AN: So, really uncharacteristic for me, but I will put the AN prior to the new chapter to announce a warning. This chapter isn't just a long chapter, there is also a non-consensual / rape scene in it. I won't tell you if it's a main character or not. If you want to know who it is, you'll have to read it.
So, you have been officially warned about this.
Kapitel 8
Frühlingsweihe
Der Markt war viel größer als sie es sich vorgestellt hatte.
Dafür dass hier angeblich nicht einmal hundert Leute leben sollten, war der Marktplatz recht weiträumig. Die Mitte des Platzes bildete ein baufälliger Brunnen. Die Marktstände waren kreisförmig darum platziert. Es gab einige Imbissstände, einige Händler mit Kleinod und gebrauchten Gegenständen für den Alltag. Ein Schmied hatte sich dort auch eingerichtet und zeigte allen seine Schmiedekunst. Vieh war zwischen den Ständen an sporadisch in den Boden gehauenen Pfählen gebunden. Pferde, Kühe, Schafe und seltsame Kreaturen, die mehr an Echsen erinnerten und die Teela noch nie zuvor gesehen hatte. Sie hatten schnabelartige Mäuler, die man ihnen zugebunden hatte.
Doch den meisten Platz nahm eine große Bühne ein. Dabei war es eigentlich mehr ein Podest mit zwei Seitenaufgängen und ein fleckiges Tuch, das den Bereich hinter dem Podest verbarg.
Darauf standen einige Instrumente der Schausteller bereit. Aber von den Musikern war keine Spur zu sehen.
Der Tag hatte erst angefangen und es versprach warm zu werden. Wärmer als in den Tagen zuvor. Während Teela sich verwundert umsah, wurde Dalia von allen freundlich begrüßt. Selbst die kleinen Kinder kamen auf sie zugelaufen, für die sie kleine Süßigkeiten aus dem Mantel zauberte. Bloße Zuckerstückchen mit Kräutern drin, hatte sie Teela erzählt. Da sie es für belanglos hielt, fragte Teela gar nicht weiter nach.
Schließlich hatte Dalia ihr ein wenig Geld gegeben und ihr den Weidekorb abgenommen. "Geh dir was zu essen kaufen, Mädchen. Ich schaff das schon allein", sagte die alte Frau mit einem Lächeln. "Zur Mittagszeit fängt die Auktion an, die willst du bestimmt nicht verpassen."
Das kam ihr wirklich recht.
Teela wollte gerade noch fragen, was das für eine Auktion sein würde, aber behielt es für sich. Sie wollte den Vormittag nutzen und einige Leute befragen.
Die meisten Leute wirkten als wären sie nicht von hier. Die Dorfbewohner trugen meist gelb oder beige und braun. Die Dorffarben eben, die sich auch in dem Banner des Dorfes widerspiegelten, der über dem Brunnen in der Mitte des Marktplatzes gespannt war.
Auch die Spielleute konnte man gut von den anderen unterscheiden. Sie trugen meist bunte und ausgefallene Kleidung mit Schellen und glitzernden Säumen.
Teela betrachtete die Münzen in ihrer Hand. Sie hatte keine Ahnung, wie viel das war. Es waren lediglich Tiere oder Köpfe darauf geprägt, aber keine Zahlen. Wenn sie also etwas kaufen wollte, würde sie fragen müssen, ob das Geld in ihrer Hand dafür ausreichte.
Sie kontrollierte noch einmal den Sitz ihres Kopftuches und mischte sich dann in die Menschenmenge.
Der Markt war bunt gemischt.
Die meisten Händler boten Essen an, frisch vom Grill oder aus dem Kessel. Die Gerüche mischten sich zu einem verführerischen Allerlei zusammen, der Teela das Wasser in den Mund trieb. Zu schade, dass sie das Geld für Informationen ausgeben würde.
Das Wetter war frisch, aber es blieb erstaunlicherweise trocken.
"Schönes Mädchen!" rief ihr eine Händlerin zu und hielt ihr einen roten Pfirsich vor die Nase. "Möchtest du vielleicht einen? Kostet nur einen Rappen."
"Einen Rappen?" fragte sie verwirrt und starrte etwas verloren auf ihr Geld.
"Ja, einen Rappen. Du hast doch Geld?" Die Frau deutete auf Teelas offene Hand.
"Es tut mir leid, ich bin leider nicht von hier. Ich kenne mich mit den Münzen nicht so aus", antwortete Teela entschuldigend. Dalia hätte ihr zumindest erklären können, wie man die landesübliche Währung zählt, bevor sie Teela weggeschickt hatte.
"Ach, dann musst du das Mädchen sein, das Dalianta bei sich aufgenommen hat, stimmt's?" Die Frau zog sie mit dem Arm näher an sich heran. "Mach dir nichts draus. Solche Nachrichten verbreiten sich hier schnell. Der Pfirsich ist geschenkt, ich dulde keine Widerrede!" sagte sie lachend und entblößte lückenhafte Zahnreihen. Ihr fauler Atem stank extrem und Teela versuchte, sich aus ihrem Griff zu befreien, dass es nebensächlich wirkte und die Frau nicht gleich zutiefst beleidigen würde. Der Pfirsich lag kalt in ihren Händen und roch verdammt gut.
"Und nun schau her", fing die Frau an und zog Teelas Hand an sich heran, in der die Münzen lagen. Sie nahm eine große Münze. Sie war leicht silbrig, doch sehr abgegriffen. "Das ist ein Schilling. Pass gut darauf auf, der ist sehr wertvoll. Dafür bekommst du sogar ein Zimmer für drei Nächte beim Alten Bertrus!" Dann schaute sie nach links und rechts und flüsterte im geheimnisvollen Ton: "Wenn ich du wäre, würde ich da aber niemals auch nur einen Fuß reinsetzen! Da fängst du dir glatt die Bettwanzen und Kopfläuse ein!" Sie legte Teela den Schilling wieder in die Hand zurück und deutet anschließend auf ein paar kleinere kupferfarbene Münzen, die recht ungleichmäßig geschlagen waren. "Das hier sind Groschen, 100 Groschen ergeben einen Schilling. Die kleinen dunklen unscheinbaren, das sind Rappen. Zehn Rappen sind ein Groschen. Du siehst, meine Pfirsiche sind also recht günstig. Wenn du noch Hunger hast, ich bin bis morgen Abend hier am Stand." Sie lachte wieder.
Das war Teelas Chance.
"Kommt Ihr von hier?" fragte sie vorsichtig.
"Ich? Nein, ich komm aus Dawiel. Das ist südlich vom Berg. Wenn du dem Fluss folgst, der aus dem Berg entspringt, gelangst du direkt in unser Dorf. Es ist so klein, dass es eigentlich keiner kennt", erklärte die Frau ihr eifrig.
Teela schaute sich unsicher um. Wenn sie jetzt nicht anfangen sollte, wann dann? Unbewusst spielte sie mit dem Pfirsich in ihren Fingern.
Die Leute ignorierten sie. Für sie war Teela nur eine weitere Passantin, die sich auf dem Markt vergnügen wollte. Kinder liefen zwischen den Ständen umher und stibitzten unbemerkt kleine Leckerbissen oder wurden verscheucht bevor sie etwas nehmen konnten. Die Händler wussten sich durchaus gegen die kleinen Diebe zu wehren, doch sie unternahmen nie etwas grobes oder schädigten den Kindern auch nur in irgendeiner Weise.
Auf der anderen Seite spielte ein Dudelsackspieler eine flinke Melodie, die die Umstehenden zum tanzen aufforderten. Die Leute ließen sich nicht lange bitten und tanzten und sangen ausgelassen mit. Das Lied war wohl sehr beliebt in dieser Gegend.
Teela schaute noch einmal unbemerkt um sich und näherte sich dann der Frau, um den Lärm um sie herum besser ignorieren zu können. "Ich suche jemanden. Vielleicht könnt Ihr mir helfen. Mein Name ist Teela. Wie ist Euer Name?" Vielleicht konnte sie ein wenig mehr Vertrauen gewinnen, wenn sie zuerst ein Stück Information über sich hergab. Namen waren eine sehr persönliche Information. In den falschen Händen, konnte man sogar mit dem bloßen Namen einen geheuren Schaden anrichten.
