TEIL 3
- Kapitel 11 -
Nach der Mittagspause fand Harry den Fragebogen für Draco auf seinem Platz. Er umfasste mehrere Seiten und Harry fragte sich, wie lange es dauern würde, jeden Punkt durchzugehen.
Er überflog die Sprüche, die Draco beherrschen sollte, und war erleichtert, dass er alle aus seiner Grundausbildung kannte, und einige sogar ohne Zauberstab beherrschte. Er versucht abzuschätzen, welche Draco Probleme bereiten könnten, und musste einsehen, dass er wirklich keine Ahnung hatte, was Draco in den letzten Jahren oder im Krieg gelernt hatte. Mit einem flauen Gefühl im Magen ging er zu den zum Umkleideraum und zog sich um.
Als er die Sporthalle betrat, die sie Trainingsraum nannten, und die durch Extensions-Zauber noch vergrößert werden konnte, waren es noch 13 Minuten bis drei Uhr. Harry legte den Fragebogen und die Schreibfeder auf den Tisch in der Ecke ab und begann, sich warm zu machen. Angespannt lauschte er auf die Geräusche von draußen und alle paar Sekunden flog sein Blick zur Uhr über dem großen Wandspiegel.
Um Punkt 15 Uhr öffnete sich die Tür zum Trainingsraum. Draco trug keine Sportkleidung, sondern die formale neutrale Ministeriumsrobe über einer schwarzen Anzugshose. Seine Füße steckten in teuer aussehenden schwarz-glänzenden Schuhen. Er wirkte elegant und unnahbar.
Harrys Blick fiel auf den Zauberstab, den Draco in der Hand hielt. Er hatte ihn in den Vorwochen nicht weiter beachtet, und musste nun mit Überraschung feststellen, dass es sich nicht um den alten Weißdornstab handelte, den Harry Draco im Herrenhaus der Malfoys abgenommen hatte. Er hatte Dracos Stab bis zum Ende des Krieges benutzt, und er erinnert sich noch gut daran, wie sich das weiche, ungewöhnlich stark federnde Holz anfühlte. Der Kern des Zauberstabes hatte aus dem Haar eines Einhorns bestanden. Harry war sehr zufrieden mit Dracos altem Zauberstab gewesen, und fragte sich nun, wo der Stab geblieben war. Er hatte ihn vor den Todesser-Prozessen nach dem Krieg ans Ministerium abgeben und sich einen neuen kaufen müssen.
Dumbledores Elderstab war ebenfalls vom Zaubereiministerium konfisziert worden. Dracos jetziger Zauberstab ähnelte dem von Professor Snape. Er war von dunkler Farbe, glatt, rund und mit einem Griff, in dem Runen eingeschnitzt waren. Vielleicht war es tatsächlich Snapes Stab. McGonagall hatte ihn nach Snapes Tod an sich genommen. Harry wusste nicht, ob der Stab mit Snape begraben oder an eine ihm nahestehende Person weitergegeben worden war. In Snapes Fall wären das wahrscheinlich einer der Malfoys gewesen.
Draco sah Harry an und runzelte die Stirn. Dann meinte er mit seinem typisch arroganten Ausdruck in der Stimme: „Potter, der Raum wurde reserviert." Der Ton allein konnte Harry zur Weißglut bringen.
„Ja, für dich und mich", erwiderte Harry so freundlich wie möglich.
Draco erstarrte förmlich, als ihm klar wurde, dass Harry die Befragung durchführen würde. Für eine Sekunde flammte Ärger in seinem Gesicht auf, bevor er sich wieder so weit im Griff hatte, dass er seinen üblich gelangweilten Gesichtsausdruck zur Schau stellen konnte.
„Ich frage mich, wer das für eine gute Idee gehalten hat."
„Der Chief. Er meinte, wenn ich es mit dir aushalte, werden es die anderen auch tun."
Draco zog langsam die Luft ein. „Heute wieder auf Konfrontationskurs, Potter? Keine gute Voraussetzung für eine professionelle Zusammenarbeit."
„Ich werde mir Mühe geben, wenn du es auch tust, Malfoy."
„Na, dann fang mal an, dir Mühe zu geben. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es in der letzten Woche mit deiner Anstrengungsbereitschaft zum Besten stand."
„Vielleicht wäre sie größer, wenn du mich nicht der Heuchelei beschuldigt hättest und auch sonst etwas freundlicher wärest", erwidert Harry angriffslustig. „Fangen wir also an. Punkt 8 auf der Liste: ‚Verfügen Sie über gute Reflexe?'" Ohne Vorwarnung richtete Harry seinen Zauberstab auf Draco und rief: „Expelliarmus!"
„Protego!" Draco wich aus und wehrte Harrys Entwaffnungszauber mit einem Schutzzauber ab.
Harry schoss einen ‚Glisseo' hinterher. Der Boden unter Draco verwandelte sich in eine glitschige Rutschbahn. Harry hoffte, Draco damit zu Fall zu bringen.
Mit einem „Levito ipsum!" sprang der Slytherin wenig elegant, aber dafür umso schneller aus der Gefahrenzone und vernichtete den Schleim auf den Boden mit „Finite!"
Da schleuderte Harry Draco schon die nächste Hexerei entgegen: „Crura gluten!" Draco wich erneut aus und konterte den Beinbindezauber mit ‚Crura liberate'.
„Incarcerus!" rief Harry. Seile wanden sich aus dem Boden und legten sich um Dracos Beine. Draco schwang seinen Zauberstab. Sein lautes ‚Motum' befreite ihn, und er versuchte, sich durch ein ‚Salvia hexia' gegen weitere harmlosere Angriffe abzuschirmen. Wieder ließ Harry nicht locker und griff mit einem Schockzauber an. Er wollte Draco ausknocken. Dieser war nun sichtlich verärgert. Mit „Enervate!" schmetterte Draco Harrys Schockzauber ab und brüllte: "Potter! Was soll das?", bevor Harry zum nächsten Spruch ansetzte.
Harry ließ seinen Zauberstab sinken. Mit gerötetem Gesicht erklärte er spöttisch: „Jetzt haben wir schon mindestens sechs Punkte auf dem Fragebogen abgearbeitet, Malfoy. Bei der Geschwindigkeit sind wir in Windeseile fertig und müssen uns nicht noch mal treffen. Das ist doch sicher in deinem Interesse und auch ich habe dann ein Problem weniger." Draco war außer Atmen und wirkte erhitzt. Mit Genugtuung stellte Harry fest, dass der Angeber wohl nicht so gut im Training war wie er selbst.
„Wenn ich schon die erste Stunde nicht überlebe, wird es auch keine weiteren Treffen geben, aber ich kann nicht sagen, dass mich das freuen würde", gab Draco lakonisch zurück.
„Nun, dein Versterben würde ich dann als 'alternative Problemlösung' bezeichnen. Im Auroren-Training wird immer sehr viel Wert auf Flexibilität gelegt", erwiderte Harry und kam nicht umhin, ein wenig dabei zu lächeln. Er bemerkte, wie sich Dracos Mundwinkel ebenfalls kurz nach oben zogen.
„Und so jemand nennt sich dann 'Retter der Zauberer-Welt'", kommentierte Draco, allerdings ohne den für ihn so typischen Spott.
„'Auror' Potter reicht völlig als Anrede", meinte Harry.
„Nun, ich nehme an, beide Bezeichnungen sind hart erarbeitet."
Harry suchte nach dem Hohn in Dracos Stimme und fand ihn nicht. „So ist es, und diese Stunde beweist es. Wer sonst hat schon so viel Pech und muss seiner Schul-Nemesis Lehrstunden in Verteidigung geben?"
„Ich bin deine 'Nemesis'?", fragte Draco erfreut. „Du weißt, dass die Göttin Nemesis vor allem die menschliche Selbstüberschätzung bestraft hat, also Eitelkeit und Hochmut? Nun, ich hatte immer schon das Gefühl, dass dich jemand von deinem hohen Sockel runterholen muss." Draco war sehr zufrieden mit sich, aber sein Ton blieb neckend.
Harry kannte die tiefere Bedeutung von 'Nemesis' nicht, aber das würde er Draco nicht auf die Nase binden. „Du kennst dich also im griechischen Pantheon aus?", versuchte er von seiner Wissenslücke abzulenken. „Ich dachte, reinblütige Zauberer lehnen Religion ab." Harry hatte besonderes Gewicht auf das Wort 'reinblütig' gelegt.
Dracos Gesichtsausdruck wurde hart und auch seine Körperspannung nahm spürbar zu. Harry erkannte, dass er die fast leichte Stimmung mit seiner Bemerkung zerstört hatte, und ärgerte sich über sich selbst. Natürlich würde er sich trotzdem nicht für seine Wortwahl entschuldigen.
„Lass uns weiterarbeiten, dann kannst du schnell wieder in deine schwarz-weiße Welt verschwinden", gab Draco kühl zurück.
Harry hätte Draco gerne gesagt, dass es alle Stufen von Grau in seiner Welt gab, und er sich selbst keineswegs im weißen Bereich sah, er bezweifelte jedoch, dass Draco – Malfoy – sich für seine inneren Befindlichkeiten interessierte. Er hatte sich seine Meinung über Harry sowieso schon abschließend gebildet.
Mit einem leisen Murmeln rief Harry den Fragebogen und die Schreibfeder zu sich und setzte sich auf den Boden. Draco blieb zunächst unschlüssig stehen. Wahrscheinlich hielt er den Fußboden für keinen adäquaten Ort, um sein vornehmes Hinterteil darauf zu platzieren. Dann öffnete er jedoch seinen Zauberumhang, legte ihn beiseite und setzte sich neben Harry auf den Hallenboden, nicht ohne vorher einen Reinigungszauber zu sprechen.
„Hast du die Fragen schon selbst gelesen?"
„Nein."
„Aber ich nehme an, die meisten wurden dir schon im Einstellungsgespräch gestellt."
„Wie soll ich das beantworten, Potter, wenn ich sie noch nicht gelesen habe?"
„Na gut. Punkt 1: Nachname: Malfoy. Ist schon ausgefüllt." Draco verdrehte die Augen, während Harry Lust bekam, jede Frage einzeln durchzugehen, da es wahrscheinlich eine wunderbare Art war, Draco zu ärgern. Außerdem hatte es Harry nicht so eilig, Dracos Gesellschaft zu entkommen, wie er sich selbst eingeredet hatte. Draco nun so nah neben sich sitzen zu haben, bewirkte etwas Seltsames, aber keinesfalls Unangenehmes in Harry.
"Punkt 2: ‚Vorname: Draco Lucius Cygnus'." Harry blickte Draco an. „'Cygnus Black' war der Vater deiner Mutter, richtig? Ich habe zuhause einen Stammbaum der Blacks an der Wand."
„Dass der Bezwinger des Dunklen Lords in einem Haus der Familie Black wohnt, ist wahrlich eine Ironie des Schicksals."
Harry nahm keine Bitterkeit in Dracos Stimme wahr, und er fragte sich, ob sich Draco einfach gut unter Kontrolle hatte, oder ob sich der Slytherin damit abgefunden hatte, dass nichts so gekommen war, wie seine Familie es erhofft hatte.
Grimmauld Platz Nr. 12 hatte Walburga Black gehört. Sie war die Schwester von Dracos Großvater gewesen und damit Narcissas Tante. Nach Walburgas Tod fiel das Haus an ihren einzigen noch lebenden Sohn Sirius, obgleich dieser aus dem Stammbaum gelöscht worden war. Sirus wiederum hatte das Haus Harry vererbt. Wäre der Krieg anders verlaufen, hätte wahrscheinlich Narcissa das Haus geerbt, da ihre ältere Schwester Andromeda aufgrund ihrer Ehe mit einem Muggelstämmigen enterbt worden war.
Walburgas Portrait hing noch immer im Grimmauld Platz. Harry hatte es hinter einem Hängeschrank verborgen, da es sich nicht von der Wand lösen ließ, aber Walburgas Beleidigungen nicht zu ertragen gewesen waren. Allerdings hatte die alte Hexe daraufhin angefangen, sich in den Rahmen anderer Bilder breit zu machen, so hingen nun kaum noch magische Bilder in Harrys Haus.
„Hätte ich Voldemort nicht besiegt, würdest du jetzt vielleicht im Grimmauld Place wohnen", bemerkte Harry, ohne Draco dabei anzusehen.
„Hättest du Voldemort nicht besiegt, wäre ich jetzt tot. Außerdem war das Haus immer schon grässlich."
Harry schaute überrascht auf. Noch heute wagte es kaum jemand, Voldemorts Namen mit Festigkeit auszusprechen. Er war außerdem für einen Moment irritiert, dass Dracos glaubte, er hätte einen Sieg Voldemorts nicht überlebt. Harry hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, was aus den Malfoys im Falle von Harrys Scheitern geworden wäre. Dabei lag die Antwort auf der Hand. Dracos Familie war schon vor Beginn des 6. Schuljahres bei Voldemort in Ungnade gefallen. Dracos Versagen, Dumbledore zu töten, und sein späteres Verhalten hatten gezeigt, dass er kein waschechter Todesser war. Beim Kampf um Hogwarts hatte Narcissa Voldemort betrogen, indem sie behauptete, Harry sei tot, und an den finalen Kämpfen hatten sich die Malfoys nicht mehr beteiligt. Man konnte sagen, sie waren desertiert. Hätte Voldemort überlebt, wäre die Familie dafür zur Rechenschaft gezogen worden.
Harry lächelte Draco an. Er konnte nicht anders. Er war erleichtert, dass Draco froh über Voldemorts Niederlage war. Draco schaute verwirrt zurück und um die seltsame Atmosphäre zu brechen, sagte Harry mit gespielter Entrüstung: „Ich habe das Haus von Grund auf renoviert. Es ist dort jetzt sehr gemütlich."
„Das ist schwer zu glauben."
Fast rutschte Harry ein 'Dann komm vorbei und sieh selbst.' heraus. Er konnte sich gerade noch bremsen und nickte stattdessen vage. Dann wandte er sich wieder dem Fragebogen zu. „Hier kommen jetzt ein paar Fragen zu deinem Alter und deiner Adresse und so. Vielleicht füllst du die schnell selber aus."
Er übergab Draco die Schreibfeder und den Fragebogen und betrachtete den Blonden verstohlen, während dieser die nächsten Punkte bearbeitete. Draco schwarzes, langärmliges Shirt war aus einem weichen Stoff und lag eng an seinem schlanken, langestreckten Oberkörper an. Harry bewunderte den Schwung von Dracos Hals. Die Knopfleiste am Kragen stand offen. Die Haut darunter war unbehaart und schimmerte weiß. Harrys Blick blieb an Dracos scharfer Kinnpartie und seinen vollen Lippen hängen. Er versuchte, ein Schlucken zu unterdrücken, und schaute zu Boden. Unbewusst tippte er mit seinem Zeigefinger einen unsteten Rhythmus auf das Parkett.
„Hier soll ich alle Kurse und Professoren auflisten, bei denen ich Angriffs- und Verteidigungssprüche gelernt habe. Quelle merde! Diesen Quatsch liest am Ende doch keiner."
„Wer weiß."
„Ich weiß. Mein Vater hat jahrelang im Ministerium mitgemischt, und daher bin ich mir sicher, dass all diese Informationen in einem Aktenschrank landen und nie wieder gesichtet werden." Harry verdrehte die Augen. „Mach einfach weiter, sonst werden wir hier nie fertig."
„Da haben wir also zunächst mal Professor Quirrell. Ich erinnere mich noch an deine detaillierte Beschreibung von Voldemorts Gesicht auf Quirrells Hinterkopf vor dem Zaubergamont. Gut, dass ich davon nichts gewusst habe, als wir noch bei ihm Unterricht hatten. Es hätte mir schreckliche Albträume beschert. Ich war ein sehr empfindsames Kind."
Harry konnte ein Prusten nicht unterdrücken. "Dafür hätte ich andere Begriffe gefunden."
"Ach hättest du?", erwiderte Draco, ohne aufzusehen. "Es kam mir nie so vor, als ob du über einen großen Wortschatz verfügt hättest." Bevor Harry in irgendeiner Form protestieren konnte, lenkte Draco seine Aufmerksamkeit wieder auf den Fragebogen: "Dann 1992-1993: der unfähige Hochstapler Lockheart und ein Jahr später dein Freund, der Werwolf, Remus Lupin. Ich kann im Nachhinein nicht sagen, auf wen ich lieber verzichtet hätte."
„Lupin hat deine Cousine geheiratet und außerdem war sein Unterricht wirklich gut!", fuhr Harry empört auf. Er hätte Draco noch unter die Nase reiben können, dass Remus in der Schlacht um Hogwarts von Lucius Todesser-Freund Dolohow getötet worden war, ließ es aber bleiben.
„Kann sein. Ich hatte aber ein paar Vorurteile gegenüber Werwölfen, und war nicht so richtig entspannt. Außerdem warst du immer sein Liebling und das habe ich gehasst. Harry Potter bekommt immer eine Vorzugsbehandlung."
„Das ist nicht wahr. Ich musste mich genauso anstrengen wie die anderen. Und im Übrigen, was du da auf Hermines Party gesagt hast, das mit meinem Ministeriumsjob hier,…"
Draco unterbrach Harrys beginnende Tirade: „Schon gut. Ich hätte auf Hermines Party nichts gesagt, wenn ich gewusst hätte, dass dich das so aufregt und du mich damit nicht mehr in Ruhe lassen wirst. Lass uns einfach weitermachen."
„Als ob du dich jemals zurückgehalten hättest, mir irgendetwas unter die Nase zu reiben. Das ist nämlich genau das, was du immer machst: Mich so lange zu reizen und zu beleidigen, bis ich explodiere."
„Dann lern doch einfach mal, andere zu ignorieren. Ist nicht so schwer. Ich kann das auch."
Harry ließ ein ungläubiges Schnauben hören. „Das soll wohl ein Witz sein. Du kannst mich überhaupt nicht ignorieren!"
„Dann haben wir immerhin eine Sache gemein. Das ist doch auch mal was Schönes. Jetzt lass uns weiter machen."
„Es soll schön sein, wenn ich was mit dir gemein habe?" Der Gedanke war so neu und doch nicht so abwegig, dass Harry ganz aus dem Konzept kam. „Du machst mich echt fertig."
„Ziel erreicht. Können wir jetzt endlich weiter machen?"
„Ignorier mich doch einfach. Soll ja ganz leicht sein." Jetzt musste Draco grinsen.
„Also, Schuljahr Nr. 4: 1994-1995. Ab wann war es eigentlich Crouch Junior? Von Anfang an? Hatten wir überhaupt auch nur eine einzige Stunde bei dem wahren Moody? Immerhin haben wir in dem Jahr einiges gelernt."
„Höchstens, wie man es nicht macht." Harry sah zu, wie Draco in seiner makellosen Schrift das Feld auf dem Fragebogen ausfüllte. Er las: ‚Stilauge Auror Moody / Zuckauge Crouch Jr.' Er stutzte und bemerkte, dass Draco auch bei den anderen Lehrern Titel wie „Januskopf', ‚Herzensbrecher und Hochstapler' und ‚Isegrim Lupin ' hinzugefügt hatte.
„Das kannst du so nicht abgeben, Draco. Du kriegst Ärger, wenn der Chief merkt, dass du die Sache nicht ernst nimmst. Er versteht in dieser Beziehung keinen Spaß", warnte Harry.
„Es heißt ‚Malfoy' für dich, und ich kann und werde es so abgeben. Allein, um dir zu beweisen, dass keiner das hier liest."
Harry starrte Draco fassungslos an und schüttelte den Kopf. „Du hast einen Knall."
