TEIL 2

- Kapitel 8 -

Am darauffolgenden Tag schlug das Wetter um. Eine gleichförmige, graue Wolkenschicht bedeckte den Himmel und ein nicht enden wollender nasskalter Nieselregen ließ die wohligen Temperaturen vom Wochenende schnell vergessen. Entsprechend war die Stimmung in der Auroren-Zentrale im Ministerium.

Harry traf wie an den meisten Arbeitstagen kurz nach acht in dem Großraumbüro ein. Sein erster Gang führte stets in den Pausenraum, um sich eine Tasse seines Grünen Tees aufzugießen. Es war ein teurer Gyokuro in einer edlen Dose, den Ginny Harry zu seinem Geburtstag aus Japan mitgebracht hatte. Danach unterhielt sich Harry mit seinem Partner John Weston und anderen Kollegen über das Wochenende, bevor sich alle um 9 Uhr für die allwöchentliche Konferenz am Montagmorgen - MMI genannt - im großen Besprechungsraum versammelten.

Chief Auror Gawain Robards brachte die Kollegen in seiner typisch dominanten und leicht ungeduldigen Art auf den neusten Stand, verteilte neue Fälle und andere Aufgaben. Am Ende der Konferenz machte er schließlich die Ankündigung, auf die Harry schon seit ein paar Wochen gewartet hatte, da er von Hermine bereits seit August wusste, dass Draco im Ministerium anfangen würde: „Darf ich noch mal um Ruhe bitten. Euch ist bekannt, dass wir schon seit Langem eine Fachkraft für dunkelmagische Artefakte und Objekte im Allgemeinen suchen. Es freut mich, mitteilen zu können, dass die Stelle endlich besetzt werden konnte. Bereits am kommenden Montag, also am 1. Oktober, wird ein gewisser Draco Malfoy unser Team verstärken. Malfoy wird…", Robards kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden, da er von dem aufgebrachten Gemurmel der Kollegen unterbrochen wurde.

„Draco Malfoy, der Todesser? Wer ist denn auf diese bescheuerte Idee gekommen?"

„Das Todesser-Söhnchen? Ich dachte der säße in Azkaban."

„Der hat doch das Dunkle Mal! Der war doch schon als Schüler ein Anhänger des Dunklen Lords."

„Der Sohn von Lucius? Soll das sein Witz sein?"

„Wir brauchen keine Todesser im Ministerium!"

Es erschien Harry, als ob jeder seiner Kollegen etwas zu der Neuigkeit zu sagen hatte. Er selbst wusste nicht, ob er Genugtuung oder Mitleid für Draco empfinden sollte, und schwieg.

„Liebe Kollegen, ich bitte um Ruhe!", übertönte Robards mit autoritärer Stimme die Kommentare. „Draco Malfoy hat in Paris studiert und wird seine Ausbildung hier in London bei Professor Grimzak fortsetzen. Ich denke, der Professor ist euch bekannt. Immerhin haben wir ihn schon einige Male um Hilfe gebeten, wenn es Probleme mit schwarzmagischen Objekten gab. Er konnte uns auch immer helfen, war aber nicht gerade…uhm… erbaut, in seinen Studien gestört zu werden. Darum sind wir sehr froh, dass wir nun mit Draco Malfoy auf einen seiner Schüler zurückgreifen können."
Robards machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: "Malfoy wird uns an mehreren Tagen in der Woche unterstützen. Und zu denen, die Bedenken haben, weil er im Krieg auf der Seite seines Vaters stand, kann ich nur sagen, dass Draco damals quasi frei gesprochen wurde."

"Doch nur, weil er zu jung war für eine Verurteilung!", kam es von hinten. Robards ließ sich nicht beirren: "Malfoy hat in den Jahren nach dem Krieg alle Auflagen des Ministeriums 100 prozentig erfüllt. Sein psychologisches Gutachten ist makellos. Es gibt keine Hinweise darauf, dass er seine alte Gesinnung noch pflegt oder nachhängt. Er hat eine lupenreine Weste und ist der beste Mann für diese Stelle."

„Sicher nicht der beste Mann für die Stelle, sondern der einzige, den das Ministerium finden konnte!" warf Franny Lorett, eine ältere Kollegin, ein.

„Chief, ernsthaft, ist doch wohl klar, warum der kleine Malfoy hier anfangen will. Immerhin hat das Ministerium alle schwarzmagischen Objekte aus dem Malfoy-Landsitz konfisziert und hier im Archiv eingelagert. Jetzt kommt er, und will sich um sie ‚kümmern' und uns ‚helfen'. Ja klar, wer's glaubt."

Wieder schwoll ein Gemurmel an, noch wütender als zuvor.

Robards versuchte zu beschwichtigen: „Malfoy interessiert sich weder mehr noch weniger für die Objekte seines Vaters wie für all die anderen dunkelmagischen Gegenstände in unserem Archiv."

„Die Frage ist ja wohl, warum er sich überhaupt mit dunkler Magie befasst. Da fängt es doch schon an, verdächtig zu werden", wandte Miguel Rodriguez ein, der eigentlich nicht dafür bekannt war, die Anweisungen des Chiefs in Frage zu stellen. Harry erinnerte sich daran, dass Miguel der einzige Zauberer in seiner Familie war, und daher vielleicht einen besonderen Hass auf die Malfoys hatte.

„Draco Malfoy interessiert sich dafür, wie man die schwarze Magie unschädlich macht, nicht wie man sie benutzt, um anderen zu schaden, Miguel", antworte Robards mehr genervt als beschwichtigend. „Er wurde höchstpersönlich von Minister Kingsley für geeignet befunden. Und auch ich sehe kein Problem darin, ihn hier zu beschäftigen. Im Gegenteil, ich habe Gespräche mit Malfoy und mit seinem damaligen Betreuer geführt. Ich habe sogar mit seinen Professoren in Paris gesprochen. Hermine Granger, die ihr alle als eine Hexe kennt, der man nichts vormachen kann, hat sich höchstpersönlich für Herrn Malfoy eingesetzt. Sie hat seinen gesamten Werdegang verfolgt, war mit ihm vor und nach dem Krieg in Hogwarts und hat ihn auch in Paris mehrfach getroffen. Malfoy ist in Ordnung." Die Stimme des Chiefs war noch ein Stück schärfer geworden.

Allen war klar, dass er es nicht als Spaß verstand, wenn die Entscheidung eines Vorgesetzten weiterhin angezweifelt würde. Trotzdem wagte es eine der neuen Kolleginnen Harry laut zu fragen: „Harry, du warst doch auch mit Draco in Hogwarts. Ich habe gehört, ihr habt euch nicht gut verstanden. Was hältst du denn von der ganzen Sache?"

Harry hasste es, wenn man seine Meinung besonders hervorhob. Auf der anderen Seite hatte Claire natürlich Recht, er kannte Malfoy schon seit vielen Jahren. Allerdings wollte er sich weder für noch gegen Draco aussprechen. Zögerlich, aber mit so viel Diplomatie wie möglich, antwortete er: „Wenn der Chief, der Minister und Hermine grünes Licht geben, wüsste ich nicht, warum ich Draco … misstrauen sollte, ganz abgesehen davon, ob ich persönlich mit ihm auskomme oder nicht." Die letzte Spitze konnte sich Harry dann doch nicht verkneifen, auch wenn Draco nicht anwesend war, um es mitzubekommen.

Robards blickte Harry trotzdem anerkennend an. Natürlich gefiel dem Chief Harrys Antwort. „Wie ihr seht, gibt es keinen Grund für eure Aufregung. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass Draco nicht sein Vater ist. Als er das Dunkle Mal bekommen hat, war er zu jung und zu sehr unter Druck, um abzuschätzen, was es wirklich bedeutet. Ich bin mir sicher, dass er es bitterlich bereut."

„Außerdem hat der Junge eine Probezeit, wie jeder andere auch", gab Harrys Partner zu bedenken. Weston neigte nie zu vorschnellen Urteilen oder Gefühlsausbrüchen. „Wenn Malfoy Ärger macht, sind wir ihn sicher schnell wieder los. Bis dahin hat er eine Chance verdient." Zu Harry gewandt, der neben ihn saß, flüsterte er: „Meine Enkelin Sophia war in der 4. Klasse als Malfoy nach dem Krieg zurückgekommen ist. Sie hat uns regelmäßig von ihm vorgeschwärmt." Er lächelte Harry auf seine gutmütige Art an. Dieser konnte sich ein Schnauben nicht verkneifen. Auch Hermine hatte erzählt, dass Draco bei den jüngeren Mädchen sehr beliebt gewesen war. Er galt als eine Art Bad Boy und die kleinen Girlies hatten romantische Vorstellungen davon, wie sie ihn bekehren konnten.