Die alte Dame lächelte. "Ich heiße Shivnara, aber so nennt mich nur noch meine Mutter. Die meisten hier nennen mich Nana. Komm mit nach hinten. Dann können wir reden." Sie wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und hielt Ausschau nach jemandem. "Seki! Meha!" Zwei blonde Mädchen drehten sich um. Sie standen inmitten von Obstkörben und handelten mit den Kunden. "Ich mach mal Pause. Passt mir auf den Stand gut auf." Die zwei Mädchen waren nicht viel älter als vielleicht 12 oder 13 Jahre. Sie lachten offen und nickten ihr zu.
"Ist gut", riefen beide und widmeten sich wieder ihrer Arbeit zu.
"Komm mit." Nana führte Teela hinter den Karren. Von dort aus konnte man noch gut die Geschehnisse vor dem Stand beobachten. Eigentlich machte es keinen großen Unterschied, ob man sich vorne oder dahinter unterhielt. Aber hinter dem Karren standen zwei kleine Kisten um ein Kesselfeuer herum. Daneben hing eine dampfende Kanne. Nana wickelte sich ihre Schürze um die Hand und kramte aus einem Korb zwei kleine Becher hervor. "Der müsste mittlerweile schon viel zu lange gezogen haben. Aber er wird uns ein wenig wärmen, während du mir sagst, warum unser Gespräch nichts für die große Öffentlichkeit ist."
Teela nahm den Becher mit der heißen Flüssigkeit dankend an. "Ich habe aber nichts dergleichen behauptet!" protestierte sie. Sie roch an dem Becher und rümpfte die Nase. Es duftete nach Kamillentee, nach verbranntem sogar. Wenn es etwas auf der Welt gab, das sie bis auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann war es Kamillentee. Doch sie lächelte und nippte höflich an dem Becher. Nana hatte recht. Der Tee wärmte auf. Wenn er schon nicht schmecken wollte, dann hatte er wenigstens noch eine Aufgabe zu erfüllen.
"Oh, du hast es so nicht gesagt, das stimmt. Aber deine Haltung erzählt eine andere Geschichte." Nana setzte sich auf einen der Hocker und bedeutete Teela, es ihr gleich zu tun. "Also sag, wen suchst du? Deine Familie? Deinen Liebhaber? Oder vielleicht doch deinen Händler?"
Teela schob die Augenbrauen skeptisch zusammen. "Was? Nein, ich... also... ich bin auf der Suche nach einem Mann."
"Oh!" Nanas Gesicht war plötzlich verzückt und sie spitzte aufgeregt die Lippen. "Also doch einen Liebhaber! Das ist ja aufregend!"
"Nein, so ist es nicht..." fing Teela an. Doch dann entschloss sie sich, die Frau nicht mehr zu korrigieren. "Er ist groß und hat dunkelblondes Haar. Er ist sehr stark und hat breite Schultern."
"Sieht er gut aus?" hakte Nana nach.
"Äh... Ja", gab Teela zu und konnte die Schamesröte nicht verbergen, die ihr in die Wangen stieg.
"Hm..." Nana legte den Zeigefinger auf den Mund während sie nachdachte. "Die Beschreibung trifft auf sehr viele zu."
"Er ist nicht von hier", beeilte Teela sich hinzuzufügen. "Er ist wirklich außergewöhnlich stark."
"Kennst du seinen Namen?" fragte Nana.
Teela drehte den Becher in ihren Händen hin und her. Es war gut möglich, dass Adam als sein Alter Ego umherging, oder er hatte einen ganz anderen Namen angenommen, um unerkannt zu bleiben. Sie hatte sein Schwert gefunden, also war es kein Traum und er hatte sich tatsächlich auf den Weg gemacht, um Hilfe zu finden. Er hatte sechs lange Wochen Zeit gehabt, die Höhlen wieder aufzusuchen und von dort
an, in das Dorf zu kommen und dort nach ihr zu suchen. Aber das war alles nicht geschehen. Es musste irgend etwas passiert sein, und der Gedanke gefiel Teela überhaupt nicht.
"Nein, den hat er mir nicht gesagt." Teela schaute auf ihren Becher und hoffte inständig, dass Nana dies als traurigen und wehmütigen Akt auffasste.
"Deine Beschreibung trifft hier auf fast jeden Bengel zu, der seinen Babyflaum gerade verloren hat." Nana lachte als hätte sie etwas aberwitziges gesagt. Doch Teela stimmte nicht mit ein. "Wenn er wirklich ganz stark ist und groß, dann frag mal den alten Bento. Entweder der Bursche ist bei ihm oder er hat es nicht ganz so gut getroffen."
"Bento?" hakte Teela nach und wollte gar nicht wissen, was Nana mit ihrer Andeutung meinte.
"Großer, alter Fettsack. Er ist ziemlich reich und lässt das auch jeden wissen. Er trägt eine Menge Schmuck mit sich und ist immer in Begleitung seiner Miliz. Du wirst ihn kaum übersehen können. Bento ist so fett, dass locker drei Kerle in seine Hosen passen. Er ist heute hier. Er hat einige Kreaturen zur Auktion mitgebracht. Ein paar schöne Prachtexemplare! Ich habe sie gestern beim Aufbau der Bühne beobachtet. Ein paar nette Leckerbissen sind schon darunter."
"Vielen Dank für das Gespräch. Ich muss jetzt leider weiter." Teela entschied, dass sie sich zu sehr von Nana mit Worten einlullen ließ. Das war eine Sackgasse und sie wollte es noch woanders versuchen.
Immerhin wusste sie jetzt ihre wenigen Münzen einzuschätzen.
"Aber sicher doch. Immer wieder gern. Wenn du noch ein wenig plaudern willst, wir werden bis morgen hier bleiben." Nana führte Teela um den Karren herum. Die beiden kleinen Mädchen lächelten und winkten ihr zu als sie sich verabschiedete. Obwohl man kaum von Abschied sprechen konnte, da der Markt gar nicht so groß war, dass man sich nicht mehrmals am Tag über den Weg laufen könnte.
In der Mitte um den Brunnen herum hatten sich Blumenmädchen versammelt und tanzten zu einem Lied und schmückten dabei den Brunnen mit bunten Bändern. Der Tanz wirkte einstudiert als wäre er Teil dieser Kultur. Er wirkte sehr fröhlich und die umher stehenden Leute applaudierten den Mädchen zu.
"Was ist das für ein Tanz?" fragte Teela die nächst beste Person.
Sie wurde etwas irritiert gemustert. Es war ein älterer Mann mit dichtem Bart und einer Plauze, die weit über den Bund seiner Hose hing. Seine Kleidung wirkte fleckig, aber nicht dreckig oder abgetragen.
Es fiel ihr gerade da auf, dass die Menschen hier wohl genährt wirkten bis auf einige wenige Ausnahmen.
"Das ist der Wasserjungferntanz. Die Mädels tanzen herum und schmücken den Brunnen. Es bringt Glück und soll für gutes Wasser sorgen. Und die umstehenden Burschen suchen sich eine von ihnen aus und tanzen dann den nächsten Tanz mit ihr."
Teela fielen die jungen Männer auf, die sich in außergewöhnlich gut aussehende Trachten gekleidet hatten. Die Kleidung war sauber und meist in schwarz und weiß gehalten mit wenigen Ausnahmen. Da schien es keinen Maßstab zu geben, wie die Kleidung auszusehen hatte. Aber im großen und ganzen trugen die meisten Männer schwarze Westen und eng anliegende schwarze Hosen und dazu weiße Hemden mit ausschweifenden Ärmeln.
Die Männer suchten sich jeweils eins der Mädchen aus. Dabei gingen sie sehr zielstrebig vor und keines der Mädchen blieb allein. Das musste mit Sicherheit schon vorher abgesprochen worden sein. Die Gruppe tanzte im Kreis, wirbelte und klatschte und auch die umstehenden Zuschauer wippten und klatschten im Takt mit.
Es wirkte alles recht ausgelassen und fröhlich.