Draco zuckte mit den Schultern und sah Harry mit boshaften Schalk in den Augen an. „Das hast du doch sicherlich schon vorher mitgekriegt." Er schrieb weiter. „Dann haben wir ‚Macaron Dolores Umbridge' und den besten Lehrer von Hogwarts, ‚Severus Snape'. Das war ein toller Unterricht."
„Für dich vielleicht. Snape hat mich gehasst." Und beschützt – vom Anfang bis zum Ende, aber das war ein anderes Thema. Gleichzeitig wünschte er sich, er könnte Draco von Snape erzählen, denn er wusste, dass Snape dem Slytherin sehr nahe gestanden hatte.
„Im 7. Jahr hattet ihr Amycus Carrow, richtig?" Dracos Gesicht verdunkelte sich. „Das war keine ‚Verteidigung' gegen die Dunklen Künste, sondern einfach nur noch ‚Dunkle Künste'."
Harry wusste Bescheid. Neville hatte ihnen berichtet, was die Carrows im 7. Schuljahr angestellt hatten. Es musste furchtbar gewesen sein. „Er hat euch den Cruciatus-Fluch beigebracht", stellte er in den Raum.
„Den kannte ich schon. Aber ja, die Carrows waren krank. Trotzdem, kein Vergleich zu dem was bei uns zuhause los war. Ich war froh, wenn ich in der Schule sein konnte." Draco hielt den Blick gesenkt und die Schreibfeder unschlüssig in den Händen. Harry sah, wie er sich in Erinnerungen verlor. Durch seine Visionen hatte Harry einen Eindruck davon gewonnen, wie das Leben im Landsitz gewesen sein musste als Voldemort, Nagini, Bellatrix und Greyback mit den anderen Todessern dort residierten.
„Soll ich weiterschreiben?" fragte Harry vorsichtig.
Draco riss sich aus seiner Starre und schüttelte den Kopf. „Schon gut. Also: ‚1997-1998: Die Psychopathen Carrow (Unverzeihliche Flüche und Angriffszauber)'. Im letzten Jahr hatten wir dann einen Amerikaner namens Randolph Graham. Er ist noch immer da, hörte ich. Der Unterricht war gut. Vieles kannten wir 8.-Klässler schon, aber als er das merkte, hat er den Lehrplan umgestellt und uns Zauber beigebracht, die im amerikanischen Auroren-Training durchgenommen werden."
Harry hatte von Professor Graham gehört. Er war freundlich und lehrte mit Leidenschaft und Effizienz, wie Hermine und die anderen in Hogwarts bestätigt hatten.
Draco schrieb unterdessen weiter. Er notierte den Namen seiner Universität und sein Studienfach. Dann fügte er einen Kurs mit Französischem Titel hinzu und setzte dahinter den Namen ‚Justine Jupilier'.
„Das ist der Duellier-Club an der Cazeneuve. Die Leiterin heißt Madame Jupilier. Der Club hat wirklich was gebracht, aber im letzten halben Jahr konnte ich nicht mehr regelmäßig teilnehmen, weil ich zu viel zu tun hatte."
„Hermine erzählte, dass du dein Studium verkürzt hast. Warum?"
„Warum? Na, durch den Krieg haben wir doch alle ein Jahr verloren. Das wollte ich wieder aufholen. Außerdem…egal."
Harry fragte sich, ob Draco sagen wollte, dass er England vermisst hatte. Über Dracos Ehrgeiz wunderte er sich nicht. Draco war die meisten Jahre in Hogwarts ein sehr ambitionierter Schüler gewesen. Wenn man ihm eins nicht vorwerfen konnte, dann war es, dumm oder faul zu sein, jedenfalls, was das Lernen betraf. Zu Harrys Freude, hatte ihn Hermine aber in vielen Fächern übertrumpft.
„Wie hast du es bloß geschafft, Hermine zu verzeihen, dass sie immer die Klassenbeste war. Über ihre Muggel-Abstammung hast du inzwischen hinwegsehen, aber dass du jemanden ertragen kannst, der besser ist als du, hätte ich nicht gedacht." Harry wollte Draco nur necken und versuchte es durch eine übertriebene Betonung deutlich zu machen. Er war allerdings auch wirklich neugierig, was Draco veranlasst hatte, sich mit Hermine zu befreunden.
Draco zögerte mit der Antwort und wieder hatte Harry das Gefühl, dass er sich genau überlegte, was er Harry verraten wollte. Eines war sicher, Draco hatte tatsächlich gelernt, nicht mehr so schnell aus der Haut zu fahren. Und heute schien er sowieso nicht auf Streit aus zu sein.
„Hermine war nie in allen Fächern besser als ich, Potter. Im 8. Schuljahr waren wir mindestens gleich gut. Außerdem mag ich schlaue Frauen, und als sie erstmal aus eurem Dunstkreis raus war, kam sie mir irgendwie völlig verändert vor, viel sympathischer."
Harry glaubte nur die Hälfte davon, beließ es aber dabei. Er nahm den Fragebogen an sich, den Draco auf dem Boden abgelegt hatte. „Jetzt kommen noch ein paar Fragen zu deinen praktischen Erfahrungen in Bezug auf Angriff und Verteidigung. Also alles, was du außerhalb der offiziellen Schulstunden und Kurse gemacht hast." Er merkte, wie Dracos Körper sich anspannte und dachte an Dracos Erlebnisse als Todesser zurück. War Draco in der Zeit Opfer von Angriffen geworden? Undenkbar war das nicht. Auf jeden Fall hatte er den Cruciatus-Fluch ausführen müssen. Das war sicher nichts, was der Slytherin mit Harry als Zeugen aufschreiben wollte. „Hier, füll das mal in Ruhe aus." Er gab Draco den Fragebogen zurück.
„Ich brauche einen Tisch und einen Stuhl. Das ist mir hier langsam zu unbequem." Draco stand auf und ging zu dem Tisch in der Ecke. Harry fühlte sich in seiner Vermutung bestätigt, dass Draco seine Eintragungen ohne jemanden machen wollte, der ihm über die Schulter schaute.
Als Draco fertig war und sich wieder erhob, schlug die Uhr zur vollen Stunde. Eine Schar gutgelaunter junger Hexen und Zauberer öffnete die Tür zur Halle. Es mussten die neuen Auroren-Trainees sein, frisch aus Hogwarts. Harry erkannte keinen von ihnen, obwohl sie nur wenige Jahre jünger waren als Harry. Als sie sahen, dass noch zwei Ältere in der Halle waren, schlossen sie die Tür schnell wieder. Harry wandte sich an Draco: „16 Uhr. Wir sind fertig für heute. Sollen wir nächste Woche weiter machen oder schon früher?" Harry wunderte sich über sich selbst, dass er einen früheren Termin vorschlug. Eigentlich hatte er doch gedacht, diese Stunde würde furchtbar werden. Tatsächlich jedoch war es gar nicht so schlimm gewesen. Im Gegenteil – Draco war höflich geblieben und die Zeit war schnell vorbei gegangen. Man konnte fast sagen, sie hatten sich gut vertragen. Da Draco ihm keine Antwort gegeben hatte, machte sich Harry bemerkbar.
„Draco?"
„'Malfoy'", insistierte dieser.
„Was denn jetzt?"
„Immer noch ‚Malfoy' für dich."
„Das meinte ich nicht. Wann sollen wir den Fragebogen beenden?"
„Mir egal. Ich kann meine Zeit hier frei einteilen, solange mich keiner deiner Kollegen anfordert. Ich bin allerdings dienstags, donnerstags und freitagvormittags nicht im Haus. Da gehe ich zu Professor Grimzak."
„Ok, dann Mittwoch. Ich schau nach, wann der Raum frei ist, und sag dir Bescheid. OK?"
„Ja."
„Zieh dir dann aber Sportklamotten an. Wir müssen die Sprüche durchgehen."
„Gibt's dann wieder einen Überraschungsangriff?"
„Vielleicht, das wirst du dann sehen. Hattest du nicht gesagt, man darf sich nicht in die Karten gucken lassen..."
„Ah, du machst dich, Potter. Kannst offenbar viel von mir lernen."
„Träum weiter."
Während Harry die Tür zu den Umkleiden nahm, verließ Draco die Halle durch den Haupteingang. Harry hätte sich verabschiedet, wollte aber nicht übereifrig erscheinen und Draco ein ‚Tschüss' hinterherrufen. Von Draco kam natürlich kein Gruß. Als Harry später das Büro betrat, war Draco nicht zu sehen. Dafür warfen ihn seine Kollegen prüfende Blicke zu. Alle waren gespannt, wie das Training verlaufen war. Harry nickte und lächelte in der Hoffnung, dass die anderen daraus den Schluss ziehen würden, dass alles in Ordnung war.
Er stopfte den Fragebogen in die Schublade seines Arbeitsplatzes, damit der Chief Dracos Scherz-Eintragungen nicht so schnell sehen konnte und sich aufregte. Dann lief Harry zum Pausenraum, um sich einen Tee zu machen. Ein paar seiner Kollegen nahmen sofort die Gelegenheit wahr, Harry zu folgen und ihn über die Trainingsstunde auszuquetschen. Sie waren verwundert, dass Harry nichts Negatives berichten konnte und nach einer kurzen Zusammenfassung mit den Worten abschloss: „Also, alles soweit in Ordnung."
Als er sich umdrehte, um die Küche zu verlassen, sah er Draco im Eingang des Pausenraumes stehen. Es war ihm etwas peinlich, dass Draco mitbekommen hatte, dass wegen ihm eine kleine Versammlung in der Küche stattgefunden hatte. Er war auch noch nicht bereit, dem Slytherin etwas Nettes zu sagen, und fragte sich wiederum, ob Draco ihn jetzt für ein Tratschmaul hielt, dass jedes Detail der Stunde an die anderen weitergegeben hatte. Mit einem Nicken und mit leicht geröteten Wangen drückte er sich an Draco vorbei und ging zu seinem Platz.
Abends apparierte er zu Ron und Hermines Wohnung. Sie hatten Harry zum Essen eingeladen, zum einem, um ihn aufzumuntern, zum anderen, um ihre Neugierde zu befriedigen.
„Und? Wie war's?" wurde Harry schon an der Tür von Ron begrüßt. „Immerhin, du lebst noch. Die Frage ist, lebt Draco auch noch?"
Harry grinste. „Warte bis Hermine da ist, sonst muss ich alles noch mal erzählen."
Beim Abendessen berichtete er seinen Freunden dann etwas ausführlicher von seiner Stunde mit Draco. Dracos Anziehungskraft auf ihn ließ er natürlich aus. „Wir werden sehen, wie es Mittwoch weitergeht. Vielleicht ist er doch nicht so ein Arsch wie ich dachte."
Hermine lehnte sich erfreut zurück. „Habe ich dir doch gesagt, Harry. Sonst hätte ich mich auch nicht mit ihm befreundet."
Harry fragte sich kurz, ob Draco und er auch Freunde werden konnten. Er war selbst überrascht, als er zu dem Schluss kam, dass das nicht völlig für ausgeschlossen war.
- Kapitel 12 -
Am darauffolgenden Mittwoch kamen Harry und Draco nicht dazu, die Arbeit am Fragebogen fortzusetzen, da Harry einem anderen Team helfen musste. Am Donnerstag erhielten Weston und Harry einen neuen Fall. Jemand hatte in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag an der Londoner Millennium Brücke eine Art magische Bombe befestigt. Der von ihr ausgehende Zauber hatte die Brücke so zum Schwanken gebracht, dass zwei Muggels über das Geländer ins Wasser gefallen waren und einer von ihnen ertrank. Zusammen mit Mitarbeitern aus der Mysterienabteilung und der Oblivationsbehörde untersuchten Harry und sein Partner so unauffällig wie möglich den Tatort und stellten die Bombe sicher. Ihre Magie war komplett verbraucht, daher ging keine Gefahr mehr von dem dunkelmagischen Objekt aus.
Am Donnerstagnachmittag verglichen Harry und Weston den Anschlag mit ähnlichen Verbrechen in Newcastle und Stockton-on-Tees. Dort war vor zwei Jahren die Swing Bridge und vor einem Jahr die Infinity Bridge sabotiert worden. Da beide Brücken Muggel-Bauwerke waren, hatte niemand einen Zusammenhang zwischen den Anschlägen und der Zauberer-Welt gesehen. Bei dem jetzigen Anschlag auf die Millennium Brücke hatte allerdings eine Hexe den sich explosionsartig ausbreitenden Zauber hautnah miterlebt und das Ministerium informiert.
Als Draco Freitagmittag in der Zentrale eintraf, untersuchte er die Bombe und übergab Weston und Harry am späten Nachmittag einen Bericht über deren Konstruktion und genaue Funktionsweise. Harry war dankbar für die Informationen, auch wenn sie im Moment noch keine Hinweise auf den oder die Täter gaben. Auf jeden Fall war es ein aussagekräftiges Beweismittel für die Schuld des Täters. Harry hörte, dass Draco bereits dreimal Kollegen zu Außeneinsätzen begleitet hatte, und alle zufrieden mit dem neuen Mitarbeiter gewesen waren.
Das Wochenende verbrachte Harry bei Samuel im Reservat. Es war eine entspannte Zeit. Sie wanderten durchs Reservat, kochten, gingen abends in den Pub, um Samuels Freunde zu treffen, und hatten Sex. Harry erzählte Samuel von seiner Arbeit, sparte aber fast alles aus, was mit Draco zu tun hatte. Über den Slytherin zu erzählen, war, wie ein Fass ohne Boden zu öffnen. Er konnte Samuel seine Beziehung zu Draco nicht begreiflich machen, ohne über all die Dinge in der Vergangenheit zu berichten, die ihn noch immer belasteten. Harry wollte die Vergangenheit ruhen lassen und hatte es immer als sehr angenehm empfunden, dass Samuel ihn selten auf den Krieg ansprach. Ihre Beziehung war noch frisch, und Harry hatte nicht vor, sie mit den Albträumen seiner Vergangenheit zu belasten. Natürlich gab es in Bezug auf Draco auch einige Dinge, die Samuel beunruhigen würden, wenn Harry zu sehr ins Detail ginge, zum Beispiel, wie attraktiv er Draco fand und wie oft er in seinen Phantasien vorgekommen war – natürlich vor seiner Beziehung mit Samuel, aber trotzdem…
Am Sonntagabend kehrte Harry spät in den Grimmauld Place zurück. Er fühlte sich ruhelos und schob es darauf, dass er Samuel bereits vermisste. Sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen galt allerdings nicht Samuel, sondern Draco.
Die Konferenz am Montag hatte bereits begonnen als Draco zwei Minuten nach neun vorsichtig die Tür zum Besprechungsraum öffnete. Harry saß wie gewöhnlich in einer der ersten Reihen neben Weston und konnte nicht verhindern, dass er sich erwartungsvoll umdrehte, als er das Öffnen der Tür hörte. Er blickte allerdings schnell wieder nach vorne und vermied jeden Blickkontakt, damit der Slytherin nicht noch glaubte, Harry hätte sich Gedanken über sein Erscheinen gemacht.
„Kollege Malfoy, wie wäre es mit etwas mehr Pünktlichkeit, oder gibt es keine Uhren im Keller? Mir scheint, die Artefakte lagern schon so lange da unten, dass sie auch noch ein bisschen länger auf Ihre Zuwendung warten können." Ein paar Auroren schmunzelten über Robards Bemerkung.
Draco reagierte auf die öffentliche Zurechtweisung mit einem „Tut mir leid, Chief" und „Wird nicht wieder vorkommen", und Harry wunderte sich über Dracos gefügiges Verhalten. Andererseits war Draco auch in Hogwarts immer sehr höflich mit den meisten Lehrern umgegangen. Jedenfalls so lange sie in Hörweite waren.
Nach dem Ende der Konferenz eilte Harry Draco hinterher. „Hey, Draco. Wir treffen uns heute wieder im Trainingsraum. 15 Uhr. Nicht zu spät kommen. Ok?"
„Bleibt mir denn eine Wahl?"
„Eigentlich nicht."
„Na dann."
„Gut, dann bis später. Sportklamotten nicht vergessen."
„Das sagtest du bereits, Potter. Meine Gedächtnisleistung ist nicht so eingeschränkt wie die einiger Anwesender."
„Lass das mal nicht die anderen hören, Draco."
„Malfoy."
„Sorry, aber das kann ich mir nicht merken."
Als Harry um zehn vor drei die Umkleide betrat, zog sich Draco gerade seine Robe aus. Es kam ein weißes Ripp-Shirt mit langen Ärmeln zum Vorschein. Draco schaute hoch und nickte Harry grüßend zu. Harry war ein wenig unschlüssig, an welcher Bank er sich umziehen sollte. Das Wissen, dass Draco schwul war, drängte plötzlich überdeutlich in sein Bewusstsein, und er fragte sich, ob auch Draco über Harrys Homosexualität Bescheid wusste.
Harry hatte bisher immer versucht, seine Privatsphäre zu schützen und sich in der Öffentlichkeit diskret zu verhalten. Verheimlicht hat er seine sexuellen Präferenzen allerdings nie. Nur vor zwei Jahren, während seiner ersten Beziehung zu einem Mann, hatte sich Harry nichts anmerken lassen. Sein damaliger Freund, er hieß Ian, kam aus Schottland und arbeitete ebenfalls im Ministerium. Ians Eltern wussten nichts von seiner Homosexualität und Ian bestand darauf, dass das auch so bliebe. Die Heimlichtuerei wurde für Harry nach ein paar Monaten unerträglich, also setzte er Ian ein Ultimatum. Zu Harrys Überraschung entschied sich sein Freund gegen Harry und ließ sich nach Edinburgh versetzen.
Harry kam schnell über Ian hinweg. Er musste sich eingestehen, dass ihm Ian besonders in sexueller Hinsicht wichtig gewesen war. Er hatte Harry in die LGBT-Szene eingeführt und ihm gezeigt, welche Möglichkeiten es im Bett – und außerhalb – gab. Eine enge emotionale Bindung hatten sie nicht aufgebaut, auch wenn Harry sich immer eingeredet hatte, dass das noch geschehen würde, wenn sie offen mit ihrer Beziehung umgegangen wären.
Nach Ian hatte es für Harry ein paar One-Night-Stands und kurze Episoden in Bars gegeben. Ab und zu ging er auch mehrfach mit einem Kerl aus und nahm sogar mal jemanden als Begleitung zu öffentlichen Veranstaltungen mit. So bekam der Tagesprophet Wind von Harrys Homosexualität. Harry konnte also davon ausgehen, dass auch Draco über ihn Bescheid wusste. Ganz abgesehen davon, Draco hatte ihn auf Hermines Party wahrscheinlich auch mit Samuel zusammen gesehen.
Harry entschied sich schließlich für einen Platz, der weder zu nah noch zu weit von Draco entfernt war. Während er sich umzog, geisterten die Bilder von einer anderen Umkleide und von dem, was er dort belauscht hatte, in seinem Kopf herum. Er merkte, wie sein Gesicht rot wurde und stellte sich absichtlich mit den Rücken zu Draco. Als er sich wieder umdrehte, saß Draco in Sportkleidung auf seiner Bank und wartete auf Harry. Offenbar hatte er Harry seit geraumer Zeit beobachtet. Eigentlich ein ganz normales Verhalten für jemanden, der wartete, aber Harry machte es trotzdem nervös. Er schnürte schnell seine Turnschuhe zu und ging zur Hallentür, wobei er Draco einen auffordernden Blick zuwarf. „Spielst du eigentlich noch Quidditch?", fragt er, um die Stimmung aufzulockern.
„Nein."
„Ich meine… In Paris, gab es da eine Mannschaft an deiner Uni?"