„Wie gesagt", war Robards inzwischen fortgefahren. „Malfoy ist auf unserer Seite. Er kommt, um uns zu unterstützen. Ihr könnt ihn für eure Einsätze anfragen. Seine Aufgabe ist es, die dunkelmagischen Objekte zu neutralisieren und ins Ministerium zu bringen. Am Ende ist er derjenige, den es trifft, wenn er Mist baut. Wenn er keine Außeneinsätze hat, wird er sich um die Archivierung und Lagerung der Objekte kümmern und im Archiv aufräumen. Da Pete, unser Beauftragter für neue Kollegen, noch immer im St. Mungo's ist, haben wir keinen, der Malfoy in unseren Büroalltag einführt. Ich gehe also davon aus, dass sich alle um ihn kümmern und dafür sorgen, dass er seine Arbeit gut erledigen kann. Haben wir uns verstanden?"

Das Getuschel, das nun erklang, ließ sich mit ein Bisschen gutem Willen als Zustimmung interpretieren. Zusammen mit seinem Partner verließ Harry den Konferenzraum und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. Er hatte sich vorgenommen, noch ein paar Berichte von ihrem aktuellen Fall durchzuarbeiten, aber seine Gedanken kehrten zu dem Misstrauen zurück, dass seine Kollegen Draco entgegen brachten. Er konnte es gut verstehen. Auch für Harry und Ron war es damals in Hogwarts völlig unerklärlich gewesen, dass Hermine so positiv von einem Schüler sprach, der das Dunkle Mal mehr oder weniger freiwillig genommen hatte.

Harry und Ron hatten natürlich bemerkt, wie sich Hermines Erzählungen über Draco im Laufe der Zeit veränderten. Wenn sie von ihren Projekten berichtete, sprach sie auch immer wieder über Draco, und es war offensichtlich, dass sie die Zusammenarbeit mit ihm mehr und mehr genoss. Während Ron Hermine gerne mit abfälligen Bemerkungen über den Slytherin unterbrach, hörte Harry schweigend zu und versuchte, die neuen Informationen in das Bild einzuordnen, das er von seinem ehemaligen Rivalen hatte. Es gelang ihm nicht. Nur wenn er in der Großen Halle oder in den Gängen einen Blick auf Draco erhaschte, verstand Harry die Veränderungen, die Draco in diesem Jahr durchmachte. Er wirkte deutlich gesünder, als Harry ihn in Erinnerung hatte, trug nicht mehr nur schwarz, und ließ sich die Haare wachsen. Harry konnte nicht umhin zu bemerken, dass Draco muskulöser und kräftiger wurde und sich geschmeidig bewegte. Das Älterwerden stand ihm gut.

„Ich kann wirklich nicht verstehen, wie du so viel Zeit mit Draco Malfoy verbringen kannst", hatte Ron Hermine im Dezember aufgebracht angefahren." Harry wusste, dass Ron auch ein wenig eifersüchtig war, obgleich es dafür keinen Anlass gab. „Er hat sich auf sehr slytherin'sche Art bei dir eingeschleimt, Hermine."

„Das stimmt nicht, Ron. Draco ist sicher nicht perfekt. Er ist immer noch arrogant, manchmal sogar geradezu unverschämt. Aber er bemerkt das dann auch selbst und er versucht, es wieder gut zu machen. Er arbeitet daran, ein besserer Mensch zu werden. Im ganzen Jahr hat er meine Herkunft nicht ein einziges Mal kommentiert. Er hat sich bei mir sogar für seine früheren Beleidigungen entschuldigt."

„Hat er sich auch dafür entschuldigt, dass seine Tante dich vor seinen Augen gefoltert hat, Hermine?"

„Nein, hat er nicht. Wir sprechen eigentlich nicht davon. Aber wenn doch, dann sehe ich in seinem Blick – oder wie er eben wegguckt –, dass es ihm leid tut."

„Tsss. Genau." Ron war nicht bereit, an Dracos Charakterwandel zu glauben, was Hermine auf die Palme brachte: „Na hör mal, Ron. Wir haben doch vor Dracos Gerichtsverhandlung abgemacht, dass wir ihm eine Chance geben wollen. Wir haben alle Drei geglaubt, dass Draco sich ändern kann, nicht wahr, Harry? Ich sage es noch mal, Draco hat sich verändert."

Es waren intensive Gespräche gewesen, die die Drei vor und während der Todesser-Prozesse im Sommer 1998 geführt hatten. Das Gericht nahm ihre Zeugenaussagen sehr ernst und gab ihnen damit die Macht, die Zukunft der Angeklagten zu beeinflussen.

Die Frage, die sich ihnen immer wieder stellte, war, ob ein Mensch in der Lage war, sich um 180 Grad zu drehen. Konnten Todesser bekehrt werden? Nächtelang kehrten Harry, Hermine und Ron zu dem Thema zurück, welche Schuld Draco traf, welche Strafe er verdiente, und ob er seinem Leben eine Wende würde geben können. War Draco Opfer oder Täter oder beides?

Hermine hatte einiges über Muggel-Geschichte gelesen und sich mit ihren Eltern häufig auch über Rechtsradikalismus unterhalten. Harry kannte sich mit all dem kaum aus. Er war in Hogwarts ganz und gar in die Welt der Zauberer und Hexen abgetaucht und hatte genug damit zu tun gehabt, am Leben zu bleiben, als dass er ein Interesse für die Probleme in der Muggel-Welt hatte aufbringen können. Die Dursleys gehörten auch nicht zu den Personen, die Harry über solche Themen aufgeklärt hätten, und in der Muggel-Grundschule stand Rechtsradikalismus nicht auf dem Lehrplan. Harry war inzwischen klar geworden, dass die Ausbildung in Hogwarts einiges zu wünschen übrig ließ.

Es war Hermine, die Ron und ihm die Parallelen zwischen rechtsradikalem Gedankengut und der Denkweise der Todesser aufgezeigt hatte. Es gab rechtsradikale Menschen, die eine Kehrtwende schafften. Sogenannte „Aussteiger" verließen die Neo-Nazi-Szene und bauten sich neue Existenzen auf. Viele übernahmen Verantwortung für ihre Taten. Die alten Ideologien aber wirklich abzulegen, war ein Prozess, der Jahre dauerte und viel mit Selbstreflexion zu tun hatte.

Am Ende standen für die drei jungen Zauberer fünf Punkte fest:

1. Draco war kein Mörder und genoss es nicht, andere zu foltern oder dabei zuzusehen.

2. Draco war von Geburt an durch seine Eltern und sein Umfeld mit Voldemorts Gedankengut geimpft worden und hatte nie eine reale Chance gehabt, sich davon zu befreien.

3. Draco handelte größtenteils aus Sorge um sein Leben und um das Leben seiner Eltern.

4. Draco hatte Harry, Hermine und Ron geholfen, als er sich weigerte Harry in Malfoy Manor genau zu identifizieren.

5. Draco war bei all seinen Taten noch nicht erwachsen gewesen. Er war erst am 5. Juni, also nach der Schlacht von Hogwarts, 18 Jahre alt geworden.

Es gab noch Tausenderlei mehr über Draco zu sagen und das meiste betraf seinen schlechten Charakter, aber für Harry und seine Freunde hatte festgestanden, dass sie nicht wollten, dass Draco in Azkaban landete. Sie hatten Draco zweimal das Leben gerettet, einmal in der Kammer der Wünsche und ein weiteres Mal bei einer Auseinandersetzung mit einem misstrauischen Todesser. Sie hatte es getan, weil sie wollten, das Draco lebte. Draco war ein Mitschüler, ein fehlgeleiteter Jugendlicher. Er sollte eine Chance bekommen, aus seinen Fehlern zu lernen, und seine Einstellung zu ändern.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf sprachen sich Harry, Hermine und Ron bei seiner Gerichtsverhandlung für Draco aus. Sie wollten keine völlige Straffreiheit für den blonden Slytherin aber sie gaben ihr Bestes, um zu vermeiden, dass Draco nach Azkaban geschickt wurde, und hatten Erfolg.

