Liebe Drarry-Fans,

hier erwartet euch ein romantisches Slow-burn.

Über 26 Kapitel könnt ihr mitfiebern, ob Harry und

Draco ein Paar werden.

Die Geschichte spielt 3 Jahre nach Voldemorts Fall.

Harry ist Jung-Auror und Draco fängt in seiner Abteilung

als Experte für dunkelmagische Objekte an.

Ob das gutgehen wird?

Im ersten Teil (bis Kapitel 6) gibt es noch viele Rückblicke

auf die Zeit während und nach Hogwarts, in u.a. der Harrys

komplexe Gefühle für Draco dargestellt werden.

Danach geht es dann so richtig mit Harrys und Dracos

Begegnungen in der Gegenwart weiter.

Viel Spaß

Dramanfanforever


TEIL 1

- Kapitel 1 -

„Doch, dann bin ich wieder in London, das müsste gehen. Wir kommen mit, nicht wahr, Harry? … Harry, du hörst gar nicht zu. Wo bist du denn schon wieder mit deinen Gedanken?" Samuels genervter Klang holte Harry in die Wirklichkeit zurück.

„Hm? Oh, entschuldige … Worum ging's?" Es war nicht das erste Mal, dass er sich an diesem Abend nicht richtig auf die Unterhaltung um ihn herum konzentrieren konnte, da er seit ihrer Ankunft auf Hermines Geburtstagsparty mit dem einem Ohr auf das Läuten der Türklingel und mit dem anderen auf das Rauschen des Floh-Netzwerkes achtete.
Seine Nerven waren irgendwie angespannt, aber das was kein Zustand, den er sich vor seinen Freunden anmerken lassen wollte, insbesondere nicht vor seinem Freund Samuel. Als es klingelte, konnte Harry trotzdem nicht verhindern, dass sein Blick zur Wohnzimmertür flog, die Ron gerade öffnete, um zur Haustür zu gehen.

„Du bist so abwesend, Schatz", stellte Samuel mit fragendem Unterton fest. Harry empfand jedes Mal eine leichte Irritation, wenn Samuel ihn mit einem Kosenamen bedachte. Sie waren erst seit drei Monaten zusammen und Harry hatte nicht das Gefühl, dass ihre Beziehung weit genug fortgeschritten war, um ihn 'Schatz' nennen. Abgesehen davon war er Kosenamen nicht gewöhnt - höchstens von Molly Weasley. Selbst Ginny hatte sich mit Harrys Vornamen begnügt, und immerhin waren sie nach dem Krieg fast ein Jahr zusammen geblieben.

„Hast du Lust, in zwei Wochen zum Cannon Spiel zu gehen?", wiederholte Samuel seine Frage. „Deam hat Freikarten bekommen." Erwartungsvoll sah er Harry an.

„Ja, klar, gerne", antwortete Harry und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie Ron gefolgt von Hermiones Arbeitskollegin zurück ins Wohnzimmer kam. Harry schaute auf die Uhr. Es war schon fast halb elf.

Samuel und Dean unterhielten sich weiter über Quidditch und Harry folgte dem Gespräch so gut es ging. Er legte seinen Arm um Samuels Hüfte und drückte seinem Freund einen leichten Kuss auf die Schulter.

Als Ron sich etwas später zu ihnen gesellte, fragte Harry leise: „Hat Draco abgesagt?"

„Draco? Nicht das ich wüsste. Wieso? Auch schon gespannt, wie er hier auftreten wird?"

„Ja ... nein, ich meine, es ist schon ziemlich spät. Ich glaube nicht, dass er noch kommt."

„Weiß nicht, ich glaub', der würde Hermine absagen, wenn er nicht kann. Du weißt doch…", Ron machte große Augen und spitzte seine Lippen. „Dracoooo", imitierte er Hermines Ton, wenn sie über ihren Lieblings-Slytherin sprach, „…ist gaaanz anders als früher."

***

Das war eine andere Sache, die Harry irritierte. Hermines Beziehung zu Draco hatte sich um nahezu 180 Grad gedreht. Ihr einstiger Feind gehörte inzwischen zu Hermines näherem Bekanntenkreis. Eine Bekanntschaft, die Harrys Meinung nach in den letzten drei Jahre viel zu eng geworden war, denn Hermine hatte Draco nicht nur zu ihrem 22. Geburtstag eingeladen, sondern auch dafür gesorgt, dass er ab kommenden Monat im Zaubereiministerium arbeiten würde, und zwar in der gleichen Abteilung wie Harry.

Wenn es nach Harry ginge, könnte Draco dort bleiben, wo er sich nach seinem 8. Hogwarts-Jahr hin verkrochen hatte. Paris war ja auch durchaus kein Ort, an dem man es nicht aushalten konnte.

Draco war ein angehender Experte für dunkelmagische Objekte. Nachdem er an der L'ecole de Cazeneuve sein zweijähriges Grundstudium beendet hatte, war er nun nach London zurückgekehrt, um bei dem renommierten Kobold Professor Grimzak einen Masterkurs zu absolvieren. Eigentlich dauerte die Grundausbildung in Frankreich drei Jahre, aber aufgrund seiner hervorragenden Leistungen hatte Draco seine Studienzeit auf zwei verkürzen können – wie Hermine ihnen im Frühjahr nicht ohne Stoz berichtet hatte.

Anders als Harry und Ron waren Draco und Hermine nach dem Krieg nach Hogwarts zurückgekehrt, um ihren regulären Schulabschluss nachzuholen. Zur Überraschung aller hatte sie sich dort so sehr befreundet, dass sie auch nach dem Abschluss Kontakt hielten. Während Draco in Frankreich studierte, machte Hermine im Zaubereiministerium eine Ausbildung in der Abteilung „Beziehungen zu magischen Lebewesen und Kreaturen". Sie wollte für ihr nachfolgendes Studium der Rechtswissenschaften mit Schwerpunkt „Magische Kreaturen" praktische Erfahrungen sammeln.
Hermines Arbeit hatte sie auch mehrfach nach Paris verschlagen, da die Behörden beider Länder eng zusammenarbeiteten. In Frankreich traf sie sich oft mit Draco und so war es Hermine gewesen, die Draco auf die schon seit langem vakante Teilzeitstelle im englischen Zaubereiministerium aufmerksam gemacht hatte.

Das Ministerium suchte dringend einen Fachkundigen für die Sicherung und Verwahrung dunkelmagischer Objekte und Artefakte. Bisher hatte sich kein Bewerber gefunden, da die Stelle der Auroren-Zentrale zugeordnet und dementsprechend mit Unruhe und Gefahr verbunden war.

Zunächst hatte Draco die Stelle wegen der schlechten Reputation seiner Familie nicht in Betracht gezogen. Hermine hatte jedoch eingewand, dass er seinen Ruf durch seine Arbeit und Präsenz im Ministerium verbessern konnte. Zudem würde es ihm die Möglichkeit geben, sein theoretisches Wissen praktisch anzuwenden. Also schrieb Draco eine Bewerbung und wurde angenommen, was bedeutete, dass Harry in Zukunft mit ihm zusammenarbeiten musste.
Eine Aussicht, der Harry mit einem unguten Gefühl entgegensah, auch wenn Hermine stets versicherte, Draco hätte sich völlig verändert.

Zugegebener Weise hatte Harry in den Jahren nach dem Krieg wenig von Draco mitbekommen, da er und Ron in London geblieben waren. Ron war bei Weasleys' Wizards' Wheezes eingestiegen und Harry hatte seine Ausbildung zum Auror begonnen.
Eigentlich hätte er dafür gute UTZ-Noten gebraucht, aber das Ministerium war ganz begierig gewesen, den „Retter der Zaubererwelt" unter Vertrag zu nehmen, um das eigene Image aufzubessern. Harry wurde angeboten, das fehlende Schulwissen mit ein paar zusätzlichen Theorie-Stunden aufzuholen. Tatsächlich gestalteten sich diese ‚paar' Extrastunden als so anspruchsvoll, dass Harry kaum noch Zeit für etwas anderes als seine Ausbildung blieb. So sah er auch Ginny selten, die sich in ihrem letzten Jahr in Hogwarts befand.

Harrys Kontakt zu Draco beschränkte sich auf ein höfliches Nicken, wenn er denn doch mal nach Hogwarts kam. Einmal hatte Hermine den Versuch gestartet, Draco mit Ron und Harry zusammenzubringen. Man könne doch mal gemeinsam nach Hogsmeade gehen, hatte sie vorgeschlagen.

Rons Protest ließ nicht auf sich warten: „Was? Ne, danke. Kann ja sein, dass er sich dir gegenüber jetzt anders verhält, aber ich bezweifle, dass er sich großartig verändert hat."

"Wie willst du das beurteilen, wenn du ihn nicht kennenlernst?"

"Ehrlich gesagt, ist mir die Zeit hier mit dir zu knapp, um sie darauf zu verschwenden, Malfoy besser kennenzulernen."