„Ja."
Harry ärgerte sich über Dracos Einsilbigkeit. Er stieß die Tür zum Trainingsraum mit mehr Wucht auf als nötig. „Und? Hast du mitgespielt?"
„Nein."
„Warum nicht?"
„Keine Zeit."
„Ah. Immer am Lernen, was?"
„So ungefähr."
Harry drehte sich aufgebracht zu Draco um. „Merlin! Kannst du vielleicht mal…" Er hielt abrupt inne, als er sah, dass Draco seinen Zauberstab blitzschnell hochgenommen und eine Verteidigungsposition eingenommen hatte. „Was zum Teufel?", rief Harry und wandte sich wieder ab. „Entspann dich, Draco!"
„'Malfoy.'"
„Dann eben 'Malfoy'. Draco Lucius Gygnus Malfoy."
"Cygnus."
"Ist mir scheiß egal."
„Dann reg dich nicht so auf, Potter."
„Dann sei nicht so ein Arsch!"
„Wenn du so neugierig bist, was meine Person angeht, dann erstell' doch einfach einen Fragebogen und ich gebe dir die Antworten schriftlich."
Harry wollte darauf etwas erwidern, dann fiel ihm ein, dass er den Fragebogen nicht dabei hatte. "Mist, ich hab den Fragebogen vergessen." Draco schwieg und schaute Harry abwartend an. Gerade der Verzicht auf jegliche Bemerkung machte Harry klar, dass Draco ihn für einen Volltrottel hielt.
„Ich hol' ihn schon", meinte Harry ergeben und ging an Draco vorbei zurück zur Tür.
Als er auf Dracos Höhe war, stieß er ihm seinen Ellenbogen unsanft in die Seite. Draco konnte nicht rechtzeitig ausweichen und stöhnte auf. Er drehte sich blitzschnell um und grätschte mit seinem Fuß zwischen Harrys Beine. Harry sprang zurück, war aber zu langsam und verlor das Gleichgewicht. Er griff beim Fallen nach Draco, weniger, um sich an ihm festzuhalten, als um ihn mit zu Boden zu ziehen. Harry knallte unsanft auf den Boden, während Draco Glück hatte und auf Harry landete. So hatte Harry das nicht geplant. Draco setzte sich mit seinem vollen Gewicht auf Harry, um ihm am Boden festzuhalten. Harry konnte Dracos Magie spüren. Sie strömte aus dem Slytherin hinaus wie ein elektrisch aufgeladener Nebel. Harrys Haut begann zu kribbeln. Außerdem kam er nicht umhin zu bemerken, dass Draco auf seiner Körpermitte saß. Der Slytherin ließ sich von dem plötzlichen Körperkontakt jedoch nicht beeinflussen. Sein Gesicht drückte nichts als eine Mischung aus Wut und Triumph aus.
Bevor Harry Draco mit Körperkraft und Magie von sich stoßen konnte, ging die Tür zum Trainingsraum auf und Chief Robards ragte über den beiden jungen Männern empor. Erst wirkte er überrascht, doch dann verwandelte sich sein Gesichtsausdruck in Ärger. „Was zum Teufel geht hier vor?"
Harry und Draco rappelten sich auf. „Nichts, Sir. Harry wollte mir nur zeigen, wie man sich befreit, wenn man von einem Angreifer zu Boden gedrückt wird."
„Zur Verteidigung. Gehört zur Trainingsstunde. Ist ein Punkt auf dem Fragebogen", bekräftigte Harry Dracos Lüge.
Der Chief sah die beiden zweifelnd an. „Wie weit seit ihr denn mit dem Fragebogen? Zeigt ihn mir mal!"
Über Dracos Gesicht huschte für einen Sekundenbruchteil ein erschrockener Ausdruck. Harry dachte an die Zusätze, die Draco in die Felder zu seinen Lehrern eingetragen hatte. Er konnte sich ein schadenfrohes Grinsen in Richtung Draco nicht verkneifen. „Tut mir Leid, Sir. Ich habe den Fragebogen im Büro vergessen. Wollte ihn noch holen. Ich gehe gleich mal los."
„Na gut. Ich habe jetzt noch einen Termin, aber nach der Trainingsstunde möchte ich den Fragebogen auf meinen Tisch haben, Harry."
„Kein Problem", versicherte dieser. „ich bin gleich wieder da." Er warf noch einen Blick zu Draco und artikulierte ein 'Siehste?' hinter Robards Rücken, dann verschwand er im Flur. Robards verließ ebenfalls die Turnhalle, hielt Harry allerdings auf dem Gang noch kurz zurück.
„War alles in Ordnung, Harry? Habt ihr euch geprügelt?"
„Nein, wieso? Alles in Ordnung. Wie gesagt, wir haben trainiert."
Zufrieden mit der Antwort blieb Robards an den Fahrstühlen stehen, während Harry zum Büro abbog. Auf dem Weg überlegte er, woher er einen neuen, leeren Fragebogen bekommen konnte.
Fünfzehn Minuten später war Harry wieder zurück im Trainingsraum. Draco saß auf dem Tisch an der Wand und ließ kleine Sternchen durch die Luft schweben. Seinen Zauberstab brauchte er dafür nicht, wie Harry bemerkte. Als Harry näher kam, beendete er seinen Zauber. Harry wedelte mit dem neuen leeren Fragebogen vor Dracos Augen. „Fangen wir also noch mal von vorne an. Ich fülle ihn dieses Mal aus."
Harry setzte sich an den Tisch und übertrug Dracos Antworten schnell auf den leeren Fragebogen. Er ließ die spöttischen Beschreibungen, die der Slytherin den Professoren verpasst hatte, weg. Draco beugte sich über Harry und betrachtete kritisch Harrys Eintragungen. Er kam Harry dabei so nahe, dass sein Atmen über Harrys Gesicht strich und ihm Dracos Geruch in die Nase stieg. Es war der Gleiche, den Harry auf Hermines Party wahrgenommen hatte, und er löste in Harry genau dasselbe Gefühl aus wie Dracos magische Aura, eine angenehme, leicht anregende Wärme. Harry ignorierte sie.
„Ich glaube nicht, dass ein neuer Fragebogen nötig gewesen wäre", verkündete Draco und zog sich wieder zurück. Er nahm seine Wärme und seinen Duft leider mit.
„Du kennst Robards nicht. Er kann es nicht ausstehen, wenn sich jemand über Autoritäten hinwegsetzt oder das Ministerium nicht ernst nimmt."
„Brav, Potter. Du hast ja immer schon getan, was man dir gesagt hat, auch wenn es dich an den Rand deines eigenen Grabes gebracht hat."
„Und du hast auch schon immer getan, was man dir gesagt hat, auch wenn es andere ins Grab gebracht hat." Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, taten sie ihm auch schon leid. Er war sich sicher, dass er zu weit gegangen war, aber warum sollte er sich auch jeden Spruch von Draco gefallen lassen? Schließlich hatte Draco Dreck am Stecken und nicht er.
„Habe ich eben nicht", erwiderte der Slytherin mit fester, aber leiser Stimme, und Harry konnte nicht anders, als das Gesagte zurückzunehmen – zumindest halb: „Nein, hast du nicht. Aber du hast ganz schön viel Mist gebaut." Das grenzte schon an einen Euphemismus, und das war sicher auch Draco klar. Er räusperte sich und bemühte sich um einen leichteren Ton. „Nett ausgedrückt. Deine Schrift wird Robards übrigens nicht lesen können. Da könnte das Gleiche stehen wie vorher. Man kann es nicht erkennen."
„Konntest du offenbar doch, sonst wüsstest du nicht, dass ich was weggelassen habe." Harry schaute zur Uhr. „Jetzt ist es schon fast zwanzig vor fünf. Mal sehen, was wir überhaupt noch machen können."
„Hak doch einfach die Zauber ab, die du schon von mir gesehen hast", schlug Draco vor.
„OK. Hol dir doch mal einen Stuhl und hilf mit."
„Beim Lesen?"
„Nein, du Blödmann. Beim Rekapitulieren. Ich will nichts vergessen – was mir deiner Meinung nach ja besonders schwer fällt." Draco nahm einen zweiten Stuhl und setzte sich neben Harry. Harry konnte sich gerade noch davon abhalten, tief einzuatmen. Sie gingen die Liste durch und sprachen ungewöhnlich einträchtig über die anderen Zauber bis die gleiche Gruppe von Trainees polternd in den Raum stürmte, die schon in der Vorwoche die Halle nach ihnen gebucht hatte.
„Ihr könnt ruhig bleiben, wir sind fertig für heute", rief Harry ihnen zu. Als die Trainees erkannten, wen genau sie vor sich hatten, fielen ihnen fast die Kinnladen runter. Vorsichtig kamen sie näher. Harry kannte das Phänomen. Seine Berühmtheit brachte noch oft eine Art ehrfürchtiges Staunen in anderen hervor. Draco registrierte das Verhalten der jungen Hexen und Zauberer und rümpfte die Nase. „Hier in London verstummen auch immer alle, wenn sie mich sehen, aber nicht aus Ehrfurcht", murmelte er beim Aufstehen.
„In Paris war das anders?", fragte Harry, weil er nicht wusste, was er sonst dazu sagen sollte. Der Gedanke, dass Draco eine Art Ausgestoßener war, gefiel ihm nicht, aber er war auch nicht bereit, dem Slytherin Mitgefühl zu zeigen. Draco schien sich jedoch gerade an etwas zu erinnern, das seine Stimmung aufhellte. Sein Gesicht bekam wieder diesen schalkhaften Ausdruck, den Harry so anziehend fand. „Ja, in Paris, da war es natürlich eher so wie jetzt gerade hier bei dir."
„Wer's glaubt", gab Harry zweifelnd zurück. Er wusste, dass Draco maßlos übertrieb, aber zu seiner eigenen Überraschung fand er die Vorstellung, dass Draco für Aufsehen sorgte und beliebt war, auch nicht so abwegig. Bei seinen Slytherin-Freunden war er vor dem Krieg immer sehr angesehen gewesen und hatte im Mittelpunkt gestanden. Crabbe und Goyle hatten ihn geradezu verehrt. Natürlich waren das Schwachmaten, aber es gab ja auch noch Parkinson, Zabini und Nott. Sie waren ebenfalls Draco-Fans. Und damals war Draco nicht halb so attraktiv gewesen wie heute. Außerdem war er reich, klug und irgendwie witzig, wenn man auf beißendem Spott stand. Es gab sicher Augenblicke, in denen er sympathisch wirken konnte – zumindest, wenn er sich Mühe gab oder sich nicht im gleichen Raum befand wie Harry.
„Ah, Potter, wenn du wüsstest, wie viele Liebesbriefe ich bekommen habe! Vous ne pouvez pas vous armer contre l'amour. Die Franzosen sind wahre Poeten – und so direkt."
Harry verstand kein Französisch, aber, dass Studierende Liebesbriefe schrieben, daran zweifelte er doch stark. „Du spinnst", gab er zurück.
„Ein bisschen – vielleicht", lenkte Draco ein. Als Harry ihn daraufhin überrascht ansah, fing Draco an zu lachen. „Vielleicht wirst auch du schon bald meinem Charme erliegen, Potter!"
Harry zog ihm den Fragebogen über den Kopf. „Träum weiter, Draco!"
„'Malfoy'"
„Klappe."
Die Trainees schauten sie verdutzt an. Dann sprach einer von ihnen Harry an und er blieb stehen, um sich mit der Schar zu unterhalten. Draco ging weiter in Richtung Umkleide. Etwas in Harry drängte danach, dem Slytherin zu folgen, doch dann dachte Harry an die peinlichen Minuten beim Umziehen zurück und hielt es für besser, sich viel Zeit damit zu lassen, alle Fragen der Trainees zu beantworten. Als er schließlich den Umkleideraum betrat, war Draco schon weg.
- Kapitel 13 -
Der drauffolgende Tag war anstrengend. Es kam Harry so vor, als würde er von einem Termin zum nächsten rennen, und ihm wurde schnell klar, dass die Aussichten für den Rest der Woche nicht besser waren. Trotzdem hielt er sich eine Stunde am Mittwochmorgen für ein weiteres Treffen mit Draco frei. Je schneller sie mit dem Fragebogen fertig würden, desto besser, und es wäre dumm, den Trainingsraum nicht zu nutzen, wenn er mal frei war. Es stellte sich jedoch heraus, dass Draco am Mittwoch keine Zeit hatte. Er musste ein Gruppe Auroren zu einem Todesser-Versteck in Hastings begleiten, wo ein paar schon längst verurteilte Voldemort-Anhänger einen Teil ihrer Besitztümer versteckt hatten, damit sie nicht konfisziert werden konnten.
Harry verfolgte den Klatsch und Tratsch seiner Kollegen nur selten mit voller Aufmerksamkeit, aber wenn es um Draco ging spitzte er die Ohren. Viele trauten dem Slytherin nicht über den Weg, aber alle Kollegen, die Draco auf einen Einsatz mitgenommen hatten, berichteten, wie umsichtig und professionell er vorgegangen war. Von Hermine wusste Harry, dass Dracos Studien bei Professor Grimzak ebenfalls gut liefen. Sie machte sich nur Sorgen, dass sich Draco zu viel Arbeit zumutete. Harry selbst sah Draco in dieser Woche nur beim Vorbeigehen.
Am Wochenende hatte Harry Bereitschaftsdienst in der Zentrale und musste zu mehreren Einsätzen. Zusammen mit zwei anderen Auroren nahm Harry einen Dealer fest, der versuchte verunreinigte Potenzmittel an den Mann zu bringen. Dann kümmerten sie sich um eine Gruppe Vampire, die in einer Muggel-Kneipe randalierten. Die Muggels hatten natürlich keine Ahnung, wen sie da vor sich hatten. Ihr Einsatz am Sonntag war besonders unangenehm. Ein Lobalug, der sich in den frühen Morgenstunden in die Themse verirrt hatte, sorgte bei Schiffern und Spaziergängern in London für Angst und Schrecken. Nachdem Harry und seine Kollegen überhaupt erstmal herausgefunden hatten, was sich da im Fluss herumtrieb, mussten sie die wurmartige Kreatur mit Hilfe von Mitarbeitern aus der Abteilung für magische Tiere einfangen, Muggels oblivieren und den Rücktransport in die Nordsee veranlassen.
Dankenswerter Weise war der Sonntagnachmittag ruhig, so dass Harry sich um seine Ablage kümmern konnte. Auf seinem Arbeitsplatz herrschte ein erdrückendes Durcheinander von Akten, Notizen, Fotos und anderen Dingen, die Harry irgendwann einmal gebraucht und noch nicht wegsortiert oder entsorgt hatte. Dracos Arbeitsplatz war hingegen in einem tadellosen Zustand, wie Harry jedes Mal feststellte, wenn er an dem Tisch vorbeiging. Dieses Mal blieb Harry neugierig an Dracos Platz stehen und betrachtete ihn genauer. Er fand nicht ein einziges beschriftetes Blatt Papier, keine einzige benutzte Schreibrolle auf dem Tisch des Slytherins. Es gab auch keine persönlichen Gegenstände, so dass es wirkte, als würde Draco hier gar nicht arbeiten. Hatte er seinen ganzen persönlichen Kram an seinem Arbeitsplatz im Archiv? Gab es Fotos von Narcissa oder gar Lucius?
Harry fragte sich, wie Draco wohl seine Wochenenden verbrachte, und versuchte, sich daran zu erinnern, wo Draco eigentlich wohnte. Er kehrte zu seinem Platz zurück und schaute nach Dracos Adresse auf dem Fragebogen. Mit einem Schwung seines Zauberstabs ließ er sich Dracos Wohnort auf dem großen Londoner Stadtplan an der Wand im Büro anzeigen. Es stellte sich heraus, dass Draco in dem ruhigen und eher teuren Muggel-Stadtteil Bloomsbury wohnte, in einem Haus am Gordon Square 47. Harry vermutete, dass Dracos Wohnung Aussicht auf den kleinen Park hatte, den er in der Karte sehen konnte, und fragt sich, ob Hermine Draco in seiner Wohnung schon mal besucht hatte.
Er wusste, dass Hermine in den letzten zwei Jahren bereits dreimal in Dracos Pariser Wohnung gewesen war. Bei ihrem letzten Aufenthalt im Frühjahr war sie sogar für fünf Tage bei Draco untergekommen. Sie hatte in Paris an einer Fortbildung teilgenommen, in der es um neue Gesetze für nichtmenschliche, magische Lebewesen ging. Es war keine Veranstaltung des Ministeriums, sondern ein Kongress der RSMC gewesen, einer weltweit agierenden Organisation, die sich für die Rechte von vernunftbegabten Kreaturen einsetzte. Hermine hatte ihren Urlaub opfern müssen, um teilnehmen zu können.
Zu Harrys Überraschung hatte Draco ihr sein Gästezimmer für den Aufenthalt angeboten, was Hermine gerne annahm. Sie hatte Ron gefragt, ob er nicht für ein romantisches Pärchen-Wochenende nach Paris nachkommen wollte. So hatte Ron Hermine am Freitag bei Draco abgeholt und war mit ihr für das Wochenende in ein Hotel gegangen. Am Freitagabend hatten Hermine und Ron Draco zum Essen ausgeführt. Es war Hermines Dankeschön für die gastfreundliche Unterkunft. Offenbar war der Abend so schön gewesen, dass Ron sich seither nicht mehr negativ über ihren einstigen Rivalen geäußert hatte.
Hermine und Ron waren frisch verliebt aus Paris zurückgekommen und Harry war ein wenig neidisch auf ihr Glück gewesen. Die dunkle Jahreszeit war ihm aufs Gemüt geschlagen und er sehnte sich nach einer Beziehung. Dann zeigte sich, dass Hermines Parisaufenthalt auch für ihn etwas Gutes mit sich brachte, denn auf der Konferenz hatte Hermine Samuel besser kennen gelernt, und ein paar Wochen später sorgte sie dafür, dass Harry und Samuel sich begegneten. Harry war einsam und mehr als bereits gewesen, sich auf den sympathischen Iren einzulassen. Er hatte seine Entscheidung bisher nicht bereut.
Während Harry weiterhin auf den Stadtplan von London starrte, erinnerte er sich daran, dass Ron damals erwähnt hatte, dass ein Freund von Draco mit ins Restaurant gekommen war. Sie seien sehr vertraut miteinander umgegangen, hatten sich aber nicht als Pärchen zu erkennen gegeben. Dracos Freund hieß Jean und sprach gut Englisch. Er hatte Ron und Hermine mit hunderten von Fragen bombardiert, war dabei aber sehr charmant gewesen. War Draco mit diesem Jean zusammen und bekam in London Besuch von ihm? Hatte er in Jean einen Menschen gefunden, den er liebte und der seine Gefühle erwiderte? Harry wälzte den Gedanken im Kopf herum, während er zu seinem Platz zurückging. Es fiel ihm schwer, Draco so ein Glück zu gönnen, wahrscheinlich, weil der Slytherin zu oft ein kleines Arschloch war. Harry hielt sich für einen guten Menschen, aber ein Heiliger war auch er nicht.
Harry verabredete sich nach der Konferenz am Montag mit Draco für eine weitere Trainingsstunde um drei. Zwei Stunden vorher beschloss er, Hermine in ihrem Büro zu besuchen, um sie zu einem gemeinsamen Mittagessen zu überreden. Er hatte sie seit dem Abendessen vor zwei Wochen nicht mehr gesehen, und hoffte, sie würde ihn von seiner üblichen Nervosität vor dem Treffen mit Draco ablenken.
