TEIL 4
- Kapitel 17 -
Am Montag ging Harry mit einer Mischung aus Vorfreude und Nervosität zum Training. Er wusste nicht so recht, wie er damit umgehen sollte, dass er Draco so anziehend fand. Harry versuchte, sich damit zu beruhigen, dass Draco früher eben seine sexuelle Phantasie angeregt hatte, und es ihm nun einfach schwer fiel, sich von seinen jugendlichen Gefühlen zu distanzieren. Er würde sich einfach keinen Kopf machen. Es war ja nicht so, als ob der Sex mit Samuel nicht befriedigend wäre oder Draco sich in einer ähnlichen Weise für Harry interessieren würde. Das war ganz ausgeschlossen.
Etwas ruhiger öffnete Harry die Tür zur Umkleide und stellte fest, dass Draco noch nicht da war und auch in den nächsten Minuten nicht erschien. Enttäuschung und Ärger wallten in ihm auf. Nichtsdestotrotz begann er, die Halle für die das heutige Training vorzubereiten. Als Draco sechszehn Minuten nach drei endlich erschien, hatte Harry den Trainingsraum mit Extensions-Zauber vergrößert und aus Kisten, die er aus dem Geräteraum herlevitiert hatte, verschiedenste Hindernisse transfiguriert. Gerade war er dabei, einen Klotz in ein Fass zu verwandeln.
„Hallo", grüßte Draco und schaute sich anerkennend in der Halle um. „Ich sehe, du hast dich nützlich gemacht." Harry musterte Draco und stellte missmutig fest, dass dieser keine Sportkleidung trug.
„'Entschuldigung, dass ich zu spät bin', heißt das", gab Harry mürrisch zurück.
„Sorry, ich hatte ein kleines Problem im Archiv mit einem der Objekte", erklärte Draco.
„Hoffentlich nichts Schlimmes", bemerkte Harry desinteressiert, weil er zu verärgert über Dracos Unpünktlichkeit war, um sich seine Ausreden anzuhören. Er wusste, dass er sich lächerlich verhielt, aber – Godric noch mal – wozu gab es Memos? Draco hätte ihm ruhig über sein Zuspätkommen informieren können, immerhin hatten sie die Halle nur für eine Stunde.
„Naja, Mrs. Fox, die Bibliothekarin im Archiv, sieht das - glaube ich - anders. Ich habe versehentlich den Imperius-Fluch aktiviert, der in einem Wecker eingewoben war. Es wäre auch gar nichts passiert, wenn sie nicht gerade in dem Moment herein gekommen wäre. Der Wecker war so eingestellt, dass er jeden Abend um 22 Uhr eine weibliche Person im Raum zu … naja, … eben willig macht für …äh… sexuelle Handlungen."
Das weckte dann doch Harrys Interesse. Draco fuhr fort: „Ich hatte die Zeit absichtlich so verstellt, dass der Spruch ausgelöst wurde. Ich wollte ihn neutralisieren, während er aktiv war, aber genau in dem Augenblick ist sie in den Schutzraum gekommen, wurde getroffen und fing an, sich auszuziehen."
„Nein!"
„Doch."
„Verdammt."
„Du sagst es."
„Wie hast du den Anblick ertragen können?"
Draco schaute Harry überrascht an, der mit mitleidsvoller Miene seinen Blick erwiderte, und versuchte, seinen Gesichtsausdruck ernst zu halten. „Naja, sie trägt sehr schöne Unterwäsche für…für…", begann Draco.
„…ihre stattliche Figur?", beendete Harry den Satz.
Mrs. Fox war so ungefähr die korpulenteste Person, die Harry unter Zauberern je gesehen hatte. Er wusste, dass er furchtbar unfair und respektlos war, konnte aber nicht anders.
„Hmm", stimmte Draco gespielt kläglich zu, um erkennen zu geben, wie er unter dem Anblick gelitten hatte. Harry pustete los und Draco fiel in sein Gelächter mit ein. Als sie sich wieder beruhigt hatten, fragte Harry besorgt: „Kriegst du jetzt Ärger?"
Draco schüttelte den Kopf. „Nein. Ich hatte das Gefahrenzeichen des Schutzraumes aktiviert, aber sie hat es einfach ignoriert. Ich konnte den Fluch auch noch rechtzeitig zerstören bevor die letzten Hüllen flogen." Plötzlich wurde Dracos Stimme eindringlicher. „Bitte erzähle es nicht weiter. Ich möchte nicht, dass sie zur Lachnummer des Ministeriums wird. Sie ist wirklich sehr nett und hilfsbereit. Wir trinken oft zusammen Tee und sie erzählt mir von ihren Enkeln. Ihr Ältester ist gerade in Hogwarts eingeschult worden. Er kam nach Slytherin. Ich habe versucht, sie zu beruhigen."
„Nein, klar. Mache ich nicht." Harry wurde es irgendwie warm ums Herz, als ihm klar wurde, dass Draco sich um Mrs. Fox sorgte. Er kannte sie eigentlich nur von der alljährlichen Weihnachtsfeier, fand sie aber auch sehr sympathisch. Er räusperte sich. "Gut, wollen wir dann anfangen?"
„Wollten wir nicht erst noch über das letzte Training sprechen? Wir sind in der Kantine gar nicht mehr dazu gekommen. Und habt ihr noch was über Rosegarden herausgefunden? Mit den Konstruktionsplänen bin ich leider noch nicht weiter gekommen."
„Ich würde die Hallenzeit gerne ausnutzen, um auch wirklich zu trainieren. Über Rosegarden berichte ich dir später, nur leider gibt's auch gar nichts Neues zu erzählen. Über deine Sprüche können wir dann ja diesen Mittwoch beim Mittagessen reden, wenn du Lust hast. Wir können dieses Mal auch in ein Restaurant gehen, wenn dir das lieber ist."
Draco sah ihn lange an, Harry wusste nicht genau wieso. Vielleicht hatte er nicht damit gerechnet, dass Harry sich noch mal mit ihm verabreden wollte. Sein Gesicht wirkte in dem Moment irgendwie jung und verletzlich. Harry konnte sich nicht erinnern, dass er diesen Gesichtsausdruck schon mal bei dem Slytherin gesehen hatte. Es machte ihn ganz schummrig. Bevor die Stimmung peinlich werden konnte, sagte Draco: „Ok, dann ziehe ich mich schnell um, und du kannst in der Zeit deinen Cours de terreur fertigstellen."
„Meine Terrorstrecke? Ah, ich höre deine Angst heraus. Recht so, Slytherin. Kenne deinen Gegner!", rief Harry Draco hinterher.
„Eher wird sich Salazar im Grabe umdrehen, bevor ein Gryffindor einen Slytherin besiegt", gab Draco zurück. Die Tür fiel hinter ihm zu, aber Harry war sich sicher, dass Draco seine letzte Worte noch würde hören können: „Vom vielen Drehen muss ihm schon ganz schwindelig sein, Draco. Denk mal zurück an all deine Niederlagen beim Quidditch."
Harry arbeitete weiter an den Hindernissen und transfigurierte aus Holzkugeln kleinere Alltagsgegenstände, die er ebenfalls im Raum verteilte. Als Draco wiederkam, erklärte ihm Harry kurz das weitere Vorgehen: „Wir benutzen die gleichen Flüche und Abwehrsprüche wie letzten Montag. Dieses Mal kannst du aber die Hindernisse mit einbeziehen und Transfigurationszauber benutzen. Bei richtigen Einsätzen ist man ja auch eher selten in einem leeren Raum. Jeder versucht, den anderen festzusetzen. Ok?"
„Ok."
Draco wich ein Stück hinter eine transfigurierte Mauer zurück und Harry stellte sich hinter ein funktionsloses Muggel-Auto, das er ebenfalls erschaffen hatte. Als er aus seiner Deckung herauslugte, um Draco anzugreifen, schoss ihm bereits Dracos erster Fluch entgegen. Sie begannen, sich gegenseitig durch die Halle zu jagen, wobei kaum ein Gegenstand derselbe blieb und sich solide Wände in Watte verwandelten oder zu Sägespäne zerbröselten. Objekte und Flüche flogen nur so durch die Luft.
Draco erwies sich erneut als ausgesprochen ehrgeizig und fand immer wieder einen Weg, sich Harrys Angriffen zu entziehen. Beide Männer begannen bald zu schwitzen, und in der dritten Runde erkannte Harry, dass Draco sich extrem puschte, um weitermachen zu können. Er atmete schwer.
Als die Trainees um 16 Uhr hereinkamen, mussten Harry und Draco ihren Kampf nicht unterbrechen. Die jungen Hexen und Zauberer wurden von ihrer Ausbilderin Sandra angewiesen, den Kampf zu beobachten und sich Notizen zu machen. Draco gab noch mal alles, um vor den Trainees nicht blöd dazustehen.
Um halb fünf beendete Harry das Training als Sieger in vier von fünf Runden. Sandra war so freundlich, die Aufräumarbeiten zu übernehmen. Draco war kaum noch in der Lage, seinen Zauberstab zu heben, und auch Harry war erschöpft. Die Duelle hatten ihm aber auch sehr viel Spaß gemacht und noch vollgepumpt mit Adrenalin konnte er es kaum abwarten, Draco seine vielen Beobachtungen mitzuteilen. Er war so in Fahrt, dass ihn nicht mal Dracos nackter Körper in der Umkleide ablenken konnte.
Während sie sich umzogen und unter der Dusche standen, redete Harry nonstop auf Draco ein. Er lobte bestimmte Manövern, kritisierte andere und machte Verbesserungsvorschläge. Gleichzeitig plante er bereits, woran sie als nächstes arbeiten sollten.
„Und dann sollten wir beim nächsten Mal mit ein paar gefährlicheren Zaubern anfangen, und an deiner Beinarbeit arbeiten. Machst du eigentlich Sport, Draco? Eigentliche siehst du ja ganz fit aus, aber sehr ausdauernd scheinst du nicht zu sein. Du solltest mal regelmäßig joggen gehen. Ich gehe oft am Wochenende und zweimal in der Woche. Und wenn ich Zeit habe, spiele ich mittwochs in unserer Hobbymannschaft Quidditch. Komm doch mal vorbei. Also es gibt so ein paar Kombinationen aus Abwehr und Angriff, die besonders gut ineinander überfließen. Die kann ich dir beim nächsten Mal zeigen. Deine Zauber sind ganz schön wuchtig. Wahrscheinlich könntest du noch mehr von ihnen wortlos ausführen. Das musst du zuhause üben. Mehr wortlose Magie. ‚Alle Alltagszauber sollten einem auch wortlos gelingen', hat Sandra, unsere Ausbilderin, immer gesagt. Das war die Hexe, die mit den Trainees reingekommen ist. Ich hätte dich eigentlich vorstellen sollen. Beim nächsten Mal. Aber was ich über die Beinarbeit gesagt habe…"
Draco reagierte nicht auf Harrys Redeschwall. Als er seinen Duschflakon öffnete, zitterten seine Hände. Er hatte sich ein paar leichte Blutergüsse und Kratzer geholt. Außerdem tat sein Handgelenk weh. All das bekam Harry jedoch nicht mit, da er zu sehr mit seinen Ideen beschäftigt war und es auch vermied, Dracos entblößten Körper anzusehen. Als er mit dem Duschen fertig war, schlang sich Draco sein Handtuch um die Hüften und ging in die Umkleide zurück. Harry stellte seine Dusche ebenfalls aus und ging ihm hinterher. Er verstummte erst als seine Augen auf Dracos Rücken fielen. Draco hatte einen großen blauen Fleck knapp über seiner Hüfte, außerdem humpelte er leicht.
Draco ließ sich müde auf die Bank vor seinem Spint fallen und schloss die Augen. Harry folgte ihm zur Bank, doch der Slytherin schien ihn nicht bemerkt zu haben, denn als er Harry plötzlich so nah vor sich stehen sah, zuckte er zusammen. Harry begutachtete stirnrunzelnd Dracos Körper. Dann rief er seinen Zauberstab zu sich und richtete ihn auf Draco. Er tippte mit der Spitze auf einen blauen Fleck auf Dracos Oberarm, konzentrierte sich und sprach einen Heilungszauber. Danach wiederholte er dies mit zwei weiteren Blutergüssen. Als er auch kleine Schnitte fand, heilte er diese ebenfalls. „Dreh dich mal zur Seite", bat Harry, und kümmerte sich um den Bluterguss auf Dracos Rücken. Schließlich richtete er seinen Weißdornstab auf Dracos Handgelenk. Draco zog scharf die Luft ein und entspannte sich erst, als der Schmerz nachließ. Er sah Harry dabei zu, wie er sich vor ihn auf den Boden hockte und mit seiner Hand Dracos rechtes Fußgelenk abtastete. Harry bemerkte nicht, dass Draco errötete.
„Wo genau tut es weh? Hier?", fragte Harry. Draco hatte sein Handtuch nur locker über seine Oberschenkel gelegt, aber Harry verschwendete keinen Gedanken an Dracos Blöße.
„Ja, dort", hauchte Draco.
„Verstaucht?"
„Kann sein." Draco hustete und bedeckte seine Leistengegend etwas mehr mit seinem Handtuch.
„Ok, ich versuche es mal." Harry setzte seinen Zauberstab an. „Rotatio rursus!"
Draco zuckte zurück. Danach bewegte er seinen Fuß hin und her und meinte: „Ich glaube, der war's."
„Versuch mal, den Fuß zu belasten", schlug Harry vor, während er sich erhob und ein Stück zurücktrat. Draco stand auf und ließ vorsichtig sein ganzes Gewicht auf den verletzten Fuß fallen.
„Alles in Ordnung, danke", murmelte er verlegen und konnte Harry dabei offenbar nicht in die Augen sehen.
„Ich hätte früher aufhören sollen. Warum hast du nicht gesagt, dass es dir zu viel wird? Ich hätte dich nicht so hart ran genommen, wenn ich gewusst hätte, dass du nicht mehr kannst."
Draco schaute hoch und grinste Harry schelmisch an. „Glaub mir Harry. Ich mag es gerne hart." Jetzt war es an Harry, zu erröten. Ihm drängte sich das Bild auf, wie Draco vor der Bank kniete und Harry ihn von hinten nahm. Wie seine Oberschenkel gegen Dracos kleines, festes Hinterteil klatschten, während er seinen Schwanz bis zum Anschlag in diesen aufregenden Mann versenkte, rhythmisch, schnell und hart.
Harry merkte, wie das Blut in seinen Penis floss, und drehte sich weg. Er ging zu seinem Schrank, und war froh, dass Draco seine Erektion von hinten nicht sehen konnte. Unauffällig kontrollierte er, ob sein Handtuch noch seine Leistengegend verdeckte und atmete innerlich auf.
„Gut zu wissen", gab er etwas verspätet zurück, und dachte sich, dass er lieber gar nichts von Dracos Präferenzen wissen wollte, da ihn das nur zu noch mehr Phantasien anregen würde.