Harry verstand, dass Hermine das Kriegsbeil zischen den jungen Männern begraben wollte, aber auch er konnte sich nicht vorstellen, mit Draco an einem Tisch zu sitzen und dabei Spaß zu haben, auch wenn seine Gründe vielleicht nicht die gleichen waren, wie die von Ron.

„Vielleicht hast du dann mehr mit Draco gemein als du denkst. Er hat nämlich auch abgelehnt. Aber ich dachte, wenn ihr einem Treffen zustimmen würdet, könnte ich ihn vielleicht überzeugen."

"Was hat er denn gesagt?", wollte Ron wissen.

"Nichts Ernsthaftes. Er meinte, dass ihm die Bekanntschaft mit einer Person des Goldenen Trios völlig ausreiche. Zu viel Heldenhaftigkeit auf einmal würde seine schwarze Seele überfordern. Und dann sagte er noch, dass 'Potter' schon genug nervige Fans hätte. Er würde es vorziehen, ihn aus der Ferne anzuhimmeln."

Hermine hatte Dracos Antwort mit dem für ihn typischen, versnoppten Akzent widergegeben, was Ron ein Grinsen, aber auch ein verächtliches Schnauben entlockte.
Harry hatte ebenfalls geschmunzelt, auch wenn Dracos Worte in ihm ein diffuses Gefühl ausgelöst hatten, das den Begriff ‚Ärger' nicht ganz traf.
Am Ende blieb allerdings nur die Ernüchterung darüber, dass Draco den Status Quo zwischen ihnen nicht verändern wollte. Dass Harry selbst nicht bereit war, einen Schritt auf den Slytherin zuzugehen, ignorierte er geflissentlich. Er hatte schon genug für den Malfoy-Spross getan.

Da also alles beim Alten war, gab es für Harry eigentlich keinen Grund, sich durch das mögliche Auftauchen von Draco auf Hermines Party verunsichern zu lassen. Doch Harrys Nervosität blieb, denn seine Gefühle für den blonden Slytherin waren vielschichtiger, als er es vor anderen zugeben würde, was damit zusammenhing, dass Malfoy schwul war – ebenso wie Harry. Eigentlich kein Problem, nur war Harrys Coming-Out untrennbar mit Draco verbunden, was ihm noch heute die Schamesröte ins Gesicht trieb.


- Kapitel 2 -

Samuel holte Harry aus seinen Gedanken zurück: „Entspann' dich Harry, das ist eine Party!"

„Ich bin entspannt."

„Das sieht man", lachte sein Freund, wobei sich ein Grübchen neben seinem Mundwinkel bildete. Dean hatte sich zu einer anderen Gruppe gesellt und so standen Harry und Samuel mittlerweile alleine beisammen. Blond, groß und durchtrainiert, aber nicht bullig entsprach Samuel genau Harrys Typ, wobei Harry sich nicht gerne eingestand, dass er überhaupt auf einen Typ festgelegt war. Ihm wäre es auch selbst nicht aufgefallen, wenn Ron nicht immer wieder über Harrys ‚Beuteschema' frotzeln würde. Natürlich war es nicht allein Samuels Äußeres, das Harry an ihm anziehend fand. Noch mehr schätzte er Samuels unkomplizierte Art und fröhliche Ausstrahlung. Harry neigte zum Grübeln und hatte sich entschieden, mehr aus sich heraus zu gehen. Er fand, Samuels Leichtigkeit tat ihm gut, und er genoss, dass Samuel sich nicht von seiner Prominenz beeinflussen ließ.

„Lass uns zu zu Neville und Luna auf den Balkon gehen. Etwas frsiche Luft tut sicher gut. Ich hol mir nur noch eben ein Bier aus der Küche. Soll ich dir was mitbringen?"

„Danke, nein. Ich glaube, ich versuche es mal mit Hermines Bowle. Ron meinte, ich solle sie unbedingt probieren", anwortete Harry.

„Ok, dann bis gleich." Samuel beugte sich vor, um Harry zu küssen, der den Kuss abwesend erwiderte. Harry ging in das dem Wohnzimmer angrenzende Esszimmer, wo das Buffet aufgebaut war. Er bestaunte das Treiben in Hermines Erdbeer-Bowle. Magische Eiswürfel in Fischform schwammen darin herum und jagten sich gegenseitig. Ron hatte in den letzten Monaten viel mit Eis experimentiert, um die Produktpalette des Ladens zu erweitern. Harry griff nach einem breiten Glas und hielt es über die Bowle. Sofort begann ein silberner Suppenlöffel, sein Glas zu befüllen, und erwischte sogar einen der magischen Eiswürfel. Harry hielt es für ratsam zu warten, bis der Eiswürfel geschmolzen war.

Als er sich umdrehte, um ins Wohnzimmer zurückzukehren, fiel sein Blick auf eine hochgewachsene, hellblonde Gestalt, die aus dem Kamin trat. Harry wich schnell ein Stück hinter die Esszimmerwand zurück und beobachtete mit leicht beschleunigtem Herzschlag, wie Draco Malfoy Hermine nach französicher Art mit Küsschen auf die Wange begrüßte (Wie affig!) und ihr sein Geschenk überreichte.

Hermine war selbst alles andere als begeistert gewesen als sie erfuhr, dass Professor McGonagall die Aufteilung der Häuser für die Achtklässler aufgehoben hatte. Doch da nur wenige Schüler und Schülerinnen aus Harrys Jahrgang für ein zusätzliches Jahr nach Hogwarts zurückgekehrt waren, wurden sie einfach in einem gemeinsamen Wohnbereich untergebracht und saßen in der Großen Halle an einem Tisch. Mit den Kindern ehemaliger Todesser zusammen leben zu müssen, behagte Hermine nicht wirklich, daher hielt sie sich zunächst an ihre alten Freunde wie Neville, Ginny und Luna. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass außer Draco niemand nach Hogwarts zurückgekehrt war, der in den Vorjahren Voldemort offen unterstützt hatte. So funktionierte die neue Gemeinschaft recht problemlos und Hermine freundete sich schnell mit ein paar Ravenclaw-Schülerinnen an.

Draco war aufgrund seines jugendlichen Alters und der Fürsprache von Harry und Hermine im Gegensatz zu seinen Eltern nicht nach Azkaban geschickt worden. Er bekam jedoch mehrere Auflagen. Zunächst wurde er gezwungen, einen Großteil seines Erbes anonym an soziale Muggel-Einrichtungen zu spenden. Außerdem musste er sein verpasstes Schuljahr in Hogwarts nachholen und an den Abschlussprüfungen teilnehmen. Dies diente vor allem dem Bestreben des Ministeriums, Draco im Auge zu behalten, während seine beiden Eltern im Gefängnis waren. Narcissa war zu einem Jahr verurteilt worden, Lucius zu lebenslänglich. Draco musste jeglichen Briefkontakt mit ihnen offenlegen und durfte seinen Vater nur unter Aufsicht besuchen.

Außerhalb des Schulgeländes war es Draco nicht gestattet, Zauber zu wirken, von alltäglichen Hygiene- und Haushaltszaubern mal abgesehen. Es durfte keinen Kontakt zu ehemaligen Todessern pflegen, und zweimal im Monat wurde er zu einem Gespräch im Ministerium erwartet, um über seine Aktivitäten Rechenschaft abzulegen.

In Hogwarts war das neu eingerichtete Fach Muggel-Kunde für ihn verpflichtend, und die Professoren achteten darauf, dass er zumindest seine Lernzeit mit Mitschülern verbrachte, deren Familien nicht mit Voldemorts Gedankengut sympathisiert hatten.
Als gewählte Sprecherin der Achtklässler wurde Hermine von der Schulleiterin Professor McGonagall gebeten, auf die ehemaligen Slytherin-Schüler zu achten und sie zu integrieren. Sie sollte sich besonders um Draco kümmern, da dieser von vielen entweder geschnitten oder beleidigt wurde.

„Das hat er sich selbst zuzuschreiben!" kommentierte Ron mitleidslos, als Hermine ihnen von ihren ersten Wochen in Hogwarts berichtete. „Der Wind hat sich gedreht und jetzt merkt er mal, wie es ist, ständig gemobbt zu werden. Keiner will mehr etwas mit einem Malfoy zu tun haben."

"Und genau deswegen muss ich nun ständig mit ihm zusammenarbeiten", hatte Hermine gestöhnt.

„Wenn er dir wieder Sprüche drückt oder dich ‚Schlammblut' nennt, dann knöpfe ich mir den vor", drohte Ron.

„Ich kann mich sehr gut selbst verteidigen, Ronald Weasley", antwortete Hermine. „Und abgesehen davon: Bisher hält er sich zurück. Wenn wir zusammen arbeiten, guckt er mich kaum an und spricht nur das Nötigste mit mir. "

Ron hatte die Stirn gerunzelt.

"Also, damit meine ich nicht, dass er vor mir zurückweicht, weil ich muggelstämmig bin oder so. Er ist einfach sehr… still und zurückhaltend. Fast schon nervös. Aber sehr fleißig! Er erledigt alle seine Aufgaben ohne zu meckern. Das ist mal eine ganz neue Erfahrung!"

