Kylo nahm ein paar Energieriegel aus einer Schublade und goss sich etwas zu trinken ein. Er hatte vergessen sich eine Mahlzeit zu bestellen und wollte nun niemanden mehr sehen. Langsam kaute er auf den zusammengepressten Flocken herum, die angenehm nach Jupulver schmeckten.

Er hatte viele schwarze Tage erlebt. Es war zynisch, aber auf einer Liste der schlimmsten Tage in seinem Leben hätte dieser hier nicht mal ganz oben gestanden. Immerhin hatte er niemanden umgebracht, den er mal geliebt hatte. Kylo musste sich eingestehen, dass es Luke zu verdanken war, dass durch ihn weder Rey noch Leia verletzt oder gar getötet wurden. Luke, den er so viele Jahre lang gehasst und gesucht hatte. Wie oft hatte er sich ausgemalt, was er Luke sagen würde bevor er ihn tötete? Dass er von seinem alten Lehrmeister wie ein kleiner Junge behandelt werden würde, war in seinen Vorstellungen allerdings nicht vorgekommen.

Kylo erinnerte sich noch gut daran, wie Chewie ihn bei Lukes Jedi-Tempel abgesetzt hatte. Er war mit Widerwillen und Zweifeln zu seinem Onkel, dem großartigen Jedi-Meister, gezogen. Kylo wollte nie ein Jedi werden und hatte daher zunächst einen anderen Weg eingeschlagen. Nach der Schule begann er eine Ausbildung bei der Militärakademie. Wozu ein Jedi werden, hatte er sich gefragt. Leia war auch machtbegabt und nie zum Jedi ausgebildet worden. Kylo fand nicht, dass es ihr geschadet hatte, zumal der Jedi-Orden keine ehelichen Verbindungen duldete. Trotzdem drängte ihn seine Mutter immer wieder dazu, sich von Luke unterrichten zu lassen. Sie sah, dass Kylo die Macht intuitiv nutzte, und es machte ihr Angst, wie ihr Junge seine Macht aus rohen, unkontrollierten Gefühlen zog. Sie empfand es als sehr bedenklich, dass er aus Eifersucht Gegenstände an einer Wand zerschmetterte, aus Versagensangst einmal sogar die Lösungen für eine Schulaufgabe in den Gedanken des Lehrers suchte und einem Jungen, der ihn immer wieder schikanierte, die Kehle zudrückte. Kylo schämte sich für viele seiner Handlungen, aber es ärgerte ihn, dass Leia nicht sah, dass er seine Macht auch aus Ruhe und Mitgefühl ziehen konnte. Während seine Mutter und Luke immer nur die helle Seite der Macht priesen, lehrte ihm Snoke, was mit der anderen Seite der Macht möglich war. Kylo fand einfacher Zugang zu der dunklen Seite, da seine Gefühle oft in ihm hochkochten und ein Sturm in ihm wütete. Snoke wusste, wie er sich den nutzbar machen konnte und wie er ihn am Brodeln hielt.

Han hielt sich aus Erziehungsfragen raus, auch wenn er als kleiner Junge oft hörte, wie seine Eltern über ihn redeten, wenn sie meinte, er wäre mit was anderem beschäftigt. Sein Vater hatte sich ein recht erfolgreiches Transportunternehmen aufgebaut, das ihn in die entlegensten Winkel der Galaxie verschlug. Da ihm das wohl noch nicht genug von zuhause fernhielt, organisierte er Fliegerrennen, sponserte Turniere oder nahm selbst als Pilot an Wettkämpfen teil. Han war es gewesen, der Kylo das Fliegen beigebracht hatte. Durch die Macht fiel es Kylo besonders leicht, Fahr- und Flugzeuge aller Art zu manövrieren. Han hatte dadurch bald das Interesse an den Flugstunden verloren. Kylo hatte auch bei anderen oft bemerkt, dass sie seine Erfolge auf die Macht schoben, und er nicht die gleiche Anerkennung für seine Leistungen bekam wie andere. Es erschien Kylo all zu oft, dass an ihn höhere Anforderungen gestellt wurden als an andere, so als ob die Macht einen automatisch zu einem leistungsstärkeren Menschen in allen Bereichen machte. Kylo musste aber zugeben, dass er selbst nicht einschätzen konnte, was er ohne die Macht vollbringen konnte.

Während Kylo seine militärische Ausbildung sehr ernst nahm und hoffte, er würde seine Eltern doch mal stolz machen, gingen Leias und Hans Wege weiter auseinander. Wie schon zu seiner Schulzeit lebten Leia und Han die meiste Zeit getrennt, blieben aber emotional verbunden. In den ersten Jahren ihrer Ehe hatte es sehr oft Streit gegeben. Es verletzte Leia, wenn sich Han wieder einmal verabschiedete. Sie konnte aber darüber hinwegsehen, weil sie ihrerseits mit dem Aufbau der Neuen Republik beschäftigt war. Kylo hingegen konnte sich nicht so leicht über Hans ständige Abwesenheit hinwegtrösten. Das hatte er nie gekonnt. Alles, was Leia an Han enttäuschte, enttäuschte Kylo um ein Vielfaches mehr. Vielleicht, weil Leia und er macht-begabt waren und er damit die Gefühle seiner Mutter besonders intensiv wahrnahm – und übernahm. Die Gefühle seines Vaters blieben ihm dagegen fremd und unverständlich. Für viele war Han Solo ein Held, für Kylo war er der Vater, der nie da war, der ihn nicht verstand.

