befolgte sie Dalias Rat und beobachtete Tahir misstrauisch bei der Arbeit mit Schaufel und Mistgabel.

Amade protestierte lautstark und ging dem großen Mann nur widerwillig aus dem Weg.

"Sei nicht so grob zu meinem kleinen Esel. Du weißt, dass er wichtig ist für mich" schimpfte Dalia. Sie stand wieder auf und machte sich mit ihrem typisch wackeligen Gang daran, die Vorräte einzuräumen.

"Wenn du nicht so stur wärst und bei uns unten im Dorf leben würdest, dann hättest du weniger Probleme, Baba."

Teela beobachtete das Hin und Her zwischen den beiden. Sie mussten alte Bekannte sein… vielleicht verwandt? War Tahir vielleicht ihr Sohn?

"Du weißt genau wie ich, dass das nicht geht, Junge", erklärte Dalia geduldig wie eine Mutter, die ihrem Kind zum hundertsten Mal erklärte, warum der Himmel oben war und die Erde unten.

Teela räusperte sich. Es war an der Zeit, herauszufinden, wo sie eigentlich war. Dabei wollte sie nicht wie eine komplett Irrsinnige erscheinen. Danach zu fragen, wo sie war und in welchem Königreich, würde nur zu viele Fragen aufwerfen. Wieso sollte jemand nicht wissen, wo er war? Wenn man den Namen eines Dorfes nicht wusste, war das keine große Sache. Es gab viele Dörfer selbst um Eternos herum, die noch nicht mal auf der Karte verzeichnet waren. Aber nicht zu wissen, in welchem Königreich man sich befand, war eine komplett andere Geschichte.

"Wie weit ist es von hier bis nach Eternos?" fragte sie schließlich. Damit klang sie nicht ganz so verwirrt.

Tahir und Dalia schauten beide auf und hielten sofort in ihren Arbeiten an.

"Wo soll das sein, Kind?" fragte Dalia.

Teela öffnete den Mund und brachte doch keinen Ton heraus.

"Kommst du von dort?" fragte Tahir. Seine Neugier behagte ihr gar nicht.

"Nein", fing sie an und schob hastig ein "aber ich bin auf dem Weg dorthin" hinterher.

Dalia lachte ein ein sehr trockenes Lachen, dem man das Alter anmerken konnte. "So etwas komisches… Ein Wanderer, der seinen Weg nicht kennt." Sie hatte das letzte Päckchen im Buffetschrank verstaut. Amade stupste sie mit seinem Kopf an, um Aufmerksamkeit heischend. Mit Freude kam sie dem nach und kraulte seinen Kopf.

"Was willst du da?" fragte Tahir forsch.

Dalia kam Teela zuvor: "Das geht uns nichts an, Junge! Das ist allein Teelas Belange und sie ist uns keine Erklärung schuldig."

"Ich mein ja nur…" murmelte Tahir grimmig und warf Teela fragenden Blick zu. "Wir sind nur einfache Dorfbewohner. Den Weg hinunter ins Tal ist ein Dorf mit genau 68 Seelen, 13 Katzen, 9 Hunden und etlichem Nutzvieh. Wenn einer von uns ins nächste Dorf reitet, dann ist das schon eine halbe Weltreise für denjenigen. Die meisten im Dorf können nicht einmal rechnen oder lesen. Deinen Ort nicht zu kennen, bedeutet bei uns nicht viel." Als er bemerkte, dass Teela ihn ungläubig anstarrte, verstummte er recht schnell wieder. Verlegen kratzte er sich den Nacken und suchte sich schnell eine andere Beschäftigung.

"Tahir hat recht, Kindchen. Wenn du Informationen suchst, bist du hier nicht gut aufgehoben. Vielleicht solltest du nach Lamdien, Richtung Süden gehen. Die Route über den Bergkamm sollte in ein paar Wochen wieder frei sein. Aber bis dahin musst du erst einmal wieder gesund werden!"

"Wenn ihr Eternos nicht kennt... König Randor Miro kennt ihr doch mit Sicherheit!" Teela starrte in nichtssagende Gesichter. "… oder etwa nicht?"

"Nie von dem gehört", murmelte Tahir und streute neues Heu in Amades Ecke aus.

"Das scheint ja kein guter König zu sein, wenn man weder von seinem Namen noch seinen Taten hier gehört hat. Über dieses Land herrscht König Drokah der Schreckliche, ein wahrlich böswilliger Geselle, mit dem du besser nicht den Weg kreuzt", erklärte Dalia und nahm sich noch eine Prise vom Schnupftabak.

"Warum nicht?" hakte Teela nach.

"Weil unser König abergläubisch ist und du eine Rothaarige bist. Du wärst deinen Kopf schneller los als ein Huhn auf dem Hühnermarkt." Dalia nieste. Das war wohl zu viel Schnupftabak, doch sie grinste dabei recht selig vor sich hin.

"Was hat meine Haarfarbe damit zu tun?" fragte Teela verwirrt.

"Du meine Güte", rief Dalia auf und kam zur ihr an den Tisch gehumpelt. "Du bist wirklich nicht von hier, stimmt's? Rothaarige bringen Unglück. König Drokah hat sie alle verbannen oder hinrichten lassen. Er duldete sie nicht einmal als… ach, lassen wir das. Das verdirbt uns nur die Stimmung."

Und damit war das Thema für alle erledigt. Tahir brachte Amades Mist vor die Tür. Dalia räumte den Tisch ab.

Teela sank der Mut und sie wagte es nicht, noch weitere Fragen zu stellen.

Von diesem König hatte sie noch nie gehört.

Bei Sitzungen des königlichen Rates hatte sie die Anwesenden stets gründlich überprüft - Name, Herkunft, wirtschaftliche Lage, politische Interessen - alles, was sie wissen musste, um eine Person als potentielle Gefahr einstufen zu können. Doch dieser Name war nie darunter gewesen.

Also warum wurde sie das Gefühl nicht los, diesen Namen schon einmal gehört zu haben?


A/N:

I am really sorry about the delay!

Besides work and some unnerving health issues, I also had to do some serious chapter outlining ;)

The original plan was to write about 4-5 chapters with a happy ending and fluff and blah, but then my muse took over, burned down the original plan and urged me to do it better... *sigh*

Well, as if happy ends would be my style... xD

I should have known it better...

Soooo, thank you for all your reviews! :)

TheSorceressQueen: The "I love you" was said by Teela. And perhaps she dreamed all this... or not... perhaps she is still dreaming... or she is suffering from a serious head injury... so many options :D My muse says that I am not allowed to tell you the truth yet... Soooorry! xD

Ah, and btw. the name Drokah is an anagram ;)

I was to lazy to think of a new name and my muse was already asleep in my head...