Han hatte Kylos Machtbegabung nie verstehen können. Über Kylos Meditationen hatte er gelegentlich gespottet, da er selbst rastlos war und sich nicht vorstellen konnte, worüber man so lange „ brüten" konnte. Sein Vater akzeptierte die Macht, aber er schätze sie nicht. Kylo war sich sehr bewusst, dass Han lieber einen normalen Jungen gehabt hätte. Jemanden wie Poe Dameron, der für Leia zum Ersatzsohn geworden war, wie Snoke ihm mehrfach unter die Nase gerieben hatte.
Und doch hatte Kylo Han geliebt. Er erinnerte sich noch gut an einen Ausflug nach Takodana zu Maz Kanatas berüchtigtem Schloss. Kylo war kaum dem Kleinkindalter entwachsen. Die Wildheit des Ortes hatte ihn zunächst verschreckt und Han war nicht der Mensch, der ein Kind „aus gutem Hause" auf so eine Umgebung vorbereitet hätte. Aber die kleine, uralte Maz war sehr führsorglich gewesen. Sie nahm ihre seltsame Brille ab und starrte Kylo lange in die Augen. Sie habe seine Augen schon mal gesehen, erklärte sie rätselhaft. In seinen läge eine Kraft, die den anderen gefehlt hätte. Han brummte daraufhin, dass Kylo ein großartiger Junge sei und er Han noch sehr stolz machen würde. Hans Worte verfolgten Kylo ein Leben lang. Er hatte es nie geschafft, seinen Vater stolz zu machen.
Maz hatte Kylo noch mehrfach prüfend angesehen, als ob sie auf etwas warten würde, aber es war nichts Ungewöhnliches geschehen. Bei der Verabschiedung lag Traurigkeit in ihrem Blick und sie meinte zu Han, er solle gut auf Kylo aufpassen, er würde es im Leben sicher nicht leicht haben. Kylo wünschte sich, Han hätte nicht versucht auf ihn „aufzupassen". Sein Vater hätte sich verstecken sollen als er Kylo auf Starkiller Base sah.
Diese Begegnung nahm den ersten Platz auf der Liste der schwärzesten Tage in Kylos Leben ein. Kylo konnte nicht in Worte fassen, was er angerichtet hatte. Kein Wort konnte ausdrücken, wie sehr er sich versündigt hatte, wie wenig er mit seiner Schuld leben konnte, wie sie ihn regelmäßig aus dem Schlaf riss. Es gab keine Entschuldigung dafür. Er war das Monster, für das Rey ihn hielt. Rückblickend hatte sich an diesem Tag alles für ihn verändert. Auch wegen Rey, aber hauptsächlich wegen Han. Er war nie mit sich im Reinen gewesen, aber mit der Ermordung seines Vaters hatte er eine Grenze überschritten und zweifelte nun nicht mehr daran, dass Snoke ihn nur ausnutzte, so wie Han es ihm gesagt hatte, bevor Kylo mit seinem Lichtschwert Hans Leben auslöschte. Es war ihm klar geworden, dass Snoke ihn mißbrauchte. Er begann seinen Meister dafür zu hassen, dass er ihn zu diesem Mord getrieben hatte, und er hasste sich dafür, dass er Snoke geglaubt hatte, er könne sich endgültig von seiner Schwäche befreien, wenn er Han tötete. Kylo war klar, dass er niemanden für seine Taten verantwortlich machen konnte. Snoke hatte ihn immer gedrängt, einen Schuldigen zu identifizieren, aber am Ende hatte Kylos selbst die Wahl getroffen.