Harry waren bei Hermines Erzählungen Bilder aus dem 6. Schuljahr durch den Kopf gegangen. Draco war damals ein Schatten seiner selbst gewesen, müde und ebenfalls seltsam nervös. Der Gedanke, dass das immer noch so war, hatte ihm nicht gefallen.

„Also sind Parkinson, Goyle und die anderen tatsächlich nicht nach Hogwarts zurückgekehrt?", hatte er Hermine gefragt. Es interessierte ihn, mit wem Draco seine Freizeit verbrachte.

„Nur Blaise Zabini und Daphne Greengrass. Die anderen sind wohl in Durmstrang oder Beauxbatons oder werden privat unterrichtet. Zabini und Draco scheinen Freunde zu sein. Manchmal ist er auch mit Daphne und ihrer jüngeren Schwester Astoria zusammen. Daphne erzählte mal, dass Astoria und Draco einander versprochen waren, als der Name Malfoy noch was galt. Ansonsten scheint Draco keine Freunde zu haben. Er ist oft in der Bibliothek, bleibt in seinem Zimmer oder hält sich in den Räumen seiner Freunde. Vielleicht ändert sich das ja noch. Auf jeden Fall hoffe ich, dass ich nicht das ganz Schuljahr über sein Kindermädchen spielen muss."

In dieser Beziehung hatte sich Hermines Wunsch auf jeden Fall ins Gegenteil verkehrt. Sie kümmerte sich inzwischen sehr gerne um Draco.

Harry nahm sich Zeit, Dracos Erscheinung von oben bis unten zu begutachten. Er hatte den Slytherin seit zwei Jahren nicht mehr gesehen und empfand eine – wie er fand – verständliche Neugierde. Draco trug eine elegante Zauberer-Robe in dunkelblauer Farbe, die ihm wie ein Umhang offen über die Schultern hing. Sein Haar war deutlich länger als zu Hogwarts-Zeiten und reichte ihm bis auf die Schultern. Dracos Haut erschien noch so hell und makellos zu sein wie eh und je. Er war schon immer groß und dünn gewesen. Nichts davon hatte sich verändert. Er überragte Hermine um ein gutes Stück. Harry selbst war bis zu seinem 16. Lebensjahr bemitleidenswert klein geblieben, hatte die fehlenden Zentimeter aber in nur zwei Jahren aufgeholt und immerhin eine Größe von 1,80 m erreicht. Neben den Weasley-Männern kam er sich zwar immer noch wie ein Zwerg vor, Draco und er waren jedoch fast auf Augenhöhe.

Hermine begann, ihr Geschenk auszupacken. Soweit Harry erkennen konnte, handelte es sich um eine besonders prächtige Schreibfeder. Die Fahne schien etwas größer zu sein als gewöhnlich und funkelte in verschiedenen Goldtönen. Hermine umarmte Draco mit strahlendem Gesicht. Harry hatte das Gefühl, dass Draco bei der Umarmung etwas steif wirkte. Offenbar waren spontane körperliche Gefühlsäußerungen nicht sein Ding. Harry durchquerte das Wohnzimmer und vermied es dabei, zu den beiden hinüberzusehen. Er gesellte sich zu seinen Freunden auf den Balkon und nahm sich vor, dem Gespräch zu folgen, doch schon bald schweiften seine Gedanken wieder ab.


- Kapitel 3 -

Die Wochen nach dem Krieg waren für Harry und seine Freunde eine schwierige Zeit gewesen. Die Trauer um die Verstorbenen war allgegenwärtig und trübte die Freude über die endgültige Vernichtung Voldemorts. Im Hause der Weasley herrschte eine bedrückende Stimmung und auch Andromeda ging es schlecht. Sie kümmerte sich anstelle von Tonks und Remus um Baby Teddy, und Harry, dem das Schicksal seines verwaisten Patensohnes sehr naheging, versuchte ihr zu helfen, wo es nur ging.

Die Beschäftigung mit dem kleinen Jungen gehörte zu den wenigen Dingen, die Harry aufmuntern konnte, zumal Ron und Hermine nach Australien gereist waren, um Hermines Eltern zurück nach England zu holen.
Hermine vermochte es nicht, den von ihr gesprochenen Vergessenszauber wieder aufzuheben, aber zum Glück gelang es Heilern im Sankt Mungo, die Erinnerung von Mr und Mrs Granger wiederherzustellen.
Allerdings betrachteten sie ihre Tochter nun mit anderen Augen und entschieden sich, ihr Leben in Australien fortzuführen.
Ron nahm seine Arbeit in Weasleys' Wizard Wheezes auf, um George unter die Arme zu greifen. Für ihn stand schon da fest, dass er kein Auror werden, sondern als Georges Partner in dem Scherzartikel-Laden bleiben würde.

Harry, Hermine und Ron versuchten jeder auf ihre Weise, die Erlebnisse der vorherigen Monate zu verarbeiten. Gerade Harry merkte jedoch, dass da zu viele Emotionen waren, mit denen er alleine nicht fertig werden konnte und entschied sich schließlich, Mrs Weasleys Rat anzunehmen, und einen Gedankenheiler aufzusuchen. Harry erkannte bei seinen Sitzungen, dass auch seine Kindheit bei den Dursleys tiefe Spuren in seiner Seele hinterlassen hatte, die sich nun mit den Erlebnissen während der Schulzeit und des Krieges vermischten. In unregelmäßigen Abständen überfielen ihn Panikattacken, die er mittlerweile aber sehr gut im Griff hatte.

Ein weiterer Lichtblick in dieser Zeit war Harrys Beziehung zu Ginny. Zärtlichkeiten waren ihm aus seiner eigenen Kindheit fremd. Nun sog er auf wie ein Schwamm, und gab zurück, soviel er konnte. Über sexuelle Erfahrungen im Bett verfügte Harry nicht, so bemerkte er nicht, dass ihrer Liebe die Leidenschaft fehlte, oder er schob es auf die Trauer, die auf alles einen Schatten warf.

Als das Schuljahr wieder anfing, fehlte ihm Ginny nicht mehr oder weniger als Hermine oder das tägliche Zusammensein mit Ron. Manchmal versank Harry in depressive Stimmungen, doch seine Zeit mit Andromeda und Teddy und die Ausbildung zum Auror lenkten ihn ab. Das Training war hart und erschöpfte Harry manchmal so sehr, dass er sich am Wochenende kaum aufraffen konnte, vor die Tür zu gehen. Häufig musste er samstags und sonntags für theoretische Prüfungen lernen und Zauber üben, so dass ihm keine Zeit blieb, Ginny in Hogwarts zu besuchen.
Ginny beschwerte sich nicht über die seltenen Treffen. Sie stürzte sich in das Schulleben von Hogwarts und beteiligte sich am Aufbau der zerstörten Schulgebäude. Darüber hinaus wurde sie Kapitänin der Griffindor Quidditch-Mannschaft.
Bei Harrys seltenen Besuchen saßen sie oft lieber mit Ron und Hermine zusammen als alleine, was die beiden anderen natürlich bemerkten und verwunderte.

Harry hatte Ginny sehr lieb, dass etwas fehlte, wurde ihm erst nach und nach klar.
Nach dem Krieg ertappte sich Harry immer häufiger dabei, wie er zum Beispiel beim Kampftraining seine männlichen Kollegen prüfend betrachtete. Sein Blick wurde von markanten Gesichtszügen angezogen und glitt in der gleichen verstohlenen Weise über muskulöse Arme, schmale Hüften und wohlgeformte Hintern, wie seine männlichen Freunde die Rundungen von Frauen bewunderten. Es war selten Ginny, an die Harry dachte, wenn er sich morgens im Bett mit schnellen Handbewegungen zum Höhepunkt brachte. Harry hatte während seiner ganzen Kindheit und Schulzeit versucht, "normal" zu sein. Dass er sich mehr von Männern als von Frauen angezogen fühlen könnte, war bisher undenkbar gewesen.

Nun fühlte sich Harry in zunehmenden Maße Ginny gegenüber schuldig und begann, an ihrer Beziehung zu zweifeln. Aber erst gegen Ende des 8. Hogwarts-Jahres gestand er sich ein, dass er schwul war. Und es waren nicht seine oftmals sehr gut gebauten Auroren-Kollegen, die ihm letztendlich zu dieser Erkenntnis brachten, sondern ein weiß-blonder, schlaksiger Slytherin mit zweifelhafter Vergangenheit.

Im 8. Hogwarts-Jahr war Harry an einem Sonntagnachmittag Anfang Juni nach Hogwarts gekommen, um sich ein Quidditch-Turnier anzuschauen, denn die Trainer verschiedener Profi-Mannschaften waren ebenfalls gekommen, um junge Talente ausfindig zu machen. Ginny hoffte, bei ihnen einen guten Eindruck zu hinterlassen, das sie gerne professionelle Quidditch-Spielerin werden würde. Sie war extrem talentiert, flog blitzschnell und ohne Angst, hatte zahlreiche Tricks drauf und konnte Strategien gut umsetzen. Der Tagesprophet hatte nach einem Schulmannschafts-Spiel gegen Durmstrang einen ganzseitigen Artikel über sie gebracht, der sich sogar sehr nah an den Fakten hielt.