Der Winter war vorbei und die karge und öde Zeit war nun Vergangenheit. Es war wieder an der Zeit zu tanzen und zu lachen und mit guter Laune die Arbeit anzugehen.
Teela ließ sich ein wenig von der Menge mitreißen. Für einen kurzen Moment vergaß ihr Herz die Sorgen und sie lachte das erste Mal seit Wochen. Doch der Moment verging schnell.
Der Tanz neigte sich dem Ende zu und sie machte sich wieder schweren Herzens auf die Suche nach Antworten.
Dalia hatte sie die ganze Zeit über nicht gesehen, obwohl der Platz recht übersichtlich war. Die alte Frau war doch etwas zu klein und konnte leicht in der Menge untertauchen.
Indes schaute sie sich an den Ständen nach Dingen um, die sie für ihre Reise gebrauchen konnte. Das Geld würde sicherlich für einen Dolch reichen. Und vielleicht auch für eine Feldflasche. Den Rest musste sie sich auf dem Weg erarbeiten oder erjagen.
Sie hatte jetzt einen Namen und eine Beschreibung. Wenn dieser Bento heute hier war, würde sie ihn befragen können.
Der Stand der Schmiede sah vielversprechend aus. Der Stand war größer als alle anderen. Der Schmied selbst hatte eine tragbare Esse dabei und arbeitete demonstrativ an einer Lanze. Die jungen Männer standen rundherum und bewunderten die Arbeit von Schmied und Gehilfen. Die Hitze war beinahe unerträglich, aber das hinderte Teela nicht.
Eine Verkäuferin stellte sich ihr in den Weg und wollte sie zu den Schmuckstücken führen, die sie feilboten. Es waren einige Schmuckstücke dabei, die sich hier garantiert keiner leisten konnte. Trotzdem hingen sie aus und lockten die Kundschaft an. Doch Teela interessierte sich nicht für die Medaillons oder für die vielen kleinen Ringe und Amulette.
Teela schüttelte mit dem Kopf und hob die Hand, um die Frau davon abzuhalten, sich weiteren Schmuck anzusehen.
"Aber Ihr möchtet doch sicherlich etwas von uns haben. Sagt nur, was Ihr braucht, wir können es für euch anfertigen", sagte die Verkäuferin optimistisch.
"Da gibt es tatsächlich etwas, wofür ich mich interessiere", begann Teela vorsichtig und fühlte nach dem Münzgeld in ihrer Tasche. "Aber ich habe nicht viel Geld." Sie schaute sich kurz um und ihr Blick fiel auf einen unscheinbaren Dolch, den sie leicht in ihre Stiefel stecken konnte. Er war recht schmucklos und schlicht gehalten. Genau das, wonach sie Ausschau gehalten hatte. "Wie viel soll das Messer dort kosten?"
Wenn die Verkäuferin über ihre Frage verwirrt war, so zeigte sie es nicht und lächelte bloß über das seltsame Interesse. "Der kostet 20 Groschen."
"20 Groschen!" rief Teela beinahe zu entsetzt, so dass die Verkäuferin vor ihr zurückwich. "Das Material ist ja keine 5 Rappen wert!"
"Aber sicher doch. Schaut ihn Euch erst einmal an. Er ist scharf geschliffen und gleitet lautlos durch die Luft. Er verfehlt sein Ziel garantiert nicht." Die Verkäuferin lächelte darüber hinweg und gab ihn Teela zur Ansicht.
Er lag gut in der Hand. Nicht zu leicht und nicht zu schwer. Das Heft war recht kurz gehalten und der Griff war so gut geformt, dass er sich der Handfläche ideal anpasste. Teela begutachtete den Dolch von allen Seiten und griff dann nach der Klinge. Das Metall glitt auf ihrer Haut entlang. Sie war sehr vorsichtig, denn die Klinge war tatsächlich recht scharf.
"Das soll scharf sein?" fragte Teela mit einem Hauch Verachtung in ihrer Stimme. "Die schneidet ja noch nicht einmal durch meine zarte Haut. Das ist wirklich schlecht geschliffen! Ich gebe Euch 10 Groschen dafür!"
Die Verkäuferin riss beinahe erschrocken die Augen auf. Den Preis so dermaßen herunterzudrücken grenzte schon an einer Frechheit. Das wusste Teela und das wusste auch die Verkäuferin. Aber einen Versuch war es allemal wert.
"Ich merke, Ihr habt ein wenig Ahnung..."
Teela unterbrach sie recht forsch und versuchte, so desinteressiert wie nur möglich zu klingen. In dem Dorf mochten zwar gerade sehr viele Menschen unterwegs sein, aber die meisten waren entweder gut ausgestattet oder würden sich nicht für einen kleinen Dolch wie diesen interessieren. Das Interesse lag hier eher in Waffen, die nützlich für die Jagd waren, und das war der Dolch allemal nicht. Er diente höchstens zur Selbstverteidigung und deswegen wollte Teela ihn unbedingt haben.
"Er liegt gut in der Hand, aber er ist sehr klein. Der Dolch wehrt nicht einmal einen Hund ab, geschweige denn ein großes Tier. Er wäre mehr eine Zierde als eine Waffe", erklärte Teela. "10 Groschen. Mehr werdet ihr heute nicht für diesen Dolch erwarten können und es wäre doch eine Schande, wenn die Arbeit umsonst gewesen wäre."
"Ihr werdet verstehen, wenn ich ihn Euch nicht für 10 Groschen überlassen kann."
"Der Dolch wird ein bloßer Ladenhüter sein. Ihr werdet den nie für 20 los. 11 Groschen, und das ist schon zu viel für dieses Material", feilschte Teela mit einem schiefen Lächeln.
Mittlerweile hatte der Schmied von ihrer Feilscherei Wind bekommen und stellte sich neben seine Verkäuferin. Er war ein groß gewachsener Kerl mit breiten Schultern und einem von Wind und Sonne gegerbtem Gesicht. Seine Hände waren groß wie Teller und hatten hier und da Vernarbungen von der Arbeit. Er wischte sich den Ruß von den Händen mit einem Tuch, das schon lange nicht mehr weiß war.
"Was gibt's an dem Dolch auszusetzen, Lady?" fragte er mit grimmiger Stimme.
"Nichts... nur dass er keine 20 Groschen wert ist. Schaut Euch nur an, wie stumpf die Klinge ist. Und das Heft ist ganz wackelig. Es wird beim ersten Wild auseinander fallen und ich werde weder Fleisch noch Messer haben und mein Geld werde ich nicht wiedersehen. Ich biete Euch 11 Groschen an." Teela schluckte, blieb aber tapfer. Der Schmied war größer als He-Man oder Tahir und er könnte ihren Kopf mit Leichtigkeit zu Brei zerschlagen.
"Wenn Ihr mit der Qualität nicht zufrieden seid, dann schert Euch zum Teufel. Das hier ist eine einwandfreie Arbeit! Sie ist ein Meisterwerk!" blaffte der Schmied und warf das Handtuch über seine Schulter. Mit in die Hüften gestemmten Händen wirkte er noch viel größer und breiter... und vor allem auch viel angsteinflößender als vorher...
"Er kann nur als Dekoration dienen. Schaut ihn Euch doch noch einmal an. Er ist sehr klein und die Klinge ist so stumpf wie ein Stein im Flussbett. Das kann keine Waffe sein. Jedes Wildtier wird mich eher auslachen, wenn ich ihnen das Messer entgegen halten werde." Teela schwang
das Messer demonstrativ plump herum und fügte dann noch hinzu: "Der alte Bento meinte, er hätte einen Dolch von Euch gekauft, und er wäre bei der ersten Benutzung auseinander gefallen."
"Was hat der alte Sack gesagt? Dem werd ich's geben!" Der Schmied krempelte die Ärmel hoch und schob Teela beiseite. Doch sie hielt ihn mit einem bloßen Griff um seinen Ellenbogen auf.
"Ihr wollt doch nicht, dass sich das heute noch herumspricht", fing sie an. "Wenn Ihr Euch jetzt mit ihm prügelt, wird bis zum Abend jeder wissen, dass man Euren Waffen nicht trauen sollte. Das wollt Ihr doch mit Sicherheit unterbinden. Ich werde niemandem etwas sagen. Mein Angebot steht bei 10 Groschen."