Der Slytherin lachte leise. Harry kniff die Augen zusammen. Ein Schauer lief seinen Rücken hinunter. Er kannte dieses Lachen. Er hatte es vor drei Jahren gehört, in einer anderen Umkleide, dunkel und rau, und er wusste, was es damals signalisiert hatte. Harry drehte sich um. Draco sah nicht einmal in seine Richtung. Er war bereits angekleidet und Harry fragte sich, wie sich der Slytherin so schnell anziehen konnte, und trotzdem immer ordentlicher aussah als er. Harry hatte gerade mal seine Unterhose und Socken angezogen.
„Wie schaffst du es nur, so schnell fertig zu werden?", fragte Harry, um sich abzulenken.
„'Alle Alltagszauber sollten einem auch wortlos gelingen'", äffte Draco einen Teil von Harrys Monolog von vorhin nach.
Harry sah ihn verblüfft an. „Aha? Den Spruch würde ich auch gerne kennen."
„'Du musst zuhause üben. Es gibt da so Kombinationen aus trocken werden und sich anziehen, die besonders gut ineinander überfließen. Die kann ich dir beim nächsten Mal zeigen.'" Auch das war ein fast identisches Zitat aus Harrys vorherigen Belehrungen.
Leicht verärgert und zu sofortiger Rache angeregt zauberte Harry wortlos eine Wasserblase herbei, drehte sich um und zielte auf Dracos Gesicht. Der Slytherin war zu überrascht, um sich rechtzeitig zu ducken oder einen Abwehrzauber zu wirken.
„Agua globosus. Wortlos. Sehr nützlich, wenn man durstig ist. Hab nur das Glas vergessen", kommentierte Harry seine eigene Aktion.
Draco griff nach seinem Zauberstab. Ohne ein Wort zu sagen, schwenkte er ihn in der Luft bis ebenfalls eine ballongroße Wasserkugel vor ihm schwebte.
„Tu das nicht!", warnte Harry, aber schon kam die Blase angeschossen. Harry konnte sie problemlos abwehren, aber das Wasser spritzte in alle Richtungen und mache die Bank und die Spinte um ihn herum nass.
Harry richtete seinen Zauberstab auf Draco und beschoss ihn mit einer Wasserfontäne. Draco leiteten den Strahl geschickt um, wodurch sich eine Pfütze auf dem Boden der Umkleide bildete. Zur Vergeltung schleuderte er eine Vielzahl kleiner Wasserbomben in Harrys Richtung, der gleichzeitig eine Regenwolke über Draco entstehen ließ. So ging es eine Weile weiter, bis die gesamte Umkleidekabine unter Wasser stand und leider nicht nur ihre Schuhe, Taschen und Jacken, sondern auch die der Trainees vor sich hin tropften. Harry und Draco waren ebenfalls klatschnass. Sie grinsten sich an.
„Lass uns mit dem Boden anfangen, bevor das Wasser in den Flur oder in die Halle läuft und jemand nachsieht, wer dafür verantwortlich ist", schlug Harry vor. Es stellte sich heraus, dass es deutlich einfacher war, Dinge nass zu machen, als sie wieder trocken zu zaubern. Als sie endlich fertig waren, richtete Draco erneut seinen Zauberstab auf Harry. Harry öffnete in defensiver Art seine Arme und meinte: „Nicht noch einmal, Draco. Ich habe noch einen Fall zu lösen und kann nicht den ganzen Nachmittag mit dir spielen."
„Keine Sorge, das wird dir gefallen." Mit einer komplizierten Bewegung seines Schwarzdornstabes und einem tonlosen Spruch sorgte Draco dafür, dass Harry vollständig angezogen war. Nur seine Schuhe standen noch unter der Bank. Ein weiterer Spruch ließ Harrys Sportklamotten ordentlich gefaltet in seiner Tasche verschwinden.
„Wow, danke. Den musst du mir beim nächsten Mal wirklich beibringen." Harry wirkte einen Zeitzauber und sagte. „Schon fast fünf Uhr. Ich trink oben noch einen Kaffee. Möchtest du auch einen?"
„Nein, danke, geht nicht. Ich muss wieder runter ins Archiv, sonst komme ich heute gar nicht mehr nach Hause. Da wartet leider auch noch Arbeit auf mich. Ich habe am Wochenende nicht so viel geschafft, wie ich mir vorgenommen hatte."
„Hat Blaise bei dir übernachtet?", erkundigte sich Harry in einem Ton, der nicht wiedergab, wie sehr ihn die Antwort interessierte.
„Ja, die ganze Woche. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen, da gab es viel zu erzählen." Harry hätte gerne noch mehr zu dem Thema erfahren, begnügte sich stattdessen mit einer anderen Frage, die ihn seit dem Abend im Dragons beschäftigte: „Hast du eigentlich noch Kontakt zu Pansy Parkinson?"
„Pansy? Ohhhh ja." Harry fragte sich, warum Draco das ‚Oh' in die Länge zog, aber Draco redete schon weiter: „Wir treffen uns alle paar Wochen. Wieso?"
Harry konnte Pansy nicht leiden. Er nahm es ihr übel, dass sie ihn an Voldemort hatte ausliefern wollen, und er erinnerte sich noch gut daran, wie sie ständig mit Draco zusammengesessen und an ihm rumgefummelt hatte. „Nur so. Als ich Samstag deine anderen Slytherin-Freunde gesehen habe, habe ich mich gefragt, warum sie nicht dabei ist. Oder Goyle."
Wieder kam dieses nachdenkliche Zögern, bevor Draco schließlich mit einer Antwort rausrückte. Offenbar musste er sich immer erst genau überlegen, ob er Harry etwas Persönliches verraten wollte. „Pansy ist in Nizza. Sie hatte am Wochenende keine Zeit. Sie hat ihr letztes Schuljahr in Beauxbatons wiederholt und ist danach in Frankreich geblieben. Sie hat eine eigene Modefirma. Und mit Greg habe ich keinen Kontakt mehr. Seine Eltern waren Todesser und ich durfte mich nach dem Krieg nicht mit ehemaligen Todessern treffen. Er hat mir nicht verziehen, dass ich mich daran gehalten habe, obwohl ich ihn anbot, uns außerhalb seines Elternhauses zu sehen. Er wollte einfach nichts mehr mit mir zu tun haben. So, ich muss los. Fragestunde beendet." Sie verließen die Umkleide und gingen in Richtung der Aufzüge.
„Ok, dann bis Mittwoch", sagte Harry bevor er den Gang weiterging. „Es bleibt doch beim Mittagessen, oder?
Draco bejahte. Harry war schon ein paar Schritte weitergegangen als Draco ihn hinterherrief: „Harry, wir können ruhig in die Kantine gehen. Ich denke, das geht jetzt."
Harry lächelte Draco an: „Bis dann."
- Kapitel 18 -
Am Dienstag klapperten Harry und Weston noch Mal Rosegardens Verwandtschaft und ihre spärlichen Bekannten ab, um herauszufinden, ob sie dort inzwischen aufgetaucht war. Wahrscheinlicher war es jedoch, dass Rosegarden in die Welt der Muggels abgetaucht war. Darauf deutete auch eine Monatskarte des öffentlichen Nahverkehrs in London hin, die sie in einer Jacke im Schuppen gefunden hatten. Harry und Weston wollten die Karte von einem Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe auslesen lassen, um herauszufinden, welche Linie Rosegarden genommen hatte, doch für eine offizielle Kooperation mit der Londoner Polizei war es noch zu früh. Eine Vorgabe des Zaubereiministeriums legte fest, dass die Zusammenarbeit zwischen Muggels und Zauberern auf ein Minimum zu halten war, erst recht, wenn es um derart negative Angelegenheiten ging wie die Gefährdung von Muggels durch kriminelle Zauberer. Nach Voldemort waren die geheimen Beziehungen zwischen dem britischen Premier und dem Zaubereiminister sehr angespannt.
Aus diesem Grunde planten Harry und Weston, einen Angestellten der Londoner Untergrundbahn mit einem Imperiusfluch zu belegen und ihn später zu oblivieren. So ein Vorgehen bedurfte einer offiziellen Genehmigung, was wiederum Zeit kostete.
Am Mittwochmorgen bekamen Harry und Weston schließlich grünes Licht für ihre Aktion. Zu Harrys Enttäuschung würde er seinen Mittag nicht mit Draco in der Kantine verbringen können, sondern mit Weston in einer U-Bahnstation. Harry wollte gerade seinen Patronus zu Draco schicken, als er ihn mit einem Mantel bekleidet und einem Teebecher in der Hand aus dem Pausenraum kommen sah. Harry erklärte ihm, warum es aus dem Mittagessen leider nichts werden würde.
„Das passt mir gut", antwortete Draco. „Ich muss auch gleich los. Gestern Abend hat ein Mr. Pritchet die Zentrale verständigt. Er hat sein Haus von einem ehemaligen Todesser gekauft, nachdem es fast zwei Jahre leer stand. Nun beschwert er sich, ständig würden Ungeziefer in seinem Keller verenden. Er glaubt, es ginge eine böse Macht von ein paar alten Weinflaschen aus, die die Vorbesitzer dort hinterlassen hätten, und er könne fühlen, wie ihm die Lebensenergie entzogen würde, wenn er sich dem Weinregal nähere. Miguel und Sarah waren gestern noch dort und haben tatsächlich Spuren von schwarzer Magie feststellt. Ich soll mir die Sache beziehungsweise die Flaschen mal genauer anschauen."
„Aber doch wohl nicht alleine", hakte Harry nach.
„Nein, deine Kollegen kommen natürlich mit. Ich weiß aber nicht, wann wir zurück sind." Draco hielt kurz inne, dann fügte er noch hinzu: „Ich habe John eben meine Analyse zu Rosegardens Konstruktionsplänen übergeben. Sie scheint mir nicht gerade ein Profi zu sein – wie ja schon an ihrem Arbeitsplatz zu sehen war. Ihre Berechnungen sind falsch. Ihr Plan scheint zu sein, den Pier in Brighton in die Luft zu jagen, aber ihre Mengenangaben für die Vulkanerde sind nicht korrekt und sie will Magma vom Ätna verwenden, obwohl der Vesuv viel besser geeignet wäre, wenn es denn schon ein europäischer Vulkan sein muss. Oh, und dann möchte sie die Blüten vom Flammenden Herz nehmen - pulverisiert, nicht etwa das ganze Blatt, stell dir das …"
Harry unterbrach Dracos Redeschwall. Seine Erläuterungen waren verwirrend und auch nicht wirklich spannend. Sie erinnerten Harry stark an Hermines Geschwafel, wenn es um bestimmte Wissensgebiete ging. Das einzige Interessante an der ganzen Sache war, wie Dracos Augen bei dem ganzen Thema aufleuchteten. Außerdem mochte Harry Dracos Stimme. Er hätte ihm wahrscheinlich stundenlang lauschen können, wenn er nicht bald mit Weston los müsste: „Reden wir hier über dunkelmagische Objekte oder über Zaubertränke?"
Draco sah Harry ein wenig fassungslos an. Mit seiner typischen Arroganz in der Stimme erklärte er: „Ein magisches Objekt ist schon per definitionem die Verknüpfung eines festen, nichtmagischen Körpers mit einer magischen Substanz, wobei..." Draco beendete seinen Satz nicht. Etwas in Harrys Blick veranlasste ihn, das Thema zu wechseln. „Wie dem auch sei. Rosegarden wird den Palace Pier mit ihrer Konstruktion definitiv nicht in die Luft jagen, nicht weil, sie es nicht möchte, sondern weil sie dafür zu dämlich ist. Menschen könnten aber trotzdem gefährdet werden. Der Bericht liegt auf Westons Arbeitsplatz."
„Ok, danke, ich lese mir deinen Bericht später durch. Ach, ähm, wie wäre es denn, wenn wir unser Mittagessen auf Freitag verschieben? Ich meine, wir müssen wirklich mal über das Training reden und den Fragebogen weiter ausfüllen." Harry hielt seinen Tonfall möglichst beiläufig.
„Freitag? Ja, in Ordnung."
„Gut, ok, ich muss dann los. Und wegen gleich bei deinem Einsatz… sei vorsichtig."
Draco sah Harry mit leichtem Unglauben an. „Du machst dir tatsächlich Sorgen um mich."
Harry merkte, wie er rot wurde. „Es ist nur, Hermine würde mich umbringen, wenn dir hier was passiert."
„Klar, Hermine… Ich pass schon auf mich auf."
Als sie am Freitag die Kantine betraten, bemerkte Harry niemanden mehr, der Draco seine Abneigung offen spüren ließ. Kaum saßen sie am Tisch, fragte Draco nach den neusten Ergebnissen im Fall Rosegarden.
„Wir haben einen Bahnangestellten an der St. Pauls Tube-Station ‚befragt'", Harry zeigte durch seine Betonung, dass es sich keineswegs um eine Befragung gehandelt hatte, „und haben erfahren, dass Rosegarden das Ticket am 23. Oktober um 9:43 Uhr in Hammersmith gekauft und dort auch zum ersten Mal benutzt hat. Leider werden sonst keine Daten auf Oyster-Karten gespeichert."
„Und was habt ihr jetzt vor?"
„Wir werden es jetzt mit den Muggel-Überwachungskameras versuchen. Auf denen müssten wir sehen können, wie Rosegarden das Ticket kauft. Dann können wir ihren Weg durch die Stationen verfolgen und sehen, wohin sie gefahren ist. Vielleicht sogar, wo sie ausgestiegen ist. Eigentlich kann man so Personen durch die ganze Londoner Innenstadt verfolgen, weil die Muggels überall CCTV-Kameras installiert haben. Es ist nur sehr aufwendig, sich die ganzen Aufnahmen zu besorgen und anzuschauen."
„Wie kommt ihr denn an solche Aufnahmen überhaupt dran?", wollte Draco wissen.
„Wir haben ein paar Kontaktpersonen bei der Londoner Polizei. Das sind meistens Squibs oder Partner von Zauberern, die mit uns zusammenarbeiten. In diesem Fall haben wir Kevin kontaktiert, Kevin Flaherty. Er ist mit Julia aus Hermines Abteilung verheiratet. Er arbeitet bei der Londoner Polizei, ist aber auch IT-Spezialist. Macht beim Chaos Computer Club mit und so. Jedenfalls kann er sich auf den Server der Verkehrsbetriebe hacken und die Aufnahmen besorgen. Das geht schneller, als wenn er die Aufnahmen offizielle beantragt. Wir haben ihn gestern Abend kontaktiert und ich hoffe, er meldet sich bald."
Draco sah etwas verwirrt aus und Harry erkannte, dass er wahrscheinlich keine Ahnung von Computern hatte. Es freute Harry, dass er mal besser Bescheid wusste als der Slytherin.
„Alles verstanden?", fragte er deshalb genüsslich nach.
„Genug jedenfalls", wich sein Gegenüber aus und schaute dabei aus einem der magischen Fenster, die die Themse an einem nasskalten Herbsttag zeigten.