Kylo war seiner Mutter charakterlich näher als seinem Vater, auch wenn er Han als kleiner Junge bewundert hatte. Kylo fühlte sich schnell einer Sache verpflichtet, war diszipliniert, treu und wünschte sich Beständigkeit. Er war auch sehr misstrauisch. Leia war eine der ersten gewesen, die bemerkte, dass sich aus Resten des alten Imperiums die Erste Ordnung formierte. So deckte sie 28 ABY die Beziehungen zwischen dem Rinnrivin Di's Kartell, der Amaxine Krieger und der Ersten Ordnung auf. Leider hatten ihr ihre Nachforschungen die Karriere gekostet. Anhänger der Ersten Ordnung, und davon gab es viele im Senat, versuchten Leia zu verunglimpflichen, indem sie aufdeckten, dass Darth Vader ihr Vater gewesen war, eine Tatsache, die sie bis dahin verheimlicht hatte. So verlor Leia das Vertrauen der Senatoren und konnte den Senat auch nicht überzeugen, gegen die Amaxine Krieger und die Erste Ordnung vorzugehen. Stattdessen gründete sie den Widerstand und versuchte die Erste Ordnung aufzuhalten. Zu dem Zeitpunkt wusste Kylo bereits, dass Snoke hinter der Ersten Ordnung steckte, aber er war noch weit davon entfernt, sich ihr ebenfalls anzuschließen.

Kylo hatte gerade seinen 23. Geburtstag gefeiert und kam frisch aus der Militärakademie als Leias Gegner ihre Verbindung zu Darth Vader öffentlich machten. Kylo hatte nicht gewusst, dass Darth Vader sein Großvater war. Die Tatsache als solche hatte ihn nicht erschüttert, dass seine Eltern und Luke ihm dieses Wissen jedoch vorenthalten hatten, empfand er als Vertrauensbruch, den er ihnen nicht verzeihen konnte. Kylos Ärger wurde von Snoke aufgefangen. Dieser erklärte ihm auch, wer Darth Vader wirklich gewesen war. Vader hatte den Jedi-Orden verlassen, weil dieser seine Macht einschränken wollte. Die Jedis hatten Angst vor der dunklen Seite der Macht und verweigerten ihren Rittern, ihr Potential voll auszuschöpfen, so wie Leia und Luke ihn immer wieder ermahnten, seine dunkle Seite zu beherrschen.

Wegen des Skandals empfahl ihm seine Mutter, sich erstmal aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Als Enkelsohn der einstigen Königin Padme Amidala von Naboo und Sohn der bedeutenden und als Kriegsheldin gefeierten Senatorin Leia Organa und des ebenfalls berühmten Han Solo war Kylo - besser gesagt Ben - eine prominente Gestalt. Leia drängte Kylo erneut, sich Luke anzuschließen. Kylo fügte sich ihren Wünschen, weil er merkte, wie viel es ihr bedeutete. Er fühlte sich schuldig, weil er durch Snoke mit der Ersten Ordnung verbunden war und seine Mutter durch ihren Kampf gegen die Erste Ordnung viel verloren hatte, fast sogar ihr Leben. Seine Beziehung zu ihr war sehr angespannt. Sie hatten sich oft gestritten, weil sie fühlte, dass er kein Anhänger der Republik war und sie vermutete, dass er – wie viele junge Männer und Frauen zu der Zeit – mit der Ersten Ordnung liebäugelte. Leia bemerkte auch, dass da jemand im Hintergrund stand, der Kylo beeinflusste – wie sie sagte – aber ihre Ahnungen waren diffus und Kylo offenbarte sich ihr nicht. Snoke hatte Kylo tatsächlich einen Platz in der Ersten Ordnung angeboten. Kylo würde an oberster Stelle stehen, wie es sich für eine Person seiner Abstammung und mit seinen Fähigkeiten gehöre. Als sich Kylo trotzdem entschied, Luke eine Chance zu geben, blieb Snoke sehr gleichmütig. Kylo würde schon sehen, dass Luke ihn niemals akzeptieren werde. Im Gegenteil, Luke würde Kylos Fähigkeiten klein reden, nur seine Ansichten gelten lassen und ihm niemals gestatten, sein volles Potential auszuschöpfen. Er würde in Kylo einen Feind sehen. Am Ende war es genau so eingetreten.

Schon als Junge hatte Kylo die Schriften der Jedis studiert. In einigen Lehren konnte sich Kylo durchaus wiederfinden. Er war der hellen Seite der Macht überhaupt nicht abgeneigt und hatte auch einige positive Erinnerungen an Luke. Bei einem seiner seltenen Besuche hatte Luke Kylo einen Kalligraphie-Kasten mitgebracht. Kylo widmete sich noch heute der schönen Schrift. Das Malen der Buchstaben half ihm, in der Macht aufzugehen. Meditation war eine andere Sache, die ihm Luke zu diesem Zweck nahe gebracht hatte. Er hatte gesehen, wie Kylo schon in jungen Jahren stundenlang vor sich hingrübeln konnte. Er lehrte Kylo Techniken, mit denen er dabei gezielt zu einer inneren Ruhe und Verbundenheit mit der Macht finden konnte. Meditieren gehörte seit damals zu Kylos täglichem Ritual. Manchmal war es das einzige gewesen, dass ihn am Leben hielt.