"Hattet Ihr nicht eben noch elf..."
"Zehn Groschen. Ihr müsst Euch verhört haben, werter Herr."
Er wankte kurz und grummelte dann: "Bar auf die Kralle. Ich lasse nichts anschreiben."
"Wo denkt Ihr hin?!" sagte sie und griff in ihrer Tasche nach den Groschen. Es waren die mittelgroßen Münzen, von denen sie noch genügend übrig hatte. Sie hielt die Hand auf und zählte die kleinen Münzen nach. "Bar auf die Kralle", sagte sie schließlich und hielt ihm das Geld hin.
Mürrisch drückte er ihr den Dolch in die Hand. "Und nun macht Euch vom Acker, ich kann hier keine schlechte Nachrede gebrauchen!"
"Wie Ihr wünscht." Teela steckte den Dolch ein. Das war beinahe schon zu einfach gewesen.
Jetzt schmeckte der Pfirsich auch viel besser. Eine Waffe hatte sie also schon einmal. Fehlte nur noch die Feldflasche. Eine Landkarte zu bekommen war hier in der Gegend bestimmt schwieriger als alles andere. Bisher hatte sie nur eine grobe Richtung, die sie einschlagen könnte.
Der alte Bento wäre ihre nächste Station.
So sehr sie sich aber auch umschaute, es war niemand zu sehen, auf den die Beschreibung von Nana zutraf.
Plötzlich wurde es lauter.
Einige der Marktbesucher waren bereits derbe angetrunken. Zwei junge Burschen vertrugen das Frühlingsbier überhaupt nicht. Sie blökten sich irgendwelche Beleidigungen zu und holten beide mit den Fäusten aus, nur um den anderen um jeweils mehrere Zentimeter zu verfehlen und zu straucheln. Die Schaulustigen um sie herum fingen an zu lachen bis der Erste eine Faust abbekam und die Schlägerei schließlich losbrach.
Es war gar nicht mehr klar, warum das alles angefangen hatte. Letztendlich prügelte sich die Hälfte der Marktbesucher. Auch die Händler schlugen auf die Meute ein. Nicht, um sich wichtig zu machen oder aus purer Lust an der Gewalt, eher um ihre Ware zu schützen und die Meute zu verscheuchen, die sich keinen Deut darum scherten, ob sie hier einen Krug zerschlugen oder dort eine Vase zerbrachen.
Teela wollte sich heraushalten. Was war, wenn ihr Kopftuch verrutschte? Oder wenn sie jemanden verletzte und dieser sie dann anklagen würde? Gab es hier überhaupt eine Instanz, die für Ordnung sorgte? Sie hatte nicht den Eindruck, dass es hier irgendwelche Wachen, Soldaten oder Polizisten gab.
Gleich neben ihr war ein Stand mit allerlei Krimskrams. Die Verkäufer waren ein altes Pärchen, die verzweifelt versuchten, ihre Ware schnell von der Auslegefläche zu räumen, damit sie keinen Schaden nahm. Sie eilte ihnen herbei und half ihnen. Das war zumindest etwas, das sie tun konnte, ohne großes Aufsehen zu erregen.
"Danke, aber das schaffen wir schon", versicherte der alte Mann ihr.
Gerade in diesem Moment fielen zwei sich prügelnde Kerle direkt auf ihren Wagen und durchschlugen die Bretter, die zum Glück schon freigeräumt waren.
"Unsinn! Ich mach das gern!" rief sie und holte ein Objekt nach dem anderen von den kleinen Regalen, die an der Seite standen. Sie arbeiteten schnell und konnten so den größten Schaden verhindern.
"Liegt da noch was aus?" fragte die alte Frau gerade als eine Art Miliz die Trunkenbolde einfing und der Schlägerei endgültig ein Ende setzte.
Die Schläger wurden voneinander getrennt. Doch in einem unbedachten Moment riss sich einer von ihnen los und schlug auf den nächstbesten ein. Vollkommen unvorbereitet taumelte der Koloss eines Mannes direkt auf Teela zu. Sie schaute sich schnell um, und rettete die letzten Gegenstände bevor die Regale unter der Wucht des Aufpralls zusammenbrachen.
Mit vollen Armen ging sie auf das Pärchen zu. "Das war alles."
Der Lärm legte sich wieder und die Musik begann wieder zu spielen und die Menschen vergnügten sich weiter als wäre nichts geschehen.
"Vielen Dank! Du hast uns einen guten Dienst erwiesen! Das ist unser ganzes Hab und Gut", sagte die Frau ein wenig wehmütig und doch sehr erleichtert. Sie nahm Teela die letzten Teller und Tassen ab und was sie sonst noch retten konnte. "Wie können wir dir das vergelten?"
"Ich hab's gern getan." Das war die Wahrheit.
"Aber niemand macht etwas derartiges ohne etwas zu fordern... such dir etwas aus. Wir haben nicht viel, aber vielleicht findest du ja was."
Es war wirklich nur Krimskrams, dekorativ bemalte Tonteller, Becher aus Ton oder Holz und kleine geschnitzte Figuren. Doch dann fand sie genau das, was sie brauchte. Es war keine Feldflasche mit Gurt und Ummantelung. Aber es war eine Flasche aus echtem Glas mit einer Holzummantelung und einem Bügelverschluss.
"Gefällt sie Euch?" fragte die Frau und nahm die Flasche aus der Kiste mit den gerade eben noch geretteten Utensilien.
Sie tauschten einen Blick aus und bevor Teela etwas sagen konnte, drückte sie ihr die Flasche in die Hand. "Nehmt sie. Die würde sowieso keiner kaufen."
Es war ihr unverständlich, warum das so sein sollte, aber vielleicht war das auch nur ein Kommentar, um ihr Gesicht zu wahren und Teela die Entscheidung leichter zu machen. Die Flasche war bestimmt wertvoll. Die meisten Sachen hier waren aus Ton oder Holz gefertigt. Etwas, das leicht zu beschaffen oder leicht herzustellen war. Glas hatte sie hier eher selten gesehen.
Die Flasche war dickwandig und die Holzummantelung schützte sie vor Kälte und Zusammenstößen oder vor Stürzen. Sie lächelte, bedankte sich und steckte die Flasche in ihre Tunika. Somit hatte sie die wichtigsten Utensilien beisammen. Sie konnte es kaum erwarten, diese Gegend zu verlassen!
Die Musik stoppte abrupt und die Menschen versammelten sich plötzlich vor der kleinen Bühne.
Die Schausteller würden wohl jetzt auftreten.
Teela fand es nicht schlimm, sich die Zeit mit etwas Kurzweil zu vertreiben.
Schausteller kamen viel herum. Sie würden bestimmt wissen, wenn ein ungewöhnlich starker Mann in dieser Gegend gesehen worden wäre.
Trommelwirbel erklang und die Menschen drängten sich vor die Bühne. Es war nicht leicht, nach vorne zu gelangen für eine bessere Sicht. Die Bühne reichte Teela ungefähr bis zur Schulter, also war sie von jeder Seite des Marktplatzes gut sichtbar.
Die Menschen waren alle unterschiedlichen Alters. Männer und Frauen gleichermaßen. Arme und Wohlhabende. Kinder hatten sich auf das Vordach des Wirtshauses gesetzt und teilten sich Süßigkeiten aus einer Papiertüte.
Ein dürrer hochgewachsener Mann betrat die Bühne. Er blies in ein Horn und verneigte sich mit ausschweifendem Kratzfuß. Sein roter Mantel war viel zu weit. Die Ärmel hatte er zweimal umgekrempelt und doch waren die Ärmel immer noch zu lang. An seinen Schuhspitzen waren Glöckchen genäht, die bei jeder Bewegung in hohen Tönen schellten.
"Meine Ehrerbietung, all Euch Heeresknappen, Euch holde Jungfermaiden, die Ihr Euch so zahlreich eingefunden habet an diesem wunderschönen Tage zur Frühjahresweihe. Eilet herbei, diejenigen welche Ihr noch nicht Euren Platz gefunden habet. Feiert mit uns den heutigen Tag mit Musik und Spiel und auch der Gaumen soll nicht zu kurz kommen."