Harry nahm den Aufzug runter in den 4. Stock und ging durch die endlos wirkenden Gänge des Ministeriums. Als er sich Hermines Tür näherte, drangen durch die leicht geöffnete Tür Stimmen zu ihm in den Flur. Harry erkannte Dracos tiefe Stimme und blieb stehen.
Er verstand nicht, was der Slytherin sagte, Hermines Antwort konnte er allerdings recht gut hören: „Ich habe den Eindruck, dass du dich im Keller verkriechst und Kontakt vermeidest, Draco. Dabei sollte der Job hier eine Möglichkeit sein, deine Reputation wiederherzustellen. Das geht nicht, wenn du dich von allen fernhältst."
Aus den Bruchstücken, die Harry von Dracos Antwort verstand, konnte er sich erschließen, dass Draco meinte, es bräuchte eben Zeit, die Meinung der Menschen zu ändern.
„Das schon, aber du musst den anderen auch die Chance geben, dich kennen zu lernen. Geh mittags in euren Pausenraum oder setz dich in der Kantine zu den Kollegen, mit denen du schon auf Einsätzen warst. Du kannst dich auch zu Harry..." Bevor Hermine ihren Satz beenden konnte, wurde sie von Draco unterbrochen. Leider konnte Harry nicht hören, was Draco sagte.
„Ja, ok, aber Harry ist nicht so."
Wieder antwortete Draco und offenbar war er jetzt etwas aufgebracht, denn ein paar Worte konnte Harry entziffern: „…Fragebogen … nicht nötig … verzichten… Archiv … in Ruhe … Sorgen …"
„Das sagst du immer, aber ich mache mir trotzdem Sorgen um dich. Komm, ich lad' dich zum Essens ins Meermaid ein."
Ein erneutes Gemurmel von Draco, dann Hermines: „Nein, keine Widerrede! Aber wenn du meinst, dann zahlst du eben."
Harry hörte, wie sich die beiden der Tür näherten, drehte sich um und ging zügig zurück in die Zentrale. Es war ihm unangenehm, das Gespräch belauscht zu haben, und er wusste nicht, wie er die Bruchstücke, die er gehört hat, interpretieren sollte. Auf jeden Fall hörte sich Draco über ihre Zusammenarbeit nicht sehr glücklich an. Harry fühlte sich seltsam gekränkt durch diese Feststellung, sagte sich aber, dass er sich auch was Besseres vorstellen konnte, als seine Zeit mit dem Slytherin zu verbringen.
Harry ging bereits um halb drei zum Trainingsraum, obwohl er eigentlich noch die neuen Ergebnisse im Fall ihres 'Brückenterroristen' durchgehen wollte. Er zog sich schnell um und wartete in der Halle auf Draco. Dieser öffnete pünktlich um 15 Uhr die Tür zum Trainingsraum. Weißes Henley-Shirt, graue Jogginghose aus einem weichen Frottee-Stoff, schwarze schlichte Nikes. Harry konnte seinen Blick für einen Moment nicht von Dracos langer, schlanker Gestalt lösen. Er räusperte sich. „Hi."
„Potter", grüßte Draco zurück. „Dieses Mal nichts vergessen? Sollen wir uns sofort kloppen oder sparst du dir das heute für später auf?"
„Später – oder sobald du mich zu sehr aufregst."
Draco hob seinen Zauberstab. „Na, dann wohl sofort."
Harry schüttelte den Kopf und trat näher zu Draco, der einen übertrieben misstrauischen Gesichtsausdruck zur Schau stellte. „Erstmal besprechen wir, was wir heute machen. Du hast mir ja beim letzten Mal schon die Zauber genannt, die dir keine Probleme bereiten, und ein paar habe ich auch schon gesehen. Zeig mir doch heute einfach mal die anderen."
„Wie genau soll das ablaufen?"
„Ich dachte, ich starte einen Angriff, und du verteidigst dich", schlug Harry vor.
„Also alles wie gehabt", gab Draco lakonisch zurück.
Das brachte Harry kurz aus dem Konzept: „Nein … doch … aber systematischer."
„Fangen wir also bei A an? Adversus Harripottermus?"
Harry verdrehte die Augen. Sein Latein reichte gerade noch, um Dracos blöden Kalauer zu verstehen. „Gegen mich gibt es keinen Zauber, Draco."
„Das habe ich auch schon bemerkt."
Dracos Worte machten etwas mit Harrys Magen, das er nicht verstehen konnte. Er hielt es für das Beste, das eigentliche Training so schnell wie möglich zu beginnen. Drei Jahre Grundausbildung hatten Harry zu einem hervorragenden Kämpfer gemacht. Er war beim Duellieren sicher und selbstbewusst. Genau das Gegenteil von dem, wie er sich gerade fühlte. „Also ich dachte, ich benutze die Angriffszauber, die besonders typisch bei Außeneinsätzen sind."
„Das sind aber nicht unbedingt die, denen ich ausgesetzt bin, wenn ich es mit dunkelmagischen Objekten zu tun habe."
„Das stimmt, aber das Ministerium will dich ja für Situationen trainieren, die nichts mit deinem eigentlichen Fachgebiet zu tun haben. Die Frage ist, was kann dir begegnen, wenn du mit uns ins Feld gehst? Und da gibt es doch eigentlich immer die gleichen Angriffszauber oder zumindest eine Reihe von Verteidigungsstrategien, die in fast allen Fällen helfen." Harry dachte einen Augenblick nach und fuhr dann fort: „In der Grundausbildung sind wir am Anfang die einzelnen Zauber durchgegangen, aber später haben die Ausbilder einfach typische Situationen nachgestellt und uns darin agieren lassen. Da du schon einiges drauf hast, müssen wir sicher nicht jeden einzelnen Zauber besprechen, sondern können gleich ans Eingemachte gehen." Ein Ausdruck der Verwirrung huschte kurz über Dracos Gesicht. Offenbar hat er seinen Muggel-Ausdruck mit dem Eingemachten nicht verstanden.
„Was auch immer. Fang einfach an, Potter. Ich bin bereit."
„Ok. Also stell dir vor, du möchtest jemanden ergreifen, der wegrennt. Damit…"
Harry wurde von Draco unterbrochen: „Dafür sind doch die Auroren da. Wieso sollte ich hinter Flüchtenden herrennen?"
„Auch das stimmt, aber ich möchte einfach, dass du dir eine Situation aus der normalen Auroren-Arbeit vorstellst. Vielleicht rennt ja gerade jemand mit deinem dunkelmagischen Objekt weg. Das willst du doch sicher verhindern."
„Das hängt davon ab, was es ist."
„Ist doch auch egal, lass dich einfach drauf ein. Also, der Flüchtende wehrt sich, indem er Flüche auf dich abfeuert. Gehen wir erstmal davon aus, dass es sich um einen Kleinkriminellen handelt, also einen, der dich nicht gleich töten will. Mit welchen Zaubern kannst du in diesem Fall rechnen?"
„Jeden Fluch, der mich in irgendeiner Weise aufhält, also zu Fall bringt oder festsetzt. Oder welche, die ein Hindernis zwischen uns errichten. Vielleicht auch Sprüche, die meine Sinne trüben oder meine Bewegungen verlangsamen."
„Ja, genau. Dann versuche, dich an diese Sprüche zu erinnern, damit du sie gleich anwenden und/oder abwehren kannst. Denn ich spiele gleich den Verbrecher und du den Auror." Harry ließ Draco einige Minuten Zeit, sich die entsprechenden Zauber in Erinnerung zu rufen.
Bevor es losging, hatte Draco noch eine Frage: "Soll ich auch versuchen, dich einzufangen oder gar unschädlich zu machen?"
„Das solltest du versuchen, aber natürlich alles im Rahmen." Harrys Vertrauen in Draco war naturgegeben nicht besonders ausgeprägt, und er konnte nicht einschätzen, bei welchen Flüchen der Slytherin die Grenze setzen würde. Harry bezweifelte allerdings, dass Draco ihm ernsthaften Schaden zufügen konnte, egal welchen Fluch er Harry entgegen schleudern würde. Schließlich war er ein ausgebildeter Auror und schon immer gut darin gewesen zu überleben. „Bereit?"
„Leg los, Potter."
„Arresto Momentum. Expelliarmus!"
Draco schaffte es mühelos Harrys Verlangsamungs-Zauber abzublocken und seinen Zauberstab bei sich zu behalten. Allerdings schleuderte Harry in rapider Geschwindigkeit weitere, wenn auch harmlose Flüche in Dracos Richtung, so dass dieser bald schon ins Schwitzen kam. Harry ließ sich von Draco durch die Halle hetzen und kam bald selber außer Atem. Er musste feststellen, dass der Slytherin seinen Zaubern länger als erwartet standhielt und sehr geschickt im Ausweichen und Kontern war. Auch wenn Draco selbst kaum Zeit blieb, Angriffszauber abzusetzen, so waren diese jedoch von großer Wucht und Harry musste genau taktieren, um in seiner eignen Abwehr keine Lücken zu lassen. Ihm fiel auf, dass er einige von Dracos Sprüchen überhaupt nicht kannte oder ihm deren Aussprache so fremd war, dass er sich nicht sicher war, um welchen Zauber es sich handelte.
Harry ging immer mehr dazu über, die Flüche wortlos zu sprechen. Sein Wille, Draco zu entwaffnen, war so groß, dass er auch ohne Zauberstab einen hohen Energielevel aufrechterhalten konnte. Auch Dracos Sprüche wurden immer leiser, aber das lag daran, dass er die Zauber nur noch keuchend hinaus bekam.
Plötzlich flog die Tür zum Trainingsraum mit einem lauten Rums auf und Harry wandte seinen Blick für eine Sekunde von Draco ab, um zu schauen, wer da so polternd in die Halle kam. Niemand war zu sehen. Dafür traf ihn einer von Dracos Flüchen und klebte ihn am Hallenboden fest. Hatte Draco die Tür mit Magie geöffnet, um ihn abzulenken? Kaum hatte Harry sich befreit, hörte er einen undeutlichen Schrei aus dem Gang, der nach einem Hilferuf klang. Er war für einen weiteren Augenblick abgelenkt, den Draco dazu nutzte, Harry aus dem Gleichgewicht zu bringen und ihn mit einem Expelliarmus zu entwaffnen. Während Harry unsanft zu Boden ging und etwas verdattert seinen Zauberstab hinterherschaute, wurde ihm klar, dass auch der Hilferuf nur einer von Dracos Ablenkungsmanövern gewesen war.
Triumphierend hielt Draco Harrys Zauberstab hoch und konnte sich ein überhebliches Malfoy-Grinsen nicht verkneifen. Allerdings war sein Gesicht gerötet und seine Beine und Arme schienen zu zittern. Dracos Atem ging leicht rasselnd und er ließ sich nach einigen Augenblicken des Triumphes erschöpft zu Boden sinken. Als Harry sich aufsetzte, warf ihm Draco seinen Zauberstab zu. „Verdammt, Potter. Ich dachte ich fall' gleich tot um. Ich hab nicht mehr geglaubt, dass ich dich noch aufhalten kann, und ich nehme an, dass ich das auch nicht schaffen würde, wenn du es mal wirklich ernst meint."
Harry hätte jeden Spruch von Draco erwartet, aber sicher kein Kompliment. Er war so baff, dass er nicht wusste, was er sagen soll.
Ein Gefühl, dass man nur mit Stolz bezeichnen konnte, machte sich in seiner Brust breit und es hätte sich eine deutliche Rötung auf seinem Gesicht gezeigt, wäre es nicht eh schon erhitzt gewesen.
„Äh, danke. Aber gewonnen hast du. Wenn auch mit einem typisch slytherin'schen Trick."
Draco hatte clever gehandelt, indem er Harrys Hilfsbereitschaft ausnutzte, um ihn abzulenken, und er nahm sich vor, Dracos Taktik nicht zu vergessen. Als er erneut zu Draco sah, bemerkte er, dass der Blonde die Stirn runzelte und sowas wie Enttäuschung über sein Gesicht huschte. Es verwirrte Harry, denn er wusste nicht, was er Falsches gesagt haben könnte.
In dem Moment erklangen Geräusche aus den Umkleiden und es waren dieses Mal tatsächlich die Trainees, die in der Tür erschienen. Harry stand auf und ging zu Draco. Ohne darüber nachzudenken streckte er die Hand aus, um den Slytherin aufzuhelfen. Draco zögerte kurz, dann ergriff er Harrys Hand und ließ sich hochziehen. Er murmelte ein 'Danke' und ließ Harrys Hand schnell wieder los. Das Gefühl von Dracos langen Fingern und weichem Handteller, warm und leicht verschwitzt, aber fest, blieb Harry wie ein Nachhall noch ein paar Sekunden erhalten. Harry grüßte die Trainees und folgte Draco Richtung Umkleidekabine.
„Wir sollten über die Zauber sprechen, die wir benutzt haben, und unsere Beobachtungen austauschen", meinte Harry, während er seine Hände am Stoff seiner Sporthose rieb.
„Es ist schon vier und ich muss noch duschen", antwortete Draco zögerlich.
„Ich habe jetzt auch keine Zeit, aber wie wäre es Mittwoch. Wir können zusammen Mittagessen, falls wir beide da sind."
Draco warf Harry einen schnellen, misstrauischen Blick zu. Vielleicht dachte er, Hermine hätte Harry auf Draco angesetzt. Schließlich antwortete er jedoch: „Äh, ja, ok. Warum nicht? Mittwoch um eins?"
„Ja, klingt gut." Harry weigerte sich zu denken, dass es wie eine private Verabredung klang. Es war eine offizielle Besprechung zwischen Kollegen. Nichts dabei.
Als sie vor den Spinten im Umkleideraum standen, war Harry fest entschlossen, sich von Draco nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, wenn sie gleich in den Duschraum gehen würden. Schließlich duschte er ständig mit anderen Männern zusammen - auch mit sehr gutaussehenden - und das war nie ein Problem gewesen. Um sich abzulenken, versuchte Harry das Gespräch in Gang zu halten: „Dein alter Zauberstab, was ist damit eigentlich geschehen? Ich musste ihn nach der Schlacht ans Ministerium abgeben, sonst hätte ich ihn dir zukommen lassen." Harry vermied es, in Dracos Richtung zu blicken, hatte aber das Gefühl, dass der Blonde ihn durchaus aufmerksam beobachtete.
„Das Zaubergamot hat mir den Zauberstab nach meinem Freispruch zurückgeben." Draco Tonfall klang, als ob das kein Thema war, über das er mit Harry sprechen wollte, aber Harrys Neugierde war geweckt, daher fragte er weiter: „Und warum benutzt du ihn nicht mehr?"
Draco war inzwischen entkleidet und schlang sich ein Handtuch um die Hüften. Dann ging er mit einem kleinen Flakon in der Hand in den Duschraum. Harry folgte ihm. Er versuchte, Dracos nackten Körper zu ignorieren, konnte jedoch nicht übersehen, wie schön Draco war. Jedenfalls traf er mit seinen breiten Schultern, den ausgeformten, aber nicht übertrieben ausgeprägten Brust- und Armmuskeln und den ansonsten schmalen und langgestreckten Formen genau Harrys Geschmack. Und diese langen, wohlgeformten Beine mit den athletischen Waden...
Harry selbst war ein sportlicher Typ, etwas breiter und muskulöser als Draco. Seine Haut war deutlich dunkler und auch behaarter. Dracos spärliche und helle Körperbehaarung und die feinporige, helle Haut wirkten fast androgyn.
Draco stellte seine Dusche an. Über das leichte Prasseln des Wassers hinweg erklärte er: „Der Zauberstab hat mir nicht mehr so gedient wie früher. Er war auf dich abgestimmt. Ich bin zu Oliviander und habe mir einen neuen ausgesucht." Harry sah aus den Augenwinkeln, wie Draco seine kleine Flasche öffnete und sich mit dessen Inhalt einseifte. Sofort erfüllte ein zitronenartiger Geruch die Luft.
„Vielleicht hättest du ihn mir einfach wieder 'abnehmen' müssen."
Als Draco die Seife in seine Haare einmassierte und die Augen schloss, wagte Harry einen weiteren Blick in seine Richtung. Eine sehr feine Narbe zog sich von Dracos linker Schulter hinunter bis fast zum Bauchnabel. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Harry erkannte, was er da vor sich sah.
„Ist das…, ist das… die Narbe da…, ist das von meinem Sectumsempra", stotterte er entsetzt.
Draco öffnete die Augen und zeigte mit dem Zeigefinger auf seine Brust. „Die hier? Ja, wieso?"
„Ich… ich… ich wusste nicht, dass…", Harry konnte nicht weitersprechen. „Es tut mir leid. Und es tut mir leid, dass ich mich nie dafür entschuldig habe."
„Vergiss es einfach."
„Aber… aber… ich hätte dich fast umgebracht."
„Und ich hatte vorher einen Cruciatus auf dich abgefeuert. Ich war auch nicht gerade unschuldig."
„Von einem Cruciatus stirbt man nicht gleich, das ist absolut nicht dasselbe."
„Vergiss es einfach, Potter. Ich nehme zur Kenntnis, dass zu dich schämst und dass es dir Leid tut, und gut is'. Ich habe selber genug Dinge, für die ich mich schäme. Lass uns einfach versuchen, die Vergangenheit zu begraben, ok?"
Harry war sich nicht sicher, ob er das konnte oder überhaupt wollte. Nur, wie sollte er das diesem ehemaligen Todesser sagen, ohne dass Draco glaubte, Harry würde ihm seine Taten von damals noch immer vorwerfen? So stimmte er Draco zu: „Ok, vergessen wir es. Es tut mir aber trotzdem leid und ich entschuldige mich hiermit dafür."
"Angenommen", gab Draco fast gleichgültig zurück. Als er Harrys Gesichtsausdruck sah, fügte er freundlich hinzu: "Mach dir keinen Kopf. Es ist wirklich alles gut."
Ein leicht verlegenes Schweigen entstand. Als Harry es nicht mehr aushielt, versuchte er, das vorherige Gespräch wieder aufzunehmen: „Also, wegen deines alten Zauberstabes. Warum hast du mich nach den Prozessen nicht um Hilfe gebeten? Ich wäre damit einverstanden gewesen, dass du ihn mir wieder abnimmst."
Draco zeigte mit einem deutlichen Schauben, wie wenig er von Harrys vermutlich naiver Idee hielt. „Glaube mir, nichts auf der Welt hätte mich damals dazu veranlasst, Hilfe von dir zu erbetteln." Harry konnte Draco verstehen, aber irgendwie fand er die Aussage trotzdem blöd.
„Außerdem, Potter, müsste dir eigentlich klar sein, dass ein normaler Zauberstab seine Treue nicht auf jemand anderen überträgt, nur weil dieser ihn seinem Besitzer abgenommen hat. Wenn das so einfach wäre, würde ja jeder Zauberstab, den man einem anderen wegnimmt, für den Besitzer unbrauchbar werden. Der Zauberstab wollte dir dienen."
„Aber warum? Es war doch dein Stab."
„Finde es selbst heraus. Du bist der Auror", gab Draco zurück.
Harry hatte über die Unterhaltung hinweg vergessen, sich einzuseifen. Er verteilte schnell sein Muggel-Duschzeug in seinen Haaren und über seinen Körper und schloss die Augen, während er sich das warme Wasser über den Kopf laufen ließ. Er versuchte, nicht an Dracos Narbe zu denken und konzentrierte sich auf die Sache mit dem Weißdornstab. Die einzige logische Schlussfolgerung war, dass Draco damals wollte, dass Harry seinen Zauberstab bekam. Vielleicht hatte Draco in Wahrheit gehofft, dass Harry und seine Freunde aus dem Herrenhaus flüchten können und Voldemort besiegen würden. Wenn Harry über ihren kleinen Kampf damals nachdachte, musste er zugeben, dass Draco ihm kaum Widerstand geleistet hatte, als Harry nach seinem Stab griff.