Nach dem Essen reinigte Harry die Tischoberfläche mit einem Spruch und holte den Fragebogen, einen Stift und ein leeres Blatt Papier aus seiner Tasche. Sie gingen die Fragen durch und besprachen die Zauber, die Draco bei den Duellen benutzt hatte. Harry machte sich Notizen über die Zauber, die Draco gut beherrschte und bei denen er Probleme hatte. Außerdem notierte sich Harry Sprüche, die Draco noch nicht kannte. Dann erklärte Harry, wie sich Draco in bestimmten Situationen besser schützen konnte und legte ihm Strategien nahe, wie er sich für seine Angriffszauber mehr Zeit verschaffen konnte. Er stellte ihm eine Reihe von Spruchkombinationen vor, die er selbst in der Grundausbildung gelernt hatte. Draco hörte aufmerksam zu, stellte interessierte Fragen und hakte nach, wenn ihm etwas nicht plausibel erschien. Harry fand, dass Draco ein angenehmer Schüler war, und es überraschte ihn, dass der Slytherin seine Verbesserungsvorschläge so gut annahm.
Nach einer Stunde mussten sie ihre Besprechung beenden, weil Arbeit in der Zentrale auf sie wartete. Bevor sie aufstanden, erkundigte sich Harry noch nach Dracos Hausbesuch bei Mr. Pritchet. Dass Draco unversehrt in die Zentrale zurückgekehrt war, hatte er auf vorsichtiges Nachfragen noch am Mittwoch von seinen Kollegen erfahren.
Draco begann, nun ausführlicher über seinen Einsatz zu reden. Wie sich heraus gestellt hatte, waren die Ratten und Mäuse durch ein handelsübliches Rattengift gestorben, das Mr. Pritchets Schwiegersohn bei seinem letzten Besuch im Keller verstreut hatte. Die Weinflaschen waren ebenfalls völlig harmlos gewesen. Wenn sich Mr. Pritschet von ihnen verzaubert fühlte, dann vielleicht, weil er einen Hang zum Alkohol hatte. Im Keller war tatsächlich schwarze Magie spürbar. Es handelte sich um das Nachwirken früherer Gräueltaten, die dort stattgefunden hatten, als die Todesser an der Macht waren.
Dracos Stimme wurde immer belegter. Er zögerte, bevor er weiter erzählte: „Der frühere Besitzer hat im Keller offenbar Muggels gefoltert. Miguel hatte sich die Akte besorgt." Dracos schaute an Harry vorbei, während er das sagte, aber immer wieder flatterte sein Blick zu Harry zurück, so als wollte er prüfen, wie dieser reagierte. „Das Haus gehörte den Crabbes, Vincents Eltern. Voldemort ist dort ein paar Mal gewesen. Man kann seine dunkle Energie in ein paar Räumen noch immer spüren, so als ob seine Aura aus den Wänden sickert." Draco seufzte gedankenverloren. „Es ist dort aber nicht so schlimm wie bei uns im Landsitz. Malfoy Manor ist durch Voldemort vergiftet worden. Das ist auch der Grund, warum meine Mutter dort nicht mehr lebt, sondern zwischen Paris und Nizza hin und her tingelt. Es ist dort so viel geschehen..." Draco verstummte. Sei Blick verlor sich ins Leere, seine linke Hand verkrampfte sich auf der Tischplatte um seine rechte.
„Ich weiß, was in eurem Haus vorgefallen ist, Draco. Ich habe gehört, was du und deine Eltern, was ihr vor dem Zaubergamont ausgesagt habt und was … die anderen…„
… Todesser gestanden haben?", vervollständigt Draco Harrys Satz. „Was Voldemort zum Beispiel mit Professor Burbage gemacht hat? Ich war dabei Harry. Mein Vater, meine Mutter, sogar Severus. Wir saßen am Tisch als Voldemort den Avada Kedavra gesprochen hat. Dann hat er Nagini gerufen und sie … sie hat... sie…" Draco konnte sich nicht dazu bringen, den Satz zu beenden. „Du hast damals im Gerichtssaal gesagt, du hättest Visionen von Voldemort gehabt," Draco zögerte erneut, „und du hättest gesehen, wie ich … wie ich …Rowle … bestraft habe, mit einem Cruciatus." Dracos Worte endeten in einem Flüstern. Er blinkte und schaute weg.
Harry schwieg. Dann streckte er seine Hand aus und legt sie über Dracos ineinander verschränkte Hände. Draco zuckte zurück und zog seine Hände weg. Unbewusst ging sein Blick zu den in der Kantine verbliebenen Ministeriumsmitarbeitern, um zu schauen, ob jemand Harrys Geste gesehen hatte. Er schüttelte den Kopf. „Nicht. Du brauchst nicht…Ich meine, ich will nicht…" Draco holte tief Luft, dann sah er Harry direkt an, und seine Augen waren hart. „Ich will dein Mitleid nicht. Ich brauche auch deine Unterstützung nicht. Du musst das hier nicht machen, nur weil Hermine dich darum gebeten hat. Ich weiß, dass sie dir aufgetragen hat, mit mir essen zu gehen und dich um mich zu kümmern. Ich verstehe nicht, warum du es machst."
Harry war fassungslos über den plötzlichen Stimmungswechsel. Aufgebracht erwiderte er: „Hermine hat mit keinem Wort gesagt, dass ich mich um dich kümmern soll, Draco. Das einzige, was sie wollte, war, dass ich dir eine Chance gebe. Das habe ich getan. Und glaube mir, ich bemitleide dich nicht. Immerhin hast du dir die ganze Scheiße, die damals passiert ist – und die anderen das Leben gekostet hat – selbst eingebrockt."
Als Draco den Mund öffnete, um was zu sagen, ließ Harry ihn nicht zu Wort kommen. „Ich weiß, aus welchen Gründen du all das getan hast. Ich verstehe es, wirklich. Ich habe dir vor langer Zeit verziehen. Du warst ja auch fast noch ein Kind. Du hast deine Eltern geliebt und hattest Angst um sie." Draco hörte Harry mit versteinerter Miene zu.
„Aber ich weiß auch, was für ein Arsch du sein kannst. Ich erinnere mich noch gut daran, wie du mir im 6. Schuljahr ins Gesicht getreten hast. Im Zug. Und ich weiß auch, dass du es genossen hast, bei Umbridges Inquisitionskommando mitzumachen. Also geh mal davon aus, dass ich kein Mitleid mit dir habe."
Draco wirkte ernsthaft bestürzt. Er presste seine Lippen aufeinander, kniff die Augen leicht zusammen und hob das Kinn an. Es war die gleiche Haltung, die er eingenommen hatte, als Fred ihn bei der Essensausgabe beleidigt hatte. Harry wusste, dass Draco kurz davor war, ihn anzufahren, ließ sich davon aber nicht beeindrucken. Seine Stimme wurde sanfter.
„Das war früher, Draco. Vielleicht gibt es immer noch einen Teil in dir, der so ist. Ich glaube aber, dass du dich geändert hast. Ich finde dich witzig und warmherzig und klug." Harry zögerte kurz und sagte dann mit eindringlicher, aber etwas rauer Stimme: „Ich mag dich, Draco. Wirklich. Hermine hat nichts damit zu tun, wie ich mich dir gegenüber verhalte. Ich habe dich in den letzten Wochen kennen und schätzen gelernt. Ich weiß jetzt, was Hermine in dir sieht und warum sie mit dir befreundet ist. Ich...ich möchte dich näher kennenlernen. Ehrlich gesagt, würde ich mich freuen, wenn wir Freunde wären. Also…"
Harry streckte seine Hand über den Tisch und hielt sie Draco entgegen. Dieser blickte für ein paar Sekunden auf Harrys Hand, dann zurück in sein Gesicht. Sein Blick wurde weicher, dennoch sagte er: „Damals hatte ich mit dieser Geste nicht viel Glück."
„Nein. Und du weißt auch warum, ja?"
Draco zögerte mit der Antwort. Sein Gesicht nahm einen spitzbübischen Ausdruck an. „Weil du auf Rothaarige stehst?
„Falsch. Ich steh auf blond."
„Oh."
„Blond und fit, Draco. Schau dir Samuel an.
„Hm."
„Was ist jetzt? Mein Arm wird schlapp."
„Musst wohl selber noch an deiner Fitness arbeiten, Potter."
Harry ließ die Hand sinken, stand auf und fing an, das Geschirr auf sein Tablett zu stapeln. Dann schob er sein Tablett über Dracos und drückte ihm beide gegen den Bauch. „Du bist ein Idiot. Kümmer' du dich um die Tabletts, ich hab schon den Fragebogen."
Draco zog eine Grimasse und ließ ihre Tabletts mit seinem Zauberstab Richtung Geschirrannahme verschwinden.
Harry war schon ein paar Schritte in Richtung Ausgang gegangen, als Draco von hinten aufschloss. Er sagte: „Du hast mein Freundschaftsangebot damals abgelehnt, weil ich Rons Familie beleidigt habe. Und Muggelstämmige. Hättest du denn eingeschlagen, wenn ich das nicht gesagt hätte?"
Harry war reichlich verstimmt, weil er so viel von seinen Gefühlen preisgegeben und Draco trotzdem nicht eingeschlagen hatte. „Ich bin mir nicht sicher. Du hattest einen Eimer Gel in den Haaren und warst kein Stück weniger arrogant als heute. Der Sprechende Hut wollte mich sogar zu euch Slytherins stecken, aber nach deinem Auftritt habe ich ihn angefleht, mich davor zu bewahren." Es hatte nicht an Draco gelegen, sondern an der gesamten Reputation des Hauses Slytherins, aber das war Harry in dem Moment egal.
„Was? Der Sprechende Hut dachte, du gehörst nach Slytherin? Das ist nicht dein Ernst."
„Doch."
„Und wieso bist du dann in Gryffindor gelandet?"
Sie waren am Ausgang der Kantine angekommen. Harry hielt Draco die Tür auf und folgte ihm in den Flur.
Harrys Stimme war nicht sehr ernst als er erklärte: „Wie gesagt, ich wollte auf keinen Fall in das gleiche Haus wie du. Aber auch, wenn ich zu euch gekommen wäre, wären wir sicher nicht Freunde geworden. Du bist ja immer schreiend weggelaufen, wenn es mal etwas gefährlich wurde, und wie du Seidenschnabel behandelt hast, das ging gar nicht."
„Seidenschnabel?" Dracos Gesicht spiegelte übertriebenes Entsetzen. "War das nicht Hagrids Hippogreif, der, der mir fast den Arm abgebissen hat?"
Harry stieß ein spöttisches Schnauben aus: „Genau. Wo du fast gestorben wärst."
Sie waren inzwischen am Fahrstuhl angekommen. Draco grinste verlegen, sah aber schon kurz darauf Harry mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Aber heute willst du mein Freund sein? Meinst du nicht, dass du ein bisschen netter zu mir sein solltest, wenn das dein Ziel ist?", fragte er frotzelnd.
„Mein Ziel hat sich vor genau dreieinhalb Minuten ins Gegenteil verkehrt", erwiderte Harry gespielt hochmütig.
„Ach so. Naja, ich habe mich oft gefragt, ob sich für mich die Dinge besser entwickelt hätten, wenn ich mich damals im Zug – also im ersten Schuljahr – anders verhalten hätte. Nach diesem Gespräch weiß ich nun, dass wir niemals Freunde geworden wären." Draco warf Harry einen abgeklärten Blick zu und stellte fest: „Irgendwie tut es gut zu wissen, dass es nicht ein einzelner Moment war, an dem es gelegen hat. Ich hatte offenbar nie eine Chance bei dir."
Harrys Ego war durch die halb ernste, halb spaßige Unterhaltung bereits wieder beschwichtigt worden und meinte: „Naja, so würde ich es jetzt auch nicht sagen. Ich war nicht so wählerisch, was Freundschaften anging. Ich hatte vor Hogwarts nämlich nie Freunde. Mein Cousin Dudley, mit dem ich aufgewachsen bin, hat immer alle Kinder bedroht, mit denen ich gespielt habe."
„Ein Muggel? War er eifersüchtig auf deine magischen Fähigkeiten?"
„Nein, er war einfach ein gemeiner Mensch und hat mich gehasst. Von meinen Fähigkeiten wusste er gar nichts."
„Dann hast du dich also nur mit Hermine und Ron befreundet, weil du nicht wusstest, dass es auch coole Leute gibt?"
Draco lächelte Harry frech an. Dieser grinste verschwörerisch zurück: „Du meinst, wegen Hermines Hasenzähnchen und Besserwisserei?"
„Ja, und wegen Rons Ratte und den Strickpullis", ergänzte Draco.
Harry fragte sich, wie es dazu gekommen war, dass er mit Draco einfach so über seine besten Freunde frotzeln konnte. Vielleicht waren sie schon längst Freunde und es bedurfte gar keiner offiziellen Deklaration. Trotzdem, Draco hätte ihn nicht abweisen dürfen.
„Das werde ich übrigens Hermine erzählen, dass du sie uncool findest", hörte er sich selbst sagen.
„Fand. Das war früher."
„Egal." Harry blieb erbarmungslos
„Sag ihr nichts. Sonst schlägt sie mich wieder."
"Das soll sie ja auch. Und ich werde ihr auch sagen, dass du mein Freundschaftsangebot abgelehnt hast."
„Tu das nicht", bat Draco in gespielter Verzweiflung.
„Oh doch. Dann entbindet sie mich sicher auch von der Pflicht, mit dir essen zu gehen", gab Harry mit falscher Boshaftigkeit zurück.
„Ich wusste es!", rief Draco aus.
„Nein, Quatsch. Wirklich, Hermine hat mir nichts Derartiges gesagt."
Draco blickte Harry abschätzend an. Nachdenklich bewegte er seinen Kopf hin und her. „Weiß eigentlich irgendjemand außer mir, dass du ganz schön hinterhältig bist?"
Der Aufzug kam und sie stiegen ein. Harry war froh, dass sie die einzigen Fahrgäste waren. Er wählte das Stockwerk Nummer zwei für die Aurorenzentrale. Draco drückte auf den Knopf zum Archiv. Als er sich wieder zu Harry umdrehte, streckte dieser ihm erneut seine Hand entgegen. „Was ist denn jetzt?", fragte Harry.
Dieses Mal ließ Draco ihn nicht warten. Mit einem überraschend offenherzigen Lächeln nahm er Harrys Hand und drückte zu. „Freunde, natürlich. Wer würde sich schon dem Retter der Zauberwelt verweigern?"
„Wenn das jetzt so eine strategische Slytherin-Entscheidung ist, dann kannst du es gleich vergessen", antwortete Harry mürrisch.
„Was soll es denn sein? Eine Entscheidung des Herzens?", fragte Draco spöttisch.
Harry wurde rot, antwortete aber dennoch: „So etwas in der Art, auch wenn mir die Formulierung nicht gefällt." Die Aufzugstür öffnete sich.
„Es ist beides. Es ist klug, dein Freund zu sein, aber … ich möchte es auch … von Herzen." Draco zog das letzte Wort in die Länge, setzte dann aber ein „Wirklich" nach, und dieses Mal klang seine Stimme ernst und aufrichtig.