Die Leute klatschten zurückhaltend und bekamen darauf prompt eine Reaktion.
"Herrschaften, ein so großartiger Markt ist das hier und so einzigartige Spielleut und Akteure haben sich heute hier versammelt, und sooo mickrig fällt doch Euer Jubel aus. Beschämend, beschämend! Lasst uns einmal richtig jubeln mit Geschrei und Handgeklapper! Ich rufe Jubel und ihr schreit euch die Seele aus dem Leib! Eins, zwei, drei: JUBEL!"
Die Leute jubelten recht verhalten.
"Und noch einmal JUBEL!"
Dieses Mal etwas lauter.
"Und noch ein drittes Mal: JUBEL!"
Jetzt grölten sie als Antwort.
Die Lautstärke heiterte ihn sichtlich auf. Er ging ein paar mal grinsend auf der Bühne auf und ab und betrachtete die Menge. Als das Geschrei schließlich verebbte, sprach er weiter: "Lasst Euch mich vorstellen. Ich bin Maximus, Euer Narrator." Er verneigte sich ehrerbietig. "Aber nun, wertes Publikum, die Tarinelli Spielgruppe heißt Euch willkommen bei Spiel und Trank, bei all so manchem Gelächter und hoffentlich auch ordentlich Handgeklapper. Wir haben Euch diesmal atemberaubende Akrobaten und Erzähler mitgebracht. Unsere Recken und holde Maiden freuen sich schon, Euch zur Unterhaltung zu dienen."
Teela achtete kaum noch auf den kuriosen Mann auf der Bühne, dessen Hosenbeine unterschiedliche Farben trugen und sogar an die Schuhspitzen Glöckchen genäht waren, dass man jeden seiner Schritte hören konnte.
Neben der Bühne und knapp dahinter standen einige Leute, die zur Spieltruppe gehören mussten. Sie waren kunterbunt und leicht albern gekleidet, dass man sie gut von allen anderen Zuschauern unterscheiden konnte.
Teela beobachtete jeden von ihrem Standpunkt aus, aber sie konnte weder Adam entdecken, noch jemanden der ihm ähnlich war von Statur und Größe. Es war frustrierend!
Das Programm begann und es war recht abwechslungsreich und lustig gestaltet für eine so kleine Veranstaltung. Offenbar hatte jeder hier die eine oder andere Münze übrig für ein wenig Ablenkung vom Alltag. Die Menschen hier waren wirklich äußerst spendabel.
Teela beobachtete dieses Verhalten still hinnehmend. Sie wollte die Menschen nicht zu voreilig beurteilen, merkwürdig war es jedoch trotzdem.
Entgegen der kargen Landschaft, dürfte das Leben recht eintönig und wenig ertragreich sein. Ackerbau dürfte sich in dieser Region kaum lohnen. Eine ausgewogene Ernährung,
so wie sie es bei Hofe gewohnt war, konnte hier nicht möglich sein. Und doch wurde auf dem Markt allerlei Speisen angeboten, die nicht aus der Bergregion stammen konnten.
Etwas hatte es mit diesem Dorf auf sich. Kein Marketender ging freiwillig auf eine schwierige Reise über einen Bergkamm, um in einem abgelegenen Dorf seine Ware feilzubieten.
Teelas Blick schweifte vom Bühnengeschehen ab und über die Menschenmenge hinweg.
Unbekümmerte Gesichter, wohin sie nur sah. Keine Sorgenfalten, keine kasteiten Gestalten. Lachen und Freude, wohin das Auge reichte.
Sie kaufte sich vom übrig gebliebenen Geld einen Fleischspieß. Das war zwar fast ein kleines Vermögen, aber ihr Magen knurrte schmerzhaft und sie konnte Brei und Stockbrot nicht mehr sehen. Die Bühne konnte sie auch von der hinteren Ecke beobachten, wo kaum einer stand und von wo aus sie sich einen Überblick verschaffen konnte.
Eine Landkarte konnte sie sich wohl aus dem Kopf schlagen. Wenn sie herumfragte, konnte sie sich vielleicht einem der Händler anschließen. Eine helfende Hand mehr, war bestimmt nicht abzuweisen. Vielleicht hatte das alte Pärchen, von dem sie die Flasche erhalten hatte, noch Platz auf dem Karren.
Sie würde noch im Laufe des Abends nach ihnen Ausschau halten und sie dann nach einer Mitfahrgelegenheit fragen.
Die tanzenden Mädchen auf der Bühne verbeugten sich gerade und die Zuschauer pfiffen und klatschten - hauptsächlich alte Männer brüllten ihnen unanständige Kommentare zu, was zu allgemeinem Gelächter führte.
Teela war unaufmerksam gewesen und hatte nicht aufgepasst, welche Darbietung die Mädchen in den weiten Röcken und den bauchfreien Oberteilen vorgeführt hatten. Aber es schien wollüstiges Verhalten unter den Männern geradezu angefacht zu haben.
Der Narrator wurde entsprechend enttäuscht mit Buh-Geschrei wieder von der Bühne komplimentiert. Doch der dürre Pfiffikus ließ sich nicht von den Gebaren der Männer verscheuchen. Selbstbewusst trat er an den Rand der Bühne und fing erst mit reden wieder an als sich die Menge beruhigt hatte.
"Mein wertes Publikum. Ich fürchte unsere gemeinsame Zeit neigt sich heute dem Ende zu." Lautes Bedauern und Beklagen raunte durch das Publikum. Das gefiel dem Narrator und er gab sich geschmeichelt. "Ach, nun macht es mir doch nicht so schwer!" Schon verstummten die Leute. "Das war keine Aufforderung zum Aufhören!" Und schon lachten sie wieder. "Wir kommen ja wieder. Unsere Feuerspieler möchten schließlich Euren alten Säcken noch die letzten drei Haare von der Schädelplatte flambieren! Aber wenn wir nicht gleich die Bühne räumen, werden schlafende Hunde geweckt, und wer möchte sich schon mit Bentos Wachhunden zu tun bekommen, die weit über die Berge bis zu den Grenzen bekannt sind für ihre scharfen Zähne und ihre Schnelligkeit. Ja, er hat sie wieder mitgebracht und wie Ihr Euch denken könnt, werden sie heute sicherlich alle ihren neuen Besitzer finden. Und auch seine andere Ware hat er reichlich mitgebracht. Prachtvolle, junge und wunderschön und weiche... mit zarter Haut, mit dunkler Haut, für jeden wird etwas dabei sein. Wer noch nicht nah genug steht: Sie beißen nicht, im Gegensatz zu Bentos Hunden. Kommt näher und haltet Eure Schillinge bereit. Denn nun kommt er - der große... der einzigartige! Bento!"
Von irgendwo kam Trommelwirbel her und die Leute grölten und klatschten.
Maximus verneigte sich erneut und verließ eilig die Bühne. Ein behäbiger Kerl mit einem Bauchumfang so weit wie er groß war, stieg schweren Schrittes die Seitentreppe zur Bühne hinauf. Er trug einen weiten Mantel mit Pelzbesatz, der so lang war, dass der Rock über den Boden schleifte. Er steckte sich die wurstigen Finger in die in die Hosenösen und schlenderte, der Schnappatmung nahe, zur Bühnenmitte. An jedem seiner Finger trug er einen dicken goldenen Ring mit bunten Juwelen besetzt. Sein Kopf ragte auf einem Doppelkinn, das einmal rund herum ging. Er hatte sozusagen keinen Hals. Sein Kopf wurde allein von einer zweiten gleichdicken Schicht Fett getragen und ging nahtlos über zu seiner korpulenten wuchtigen Figur, die sehr an eine bauchige Flasche erinnerte. Er war zwar groß gewachsen, allerdings in beiderlei Richtungen, so dass seine schwabbeligen Arme jeweils so dick waren die die Oberschenkel eines erwachsenen Mannes. Und trotzdem konnte er seine Arme kaum um sich herum fassen. Schon bei einer klatschenden Bewegung hatte Bento Schwierigkeiten, beide Hände zusammen zu führen.