Harry öffnete die Augen, um Draco darauf anzusprechen, aber der Slytherin war nicht mehr im Duschraum. Harry blieb noch kurz unter dem Wasserstrahl stehen und trocknete sich dann ab. Als er zurück zu den Spinten ging, war Draco bereits angezogen und griff nach seiner Tasche. Er schaute kurz zu Harry und sagte: „Dann bis Mittwoch", bevor er in den Flur verschwand. Harry setzte sich auf die Bank und starrte ein paar Minuten gedankenverloren auf die Tür.
- Kapitel 14 -
Harry und Weston waren im Fall des Millennium-Brücken-Anschlags gut vorangekommen. Untersuchungen am Tatort hatten keine Hinweise auf den Täter ergeben, aber die Aufzeichnungen der Überwachungskamera an der Millennium Bridge zeigten eine Person, die sich in verdächtiger Weise an der Brücke zu schaffen machte. Es hatte wie üblich etwas gedauert, an die Aufnahmen ran zu kommen, weil Harry und Weston erst mit ihrer Kontaktperson bei der Londoner Polizeibehörde in Verbindung treten mussten. In diesem Fall war das der Muggel-Ehemann einer Hexe, der in der elektronischen Überwachungs-Abteilung des London Police Departments arbeitete.
Auf den Aufnahmen war ein schwarzhaariger Mann mit Bart und Brille in einem blauen Jogging-Anzug zu sehen. Das Aussehen des Täters war nicht sehr aussagekräftig, da es Zauberern durch Magie und Tränke möglich war, ihr Erscheinungsbild zu verändern. Daher hatte Weston die Kameraaufzeichnungen Spezialisten aus ihrer Abteilung gezeigt, und die schlossen aus dem staksig-schaukelnden Gang der Person und der Art und Weise, wie sie zum Beispiel stand und sich die Haare aus dem Gesicht strich, dass es sich um eine weibliche Täterin handelte, die Vielsafttrank zu sich genommen hatte.
Harry und sein Partner hatten in der Vorwoche die Akten von registrierten Straftätern gesichtet. Sie interessierten sich vor allem für Verbrecher, die mit Bombenanschlägen in Zusammenhang standen. Durch ihre Nachforschungen konnten sie den Kreis der Verdächtigen auf eine 43 Jahre alte Hexe einschränken, die vor acht Jahren wegen des mehrfachen Erwerbs illegaler Substanzen auf dem Schwarzmarkt festgenommen und zu fünf Jahren in Azkaban verurteilt worden war. Ihr Name war Henriette Rosegarden. Vor ihrer Verhaftung hatte sie in einer kleinen Wohnung in Wales gelebt, in der die Auroren Konstruktionspläne zu explosiven magischen Objekten und wirre Tagebucheinträge zu geplanten Anschlägen fanden.
In Azkaban war Rosegardens Verhalten unauffällig gewesen. Harrys und Westons Befragungen von Mitgefangenen und Wärtern ergaben, dass Rosegarden eine ausgeprägte Faszination für Brücken hatte, Bilder von Brücken sammelte und aus Zeitungen oder anderen Materialien Modellbrücken konstruierte. Die Indizien waren so offensichtlich, es war fast schon zu einfach. Das eigentliche Problem bestand darin, Rosegarden zu finden, denn in ihrer neuen Wohnung in Plymouth war sie seit Längerem nicht mehr gewesen. Auch bei Bekannten und Verwandten schien sie nicht untergetaucht zu sein.
Nach dem Training mit Draco ging Harry am Montag noch mal Rosegardens Akte durch und suchte nach Hinweisen, die sie bisher übersehen hatten. Als er nachts im Bett lag und über den Fall nachgrübelte, fiel ihm auf, dass Rosegarden deutlich mehr Substanzen und Objekte auf dem Schwarzmarkt erworben hatte, als in ihrer Wohnung gefunden worden waren. Zudem hatten die Auroren weder ein Labor noch einen Werkraum, ja nicht mal eine Werkbank in Rosegardens Wohnung gesehen. Wo also lagerte Rosegarden ihre Materialien und wo arbeite sie an ihren Bomben?
Dienstagmorgen berichtete Harry seinem Partner von seiner Vermutung, dass Rosegarden entweder einen Komplizen hatte oder sie irgendwo eine Werkstatt, beziehungsweise ein Lager besaß. Nur wie hätte sich Rosegarden sowas leisten können, sie war schon seit Langem arbeitslos.
Zusammen gingen sie der Idee nach und studierten noch mal die Akten verschiedener Verbrecher als auch die Berichte und Protokolle zu Rosegardens Verhaftung und den Befragungen ihrer Nachbarn.
Eine Aktennotiz brachte schließlich eine interessante Spur zutage. In Rosegardens Wohnung hatte es einen ganzen Schrank voll eingemachter Rosenäpfel gegeben. Den anderen Hausbewohnern zufolge stammten die Gläser von Rosegardens verstorbener Nachbarin, Aethel Griffith, auf deren Katze Rosengarden immer mal wieder aufgepasst hatte.
Es war damals nicht mehr als eine lustige Anekdote gewesen, dass Rosegarden Rosenäpfel besaß, aber Weston wusste, dass Rosenäpfel eine magische Apfelsorte waren, die es in ganz England kaum noch gab, und stellte die Frage, wie es kam, dass Aethel Griffith so viele dieser Äpfel besessen hatte, dass sie sie gleich Zentnerweise einkochen konnte.
Vielleicht hatte die alte Hexe eine Obstwiese besessen, zu der Rosegarden Zugang hatte? Immerhin gab es in der Wohnung der Verdächtigen ein Foto von einem Garten mit Obstbäumen, und auf dem Bild war auch ein kleines Häuschen zu sehen, aus dessen Fenster eine Frau lehnte, die Rosegarden sein konnte. Es war nicht gerade eine heiße Spur, aber besser als keine, und so flohte Harry am Mittwochmorgen nach Cardiff, um in der dortigen Dependenz des Ministeriums Informationen über die alte Dame einzuholen. Es zeigte sich, dass Aethel Griffith tatsächlich über ein Stück Land mit einer Hütte verfügt hatte, es aber nach ihrem Tode an ihren in Südamerika lebenden Sohn gegangen war. Das bedeutete aber nicht, dass sie dort nicht ein kleines Labor finden könnten.
Kurz vor 13 Uhr kehrte Harry schließlich mit den Lagedaten des Grundstücks aus Wales zurück, und stellte fest, dass Weston mit älteren Kollegen das Ministerium verlassen hatte, um im Leakey essen zu gehen. Da Harry selber in wenigen Minuten mit Draco zum Mittagessen verabredet war, entschied er, dass ein Besuch des Apfelgartens noch bis zum Nachmittag warten konnte. Harry freute sich irgendwie auf das Treffen mit Draco. Die Mitarbeiterkantine würde um diese Uhrzeit zwar voll sein, aber er hoffte, dass sie sich trotzdem ungestört über das Training würden unterhalten können.
Harry hinterlegte Weston eine Nachricht, dass sie nach dem Mittagessen zu Rosegardens Grundstück aufbrechen konnten. Während er auf Draco wartete, schaute er sich die genaue Lage des Gartens auf einer Landkarte an. Als Draco schließlich ins Büro kam, sah Harry, wie sich der Slytherin ohne Umschweife seinen Robenmantel überzog. Offenbar wollte er gerade das Ministerium verlassen. Harry war irritiert. Hatte Draco ihre Verabredung vergessen? Er stand auf und ging leicht genervt zu dem Slytherin herüber.
„Hi Draco!", Harry ignorierte Dracos Augenrollen. Er sah es schon als kleinen Erfolg an, dass Draco ihn wegen der Verwendung seines Vornamens nicht lautstark zurechtwies. „Willst du weg?"
„Potter", grüßte Draco zurück und wirkte seinerseits irritiert. „Wieso?", fragte er gedehnt.
„Du erinnerst dich, dass wir zum Essen verabredet sind?", gab Harry zurück, und konnte nicht verhindern, dass ein Vorwurf in seinem Tonfall mitschwang.
Draco sah ihn mit leicht verständnislosem Blick an. „Ja", antwortete er und zog wieder das ‚a' in die Länge. „Darum ziehe ich mir meine Robe an." Er artikulierte jedes Wort als würde er mit einem Idioten sprechen, und Harry war direkt wieder auf 180. Allerdings wurde ihm auch klar, dass Draco davon ausgegangen war, sie würden außerhalb des Ministeriums essen gehen.
Harry war irgendwie erleichtert, dass Draco ihre Verabredung nicht vergessen hatte, aber, dass er die Kantine zum Essengehen nicht mal in Erwägung zog, ärgerte ihn. War Draco wohl nicht fein genug.
„Wir gehen in die Kantine. Deinen Mantel brauchst du nicht", sagte Harry daher mit Bestimmtheit.
Draco verzog den Mund und war offenbar alles andere als begeistert.
Aha, ins Schwarze getroffen, dachte Harry. "Ist dir das Essen da nicht gut genug?" Harrys Ton klang selbst in seinen Ohren überaus missbilligend.
Dracos Miene verfinsterte sich und er antwortete kalt: „Ja, genau, Kantinenfraß ist natürlich unter der Würde eines Malfoys."
Harry war nicht in der Lage den Sarkasmus in Dracos Stimme heraus zu hören. Er fragte sich nur, warum er vergessen hatte, was für ein Snob Draco war. Er würde heute jedenfalls in kein Restaurant gehen.
„Wir gehen trotzdem in der Kantine essen", erklärte er in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Draco blinzelte zweimal mit einem ansonsten weiterhin ausdruckslosen Gesicht. „Auch ein Malfoy kann sich hin und wieder unter die Plebejer begeben", fügte Harry hinzu und ging verärgert an Draco vorbei zum Büroausgang. Draco folgte ihm mit ein wenig Abstand.
Harry war noch immer erbost und schwieg, während sie auf dem Fahrstuhl warteten. Er hasste den Standesdünkel und die Arroganz der Oberklasse. Außerdem war das Essen in der Kantine wirklich in Ordnung. Während Harry freundlich von den anderen Fahrgästen begrüßt wurde, sahen sie Draco nur mit verstohlenen Blicken an und achteten darauf, Abstand von ihm zu halten. Keiner sprach. Als sie auf Höhe der Kantine ausstiegen, ging Harry mit zügigen Schritten voraus.
So betraten sie die Mitarbeiterkantine, als wären sie durch Zufall gleichzeitig eingetroffen. Auf dem Weg zur Warteschlange an der Essensausgabe sah Harry erneut, wie sich das Verhalten der anderen Mitarbeiter veränderte, wenn sie Draco erkannten. Köpfe drehten sich in seine Richtung und Gespräche verstummten für einige Augenblicke, bis ein Tuscheln begann. Harry hatte das Gefühl, als ob die Atmosphäre im Raum schlagartig kälter wurde. Von einem Tisch in der Nähe vernahm er die mit Absicht nicht zu überhörende Beleidigung „Malfoy-Schlange", und von einer Dame, die mit dem Rücken zu ihnen saß, zischte ein „Todesser-Pack" herüber.
Harry war es gewohnt, dass die Menschen ihn anstarrten. Er hatte es immer als unangenehm empfunden und war froh, dass es drei Jahren nach dem Krieg nicht mehr so ausgeprägt war, und sich hier im Ministerium sowieso alle an ihn gewöhnt hatten. Außerdem war das Starren immer von einer Welle der Anerkennung und Dankbarkeit begleitet gewesen. Die Aufmerksamkeit, die Draco hier entgegenschlug, war von ganz anderer Natur, und Harry wünschte sich, er wäre doch mit Draco in ein Restaurant gegangen. Die Gesprächsfetzen, die er aus Hermines Büro vernommen hatte, ergaben plötzlich Sinn, und er erkannte, dass es nicht das schlechte Essen gewesen war, weswegen Draco die Kantine vermeiden wollte. Freiwillig würde sich niemand solcher Feindseligkeit aussetzen.
Unwillkürlich wollte Harry näher zu Draco rücken, um ihn mit seiner bloßen Anwesenheit von den Beleidigungen abzuschirmen, aber da er vorher so viel Abstand gelassen hatte, stand nun eine ältere Mitarbeiterin zwischen ihnen in der Schlange. Harry sah, wie der Slytherin sein Kinn hoch erhoben hielt und kühle Arroganz ausstrahlte. Er ließ sich nicht anmerken, dass ihn die Ablehnung der Ministeriumsmitarbeiter berührte.
Als Harry an der Reihe war, grüßte er Fred, den Mitarbeiter der Essensausgabe, freundlich und bestellte Gemüsepasta mit Salat. Zum Nachtisch wählte er Vanillepudding.
„Hallo Harry", erwiderte Fred Harrys Gruß, warf aber immer wieder einen kurzen und sehr skeptischen Blick in Dracos Richtung. „Den Salat wie üblich mit möglichst wenig Gurke? Hier, bitte."
Harry nahm den Teller und das Schälchen entgegen. Er wusste kaum, wo er anfassen sollte, da seine Portion wieder so groß war, dass sie auch den Tellerrand bedeckte. Fred meinte es immer sehr gut mit ihm und Harry hatte sich abgewöhnt, seine Portion aufzuessen. Er rückte weiter, zog seine Essenskarte aus seiner Hosentasche und hielt sie einen beweglichen Holzpapagei vor den Schnabel. Dieser stanzte ein Loch hinein und krächzte daraufhin die Anzahl der Essen, die Harry noch zu sich nehmen konnte, bevor er sein Guthaben aufladen musste.
Harry trat zur Seite, um auf Draco zu warten. Er beobachtete wie die Dame hinter ihm ebenfalls eine große Portion erhielt. Dann war Draco an der Reihe.
„Was sich die da oben wohl dabei denken. Lassen wohl jeden ins Ministerium, und ich muss die dann auch noch bedienen", murmelte Fred.
Draco hatte Tortellini mit Pesto und Ofengemüse bestellt und sich als Dessert für Jogurt mit frischen Erdbeeren entschieden. Als er seinen Teller zurückbekam, befanden sich darauf eine Miniportion Tortellini und ein kleiner Klecks Gemüse. Der Jogurt wurde von einer einzigen Erdbeere gekrönt. Wut kochte in Harry auf. Er sah, wie sich auch Draco anspannte und ein Muskel in seinem Gesicht zu zucken begann. Er hob den Kopf und blickt Fred herausfordernd an. Dieser starrte nicht weniger angriffslustig zurück.
Gerade als Draco zu einem Spruch ansetzen wollte, stellte sich Harry neben ihn, schlang seinen Arm um seine Schultern und zog Draco kurz kameradschaftlich an seine Seite. Dann klopfte er Draco auf die Schulter. Laut sagte Harry: „Hey Fred, gib meinem Freund Draco doch bitte eine größere Portion, auch wenn er aussieht, als würde nicht viel in ihn reinpassen, so dünn wie er ist. Wir haben gleich einen Einsatz in Wales und Draco soll mir den Arsch retten, wenn was schief läuft. Das klappt besser, wenn er was auf die Rippen kriegt. Wobei ich mich nicht beschweren kann. Hat bisher immer gute Arbeit geleistet, so ist das nicht. Auf diesen Malfoy ist wirklich Verlass", Harry nahm seine Hand von Dracos Schulter, wuschelte ihm kumpelhaft durch die Haare und ging lässig weiter zu den Tischen.
Nach wenigen Schritten drehte er sich noch einmal um und rief gerade laut genug, damit die Umstehenden und Fred es mitbekamen: „Da am Fenster ist noch Platz für uns, Draco. Ich geh schon mal vor." Der Slytherin starrte ihn für einen kurzen Augenblick verdattert hinterher, bevor er sich wieder Fred zuwandte.
Dieser hatte sehr wohl verstanden, dass Harry Draco gerade öffentlich die Absolution erteilt hatte und nicht gern sähe, wenn der Slytherin schlecht behandelt würde. Er nahm Draco den Teller und das Schälchen aus der Hand, um ihn einen Nachschlag zu geben. „Sie sehen wirklich nicht so aus, als würde viel in Sie reinpassen, Mr. Malfoy. Nichts für ungut und guten Appetit. Viel Erfolg bei der Arbeit, und passen Sie gut auf unseren Harry auf!"
Von seinem Platz aus sah Harry, wie Draco nickte, abstempelte und in seine Richtung stakste. Am Tisch angekommen, hatte er sich wieder so weit im Griff, dass sein Gesicht den üblich neutralen, fast gelangweilten Ausdruck angenommen hatte. Harry merkte jedoch, dass Draco seinem Blick auswich. Er ließ sich viel Zeit beim Auseinanderfalten seiner Serviette, die er dann mit einem gekonnten Schwung auf seinem Schoß ausbreitete. Harry hatte nicht einmal daran gedacht, eine Serviette mitzunehmen.
Als er damit fertig war, richtete Draco seine ganze Aufmerksamkeit auf sein Essen. Wie in Hogwarts hielt er sich sehr aufrecht, spießte einen Tortellini elegant mit der Gabel auf und führte ihn in einer geschmeidigen Bewegung zum Mund. Harry konnte nicht verhindern, zu beobachten, wie sich Dracos scharfgezeichnete Lippen beim Kauen bewegten und er sich kurz mit der Zungenspitze über die Unterlippe fuhr. Als Harrys Blick weiter nach oben wanderte, bemerkte er, dass Draco ihn anschaute. Harry wurde rot.
Draco schluckte und sagte dann beiläufig: „Du kannst sehr gut mit den Plebejern, Potter. Bewundernswert, wie du mich davor bewahrt hast, vom Mob unter die Guillotine gezerrt zu werden." Harry schnaubte. Er überlegte, ob er aus diesen Sätzen ein Dankeschön heraushören sollte. Vielleicht hatte Draco Harrys Hilfe auch als übergriffig empfunden.
„Das Essen ist aber ganz gut hier", meint Harry in Ermangelung einer besseren Erwiderung.
Draco schien sich inzwischen entspannt zu haben und schlug einen leichteren Ton an, auch wenn seine Körperhaltung beim Essen nach wie vor sehr wohlerzogen wirkte: „Ein Wunder, dass du noch nicht aus allen Nähten geplatzt bist." Er deutete auf Harrys riesige Portion. „Naja, du scheinst es gut zu vertragen. Ich hab ja gesehen, wie fit du bist."
Harry errötete ein zweites Mal. Er wusste nicht, ob Draco auf das Training in der Halle oder Harrys nackten Körper unter der Dusche anspielte. Draco bemerkte Harrys Verlegenheit und lachte: „Ist mir vorher schon aufgefallen, wie prüde du bist, Harry. Dabei bist du doch schwul. Das lässt nicht oft Raum für falsche Schamhaftigkeit."
Harry verschluckte sich und hustete. Er konnte nicht fassen, welche Wendung das Gespräch auf einmal genommen hatte. „Wir haben was zu trinken vergessen. Ich hole uns mal zwei Gläser Wasser", wich er aus, doch bevor er aufstehen konnte, zog Draco seinen Zauberstab aus dem Ärmel und rief zwei Gläser aus einem Regal bei der Essensausgabe herbei. Mit einem Tippen seines Zauberstabs befüllte er die Gläser mit Wasser. „Bitte schön."
Harry hatte sich wieder gefangen. „Danke. Du bist doch auch schwul, Draco." Wenn der Slytherin es so wollte, konnte Harry mitziehen. Doch sein Gegenüber blinzelte nicht einmal.