Narcissa war ebenfalls glimpflich davon gekommen. Dies war der Tatsache zu verdanken, dass sie kein Dunkles Mal trug und Voldemort bezüglich Harrys Todes angelogen hatte.

Lucius hatte hingegen kein Glück gehabt. Es gab zwar keine Dementoren mehr in Azkaban, aber den Rest seines Lebens in dem düsteren Gefängnis zu verbringen, war eine bittere Strafe. Harry konnte sich trotzdem nicht dazu bringen, ihn zu bedauern. Immerhin war Lucius ein Wiederholungstäter und Harry fiel nichts Positives ein, das er über das Verhalten von Dracos Vater in den letzten Jahren hätte sagen können.

Draco bekam nicht viel Gelegenheit, seinen Vater in Azkaban zu besuchen. Lucius war einen Tag, nachdem Narcissa aus Azkaban entlassen worden war, von einem Mithäftling erstochen worden. Es hieß, die Wachen hätten das Messer aus Versehen liegen lassen und nicht schnell genug reagiert, als sie Lucius Schreie hörten. Die ganze Angelegenheit wurde untersucht, verlief aber im Sande. Narcissa und Draco blieben nach der Beerdigung für nur wenige Wochen in England, dann zogen beide nach Frankreich, und der Tagesprophet titelte „Achtung Frankreich, die Malfoys kommen".

- Kapitel 9 -

Harrys Woche verlief recht ruhig. Zusammen mit Weston arbeitete er an einer Einbruchserie. Sie gingen davon aus, dass es sich um Beschaffungskriminalität handelte und waren dem Täter schon gut auf den Fersen. Harry hätte vor seiner Ausbildung zum Auror nicht damit gerechnet, dass ein Teil ihrer Aufgaben der Polizeiarbeit bei den Muggels ähnelte. Es störte ihn nicht. Er schrieb zwar nicht gerne Berichte, aber die Aufklärung von Verbrechen fand er spannend und manchmal ging es in der Zentrale tatsächlich zu wie in einem phantasievollen Krimi. Harry liebte Kriminalgeschichten seit seiner Kindheit und hatte sich einige Filme und Serien am Fernsehen bei den Dursleys angesehen. Heimlich natürlich, denn die Dursleys hatten sein Zimmer nicht mit einem Fernseher ausgestattet und das Wohnzimmer blieb ihm verwehrt.

Am Donnerstag apparierte Harry in die Diagon Alley, um mit Ron im Laden Mittag zu essen. Bei einem Chicken-Curry-Sandwich fragte er Ron nach Dracos Besuch am Sonntag.

„Oh, das war ganz OK. Stimmt, Hermine hat erzählt, dass sie dich und Teddy bei im Eissalon getroffen hat. War wohl das erste Mal, dass Draco seinen Cousin gesehen hat."

„Großcousin", verbesserte Harry unnötigerweise.

„Ja, 'Großcousin' dann eben. Muss ganz lustig gewesen sein, meinte jedenfalls Hermine."

„Die sagt sowie nichts Schlechtes über Draco, egal was der macht", warf Harry ein.

„Naja, er scheint ja auch inzwischen ganz OK zu sein."

„Du hast nicht gehört, was er auf eurer Party zu mir gesagt hat."

„Hm?" Ron kaute auf einem Stück Fleisch herum und konnte nur undeutlich sprechen. „Was denn?"

Harry erzählte ihm von dem Gespräch mit Draco. Er ließ so wenig Details aus wie möglich, höchstens fügte er noch ein paar hinzu, zum Beispiel wie boshaft Dracos Stimme gewesen war und wie hinterfotzig er gelächelt hatte.

„Oh, Mann. Ganz der Alte Malfoy. Komisch, als er hier war, war er sehr nett. Vielleicht lag's an Hermine. Hatte auch gute Ideen bezüglich meiner neuen Erfindung. Hier schau mal." Ron stand auf und holte Zeichnungen zu einem neuen magischen Badewannenspielzeug aus der Werkstatt. Es war ein Dampfschiffchen, das Wasser in Rauch verwandeln konnte. Harry betrachtete es mit echtem Interesse und bewunderte es hinlänglich. „Das wäre auch was für Teddy."

Dann meinte er: „Draco scheint die Diagon Alley nicht so zu mögen. Hermine hatte so eine Bemerkung gemacht, dass er dort eigentlich gar nicht hinwollte."

„Ja?" murmelte Ron. „Das hat wohl eher damit zu tun, dass er hier nicht gern gesehen ist. Ich meine nicht hier bei uns…", mit einem Blick auf Harry korrigierte er seine Aussage, „Ich meine hier auch nicht wirklich, aber er ist wohl davon ausgegangen, dass die Leute ihn anstarren und beleidigen, wenn er in die Londoner Zauberer-Gemeinde zurückkehrt. Hermine wollte ihm das Gegenteil beweisen und ihm bei seinem ersten 'Freigang' unterstützen."

Oh, dachte Harry, und sagte. „Naja, er ist tatsächlich von so einem Typen angemacht worden."

„Ja? Ach ja, hatte Hermine erzählt. Aber wenn er immer noch so ein Dreckskerl ist,..." Ron beendete seinen Satz nicht, er war schon wieder in seinen Konstruktionsplan vertieft. So viel Fleiß, wie er bei der Arbeit für Weasleys' Wizards Wheezes an den Tag legte, hatte er in ihren sechs Hogwarts-Jahren nie gezeigt. Harry war stolz auf seinen besten Freund. Nach einer Weile verabschiedete er sich und kehrte ins Ministerium zurück.

Am Samstag kümmerte sich Harry wieder um Teddy. Seitdem er mit Samuel zusammen war, hatte er dazu etwas weniger Zeit, weil er jedes vierte Wochenende bei Samuel in Irland verbrachte. Wenn Samuel ihn in London besuchte, wollte er seinem Freund nicht immer zumuten, Zeit mit einem Kleinkind zu verbringen. Er wusste, dass Samuel keine große Lust darauf hatte. Samuels Argumentation war, dass er Kinder zwar mochte, aber sich für eigene Kinder noch zu jung fühlte. Viele seiner Wochenenden waren durch seine Dienste im Reservat fremdbestimmt, da wollte er am Wochenende nicht noch zu viele Zugeständnisse machen. Außerdem beschäftigte er sich ja schon unter der Woche mit bedürftigen Wesen – so scherzte er –, am Wochenende wollte er sich vor allem um sich und um Harry kümmern. Harry versuchte Verständnis für seinen Freund aufzubringen. Er schätze seine Ehrlichkeit und würde sich arrangieren.

Ron hatte eine andere Meinung dazu, egal wie sehr er Samuel sonst auch mochte. „Teddy gehört zu deinem Leben. Wenn Samuel ihn ausblenden will, dann passt ihr vielleicht doch nicht so gut zusammen, wie Hermine denkt." Das zu hören, tat weh, und Harry schob den Gedanken weit von sich. Er hatte sich schließlich vorgenommen, nicht zu viel nachzudenken, sondern die Dinge auf sich zukommen zu lassen.

Der Sonntag verstrich durch einen ganztägigen Besuch im Fuchsbau in einer sehr kurzweiligen und vertrauten Weise, und lenkte Harry davon ab, dass Draco am darauffolgenden Tag seinen Dienst im Ministerium antreten würde.

Mit einem unguten Gefühl im Bauch erschien Harry am Montagmorgen in der Zentrale. Er konnte das Gefühl nicht loswerden, dass Draco die gute Atmosphäre im Büro verderben würde, und hoffte einfach, dass der Slytherin die meiste Zeit im Archiv verbringen würde. Er tröstete sich damit, dass ihn keiner zwingen konnte, Draco mit auf einen Einsatz zu nehmen.

Etwas nervös hielt Harry nach Draco Ausschau, während er mit seinen Kollegen zusammenstand und an seinem Lieblingstee nippte. Natürlich war das beherrschende Thema Draco Malfoys Dienstbeginn, aber blicken ließ sich der unwillkommene neue Mitarbeiter vorerst nicht.