So hatte er Hux auch nicht aufgehalten als dieser den Befehl gab, dass Hosnian-System zu vernichten. Hosnian Prime war für ein paar Jahre Leias und Kylos Heimat gewesen. Wie viele Milliarden Leben waren erloschen? Hux und Snoke hatten geglaubt die Galaxie würde sich ihnen schnell unterwerfen, wenn sie ein Exempel statuierten. Irgendwas in Kylo widerstrebte diesem Gedanken. Eine leise Stimme in ihm bemerkte, dass man mit so viel Leid keine Gefolgschaft erreichen konnte, und es durch einen Völkermord nie zu Stabilität in der Galaxie kommen werde. Von der Finalizer aus hatte Kylo den roten Strahl Phantomenergie beobachtet. Er hatte sich gezwungen hinzusehen und es auszuhalten, in der Hoffnung, dass es ihn stärker machen würde. Hosnian Prime und vier Planeten sowie fast die gesamte Flotte der Republik wurden auf einen Schlag ausgelöscht. Das Beben in der Macht erschütterte Kylo mehr als er zuzugeben bereit war, doch er unterdrückte die Traurigkeit, denn sie war eine Schwäche und Snoke würde sie riechen wie ein Geier ein verfaultes Stück Fleisch.
Kylo legte sich auf seine Matratze und zog die Decke über sich. Sein Blick ging erneut ins Leere. Er fragte sich, ob Hux immer schon verdorben gewesen war oder ob Snoke auch ihn zu dem gemacht hatte, was er heute war. Kylo hatte nie Zweifel oder Bedauern in Hux gespürt. Da war immer nur diese Gier nach Macht gewesen, Kompromisslosigkeit und der Wunsch, Kylo zu übertreffen. Hux hatte sich immer an Kylos Fehlschlägen erfreut, so wie er sich an dessen. Auf Crait hatte Kylo eine Vorstellung ganz nach dem Geschmack des Generals geliefert. Er war so absolut außer Kontrolle gewesen, so absolut unfähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen und irgendeine strategisch kluge Entscheidung zu treffen, dass er sich vollkommen vor dem General erniedrigte. Huxs Blick hatte Bände gesprochen. Wahrscheinilch hätte der General innerlich gelacht, wenn er sich nicht so über Kylo geärgert hätte.
In Kylo brannte die Scham auf als er es wieder vor sich sah, wie er in der erbärmlichsten Weise alle Waffen auf Luke hatte richten lassen, die gesamte Feuerkraft auf eine einzelne Person. Dann hatte er Luke gegenüber gestanden und nicht bemerkt wie sein Onkel ihn täuschte und verhöhnte. Wenigstens war er nicht auf Lukes Entschuldigung reingefallen.
Kylo hatte sein Leben lang Wut empfunden, besonders seit Luke ihn umbringen wollte. Oder musste es eigentlich heißen, seitdem er zu Snokes Lehrling wurde? Zum ersten Mal erschien es Kylo als sei sein Zorn aufgezehrt und erschöpft. Er hatte das Gefühl, er könne zur Ruhe kommen und vielleicht konnte er nur deshalb so empfinden, weil Snoke fort war.
Kylo wollte sich nicht mehr von der Vergangenheit beeinflussen lassen. Er hatte Rey geraten – und eigentlich sich gemeint – die Vergangenheit sterben zu lassen. Snoke hatte ihn immer wieder dazu gedrängt, aber Kylo war gescheitert, musste scheitern, denn es war der falsche Weg für ihn. Sobald er etwas aus der Vergangenheit tötete, wurde es ihm nur noch präsenter. Luke hatte recht – leider. Die Erinnerung an Han würde er niemals auslöschen können, im Gegenteil.