Harry lächelte Draco glücklich an und trat in den Flur. Er wollte sich gerade verabschieden, da sagte Draco: „Aber Harry, für dich kann es Nachteile haben, mit mir befreundet zu sein. Der Retter der Zaubererwelt verbrüdert sich nicht mit einem Todesser. Das kommt nicht gut an."
„Ehemaliger Todesser. Und es ist mir scheiß egal, was andere denken. Mach dir keine Gedanken um mich." Die Fahrstuhltür schloss sich wieder und Harry konnte gerade noch ein „Bis dann" hinterher werfen.
Gedankenverloren und doch beschwingt ging Harry den Gang zum Büro entlang. Er fragte sich, was es bedeuten würde, Draco Malfoys Freund – guter Freund – zu sein. Um seine Reputation machte er sich nicht die geringsten Sorgen, eher um sein Herz. Aber nein, Quatsch, das gehörte ja Samuel. Gute Freunde, einfach nur gute Freunde. Harry lächelte still vor sich hin, und seine Freude wurde noch größer, als er eine Nachricht von Kevin auf seinem Arbeitsplatz vorfand. Er hatte die Aufnahmen der Überwachungskameras vom 23. Oktober besorgt. Harry und Weston würden sie bereits am Nachmittag sichten können.
- Kapitel 19 -
Harry hätte nicht gedacht, dass allein die Deklaration ihrer Freundschaft die Beziehung zwischen ihm und Draco derart vertiefen würde, wie es in den drei nachfolgenden Wochen geschah. Es fing damit an, dass Draco sich am Montag in der MMI zu Harry und Weston setzte und sich danach noch ein bisschen mit ihnen über das Wochenende unterhielt. Zu Harrys angenehmer Überraschung verlagerte Draco einen Teil seiner Arbeit in die Zentrale und zog sich nicht mehr den ganzen Tag ins Archiv zurück. Manchmal blieb er für einen kurzen Plausch an Harrys Arbeitsplatz stehen und stets verabschiedete er sich von ihm, wenn abzusehen war, dass sie sich an dem Tag nicht mehr sehen würden.
Auch Harry suchte Dracos Nähe. Er empfing Draco morgens mit einer Tasse seines japanischen Gyokuros, und es war plötzlich selbstverständlich, dass sie die Mittagspause wenn möglich zusammen verbrachten. Manchmal schlossen sie sich Kollegen an, manchmal aßen sie aber auch alleine, was Harry genauso gut gefiel. Er genoss Dracos Humor, und dass er Harry auf Trapp hielt und hinterfragte. Zu viele Leute begegneten dem Retter der Zauberewelt mit einer Art Ehrfurcht, behandelten Harry, als sei er zu erhaben für Späße. Dracos Foppereien führten dazu, dass Harry sich freier fühlte. Er konnte mehr er selbst sein, mit Draco rumalbern oder streiten.
Auf der anderen Seite berührten ihre Gespräche aber auch ernsthafte Themen. Harry merkte schnell, dass Draco von der Vergangenheit genauso oft eingeholt wurde wie er selbst. Trotzdem zog es Harry nie runter, wenn sie über Voldemort und den Krieg sprachen. Draco verstand ihn in einer Weise, die er von anderen nicht kannte. Nicht immer gab Draco bereitwillig Auskunft, wenn Harry ihn auf persönliche Dinge ansprach. Gerne wich er aus, ignorierte Harry oder ging in die Offensive. Letztendlich gab er dann aber doch noch ein Stück von sich preis. Es war lächerlich, aber Harry fühlte sich in diesen Momenten, als ob er beschenkt worden wäre.
Mit Draco Zeit zu verbringen war irgendwie so einfach, und doch, da gab es noch eine andere Ebene, und die war alles andere als leicht und unkompliziert. Harry zog es vor, nicht so genau darüber nachzudenken. Er redete sich ein, dass es einfach schön war, einen gleichaltrigen Freund unter den Kollegen zu haben, und dass es auch nicht viel anders wäre, wenn er mit Ron zusammen arbeiten würde. Dass Draco völlig andere Gefühle in ihm auslöste als sein bester Freund, versuchte Harry zu ignorieren.
Am Ende der zweiten Woche tauschten sie ihre Flohadressen aus und Harry öffnete die Schutzschilde des Grimmauld Platzes für seinen ehemaligen Erzrivalen. Sie hatten bisher keine Zeit außerhalb der Zentrale miteinander verbracht, abgesehen von einem Abend im Leaky zusammen mit Weston, um den erfolgreichen Abschluss ihres Falles zu feiern. Es war ein Samstag gewesen, und die beiden Auroren hatten Draco in die Magier-Kneipe eingeladen, weil er ihnen bei ihrem Fall sehr geholfen hatte.
***
Die Verfolgung der Hexe über die Überwachungskameras in der Londoner Untergrundbahn hatte sie zunächst nicht weitergebracht. Sie fanden heraus, dass Rosegarden bis zur Station Bank gefahren, die Threadneedle Street entlang gegangen und in die Old Broad Street abgebogen war. Sie hatte sich alles genau angesehen, war dann jedoch im Schatten eines Hauseinganges verschwunden und nicht wieder aufgetaucht.
Draco hatte sich inzwischen nochmal die magischen Substanzen, die Rosegarden in dem Erdloch unter ihrem Schuppen versteckt hatte, angesehen. Außerdem war er die Kopien der Muggel-Akten zu Rosegardens Anschlägen auf die Brücken in Newcastle und Stockton-on-Tees durchgegangen. Am Ende übergab er Harry und Weston eine Liste mit den Substanzen, die Rosegarden für ihre magischen Bomben benötigte, und den Adressen der Händler, die diese vertrieben. Darauf waren sogar spezifische Personen, die nur auf dem Schwarzmarkt in Erscheinung traten, aufgelistet. Als Harry Draco fragte, woher er diese zwielichtigen Gestalten kannte, bekam er keine Antwort.
Harry und Weston hatten die entsprechenden Geschäfte und Dealer abgeklappert und waren tatsächlich fündig geworden. Ein gewisser Leroy hatte Rosegarden in den letzten Jahren regelmäßig mit magischen Substanzen versorgt. Die Hexe sei erst vor fünf Tagen erneut bei ihm gewesen und hätte einen gehetzten und wirren Eindruck gemacht. Sie hätte über Leroys Angebote geschimpft. Besonders habe sie sich über den Preis für das Sekret aus der Speicheldrüse des Kleinen Feuerflämmchens aufgeregt. Rosegarden hielt Leroys Forderungen für unangemessen und war am Ende wütend abgerauscht, ohne die Substanz zu kaufen.
Zurück in der Zentrale suchte Harry Draco auf und berichtete ihm von Rosegardens Besuch in der Londoner City. Außerdem wollte er wissen, was es mit diesem besonderen Sekret auf sich hatte.
„Kleine Feuerflämmchen sind eine magische Nachtfalterart, die vom Zaubereiministerium unter besonderen Schutz gestellt wurde", antwortete Draco ohne Nachdenken zu müssen.
„Braucht Rosegarden das Zeug unbedingt?"
„Auf jeden Fall. Ohne das Sekret bleibt die explosive Wirkung ihrer Bomben auf ein paar Meter im Durchmesser beschränkt."
„Und wo bekommt sie es billiger her? Oder glaubst du, sie kommt noch mal zurück?"
Draco überlegte für einige Sekunden und sagte dann: „Ich denke, sie wird versuchen, das Sekret selbst herzustellen. In ihrer Werkstatt gab es ein paar Bücher mit Informationen dazu, wo bestimmte Substanzen herkommen und wie man sie herstellen, beziehungsweise gewinnen kann. Sie hatte einige Seiten markiert, unter anderem eine Seite zu Feuerflämmchen."
„Und du meinst, sie kriegt das hin? Hast du sie nicht immer für eine Stümperin gehalten?"
"Naja, sie verfügt schon über einige Grundkenntnisse und das Sekret zu gewinnen, ist auch nicht gerade schwer. Wir haben ein ähnliches Verfahren in Hogwarts im 2. Schuljahr angewendet, wie du dich vielleicht erinnerst, als wir den Haarwuchstrank gebraut haben. Dazu mussten wir auch ein Sekret aus einer Falterart extrahieren. Das haben fast alle in der Klasse problemlos hingekriegt."
Harry erinnerte sich sehr gut an die Stunde, weil bei den Schülern nicht nur das Kopfhaar, sondern alle Körperhaare in Sekundenschnelle gewachsen waren, was zu einem entsetzten Gekreische einiger Mädchen geführt hatte. Snape war von dem Lärm so genervt gewesen, dass er allen Häusern Punkte abgezogen hatte.
„Das Problem ist nicht die Herstellung selbst, sondern eher, wie man an die Feuerflämmchen herankommt", fuhr Draco fort. "Das Einfangen ist nicht nur illegal, sondern auch sehr schwierig. Man findet sie nur bei Neumond. Dann kommen sie aus ihren Verstecken, bilden kleine Schwärme und tanzen in der Luft. Wahrsager können daraus die Zukunft vorhersehen. Deshalb wurden sie gejagt und sind hier bei uns fast ausgestorben."
„Und wie kann Rosegarden diese Falter finden?"
„Man sagt, sie versammeln sich an Orten, an denen die Zukunft besonders relevant ist."
Harry sah Draco verständnislos an. Also versuchte dieser es mit einer anderen Formulierung: „Orte, wo Menschen ständig die Zukunft wissen wollen oder vorhersagen."
„Na, das ist ja sehr hilfreich. Wo soll das sein? Ein magischer Ritualplatz wie Stonehenge, eine Universität oder vielleicht ein Krankenhaus? Beim Pferderennen in Ascot?"
Draco dachte nach, dann meinte er: „Du sagtest doch, Rosegarden sei in der City gewesen. Da gibt es doch den London Stock Exchange, eine der ältesten und größten Börsen der Welt. Jeder Muggel, der dort arbeitet, versucht offenbar, in die Zukunft zu sehen. Mein Vater meinte immer, man könne an keinem Ort der Welt so schnell zum Millionär werden wie an einer Muggelbörse. Man müsse nur etwas vom Wahrsagen verstehen."
Harry horchte auf: „Ist deine Familie deswegen so reich, weil Lucius mit Aktien spekuliert hat? Hat er etwa mit Muggeln Geschäfte gemacht?" Harry konnte es kaum glauben. Was für ein bigottes Arschloch Dracos Vater wäre, wenn das stimmte.
„Nein, natürlich nicht. Glaubst du, mein Vater hätte sich zweimal auf Voldemort eingelassen, wenn er imstande gewesen wäre, in die Zukunft zu sehen?"
„Nein, wohl nicht, aber andere Bedenken hätte er wohl nicht gehabt, Geld mit Muggels zu verdienen, obwohl er sie als Untermenschen betrachtete!"
Draco sah ihn nur schweigend an.
„Ok, ok, schon gut. Vergiss, was ich gesagt habe. Das mit der Börse ist auf jeden Fall ein sehr guter Tipp. Es ist eine mögliche Erklärung dafür, warum Rosegarden sich in der Old Broad Street umgesehen hat. Die letzte Aufnahme von ihr zeigt sie jedenfalls genau gegenüber des London Stock Exchange Towers." Harry fühlte, wie Aufregung in ihm aufstieg. Endlich gab es mal eine vielversprechende Spur.
"Na dann, der nächste Neumond ist am Donnerstag. Vielleicht kommt sie nochmal hin."
„Und wo würden sich diese Flammenfeuerchen zu ihrem Tanz versammeln? Mitten auf der Straße doch sicher nicht."
„Feuerflämmchen, Harry. Wahrscheinlich genau über dem Turm."
„Danke, Draco, du hast uns sehr geholfen." Harry war so erfreut über diese vielversprechenden Informationen, dass er einen Schritt auf Draco zu machte, um ihn zu umarmen. Seine Arme hatten Draco schon locker umschlossen, da bemerkte er, wie sich Draco versteifte. Offenbar war seine Geste völlig unangemessen. Schnell bremste er sich und klopfte Draco nur ungeschickt auf die Schulter. Draco schaute peinlich berührt zu Boden.
"Ich geh dann mal und schreibe meinen Bericht", meinte Harry verlegen und ging zu seinem Schreibtisch zurück. Er spürte Dracos Blick in seinem Rücken. Als er sich nochmal umsah, war Draco jedoch schon wieder in seinen Unterlagen vertieft.
So kam es, dass Harry, Weston und zwei weitere Auroren-Teams in der Nacht vom 15. zum 16. November 2001 inkognito in der Nähe und auf dem Turm der alten Londoner Börse warteten und um 3:37 Uhr Henriette Rosegarden bei der Beschaffung illegaler Substanzen festnehmen konnten. Die Ergreifung lief sehr unspektakulär ab. Henriette Rosegarden war nicht nur verwirrt, sondern auch völlig ausgemergelt und kraftlos. Sie hatten den sechs Auroren nichts entgegenzusetzen.
Und so kam es ebenfalls, dass sich Harry, Weston und Draco am darauffolgenden Samstagabend im Leaky trafen, um den Abschluss ihres Falles zu feiern.
Eigentlich war Harry an dem Wochenende dran, Samuel in Irland zu besuchen, aber dieser war auf einem Kurzurlaub mit Freunden und Harry hatte Ausreden gefunden, um nicht mitfahren zu müssen. Er war auch wirklich erschöpft nach den letzten Wochen und ein Bootsausflug war eh nicht so sein Ding. Den ganzen Tag mit ihm zum Teil fremden Personen zusammen zu hängen, brauchte er gerade nicht. Er würde ja auch gar nicht viel von Samuel haben, wenn sie nie allein sein konnten. Außerdem interessierte sich Harry nur bedingt für die Unterwasserwelt Cornwalls. Und es war ja auch wirklich wichtig, mit seinen Kollegen immer mal wieder Zeit zu verbringen – auch außerhalb der Arbeit.
Leider endete der Abend nicht so schön wie er angefangen hatte, was nicht an Draco oder Weston lag. Sie unterhielten sich sehr gut und der Alkohol floss reichlich. Alles hätte perfekt sein können, Harry genoss jede Minute, lachte viel und hörte interessante Storys von seinem älteren Partner. Immer wieder warf er Draco unauffällige Blicke zu, um zu schauen, ob er auch Spaß hatte. Draco ertappte ihn das ein oder andere Mal dabei und blickte ihn fragend an. Harry schüttelte nur den Kopf und konzentrierte sich wieder auf die Unterhaltung.
Was hätte er dem Slytherin auch sagen sollen? Dass es ihn immer noch erstaunte, wie sich die Dinge zwischen ihnen entwickelt hatten? Dass er seinen Blick nicht von Draco abwenden konnte? Dass sich etwas in ihm zusammen zog, wenn sich Draco mit den Fingern seine langen blonden Haare hinter die Ohren strich? Dass es ihn faszinierte, wie lang Dracos Hals wirkte, wenn er den Kopf hob, um den letzten Schluck aus seinem Glas zu nehmen, und wie reizend sich sein Kehlkopf unter der hellen Haut bewegte? Dracos Lachen jagte Harry Schauer über den Rücken und er konnte stundenlang beobachten, wie der Slytherin mit völliger Aufmerksamkeit Westons Geschichten verfolgte und sein Gesicht eine Palette an Gefühlen widerspiegelte, sei es Unglaube, Überraschung, Anteilnahme oder Belustigung. Harry wusste nicht was er tun konnte, um der Anziehungskraft zu entkommen, die Draco auf ihn ausübte.