Begleitet wurde er von zwei gut durchtrainierten Männern. In ihren Gurten steckten mehrere Krummschwerter - zu jeder Seite eines. Die Gesichter waren finster und grimmig. Allein ihre Präsenz ließ keinen Zweifel daran, dass sie jeden töten würden, der Bento zu nahe kam. Sie stellten sich hinter Bento und bedachten die Menge mit bösen Blicken.
Bento hob die Hand und mit einem Mal war die Menge verstummt.
"Es freut mich, dass Ihr Euch so zahlreich eingefunden habt. Das zeigt mir, dass meine Ware gut gefällt." Seine Stimme war ein völliger Kontrast zu seiner körperlichen Erscheinung. Er wirkte groß und wuchtig und doch klang seine Stimme sehr jungenhaft und beinahe winzig. "Ich werde Euren Erwartungen heute hoffentlich wieder gerecht werden. Es sind heute wieder Dorianer dabei, groß und kräftig. Sie können euch bei allem behilflich sein und wenn ihr sie nicht mehr braucht, verkauft ihr sie einfach weiter. Der Gewinn ist Euch gewiss! Aber ich möchte euch nicht dazu ermutigen, mit mir in Konkurrenz zu treten. So etwas macht man nicht, das versteht ihr ja."
Obwohl seine Stimme so unerwartet leise war, konnte man doch jedes Wort auf dem ganzen Marktplatz verstehen. Es gab nur zustimmendes und respektvolles Nicken.
"Ich möchte Euch nicht den Mund wässrig machen. Ich sage, lasst sie auf die Bühne und haltet Eure Geldbeutel bereit. Wer den Zuschlag verpasst, hat Pech gehabt. Also bietet schnell, wenn Euch etwas gefällt!"
Einer seiner Leibwächter reichte ihm eine lange Peitsche aus schwarzem Leder.
Die Leute drängten näher an die Bühne.
Eine Fanfare ertönte und die Leute jubelten aus vollen Kehlen und hoben die Hände.
Teela zog ihren Schal enger um sich und suchte einen Weg aus der Masse heraus.
Es stellten sich auf der Bühne Männer und Frauen verschiedenen Alters auf. Große und Kleine, dick und dünn. Sie wurden an einer Kette herbeigeführt, die sie miteinander verband - mit einem Halsband aus dunklem Metall. Ihre Blicke waren leer. Ihre Haare zerzaust.
Eines hatten alle gemeinsam: Sie waren alle nackt.
Da wurde Teela auf einmal klar, womit dieser Bento sein Geld verdiente!
"Schaut sie euch an!" rief Bento laut. Seine Schergen ketteten die Menschen auf der Bühne derweil ab. "Prachtvolle Burschen, so stark, dass sie euch die Säcke auf den Karren hieven bevor ihr euch versehen könnt! Junge Kerle, die euch den Lebensabend sichern werden." Bento griff sich einen der Männer, der zu seinem Bedauern zu langsam reagierte und prompt eins mit dem Peitschenknauf auf den Hinterkopf bekam. Schockiert starrte dieser den Dicken an und hielt die Hände schützend über seinen Kopf. "Ein wenig widerspenstig sind sie ja schon, aber das werdet ihr ihnen schnell austreiben können. Eine Woche bei Wasser und schimmeligem Brot wird ihnen das Fürchten lehren. Aber das muss ich meinen besten Kunden dieser Gegend wohl nicht erklären. Ihr wisst schon, wie ihr mit euren Sklaven umzugehen habt, nicht wahr?"
Zustimmender Jubel ertönte. Bento strich sich über den dicken Bauch und schob die Daumen in seinen Gürtel hinein. Der Mann neben ihm zitterte und sah, trotz Lobpreisungen wie 'prachtvoll' sie doch aussehen sollten, mager und leicht blass aus.
"Und wenn euch eure Alte mal wieder nicht in Ruhe lassen will, schickt ihr einfach den Sklaven vor. Der besorgt es eurer Alten dann so richtig!" Die Menge grölte und lachte darüber. "Ihr wisst ja, wir treffen auch Vorkehrungen für so was! Wir wollen ja nicht, dass sich unsere Ware fortpflanzt, eh!" Bento machte eine schneidende Handbewegung mit den Fingern und alle fingen wieder an zu lachen. Dem Mann mit dem Halsband war alles andere als zum lachen zumute. Aber bevor er auch nur realisieren konnte, worüber der Händler sprach, schubste er ihn auch schon wieder zurück in die Reihe, wo die anderen männlichen Sklaven verängstigt dreinschauten.
Teela hoffte inständig, dass die Männer und Frauen, die auf der Bühne standen, die einzige 'Ware' war, die der Händler anbot. Sie war beinahe erleichtert, dass sie Adam nicht unter den Sklaven entdecken konnte. Auch wenn dies bedeutete, dass sie ihn immer noch finden musste.
Die Auktion interessierte sie auf einmal nicht mehr.
Sie wollte nicht mit ansehen, wie diese Menschen als Sklaven verkauft wurden.
Sklaverei verstieß gegen jede geltende Konvention und königliche Verordnung. König Randor würde so etwas niemals in seinem Reich dulden! Aber es passte zu dieser seltsamen Gesellschaft.
Ihre Gedanken galten Adam. Wenn keiner König Randor kannte, bedeutete das entweder, dass die Dorfbewohner so hinterweltlerisch lebten, dass sie sich nicht um Territoriale Angelegenheiten scherten, oder dass Teela vielleicht auch ganz woanders war und nicht mehr auf Eternia.
Auf der linken Seite, wo die Soldaten die Frauen in eine Reihe aufgestellt hatten, war auch ein kleines Mädchen mit aschblonden Haaren, die ihr dreckiges Gesicht wie ein Kranz aus purem Licht umrahmten. Auch sie wurde nackt vorgeführt. Der Halsring war ihr viel zu groß und die Kanten rieben ihre zarte Haut wund. Beschämt hielt sie sich die Hände vor ihren Schoß, doch das wurde nicht geduldet. Sobald einer der Soldaten das sah, zischte die Peitsche durch die Luft und das Mädchen zuckte zusammen. Mit beiden Händen an die Seiten gepresst sah sie zu Boden und Tränen rollten einzeln über die schmutzigen Wangen.
Mitleid gab es für das Mädchen allerdings nicht.
"Wir haben heute jung und alt für euch! Verschmäht die Alten nicht. Sie können euren jungen
Burschen noch eine Menge beibringen! Ich habe dafür gesorgt, dass sie eine gründliche Ausbildung erhalten. Und ihr wisst, dass ihr euch auf meine Qualität verlassen könnt!" Ein Blick zu seinen Schergen, ein Nicken, und schon wurde die erste Ware vorgebracht. Es war ein junger Mann, kräftig gebaut, und doch etwas mager. Bento schien seine Sklaven nicht besonders gut zu behandeln. Alle liefen gebückt und rieben sich die Arme. Auch wenn der Frühlingsanfang gerade gefeiert wurde, waren die Temperaturen immer noch recht kühl, und diese Menschen standen nackt auf der Bühne. Nicht einmal ein Leibchen hatten sie ihnen gegönnt... Der Käufer sollte sehen, was er kauft.
"Fangen wir mit dem neuesten Mitglied meines Angebotes an. Dieser junge Bursche wurde im Gostinotal aufgegabelt. Ganz abgemagert war er und hätte keine weitere Nacht im Schnee überlebt. Da konnte ich natürlich nicht tatenlos zusehen und habe diesen Prachtburschen vor dem sicheren Tod gerettet. Und scheut ihn euch an! Er ist wieder ganz gesund und kräftig! Zeig dich deinen neuen Meistern, Bengel!"
Der Mann zierte sich vehement. Er hielt die Hände schützend vor sein Geschlecht. Die Schultern hingen nach vorn und er schaute ängstlich zu Bento hinüber.
"Zeig deinen Körper! Ich sag's nich' noch einmal!" Bento hob drohend die Peitsche. Doch der Mann wollte nicht gehorchen. Es knallte durch die Luft und der Peitschenhieb hinterließ einen ziemlich hässlichen Streifen auf seinem Arm. Bentos Schergen kamen einige Schritte auf ihn zu und schon stand der Mann stramm wie ein Soldat zum Morgenappell. Bento grinste selbstgefällig und entblößte seine vergilbten und verfaulten Zähne. "So ist's recht, Sklave."