Auch zur MMI erschien Draco nicht. Ungewöhnlich war höchstens, dass auch die Stellvertretende Abteilungsleiterin, Poppy Winstor-Tremblay, nicht anwesend war. Es klärte sich allerdings bald auf, warum sie fehlte. Kurz vor Ende der Konferenz öffnete sich die Tür und Poppy trat zusammen mit einem Draco Malfoy in formaler, schlichter Robe in den Raum. Alle Köpfe wandten sich Draco zu und über 50 Augenpaare starrten Harrys ehemaligen Mitschüler an. Harry versuchte, seine Neugierde nicht so deutlich raushängen zu lassen.

Robards räusperte sich und begrüßte Draco: „Ah, hier ist ja unser neuer Kollege Malfoy. Danke Poppy, dass du Herrn Malfoy das Archiv gezeigt und mit den dortigen Mitarbeitern bekannt gemacht hast. Ihr werdet Herrn Malfoy von nun an sehr häufig bei den dunkelmagischen Artefakten auf Ebene 9 finden. Aber natürlich ist er auch hier in der Zentrale sehr willkommen. Es gibt sicher noch einen freien Arbeitsplatz für ihn."

Poppy führte Draco nach vorne, wo er neben Robards zum Stehen kann.

„Wir freuen uns, Sie hier begrüßen zu können. Ich hatte den Kollegen bereits erklärt, in welcher Form Sie uns unterstützen werden. Vielleicht möchten auch Sie ein paar Worte zur Begrüßung sprechen?" Das war eher eine Aufforderung als eine Frage.

Harry hatte gesehen, dass Draco an seiner Robe genestelt hatte. War der Slytherin nervös? Harry gönnte es ihm von Herzen, beinahe musste er sich ein Lachen verkneifen. Ach, war das schön, den arroganten Kerl mal unsicher zu erleben. Harry hatte sich allerdings zu früh gefreut. Draco gab sich einen Ruck und trat selbstbewusst einen Schritt nach vorne.

Hoch aufgerichtet und mit einem neutralen Gesichtsausdruck verkündete er: „Vielen Dank für Ihren warmen Empfang. Mir ist klar, dass Sie nicht vergessen haben, welche unschöne und unrühmliche Rolle ich im Krieg gespielt habe. Ich möchte Ihnen versichern, dass ich mich verändert habe."

Harry war sich nicht sicher, ob Draco ihn vorher überhaupt wahrgenommen hatte. Bei diesen Worten jedoch, blickte der Slytherin Harry direkt an. Harry fühlte sich auf unangenehme Weise ertappt. Dracos Blick verweilte aber nur eine Sekunde auf ihn, und verriet nicht, was er dachte.

„Ich möchte Sie in Ihren Kampf gegen das Verbrechen unterstützen", setzte Draco seine Rede fort. „Ich möchte Ihnen die lästige und teils gefährliche Aufgabe abnehmen, sich um die dunkelmagischen Artefakte zu kümmern, die Ihnen bei der Aufklärung Ihrer Fälle im Weg stehen. Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie mir entgegenbringen, indem Sie mich an Ihrer Seite arbeiten lassen. Seien Sie sich sicher, dass ich dieses Vertrauen nicht enttäuschen werde. Wenn Sie Fragen zu meiner Person, meiner Vergangenheit oder meiner Ausbildung haben, können Sie mich jederzeit ansprechen. Ich bin für völlige Offenheit." Dracos Wangen hatten sich bei seiner Rede leicht rot verfärbt. Er erwiderte die Blicke der Auroren mit einem fast schüchternen Lächeln.
Harry ärgerte sich fast, wie geschickt der Slytherin sich positioniert hatte. Ihm war zwar klar, dass mehr als eine gute Ansprache nötig war, seine Kollegen von sich zu überzeugen, aber Draco hatte mit seinen Worten einen guten Anfang gemacht, das musste selbst Harry zugeben.

„Vielen Dank, Draco, dann setzen Sie sich doch erstmal zu Ihren Kollegen bis die Konferenz beendet ist. Danach wird Ihnen Poppy das Büro zeigen."

Poppy und Draco blieben nach der Konferenz bei Robards, während Harry und seine Kollegen zum Großraumbüro zurückgingen. Kaum waren sie außerhalb von Dracos Hörweite, tauschten sie sich über sein Auftreten auf. Da Weston nie für Klatsch und Tratsch zu haben war, was Harry immer als sehr angenehm empfunden hatte, sagte dieser nur: „Na, der Junge kann gut reden. Was meinst du, Harry?"

„Draco konnte sich immer schon gut verkaufen", antworte Harry. Er dachte an all die Lehrkräfte in Hogwarts, die immer bereit gewesen waren, Dracos Mobbing zu übersehen, weil der Slytherin gute Leistungen brachte und sich einzuschmeicheln verstand, wenn er wollte.

Wenige Minuten später kam Poppy mit Draco in die Zentrale. Sie blieben am Eingang neben dem verwaisten Bürotisch stehen, der immer mit ein paar halbleeren Kaffeebechern und Müll bedeckt war, und besprachen etwas, das Harry nicht hören konnte. Poppy deutete in Richtung verschiedener Arbeitsplätze und der Teeküche. Auch schien sie Draco die Namen bestimmter Auroren zu sagen. Einmal zeigte sie auch auf Harry, aber Dracos Blick flog über ihn hinweg, als wäre er gar nicht da.

Gerade als die beiden weiter in den Raum kommen wollten, trat eine andere Ministeriums-Angestellte an Poppy heran und redete in aufgeregter Weise auf die Stellvertretenden Abteilungsleiterin ein. Poppy sah alarmiert aus, entschuldigte sich bei Draco und folgte der anderen Hexe hinaus in den Flur. Harry sah, wie Draco unschlüssig am Eingang stehen blieb.

Harry drehte sich weg und ging in die Küche, um nicht in Versuchung zu kommen, Draco zu helfen. Das konnten andere tun, Draco war nicht seine Aufgabe. Weder war er dem Slytherin etwas schuldig, noch hatte er Lust, sich um ihn zu kümmern. Sollte Draco zusehen, wie er zurechtkam.

In der Teeküche sah Harry, dass die Portugiesische Muscipula auf der Anrichte wieder ihre Greifarme hängen ließ. Harry nahm ein paar Haferflocken aus einer Dose und fütterte die arme Pflanze. Dann gab er ihr einen ordentlichen Schuss Wasser. Pflanzen wuchsen im Ministerium generell nicht besonders gut, weil sie kein echtes Tageslicht bekamen und das magisch erzeugte Licht für ein gesundes Wachstum nicht von Vorteil war. Harry tat das kleine magische Pflänzchen leid. Er hatte sich schon mehrfach vorgenommen, Neville um Hilfe zu bitten. Der studierte in Wales Kräuterkunde und wusste vielleicht, wie man ihm helfen konnte. Es knabberte immer so niedlich an den Fingern und schien sich zu freuen, wenn man mit ihm sprach. Vielleicht brauchte die Muscipula einfach einen neuen Topf? Sie war recht groß geworden.

Harry goss sich seinen Gyokuro auf und ging in den Aktenraum. Er wollte noch alte Fälle sichten, die den Diebstählen ähnelten, an denen Weston und er zurzeit arbeiteten. Als er nach eineinhalb Stunden zu seinem Arbeitsplatz zurückging, sah er, dass auf dem Tisch von Pete eine dampfende Teetasse stand. Es lag ein Stasis-Zauber auf ihr, damit sie warm blieb. Neben dem Becher türmte sich ein Berg von blaugrauen Archiv-Akten. Dracos Tasche lehnte an einem der Stuhlbeine.

Harry konnte nicht fassen, dass Draco so dreist war, ausgerechnet Petes Platz einzunehmen. Der Auror war vor ein paar Monaten von einem heftigen Fluch getroffen worden und kämpfte seit vielen Wochen darum, wieder laufen zu können. Es traf Harry umso mehr, als er an dem Wochenende eigentlich Bereitschaftsdienst gehabt hätte, aber mit Pete getauscht hatte, um auf Teddy aufzupassen. Andromeda hatte mit einem Fieber im Bett gelegen.

Mit ein paar Schwüngen seines Zauberstabs beförderte Harry Dracos Sachen auf den Stehtisch vor dem Eingang zur Kaffeeküche. Dann verließ er mit Weston die Zentrale, um ein paar stadtbekannte Dealer und Pfandleiher, die gerne auch mal Hehlerware vertickten, zur Rede zu stellen.

Als er am Nachmittag die Zentrale betrat, kam ein wütender Draco Malfoy auf ihn zu gestampft.