Gegen zwölf Uhr beendeten sie den Abend. Bevor sich die drei Kollegen am Ausgang verabschiedeten, ging Harry zur Toilette, um seine Blase zu entleeren.
Als er am Pissoir stand, kam ein weiterer Gast in den Raum und nickte ihm zu. Dann sagte er: „Sie sind doch Harry Potter."
Harry bejahte und der andere fuhr fort: „Und der da an Ihrem Tisch, das ist doch ein Malfoy. Draco Malfoy, wenn ich mich nicht irre."
Harry reagierte nicht.
„Ist er es oder ist er es nicht?"
Harry bestätigte kurz, sagte aber nichts weiter dazu. Er wollte dem Mann nicht ermutigen, seine Fragerei fortzuführen. Dieser war aber nicht mehr zu bremsen: „Was macht ein Malfoy an Ihrem Tisch, Harry? Oder hat er Freigang?" Der Zauberer gluckste boshaft und fuhr fort: „Ich habe ja gehört, dass Sie gewisse Präferenzen haben. Ist nicht mein Ding, aber jedem das seine. Aber ein Malfoy, ein Malfoy, der muss doch unter Ihrer Würde sein. Die Malfoys gehören alle nach Azkaban, alle miteinander. Schlimm genug, dass nur einer von denen verurteilt worden ist, aber der ist ja jetzt wenigstens hinüber. Nun läuft sein Söhnchen hier rum, als gehöre ihm die Welt, und seine Frau lässt es sich in Frankreich gutgehen, die Fotze."
Harry sah dem Mann feindselig an. Zorn wallte in ihm auf und schon strömte seine Magie aus ihm heraus. Harry wollte keine Szene machen, aber das Gelaber dieses Typen war einfach unerträglich.
„Wieso also sitzt so einer an Ihrem Tisch? Das frage ich mich schon den ganzen Abend. Sie sind Auror und sollten eigentlich für Recht und Ordnung sorgen."
Harry zog seinen Reißverschluss zu und atmete tief durch. Der Mann wollte einfach nicht die Klappe halten: „Ich habe gesehen wie Sie ihn angesehen haben. Macht das Malfoy-Bübchen die Beine für Sie breit? Ist es das? Ist er ein guter Fick? Schläft sich hoch? Ich kann mir gut vorstellen, dass so einer genau weiß, welche Hebel er in Bewegung setzen muss. Abschaum ist das! Absch-…"
Der Mann kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden, denn Harrys Faust traf ihn mitten ins Gesicht und beförderte ihn geradewegs auf den Boden. Harry war in Sekundenschnelle über ihm und griff in sein Revers. Drohend hielt er nun seinen Zauberstab in der Hand.
„Sag das noch mal, und du findest dich im Mungo's wieder!"
Der Mann stöhnte nur und sah Harry aus glasigen Augen an. Seine Nase blutete. Harry löste seinen Griff und richtete sich auf. Die Tür ging auf und zwei Zauberer kamen herein. Alarmiert sahen sie Harry an: „Alles in Ordnung, Mr. Potter? Hat der Mann Ihnen was getan?"
Was sollte Harry darauf erwidern? Er schüttelte den Kopf. „Er hat mich und meine Freunde beleidigt. Es war mehr als verdient." Harry vertraute darauf, dass er ein so hohes Ansehen besaß, dass die Männer seine Handlung nicht in Frage stellen würden. Er sprach einen schnellen Analysezauber, um zu sehen, ob der Mann am Boden soweit in Ordnung war. Ausreichend, stellte Harry grimmig fest und ließ ihn auf den kalten Fliesen liegen. Ohne eine weitere Erklärung verließ er die Toilette. Er wusste nicht, ob das Ganze noch ein Nachspiel haben würde.
Als er zum Ausgang kam, wartete nur Weston auf ihn. Draco kam allerdings ein paar Augenblicke später von hinten dazu. Weston bemerkte sofort, dass was vorgefallen war: „Ist was passiert?", fragte er Harry.
Harry schüttelte den Kopf: „Nur so ein Idiot, der was gegen Schwule hatte. Wir hatten eine kleine Auseinandersetzung in der Toilette." Dabei vermied Harry es, Draco anzusehen. Er nahm seine Jacke von Weston entgegen, und ging in Richtung Tür.
Die beiden anderen folgten ihm. Draußen verabschiedeten sie sich und Weston apparierte als erster nach Hause.
„Danke für den schönen Abend, Harry", sagte Draco, bevor auch er seinen Zauberstab schwang. Kurz bevor er verschwand, hörte Harry, dass Draco sein letztes Wort noch mal wiederholte. „Und danke."
- Kapitel 20 -
Am Sonntagabend, Weihnachten war nur noch einen Monat entfernt, wollte sich Harry gerade über sein Essen in der Küche hermachen, als das Rauschen des Flohnetzwerkes im Salon erklang. Er ging die Treppe hinauf, um zu schauen, wer ihn sprechen wollte. Zu seiner Überraschung war es Dracos Kopf, der ihm aus den Flammen entgegen sah.
„Hi!", sagte Harry erfreut. Draco erwiderte seinen Gruß und ließ seinen Blick durch Harrys Zimmer schweifen. Harry wusste, dass er nur den vorderen Bereich des Zimmers scharf sehen konnte. Draco sah müde aus, was durch das grüne Licht noch verstärkt wurde. „Ich hoffe, ich störe gerade nicht. Ist Samuel noch da?"
„Nein, er hat um fünf seinen Portschlüssel nach Irland genommen."
„Oh, ok. Ich wollte nur Bescheid geben, dass ich morgen nicht ins Büro komme. Ich musste mir den Tag frei nehmen."
„Warum, ist was passiert?"
„Professor Grimzak hat für morgen eine Exkursion angesetzt. Ich wollte es dir Freitag sagen, aber du warst unterwegs. Grimzak möchte uns das Britische Museum zeigen. Wir sollen uns die dortigen dunkelmagischen Artefakte anschauen."
Alarmiert horchte Harry auf: „Im Britischen Museum gibt es dunkelmagische Objekte?"
„Ja, vor allem in der ägyptischen Abteilung. Keine Sorge, die sind alle inaktiv und bei den meisten wurde der Fluch schon vor langer Zeit zerstört." Harry machte ein zweifelndes Gesicht.
„Wie will denn dein Professor ins Museum kommen? Er ist doch ein Kobold."
„Er wird wohl einen Vielsafttrank nehmen oder sich mit einem Zauber maskieren. Dürfte für ihn kein Problem sein. Vielleicht hat er sogar ein Artefakt, das ihn verwandelt." Draco gähnte. „Sorry, war 'ne lange Nacht."
„Wieso, was war denn?" Die Frage war raus, bevor sich Harry stoppen konnte. Er ahnte, warum Draco in einer Samstagnacht wenig Schlaf bekommen hatte. Auf der einen Seite wollte er gar nicht mehr dazu erfahren. Allein der Gedanke an Draco in den Armen eines anderen löste ein komisches Gefühl in ihm aus. Auf der anderen Seite brannte er vor Neugierde.
„Na, es hat halt nicht jeder das Glück, seinen Liebhaber regelmäßig aus Irland einfliegen lassen zu können. Andere müssen für ein bisschen Sex hart arbeiten", teilte ihm Draco mit.
Harry wollte ihm sagen, dass er Samuel nicht ‚einfliegen' ließ und Harry ihn genauso oft besuchte wie umgekehrt, beschränke sich jedoch auf die Bemerkung: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für dich harte Arbeit ist, jemanden aufzureißen."
Die Bemerkung gefiel Draco offenbar gut, was sein beglücktes Lächeln zeigte. Trotzdem sagte er in einem wegwerfenden Ton: „Nein, das ist auch wiederum wahr. Aber es ist eben alles nicht so ruhig und gemütlich wie in einer festen Beziehung."
„Samuel und ich sind weder ruhig noch gemütlich – wenn du das mit langweilig gleichsetzt", gab Harry abwehrend zurück.
„Krieg dich ein, Harry. Ich meine das positiv. So, ich muss zusehen, dass ich noch was zu essen bekomme. Wir sehen uns dann am Mittwoch - voraussichtlich."
Bevor Draco die Verbindung unterbrechen konnte, rief Harry: „Hey, Draco. Kreacher hat mir gerade ein Steak gemacht. Komm doch rüber, es ist genug da."
Draco hielt inne und schien abzuwägen, ob er Harrys Angebot annehmen sollte. „Blutig, medium oder durch?"
„Ich mag es am liebsten gut durchgebraten."
„Du Crétin! Nein, tut mir leid, das bekomme ich nicht runter."
Harry rollte mit den Augen. „Es gibt auch noch Kartoffelecken mit Kräuterquark und Salat dazu."
„Was ist mit Nachtisch?" Draco Interesse schien geweckt zu sein. Harry hatte um kein Dessert gebeten und glaubte daher nicht, dass Kreacher etwas vorbereitet hatte. Er überlegte schnell, was er Draco anbieten könnte.
„Eis. Aber, wenn du jetzt fragst, ob Vanille oder Schokolade, dann ziehe ich mein Angebot zurück." Auf keinen Fall wollte er übereifrig wirken.
„Schon gut, ich komme rüber."
Harry trat einen Schritt zurück und sah zu, wie Draco erst verschwand und dann mit einem lauten Rauschen in seinem Kamin erschien. Er hatte eine lange, weiche Sporthose und eines der weißen Henley-Shirts an, die er offenbar gerne unter seinen Roben trug. Geschickt stieg er über den Kaminabsatz in den Salon. Er sah sich interessiert um und fragte mit Staunen in der Stimme: „Ist das hier wirklich der Grimmauld Platz? Ich hatte es viel dunkler in Erinnerung. Gibt es noch die getrockneten Elfenköpfe im Treppenaufgang und den Trollfuß im Flur?"
Harry hatte vor drei Jahren den dunklen Holzboden und die Holzvertäfelung an den Wänden aufgearbeitet und den Orientteppich ausbessern lassen. Die Wände waren nun mit einer hellen, edlen Stofftapete in breiten beigen Streifen verkleidet. Neben den Fenstern hingen luftige Vorhänge, die viel Licht hineinließen.
Der breite Schrank mit den Glastüren beherbergte zahlreiche Bücher und Gläser. Außerdem hatte Harry darin andere dekorative oder nützliche Gegenstände wie Kerzen und Fotos untergebracht. Auf einem Sideboard stand ein magisches Radio. Im Schrank selber war eine Spielesammlung, die Draco natürlich nicht sehen konnte. Ein Plattenspieler, der ohne Strom funktionierte, und eine Plattensammlung befanden sich ebenfalls im Raum.
Harry hatte das Klavier aus dem Raum entfernt und in eines der Schlafzimmer gestellt, da weder er noch einer seiner Freunde spielen konnte. Stattdessen stand nun ein großer Esstisch mit acht bequemen Jugendstilstühlen aus einem Möbel-second-hand Laden.
Die beiden Empirestyle-Sofas waren durch ein helles gemütliches Ecksofa und einen Zweisitzer ausgetauscht worden. In der Mitte stand ein niedriger Wohnzimmertisch. Muggel- und Zauberzeitschriften lagen darauf herum.
Am Fenster lud zudem ein dunkelroter Ohrensessel mit einem nicht dazugehörigen Hocker für die Füße zum Ausruhen ein. Der Raum wirkte hell, einladend und gemütlich und Harry hatte hier schon sehr schöne Abende mit seinen Freunden verbracht.
„Die Elfenköpfe und der Regenschirmständer sind im Müll gelandet, wie so einige andere sehr dubiose Sachen der Blacks. Ich musste jedes Zimmer renovieren, wie ich dir ja schon gesagt hatte - sonst hätte ich es hier nicht ausgehalten. Ich kann dir nach dem Essen das Haus zeigen, wenn du möchtest."
„Ja, gerne. Als Großtante Walburga noch lebte bin ich hier ein paar Mal gewesen. Ich war zu jung, um mich an viel zu erinnern. Die Besuche waren für immer schrecklich, weil ich das Haus gruselig fand. Jetzt sieht es hier wirklich gut aus." Harry freute sich über Dracos Lob. Er wusste, dass Draco einen hohen ästhetischen Anspruch hatte oder jedenfalls so tat als ob.
„Komm, wir essen in der Küche", meinte er und führte Draco in den Keller. Die Küche war noch so eingerichtet wie zu Zeiten der Blacks, aber alles war restauriert und auf Hochglanz poliert. Harry hatte die freien Wände hell gestrichen, so dass die höhlenartige Atmosphäre nicht mehr erdrückend, sondern gemütlich wirkte.
Kreacher kam aus seinem Raum als Harry und Draco zum Ende des langen Küchentisches gingen, wo Harrys Abendessen von einem Zauber warm gehalten wurde. Offensichtlich freute sich Kreacher über den Besuch eines Black-Nachfahrens: „Mr. Malfoy, Kreacher ist geehrt den Großneffen der Herrin begrüßen zu dürfen." Draco bedankte sich für die höflichen Worte und setzte sich Harry gegenüber auf die Bank.
„Kreacher, würdest du für Mr. Malfoy bitte noch ein Gedeck auflegen und ihm ebenfalls etwas von dem Essen geben. Aber kein Steak. Er mag es nicht durchgebraten."
„Kreacher wird Mr. Malfoy ein Steak zubereiten, wie man es eigentlich essen sollte - blutig."
„Danke, Kreacher, das wäre sehr freundlich", sagte Draco erfreut. Der alte Hauself stellte unaufgefordert zwei Weingläser auf den Tisch und füllte sie mit einem Rotwein aus dem Keller. Draco begutachtete die Weinflasche und nickte anerkennend. Harry kannte sich mit Wein nicht aus, aber es gefiel ihm, angeben zu können. Sie stießen an und warteten auf Dracos Essen.
„Kreacher bereitet immer Unmengen Fleisch zu, wenn Samuel hier war, weil es ihn so ärgert, dass Samuel Vegetarier ist und wir kein Fleisch essen, wenn er hier ist."
Draco grinste. „Ich kenne tatsächlich keinen einzigen Vegetarier. Das scheint noch eher so ein Muggel-Ding zu sein."
„Wenn man sich die Art und Weise anschaut, wie Muggels Tiere halten, ist das auch nicht verwunderlich." Harry hatte keine Lust weiter über da Thema zu reden, während ein leckeres Steak vor ihm auf dem Teller lag. „Wie war denn dein Wochenende?", fragte er stattdessen.
„Schön. Und deins?" Offenbar hatte Draco nicht vor, Harry in sein Liebesleben einzuweihen.