Der Mann bewegte sich nicht. Die Arme waren eng in die Seiten gepresst. Erst da sah man die vielen blauen Flecken und Blessuren an Armen und Beinen. "Schaut euch diese Oberarme an. Er kann euch jeden Mehlsack von hier bis zum Bergpass schleppen ohne zu verschnaufen!" Bento beschönigte seine Ware noch mit weitaus unglaubwürdigeren Geschichten. Wahrscheinlich um den Preis unnötig in die Höhe zu treiben. "Das Angebot startet bei 5 Groschen!"
Ein Raunen ging durch die Menge.
"Ich biete 5!" rief einer.
"Ich biete 5 Groschen und 5 Rappen!" rief ein anderer.
Und so ging das ganze Geschrei los bis der erste Sklave für nur 7 Groschen verkauft wurde. Selbst die buntesten Verherrlichungen konnten die potentiellen Bietenden nicht von dem Mann überzeugen. Aber das schien Bento nicht viel auszumachen. Er ließ den Sklaven gleich von seinen Schergen zum neuen Besitzer bringen.
Die gute Laune des Wetters ließ allmählich nach.
Das bemerkte auch der alte Bento, der sich beeilte, seine Sklaven an ihre neuen Besitzer zu verkaufen.
Seine Laune wurde mit jedem verkauften Sklaven schlechter. Die Leute wollten nicht bieten und es wurde kalt und ungemütlich. Die Wolken zogen sich zu und jeden Moment würde es anfangen zu regnen. Dabei interessierte es ihn bestimmt nicht, dass seine Sklaven niesten und keuchten und sich die Arme vor Kälte rieben. Was Bento trieb, war der Profit. Wenn das Wetter sich verschlechterte, würden die Menschen nicht länger auf dem Platz stehen bleiben.
"Werte Käufer, ich habe euch natürlich nicht nur meine besten Sklaven mitgebracht. Seid Ihr es leid, dass der Winter viel zu hart ist, dass er jedes Jahr immer kälter wird. Habt Ihr es auch bemerkt, dass der Winter immer kälter wird und Eure Ernte dafür immer magerer?" Zustimmendes Gemurmel aus dem Publikum. "Ich habe es auch bemerkt und glaubt mir, Ihr seid nicht allein! Auch die Leute in _ leiden unter Dürren und schlechtem Wetter, die ihnen die Ernte vermiesen." Bentos Schergen kamen indes mit einer weiteren Sklavin auf die Bühne. Sie war anders. Ihre Haut war schmutzig und sie hatte offene Wunden an den Knien und Ellenbogen. Doch etwas irritierte Teela viel mehr. Der Frau hatte man einen Leinensack über den Kopf gestülpt und ihr Schluchzen war von weitem noch zu hören. "Habt Ihr bemerkt, dass jedes Jahr weniger Kinder geboren werden? Die Hebammen klagen über eine Totgeburt nach der anderen. Unsere Medizinkundigen haben jede Menge zu tun mit den vielen Krankheiten und anderen Katastrophen, die uns über die Grenzen eingebracht werden. Das sind unsichtbare Zaubereien, gegen die sich der gemeine Bauer oder Marketender nicht wehren kann, und schon gar nicht die liebende Mutter und ihre kleine Sippschaft! Und wer ist daran Schuld?"
"König Vikorias!" "Ja, genau!" "Der Hurenbock hat mir meinen Sklaven geklaut!" kam es aus verschiedenen Richtungen und alle stimmten verärgert zu. "Der soll schmoren im Fegefeuer." und "Sollen die Götter ihn verfluchen!"
Die Stimmung kippte ganz schnell in Aggressionen und Gedränge um. Der Platz war nie voller gewesen. Jeder wollte sich äußern über diesen König. Teela hörte genau hin. König Vikorias musste ein Feind von König Drokah und dessen Verbündeten sein. Anders war die Wut der Leute gar nicht zu erklären.
"Ja, genau!" brüllte Bento mit rot angelaufenem Gesicht. "Er nimmt euch eure Sklaven. Er lockt sie zu sich. Sie laufen weg von euch - einer nach dem anderen - und an wem bleibt die Arbeit dann hängen?" Bento machte eine dramatische Pause und alle riefen ihm wild zu. Die Menge hing ihm an den Lippen. Geduldig und mit einem leicht süffisanten Lächeln hob er eine Hand und die Leute verstummten allmählich. "Ich kenne eure Sorgen und eure Probleme... Und glaubt mir, wenn ich euch sage: Auch mich machen sie sehr betroffen."
Auf ein Handzeichen schoben seine Schergen die Frau mit dem Leinensack über dem Kopf bis an den Bühnenrand. Sie hatten ihr die Arme auf den Rücken verdreht, so dass sie auf den Fußballen laufen musste. Die Kerle ließen sie los und sie wäre beinahe in sich zusammengesackt, wenn Bento sie nicht plötzlich am Nacken gepackt hätte. Ein Stöhnen war durch das grobe Leinen zu hören.
Bento schien dies nicht zu interessieren.
"Aber ich weiß nicht nur um eure Sorgen, ich kenne auch die Ursache... Denn es ist nicht nur der alte Vikorias, der eure Ernte mit unsichtbarer Hand auf den Feldern noch vor dem ersten Schnitt vergammeln lässt. Nein, er schickt seine Handlanger vor, die sich an eurem Hab und Gut vergehen." Er riss der armen Frau den Sack vom Kopf und die Menge schrie auf vor Entsetzen. Und es wurde wieder lauter. Die ersten vergammelten Gemüsereste landeten auf der Bühne und trafen sowohl die Frau als auch Bento, wovon er sich aber nicht stören ließ.
"Ich weiß euren Unmut zu schätzen, und glaubt mir, es ist uns nicht leicht gefallen, diese Missgeburt gebührend zu halten. Wir mussten sie die ganze Zeit über von den übrigen Sklaven fernhalten. Sie soll uns ja schließlich nicht noch unsere Ware verderben oder?" Wieder wurde der Unmut der Leute laut.
Teela schaute genauer hin. Sie konnte nichts sonderbares an der Frau erkennen. Sie war jung und hübsch, hatte eine schlanke, doch recht kurvige, weibliche Figur. Ihre Soldaten hätten die Köpfe nach ihr gereckt, wenn sie an ihnen vorbeigegangen wäre. Ihr rotes Haar war zu einem einfachen Zopf zusammengeflochten und ging ihr über die Schulter. Sie hatte die Augen gegen das grelle Licht zusammengekniffen und wollte sich die Hand vor die Augen halten. Doch der alte Dicke schlug ihr mit dem Peitschenknauf die Hand weg.
"Der große König Drokah hat Rothaarigen - egal ob männlichen oder weiblichen Geschlechts - den Zutritt zu seinem Königreich verwehrt. Dies ist bis weit über die Grenzen bekannt. Jedes Weibsbild oder jeder Scharlatan mit roten Haaren ist zu ächten und als vogelfrei zu betrachten. Sie dürfen weder anständige Arbeiten aufnehmen, noch dürfen sie sich Eigentum käuflich erwerben. Rothaarige sind bei Aufgriff der Obrigkeit zu melden und es darf nach Belieben mit ihnen verfahren werden, denn sie sind die Ursache für jedes Übel und jede Krankheit, sollten diese mit Erscheinen der oder des Rothaarigen vermehrt auftreten", zitierte Bento ein Pamphlet, das er schnell aus seinem Ärmel gezogen hatte. Dann begann er auf und ab zu wandern, die junge Frau stets am Nacken gepackt mit sich schleifend. "Dies ist eine Unheilige! Wollt ihr verhindern, dass sie weiter eure Felder verhext? Dass sie eure Kinder stiehlt? Dass sie eure Männer verführt und ihr dann eure Gatten begraben dürft, weil sie sie beim Akt verhext, dass eure Männer elendig beim Akt verrecken?"