Warum hatte Kylo seine Vergangenheit nicht einfach loslassen können? Er war kein Kind mehr, und doch hatte er sich wie eines verhalten. Jetzt war er der Oberste Anführer. Als er Rey sagte, sie könnten der Galaxie eine neue Ordnung bringen, hatte die Euphorie des gemeinsamen Kampfes aus ihm gesprochen. Auch war es für Kylo immer selbstverständlich gewesen, dass er einmal Snokes Platz einnehmen würde. Was wäre auch die Alternative gewesen? Sollte Hux etwa das Sagen haben und in Folge noch mehr Sternensysteme zerstören? Kylo musste die Erste Ordnung umformen, und es fing mit den von dem General so geliebten Sturmtrupplern an. Sie wurden als Kinder aus ihren zumeist notleidenen Familien herausgenommen, um der Ersten Ordnung zu dienen. Auf Jakku hatte Kylo FN-2187 nicht direkt bestraft als er bemerkte, dass der Sturmtruppler sich seinem Befehl verweigerte, die Menschen im Dorf zu töten. Ein Befehl, den Kylo Ren bedauerte. FN-2187 hatte ihn beeindruckt, weil er sich dieser Anweisung widersetzte. Später jedoch bot sich Kylo die Chance, Hux das Versagen seiner "Armee" vorzuhalten, eine Gelegenheit, die sich Kylo nicht entgehen lassen konnte. Der General hatte Kylo mehrfach vorgeworfen, dass er seine persönlichen Ziele vor denen der Ersten Ordnung stellen würde. Dem war tatsächlich so. Mit Hux Zielen hatte sich Kylo noch nie wirklich identifizieren können, aber Snoke hielt den General für notwendig. Kylo lehnte Hux Erbarmungslosigkeit ab. Kylos Mitgefühl war für Snoke ein ständiges Ärgernis gewesen und Kylo hatte immer wieder versucht zu beweisen, dass er nicht schwach, sondern bereit war alles zu geben. Je zorniger er war, desto einfacher gelang es ihm. Oder musste es auch hier eher heißen, je verletzter er sich fühlte, desto eher war er bereit, andere zu verletzen.
Kylo musste mehr nachdenken. Aber erst morgen, er war zu müde. Er hoffte, er würde die Nacht überleben ohne einem Anschlag von Hux zum Opfer zu fallen. Natürlich glaubte Hux Kylo nicht, dass Rey die Prätorianer und Snoke alleine umgebracht hatte, und er würde versuchen, Kylo loszuwerden. Kylo musste herausfinden, ob es Aufzeichnungen aus dem Thronsaal gab, die seine Schuld beweisen konnten. Hux würden ihn allzu gerne des Hochverrats anzeigen. Auch Rey war nicht sicher. Hux würde nicht aufgeben bis er sie gefasst hatte, und wenn nur, weil er wusste, dass sie Kylo wichtig war. Er musste sich dringend darum kümmern.
Bevor Kylo in einen unruhigen Schlaf fiel, sah er Rey vor sich, wie sie vom Eingang des Millenium Falken auf ihn herabblickte. Er hatte sich erbärmlich gefühlt, einsam und voller Bedauern. Alles in ihm schrie „Geh nicht!", aber er hatte es nicht aussprechen können. Wusste sie, was in ihm vorging? Dass es ihm Leid tat. Wenn sie sich berührten und die Macht sie verband, waren ihre Gefühle ein offenes Buch für ihn. Aber auch über die Distanz hatte ihr Blick ihm alles gesagt, sie war maßlos enttäuscht von ihm.
Und dann sah er sie wieder vor sich, die Bilder aus seiner Vision. Sie gaben ihm alle Kraft der Welt und er würde alles tun, um Rey zurückzugewinnen.
Er saß auf einer Bank. Vor ihm ein Tisch, hinter ihm ein annähernd zwölfjähriges Mädchen, groß und schlank, mit gewellten dunklen Haaren und ernsten braunen Augen. Sie lehnte sich auf seine Schultern und lächelte über die Bemühungen ihrer kleinen Schwester, den alten Text zu verstehen, der vor ihr und Kylo auf dem Tisch lag. Die kleine Tochter: ein Wirbelwind mit hellen Haaren und ebenfalls braunen Augen. Kylo kannte ihre innere Unruhe und Ungeduld und schätzte ihren Humor und Gerechtigkeitssinn. Sie mochte es nicht, dass ihre Eltern so viel Zeit mit der ältesten Tochter und den anderen Schülern verbrachten. Sie wollte zu den Großen dazugehören. Und dann kam Rey mit den Zwillingen herein. Sie lud einen der Jungs auf Kylos Schoss ab und setzte sich dann mit dem anderen Baby dicht neben ihn auf die Bank. Sie verdrehte die Augen, aber lächelte dabei: "Das nächste Mal bist du wieder dran!"