„Auch schön. Wir haben Hagrid und Mrs. McGonagall in Hogwarts besucht. Samuel wollte gerne mal das Schloss sehen. Er selbst ist in New York zur Schule gegangen." Samuel war zurzeit nicht gerade Harrys Lieblingsthema. Seitdem Draco und er offiziell Freunde waren, hatte er sich noch mehr bemüht, jeden sexuellen Gedanken an Draco zu unterdrücken. Er fand, dass das ganz gut geklappt hatte, wenn man mal von ein paar abendlichen und morgendlichen Begebenheiten absah. Das schlechte Gewissen plagte ihn weiterhin.
„Du möchtest keine feste Beziehung?" Harry hoffte auf ein paar mehr Informationen zu Dracos Einstellungen.
„Ich?", fragte Draco abwesend, da Kreacher in diesen Moment sein Essen servierte. „Ich weiß nicht. Nicht unbedingt. Kommt drauf an."
„Kommt auf was an?", bohrte Harry nach.
„Natürlich auf die Person, Harry." Draco legte sich wieder seine Serviette auf den Schoß.
„Hattest du in Frankreich einen festen Freund?"
„Ja, aber nicht lange. Ein paar Monate."
„Und dann?"
„Dann niemanden mehr."
„Und warum ist es auseinander gegangen?"
Draco sah etwas entnervt zu Harry rüber und widmete sich wieder seinem Steak. „Es hat halt nicht gepasst. Es war nicht der Richtige."
„Das heißt?"
Draco legte sein Besteck auf dem Tellerrand ab und lehnte sich auf der Bank zurück. „Er war dunkelhaarig und sah immer etwas verlottert aus. Keinen Stil, könnte man sagen. Er interessierte sich nicht für Magietheorie und hatte wenig Ahnung von Geschichte. Zaubereigeschichte, wohlgemerkt. Für Muggels interessiere er sich sehr. Aber das hat mich nicht gestört, bevor du jetzt einen deiner Potter-Momente bekommst. Es fehlte ihm jegliche Kultiviertheit und er hatte keinerlei Sinn für kulinarische Genüsse. Darüber hinaus trug er eine Brille, war furchtbar stur und sehr, sehr neugierig. Du siehst, wir passten überhaupt nicht zusammen."
Harry hatte nicht lange gebraucht, um zu begreifen, dass Draco ihn ärgern wollte. Da der Slytherin ihn aber mit so einem ernsten Ausdruck im Gesicht ansah, war er für einen Moment etwas verunsichert. „Du hast Recht, mit so jemanden würdest du es nicht aushalten", sagte er dann etwas lahm und eigenartig enttäuscht.
„Nein, nicht als Partner, aber als guter Freund ist so jemand ideal. Man fühlt sich ihm immer ein bisschen überlegen." Jetzt grinste ihn Draco frech an.
Harry hielt seinem Blick stand, verzog keine Miene und sagte laut: „Kreacher, du kannst Mr. Malfoys Teller abräumen. Er ist satt. Nimm bitte auch den Wein mit. Mr. Malfoy verträgt nicht so viel Alkohol."
Als Kreacher angeschlürft kam, um Harrys Aufforderungen nachzukommen, hielt Draco seinen Teller und sein Weinglas fest. Schnell sagte er: „Danke Kreacher, ich glaube Master Harry hat sich geirrt. Ich bin sehr wohl noch hungrig und würde gerne auch noch den Rest des Weins genießen. Das Essen ist hervorragend zubereitet und der Wein ist ein Traum. Großtante Walburga wäre hocherfreut, wenn sie sähe, wie hier ein Nachfahre aus dem Hause Black bewirtet wird."
Harry schnaubte, musste aber mit ansehen, wie sich die Wangen des alten Hauselfens leicht verfärbten. Er hatte Kreacher noch nie erröten sehen. Sie aßen weiter, während Draco mit viel Selbstironie von den Dinnerpartys erzählte, die seine Eltern früher in Malfoy Manor gegeben hatten. Harry merkte, dass Draco gut drauf war, da er bei diesem eher delikaten Thema kein einziges Mal wehmütig wurde. Harry selbst steuerte Anekdoten über die Weihnachtsessen bei den Weasleys bei.
Nach dem Hauptgang bestand Draco auf das versprochene Eis und bekam zwei Kugeln Schokolade mit Sahne. Harry versuchte, nicht darauf zu achten, wie sich Dracos Lippen genießerisch um den Löffel schlossen. Er nippte an seinem Weinglas und konzentrierte sich stattdessen auf Dracos Hände. Er hatte lange schmale Finger mit perfekten Nägeln. Draco war trotz seiner Größe recht feingliedrig. Es hätte ihn schlaksig wirken lassen, wenn er sich nicht immer so elegant bewegt hätte. Er fragte sich, wie es sich wohl anfühlen würde, diese Hände in seinen zu halten.
Nach dem Essen zeigte Harry Draco das Haus. Der Slytherin schien von Harrys Umgestaltung sehr beeindruckt zu sein. Als Harry seine Schlafzimmertür öffnete, warf er einen kurzen Blick hinein, murmelte was von: „Sehr gemütlich, aber man zeigt einem Gast nicht sein eigenes Schlafzimmer, es sei denn, man möchte ihn in seinem Bett haben, Béotien", und wandte sich wieder ab.
Harry war das alles etwas peinlich, doch da begann Draco Harry in eine Diskussion über die Quidditch-Spiele des Wochenendes zu verwickeln, so dass er seine Verlegenheit schnell vergaß. Zurück im Salon schlug Draco vor, dass sie mal zusammen Quidditch spielen sollten. „Du schuldest mir noch eine Revanche – eigentlich mehrere, um genau zu sein. Aber so genau müssen wir das ja nicht gegenrechnen."
„Bist du überhaupt fit genug, um dich lange genug auf einen Besen halten zu können, um mich zu besiegen? Wann warst du denn überhaupt das letzte Mal auf einem Besen?"
„Bei unserem Einsatz, Mr. Ironman."
Harry wunderte sich, dass Draco schon mal was von Muggel-Triathlon gehört hatte. Oder worauf spielte er an?
„Und wann davor?", hakte er nach.
„Hmm. Das könnte schon zwei Jahre her sein."
„Was? Wieso denn das?" Harry war geschockt über diese Information. Draco und Quidditch gehörten für ihn irgendwie zusammen.
Da ich in Frankreich kein Quidditch gespielt habe, gab es keinen rechten Anlass dazu. Früher bin ich auf dem Landsitz viel geflogen, aber …naja, die Zeiten sind vorbei."
„Also wir können gerne zusammen aufs Land fliegen und einen Schnatz mitnehmen. Man kann zu bestimmten Zeiten sogar in Hampstead Heath hier in London spielen. Das Ministerium legt einen Zauber auf die Anlagen, damit Muggels nichts mitkriegen."
„Das klingt gut. Sag Bescheid, wenn du Zeit hast." Draco gähnte wieder. Harry hatte kurz überlegt, ob er ihn einladen sollte, noch einen Film zu schauen, aber wenn Draco so müde war, sollte er lieber schlafen. Außerdem traute sich Harry selbst nicht über den Weg. Draco ging zum Kamin und nahm etwas Flohpulver in die Hand. Er drehte sich noch mal zu Harry um.
„Vielen Dank, Harry. Das Essen war wirklich gut. Bei mir hätte es nur ein Sandwich gegeben." Er zögerte und fuhr dann fort: „Sei nicht böse wegen eben. Mein Freund hieß Louis. Er war Franzose und auch an der Cazeneuve. Dann hat seine Familie mehr über meine Vergangenheit erfahren und Druck auf ihn ausgeübt. Sie waren natürlich gegen Voldemort, aber ihre Ansichten gegenüber Muggels und Muggelstämmigen waren eigentlich die gleichen wie bei den Todessern. Es waren richtige Heuchler. Louis wollte nicht Schluss machen, er hat sich gegen seine Familie gestellt, aber ich habe die Beziehung beendet. Das Schlimme war, es fiel mir nicht schwer. Es war nicht gerade die große Liebe von meiner Seite. Ich hätte schon vorher Schluss machen sollen, aber es war einfach schön, sich geliebt zu fühlen."
Während Dracos Blick zuvor etwas unstet zwischen Harry und einem Punkt an der Wand hin- und hergewandert war, sah er Harry nun direkt in die Augen. „Ich mache keine halben Sachen mehr. Eine Beziehung kommt für mich erst in Frage, wenn ich mir sicher bin, dass es der Richtige ist."
Dieses Mal konnte Harry Dracos Blick nicht standhalten. Er schaute zu Boden und wusste nicht, ob Dracos Worte einen Vorwurf enthielten. Auf jeden Fall fühlte er sich ertappt.
Draco trat in den Kamin. „Also, nochmals vielen Dank und bis Mittwoch?" Dann rief er laut „Gordon Square 47", und verschwand. Harry starrte noch lange in den nun verlassenen Kamin.
- Kapitel 21 -
Harry sah Draco bis Donnerstag nicht. Am Montag war der Slytherin im Britischen Museum, am Dienstag besuchte er wie üblich seinen Masterkurs und am Mittwoch steckte Harry den ganzen Tag in Terminen. Da Harry Draco auch am Donnerstag nicht in der Zentrale sah, wurde seine innere Unruhe langsam unerträglich. Er wollte nicht weiter darüber nachdenken, was dieses Gefühl bedeutete, zumal er bei Samuel noch nie so empfunden hatte, und schon mal gar nicht nach nur vier Tagen.
Am Donnerstagnachmittag gab Harry seinem inneren Drang nach und flohte früher als sonst von der Zentrale nach Hause. Er zog sich um, schnappte seinen Flugbesen und kniete sich vor den Kamin. „Gordon Square 47!", rief Harry und steckte seinen Kopf in die Flammen.
Als Dracos Gestalt vor ihm auftauchte, fühlte sich Harry eigenartig erleichtert. Dracos Kamin befand sich offenbar im Wohnzimmer, denn Harry konnte verschwommen Sofas, einen niedrigen Tisch und Bücherregale erkennen. Der Wohnzimmertisch und der Boden waren übersäht mit Büchern und Schriftrollen.
„Hallo Harry! Was gibt's?", fragte Draco in einem Ton, der Harry Mut machte.
„Hi! Wir sind verabredet. Zum Fliegen."
„Ah, ich muss wohl vergessen haben, dass wir einen Tag ausgemacht haben", gab Draco ungerührt zurück. Sie hatten tatsächlich keinen Termin festgelegt, und das war Draco natürlich bewusst. „Es ist schon fast dunkel. Vielleicht sollten wir das auf das Wochenende verschieben", meinte er nur.
„Da geht's nicht, ich passe das ganze Wochenende auf Teddy auf. Ich dachte, weil das Wetter endlich mal wieder schön ist, wäre heute ideal. Hast du einen eigenen Besen?"
„Natürlich. Einen Firebolt Spacearrow. Das neuste Modell", verkündete Draco mit Stolz. Harry war beeindruckt, hatte aber nicht vor, Dracos Eitelkeit noch zu beflügeln.
„Ich dachte, du bist schon lange nicht mehr geflogen."
„Das heißt ja nicht, dass ich keinen guten Besen besitzen kann. Ich habe auch noch andere Modelle, aber die stehen bei meiner Mutter in Frankreich. Was hast du denn für einen?" Harry hielt seinen Flugbesen in die grünen Flammen. „Einen Nimbus Next Generation."
„Ich kann nicht wirklich was durch die Flammen erkennen, Harry, aber ‚nicht schlecht'. Allerdings habe ich schon mehrfach gehört, dass der zu schlingern anfängt, wenn man ihn schräg fliegt."
„Ja? Das ist mir nicht aufgefallen." Harry hatte es durchaus bemerkt, aber das würde er Draco sicher nicht auf die Nase binden. „So, was ist jetzt? Kommst du?"
„Komm du. Ich muss mich noch umziehen."
„Ich hol' mir noch meine Jacke, dann komm ich rüber. Was ist mit deinen Schutzschilden? Lassen die mich durch?" Draco bejahte und Harry beendete die Floh-Verbindung. Wenige Minuten später stolperte er aus Dracos Kamin und trat auf einen bunten Flickenteppich, der edle Wohnzimmerdielen und einen hellen Berberteppich vor der Asche schützen sollte. Harry begann, sich den Staub abzuklopfen.
„Hör auf damit, Harry. Du bist kein Muggel. Sprich einfach einen Reinigungszauber", rief Draco aus dem Flur heraus. Harry sah sich im Wohnzimmer um. Der ganze Raum machte einen edlen, aber einladenden Eindruck. Er war ganz in hellen Farben gehalten. Die Decke war hoch und mit Stuck verziert. Cremefarbene Sofas standen um einen kleinen Tisch aus Metall und Glas. Große Flügeltüren führten zu einem Balkon. Vor dem Fenster hingen weiße Gardinenschals. An einer Wand stand ein schwarzes Klavier. Draco hatte gar nicht erwähnt, dass er Klavierspielen konnte, als er Harrys Flügel in dem zum Musikzimmer umfunktionierten Schlafzimmer gesehen hatte
Die meisten Wände waren mit weißen Bücherregalen zugestellt. Neben dem Sofa und auf dem niedrigen Tisch stapelten sich ebenfalls Bücher, Schriftrollen und Zeitschriften. Harry befreite sich mit einem Zauberspruch von der Asche, durchquerte den Raum und ging durch die hohe stuckverzierte Tür in den Flur. Gegenüber ging es in eine große Wohnküche. Links war der Ausgang und rechts gab es noch zwei weitere Türen und eine Treppe, die ins obere Stockwerk führte. Draco nahm gerade seinen teuren Firebolt aus einem Verschlag unter der Treppe.
„Hier, schau!", Draco zeigte Harry seinen Besen und rezitierte die technischen Details als ob er sie aus einer Werbebroschüre vorlas. Harry musste über Dracos Stolz lächeln.
„Schön, aber können wir jetzt los? Ich bin viel zu warm angezogen für Drinnen." Draußen war es um die 8 Grad. In Flughöhe konnten es schnell ein paar Grad weniger sein. Entsprechend dick war Harry eingepackt. Aus Erfahrung wusste er, dass er bei diesen Temperaturen trotzdem nach einer halben Stunde frieren würde.
„Hier, steck das auf deinen Besen." Draco gab Harry einen von zwei Metallringen, in denen Runen eingraviert waren. „Das war eines meiner Erstsemester-Projekte. Der Ring enthält einen Wärmezauber. Er produziert eine Wärmeblase mit einem Durchmesser von 1,5 Metern. Du kannst die Gradzahl selbst bestimmen, wenn du die entsprechende Rune antippst. Hier, ich zeig es dir."
„Wow, das ist genial. Den hast du gemacht?" An dem Strahlen in Dracos Gesicht konnte Harry erkennen, dass sein Freund sich in seinem Lob sonnte.
„Zusammen mit einem Kommilitonen, Jean. Er kommt mich übrigens in zwei Wochen besuchen, um das Nachtleben von London kennen zu lernen."
„Aha, was willst du ihm denn zeigen?"