„Potter!" fuhr er Harry an. Harry nahm sich vor, ruhig zu bleiben. Immerhin hatte er es einen halben Tag lang geschafft, die Existenz des Slytherins zu vergessen, und würde am besten damit fahren, ihn nicht zu ernst zu nehmen.

„Was gibt es, Malfoy?" Harry liebte es, Dracos Nachnamen besonders zu betonen.

„Wie kommst du dazu, meine Sachen einfach woanders hinzulegen?" fragte Draco vorwurfsvoll. Harry merkte wohl, dass auch Draco versuchte, seine Stimme gedämpft zu halten, um kein Aufsehen zu erregen. Harry war sich nicht sicher, ob er ihm diesen Gefallen tun wollte.

„Äh, entschuldige Mal, aber der Arbeitsplatz, den du dir da ausgesucht hast, ist besetzt. Vielleicht fragst du erst mal, bevor du deinen Krempel einfach irgendwo abstellst."

„Der Arbeitsplatz war leer!" gab Draco uneinsichtig zurück, und sein Ton wurde bereits ein bisschen lauter.

„Der Tisch gehört Pete, und der liegt zurzeit im St. Mungo's Hospital, weil ihm irgend so ein ehemaliger Todesser einen Fluch an den Kopf gehext hat. Der Arbeitsplatz sieht nur leer aus, weil wir seine Fälle untereinander aufgeteilt haben, wenn du aber richtig hingeschaut hättest, wäre dir aufgefallen, dass in den Unterschränke noch seine Sachen sind." Ah, wie Harry es genoss, Draco zurechtzuweisen.

„Die Unterschränke sind abgeschlossen, und Poppy wollte mir noch die Schlüssel besorgen. Wie dem auch sei, all das gibt dir noch lange nicht das Recht, an meine Sachen zu gehen, und sie ungefragt zu deplatzieren." Draco wollte stur bleiben, nun, das konnte Harry auch.

„Wenn du da gewesen wärest, und ich nichts Wichtigeres zu tun gehabt hätte, als mir Gedanken um ein paar Archiv-Akten zu machen, hätte ich dich - wahrscheinlich - gefragt, Draco. Aber da beides nicht zutraf, habe ich deine Akten vorsichtig auf den freien Tisch dort vorne befördert." Harry deutete in Richtung des Stehtisches.

„Dann hältst du also den Stehtisch vor einer Küche, der zum Kaffeetrinken und Essen benutzt wird, für einen geeigneten Platz, um wichtige Ministeriums-Akten abzulegen, Potter?"

Harry wusste nicht so recht eine Antwort darauf, und Draco fuhr auch schon fort: „Ist dir klar, dass meine Akten jetzt mit Fettflecken und den Spuren von Essensresten übersäht sind? Ein paar scheinen auch hinunter gefallen zu sein, denn sie sehen zerknickt aus und die Blätter sind durcheinander. Da dein lieber Kollege, vor dem ich den größten Respekt habe, noch ein paar Tage fehlen wird, hättest du sicher genug Zeit gehabt, mir persönlich zu sagen, dass dir die Wahl meines Arbeitsplatzes nicht recht ist." Draco war laut geworden und seine Stimme triefte vor Verachtung. Mit einem letzten zornigen Blick drehte er sich um und ging erhobenen Hauptes in Richtung Ausgang.

Harry sah, dass einige Kollegen ihren unschönen Wortwechsel verfolgt hatten. Auf keinen Fall wollte er dem Slytherin die Oberhand lassen. Laut rief er ihn also hinterher: „Weißt du, Draco, es waren genug Kollegen hier, die du hättest fragen können. Dann wäre das alles nicht passiert. Aber du machst Dinge ja gerne in aller Heimlichkeit und alleine."

Draco drehte sich nicht um, er hob nur die rechte Hand und zeigte Harry den Mittelfinger, bevor er durch die Tür ging und im Flur verschwand. Harry wunderte sich, dass Draco diese Muggel-Geste überhaupt kannte.

Ein paar Kollegen ließen bei Dracos Geste eine Art Johlen hören und ließen ein paar abwertende Kommentare zu dem Slytherin ab. Harry hörte nicht hin. Er wünschte, er hätte eine Art Triumph gefühlt, aber eigentlich fühlte er sich nur schlecht. Sollte diese Art der Auseinandersetzung von nun an seinen Arbeitsalltag bestimmen? Bei Godric, hoffentlich nicht. Wenig später machte er für diesen Tag Schluss und apparierte nach Hause in den Grimmauld Platz.

Am darauffolgenden Tag kam Draco nicht in die Zentrale. Zunächst wunderte sich Harry, dann erinnerte er sich daran, dass Draco nur an ein paar Tagen in der Woche im Ministerium war. Harry fühlte nichts als Erleichterung über Draco Abwesenheit.

Da Weston und er gute Fortschritte bei der Aufklärung ihres Falles gemacht hatten, betrat Harry am Mittwoch gutgelaunt das Büro. Draco hatte sich offenbar für den freien Tisch am Büroeingang entschieden. Harry und den meisten Auroren diente dieser Platz nur als Abstellfläche für Dinge, die sie noch schnell loswerden wollten, bevor sie das Büro verließen. Nun sah die Arbeitsfläche aufgeräumt und sauber aus. Neben Dracos üblichen blauen Akten, lagen leere Papierrollen und eine Schreibfeder. Ein Becher mit einem Tee verströmte einen angenehm vertrauten Geruch.

Draco verbrachte den Morgen offenbar im Archiv, denn er ließ sich nicht in der Zentrale blicken. Weston und Harry hatten wieder außer Haus zu tun und nahmen ihr Mittagsessen in einem Lokal in Muggel-London ein. Weston hatte keine Berührungsängste, was Muggels anging. Harry hätte sich keinen besseren Partner vorstellen können. Einst war er traurig gewesen, dass Ron nicht auch Auror werden wollte, inzwischen war er froh. Ron liebte den WWW und hätte weder Spaß an der Detektiv- noch an der Büroarbeit gehabt, die bei Harrys Job üblich war.

Als Weston und er nach dem Essen in die Zentrale zurückkehrten, saß Draco an seinem Platz und studierte Ministeriums-Richtlinien. Weston grüßte freundlich, doch Harry murmelte nur ein ‚Tag'. Vielleicht hätte er Draco einen anderen Arbeitsplatz organisieren sollen, jetzt musste er jedes Mal an dem Slytherin vorbei, wenn er das Büro betrat oder verließ. Wie ärgerlich.

Als er in die Teeküche ging, traf ihn beinahe der Schlag. Jemand hatte der Muscipula die Greifärmchen abgeschnitten. Es fehlte ungefähr ein Drittel ihrer vorherigen Länge und die Stummel ragten steif und völlig bewegungslos in die Höhe. Noch am Morgen hatten sie sich in niedlicher Weise in Harrys Richtung gestreckt, als er an der Pflanze vorbei gegangen war.

„Tot", dachte Harry geschockt. Jemand hat meine Muscipula geköpft, und Harry fiel nur eine Person ein, die die Dreistigkeit besaß, so etwas zu tun. In dem Moment kam der Schuldige auch schon in die Küche.

„Draco, du Idiot. Was hast du mit meiner Pflanze gemacht?" fuhr Harry ihn an.

Draco blieb stehen, kniff die Augen zusammen und gab mit leise-drohender Stimme zurück: „Sei vorsichtig, wie du mit mir redest, Potter."

„Du hast sie geköpft!" Harry konnte seine Wut nicht im Zaun halten. Seine Magie strömte aus ihm heraus und bildete eine zornige Wolke um ihn herum.

„Ich habe sie nur beschnitten", erklärte Draco ruhig und nahm eine wachsame Pose ein.

„Beschnitten? Du hast ihr alle Greifarme abgesägt!"

„Eine Säge brauchte ich nicht dazu, und richtig greifen konnte sie sowieso nicht mehr."

Hielt der Slytherin das alles für einen Witz? „Jetzt kann sie nicht mehr greifen – sie hat ja keine Zangen mehr!"

„Die nennen sich ‚Klappen', Potter", erwiderte Draco in seiner arroganten Art. Harry fühlte sich extrem provoziert und wiederholte. „Du hast sie umgebracht."

„Das ist selbst für dich zu lächerlich, Potter. Wie du siehst, lebt sie noch."

„Sie wird verhungern."

„Sie bekommt Wasser."