Von der Zuschauer-Tribüne aus, verfolgte Harry Ginnys Manöver wie immer mit Begeisterung. Seine Liebe zum Quidditch hatte durch den Krieg keinen Abbruch erfahren. In London trainierte er jeden Dienstag mit einer der Freizeitmannschaften des Ministeriums. Bei seinen Besuchen in Hogwarts gehörten Ginnys Spiele selbstverständlich zum Programm.

Draco war Reserve-Spieler in der Slytherin-Mannschaft und wann immer er auf dem Feld war, folgte Harry seinem Flug mit der gleichen Aufmerksamkeit, mit der er Ginny beobachtete. Quidditch-Uniformen zeigten in keiner Weise, wie durchtrainiert viele der ernsthaften Spieler und Spielerinnen waren. Die weiten Magierumhänge verdeckten jede Kontur der Oberkörper. Dicke Stiefel und Knie-Protektoren zeigten nichts von den Beinmuskeln der Spieler. Nichtsdestotrotz konnte Harry seine Augen oft über einen längeren Zeitraum nicht von Draco abwenden. Der Slytherin strahlte eine bewundernswerte Eleganz beim Fliegen aus. Wie Ginny spielte er auf der Position des Jägers. Er war nicht so geschickt oder schnell wie Ginny, aber er war ein guter Taktiker und hatte – wen wundert's – was Verschlagenes an sich. Gerne verleitete er seine Gegner zu unvorsichtigen Manövern oder schaffte es, die gegnerischen Sucher vom Schnatz abzulenken. Er hielt den Schnatz instinktiv immer im Auge, wahrscheinlich, weil er jahrelang selbst auf dieser Position gespielt hatte.
Harry fand sein Interesse an Dracos Spiel nicht ungewöhnlich. Schließlich war Draco gerade im Quidditch sein ärgster Rivale gewesen, und natürlich wollte Harry wissen, wie sich Draco weiterentwickelt hatte. Hermine und Ron war durchaus aufgefallen, dass Harry ab und zu ein spektakuläres Manöver von Ginny verpasst hatte, weil seine Augen Draco verfolgt hatten, und machten sich über Harry lustig. Misstrauisch wurden sie ihm gegenüber allerdings nie.

Die beiden hatten sich im 6. Schuljahr oft darüber gewundert, mit welcher Besessenheit Harry Draco auf der Karte des Herumtreibers verfolgte und wie oft er von ihm sprach. Harry hatte versucht, herauszufinden, was Draco und Snape im Schilde führten, und darin Recht behalten, dass Draco nicht grundlos nächtens durchs Schloss schlich. Ron und Hermine ahnten nicht, dass sich Harry immer mehr auf Draco fixierte. Er verfolgte die Bewegungen seines Mitschülers nicht nur auf der Karte des Herumtreibers, sondern beobachtete ihn auch im Unterricht, beim Essen und in den Gängen. Bald war ihm Dracos Äußeres, seine Gestik und Mimik fast so vertraut, wie die von Ron und Hermine.

Es gab viele Kleinigkeiten, die Harry schon in den Jahren zuvor bemerkt hatte, die ihm aber nie wirklich bewusst geworden waren. Zum Beispiel, dass Dracos überheblicher Gesichtsausdruck verschwand, wenn er mit Pansy, Theo oder Blaise sprach, und dass er die Angewohnheit hatte, beim Nachdenken, mit den Zähnen auf die Unterlippe zu beißen. Harry wusste, dass Draco seine Augenbrauen voneinander getrennt nach oben ziehen konnte, und dazu neigte, seine Worte mit wilder Gestik zu unterstreichen. Wenn ihm sein Fuchteln selber gewahr wurde, ließ er seine Hände in den Hosentaschen oder hinter seinem Rücken verschwinden. Vor Fremden oder wenn es ihm wichtig war, versuchte er, sein Verhalten zu kontrollieren, bemühte sich, gelassen zu wirken, und legte die gleichen tadellosen Manieren an den Tag, die Harry auch bei den Mahlzeiten beobachtete.

Im 6. Schuljahr hatte Harry mit angesehen, wie sich Draco zusehends veränderte. Wie er unter seiner schwarzen Kleidung abmagerte, hohle Wangen bekam und sein aufgeweckter Gesichtsausdruck einer schleichenden Verzweiflung wich. Er lachte kaum noch, weder, um sich über andere lustig zu machen, noch aus echter Freude. Anders als in den Jahren zuvor ging er anderen Schülern aus dem Weg und provozierte niemanden mehr. Er hielt sich im Hintergrund und ignorierte sogar Harry, was diesen ärgerte und noch misstrauischer machte.

Natürlich bemerkte Draco, dass Harry ihn beobachtete, aber angesichts des Vorfalls im Zug am Anfang des Jahres, fühlte sich Harry nicht genötigt, sein Verhalten zu vertuschen. Sollte Draco doch wissen, dass Harry ihn im Auge behielt.

Im Verlauf des Schuljahres wurde Harry klar, dass Draco nicht nur etwas im Schilde führte, sondern mehr und mehr zusammenbrach. Er verlor häufig die Kontrolle über sich und wirkte zunehmend fahrig und nervös. Harry beobachtete sogar ein paar Mal, wie Draco während des Unterrichts einnickte. Harry empfand Mitleid für Draco, doch er verschloss die Augen vor der Erkenntnis, dass Draco tatsächlich Hilfe bedurfte. Stattdessen verfolgte er den verzweifelten Jungen auf die Toilette und schlitzte seinen Bauch mit einem ‚Sectumsempra' auf. Es war eine Tat, die Harry mehr erschütterte als die meisten anderen Dinge, die er bis dahin getan oder erlebt hatte. Er fürchtete, wie Voldemort zu sein, und es erschreckte ihn besonders, weil es Draco war, den er fast getötet hatte.

Vielleicht hätte Harry damals erkennen können, dass Draco für ihn mehr war als ein Erzrivale und möglicher Todesser. Der Slytherin faszinierte Harry in einer Weise, die er sich nicht erklären konnte. Und dieses Interesse hatte sich nach dem Krieg nicht in Luft aufgelöst, sondern erwachte, wann immer er mit Draco konfrontiert wurde. Zum Beispiel, wenn Hermine über Hogwarts erzählte oder er Draco beim Quidditch-Spiel beobachtete. Und dann war da die Sache mit der Jungenumkleide.


- Kapitel 4 -

Das Spiel lief sehr gut für Ginny. Ihr Team hatte erneut gewonnen. Harry, Ron und Hermine war aufgefallen, dass die Trainer der Profi-Mannschaften Ginnys Spiel mit anerkennendem Blick verfolgt hatten. Die Gryffindor-Kapitänin hatte ihr Talent erfolgreich zeigen können.

Nach dem Spiel wollte Harry mit Hermine und Ron die Tribüne verlassen, um in der großen Halle auf Ginny zu warten. Ginny war in den Umkleidekabinen verschwunden und würde später nachkommen. Als Harry mit seinen Freunden die Tribüne verlassen wollte, bildete sich allerdings eine Traube von jüngeren Kindern um Harry. Sie waren zusammen mit ihren Eltern zu diesen wichtigen Spielen gekommen, um ihre Geschwister anzufeuern. Nun umringten sie Harry und baten um Autogramme.
Harry mochte seine Rolle als der ‚Retter der Zauberer-Welt' nicht, blieb aber geduldig sitzen, um Quidditch-Trikots und anderen Gegenstände mit seiner Unterschrift zu signieren, und die Fragen der Jungen und Mädchen zu beantworten. Aus den Augenwinkeln sah er, dass sich zwei Quidditch-Spieler auf ihren Besen über das Feld und die Zuschauerränge bewegten. Offenbar war es ihre Aufgabe, das Stadium zu reinigen, denn sie sprachen ‚Munditia'- und ‚Ordo'-Zaubersprüche, die den Müll auflösten und für Ordnung sorgten. Als Harry genauer hinschaute, erkannte er zu seinem Erstaunen, dass es sich bei einem der beiden Reinigungskräfte um Draco Malfoy handelte. Der andere war Thomas Walsh, der Sucher der Slytherin-Mannschaft.
Draco und Thomas bewegten sich Zaubersprüche rufend systematisch auf Harry zu. Als sie bei der Schar Autogrammjäger angekommen waren, hielten sie an und begutachteten das Treiben aus der Luft. „Hey Saint-Potter, ich möchte dich nicht stören, aber wie wäre es, wenn du deine Autogramm-Stunde in die Große Halle verlegst, damit wir hier zu Ende aufräumen können", rief Draco hinunter.