„Natürlich das Colours. Und davor gehen wir vielleicht ins Dragons, aber ich bin mir noch nicht sicher. Pansy kommt auch mit." Draco nahm seine Handschuhe, eine Mütze und einen Schal von der Garderobe. Ohne Harry dabei anzusehen schlug er vor: „Du kannst auch kommen. Oder bist du bei Samuel? Wenn er hier ist, bring ihn doch einfach mit."
Harry kannte das Colours. Es war eine Diskothek, die in der Schwulen- und Lesbenszene sehr beliebt war, aber von allen möglichen Typen besucht wurde, egal wie sie sich in sexueller Hinsicht identifizierten oder zu welcher Subkultur sie sich zugehörig fühlten. Harry hatte dort schon Veelas, Vampire und Werwölfe gesehen. Sein erster Freund Ian hatte ihn ein paarmal mit ins Colours genommen. Harry mochte die Musik in dem Laden, außerdem waren die Preise fair und das Interieur angenehm, eher in Richtung abgewrackt als nobel. Was Harry dort nicht immer so gut ertragen konnte war die Atmosphäre. Die Leute waren aufgedreht und auf Spaß aus, wobei die Grenzen zwischen legal und illegal sowie privat und öffentlich verschwammen. Wenn man nicht wollte, musste man dort bestimmt nicht alleine nach Hause gehen. Harry gefiel der Gedanke nicht, auf wen Draco im Colours treffen würde. Auf der anderen Seite hatte er ja diesen Jean und Pansy Parkinson dabei und würde sie wohl kaum alleine lassen. Oder?
„Also?", hakte Draco nach.
Harry hatte an dem Wochenende Bereitschaftsdienst, überlegte aber schon, wie er seine Schicht tauschen konnte. „Ich kann's versuchen. Samuel wird nicht da sein. Er kommt nächstes Wochenende. Hermine und Ron haben uns doch alle zu einem Vorweihnachtsessen eingeladen. Du hast doch auch zugesagt, hat sie mir erzählt."
„Ja, ich komme auch. So, bereit?", fragte Draco und wandte sich Richtung Ausgang.
„Sind Jean und Pansy eigentlich auch homosexuell?", fragte Harry auf dem Weg zur Haustür.
„Jean eher nicht. Ich habe mal versucht, ihn rumzukriegen, aber er hat mich immer auf sehr charmante Art abblitzen lassen. Lieber redet er die ganze Nacht über Merlin und die Welt. Und Pansy ist nicht festgelegt. Jedenfalls behauptet sie das."
„Das hört sich alles sehr … interessant an."
„Du bist einfach viel zu konservativ, Harry."
„Ruhig und bequem, ich weiß."
„Und nachtragend."
„Ha! Wenn ich nachtragend wäre, wäre ich jetzt nicht hier. Was du dich mir gegenüber schon alles geleistet hast…"
Draco sah ihn mitleidslos an. „Ja, ja, ich weiß. Und dein Cousin hat dir alle Freunde weggenommen."
„Verprügelt. Nicht weggenommen."
Als Draco die Tür öffnete stellte Harry fest, dass es sich keineswegs um die Haustür handelte. Sie mussten noch zwei Stockwerke durch ein Treppenhaus mit Jugendstil–Dekor hinuntergehen bevor sie ins Freie treten konnten.
„Du hast die zwei obersten Etagen."
„Gute Beobachtungsgabe, Herr Auror. Der Vermieter wohnt unten. Es ist ein Muggel. Herr Slovenzcik. Ein netter Man, aber leider leidenschaftlicher Arsenal Fan und ich musste mit ihm schon zweimal ein Fußballspiel angucken. Oh, Mann, ich habe nichts verstanden. Das ganze Haus ist übrigens muggel, abgesehen von meinem Kamin." Harry öffnete die Haustür. Ein kurzer Treppenabsatz führte zu einem kleinen gepflasterten Vorgarten, der durch ein niedriges Eisentor vom Bürgersteig getrennt war.
Draco schaute Fußball mit seinem Muggel-Vermieter? Harry kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, wenn es um Draco ging.
„Da ist der kleine Park", entfuhr es Harry, als er die Grünanlage auf der anderen Straßenseite sah. Er hatte den kleinen Park bei seinem vorletzten Bereitschaftsdienst auf dem Stadtplan in der Zentrale gesehen und sich vorgestellt, wie Draco mit einer Tasse Tee in der Hand auf die Grünanlagen blickte.
„Ja, wieso? Kennst du den Park?"
„Nein."
„Aha, na dann. Wir können vor dort starten. Da ist nicht so viel los wie hier auf der Straße."
„Wir hätten auch aus einem deiner Fenster starten können", gab Harry zu bedenken.
„Stimmt, habe ich nicht dran gedacht, denn ich hopse normalerweise nicht aus Zimmerfenstern."
Harrys Schal hing noch lose über seinen Schultern. Draco trat dicht an Harry heran, schlang den Schal zweimal um Harrys Hals und verknotete die Enden. Harry starrte sprachlos in Dracos Gesicht. Er hätte sich nur wenige Zentimeter nach vorne lehnen müssen, dann hätten seine Lippen Dracos Mund berührt. Es wäre so leicht. Ihm stockte der Atem, aber bei Draco stellte er nicht die geringste Reaktion fest. Was auch immer Draco in Harry auslöste, auf Gegenseitigkeit beruhte das nicht, musste Harry enttäuscht feststellen. ‚Enttäuscht'? Nein, ‚Merlin sei Dank'!
„Komm!" Draco lief über die Straße und zu einer Pforte, durch die man in den Park gelangte. „Wohin fliegen wir eigentlich?"
„In die Surrey Hills oder Richtung Tunbridge Wells", schlug Harry vor und führte damit Waldgebiete im Westen und Süden von London an.
„Oder Whiltshire", meinte Draco.
Harry sah ihn ungläubig an. „Whiltshire? Das ist doch fast zwei Stunden entfernt. Im Dunkeln dauert es sicher noch länger."
„Ja, stimmt, geht nicht." Draco wirkte enttäuscht.
„Du willst wirklich nach Whiltshire? Warum?"
„Weiß nicht. Ich vermisse es. Ich vermisse unser Haus und die Gärten."
„Wann warst du denn das letzte Mal da?"
„Nach Ende des 8. Schuljahrs und der Beerdigung meines Vaters. Mutter und ich haben versucht, dort zu leben, aber es hat nicht geklappt. Also haben wir es aufgegeben."
„Warum? Was ist passiert?"
„Ein Fluch scheint auf dem Haus zu liegen. Außerdem spukt es dort. Die ganze Atmosphäre war feindselig und abweisend. Wir konnten dort keine Ruhe finden." Draco und Harry hatten inzwischen die Mitte des kleinen Parks erreicht und schauten sich um. Es war keine Menschenseele zu sehen. Draco steuerte eine Baumgruppe an, die ihnen für den Start einen besseren Sichtschutz bieten würde. Harry folgte ihm.
„Und trotzdem möchtest du dahin zurück? Jetzt warte doch mal. Bleib mal stehen, Draco." Harry hielt Draco am Arm fest. „Möchtest du da wirklich hin?"
Draco drehte sich zu Harry um und sah ihn an. „Weißt du, warum ich die Magie dunkler Objekte studiere? Ich meine, es gibt mehrere Gründe, aber einer davon ist, dass man sich während des Studiums mit dem Brechen von Flüchen beschäftigt. Es gibt zwei Fachgebiete: ‚Verfluchte Menschen' und ‚Verfluchte Objekte', beziehungsweise Objekte, die einen Fluch absetzen. Ich habe mich für die zweite Richtung entschieden, unter anderem, weil ich Malfoy Manor von seiner dunklen Energie befreien möchte. Es ist mein Elternhaus und der Stammsitz der Malfoys seit über 1000 Jahren. Das Haus ist mit unserer Familie verbunden und für meine Mutter ist es unerträglich, dass wir es sich selbst überlassen mussten."
„Draco", begann Harry, bereit, den Blonden zu trösten, wusste aber nicht genau, was er sagen sollte.
„Also, um deine Frage zu beantworten, auf lange Sicht möchte ich zurück nach Whiltshire. Ich liebe meine Heimat und ich möchte in unserem Haus wohnen. Daher werde ich dafür sorgen, dass wir da wieder leben können. Die Magie in so alten Gebäuden ist unberechenbar. Ich habe Angst, was ich dort vorfinde, wenn ich zurückkehre. Es war schon vor zwei Jahren unheimlich, und es wird nicht besser geworden sein. Außerdem weckt das Haus Erinnerungen an die Zeit als Voldemort dort residierte. Es war schrecklich, und ich weiß nicht, ob ich damit fertig werde."
Draco starrte in die Ferne als er fortfuhr: „Ich bin kein mutiger Mensch, Harry. Du kennst mich. Ich bin derjenige, der schreiend aus dem Verbotenen Wald weggelaufen ist. Jemand, der immer zwei Muskelmänner brauchte, um sich stark zu fühlen, und lieber andere in Gefahr brachte oder sogar quälte, als sich selbst der Gefahr auszusetzen."
Draco schaute Harry wieder direkt in die Augen. Seine Stimme war fest, aber leise als er sagte: „Und das ist ein weiterer Grund, warum ich lerne, Flüche zu brechen, ja sogar warum ich die Stelle in der Auroren-Zentrale angenommen habe. Ich will so nicht sein, so klein und feige. Und ich werde auch nicht mehr so sein. Ich werde irgendwann zum Landsitz zurückkehren und mich dem Haus stellen. Ich werde den Zustand des Hauses analysieren und Zauber finden, die es von Voldemorts dunkler Energie und dem daraus resultierenden Spuk befreien können."
Harry musste nicht überlegen, als er die nächsten Worte sprach: „Dann lass uns hinfliegen. Jetzt. Du musst das nicht alleine machen. Ich helfe dir, ich komme mit." Harry würde Draco überallhin begleiten. Wieder so ein Gedanke, von dem Harry nicht wusste, woher der kam.
Draco blickte Harry zunächst überrascht an, dann legten sich Zweifel auf seine Züge und er meinte: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du zum Manor zurück möchtest, nachdem, was du dort erlebt hast."
Harry zögerte nicht, Dracos Zweifel zu zerstreuen: „Meine Albträume handeln von anderen Dingen. Mit dem Manor komme ich klar. Lass uns hinfliegen. Jetzt!"
Draco sah ihn lange prüfend an. Dann nickte er. „Warum eigentlich nicht? Es ist etwas plötzlich, aber wenn ich schon mal einen Gryffindor zur Hand habe, kann ich mir den auch nutzbar machen. Zum Hinfliegen ist es allerdings wirklich zu weit. Wir nehmen den Kamin."
Während sie zurück zu Dracos Wohnung gingen, dachte Harry an seine Erlebnisse im Herrensitz zurück. Er war nicht scharf darauf, das Herrenhaus wiederzusehen. Der Gedanke, es zu betreten, jagte ihm aber auch keine Angst ein. Er war ja höchstens eine Stunde dort gewesen und hatte fast nichts von dem Anwesen gesehen. Natürlich war Malfoy Manor nach dem Krieg hin und wieder in seinen Albträumen vorgekommen. Er hatte Hermines Schreie gehört, als sie von Bellatrix mit Cruciatus Flüchen gefoltert worden war. Und auch jetzt gab es noch Nächte, in denen die gleiche Szene ihn schweißgebadet hochschrecken ließ. Es war aber nicht der Ort, der ihn ängstigte, sondern das Gefühl der Hilflosigkeit, das er dort erlebt hatte. Mitzuerleben, wie Hermine litt, aber nichts dagegen tun zu können.
Harry wusste, dass es Hermine anders ging. Auf ihrem Arm waren noch immer die Narben des Wortes „Schlammblut" zu sehen, die Bellatrix ihr zugefügt hatte. Malfoy Manor war für sie ein Symbol des Schreckens geblieben, auch wenn sie nach dem Krieg mit ihrem Seelenheiler das Erlebte durchgesprochen hatte. Harry fragte sich, ob sich Draco auch professionelle Hilfe geholt hatte, um die Trauma des Kriegs zu verarbeiten.
„Bist du eigentlich jemals zu einem Seelenheiler gegangen?", fragte er den Slytherin, während dieser die Haustür aufschloss. Harry sah genau, wie Draco zunächst eine abweisende Antwort geben wollte, sich dann aber zurückhielt und zu einer ehrlichen Antwort ansetzte. In solchen Momenten erkannte Harry immer wieder, wie sehr Draco an sich arbeitete.
„Im 8. Schuljahr musste ich alle zwei Wochen mit einem Betreuer sprechen. Es stellte sich heraus, dass das Ministerium einen Seelenheiler für diese Gespräche ausgesucht hatte, und keinen Beamten oder Auror. Das war gut. Ich bin sogar aus Frankreich noch hin und wieder zu ihm gegangen, wenn es mir schlecht ging." Draco zögerte und fuhr dann fort: „Aber weißt du, wer mir auch sehr geholfen hat? Hermine. Dass ausgerechnet sie bereit war, mir eine zweite Chance zu geben, war … sehr heilsam." Draco schaute Harry mit einem leicht verlegenen Lächeln an. "Es hat mir etwas von meiner Selbstachtung wiedergegeben."
Harry lächelte zurück. Draco fuhr fort: „Ich bewundere Hermine dafür. Ich … sie war ein Vorbild für mich."
Harry schnaufte und grinste breit.
„Ich werde ihr erzählen, wie lustig du den Gedanken findest, jemand könnte sie als Vorbild sehen", versetzte Draco spaßeshalber.
„Nein, nein, gar nicht. Hermine ist klasse. Und irgendwie seid ihr euch gar nicht so unähnlich." Als Harry merkte, dass er damit implizierte, Draco wäre ebenfalls klasse, setzte er nach: „Besserwisserisch, hochnäsig, ordnungsliebend, immer adrett. Außerdem ein Bücherwurm und eine Streberin. Ach ja, und wenn man sich ihre Karriere ansieht, dann auch sehr ambitioniert, fast wie ein Slytherin."
„Wenn du das so sagst, Harry, dann ist das Erste, was ich daraus höre, dass Hermine und ich klug sind und zwar offenbar klüger als du. Das Zweite ist, dass wir Ziele vor Augen haben und die auch verfolgen können, und das Dritte, dass wir einen gewissen Wert auf unser Erscheinungsbild legen, was dir offenbar völlig fremd ist."
„So ist eben jeder in seinen Illusionen gefangen", gab Harry unbeeindruckt zurück.
- Kapitel 22 -
Bevor sie in Dracos Kamin traten, schlug Harry vor, Hermine eine Eule zu schicken, um sie über ihre Pläne zu informieren: „Falls es Schwierigkeiten gibt." Draco schrieb daher eine Nachricht und lief auf den Dachboden, wo seine beiden Zwillingseulen Lucy und Cis wohnten. Zurück im Wohnzimmer steckte er eine Schreibfeder, ein Notizbuch und ein Päckchen Flohpulver in eine Umhängetasche. Dann kontrollierte er, ob er auch wirklich seinen Zauberstab dabei hatte und trat mit entschlossener Miene in den Kamin. Harry stellte sich direkt vor den Kamin und lächelte Draco aufmunternd an: „Soll ich nicht besser zuerst gehen?"