„Sie braucht Getreideflocken, Malfoy, sie muss essen!", schleuderte Harry Draco genervt entgegen.

„Es ist rührend, wie du dich um die kleine Pflanze sorgst. Also will ich dich mal beruhigen. Ich kenne mich mit Muscipulas aus. Ich hatte schon als kleiner Junge eine in meinem Kinderzimmer. Ich weiß sehr wohl, was sie verträgt und was nicht."

Harry sah einen elfjährigen Draco vor sich, der mit einem scharfen Messer an einer festgezurrten Muscipula rumdokterte. „Und du glaubst, das beruhigt mich? Was weiß ich, wie ihr in eurem Horrorhaus mit solchen Pflanzen umgegangen seid. Euren Hauselfen ging es jedenfalls nicht gerade gut. Wahrscheinlich habt ihr die Pflanzen genauso gequält wie Dobby! Dein Vater hat es ja noch Spa..."

Harry konnte den Satz nicht beenden, denn schon stand Draco dicht vor ihm und hielt ihm seinen Zauberstab an den Hals.

„Was sagst du da, Potter? Willst du das noch mal wiederholen?" zischte er aufgebracht.

Noch bevor Harry sich regen konnte, hörten sie ein Räuspern vom Eingang. „Draco, Junge, das lassen wir doch lieber. Es kommt hier gar nicht gut an, wenn man seine Kollegen mit einem Zauberstab bedroht." Weston war in die Küche getreten.

Hinter ihm standen zwei weitere Auroren, die ihre Zauberstäbe kampfbereit in den Händen hielten, um Harry von dem Slytherin befreien zu können. Draco ließ augenblicklich seinen Zauberstab sinken. „Sie haben Recht. Es tut mir leid. Entschuldige, Potter. Der Muscipula geht es gut, in ein paar Tagen ist sie wie neu." Damit schob er sich an Harrys Kollegen, die ihm nur widerwillig Platz machten, vorbei und verließ die Zentrale.

„Was war denn hier los, Harry?" fragte Weston. „Habt ihr euch über die Pflanze gestritten?"

Alle begutachteten nun die Muscipula. „Oh, das sieht nicht gut aus. Vergreift sich Malfoy immer an kleinen Pflänzchen?"

„Scheint so", gab Harry müde zurück. Ihm beschäftigte der Zustand der Pflanze gerade weniger als die Tatsache, dass Draco es geschafft hatte, ihn mit einem Zauberstab in so bedrohlicher Weise nahe zu kommen. Bei einem Einsatz wäre das ein schlimmes Versagen gewesen. Harry hätte nur niemals gedacht, dass Draco so aus der Haut fahren würde, nur weil er…, weil er…ihn und seinen toten Vater beleidigt hatte.

„Scheiß Malfoy", murmelte Harry und verließ die Küche. Er hatte vergessen, was er dort eigentlich vorgehabt hatte. Dass David noch sagte, dass Draco und Poppy am Morgen noch über die Pflanze geredet hatten, hörte er nicht mehr.

Abends rief Harry Neville über das Flohnetzwerk an. Er musste es mehrfach versuchen, bis er ihn erreichte. Zu seiner Überraschung war Neville überhaupt nicht geschockt, dass Draco der Muscipula alle Klappen und Teile der Arme abgeschnitten hatte.

„Wenn sie wirklich so kraftlos wirkte, wie du sagtest, dann war es genau das richtige Vorgehen, Harry. Natürlich hättet ihr sie auch umtopfen könne, aber bei dem künstlichen Licht im Ministerium würde die Pflanze eh nicht besonders groß werden. Jetzt fällt sie in eine Art Schlaf und entwickelt nach nur wenigen Tagen neue Klappen. Du wirst sehen, es werden sogar völlig neue Triebe entstehen. Du kannst ihre Regeneration spätestens nach zwei Tagen an einem Sekret erkennen, dass sie ausscheidet. Es riecht sehr stark nach Lavendel. Auf jeden Fall werden Muscipula kräftiger, wenn man sie regelmäßig beschneidet."

Harry fühlte, wie das Gefühl der Scham in ihm aufstieg, und vielleicht hätte er sich bei Draco am Freitag entschuldigt, wenn da nicht die Sache mit dem Tee gewesen wäre.

Am Donnerstag erschien Draco wieder nicht im Büro, aber am Freitagmorgen sah Harry, wie er sich mit ein paar Kollegen unterhielt. Harry bekam mit, dass sie Draco zu einem Einsatz mitnehmen wollten und ihn über den Fall informierten. Plötzlich kam Weston ins Büro gestürmt.

„Harry, wir haben ihn. Sullivan ist in Mould-on-the-Wold festgesetzt worden. Ein paar Jugendliche haben ihn völlig zugedröhnt in einem Schuppen gesehen und ihre Eltern informiert. Sie halten ihn gerade in Schach. Wir sollten uns aber beeilen."

Harry schnappte sich seinen Mantel und ging zügigen Schrittes zum Ausgang. Aus alter Gewohnheit stellte er seinen Teebecher auf den Tisch neben der Bürotür ab, wo bereits eine andere randvolle Tasse stand.

„Potter!"

Die Stimme klang so herrisch, dass Harry sich umdrehte und Draco geradezu verdattert anschaute.

„Stell deinen Becher gefälligst woanders ab!"

„Ich…" Harry schaute auf den Tisch und erkannte seinen Fehler. Aber Merlin noch mal, er hatte es eilig, und das hier war Kinderkrams.

„Das ist mein Arbeitsplatz und keine Ablage für deinen Müll!" ermahnte ihn Draco noch einmal.

„War ein Versehen, Draco, wir haben es eilig, also mach kein Drama!"

„Nenn mich nicht ständig ‚Draco'! Ich hatte dir bereits gesagt, dass ich für dich ‚Malfoy' bin."

„Reg dich nicht auf." Harry zog genervt seinen Zauberstab aus dem Ärmel und wollte seinen Teebecher mit einer schnellen Handbewegung zu seinem Tisch levitieren, um endlich loszukommen, doch in dem Moment nahm er den anderen Becher genauer wahr, der auf Dracos Tisch stand. Der Geruch – das war doch sein edler japanischer Gyokuro!

„Sag mal, Malfoy, bedienst du dich an meinen Teeblättern? Das ist doch mein Gyokuro, den du da in deiner Tasse hast."

„Das ist Tee aus einer der Dosen in der Küche", gab Draco langsam zurück.

„Die gehört mir, und bevor du an die Sachen anderer Leute gehst, solltest du erst fragen."

Harry konnte förmlich sehen, wie es in Draco arbeitete.

„Woher sollte ich wissen, dass es dein Tee ist? Schließlich steht kein Name drauf. Die Dose stand auf der allgemeinen Ablage und nicht in deinem Schrank."

„In der Dose ist ein ‚P – O – T' eingraviert. Ginny hat sie extra für mich anfertigen lassen. Die Buchstaben sind nicht zu übersehen. Selbst dir müsste das aufgefallen sein."

„'P – O – T: Pot, für ‚Kanne' oder ‚Topf'. Keine Sorge, das habe ich durchaus bemerkt."

„Nein, für ‚Potter', das ist doch wohl klar!"

„In deiner verdrehten Logik mag das so sein, aber ich bringe die eingravierte Inschrift auf einer Teedose nicht sofort mit deinem Namen in Verbindung. Aber bitte, hier hast du deinen Tee zurück, und nimm deinen Becher auch gleich mit!"

Draco hatte nun ebenfalls seinen Zauberstab in die Hand genommen und levitierte die beiden Tassen in Richtung von Harrys Arbeitsplatz. Harry wollte Dracos Becher aber gar nicht bei sich stehen haben und hielt mit einem eigenen Zauberspruch dagegen. Gefangen in den Sprüchen der beiden Zauberer schwebten die Becher in der Luft zwischen Draco und Harrys Arbeitsplätzen. Sie zitterten und schwankten und Tee schwappte auf den Boden. Plötzlich schien die Luft selbst zu vibrieren. Die Tassen flogen in voller Wucht in die jeweils entgegengesetzten Richtungen und zerschellten mit einem lauten Knall. Harrys Tasse traf einen Schrank neben der Küchentür. Dracos Becher knallte gegen die Wand bei seinem Arbeitsplatz. Die Scherben fielen auf seine Papiere und der Tee benässte nicht nur die Tapete, sondern auch Dracos Tischplatte sowie die Dokumente, die darauf lagen.

