Kylo erhob sich von seinem Bett. Seine Glieder fühlen sich schwer und steif an. Mit Mühe zog er sich seine von Staub überzogene Uniform aus und begab sich unter die Dusche. Salzkristalle hatten sich in seinen Haaren verfangen. Der Staub von Crait zog rote Linien über seinen Körper bevor er im Abfluss verschwand. Kylo ließ das Wasser über sein Gesicht rinnen und verlor sich wieder in Erinnerungen.

Mit Reys Hilfe hatte sich Kylo von Snoke befreit, doch was von ihm ohne seinen dunklen Meister geblieben war, konnte Kylo nicht sagen. Den Ben Solo von früher, das wusste er, würde es nie wieder geben. Rey hatte gedacht, Kylo würde seine dunkle Seite einfach ablegen. Hatte sie geglaubt, er könne ins Licht treten und ein Jedi werden? Kylo würde die dunkle Seite der Macht niemals aufgeben. Und er hatte zu viel Schuld auf sich geladen, um ins Licht zu treten. Er würde sich neu erfinden müssen und den Weg alleine gehen.

Nachdem sich ihre Hände berührt hatten und Kylo ihre gemeinsame Zukunft gesehen hatte, war er sich sicher gewesen, dass Rey ihn auf seinem Weg begleiten würde. Sie gehörten zueinander. Wie Snoke hatte er ihr Erwachen in der Macht gespürt. Es war aber schon lange vor Takodana gewesen, dass er sich ihrer gewahr wurde. Er hatte sie schon viele Male zuvor in seinen Träumen gesehen. Ihm war sogar der Klang ihrer Stimme vertraut. Trotzdem hatte er sie nicht sofort erkannt als er sie im Wald bei Maz Kanatas Schloss zum ersten Mal in Wirklichkeit sah. Er spürte nur, dass da irgendwas war und er sich nicht mehr so rational verhalten konnte wie es angebracht gewesen wäre. Kylo vermochte sein Verhalten nicht zu deuten, und wollte zunächst auch nicht wahrhaben, dass er ab da nicht mehr von ihr ablassen konnte und sie ständig in seinen Gedanken auftauchte.

Erst im Nachhinein verstand er, dass sich bei dem Verhör auf Starkiller Base die Verbindung zwischen Rey und ihm geschlossen hatte, auch wenn er sie zu dem Zeitpunkt immer noch nicht als die Frau aus seinen Träumen identifizieren konnte. Er hatte miterlebt, wie während des Verhörs in ihr die Macht erwacht war, aber ihm war nicht klar gewesen, dass Rey durch ihre Verbindung nicht nur einen Zugung zu seinen Gefühlen und Erinnerungen erhielt, sondern sie auch seine Fähigkeiten übernehmen konnte. Er begriff all dies erst bei ihrem Duell auf Starkiller Base. Trotz alldem, er hätte sie töten können, dort im Schnee, entgegen Snokes Anweisung, sie zu ihm zu bringen, trotz seiner Wunde, trotz seines ... emotionalen Zustandes, aber er wollte nicht. Er wollte sie unterrichten, er wollte sie bei sich behalten, für sich behalten - schon da. Er hatte seine Seelenverwandte gefunden. Die Macht hatte sie zusammen geführt.
Dennoch war Kylo überrascht als sie wenige Tage später vor ihm stand fast als befänden sie sich im gleichen Raum und nicht Lichtjahre voneinander entfernt. Die Intensität ihrer Verbindung war erschreckend und faszinierend zugleich. Nachdem sich ihre Hände berührt hatten, war er zutiefst erschüttert gewesen. Die Macht hatte ihm offenbart, dass sie an seiner Seite stehen würde. Allerdings war er von einer ferneren Zukunft ausgegangen.