„Ich bitte um Entschuldigung, Malfoy. Schön, dass du deine Aufgabe so ernst nimmst. Wie ich sehe, hast du ein Talent dafür. Bei anderen Aufgaben warst du ja nicht so erfolgreich – zum Glück, muss man wohl sagen."

Harry konnte sehen, dass er den blonden Slytherin erfolgreich geärgert hatte, denn Dracos Gesicht färbte sich rot. Noch ehe er sich versehen konnte, schlug ein Zauberspruch neben ihn ein und löste eine zurückgelassene Verpackung schmackhafter Weasleys Funken-Schmetterlinge mit einem Plop in Luft auf. Ein paar der Kinder sprangen erschrocken zurück.

„Bitte macht den Platz frei, Kinder, wir wollen hier fertig werden", mischte sich nun Thomas ein und flog näher. „Nichts für ungut, Harry. Wenn du noch ein Autogramm für mich übrig hast, hole ich es mir gerne später ab. Meine kleine Schwester ist ein großer Fan von dir."

Harry erhob sich und bewegte sich gefolgt von seiner kleinen Fangemeinde in Richtung Ausgang. Er würdigte Draco keines Blickes. Bevor Harry die Treppen hinunterstieg, sah er, dass bereits einige weibliche und männliche Spieler aus den Umkleiden hinauskamen und zum Schloss eilten. Harry beschloss, vor den Umkleiden auf Ginny zu warten und mit ihr gemeinsam in die Große Halle zurückzukehren.
Er hatte sich gerade von seinen Anhängern verabschiedet und war unten aus dem Treppenturm hinausgetreten, um das Quidditch-Feld zu überqueren, als Draco und der Jäger in einiger Entfernung vor ihm auf dem Boden landeten und ebenfalls zu den Umkleidekabinen gingen. Sie hatten Harry nicht wahrgenommen.

Harry überlegte, ob er nicht doch lieber sofort zum Schloss gehen sollte, als er hörte, wie sein Name fiel.
„…ganz schön unfreundlich zu Harry Potter. Der Mann ist eine Legende!" Was Draco darauf antwortete, konnte Harry nicht hören, aber dass es nicht freundlich war, ließ sich von dem Lachen ableiten, das Dracos Begleiter von sich gab.
Harry sprach einen Gehör-Verstärkungs-Spruch, um mitzubekommen, wie das Gespräch der beiden weiterging.
„Wenn Harry heute gespielt hätte, wären die Trainer sicher ausgeflippt. Mann, konnte der dem Schnatz hinterherjagen! Aber seine Freundin Ginny ist leider auch krass talentiert. Wenn die im Sommer weg ist, haben wir vielleicht endlich eine Chance. Ich habe gehört, die Harpyien wollen Ginny zu einem Probespiel einladen."

Trotz des geschärften Hörsinnes, konnte Harry nicht verstehen, was Draco dazu zu sagen hatte. Er konzentrierte sich so sehr darauf, etwas zu hören, dass er zusammen zuckte, als Thomas wieder sprach und seine Stimme überlaut in Harrys Ohren hallte.

„Ach sei doch nicht immer so schlecht drauf, wenn es um Harry Potter geht." Dabei klopfte Thomas Draco kameradschaftlich auf den Rücken. Anstatt die Hand wieder weg zu nehmen, legte er sie auf Dracos abgewandter Schulter ab. Fast wie in einer lockeren Umarmung gingen die beiden weiter, nichtsahnend, dass Harry ihnen mit einigem Abstand folgte.

Harry beobachtete, wie der Sucher seine Hand von Dracos Schulter löste und mit den Fingern in beinahe zärtliche Weise Dracos Rücken hinabstrich. Dann legte er seine Hand flach auf Dracos Hintern und griff sanft in den Po, bevor er Draco an der Hüfte zu sich zog und ihm beim Gehen einen kurzen Kuss auf die Wange drückte.

Harry stockte der Atem. Das ging weit über eine kameradschaftliche Berührung hinaus. Vor dem Eingang der Herren-Umkleidekabine löste Thomas seinen Griff und ließ Draco den Vortritt. Bevor dieser jedoch durch die Tür treten konnte, wurde er noch einmal von seinem Mitspieler umschlungen und mit dem Rücken gegen dessen Vorderseite gezogen. „Merkst du vorauf ich mich freue, Draco?", fragte der jungen Mann mit rauer Stimme. Draco lachte und hielt inne, um sich ganz der Umarmung des Suchers hinzugeben. Harry sah, wie Thomas Hände nach unten wanderten und Draco wahrscheinlich an seiner intimsten Stelle berührten. „Hmm. Da freut sich einer wohl noch nicht so richtig auf mich", kommentierte er daraufhin.

„Sorry, Tom, der Gedanke an Potter ist irgendwie abturnend."

„Na, ich weiß, was da hilft. Keine Sorge. Aber es wundert mich…"
Harry konnte den Rest nicht verstehen, weil die beiden Slytherins in der Herren-Umkleidekabine verschwanden. Harrys Herz klopfte schnell und hart. Er lief zum Eingang der Damen-Umkleide, aber es brannte kein Licht mehr und es erklangen auch keine Geräusche aus dem Inneren. „Ginny", rief er, es kam aber keine Antwort. Vielleicht hatte er auch zu leise gerufen, doch Harry wollte keine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Stattdessen schlich er um die Herren-Umkleidekabine und stellte sich unter das geöffnete Oberlicht der Duschen.
Nach wenigen Minuten hörte er, wie jemand in den Duschraum kam. Leises Lachen, dann wieder Stille. Stöhnen.

„Aha, so schnell kann man dich also auf andere Gedanken bringen", hörte Harry Thomas sagen. Draco antwortete mit einem Lachen, dunkel und verführerisch.
Harry verspürte ein Ziehen im Unterbauch, ihm wurde ganz heiß und kribbelig.
„Warte", wandte Draco ein und sprach einen Zauber, um eine Tür zu verschließen.
Dann hörte Harry, wie eine Dusche anging, und unter dem Rauschen des Wassers konnte Harry zunächst nicht viel mehr wahrnehmen als „Hier, halt das mal." „Lass mich das machen." und „Noch mehr?" Es wurde wieder sehr still, bis nach einer Weile sanfte Schimpfwörter ertönten und zwischendurch ein lauter werdendes Stöhnen zu hören war.

„Verdammt, Draco, ja", erklang durch das Fenster.
In Harry Gedanken spielte sich ein lebhaftes Kopfkino ab. Er sah Dracos nackten Körper unter der Dusche. Helle, nasse Haut, ein langer sehniger Körper, feingliedrig aber stark. Hände spielten an seinen Nippeln, kneteten seinen Hintern und umfassten seine Eier, seinen Schwanz. Er fühlte förmlich, wie sich seine Lippen an Dracos Haut festsaugten, an Dracos feiner Kinnpartie knabberten und spielerisch in die Ohrläppchen bissen. Seine Zunge drang in Dracos Mund ein und erkundete diese feuchte, so verlockende Höhle.
„Draco, Draco, Dracoooo", hörte Harry aus der Umkleide, oder war es nur der Widerhall seiner eigenen Gedanken?
„Ja, Fuck, bitte, ja", ein langes Stöhnen, wieder dieses Lachen und dann konnte Harry beide keuchen hören.
Harry merkte erst jetzt, dass seine Finger durch den Stoff seiner Jeans sein eigenes Glied massierten. Es war hart und drückte unangenehm gegen den Reißverschluss. Harry öffnete seine Hose und nahm seinen Penis in die Hand.
Er lauschte konzentriert auf die Geräusche aus dem Duschraum. Der Lautstärke und Schnelligkeit des Stöhnens nach zu urteilen, waren Draco und sein Partner kurz vor dem Höhepunkt.
Ein langgezogenes Grunzen war zu hören. Harry glaubte nicht, dass er von Draco stammte, aber es machte ihn trotzdem unendlich an. Seine Hand brachte ihn in Sekundenschnelle zum Höhepunkt.
Die erste Welle seines Orgasmus' warf Harry beinahe nach vorne. Harry unterdrückte ein Keuchen und versuchte, seine Atmung unter Kontrolle zu bringen.

Er lehnte sich mit dem Rücken an die Hauswand. Seine Hand umfasste noch immer sein nun schlaffer werdendes Glied. Zu viele Gedanken prasselten auf ihn ein. Über allem lag das Gefühl der Scham, sich zu den Geräuschen in der Dusche befriedigt zu haben, wie ein verfluchter Voyeur. Es ließ sich nun auch nicht mehr abstreiten, dass er schwul war. Ein schwuler Voyeur, dessen Lustobjekt niemand anderes war als sein früher Todfeind Draco Malfoy. Da Schlimmste war jedoch, dass im Schloss seine Freundin Ginny wartete, die von all dem nichts ahnte. Verzweifelt und über sich selbst erschrocken ließ sich Harry an der Wand hinab auf den Boden gleiten. Er nahm schon gar nicht mehr wahr, wie Draco und Thomas zu Ende duschten und in die Umkleidekabine zurückgingen.