„Stand das auch im Tagespropheten oder hat Hermine…"
„Natürlich nicht", unterbrach ihn Harry schnell. „Hermine ist extrem verschwiegen und achtet die Privatsphäre anderer Personen. Anders als andere hier am Tisch, die ja gerne mal Geschichten über einen erfinden und an Rita Skeeter weitergeben." Harry erinnerte sich noch zu gut daran, was der Tagesprophet über Harry verbreitet hatte, weil Draco falsche Informationen an die verhasste ‚Journalistin' weitergegeben hatte.
„Wenn du jetzt die ganzen alten Kamellen aufwärmen möchtest, sitzen wir nächste Woche noch hier", gab Draco gelangweilt zurück.
„Aber auch nur, weil die Liste so lang ist."
„Ja, Potter, ich hab's verstanden und gelobe Besserung", versprach Draco ohne Reue in der Stimme und kam zurück auf das ursprüngliche Thema: „Woher weißt du es also?"
„Wieso? Ist es ein Geheimnis?"
„Nein, gar nicht, aber da ich in England keine … Bekanntschaften hatte, interessiert es mich, welche Kanäle du hast."
'Kanäle'? Typisch Slytherin, dachte Harry. Weil Draco ihn weiterhin erwartungsvoll anschaute, entschloss er sich, die Neugierde des Blonden zu befriedigen, und erklärte mit einem absichtlich selbstgefälligen Ton: „Ron hat mal Zacharias Smith halbnackt aus deinem Zimmer kommen sehen, nachts um drei."
Die Sache mit der Herrenumkleide würde Harry sicher nicht erwähnen, da er nicht wusste, wie er seine Rolle bei dem Ganzen erklären konnte. Stattdessen wollte er Draco lieber etwas ärgern. „Geahnt habe ich es natürlich schon vorher. Du warst schon immer so…"
Draco fuhr warnend dazwischen: „Erzähl keinen Scheiß, Potter!" Doch Harry ließ sich nicht unterbrechen: „…eitel", fuhr er unbeirrt fort.
„Schwulenklischees? Ob das mal nicht Nestbeschmutzung ist?", stellte Draco fest. Dann meinte er plötzlich: „Du hast doch einen festen Freund. Ich habe ihn auf Hermines Party gesehen."
Das Gespräch wurde Harry immer unangenehmer. Das waren viel zu persönliche Themen für eine Unterhaltung mit einem ehemaligen Feind in einer quasi-öffentlichen Kantine. Jedenfalls hoffte Harry, dass das der Grund war, warum er gern um die Antwort rumgedruckst hätte. „Äh, ja, Samuel.
„Und? Ist es die große Liebe?", Harry sah eigentlich keine Veranlassung, Draco zu antworten, aber natürlich tat er es trotzdem: „Fühlt sich jedenfalls gut an, also mal sehen."
„Mal sehen? Dann hab ich ja noch Chancen!", lachte Draco und Harry konnte nicht fassen, dass sein ehemaliger Feind einfach etwas sagte, dass als Flirten ausgelegt werden konnte. Früher waren Dracos Sprüche boshaft und beleidigend gewesen. Jetzt lag oft Selbstironie in ihnen oder ein bisschen Spott. Daran konnte sich Harry gewöhnen, aber ein charmanter Draco war etwas, das Harry verunsicherte. Und er konnte ja noch nicht mal sagen, welcher von Dracos Sprüchen ernst gemeint war, und welcher nicht. Der mit den ‚Chancen' jedenfalls nicht, das war klar.
Draco hatte Harrys Verwirrung erkannt und musste schon wieder losglucksen: „Keine Sorge, ich weiß, dass der Retter der Welt besseren Menschen versprochen ist."
„Gut, dass du das wenigstens erkannt hast", gab Harry murmelnd zurück. „Iss jetzt, wir haben Wichtigeres zu besprechen."
„Ach, ich dachte Liebe und Sex sind das Wichtigste im Leben. So sehen es jedenfalls die Franzosen. Engländer verstehen ja leider nicht viel von l'art de vivre." Draco verdrehte die Augen und machte einen schwärmerischen Gesichtsausdruck.
Harry stieß ein Schnauben aus, aber er konnte nicht verhindern, dass seine Mundwinkel leicht nach oben zogen. Dracos Mischung aus Sarkasmus, Stichelei und charmanter Frotzelei, die ans Plapperhafte grenzte, hatte schon was Amüsantes an sich.
„Also was Wichtigeres…", fuhr Draco fort. "Bevor du jetzt mit dem Fragebogen anfängst, erkläre mir erst, wieso ich gleich mit dir nach Wales muss. Oder war das alles nur Show? War überhaupt irgendetwas von dem wahr, was du da eben deinem Kumpel Fred erzählt hast?"
„Lass mal überlegen, was ich überhaupt gesagt habe. Ja, du sollst uns auf einen Einsatz begleiten, und ja, du bist zu dünn, und ja, ich habe tatsächlich gehört, dass du gut sein sollst. Hab ich was vergessen?"
„Ob ich dein Freund bin und ob ich deinen Arsch retten muss."
„Das wären dann wohl zwei ‚nein'. Aber aus einem von beiden wird vielleicht noch ein ‚ja'."
„Ich sagte ja, ich habe noch Chancen."
„Ich meinte das Zweite."
„Welche Enttäuschung."
„Aber sicher keine Überraschung."
„Doch, völlig unerwartet."
„Schön, dass ich nicht so durchschaubar bin. – Man soll sich ja nie in die Karten gucken lassen."
„Das macht es auf jeden Fall anstrengender für mich."
„Du magst doch Herausforderungen."
„Geistiger Art, durchaus."
„Sportlicher nicht mehr? Wir haben da nämlich noch einiges vor uns."
„Womit wir wieder beim Training und dem Fragebogen sind. Geschickt übergeleitet, Potter."
Harry grinste.
„Erzähl mir erst noch von dem Einsatz. Was ist meine Aufgabe und wann geht's los?" Dracos Gesichtsausdruck hatte das Schalkhafte so schnell verloren wie sie das Thema gewechselt hatten, und Harry fragte sich, ob seine ganze Scherzhaftigkeit überhaupt echt war.
Er begann, Draco über ihre Nachforschungen zu Henriette Rosegarden zu berichten, und schloss mit den Worten: „Dass du uns belgleitest war eine spontane Idee, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto besser gefällt sie mir. Rosegarden bastelt an dunkelmagischen Objekte herum, und wenn wir auf dem Grundstück wirklich so etwas wie eine Werkstatt finden, bist du genau der Richtige, um damit umzugehen. Was ich zu Fred sagte, war wirklich wahr. Alle Kollegen, die mit dir im Einsatz waren, haben nur Gutes berichtet. Jetzt möchte ich mal davon profitieren und sehen, was du so drauf hast."
Draco versuchte sich ein stolzes Lächeln zu verkneifen und sagte bescheiden. „Schade, dass ich dir nicht schon in den Trainingsstunden zeigen konnte, was ich drauf habe, Potter."
Harry fragte sich, ob das ein Fishing-for-compliments war, konnte sich aber nicht aufhalten, Draco noch mehr Nettes zu sagen. „Das hast du, Draco, aber da habe ich nicht davon profitiert. Im Gegenteil, ich musste darunter leiden."
Draco kniff die Augen zusammen und sah Harry nachdenklich an, so als müsste er abwägen, wie ehrlich Harry sein Kompliment gemeint hatte. Dann umspielte ein weiteres Lächeln seinen Mund und erreichte schließlich seine Augen. Harry fühlte Wärme in sich aufsteigen und lächelte zurück. Dracos Freude wirkt aufrichtig und ansteckend. In diesen paar Sekunden sah er glücklicher und entspannter aus, als Harry ihn jemals erlebt hatte. Harry nahm sich vor, sich zu merken, dass aufrichtige Schmeichelei etwas war, mit denen man Draco aus der Reserve locken und zum Strahlen bringen konnte. Was für ein eitler Fratz!
In der Kantine war es mittlerweile ruhig geworden. Die meisten Mitarbeiter waren zu ihrer Arbeit zurückgekehrt und Harry musste feststellen, dass er das ganze Treiben um sich herum völlig ausgeblendet hatte. Seitdem er mit Draco an dem Tisch saß, hatte seine ganze Aufmerksamkeit dem Slytherin gegolten, und Harry konnte nicht mal sagen, ob die anderen Draco weiterhin feindselige Blicke zugeworfen hatten. Böse Bemerkungen hatte er jedenfalls nicht mehr vernommen.
Es war Zeit, an die Arbeit zu gehen, und noch bevor Harry aufstehen konnte, kam ein Abteilungs-Memo angeflogen und landete unschöner Weise auf Harrys leergelöffelten Dessertschälchen.
„Harry, wo steckt du? Lass uns sofort los! Ich warte im Büro. John", las Harry laut vor. „Dann mal los."
Draco griff nach ihren Tabletts, um das Geschirr zu entsorgen, doch Harry lief direkt los und rief: „Keine Zeit zu verlieren! Das kriegen die hier wohl hin!"
„Harry Potter, Retter der gesamten magischen Welt und Freund von Hermine Granger, Befreierin aller unterdrückter Hauselfen, scheint schon so an ein Leben mit diensteifrigen Helfern gewöhnt zu sein, dass er den Mitarbeitern hier, ohne mit der Wimper zu zucken, sein schmutziges Geschirr aufbürdet", bemerkte Draco ohne Luft zu holen, während er Harry hinterhereilte.
„Der Retter hat es eben eilig, wenn es darum geht, Leben zu retten. Wie kriegst du überhaupt so lange Sätze hin?"
„Gute Gene."
„Du meinst Reinblütigkeit?", fragte Harry sogleich.
Draco rollte mit den Augen. „Nein, meinte ich nicht. Und wie sogar ich schon vorher wusste sind reinblütige Vorfahren kein Garant für Intelligenz, wenn du dich an meine lieben Freunde Greg und Vince erinnern magst."
„Freunde oder Bodyguards?", wollte Harry noch fragen, aber heraus kam nur ein „An Crabbe erinnere ich mich oft."
Dracos Miene verdüsterte sich. Er schluckte. „Ich auch, Harry", meinte er schließlich leise. „Ich auch." Harry hätte beinahe nach Dracos Hand gegriffen, erinnerte sich aber daran, wie Draco auf diese Geste in der Kantine reagiert hatte, und ließ es bleiben. Außerdem hatten sie da auch schon die Zentrale erreicht, wo Weston ihnen ungeduldig entgegen blickte. Der ältere Auror sah nicht überrascht aus, dass Harry Draco im Schlepptau hatte.
„Ich möchte Draco gerne mitnehmen", erklärte ihm Harry nichtsdestotrotz. „Wer weiß, was wir in dem Garten alles finden, falls es da überhaupt etwas zu finden gibt."
„Ja, ich hab schon gehört, dass du mitkommst, Junge. Hat sich schnell rumgesprochen, was Harry in der Kantine über dich gesagt hat."
„Gut", meinte Harry nur.
„Ich hole eben noch meine Sachen", sagte Draco und verschwand in Richtung seines Schreibtisches.
Harry musste seinen Partner nicht fragen, ob es für ihn in Ordnung war, Draco mitzunehmen. Weston war ein gutmütiger Mensch, und hatte Harry bereits mitgeteilt, dass er dem Slytherin eine Chance geben wollte. Er würde sich Dracos Verhalten heute genau anschauen und danach ein Urteil über ihn fällen.
- Kapitel 15 -
Während Draco seine Sachen holte, besprachen Weston und Harry, wie sie am besten zu dem Obstgarten gelangen konnten. Sie entschieden sich, nach Swansea zu flohen und von dort zu apparieren. Das Grundstück befand sich in der Nähe der kleinen walisischen Gemeinde Bryn. Da sie vorhatten, von Bryn aus zu fliegen, besorgte Harry drei Flugbesen aus dem Ausrüstungsraum der Zentrale. Zurück an seinem Platz nahm er eine kleine Flasche aus dem Unterschrank seines Bürotisches.
„Glaubst du, du brauchst das heute?", fragte ihn Weston.
Draco schaute das Fläschchen mit unverhohlenem Interesse an. Es war unschwer zu erkennen, dass es einen Zaubertrank enthielt. Harry erinnerte sich noch gut an Dracos Begeisterung für das Fach 'Zaubertränke' und erklärte: „Das ist eine abgeschwächte Form des Vielsafttrankes. Er verändert meine Gesichtsform und meine Haar- und Augenfarbe. Außerdem lässt er meine Narbe verschwinden. Die Veränderungen sind minimal, aber wenn ich diese Brille…", Er nahm eine Brille mit eckigen Gläsern und dunkelblauen Rand von seinem Schreibtisch, „…aufsetze, dann erkennt mich keiner mehr."
Als Harry nach dem Krieg mit der Auroren-Ausbildung begonnen hatte, war keinem klar gewesen, wie ungünstig es für Nachforschungen war, so berühmt zu sein wie Harry. Daher blieb ihm oft nichts anderes übrig, als sich auf Außeneinsätzen zu maskieren.
„Ich habe auch einen Tarnnamen: ‚Larry Copper'."
Draco prustete laut los: „Larry Copper? Soll das ein Witz sein?"
„Wieso? Den Namen kann man sich gut merken", erklärte Harry defensiv.
„Keine Frage", antworte Draco und hatte offensichtlich Schwierigkeiten, ein weiteres Lachen zu unterdrücken. Harry drückte ihm seinen Besen in die Hand.
„Danke, Larry", sagte der Slytherin mit gequetschter Stimme. Harry sah ihn erst böse an, dann zuckten auch seine Mundwinkel. Auch Weston konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„Ich glaube nicht, dass ich mich heute maskieren muss. Wenn plötzlich drei Männer in dem Garten auftauchen, wird Rosegarden sowieso wissen, was Sache is'."
Weston stimmte zu. Bevor sie aufbrachen, hielt er Draco seine Hand entgegen: „Ich bin übrigens John, John Weston, und das ist kein Tarnname." Draco schlug sofort ein. „Ich bin Draco."
Harry nahm mit Verärgerung zur Kenntnis, dass sein Partner Draco nun mit dem Vornamen ansprechen durfte, und er weiterhin ‚Malfoy' sagen sollte. Das könnte dem Idioten so passen.
Nachdem sie in Bryn angekommen waren, sprach Weston einen komplizierten Zauber, der dafür sorgte, dass Muggels sie in der Luft ignorierten. Dann bestiegen sie ihre Flugbesen. Während des Fluges beobachtete Harry Draco. Er kannte die Art und Weise, wie Draco auf einem Besen saß in und auswendig, und es kam ihm so vor, als wäre der Slytherin ungewöhnlich verkrampft. Er schloss mit Draco auf und fragte ihn vorsichtig, ob er nervös sei. Draco schüttelte sofort verärgert den Kopf und setzte zu einer unfreundlichen Erwiderung an. Doch dann blieb sein Blick für einen Moment an Harrys Gesicht hängen, und was auch immer er darin sah, schien ihn zu veranlassen, seinen Spruch herunter zu schlucken. Stattdessen gab er zu: „Ich möchte nichts falsch machen und den Einsatz vermasseln. Ich bin kein Auror. Ich habe eigentlich keine Ahnung, wie ich mich bei einem Einsatz verhalten soll. Wenn ich erstmal bei den Objekten bin, ist alles in Ordnung, aber was ich bis dahin machen muss, weiß ich im Grunde gar nicht."
Harry war erstaunt über Dracos Offenheit und er verspürte sofort das Bedürfnis, ihn zu beruhigen: „Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Wir geben dir genaue Anweisungen und in den meisten Situationen bleibst du am besten zurück, um erst gar nicht in Gefahr zu geraten. Wenn die Luft rein ist, holen wir dich. Außerdem hast du von weitem eine gute Übersicht und kannst uns warnen, wenn jemand kommt."
Draco nickte, aber seine Haltung veränderte sich nicht.
Wie geplant landeten sie in der Nähe des Grundstücks und liefen leise den Weg zu der entsprechenden Parzelle hoch. Es war ein sonniger Tag und einmal kamen ihnen Spaziergänger entgegen. Nach wenigen Minuten deutete Harry auf eine alte steinerne Mauer, hinter der sich Johannis- und Himbeerbüsche aneinanderreihten. Sie standen so dicht, dass die drei Zauberer von der Wiese nicht viel mehr sehen konnten, als die Kronen unzähliger Apfelbäume. Ein verrostetes Tor markierte den Eingang zum Garten, wirkte aber, als sei es seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden. Weston und Harry sprachen Zauber in Richtung des Tores und der Mauer. Auch Draco richtete seinen Zauberstab auf den Eingang des Grundstücks.
„Starke Muggel-Abschreckungszauber", meinte Weston und Harry nickte. „Keine Schilde", fügte er hinzu, "und eine recht frische magische Signatur."
„Darunter liegt noch eine zweite, alte. Hier waren zwei Zauberer oder Hexen am Werk, nur der oder die eine war schon lange nicht mehr hier." Das kam von Draco. Weston und Harry sahen ihren Experten für dunkelmagische Objekte überrascht an. Sie waren darauf trainiert, Spuren und Signaturen zu lesen, hatten aber nicht erwartet, dass auch Draco dazu in der Lage war.
„Das Tor ist ein Objekt, und ich kenne mich mit Zaubern gut aus, die Muggels fernhalten sollen. Malfoy Manor und die Gärten darum herum sind riesig, und es ist nicht leicht, sie vor Muggels zu verbergen, wenn man nicht so starke Zauber nutzen kann, wie das Ministerium für Diagon Alley oder Hogwarts. Ich musste schon als 12jähriger ständig die Grenzen unseres Landes ablaufen und die Zauber auffrischen."
Weston und Harry schauten sich an und nickten beeindruckt.
„Auf jeden Fall bestärkt das unsere Theorie, dass Rosegarden hier ein und aus geht", meinte Weston.
„Griffiths Sohn ist es jedenfalls nicht. Er ist seit der Beerdigung nicht mehr hier gewesen und hat auch niemanden beauftragt, sich um das Grundstück zu kümmern", sagte Harry.
„Wir sollten uns direkt hier durch die Büsche schlagen und das Tor vermeiden", schlug er spontan vor. „Vielleicht hat Rosegarden am Tor irgendwelche Muggel-Mechanismen angebracht, die sie warnen, wenn jemand in den Garten kommt."
Harry kletterte auf die niedrige Mauer, richtete seinen Zauberstab zwischen zwei Büsche und sprach einen Zauber. Die Zweige zogen sich so weit zurück, dass ein enger Gang entstand. Aus dem Schutz der Büsche heraus betrachteten sie den Garten. Vor ihnen erstreckte sich eine Obstwiese wie aus einem Märchenbuch. Das Gelände stieg bis zu einem kleinen, von Rosensträuchern umgebenen Steinhaus leicht an. Die Apfelbäume waren alt und knorrig und hingen voll überreifer Rosenäpfel. In dem hohen Gras leuchteten die Blüten von Wiesenkräutern in bunten Farben. Das kleine Häuschen wirkte mit seinen grünen Fensterläden und dem windschiefen Dach sehr urig. Dass sich hier eine Terroristin aufhalten könnte, schien undenkbar.
Tatsächlich war auch keine Menschenseele zu sehen oder zu hören. Weston, Harry und Draco murmelten weitere Zauber, die das Gelände bis zur Hütte überprüften, konnten aber nichts anderes feststellen, als dass auf den Bäumen ein Maskierungszauber lag. Für Muggel-Augen sahen sie aus wie einfache Apfelbäume mit wurmstichigen und halb verfaulten Äpfeln. Harry war unschlüssig, ob sie Draco an den Büschen zurücklassen sollten, entschied sich dann aber dafür. „Du wartest bitte hier, Draco, wie besprochen. Wir gehen erstmal allein zum Haus. Schließlich haben wir es hier mit einer Bomben-Bauerin zu tun."