Natürlich hatte er gespürt, wie sie sich der Supremacy näherte, es hatte ihn überrascht, beglückt und verunsichert. Wie ein verliebter Idiot glaubte er, sie käme seinetwegen. Seinetwegen! Weil sie das Gleiche gefühlt hatten. Auch Snoke hatte Reys Ankunft gespürt und verlangt, er möge sie zu ihm bringen. Kylo war dem Befehl gefolgt, es gab keine Alternative. Er würde Rey beschützen. Sie gehörte zu ihm und er würde nicht zulassen, dass Snoke sie tötete oder benutzte. Kylo hatte keinen Plan. Er wusste nur, dass er sich vor Snoke keine Schwäche anmerken lassen durfte, und seine Gefühle für Rey wurden ihm als Schwäche ausgelegt. Er musste ihre Verbindung leugnen und sich wappnen. Als sich Rey ihm im Fahrstuhl näherte brachte ihn das kurz aus der Fassung. Die Zeit war nicht lang genug, um zu bedenken, was ihre Worte bedeuteten, und dass sie sich grundlegend von dem unterschieden, was er in seiner Vision gesehen hatte. Er wollte ihr von ihren Eltern erzählen, weil er wusste wie viel ihr das bedeutete, aber da öffneten sich schon die Türen zu Snokes Saal.

Im Thronsaal behauptete Snoke, er hätte die Verbindung zwischen Rey und Kylo initiiert. Snokes hämische Worte hatten Kylo aufhorchen lassen. Selten war es so offensichtlich, dass er Snoke nichts bedeutete, dass ihn Snoke nur ausnutzte. Es entzürnte Kylo, dass er für seinen Meister nur ein Spielball war und Snoke etwas entwürdigte, was Klyo heilig geworden war. Kylo vermutete zudem, dass Snoke log. Die Wahrheit spielte jetzt keine Rolle mehr, denn im Nachhinein hatte sich gezeigt, dass seine Verbindung mit Rey auch ohne Snoke existierte. Snokes hämische Worte hatten nur gezeigt, was für eine Schlange er war. Als er Rey im Thronsaal wie ein Spielzeug durch den Raum wirbelte und sie vor Schmerzen schrie, wusste Kylo, dass er Snoke töten würde. Er hasste Snoke. Es war Zeit, sich von ihm zu lösen. Er durfte nur nicht die Kontrolle über seine Gefühle verlieren, musste Ruhe bewahren, abwarten. Als die Chance kam, war es fast zu einfach.

Genau wie der Kampf gegen die Prätorianer. Es war als ob Rey und er zu einer Person verschmolzen. Wenn sie ihm nahe war, wusste er genau, welchen Schlag sie als nächstes plante, zu welcher Bewegung sie ansetzte. Trotzdem war er voller Angst gewesen, dass sie verletzt werden könnte. Er hatte noch nie so verbissen gekämpft.

Natürlich hatte er gedacht, sie würden das Gleiche wollen. Im Nachhinein konnte er nicht mal behaupten, sie hätte ihn getäuscht, er war nur zu verblendet gewesen, es zu sehen. Er hatte ihre Einsamkeit gespürt, und sich in ihr wiedergefunden. Sie zu berühren und mit ihr in der Macht zu verschmelzen war überwältigend, eine mentale, emotionale und sinnliche Erfahrung, nach deren Ende er sich fühlte, als wäre er nur noch halb.

Bitterkeit hatte ihn erfasst als er ihre Ablehnung sah, sich ihm anzuschließen. Er konnte ihre Tränen nicht verstehen. Sie erzürnten ihn und er schrie sie an. Ihr Kommen war für ihn ein Versprechen gewesen, ihre Zurückweisung fühlte sich an wie ein Verrat. Der Widerstand – seine Feinde – standen an erster Stelle, er kam irgendwo dahinter. Sie wollte, dass Kylo alles aufgab, dabei war sie es doch, die nichts hatte. Sie hatte es immer schon gewusst, dass ihre Eltern unbedeutend waren. Schlimmer noch, sie waren armselige Abhängige gewesen, die Rey als Fünfjährige an Unkar Plutt verkauft hatten. Dass Kylo angesichts der Zurückweisung dieses Wissen als Waffe einsetzte, um sie an sich zu binden, war grausam. Es zeigte, was aus ihm geworden war. Trotzdem konnte er auch jetzt nicht begreifen, warum sie das Lichtschwert zu sich gezogen hatte. Was wollte sie denn damit anstellen? Wollte sie ihn angreifen? Vertraute sie ihm so wenig? Konnte sie – wie Luke – nur das Böse in ihm sehen? Immerhin, er lebte noch. Er war ihr in seiner Bewusstlosigkeit hilflos ausgeliefert gewesen. Was hatte sie davon abgehalten, das Monster zu töten? Gelegenheit, Skrupel oder Zuneigung? Er konnte diese Frage nicht beantworten.