„Scheiße!" und „Verdammt!" entfuhr es beiden zur gleichen Zeit.

„Stricher!"

„Pisser!" kam hinterher.

Harrys Wut verrauchte mit der Erkenntnis, dass die Sauerei auf Dracos Tisch zum Teil seine Schuld war. Er hätte sich vielleicht darum gekümmert, aber Weston machte sich in dem Moment bemerkbar. Er stand im Türrahmen und drängte Harry, sich zu beeilen: „Es tut mir leid, euch wieder unterbrechen zu müssen, Jungs, aber wir müssen jetzt wirklich los, Harry. Sorry, Draco", wandte er sich an den Slytherin, „aber die Verbrecher warten nicht, bis wir mit dem Aufräumen fertig sind. Also los jetzt, Harry. Euren Kleinkrieg könnt ihr später fortführen."

„Äh", machte Harry und folgte Weston in den Flur zum Apparierungs-Raum. Bevor er um die Ecke verschwand, rief er Draco noch zu: „Tut mir echt leid, Draco. Nimm dir zur Entschädigung doch noch was von meinem Tee. Ich teile eigentlich gerne." Es war so schön, Draco zu ärgern.

Als sie abends zurückkamen und Harry in seine Teedose schaute, musste er feststellen, dass ein Großteil der Teeblätter fehlte. Von der Anrichte kam ein süßlicher Blumenduft, der stark an Lavendel erinnerte. „Ich hasse, hasse, hasse ihn", dachte Harry entnervt.

- Kapitel 10 -

Nach einem schönen Wochenende, an dem Harry von Freitag auf Samstag Teddy bei sich hatte und sich am Samstag mit Samuel und seinen Freunden ein Cannon-Spiel ansah, ging Harry mit dem festen Entschluss zur Arbeit, sich von dem Slytherin nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Draco war nicht der einzige Kollege, auf den er gerne verzichtet hätte, trotzdem hatte er es bei den anderen immer geschafft, ruhig und höflich zu bleiben. Warum er Draco gegenüber so schnell aus der Haut fuhr, konnte er wirklich nicht sagen. Ja, Draco war attraktiv, aber auch andere Männer regten Harrys Phantasie an, und trotzdem reagierte er nicht so gereizt auf sie.

Zu Harrys Freude hielt sich Draco nicht im Büro auf. Als er an Dracos Schreibtisch vorbeiging, konnte er es nicht unterlassen, an dem Teebecher zu riechen, der auf der Tischfläche stand. Das war definitiv kein japanischer Gyokuro. Als Harry in der Küche seine Teedose öffnete, war sie bis zum Rand mit den Teeblättern seiner Lieblingssorte befüllt. An dem Stängel der Muscipula konnte Harry Ausbuchtungen erkennen und an den abgeschnitten Ärmchen schien sich ebenfalls was zu tun.

Harry nahm sich vor, all das als positives Zeichen zu werten. Eine aufgefüllte Teedose war auf jeden Fall ein Friedensangebot, im besten Fall sogar ein Schuldeingeständnis. Harry setzte sich an seinen Schreibtisch, um einen Bericht zu schreiben. Am Freitag war es Weston und ihm tatsächlich noch gelungen, Sullivan, den Dieb, dingfest zu machen. Es war ein Erfolg, der ihn das ganze Wochenende versüßt und den er mit Samuel gebührend gefeiert hatte.

Um kurz vor neun ging es in die MMI. Draco war noch nicht da, als Harry vorne einen Platz einnahm. Er kam erst kurz vor Chief Robards in den Konferenzraum und setzte sich in die letzte Reihe. Harry bemühte sich, ihn nicht zu beachten. Robards gab ein paar Neuigkeiten bekannt und kam dann schnell zu den Aufgaben und Fällen der laufenden Woche. Nach der Konferenz hielt er Harry zurück und wartete, bis die anderen den Raum verlassen hatten.

„Es geht um Malfoy", begann der Chief das Gespräch. Harry merkte, wie er innerlich verkrampfte. Sofort beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Es blieb ihm aber keine Zeit, Vermutungen anzustellen, denn Robards kam sofort zur Sache: „Die Personalabteilung hat eine neue Regelung in Bezug auf neue Mitarbeiter. Jeder Neuzugang, der bei Außeneinsätzen mitgeht, muss nachweisen können, dass er die grundlegenden Zaubersprüche zur Abwehr von Angriffen und Gefahren beherrscht."

Harry kannte die Gefahren von Außeneinsätzen und hielt die neue Regelung für sehr sinnvoll. Er verstand aber nicht, was sie mit ihm zu tun hatte. Es ging doch schließlich um Draco, oder? „Draco kennt sich da sicher gut aus, schließlich arbeitet er mit dunkelmagischen Objekten. Das ist ja auch nicht gerade ungefährlich."

„Das wird wohl so sein, aber die Personalabteilung möchte es genau wissen, und hat für alle neuen Mitarbeiter einen Fragebogen konzipiert." Robards hielt Harry eine Rolle Pergamentpapier entgegen und er nahm sie automatisch entgegen.

„Und?" Harry weigerte sich zu verstehen, warum sein Chef ausgerechnet ihm diese Information gab.

„Na, die Neuen dürfen den Fragebogen nicht selbst ausfüllen. Das muss ein Kollege übernehmen."

„Das heißt?", Harry wollte weiterhin nicht wahrhaben, welche Aufgabe ihm gerade übertragen wurde.

In Robards Stimme lag daher Ungeduld: „Du wirst also mit Malfoy den Fragebogen durchgehen und dir die verschiedenen Zauber zeigen lassen. Dann hakst du auf dem Fragebogen ab, was er schon kann, und wo er noch Schwächen hat. Und dann…"

„Wieso ich?"

„Nun, du hast ja gerade erst deine Ausbildung hinter dir – da ist das ja alles noch ganz frisch. Und mit den Diebstählen seid ihr durch, das heißt, du hast Zeit. Also bist du der beste Mann für diese Aufgabe."

Harry holte tief Luft und suchte nach Worten, um zu erklären, warum er der schlechteste Kandidat für diesen Job war: „Aber John hat doch viel mehr Erfahrung, der könnte doch…. Oder was ist mit Sandra. Die trainiert doch die Neuen."

„Eben, und deshalb hat sie keine Zeit."

„Aber John…", begann Harry erneut. Er wurde direkt von seinem Chef unterbrochen: „John kennt Malfoy nicht. Du warst mit ihm in Hogwarts."

Harry schloss für einen kurzen Moment die Augen und versuchte es mit Ehrlichkeit: „Chief, ich halte das für keine gute Idee. Malfoy und ich sind nicht gerade Freunde. Es hat nichts damit zu tun, dass er ein ‚Malfoy' ist." Es war nicht nötig zu erläutern, dass Harry genauso gut ‚ehemaliger Todesser' hätte sagen können. „Ich glaube wirklich, dass er … dass man sich ändern kann, aber…Draco kann mich nicht ausstehen und er wäre ganz sicher nicht begeistert, wenn ausgerechnet ich sein Können in Frage stelle und auf einer Liste seine Fähigkeiten abhake."

Robards schaute Harry prüfend an. "Ich habe natürlich bemerkt, dass ihr in der letzten Woche mehrfach aneinander geraten seid, Harry. Die Kollegen haben das auch mitbekommen. Sie sind Malfoy gegenüber misstrauisch. Sie fragen sich, ob er wirklich seine Gesinnung gewechselt hat, und warum er sich für dunkelmagische Objekte interessiert. Du warst in der MMI dabei. Inzwischen wird auf allen Etagen des Ministeriums gemunkelt, dass er hier nur arbeitet, um an die Objekte seines Vaters ranzukommen." Robards sah Harry scharf an. „Mit euren kindischen Auseinandersetzungen, Harry, weckst du nur noch mehr Zweifel. Die Kollegen ergreifen Partei und vertrauen Malfoy nicht. Ich will keinen Unfrieden in der Abteilung. Wir brauchen Dracos Fachkenntnisse, und es gibt keinen anderen, der diese Aufgabe übernehmen möchte."

„Aber…"

„Kein ‚Aber', Harry. Ich vertraue Draco und erwarte, dass ihr das auch tut."

„Aber Draco ist…. Ich weiß nicht, wie ich mit ihm umgehen soll."