- Kapitel 5 -

„Wer ist denn das? Harry?" Harry wurde von Samuels Stimme in die Wirklichkeit zurückgeholt.

„Hm?"

„Da im Wohnzimmer, wer ist das? Der kommt mir irgendwie bekannt vor."

Harry schaute durch das Balkonfenster ins Wohnzimmer und sah Draco. Sein alter Feind stand genau auf der anderen Seite des Raumes mit dem Rücken zur Wand. Er wirkte entspannt, was Harry wunderte. Draco hatte inzwischen seine Robe abgelegt und trug zu Harrys Überraschung modische, aber eher adrette Muggel-Kleidung bestehend aus einer beigen, enganliegenden Hose, einem dünnen, hellblauen Pullover und weißen Sneakern. Die viel zu hellen Haare umrahmten sein Gesicht mit lässigem Schwung. Harry erinnert sich nicht daran, dass Draco in Hogwarts jemals etwas anderes getragen hatte als schwarze Anzüge, Zauberer-Roben oder Schuluniformen. Während Harry seinen ehemaligen Mitschüler musterte, betrachtete dieser den Inhalt seines Bowle-Glases. Ein heller Schein ging von dem Slytherin aus, der Harry an Luna erinnerte. Auch sie besaß manchmal eine fast ätherische Ausstrahlung, und Harry fiel ein, dass Draco und Luna entfernt verwandt waren. Lunas Aura hatte Harry immer als sehr hübsch empfunden, Dracos Strahlen war… irritierend. So verwirrend, dass Harrys Körper mit einem leichten Ziehen darauf reagierte. Da Harry Samuels Frage nicht beantwortet hatte, erklärte Neville: „Das ist Draco Malfoy, ein früherer Mitschüler aus Hogwarts."

„Malfoy? Sind die Malfoys nicht diese schwerreiche Todesser-Familie? Was macht denn so einer auf Hermines Geburtstagsparty?"

Noch immer mit dem Blick zu Draco gewandt antwortete Harry: „Dracos Vater Lucius ist ein verurteilter Todesser. Er ist vor zwei Jahren in Azkaban gestorben. Dracos Mutter war ebenfalls in Azkaban, aber nur für ein Jahr. Draco selbst ist von fast allen Anklagepunkten frei gesprochen worden. Er ist inzwischen ein guter Bekannter von Hermine. Also Achtung wie du über ihn sprichst."

Harrys letzter Satz klang nicht mehr sehr freundlich und es legte sich ein kurzes, unangenehmes Schweigen auf die Gruppe. Dann räusperte sich Samuel und nahm das Gespräch wieder auf, das er zuvor mit Luna und Neville geführt hatte. Harry beobachtete Draco weiter. Plötzlich schaute der Slytherin hoch. Harry glaubte nicht, dass Draco ihn durch die Fensterscheibe auf dem dunklen Balkon sehen konnte. Viel wahrscheinlicher war, dass das Fenster Dracos eigene Gestalt spiegelte. Trotzdem erstarrte Harry für einen Augenblick. Dann blickte Draco zur Seite, so als sei er gerufen worden und bewegte sich aus Harrys Sichtfeld heraus.

Harry wusste schon vor dem ‚Vorfall' in der Duschkabine von Dracos Homosexualität. Hermine hatte zwar nie etwas erwähnt, obwohl sie es sicherlich mitbekommen hatte, schließlich wohnten alle 8.-Klässer zusammen in einem zweigeschossigen Wohntrakt mit einem gemeinsamen Aufenthaltsraum und einer Teeküche. Doch am Ende war es Ron, der im Februar 1999, also zu Anfang des 2. Halbjahres, von Hermines 8. Schuljahr, davon erzählte.

„Malfoy hängt mit Zacharias Smith ab."

Harry horchte auf, wie immer, wenn der Name ‚Malfoy' fiel, und nahm ein Schluck von seinem Ale. Ron und er hatten sich unter der Woche in einer Londoner Muggel-Kneipe getroffen, wo sein Freund ihm nun von seinem Besuch in Hogwarts berichtete.

„Zacharias? Der war doch Kapitän der Hufflepuff-Mannschaft und Kommentator der Quidditch-Spiele. Ist der denn ein Reinblut?"

„Keine Ahnung. Aber ich glaube, Malfoy ist nicht an seinem Blut interessiert, sondern an was ganz anderem." Ron sah Harry mit einem süffisanten Grinsen an. „Ich hab die beiden gehört."

Harry wollte gerade zu einem weiteren Schluck ansetzen, vergaß aber, was er vorgehabt hatte und stellte sein Glas wieder auf den Tisch. „Gehört?" wiederholte er.

„Also, erst habe ich sie gesehen. Sie waren im Gemeinschaftsraum, abends, unterhielten sich und so. Hab' nicht so genau drauf geachtet, sondern mich mit den anderen unterhalten. Und dann sind Hermine und ich in ihr Zimmer, und du weißt doch, dass die Jungs den Flur oben drüber haben."

„Ja", antwortete Harry gedehnt. Seine Hände umfassten das Glas so fest, dass seine Knöchel weiß hervorstanden.

„Ich bin gegen drei aufgewacht und musste aufs Klo. Ich gehe also in den zweiten Stock zum Badezimmer der Jungen und komme an Malfoys Zimmer vorbei. Und da hab ich es gehört." Ron lehnte sich weiter nach vorne und senkte die Stimme verschwörerisch. „Ich dachte erst, Malfoy hätte Alpträume oder so, denn da kam ein Stöhnen aus dem Raum, sogar ziemlich laut. Aber irgendwie klang es nicht gerade verängstigt. Und dann war da noch 'ne Stimme und ich war mir ziemlich sicher, dass Malfoy gerade jemanden vögelt, und bin weiter. Als ich fertig war und wieder in den Flur kam, ging die Tür von Malfoys Zimmer auf und Zacharias kam heraus, so schleichend. Er steckte erst seinen Kopf heraus, um zu checken, ober der Gang frei ist. Dann guckte er erst in die andere Richtung und dann zu mir." Ron musste bei der Erinnerung fast lachen, aber Harry war nicht zum Lachen zumute. „Das sah irgendwie voll dumm aus. Als er mich sah, zuckte er total zusammen und meinte nur ‚Hallo Ron'. Dann ist er über den Flur gehuscht und in einem anderen Zimmer verschwunden, ich denke in seinem." Nun konnte Ron nicht mehr an sich halten und lachte laut los.

„Vielleicht haben sie einfach zusammen was getrunken."

„Das Stöhnen war schon sehr eindeutig. Und der hatte definitiv weniger an als abends im Gemeinschaftsraum: oben ohne und barfuß. Und am anderen Tag ist er rot geworden, als er mich gesehen hat."

Harry wusste nicht, was er davon halten sollte. „Und was sagt Hermine dazu?"

„Nichts. Leider. Du kennst sie ja. Die verbreitet keine Gerüchte. Meinte nur, selbst wenn, das wäre ja nicht schlimm."

„Und du glaubst, dass Malfoy schwul ist?"

„Naja, mindestens bi, so wie der früher mit der Parkinson rumgemacht hat, kann man sich da nicht so sicher sein."

„Aber vielleicht war Malfoy gar nicht in seinem Raum oder vielleicht haben sie einen Dreier gemacht."

Ron schaute Harry zweifelnd an. „Klar, einen Dreier. Da muss ich Hermine mal fragen, wer von den Mädels für sowas in Frage käme. Ne, Kumpel. Ich weiß es ja nicht genau, aber ich würde jetzt erstmal auf das Naheliegendste tippen: Malfoy hat mit Zacharias Smith rumgemacht, das heuchlerische Arschloch. Das wird seinen reinblütigen Eltern gar nicht gut gefallen. Aber immer schön so tun, als wäre er was Besseres, und dann lässt er sich in den Arsch ficken. Nicht, dass ich das schlimm finde, aber du weißt schon, die Malfoys müssen doch sicher 'ganze' Männer sein."

Harry wusste, dass Ron nichts gegen Homosexuelle hatte, da sein eigener Bruder Charles schwul war. Trotzdem störte ihn Rons Ausdrucksweise. Von seinen Männer-Phantasien hatte Harry Ron nichts erzählt, und schon mal gar nicht davon, dass er sich manchmal selbst da hinten befingerte, wenn er sich befriedigte, und das sehr schön fand. Analsex war doch auch unter einigen heterosexuellen Pärchen verbreitet, hatte er in Muggel-Zeitschriften gelesen. „Hört, hört, Charlie hältst du also auch für nur einen halben Mann?", fragte er deswegen etwas aufgebracht.

„Ach Quatsch, das war doof ausgedrückt. Ich finde einfach, dass Draco bigott ist."

„Naja, vielleicht ist Zacharias reinblütig, dann bleibt er sich ja treu. Und so oder so, Hermine hat recht: Ist ja wirklich nicht schlimm, wenn jemand schwul ist – oder bi."