In der Duschkabine begann die Wasserkontrollanzeige zu piepsen. Der schrille Ton riss Kylo aus seinen Gedanken. Auf einem Kampfschiff wurden Ressourcen rationiert. Kylo trocknete sich ab, beendete seine Körperhygiene und lief zum Kleiderschrank. Sein Blick fiel auf sein Laserschwert, das auf einer schmucklosen Kommode neben dem Schrank lag. Es war ihm von einem der Prätorianer aus der Hand gerissen worden. Kylo erinnerte sich nicht daran, es wieder aufgehoben zu haben. Euphorie, Erleichterung und Schock hatten ihn nach dem Kampf vollständig ausgefüllt. Die ganzen Ereignisse waren so bizarr gewesen. Als er aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht war und Hux mit diesem seltsamen Gesichtsaufdruck bei ihm stand, steckte sein Lichtschwert wieder in seinen Halfter. Kylo wusste nicht, wie es dahin gekommen war.

Kylo hatte Snoke für Rey getötet. Vielleicht hätte er es irgendwann auch ohne Rey geschafft, sich von Snoke zu befreien, aber wann? Und was wäre dann noch von ihm übrig geblieben? Er konnte auch jetzt nicht sagen, welcher Teil von ihm ihn selbst ausmachte und was Snokes Werk war. Seine Gefühle für Rey gehörten ihm allein, da war er sich sicher. Für Rey hatte es so gewirkt, als hätte sich ihre Vision bewahrheitet. Er hatte sich im Thronsaal gegen Snoke gewendet. War damit Reys Vision erfüllt? Hatte er seine Rolle in ihrem Plan gespielt und war sie nun zufrieden zu ihren Freunden zurückkehrt, wenn auch enttäuscht darüber, dass er nicht bereit gewesen war, den Widerstand zu retten?
Seine Vision hatte sich nicht erfüllt. Was er gesehen hatte... Nun, er hatte es Rey nicht ins Gesicht sagen können, es war... sehr persönlich. Er hatte nur andeuten können, dass er aufgrund dessen, was er gesehen hatte, wusste, dass sie irgendwann an seiner Seite stehen würde. Seine Vision hatte jedenfalls nichts mit Snokes Tod zu tun gehabt und er fühlte sich um die Zukunft, die er gesehen hatte, betrogen.

Doch Zukunftsvisionen waren mehrdeutig. Luke hatte mit ihm vor Jahren darüber gesprochen. Wie Yoda war sein Onkel davon überzeugt, dass Vorhersehungen nicht zu trauen wäre, da die Zukunft immer im Fluss sei. Luke berichtete, dass auch Darth Vader als junger Mann, viele Träume von der Zukunft gehabt hätte, und er mit ihnen immer richtig lag. Doch dann hatte er den Tod von Padmé – „deiner Großmutter" – vorhergesehen. „Anakin dachte, Padmé würde im Kindbett sterben. Die Angst vor ihrem Tod trieb ihn in die Arme von Darth Sidious, der Anakin einflüsterte, er könne mit der dunklen Macht Padme retten. Am Ende starb Padmé nicht durch wegen der Geburt ihrer Kinder, sondern an ihren emotionalen und psychischen Schmerzen. Ich würde sagen, sie ist an einem gebrochenen Herzen gestorben. Sie hatte keinen Lebenswillen mehr, weil sich Anakin, den sie unendlich liebte, zur dunklen Seite gewandt hatte." Eine Interpretation der Ereignisse, die Snoke immer als lachhaft bezeichnete. Wie kann man an einem gebrochenen Herzen sterben? Etwas in Kylo begann, es zu verstehen.