„Und deswegen wirst du als gutes Beispiel voran gehen. Ich erwarte von dir Professionalität, Harry. Jeder Auror muss in der Lage sein, seine Gefühle zu kontrollieren – in jeder Situation. Ich bin mir sehr sicher, dass du das hinkriegst. Die Kollegen wissen, dass du Malfoy von früher kennst. Sie wissen, auch, dass ihr euch nicht leiden könnt. Nach der letzten Woche ist das mehr als offensichtlich. Wenn du Draco mit dem Fragebogen auf den Zahn fühlst, und zu dem Ergebnis kommst, dass man ihm vertrauen kann, dann werden dir die anderen folgen."

„Ich dachte, er soll durch seine Fachkenntnisse überzeugen."

„Es wird helfen, wenn du dich mit ihm gutstellst." Robards sah Harry eindringlich an. „Haben wir uns verstanden?"

Harry wusste, dass es zwecklos war, dem Chief zu widersprechen, und sagte ergeben: „Ja, Sir."

„Gut. Malfoy weiß bereits Bescheid, dass seine Fähigkeiten überprüft werden. Eurer erster Termin ist heute Nachmittag um 15 Uhr im Trainingsraum." Robards wandte sich in Richtung Ausgang und signalisierte Harry damit, dass das Gespräch beendet war. „Ach, und Harry, wenn Draco einen wichtigen Spruch nicht beherrscht, dann wirst du ihm den beibringen."

„Weiß Draco auch, mit wem er die Tests machen wird?" fragte Harry, während er hinter Robards den Konferenzraum verließ.

„Er wird es heute Nachmittag noch früh genug feststellen."

„Ich soll Dracos Abwehrstrategien überprüfen. Das Ministerium hat einen Fragebogen für neue Mitarbeiter und den muss ich mit Draco durchgehen und abhaken, was er kann und was er nicht kann."

Harry war in der Mittagspause in die Diagon Alley appariert und in Ron und Georges Laden gestürmt. Im Hinterzimmer ließ er sich auf die rote Couch fallen, legte seinen Kopf auf der Lehne ab und schloss die Augen. Er schob seine Brille von der Nase und begann seinen Nasenrücken zu massieren.

Ron war hinter Harry hergekommen und bereitete zwei Tassen Tee zu. „Du sollst überprüfen, was Draco so drauf hat? Das wird dem aber gar nicht gefallen."

In dem Moment ging die Tür auf und Hermine kam herein. „Hi Schatz, ich… Oh, hi Harry. Wie geht's?"

„Schlecht."

Hermine sah Harry fragend an und blickte dann zu Ron.

„Harry muss Dracos magische Fähigkeiten überprüfen. Mit einem Fragebogen."

„Draco soll mir vorführen, welche Sprüche er drauf hat. Heute. Um drei. Anweisung von Gawain", erläuterte Harry in einem Tonfall, der zeigte, wie wenig er von seiner Aufgabe hielt.

„Oh nein. Das wird Draco aber gar nicht gefallen. Ist das denn nötig?" entfuhr es Hermine.

„Neue Sicherheitsbestimmung."

„Muss das denn ausgerechnet du machen?"

„Leider ja. Ich hab das auch in Frage gestellt und das kam beim Chief gar nicht gut an." Harry wiederholte die Begründung seines Chefs, warum die Wahl auf ihn gefallen war.

„Da hat er sicher nicht ganz unrecht", meinte Hermine. Außerdem tut es mir Leid zu hören, dass Draco Probleme mit deinen Kollegen hat. Ich muss aber zugeben, dass das nicht unerwartet kommt."

„Der ist aber auch so…? Ich kann es kaum beschreiben." Harry erzählte Hermine und Ron von seinen Auseinandersetzungen mit Draco in der Vorwoche.

"Mich wundert, dass ihr für euer Verhalten noch keine Abmahnung bekommen habt", schimpfte Hermine.

"Wann kriegt Harry denn schon mal Ärger?", warf Ron ein.

„Draco bringt mich einfach immer so zur Weißglut!", rief Harry zerknirscht. Ron und Hermine warfen sich vielsagende Blicke zu, die Harry jedoch nicht bemerkte.

"Du hast Draco vielleicht von einer anderen Seite kennen gelernt, Hermine, aber was wissen wir denn schon von ihm? Nach Hogwarts hat er sich sofort nach Paris verdrückt und in eurem 8. Jahr wollte er nichts mit uns zu tun haben."

„Das beruhte doch wohl auf Gegenseitigkeit", konterte Hermine.

„Ich finde, Harry hat Recht", mischte sich Ron loyal ein. „Draco hat Harry auf der Party sehr von oben herab behandelt." Harry gefiel Rons Ausdrucksweise nicht. Sie machte ihn so klein.

„Auf der Party hast du dich doch ganz gut mit ihm unterhalten, Ron", gab Hermine zurück.

„Wir haben uns nicht unterhalten. Er hat sich zu uns gestellt und alle haben was gesagt."

„Ja, aber am nächsten Morgen hast du gesagt, dass Draco witzig ist."

Ron warf einen schnellen, halb entschuldigenden Blick zu Harry. „Da wusste ich ja auch noch nicht, was er zu Harry gesagt hat."

„Was hat er denn zu dir gesagt, Harry?"

„Z.B., dass ich die Auroren-Stelle nur bekommen habe, weil ich so berühmt bin und dass ich immer nur so getan hätte als würde ich diese ganze Aufmerksamkeit nicht haben wollen. In Wirklichkeit fände ich es super, im Mittelpunkt zu stehen und Macht zu haben. Sowas in der Art. Außerdem, hat er sich darüber aufgeregt, dass ich ihn ‚Draco' genannt habe. Wir wären keine ‚Duz-Freunde' und könnte es bei den Nachnamen belassen."

„Hm." Hermine machte einen überraschten und leicht entsetzten Gesichtsausdruck.

„Ja, Hermine, kann ja sein, dass Draco ganz nett und witzig sein kann, wenn er will, aber zu Harry war er so arschig wie immer", versetzte Ron mit Genugtuung.

„Ich gebe zu, das war nicht sehr nett von Draco. Nach wie vor hoffe ich aber, dass sich euer Verhältnis verbessert, wenn ihr euch näher kennenlernt."

Ron und Harry verdrehten die Augen, was Hermine dazu brachte zu insistieren, dass Harry Draco doch bitte noch eine Chance geben solle. Dann fuhr sie fort: „Dass Harrys Kollegen Vorurteile haben, war klar. Draco hat auch nichts anderes erwartet. Als ich ihn in im Frühjahr fragte, ob er nicht nach England zurückkehren wolle, meinte er, dass die Hauptstadt für einen Malfoy verbrannte Erde sei. Er war sich damals unsicher, ob er überhaupt das Angebot von Prof. Grimzak. annehmen sollte, seine Studien bei ihm fortzusetzen. Ich habe Draco zu der Stelle im Ministerium geraten, weil er dort am besten würde beweisen können, dass er kein Todesser mehr ist. Im Ministerium kann man Kontakte knüpfen. Wenn er bei den Auroren akzeptiert wird, akzeptieren ihn andere erst Recht. Und du könntest ihm da ruhig helfen, Harry, denn er hat sich wirklich verändert."

„Du bist schon eine echte Slytherin geworden, Hermine. ‚Welcher Posten im Ministerium wäre für Draco wohl am besten, um wieder ganz nach oben zu kommen." Ron verzog sein Gesicht.

„Draco hat es nicht leicht. Er hat in Paris gelebt wie ein Verstoßener. Seine Heimat ist England, hier fühlt er sich verwurzelt. Er…"

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Paris nicht auszuhalten war, Hermine. Ich war auch mal dort, erinnere dich. Er hatte eine schöne Wohnung, einen Freund und war gut drauf. Und andere wären froh, wenn sie dort studieren dürften", fiel Ron dazwischen.

„Wenn es freiwillig ist, ja, wenn einem aber keine andere Wahl bleibt, dann wohl eher nicht. Ist auch egal. Und Jean ist nicht Dracos Freund, also nicht sein fester Freund, glaube ich zumindest. Lasst uns über was anderes reden. Wann kommt Samuel wieder nach London, Harry?"

Harry gab bereitwillig Antwort, aber das ungute Gefühl, Draco in weniger als zwei Stunden im Trainingsraum treffen zu müssen, verließ ihn nicht.