Zu seiner Überraschung widersprach der Blonde: „Die Hütte ist wie ein Objekt. Wenn dort irgendwelche Fallen, Abwehrzauber oder Ähnliches angebracht sind, kann ich es vermutlich besser erkennen als ihr."
„Gut, dann komm mit", lud Weston ihn sofort ein. Harry war darüber nicht begeistert, widersprach aber nicht. Leise und wachsam gingen sie durch das Gras den flachen Hang hinauf. Oben an dem Häuschen angekommen, sahen sie, dass das Gelände wieder abfiel und weiter hinten durch einen kleinen Bach geteilt wurde. Ein Trampelpfad verlief vom Gartentor zum Haus und von dort über den Bach zu einem verfallenen Geräteschuppen am Ende des Gartens. Hinter dem Schuppen befand sich die Gartenmauer mit den Obstbüschen.
Während Harry um das Häuschen herumschlich, sprachen Draco und Weston Analysezauber auf den Eingang. Beide kamen zu dem Schluss, dass man gefahrlos eintreten konnte. Harry kam hinter der Hütte hervor. „Auf zwei Seiten sind Fenster. Es sind Fensterläden davor, aber einer ist kaputt und man kann durch einen Spalt hineinsehen. Und es gibt ein Plumpsklo. Dem Geruch nach zu urteilen, wurde es in den letzten Wochen nicht benutzt."
Harry zog Draco ein Stück seitlich zurück, dann öffnete Weston die Tür. Da sie nicht verriegelt war, benötigte er kein Alohomora. Weston trat als erster auf die Türschwelle, aber Draco hielt ihn auf und stellte sich neben ihn. Wieder erkundete er auf magische Art den Raum. Natürlich taten es ihm die beiden Auroren gleich. Auch im Inneren der Hütte schien keine Gefahr auf sie zu warten. Sie beherbergte lediglich ein paar Möbelstücke, unter anderem eine Eckbank mit Tisch, zwei Stühle, ein Regal, ein Bett ohne Bezüge und eine einfache Küchenzeile. Alles wirkte altmodisch, war aber in einem guten, wenn auch leicht verstaubten Zustand. Die Spüle war trocken und es stand kein dreckiges Geschirr herum. Auch gab es keine Kleidungsstücke oder andere Gegenstände, die darauf hinwiesen, dass hier zurzeit jemand wohnte.
Sie sahen sich noch genauer in der Hütte um und suchten nach magischen Spuren, versteckten Türen oder anderen Hinweisen auf Rosegarden.
„Hier sind die gleichen Signaturen zu finden wie am Tor", meinte Draco und bestätigte damit, was Harry und Weston inzwischen ebenfalls herausgefunden hatten.
„Wenn hier zurzeit wirklich jemand wohnt, hat er seine Spuren gut versteckt", fügte Weston hinzu. Dann ging er nach draußen, um sich schon mal den Rest der Obstwiese anzusehen. Nachdem er nichts Brauchbares gefunden hatte, verließ Harry ebenfalls die Hütte, um das weitere Vorgehen mit seinem Partner zu besprechen. Dieser war bereits zum Bach runtergelaufen, wo ein paar Holzbretter über das Wasser führten. Offenbar hatte er etwas am Ufer neben der provisorischen Brücke gesehen, denn er drehte sich gerade zu Harry um und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, zu ihm zu kommen.
„Draco, kommst du? Weston hat was entdeckt."
„Komme", meinte Draco abwesend. Er hielt eine Muggel-Zeitschrift aus dem Regal in der Hand und drehte sie nun in Harrys Richtung. Auf der Doppelseite war ein Bericht über die Millennium Brücke in London. Harrys Augen wurden groß und er nickte. Draco legte die Zeitschrift zurück ins Regal.
Harry ging langsam in Richtung Bach, wo Weston inzwischen neben den Holzplanken kniete. Er betrachtete etwas am Ufer. Harry hörte Draco hinter sich einen Zauber sprechen und nahm eine Welle von Dracos Magie wahr, die in Richtung Bach an ihm vorbei waberte. Er drehte sich neugierig zu Draco um und erstarrte als er sah, wie sich Dracos Gesichtsausdruck zu einem entsetzten Aufschrei verzog: „John, nein! Nicht auf die Brücke!", schrie Draco, doch es war zu spät. Harrys Partner hatte das Holz bereits betreten. Ein gewaltiger Knall erscholl und die provisorische Brücke explodierte in tausend Splitter. Eine magische Druckwelle katapultierte Weston ein paar Meter in die Luft. Harry riss seinen Zauberstab hoch und versuchte, seinen Partner mit einem Levitationszauber vor dem Absturz zu bewahren. Die Holzsplitter, die auf ihn zurasten, bemerkte Harry erst, als sie einen halben Meter vor ihm auf einen magischen Schild trafen und ins Gras fielen.
Harry war so überrascht, dass er das Gleichgewicht verlor und nach hinten kippte. Er hatte Dracos ‚Protego Murum' wegen der Explosion und der Sorge um Weston nicht wahrgenommen. Trotz seines Sturzes gelang es Harry, den Levitationszauber auf Weston aufrecht zu erhalten. Nun ließ er den schlaffen Körper seines Kollegen langsam neben dem Bach zu Boden gleiten. Aus den Augenwinkeln heraus nahm Harry hinten im Garten beim Schuppen eine Bewegung wahr. Er hörte das Ploppen eines Apparieren-Zaubers und vermutete, dass ihnen Rosegarden gerade durch die Lappen gegangen war.
Harry hatte jedoch andere Probleme, als sich über die verdammte Hexe Gedanken zu machen. Bevor er zu seinem bewusstlosen Partner eilte, drehte er sich noch schnell zu Draco um, der geschockt, aber unverletzt wirkte.
Weston blutete aus zahlreichen Wunden, die die Holzsplitter der Brücke in seinen Körper geschlagen hatten. Mit zitternder Hand versuchte Harry, sich an Heilzauber zu erinnern, die seinem Kollegen am besten helfen würden. ‚Episkey' war nicht stark genug und „Vulnera Sanetur' heilte große Wunden. Die Angst um seinen Partner umschloss Harrys Herz wie eine Faust, er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen und fühlte, wie sich seine Kehle verschloss. Er konnte sich einfach an keinen passenden Spruch erinnern. Hilflos versuchte er seine Atmung zu beruhigen und sich zu konzentrieren. Er durfte jetzt keine Panikattacke bekommen. Nicht jetzt.
Draco war inzwischen bei ihnen angekommen und kniete sich ebenfalls neben Weston. Mit zittriger Stimme sprach er einen Zauber, der die Holzsplitter aus Westons Körper sog. Dann murmelte er in einem immer noch unsicher klingenden Ton: „Pligi konta", und Harry erinnerte sich augenblicklich an den Spruch, der viele kleinere Wunden verschloss und eine Art Stasis bewirkte. Er stimmte ihn Dracos Murmeln mit ein.
Ihre magische Energie begann, sich in Westons Körper zu verweben und zu einer Einheit zu verschmelzen. Bald konnte Harry keinen Unterschied mehr zwischen seiner und Dracos Magie ausmachen. Unter dem steten Strom der Energie, die aus ihm herausfloss, fühlte Harry, wie etwas in seiner Körpermitte ganz leicht zu summen begann. Sein magisches Zentrum wirkte wie ein Klangkörper, der durch Dracos Zauberkraft in leichte Schwingungen versetzt wurde. Harry hatte sowas in dieser Intensität noch nie gefühlt. Er blickte kurz zu Draco. Der hatte seine Augen geschlossen und schien sich völlig auf seine Aufgabe zu konzentrieren.
Gemeinsam konnte sie Weston Blutungen stoppen. Als Harry den Eindruck hatte, dass der Zustand seines Partners stabil war, beendete er vorsichtig seinen Zauber und holte ein Säckchen aus seiner Jackentasche. Darin befand sich ein silberner Löffel. „Das hier ist ein Portschlüssel, der uns direkt zum St. Mungo Hospital bringen kann. Bist du bereit?"
Draco nickte und streckte schon mal seine Hand aus.
„Also auf drei." Harry griff nach Westons Hand, fing an zu zählen. Bei drei drückte er seine und Westons Hand auf den Portschlüssel. Draco tat es ihm gleich. Harry fühlte den unangenehmen Sog des Portschlüssels und wurde zusammen mit den beiden anderen in seinen Wirbel hineingezogen. Wenige Augenblicke später landeten sie in der Notaufnahme des Magier-Krankenhauses. Sofort eilten zwei Heiler herbei, um sich um den Verletzten zu kümmern. Sie levitierten Weston auf die nächste Liege und begannen ihre Untersuchungen. Harry erzählte ihnen, was passiert war und welche Heilzauber sie bereits angewendet hatten.
„Ok, danke. Bitte gehen Sie nun zur Seite, Mr. Potter", forderte ihn einer der beiden auf. Harry trat zur Seite und fragte ängstlich: „Wie steht es denn um ihn?"
„Sieht gut aus", antwortete der jüngere Heiler unbesorgt. „Keiner der Holzsplitter hat lebensnotwendige Organe durchdrungen. Merlin sei Dank, haben Sie schnell reagiert. Wir behalten Ihren Partner zur Beobachtung über Nacht hier, aber morgen kann er wahrscheinlich schon wieder nach Hause. Ist denn einem von Ihnen auch etwas geschehen?"
Harry sah zu Draco hinüber, der in einigem Abstand auf einer leeren Liege saß. Der Slytherin war noch blasser als üblich und leicht grün um die Nase, wirkte aber unverletzt.
„Nein, mir geht's gut. Draco, dir doch auch, oder?" Draco bestätigte Harrys Frage mit einem Nicken.
„Also wenn Sie wirklich sicher sind, dass mein Partner nicht in Gefahr schwebt, würde ich jetzt gerne zurück zum Ministerium apparieren", sagte Harry.
„Ja, kein Problem, Ihrem Partner geht es bald wieder besser", versicherte die Heiler nochmal.
Harry ging zu Draco und griff nach seinem Arm. „Wir müssen los, Draco. Ich nehme dich mit, in Ordnung?" Harry wartete nicht auf Dracos Antwort, sondern apparierte sie direkt in das Empfangszimmer der Auroren-Zentrale. Bei ihrer Ankunft taumelte der Slytherin gegen Harry und würgte. Offenbar hatte Dracos Magen das Apparieren nicht gut vertragen, zumal ihm sowieso schon übel gewesen war. Harry hatte leider keine Zeit, darauf Rücksicht zu nehmen.
„Ich organisiere Verstärkung und dann können wir direkt zum Garten zurückkehren. Ich möchte nicht, dass Rosegarden irgendwelche Beweisstücke beiseiteschafft, während wir hier sind. Ruh du dich doch aus, bis es wieder losgeht." Bevor er aus dem Raum herauseilte, fragte er: "Du kommst doch mit zurück, oder?"
Draco nickte. "Ich brauch' nur noch ein paar Minuten. Geht gleich schon wieder."
In Windeseile verständigte Harry den Chief über die Situation und erhielt die Unterstützung von drei weiteren Auroren. Zu fünft flohten sie zurück nach Swansea und apparierten in mehreren Schritten direkt zur Obstwiese.
Da gab es noch einen Schuppen, der Harry brennend interessierte, und auch Draco, der sich in der Zwischenzeit wieder regeneriert hatte, war sehr gespannt darauf, was sie dort finden würden.
- Kapitel 16 -
„Als wir am Garten ankamen, haben wir uns die Lage zunächst aus der Luft angeschaut und sind dann direkt beim Schuppen gelandet." Harry saß in der Wohnung von Hermine und Ron auf dem Sofa und verschlang ausgehungert ein Stück Pizza. Bevor er an Ron und Hermines Tür geklingelt hatte, war er bei dem Italiener unten an der Ecke vorbei gegangen, nicht ohne seine beiden besten Freunde vorher zu fragen, ob er ihnen ebenfalls etwas mitbringen sollte. Gelegentlich kam er abends spontan bei Ron und Hermine vorbei, da ihm die Vorstellung, nach einem ereignisreichen Tag alleine im Grimmauld Platz zu sitzen, zu trostlos erschien. Kreacher war nicht gerade eine angenehme Gesellschaft, auch wenn der alte Elf seit Voldemorts Angriff auf Hogwarts recht freundlich zu Harry war und darauf bestanden hatte, mit in das Haus der Blacks zurückzukehren. Selbst Harrys Renovierungsarbeiten hatte er fast stoisch über sich ergehen lassen.
Seitdem Harry mit Samuel zusammen war, unterhielten sie sich abends manchmal über das Flohnetzwerk, aber heute hatte er irgendwie keine Lust auf ein Gespräch mit seinem Freund gehabt und über laufende Ermittlungen durfte Harry Außenstehenden sowieso nichts berichten. Ron und Hermine vertraute er allerdings blind.
„Und, war Rosegarden noch da?", fragte Ron, während er sich ein Stück Pizza aus Harrys Karton stibitzte. Harry kannte das schon und bestellte meistens gleich direkt eine extra große Portion.
„Nein, leider nicht. Aber im Schuppen war tatsächlich eine Werkstatt mit allem, was man braucht, um magische Bomben zu bauen. Es gab auch Konstruktionspläne und Bücher für die Herstellung verschiedener Substanzen. Aber ihr hättet Draco hören sollen. Er hat sich ziemlich über Rosegardens Arbeitsweise aufgeregt. Alles sei äußerst stümperhaft, total veraltet und schmutzig. Die Gerätschaften seien für eine präzise Arbeit nicht mehr zu gebrauchen und der ganze Arbeitsplatz sei unorganisiert. Naja, immerhin hat Rosegarden es geschafft, mehrere Bomben zu bauen, auch wenn ein Herr Malfoy darüber nur die Nase rümpfen kann."
„Aber so richtig gut funktioniert hat keine ihrer Bomben, oder?", wandte Hermine ein, immer sofort dabei, Draco in Schutz zu nehmen. Harry merkte, dass er sich schon gar nicht mehr daran störte.
„Das hängt davon ab, was Rosegarden eigentlich erreichen will. Will sie Bauwerke zerstören oder hat sie es auf Menschen abgesehen? Draco hat die Konstruktionspläne mit nach Hause genommen, vielleicht kann er Genaueres herauszufinden."
„Wenn man bedenkt, dass sie ihren Garten mit so einer heftigen Falle gesichert hat, scheinen ihr Menschenleben völlig egal zu sein. Was ist, wenn mal Kinder in den Garten kommen? Die Frau hat doch einen Totalschaden!" meinte Ron aufgebracht.
Dem konnte Harry nur zustimmen. „Wir haben auch noch ein paar illegale Pulver, Öle und Salben gefunden", fuhr er mit seinem Bericht fort. „Die waren in einem Erdloch unter dem Schuppen versteckt. Die Falltür war getarnt und ebenfalls mit einer Falle belegt. Die konnte Draco allerdings problemlos entschärfen. Fertige oder halbfertige Bomben haben wir nicht gefunden. Entweder hat Rosegarden noch keine neue Bombe gebastelt oder sie hat sie beim Disapparieren mitgenommen. Auf jeden Fall hat sie dort mit schwarzer Magie gearbeitet, das war nicht zu übersehen."
„Ich bin froh, dass alles so glimpflich ausgegangen ist. Das hätte auch anders enden können", sagte Hermine und sah Harry ernst an.
Harry dachte an die Explosion zurück. Zu sehen, wie die Bombe hochging und sein Partner wie eine Puppe in die Luft geschleudert wurde, und nicht zu wissen, ob er seinen Verletzungen erliegen würde, waren schreckliche Augenblicke gewesen. Besonders die Hilflosigkeit angesichts seiner eigenen Panik machte Harry zu schaffen.
Harry erinnerte sich an Dracos beißende Worte auf Hermines Party. Draco hatte sich darüber mokiert, dass sich Harry nach dem Krieg nicht für eine ruhigere Karriere entschieden hatte. Die meisten Todesser waren inzwischen in Askaban oder verstorben. Harrys Rachegefühle waren abgeflaut. Er wollte nach wie vor Gutes tun, aber das bedeutete nicht, dass er gerne sein Leben riskierte und zusah, wie Kollegen verletzt wurden oder gar starben.
Ungefähr nach der Hälfte seiner Auroren-Ausbildung hatte Harry oft darüber nachgedacht, was er sich im Leben eigentlich wünschte und was ihn glücklich machte. Seine besten Freunde, die Weasleys sowie Teddy und Andromeda standen ganz oben auf der Liste. Eine feste Partnerschaft war ihm genauso wichtig, aber dazu musste er erstmal den richtigen Mann finden. Über sein Leben frei entscheiden zu können, kam gleich danach. Da er dank seines ererbten Vermögens keine materiellen Sorgen hatte, musste er sich darüber keine Gedanken machen. Blieb noch seine Gesundheit, körperlich und psychisch. Harry liebte seinen Beruf, aber natürlich fragte er sich oft, warum er einer Beschäftigung nachging, die sein Leben gefährdete und ihm Menschen wichtig werden ließ, die sich ebenfalls immer wieder in Gefahr brachten.
„Wenn Draco nicht gewesen wäre, würde ich jetzt wahrscheinlich auch im St. Mungo liegen", sagte er gedankenverloren. Harry hatte sich noch nicht bei Draco für seine Hilfe bedankt. Als sie mit der Verstärkung zum Garten zurückgekehrt waren, hatte er die ganze Zeit ein halbes Auge auf dem Slytherin gehabt, aus Angst, ihm könnte etwas geschehen. Er fühlte sich für Draco verantwortlich, da er ihn auf den Einsatz mitgenommen hatte. Während sie den Schuppen durchsuchten und das Gelände sicherten, hatte es keine Gelegenheit gegeben, Draco beiseite zu nehmen und sich zu bedanken. Später in der Zentrale war Harry direkt zu Robards gegangen, um Bericht zu erstatten. Als er aus dem Büro des Chiefs wieder herauskam, war Draco bereits nach Hause appariert.
„Na, dann ist es ja gut, dass Draco dank dir in der Kantine doch noch eine große Portion bekommen hat. Sonst wäre er sicher zu schwach gewesen, um dir zu helfen", scherzte Ron, und Harry wurde klar, dass Hermine ihn bereits über den Flurfunk im Ministerium informiert hatte. Auf der einen Seite ärgerte es Harry, dass immer noch über alles, was er tat, getratscht wurde, andererseits hatte er in der Kantine ja gerade seine Prominenz dazu benutzt, sich für Draco einzusetzen.
„Die anderen waren arschig zu Draco, das konnte ich nicht leiden", gab Harry zurück.
„Ich dachte, er wäre selber ein Arsch und würde so eine Behandlung verdienen."
„Ron!", rief nun Hermine dazwischen.
„Vielleicht kein ganz so großes Arsch, wie ich zu Anfang dachte. Wir werden sehen. Beim Training kommen wir ganz gut miteinander klar, und heute auf dem Einsatz lief es wirklich gut. Allerdings bräuchte er ein spezielles Training für solche Einsätze."
„Was meinst du damit? Ich dachte, er hat sich tadellos verhalten."
„Ja, aber er weiß natürlich nicht, wie Auroren vorgehen. Das macht ihn unsicher und bringt ihn in Gefahr, und uns eventuell auch."
„Ich verstehe sowieso nicht, warum er bei Einsätzen von Anfang an dabei sein muss."
„Naja, er hat eben nicht nur Ahnung von dunkelmagischen Objekten, sondern von Analysezaubern ganz im Allgemeinen, jedenfalls wenn es um Gegenstände geht. Er kann Fallen sehr schnell entdecken und sogar Signaturen erkennen."