Ron konnte dem nur beipflichten und Harry wusste, dass er es ernst meinte. Das Gespräch wandte sich bald wieder anderen Themen zu. Abends im Bett kam Harry hart bei der Vorstellung wie Zacharias vor Draco kniete und seinen Schwanz lutschte. Es war das erste Mal, dass er in einer Sexphantasie selbst keine Rolle übernahm, und auch das erste Mal, dass er sich gestattete, beim Sex an Draco Malfoy zu denken.

Dass auch Harry schwul war, erfuhr Ron erst ein paar Tage, nachdem Harry mit Ginny Schluss gemacht hatte, was noch an dem gleichen Wochenende geschah, als Harry Draco und Thomas in der Umkleide belauscht hatte.
Drei der Profi-Mannschaften hatten direkt nach den Spielen Gespräche mit Ginny geführt und sie zu den jeweiligen Probetrainings eingeladen. Harry, der nicht auf Geld achten musste, hatte schon zuvor in den Three Broomsticks in Hogsmeade einen Tisch reserviert, um mit Ginny, Ron und Hermine und all ihren Freunden das Ergebnis zu feiern. Er war sich völlig sicher gewesen, dass seine Freundin Angebote von den Profi-Mannschaften bekommen würde. An dem Abend in Hogsmeade gab es natürlich keine Gelegenheit, Ginny seine wahren Gefühle zu gestehen. So verschob er es auf den nächsten Tag, und war froh, dass Ginny mit Erleichterung reagierte. Sie hatte sich schon selbst mehrfach gefragt, warum er im Bett so zurückhaltend war, und es auf sich selbst bezogen.
Es stellte sich heraus, dass auch sie an ihrer Beziehung gezweifelt und sich nur nicht getraut hatte, Schluss zu machen, weil Harry oft so traurig wirkte, und sie die Reaktionen von Ron und ihrer Familie fürchtete. Harry versicherte ihr, dass die beiden nie eine Chance gehabt hätten, weil er in den letzten Monaten herausgefunden hatte, dass er schwul war, auch wenn er noch mit keinem Mann intim geworden sei. Am Ende trennten sie sich in aller Freundschaft und wussten, dass ihre Beziehung davon profitieren würde, nicht mehr als Paar zusammen zu sein.

Harry wandte sich wieder seinen Freunden zu. Er sprach, er lachte und schaute nicht noch einmal ins Wohnzimmer. Nach einer halben Stunde teilte Samuel Harry mit, dass er gerne aufbrechen würde. Es sei spät und er müsse morgen früh wieder zurück nach Irland. Samuel arbeitete in einem Schutzgebiet für bedrohte magische Tierarten und hatte einen Wochenenddienst vor sich. Er wohnte im Reservat und da auch Harry als Auror oft am Wochenende arbeiten musste, sahen sie sich nur zweimal im Monat. Für Hermines Party war Samuel außer der Reihe nach London gekommen. Harry und Samuel waren mehr oder weniger von Hermine verkuppelt worden, die Samuel durch ihre Arbeit im Ministerium schon seit Längerem kannte.

Harry zögerte, obwohl er sich auf Samuel gefreut hatte und auch müde war. Ein Freitag war nicht der beste Tag, eine Party zu feiern. Trotzdem antwortete er: „Ich würde eigentlich noch ganz gerne bleiben, Samuel. Ich habe mich noch gar nicht mit … Bill und Fleur unterhalten, und sie sind so selten in London. Macht es dir was aus, wenn ich etwas später nachkomme?"

Enttäuschung flackerte kurz über Samuels Gesicht. Er war erst am späten Nachmittag in London angekommen und wollte gerne mehr Zeit mit Harry verbringen, wie Harry unschwer erkennen konnte. Samuel versteckte seine Gefühle nie. Dennoch nahm er Harry in die Arme und meinte: „Aber nein. Ist schon gut. Vielleicht wecke ich dich morgen ganz früh, bevor ich aufstehe." Harry bemerkte selbst nicht, dass er einen schnellen Blick ins Wohnzimmer warf, ehe er antwortete: „Natürlich stehe ich mit dir auf und vielleicht haben wir vor dem Frühstück noch Zeit für was anderes."


- Kapitel 6 -

Nachdem Harry Samuel zur Tür gebracht und seinen Freund verabschiedet hatte, blieb er zunächst im Flur stehen und holte tief Luft. Er wusste, dass es nicht Bill und Fleur waren, derentwegen er noch bleiben wollte, fand aber, dass es ihm keiner verwehren konnte, neugierig auf Draco zu sein. Schließlich wollte er selbst rausfinden, warum Hermine ihn zu ihren Freunden zählte. Wie er sich dem Slytherin nähern konnte, war ihm aber nicht klar. Zunächst durchquerte er das Wohnzimmer, um sich ein zweites Mal an der Bowle zu bedienen. Draco war nicht zu sehen. Als Harry sein Glas über die Bowle-Schüssel hielt, musste er feststellen, dass sich nur noch eine Pfütze am Boden befand. Der Löffel versuchte vergebens, das süßlich-klebrige Gemisch aus der Schüssel zu schöpfen. Mit den Gedanken noch bei Samuel und seinem schlechtem Gewissen, ihn alleine gehen gelassen zu haben, blieb Harry unschlüssig vor der Bowle stehen und bemerkte nicht, dass Draco ins Esszimmer gekommen war.

„Ich denke nicht, dass der Löffel auf dein Starren reagiert, Potter." Draco stellte sich neben Harry. Er hob mit seiner linken Hand eine Seite der Schüssel an, so dass sich der Rest der Bowle an der rechten Seite sammelte. Augenblicklich tauchte der Löffel ein und füllte Harrys Glas. Ein Hauch von Dracos Körpergeruch stieg Harry in die Nase. Er roch frisch und holzig zugleich. Harry kannte sich mit Duftnoten nicht aus und hätte daher nicht in Worte fassen können, wie Draco roch, aber es gefiel ihm. Obendrein bemerkte er, wie der Alkohol, den er den ganzen Abend über konsumiert hatte, langsam seine Wirkung entfaltete.

Draco beendete mit einer Handbewegung den Zauberspruch, der auf dem Löffel lag, und füllte sich sein eigenes Glas in profaner Muggel-Art. Er trat einen Schritt zurück und hielt Harry das Glas zum Anstoßen entgegen. „Cheers! Lange nicht gesehen, Potter." „Cheers, Draco. Mindestens zwei Jahre nicht", antwortete Harry ohne über seine genaue Ausdrucksweise nachzudenken.

Draco zog die Augenbraunen hoch und Harry bemerkte seinen Fehler. Er hat Dracos Vornamen benutzt. Harry konnte sich nicht erinnern, dass er seinen alten Schulfeind je anders als mit ‚Malfoy' angesprochen hatte. Es war ihm etwas peinlich und er spürte wie ihm die Hitze den Nacken hochstieg.

„Entschuldige. ‚Malfoy', meinte ich natürlich. Hermine sagt immer ‚Draco', wenn sie von dir spricht, und das muss ich wohl übernommen haben."

„Ihr sprecht also oft von mir?" In Dracos Ton lag amüsierte Neugierde.

„Äh, nein, aber…", Harry versuchte nicht zu stottern, „…aber dein Namen fällt natürlich immer mal wieder. Ihr seid ja nun schon länger… gut bekannt."

„Dann bist du also Bestens über mich aufgeklärt." Draco schien darüber eigenartig erfreut zu sein, so als ob Harry seine Person besonders interessant finden würde.

„Sicherlich nicht mehr als du über mich."

„Nun, Hermine hat nur sehr selten von dir erzählt und die französischen Zeitungen berichten nicht so regelmäßig über dich wie die Englischen."

„Wenn dir das aufgefallen ist, wirst du wohl auch die Englischen gelesen haben. Dann weißt du ja doch ein Bisschen davon, was in meinem Leben so vor sich geht. Jedenfalls wenn du glaubst, was in den Zeitungen steht."

Die Zeitungen hatten nach dem Krieg nicht aufgehört über Harry zu berichten. Der Tagesprophet rühmte sich damit, das Leben „des Jungen der überlebte" genau zu kennen. Als Harry Potter sein Training zum Auror begann, musste er Schlagzeilen wie „Harry Potter – der Held, der nie aufgibt" und „Das magische Wunderkind bereitet sich erneut auf den Kampf gegen das Dunkle vor" ertragen.

„Keine Sorge, mir ist klar, dass die Hälfte von dem, was im Tagespropheten steht, reine Erfindungen sind. Aber ich weiß auch so alles über dich, was ich wissen muss."

Harry fühlte sich durch Dracos Tonfall und Worte augenblicklich gereizt – wie üblich.

„Ich erinnere mich, dass du das Gleiche über Hermine gedacht hast. Jahrelang war sie für dich nur – Wie nanntest du sie noch gleich? – das ‚Schlammblut', und nun seid ihr … ‚Freunde'." Harry schaute Draco herausfordernd an. „Vielleicht weißt du doch nicht so viel wie du geglaubt hast."