"Bitte... Ich habe nichts gemacht..." wimmerte die junge Frau. Sie zitterte vor Angst am ganzen Körper.
"Schweig, du dummes Ding!" raunte Bento sie an und schüttelte sie kräftig durch. Die Frau war zu schwach, um sich gegen den Koloss zu wehren.
Schwer atmend richtete er sich wieder an die seine potentiellen Käufer: "Sie hat's sogar bei meinen Männern versucht. Ein wenig Gefälligkeit hier, ein Schmatzer dort... Aber deiner Macht sind wir nicht unterlegen, Hexe! Wir sind gegen deine Zaubersprüche und deine Avancen gefeit."
Bento ließ sie los und sie sackte kraftlos zu Boden. Seine Schergen griffen sie wieder auf und zogen sie auf die Beine, die Arme wieder auf den Rücken verdreht.
"Was sollen wir also mit dieser Hure anstellen?"
"Ich bin keine Hure!" rief sie weinend.
"Ach, bist du nicht?" Bento kam bedrohlich auf sie zu und schob den Peitschenknauf unter ihr Kinn, so dass sie aufschauen musste. "Die Hure will eine Jungfrau sein! Dass ich nicht lache!" Die Menge stimmte in sein Gelächter ein.
"Das stimmt aber! Ich habe noch nie bei einem Mann gelegen!"
Das Gelächter wurde lauter und die Verzweiflung überkam sie.
"So so, eine Jungfrau... Die Hexe ist eine Jungfrau..." Bento lachte immer lauter. "Dann ist doch wohl klar, was wir machen müssen. Wollt ihr etwa, dass sie zu den Göttern kommt, wo sie sich an euren Sternenkindern vergreifen kann? Ganz sicher nicht."
"Brennen soll sie!" rief einer aus der Menge.
"Brennen in der Hölle!" setzte ein anderer hinzu.
Bento grinste süffisant. "Aber wenn die Hexe als Jungfrau stirbt, laufen wir Gefahr, dass wir sie zu den Göttern schicken statt zu
den Dämonen. Das dürfen wir nicht zulassen! Männer, bringt mir den Holzblock!"
Zwei weitere grobschlächtige Kerle kamen hinter der Bühne hervor und rollten einen Klotz auf die Bühne, der wohl öfter benutzt wurde. Das Holz war an einigen Stellen rot. Das Holz hatte die Farbe aufgesogen wie Wasser. Teela überkam ein ungutes Gefühl, dass das keine Farbe war. Auf einer Seite waren rostige große Scharniere angebracht. Es klapperte ordentlich als die Männer den Holzblock auf der Bühne positionierten.
Bentos Schergen schoben die Nackte zu dem Holzblock und traten ihr in die Kniekehlen, dass sie vor dem Block auf die Knie fiel.
"Und nun, meine wertgeschätzten Bietenden, brauchen wir einen Mutigen, einen Helden, der sich der Gefahr aussetzt, von diesem Rotschopf verhext zu werden und dabei sein Leben gefährdet und sich allen Krankheiten aussetzen wird. Sollte er zum Wohle aller hier doch sein Leben lassen, wird ihm ein Platz neben den Göttern im ewigen Jenseits gewiss sein! Also kommt, ihr Burschen! Wer traut sich, dieses Weib in die Hölle zu schicken? Denkt aber daran, ihr braucht schon einen kräftigen Stängel, um es diesem widerspenstigen Weib zu geben! Wer bietet einen Groschen?"
Die Hölle brach los.
Jeder Kerl wollte sich beweisen und sie überboten sich gegenseitig.
Für einen bloßen Fick... Nein, für eine Heldentat, so wie es die anderen betrachteten.
Teela drehte sich der Magen um.
Das war also der Grund, warum Dalianta und Tahir auf das Kopftuch bestanden hatten.
Rothaarige Menschen waren in dieser Gegend nicht nur ungern gesehen, sondern auch illegal und vogelfrei. Es war ihr schleierhaft, dass jemand die Rechte einer Person auf die Haarfarbe reduzieren konnte. Gleichzeitig war sie jedoch erleichtert, dass ihr ein solches Schicksal erspart blieb. Man hätte sie auch einfach an den nächsten Sklavenhändler verkaufen können. Ihr Schicksal wäre somit beschlossene Sache gewesen und mit dem gebrochenen Bein würde sich niemand für sie interessieren.
Teela schaute der armen Frau ins Gesicht.
Resignierte Augen starrten ins Leere. Die Wangen waren feucht und gerötet. Sie hatte sich mit dem, was geschehen würde, abgefunden. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen. Es würde ihr ohnehin niemand helfen.
Der Käufer war schnell gefunden - für einen ganzen Schilling! Die besten Männer waren nicht einmal ansatzweise für den Preis verkauft worden. Der Höchstbietende wurde wie ein Held gefeiert. Sie jubelten ihm zu und schlugen ihm beim vorbeigehen kräftig auf die Schultern. Je näher er der Bühne kam, desto glasiger wurde sein Blick, desto breiter sein Grinsen.
Bentos Schergen übergossen die Rothaarige inzwischen mit kaltem Wasser und schrubbten ihren Unterleib mit einer Bürste, die mehr für das Schrubben von Bodenfliesen gedacht war.
Der Bursche griff sich beherzt in den Schritt, während er mit der anderen Hand den Preis beglich.
Die beiden Soldaten bauten sich vor dem Burschen mit verschränkten Armen auf und reichten das Geld an ihren Herrn weiter.
Bento biss prüfend in den Schilling und nickte knapp.
Geifernd und mit übereifrigen Fingern riss der Bursche sich die Hose auf.
"Dann mal los, du geiler Bock! Besorg's der Hexe! Und denk an deine Verstorbenen! Die wollen die Alte nicht unter sich wandeln sehen! Also gib's ihr!"
Sie flehte noch und wimmerte und wandt sich, dass sie dem Jungen ins Gesicht schauen könnte.
Ihre Schreie gingen schnell in dem Jubel der Menge unter.
Teela wandte ihr Gesicht ab und drückte ihre Ohren mit den Daumen so fest zu, dass es wehtat.
Die Leute tanzten um sie herum und feierten den Kerl. Einer packte Teela bei den Schultern und brüllte ihr etwas von 'die hat's verdient' entgegen. Es teilte niemand ihr Mitgefühl für die unschuldige Frau, die sich nichts anderes zu Lasten hat kommen lassen als mit der falschen Haarfarbe geboren worden zu sein.
Als sie wieder hinsah lag der Kopf der Frau auf dem Boden und das Blut spritzte aus dem Hals heraus. Der Junge packte seinen Schwanz wieder ein und wirkte sichtlich zufrieden mit sich selbst.
Der Rest der Auktion verging wie in Trance. Sie hörte nicht mehr, was um sie herum geschah und sie reagierte nicht auf die Avancen der umstehenden Kerle, die das Spektakel auf der Bühne als Startschuss sahen, ihre Moral und ihr Benehmen über Bord zu werfen und sich an jedes Weib zu machen, das ihnen gerade am nächsten stand.
Es war nur reiner Reflex, der ihre Faust vorschnellen ließ und dem Kerl, der sie nicht in Ruhe lassen wollte, einfach die Nase brach.
Ein anderer packte sie von hinten und verfehlte nur knapp das Tuch, das ihre Haare verbarg.
Gekonnt versetzte sie dem Kerl hinter ihr einen Tritt ins Gemächt und nutzte die Verwirrung beider Männer aus, um die Flucht zu ergreifen. Sie wandt sich durch die Menge hindurch während die Schlägerei hinter ihr voll entbrannte und die eben noch gute Stimmung auf einmal ins Gegenteil umschlug.
In einer engen Gasse zwischen Kisten und Fässern versteckt traute sie sich endlich aufzuatmen und hinter sich zu blicken. Der Aufruhr breitete sich wie eine Welle aus.
Sie rannte so schnell sie konnte aus dem Dorf und den Weg hinauf zur kleinen Hütte.
Ihr Bein brannte und die Muskulatur wollte ihr nicht immer gehorchen. Aber das war ihr egal. Sie musste so schnell wie möglich weg von hier! Aber sie durfte sein Schwert nicht zurücklassen…
TBC...