„Ich finde es nicht fair, wenn ihr Draco unnötig gefährdet."
„Nein, stimmt. Ich versuche auch, auf ihn aufzupassen, aber das geht nur, wenn er in meiner Nähe ist. Vielleicht muss ich mal mit dem Chief sprechen."
„Harry macht sich also Sorgen um Draco", frotzelte Ron. „Aber er hatte ja schon immer etwas übrig für blonde Jünglinge. Ich erinnere mich, wie er im 6. Schuljahr ständig hinter einem herlief."
„Ha, ha, Ron. Mein Misstrauen damals war ja wohl mehr als berechtigt, und nur weil Draco heute netter ist, heißt das noch lange nicht, dass ich auf ihn stehe. Du erinnerst dich an meinen Freund Samuel? Apropos, Samuel kommt am Samstag und ich dachte, wir könnten zusammen ins Dragons gehen. Der Laden soll gut sein. Ziemlich stylisch, aber mit guter Musik. Vielleicht haben die anderen auch Lust darauf. Ich kann sie morgen fragen."
„Also ich kann nicht. Ich habe meinen Eltern versprochen, sie am Wochenende zu besuchen. Der Portschlüssel ist schon bezahlt", sagte Hermine.
„Ich bin dabei, Kumpel", antwortete Ron. „Sturmfrei!"
Das Dragons war ein Lokal in der Diagon Alley, das erst seit drei Monaten geöffnet hatte. Es sah ausgesprochen elegant aus. Mosaiksteine in Gold und schwarz prägten das Interieur und es gab sehr viele Spiegel. Einige der Steinchen leuchteten hin und wieder auf und bildeten dabei die Form eines Drachen, der die Wände entlangglitt. Harry und Samuel waren etwas zu spät eingetroffen, weil Samuel darauf bestanden hatte, sich noch frisch zu machen, als sie aus der Stadt gekommen waren. Er hatte Harry mit in die Dusche gezogen und eins führte zum anderen. Als sie gegen neun die Bar betraten, waren bereits alle Tische besetzt, aber Neville, Ron und Dean hatten in einer Ecke am hinteren Ende noch Plätze ergattert. Sie waren bereits bei der zweiten Runde Ale und studierten die Speisekarte.
Wie so oft gingen die Gespräche zunächst um Quidditch, bevor sie sich den verschiedensten Themen zuwandten. Neville erzählte von seinem Studium der Kräuterkunde in Wales und Dean von ihrer neuen, heißen Nachbarin, die manchmal rüberkam, um sich was ‚auszuborgen'. Sie war Mitte 30 und Dean wollte von seinen Freunden wissen, ob es unmoralisch sei, wenn er auf ihre Avancen einging. Er teilte sich eine Wohnung mit Seamus. Sie lag in einer Seitenstraße der Diagon Alley nicht weit vom Dragons entfernt. Er machte eine Ausbildung bei Gringotts und plante, Muggel-Kommunikationstechnologien in die Welt der Zauberer einzuführen und eine eigene Firma zu gründen. Im 7. Schuljahr hatte er bis zur Schlacht von Hogwarts bei Muggel-Verwandten untertauchen müssen und war seitdem ein großer Fan von Handys, Notebooks und dem Internet. Er hielt die Zauberergesellschaft für rückständig. Sein WG-Kumpel Seamus arbeitete als Sportredakteur beim ‚Moving Wizard", einer Zeitschrift, die einmal im Monat über alle Arten von Zauberer-Sportarten berichtete.
„Malfoy kommt gerade mit ein paar seiner alten Slytherin-Freunden herein", bemerkte Neville auf einmal. Da er mit dem Rücken zur Wand saß, hatte er einen guten Blick auf das geschäftige Treiben im Dragons. Harry drehte sich – wie auch einige der anderen Gäste – zu der Gruppe um und erkannte neben Draco Blaise Zabini und Daphne Greengrass. Zu den dreien gehörte offenbar noch eine junge Frau mit langen, fast schwarzen Haaren. Draco nahm ihr gerade den Mantel ab. Die ganze Truppe war in schicker Muggel-Mode gekleidet. Während Draco ihre Jacken zur Garderobe brachte, führte Blaise die Frauen zur Bar. Damit verschwanden sie aus Harrys Sichtfeld. Über einen der Spiegel an den Wänden konnte Harry allerdings erkennen, dass die Slytherins an der Bar blieben und Getränke bestellten. Harry wandte seine Aufmerksamkeit wieder seinen Freunden zu.
„Wie läuft's denn so mit Draco?", fragte Neville. Harry knirschte innerlich mit den Zähnen. Das war kein Thema, das er vor Samuel aufgreifen wollte, warum auch immer.
„Der hat doch schon sicher die ganze Abteilung aufgemischt", vermutete Dean.
„Nein, überraschender Weise nicht. Es scheint ganz gut zu laufen." Harry dachte unwillkürlich an den Vorfall in der Kantine und die Feindseligkeit seitens einiger Ministeriumsmitarbeiter, wollte darauf aber nicht eingehen. „Er ist diese Woche auf einen Einsatz von mir mitgekommen. War alles kein Problem. Ansonsten haben wir gar nicht so viel miteinander zu tun. Er ist ja nur ein paar Tage in der Woche im Ministerium. An den anderen Tagen studiert er bei Professor Grimzak. Apropos, Grimzak. Neville, ihr habt doch auch einen Kobold, der bei euch lehrt, oder?" Harry hatte es geschafft, das Gespräch auf andere Themen zu lenken. Er bemerkte, dass Ron ihn kurz stirnrunzelnd anschaute, entschloss sich aber, ihn zu ignorieren.
In der nächsten Stunde fühlte Harry ständig den Drang, sich umzudrehen und zu schauen, was die Slytherins so trieben. Er war ziemlich stolz auf sich, dass er es nicht tat. Erst als er an der Reihe war, eine neue Runde von der Bar zu holen, blieb er bei Draco stehen, um ihn zu begrüßen. Draco war am Donnerstag nicht in der Zentrale gewesen und am Freitag hatte ihn Harry ebenfalls nicht gesehen, weil Weston und er die Brücken überprüft hatten, von denen Rosegarden Bilder in ihrer Werkstatt hinterlassen hatte.
Obgleich die meisten Gäste im Dragons Harry sofort bemerkten, was unschwer an den wohlwollenden Blicken und dem Tuscheln zu erkennen war, nahm Draco ihn erst wahr, als Harry bereits neben ihm stand. Es gab Harry die Gelegenheit zu beobachten, wie sich die Überraschung auf seinem Gesicht mit ein paar Wimpernschlägen in den leicht gelangweilten Gesichtsausdruck verwandelte, den der Slytherin so oft zur Schau stellte.
„Hi Draco", grüßte Harry mit mehr Selbstbewusstsein in der Stimme, als er eigentlich empfand.
„Potter…, schön, dich zu sehen. Ich dachte schon, ich hätte beim Reinkommen Longbottom und Thomas hinten in der Ecke gesehen. Bist du mit denen hier?"
„Ja, unter anderen."
„Ist Hermine auch dabei?"
„Nein, sie wollte ihre Eltern besuchen. Ist heute eine reine Männerrunde. Und ihr?"
Harry hatte bemerkt, dass die Augen von Dracos Freunden neugierig auf ihn gerichtet waren, also drehte er sich zu ihnen um.
„Hier nicht, wie du siehst", antwortete Draco. Dann fühlte er sich bemüßigt, Harry seine Freunde vorzustellen. „Ähm, Potter …", begann Draco, wurde jedoch von Harry direkt unterbrochen: „'Harry'. Wir hatten und doch geeinigt, es beim Vornamen zu belassen, Draco."
Draco war etwas verwirrt über Harrys Lüge und setzte mit ein wenig Stammeln erneut an: „Äh, … Harry…, du erinnerst dich doch sicher noch an Blaise Zabini und Daphne Greengrass. Das hier ist Astoria, Daphnes jüngere Schwester – und meine Verlobte."
Harry wollte gerade zu einem freundlichen Gruß ansetzen, als die Bedeutung von Dracos letzten Worten in ihn sickerte. Er blickte Draco irritiert an. Der versuchte gerade erfolglos, einem Knuff von Astoria auszuweichen.
„Ex-Verlobte, und auch nur, wenn es nach unseren Eltern gegangen wäre. Nimm Draco bitte nicht ernst, er will dich nur hochnehmen. Schön, dich kennen zu lernen, Harry." Astoria reichte ihm ihre grazile Hand. Sie sah wirklich sehr hübsch aus. Ihre Schwester Daphne war auch sehr attraktiv, aber ein ganz anderer Typ. Harry erinnerte sich daran, dass Daphne ihm in Hogwarts nie wie eine typische Slytherin vorgekommen war, im Gegensatz zu Pansy Parkinson oder eben Blaise, mit seiner kühlen Distanziertheit und gewandten Art.
„Ich wollte vor unserem Helden nur ein bisschen mit dir angeben, Liebes", meinte Draco charmant und erntete dafür ein liebesvolles Lächeln von Astoria. Nach dem kurzen Geplänkel schauten Dracos Freunde Harry weiterhin mit höflichem Interesse an. Es wurde Harry deutlich bewusst, dass er sich hier unter vier reinblütigen Slytherins befand, von denen ihn der eine oder andere noch vor wenigen Jahren lebendig verspeist hätte. Harry hatte zudem das Gefühl, dass sie von ihm erwarteten, das Gespräch fortzuführen. Gab es in ihren upper-class-Kreisen eine Etikette dafür, wer was wann zu sagen hatte? Verlegen suchte Harry nach einem passenden Smalltalk-Thema und fragte sich gleichzeitig, warum es ihm wichtig war, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Sicher nicht wegen Draco, der ihm als einziger unverschämt angrinste.
„Seid ihr hier auch zum ersten Mal?", fragte Harry schließlich. Zum Glück antwortete Astoria so leutselig, als hätte Harry keine bessere Frage einfallen können.
„Draco, Daphne und ich sind hier schon zum zweiten Mal, nicht wahr, Schatz?", Sie blickte kurz zu Draco hinüber, der nickte und erklärte: „Blaise lebt in New York. Er ist nur zu Besuch und kannte dieses Lokal natürlich noch nicht."
Harry schaute nun zu Blaise, der seinen Blick abwartend erwiderte. Sollte er ihn jetzt fragen, womit er sich in New York beschäftigte und wie ihm die USA gefielen? Was Harry eigentlich interessierte war, ob Blaise schwul war und ob er und Draco was miteinander hatten.
Harry entschied sich für einen taktvollen Abgang. „Oh, na dann habt ihr ja sicher viel aufzuholen. Ich möchte euch nicht weiter stören. Wollte nur eben hallo sagen. Eigentlich soll ich an der Bar für Nachschub zu sorgen." Er hob seine leeren Gläser demonstrativ an. „Vielleicht sprechen wir uns später noch mal."
Harry nickte allen noch mal zu, die ihrerseits freundliche Antworten murmelten, warf Draco einen minimal längeren Blick zu und ging dann zu einer freien Stelle an die Bar. Plötzlich stellte sich Draco neben ihn. Es war viel zu eng für zwei Personen, so dass sich ihre Schultern berührten. Es fühlte sich komisch an. Harrys Körper reagierte in seltsamer Weise darauf. Warum reagierte er überhaupt auf so etwas Harmloses? Harry trat unauffällig einen halben Schritt zurück, um einen sicheren Abstand zwischen ihnen zu schaffen und sah Draco an.
„Na, Potter…", begann Draco und wurde sofort von Harry korrigiert: „'Harry'."
Draco sah ihn nachdenklich an. Seine wunderschönen grauen Augen wirkten so unglaublich hell und hypnotisierend. Harry hatte Mühe, nicht in ihnen zu versinken.
Dann meinte Draco mit einem leichten Kopfschütteln: „'Harry', dann eben. Du hast gewonnen. Wie dem auch sei, du hast eben so ausgesehen, als wärest du in die Höhle des Löwen geraten. Es war wirklich amüsant, aber sehr mutig von dir, ganz der Gryffindor."
„Ich wusste nicht, dass du dich und deine Freunde als gefährlich einstufst. Sie kamen mir sehr nett und höflich vor."
„Das sind sie! Außerdem sind sie dir dankbar."
„Weil ich die Welt gerettet habe?"
„Weil du mich gerettet hast – natürlich. Was ist wohl wichtiger?"
„Ah, dann wissen sie also von der Sache mit dem Raum der Wünsche? Auch davon, dass ihr mich Voldemort ausliefern wolltet?"
Draco schien innerlich ein wenig zurückzuweichen, bevor er sich fasste und eine tiefe Betroffenheit zur Schau stellte: „Ups, du fährst jetzt aber harte Geschütze auf. Was soll ich darauf erwidern?" Seine Stimme wurde ernsthafter. "Es gibt keine Entschuldigung für mein Verhalten und eine Wiedergutmachung steht noch aus – wie ich dir schon mal gesagt habe. Aber danke, dass du mich an einem so schönen Abend daran erinnerst."
Der Barkeeper nahm Harrys Bestellung entgegen und auch Draco bat um neue Drinks. Harry wandte sich wieder Draco zu.
„Sorry, es war blöd von mir, damit anzufangen. Zumal ich dir seit Mittwoch eigentlich was ganz anderes sagen wollte." Er schaute Draco fest in die Augen. „Ich wollte mich noch bei dir bedanken. Du hast mir bei der Explosion wirklich den Arsch gerettet. Hätten mich die Holzsplitter erwischt, wäre die ganze Sache anders ausgegangen." Harry legte eine Hand auf Dracos Unterarm, der kurz irritiert auf sie herabblickte. Harry nahm sie wieder weg und fuhr fort: „Ich bin froh, dass du Mittwoch dabei warst. Auch bei der Heilung von John. Ich war für einen Augenblick… völlig außer mir und nicht in der Lage, den richtigen Heilzauber zu finden. Du warst…du warst…" Harry suchte nach den richtigen Worten, ohne zu viel preiszugeben. ‚Preiszugeben'? Was denn preiszugeben? Gemeint war, ohne dem Slytherin zu viel Honig ums Maul zu schmieren.
Draco wartete und da Harry seinen Satz nicht beendete, tat er es für Harry: "…toll?"
„Lass es mich so ausdrücken, John und ich hatten wirklich Glück, dass du dabei warst." Wieder erschien das Lächeln auf Dracos Gesicht, das seine ganze Mimik verwandelte und ihn so sympathisch erschienen ließ. Harry konnte nicht verhindern, sich davon anstecken zu lassen und strahlte zurück.
„Harry?", erklang Samuels Stimme. Samuel war offenbar auf die Suche nach ihm gegangen und trat nun zu ihnen. Er sah Draco neugierig an.
„Oh, sorry, war ich zu langsam? Ich hab' gerade erst bestellt. Ich hatte mich noch mit Draco und seinen Freunden da drüben unterhalten." Mit einer Handbewegung deutete Harry in Richtung der anderen Slytherins. „Darf ich vorstellen, das ist Draco Malfoy. Er war auch auf Hermines Party und du hast sicher mitbekommen, dass er jetzt auch im Ministerium arbeitet. Wir kennen uns aus Hogwarts. Seine Freunde sind auch alles ehemalige Mitschüler. Draco, das ist mein Freund Samuel."
Samuel hielt Draco seine Hand hin und dieser schüttelte sie ohne zu zögern. „Freut mich Sie kennen zu lernen, Samuel. Harry hat schon viel von Ihnen erzählt." Dracos Stimme klang vollkommen glaubwürdig. Harry rollte innerlich die Augen.
„Wir können und ruhig duzen, gehören ja alle zu Harrys Freunden", bot Samuel gewohnt jovial an. Draco erwiderte darauf nichts, sondern warf Harry nur einen kurzen amüsierten Blick zu. Dann lächelte er Samuel weiterhin scheinheilig an. Harry war froh, dass der Barkeeper in diesem Moment ihre Getränke auf die Theke stellte. Er drückte Samuel zwei Gläser in die Hand, nahm die restlichen und verabschiedete sich von Draco. „Wir sehen uns."
„Scheint ein netter Kerl zu sein, Harry. Was genau arbeitet er denn im Ministerium?", fragte ihn Samuel, während sie zurückgingen.
„Äh, er sichert und archiviert dunkelmagische Objekte. Das studiert er auch. Er sitzt meistens im Archiv, also im Keller, jedenfalls sehe ich ihn kaum. Wir können ihn aber auf unseren Einsätzen mitnehmen, und das haben Weston und ich am Mittwoch zum ersten Mal gemacht. Ich hatte dir ja schon kurz davon von erzählt. John ist auf eine verminte Holzbohle getreten und in die Luft geschleudert worden. Wir mussten ihn ins Krankenhaus bringen."
Harry versuchte, sich kurz zu halten. „Ich kann dir im Moment leider nicht sehr viel mehr davon erzählen, weil die Ermittlungen noch am Laufen sind. Draco war bei dem Einsatz jedenfalls eine große Hilfe. Das habe ich ihm eben gesagt. Es hat ihn sehr gefreut."
„Das hat man gesehen."
„Hmm", stimmte Harry zu. Sie waren inzwischen wieder zurück an ihrem Tisch und überreichten die Getränke. Von Draco sprach zu Harrys Erleichterung keiner mehr.
Um Mitternacht wurde in der Mitte des Dragons auf magische Weise Platz für eine Tanzfläche geschaffen. Die Musik wurde lauter und rhythmischer und die ersten Leute strömten in die Mitte. Dean und Samuel gingen ebenfalls los. Harry und Ron standen am Rand und sahen den Tänzern zu. Samuel war ein schöner Mann und bewegte sich immer wieder in Richtung Harry, um ihn zum Mitmachen zu animieren. Harrys Blick fiel aber immer wieder auf die Slytherins, die ebenfalls auf der Tanzfläche waren und sich sehr ungezwungen bewegten, obgleich sie mit dem ein oder anderen unfreundlichen Blick bedacht wurden.
Es freute Harry, dass Draco froh und entspannt aussah. Manchmal fiel Dracos Blick auch auf Harry, aber er verweilte nie und Harry konnte den Ausdruck in dem kantigen Gesicht nicht lesen. Ron stellte sich später am Abend für eine halbe Stunde zu Draco und Blaise, und schien Spaß zu haben. Harry hätte gerne gewusst, worüber die drei redeten, wollte aber nicht aufdringlich oder neugierig erscheinen. Er hatte inzwischen so viel Alkohol intus, dass er Samuels Drängen nachgab und sich von ihm auf die Tanzfläche ziehen ließ. Leider konnte er seinen Körper nicht so sexy bewegen wie Draco. Es machte ihm trotzdem Spaß, mit der Musik mitzuschwingen, und so unfähig konnte er nicht sein, denn Astoria und Daphne gesellten sich zu ihm und tauschten ein paar witzige Bemerkungen mit ihm aus, während sie vor ihm tanzten. Gegen zwei Uhr verließen Harry und seine Freunde das Dragons. Beim Hinausgehen verabschiedete sich Harry noch kurz von Draco und den anderen Slytherins.
Harry und Samuel apparierten in den Grimmauld Platz und gingen zu Bett. Harry war zu aufgekratzt zum Schlafen. Er ließ seine Lippen an Samuels Körper hinunterwandern und nahm seinen Penis in den Mund. Samuel war müde, aber Harry war ein geschickter Liebhaber und wusste genau, wie er seinen Freund verführen konnte. Als Samuel schließlich kam, schrie er Harys Namen. Auch Harry lag ein Name auf der Zunge, als ihn sein Orgasmus überrollte, aber es war nicht der seines Freundes.