Harry sah, dass er einen Treffer gelandet hatte. Draco schwieg für einige Augenblicke und schien abzuwägen, was er als nächstes sagen sollte. Dabei musterte er Harry abschätzig. Harry wartete geduldig auf die Antwort des Slytherin und genoss es, ihn kurz mundtot gemacht zu haben. Als Draco dann aber sprach, war es Harry, der überrascht war.

„In der Tat habe ich mich in dieser Hinsicht und auch in … anderen Belangen … geirrt. Hermine ist wundervoll und es tut mir leid wie ich mich ihr und anderen Muggel-Stämmigen gegenüber verhalten habe."

Bevor Harry antworten konnte fuhr Draco fort: „Und jetzt möchtest du von mir hören, dass ich mich auch in dir getäuscht habe? Liegt dir denn etwas an meiner Meinung über dich. Ich kann dich in einem Punkt beruhigen, Potter…" Draco zog erneut seine Augenbraunen hoch und lächelte. Offenbar hatte er sich wieder unter Kontrolle. „Ich habe inzwischen durchaus erkannt, dass du tatsächlich der unerschrockene Held bist, den der Tagesprophet so liebt. Habe ich doch am eigenen Leib erfahren wie du Menschenleben rettest. Ich erinnere mich sehr wohl daran, dass ihr im Raum der Wünsche euer Leben für uns riskiert habt."

„Das war…"

„…selbstverständlich? Ich glaube nicht. Es war vor allem nicht verdient. Man könnte sagen, ich stehe in deiner Schuld, Potter. Was meinst du, wie kann ich die einlösen?"

„Das ist nicht…"

„…nötig? Aber selbstverständlich doch. Wir Reinblütler können eine Blutschuld nicht einfach ignorieren. Ich finde, das ist immerhin eine Tradition, die ihre Berechtigung hat, auch wenn sich die meisten anderen als hinfällig oder schwachsinnig heraus gestellt haben. Vielleicht fällt dir ja noch ein, wie ich mich bei dir revanchieren kann. Meinen Dank hast du jedenfalls, und ich hoffe, dass du ihn annimmst. Das macht uns aber noch nicht zu Duz-Freunden, Potter. Also belassen wir es doch vorerst beim Nachnamen.

„Vielleicht geht das mit dem Duzen schneller als du denkst, Malfoy. Immerhin arbeiten wir bald eng zusammen. Du fängst schließlich in meiner Abteilung an."

„Du meinst, in der Abteilung, in der du auch arbeitest? Harry Potter, der Auror. Nach dem Krieg habe ich mich tatsächlich kurz gewundert, warum du dein Leben weiterhin dem Kampf gegen das Böse widmen willst. Ich dachte, du würdest dich freuen, wenn alles etwas ruhiger um dich herum würde. Immerhin hast du doch zu Schulzeiten immer so getan, als ob dir die ganze Aufregung um deine Person unangenehm sei."

„Was willst du damit sagen?" Harry fühlte, wie sich sein Gesicht vor Ärger rot färbte, während Draco ihn mit einer Unschuld ansah, als ob er eine Bemerkung über das schlechte Wetter am Vormittag gemacht hätte.

„Oder war es einfach bequem, ein Angebot für einen Job anzunehmen, der eigentlich einen ordentlich Schulabschluss erfordert hätte? Nun, vielleicht hast du einfach erkannt, welche Vorteile es mit sich bringt, der Retter der Welt zu sein."

Harry wollte auffahren und Draco unterbrechen, doch der hob beschwichtigend die Hand. „Verstehe mich nicht falsch. Ich kann dein Verhalten gut nachvollziehen. Die Malfoys haben immer genau für den Ruhm und die Macht gekämpft, die du jetzt hast. Ich würde mir niemals anmaßen, deine Entscheidungen zu kritisieren, und es ist auch klug, seine Ambitionen nicht preiszugeben. Man sollte sich nie in die Karten schauen lassen."

„Ich glaube, du hast da was gründlich missverstanden, Malfoy", brachte Harry zornig heraus.

„Ist das so? Vielleicht, wir werden sehen. Ich wünsche dir jedenfalls Erfolg. Du macht die Welt zu einem besseren Ort." Bei diesen Worten hob Draco demonstrativ sein Bowle-Glas. „Auf dich, Potter!" Er leert das Glas in einem Zug und verabschiedet sich mit einem fast fröhlichen „Und vergiss nicht, ich bin dir was schuldig. Man sieht sich!" Dann drehte er sich weg und ging zurück ins Wohnzimmer.

Harry starrte dem Slytherin hinterher. Seine Gefühle schwankten zwischen Unglauben und Wut. Was bildete sich Draco ein? Wie hatte Harry auch nur einen Augenblick Hermine glauben können, Draco hätte sich verändert? Seine ganze Rede war eine einzige Beleidigung gewesen – abgesehen von seinen Worten über Hermine. Die herablassende Art, mit der er sich bei Harry bedankt hatte, zeigte nur, was für ein arrogantes Arschloch Draco war. Warum nur, hatte sich Harry so von dem Slytherin überfahren lassen? Jetzt stand er hier wie ein begossener Pudel, und das war noch das Schlimmste von allem.

Harrys Stimmung war so im Keller, dass er überlegte, die Party augenblicklich zu verlassen. Diesen Triumph wollte er Draco allerdings nicht gönnen. Kein noch so blöder Slytherin würde ihn von seinem eigenen Terrain vertreiben. So ging er zu Fleur und Bill, die sich mit George und seiner Freundin Nancy in der Küche unterhielten.
Draco hatte sich zu Hermine, Ron, Neville und Luna gestellt, wie Harry von seiner Position heraus gut sehen konnte. Er beobachtete den Slytherin mit einem feindseligen Ausdruck im Gesicht, und es wäre Harry auch nicht peinlich, wenn dieser es bemerken würde. Sollte Draco doch wissen, dass Harry ihn zum Teufel wünschte. Leider ignorierte Draco ihn völlig. Sein Gesichtsausdruck zeigte nicht die Spur einer Veränderung, wenn sein Blick gleichmütig über Harry glitt, während er gelegentlich das Treiben im Raum betrachtete.
Mit Ärger bemerkte Harry, wie seine Freunde dem Slytherin an den Lippen hingen. Draco untermalte jeden seiner Sätze mit lebhaften Gesten und er versuchte nicht mal mehr, diese zu unterdrücken. Harry fand so ein expressives Fuchteln eigentlich ganz süß - aber sicher nicht bei Draco Malfoy.
Anhand der Gesprächsfetzen, die zu ihm hinüberdrangen, erkannte Harry, dass Draco von Paris oder den Franzosen erzählte. Harry sah mit zusammen gekniffenen Augen, wie Ron seine Belustigung zunächst nicht zeigen wollte, dann aber frei heraus lachte. Auch Draco lachte, und Harry erkannte, dass er den ehemaligen Todesser lange nicht mehr so fröhlich gesehen hatte. Es beunruhigte ihn, dass er Dracos Gesicht - ganz objektiv betrachtet - als anziehend bezeichnen musste, erst recht, wenn es durch ein Lachen erstrahlt wurde. Überhaupt war das spitzzulaufende Gesicht in den letzten Jahren ziemlich kantig geworden, mit hohen Wangenknochen und sturmgrauen Augen. Die Nase verlieh dem Ganzen noch einen interessanten, aristokratischen Zug. Das war kein Gesicht, das man so schnell vergaß. Jedenfalls hatte Harry es nicht vergessen. Tatsächlich war es ihm noch so vertraut, dass er jeden einzelnen der kleinen Unterschiede zu vor zwei Jahren genau hätte benennen können.

Aber all das trat in den Hintergrund gegenüber dem Ärger, den er empfand. Vor allem, weil Draco ihn der Unehrlichkeit bezichtigt hatte. Draco lag völlig falsch damit, zu glauben, Harry würde gerne im Mittelpunkt stehen. Es hatte sich nach dem Krieg einfach nicht richtig angefühlt, nach Hogwarts zurückzukehren. Zu viele Todesser waren noch auf freiem Fuß und Harry wollte mithelfen sicherzustellen, dass Voldemorts Helfershelfer hinter Gitter kamen.

Ein weiterer Grund war, dass Hogwarts für Harry nicht mehr das Zuhause war, wie in den ersten Schuljahren. Zu viele Orte in dem alten Schloss erinnerten ihn an die schrecklichen Erlebnisse der letzten Jahre und an die Menschen, die er verloren hatte. Schon so träumte er zu oft davon, wie Dumbledore vom Turm stürzte. Er sah Cedrics letzte Minuten und Snapes Gesichtsausdruck, als Nagini ihn biss. Selbst die Erinnerung daran wie Crabbe in das Dämonenfeuer fiel, war nun untrennbar mit Hogwarts verbunden. Harry hatte sich nicht imstande gesehen, einfach in den Schulalltag zurückkehren. Er hatte es vorgezogen, sich in die Auroren-Ausbildung zu stürzen und mit Ron in London zu bleiben.