Obwohl der Slytherin etwas unsicher wirkte, lehnte er Harrys Angebot dankend ab und rief entschlossen: „Malfoy Manor!" Harry beeilte sich hinterher zu kommen.
Als das Brausen um ihn herum zur Ruhe kam, befand sich Harry in einem großen Kamin. Draco stand nur wenige Schritte von ihm entfernt. Da die Fensterläden verschlossen waren, konnte Harry nicht viel erkennen, aber Draco sprach bereits einen Lumos und Harry sah, dass sie sich in einem typischen Empfangszimmer wohlhabender Zauberer befanden. Solche Räume verhinderten, dass Gäste direkt in den Privaträumen der Hausherren landeten. Das Empfangszimmer der Malfoys war nur spärlich möbliert und die wenigen Möbel- und Dekorationsstücke, die nicht weggeräumt worden waren, wurden von hellen Tüchern bedeckt. Alle Oberflächen waren mit einem grauen Staub bedeckt. Harry vermutete, dass der Raum aufgrund der Kaminasche so schmutzig war. Er lehnte seinen Flugbesen neben Dracos Firebolt an eine Seite des Kamins.
„Spürst du es?", fragte Draco mit angespannter Stimme. Harry hatte die unangenehme Atmosphäre im Raum sofort bemerkt, doch noch konnte er nicht sagen, ob sein Gefühl einfach seine negativen Erwartungen widerspiegelte oder von dem Zimmer tatsächlich etwas Feindseliges ausging. Ein kalter Windstoß zog von hinten an ihm vorbei und lies die Tür des Empfangszimmers und dann weiter entfernte Türen zufallen. Harry hätte es nicht weiter beachtet, wenn da nicht auch so ein leises Zischeln zu hören gewesen wäre. Auch hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Ein Schauer lief über seinen Rücken und er antwortete leise: „Ich spüre es. Was genau ist dein Plan?"
„Ich möchte mir verschiedene Räume ansehen und mir einen generellen Eindruck verschaffen, in welchem Zustand das Haus ist", antworte Draco ebenso ruhig. „Ist das in Ordnung für dich?"
Harry überlegte, wie viele Räume sie vor sich hatten. Malfoy Manor war kein riesiges, aber ein durchaus großes Haus, soweit Harry das beurteilen konnte. Er war erst einmal in seinem Leben hier gewesen und hatte durch seine verquollen Augen von den Außenanlagen nur wenig erkennen können. Vom Inneren kannte er nur den Eingangsbereich, den Salon und eine Art Verlies im Keller. Harry meinte gesehen zu haben, dass das Haus mindestens drei Stockwerke hatte. Es würde eine ganze Weile dauern, sich in dem Gebäude umzuschauen, dennoch stimmte er sofort zu: „Klar. Soll ich vorgehen oder möchtest du?"
„Ich gehe vor. Aber warte, ich fange hier direkt an."
Harry bot an, die bekannteren Analysezauber zu übernehmen, aber Draco lehnte zögernd ab: „Wahrscheinlich ist es wichtiger, wenn du die Umgebung im Auge behältst. Ich kann mich besser konzentrieren, wenn ich nicht das Gefühl habe, dass etwas Schlimmes passieren wird." Das war keine sehr beruhigende Antwort, fand Harry, aber Angst war für ihn schon immer ein Gefühl gewesen, mit dem er gut umgehen konnte. Meistens wurde es von seiner Neugierde, seinem Optimismus und seinem Ehrgeiz übertrumpft, eine Aufgabe zu erledigen. Solange er nicht um Menschen fürchten musste, die ihm nahe standen, konnte er seine Angst gut unterdrücken.
„Was ist denn das Schlimmste, das uns hier erwarten könnte?", fragte er Draco.
„Ich weiß es leider nicht genau. Ganz allgemein kann man von einem Spuk sprechen. Das Haus reagiert abweisend, produziert gruselige Geräusche und manchmal auch Trugbilder. Türen bewegen sich, Fenster und Dielen knarren und dergleichen. Ich nehme an, es gibt hier eine Art Poltergeist, aber gesehen haben Mutter und ich keinen."
Harry blickte sich wachsam um, während Draco den Raum mit verschiedenen Zaubersprüchen untersuchte und die Ergebnisse in sein Notizbuch eintrug. Harry kannte höchstens ein Viertel der Sprüche, die Draco vor sich hin murmelte.
Als Draco fertig war, öffnete er die einzige Tür, die aus dem Raum hinausführte. Das Haus reagierte mit einem leichten Beben. Harry hatte zudem für einen Moment das Gefühl, als würden die Wände auf ihn zu stürzen. „Will es uns erdrücken?", fragte er noch recht gleichmütig.
„Hm", gab Draco mit wenig Überraschung in der Stimme zurück. Offenbar kannte er dieses Phänomen schon oder er bemerkte etwas, das in seine Theorie bezüglich des Spuks im Haus hineinpasste.
Hinter der Tür befand sich die Eingangshalle des Landsitzes. Harry erkannte die breite Steintreppe, die in das Obergeschoss führte. Er erinnerte sich daran, dass früher ein großer Orientteppich den Boden bedeckt hatte und Familienportraits und Landschaftsbilder an den Wänden hingen. Jetzt war das Foyer völlig leergeräumt, die Wände waren kahl. Ihre Schritte hallten dumpf von den hellen, jahrhundertealten Steinquadern zurück. Das Gefühl der Bedrohung wurde nicht weniger und Harry spürte förmlich, wie ihm die Nackenhaare hochstanden.
Draco sprach einen Zauber, um die Fensterläden zu öffnen. Sie rappelten, blieben aber verschlossen. Draco wiederholte den Spruch mit einer herrischen Stimme und endlich gingen die Läden auf. Rötliches Abendlicht fiel in die Halle und Staub glitzerte in der kühlen Luft. Im gleichen Augenblick nahm Harry eine Bewegung auf der Balustrade im ersten Stock wahr. Dracos Blick zuckte ebenfalls nach oben. Sie hörten erneut, wie eine Tür zuschlug. Gleichzeitig erklang ein schleifendes Geräusch aus dem Raum links vom Eingangsportal. Harry wusste, dass sich dort der große Salon befand, in den Greyback sie damals gebracht hatte.
„Wir sind nicht allein" meinte Harry warnend.
„Nein, es ist bestimmt nur der Spuk", gab Draco mit leiser Stimme zurück. „Wir hatten vor zwei Jahren auch zunehmend das Gefühl, dass jemand Fremdes im Haus ist, haben aber nie jemanden gesehen. Allerdings war der Spuk vor zwei Jahren nicht so aktiv wie heute."
„Naja, wer weiß, wer sich inzwischen hier angesiedelt hat", meinte Harry nur. „Ist deine Mutter nach ihrer Entlassung aus Azkaban direkt hierher zurückgekehrt?" Harry versuchte, sich nicht von der unheimlichen Stimmung im Haus beeinflussen zu lassen.
„Ja, wir waren beide im August und September 1999 hier und haben versucht, das Haus wieder bewohnbar zu machen. Es sah hier schlimm aus. Die Todesser hatten vieles von der Inneneinrichtung beschädigt oder zerstört. Außerdem hat das Ministerium nach dem Krieg einige unserer Besitztümer beschlagnahmt, nicht nur Vaters Sammlung dunkelmagischer Objekte. Finanziell sah es auch nicht gut aus. Vater hatte ja bereits einen Großteil unseres Vermögens in Voldemorts Kampf gesteckt, bzw. stecken müssen, und dann kam das Ministerium und forderte hohe Reparationszahlungen. Mutter und Vater haben daher unseren Anwalt beauftragt, Familienerbstücke zu verkaufen, um noch mehr Geld flüssig zu machen. Wir wollten das Manor und unsere Villa in Nizza auf keinen Fall aufgeben. Wie dem auch sei, das eigentliche Problem, das uns das Leben hier nach Vaters Beerdigung unmöglich gemacht hat, war das Haus selbst. Mit ein bisschen Spuk wären wir fertig geworden, aber nicht mit dieser anhaltenden abweisenden Atmosphäre." Draco sah sich um und erschauerte. „Ich habe das Gefühl, es ist noch schlimmer geworden."
„Gab es hier denn schon vor Voldemort Geister?", fragte Harry
„Es gab einen Hausgeist, den Munteren Aldwyn. Er war ein Urahn der Malfoys und noch harmloser als der Kopflose Nick in Hogwarts. Ein paar Tage nachdem Voldemort hier eingezogen war, ist er verschwunden. Wir haben ihn auch nach dem Krieg nicht wiedergesehen."
Draco begann, seine Analysezauber zu wirken, während Harry mit einem Lumos die Balustrade erhellte, um sicher zu gehen, dass sich dort tatsächlich niemand aufhielt. Er sprach einen Homenum Revelio und einen Creatura reveles, die Lebewesen aller Art aufspüren konnten, bekam aber, wie nicht anders vermutet, ein negatives Ergebnis. Während er auf Draco wartete und sowohl die Umgebung als auch Draco im Auge behielt, fiel sein Blick auf ein paar seltsame Muster auf dem Boden vor dem Kamin.
„Was hältst du von diesen wellenförmigen Spuren hier im Staub?", fragte er Draco, als dieser sein Notizbuch zuklappte.
Draco trat zu Harry und runzelte die Stirn. „Das erinnert mich an etwas, dass ich mal draußen im Garten gesehen habe, als Voldemort hier lebte. Damals hatte ich vermutet, die Spuren kämen von Nagini. Sie ist gerne durch die Gärten gezogen, hat Kaninchen gejagt und am Ende sogar unsere Pfaue gefressen." Er zog eine Grimasse und schaute Harry mit leicht geweiteten Augen an.
Harry lief es bei dem Gedanken an Voldemorts riesiger Schlange kalt den Rücken runter. „Vielleicht war es auch nur der Wind", meinte er ohne Überzeugungskraft. „Nagini ist tot, Neville hat ihr den Kopf abgeschlagen. Also wenn sie keinen Nachwuchs hatte..."
Harry wollte mit der letzten Bemerkung einen Scherz machen, aber Draco griff die Idee sofort auf, als würde er die Möglichkeit tatsächlich in Erwägung ziehen: „Nachwuchs? Also Nagini war ja ursprünglich ein Mensch, eine Hexe. Irgendjemand hat ihre Familie mit einem Blutfluch belegt..."
„Ja, sie war eine Maledicta, ich weiß", unterbrach ihn Harry. „Wir haben im Auroren-Training darüber gesprochen."
Draco nickte. „Ich habe es von Severus erfahren, der es wiederum von Dumbledore wusste. Was meinst du, vielleicht hat der Dunkle Lord Nagini noch in ihrer menschlichen Gestalt kennen gelernt. Vielleicht haben sie… Oder glaubst du, er hätte es mir ihr auch in Schlangenform getrieben?" Draco sah Harry mit gerunzelter Stirn fragend an.
Harry hielt die Möglichkeit, dass sich Naginis Gezücht im Haus befinden könnte, für sehr unwahrscheinlich. Außerdem ging das Gerücht um, Bellatrix wäre Voldemorts Gespielin gewesen. „Das ist absurd. Wenn hier eine Schlange rumkriechen würde, hätte es das Ministerium schon bemerkt. Sie würde ja nicht im Haus bleiben und hungern. Und …" Harry verstummte, als er bemerkte, dass Draco versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken.
„Sehr witzig, Malfoy. Du bist derjenige, der sich hier nicht allein hin traut, und dann willst du mich auch noch verarschen." Harry schaute Draco entrüstet an.
Für jemanden, der sich selbst als ängstlich bezeichnete, benahm sich Draco sehr gelassen. Vielleicht hatte er nur eine Show gemacht, um Harry dazu zu bekommen, ihn hierher zu begleiten. In Hogwarts war Draco auch eine kleine Dramaqueen gewesen, wenn es seinen Zielen nützte. Bei dem Slytherin wusste man nicht unbedingt, woran man war.
„Entschuldige", sagte Draco da aber schon. „Es ist einfach zu schön, den Retter der Welt mal nervös zu erleben." Er lächelte Harry mit seinem schelmischen Gesicht an, das Harrys Herz schneller schlagen ließ. Sein Ärger löste sich in Luft auf. Er wollte Draco gerade antworten, da fielen die Fensterläden mit einem lauten Knall zu. Die beiden jungen Männer fuhren erschrocken zusammen und sprachen gleichzeitig einen Lumos. Harry war als wäre die Temperatur um einige Grade gesunken. Sie hörten, wie etwas im Salon mit einem lauten Klirren zu Bruch ging. Es war dasselbe Geräusch, das er damals gehört hatte, als Dobby den Kronleuchter von der Decke riss.
Mit erhobenem Zauberstab eilte Harry zum Eingang des Salons und wies Draco an, neben der Tür in Deckung zu gehen. Mit einem kräftigen Stoß öffnete er eine der großen Flügeltüren und wich sofort zurück in Deckung. Er schickte drei aufeinanderfolgende Lichtzauber in den Raum und spähte vorsichtig hinein. An der gleichen Stelle, wo vor vier Jahren der Kronleuchter gehangen hatte, befand sich ein prunkvoller Kristall-Lüster. Er hing völlig unversehrt an der Decke, und Harry hätte nicht sagen können, ob es sogar derselbe war wie früher. Auf jeden Fall war der Lüster nicht der Grund für den Lärm gewesen. Der Rest des Salons war fast genauso kahl und schmucklos wie die vorherigen Räume. Ein paar mit Tüchern bedeckte Möbel standen an den Wänden. Harry erkannte den verzierten Spiegel wieder, der über dem Kamin hing.
Von seiner Position aus konnte Harry weder Scherben noch etwas anderes sehen, das den Krach hätte verursachen können. So sprach er die gleichen Lebewesen-Aufspürzauber wie in der Eingangshalle. Aber auch hier zeigten ihm die Farben der Sprüche, dass sich nichts und niemand im Raum zu befinden schien. Er gab Draco ein Zeichen und betrat den Salon mit erhobenem Zauberstab. Der Slytherin folgte ihm. Kaum waren sie im Raum, schienen sich die Wände erneut auf sie zu zubewegen. Es war wieder so als böge sich das Haus ihnen entgegen. Harry stellte sich schützend vor Draco. Der Kronleuchter an der Decke zitterte und die Tür zum Keller, in dem Harry und die anderen eingesperrt worden waren, öffnete sich einen Spalt.
„Oh Merlin", stöhnte Harry, „das ist echt gruselig." Mit skeptischem Blick sah er sich die prunkvolle Lampe an der Decke an. „Lass uns besser nicht unter den Kronleuchter treten. Wer weiß, wann der runterkommt."
Draco stimmte Harry zu. Dann öffnete er mit einem Spruch die Fensterläden. Inzwischen war die Sonne fast untergegangen, so dass kaum noch Licht ins Zimmer fiel. Daher wirkte Draco einen Zauber in Richtung des Kronleuchters. Hunderte von Lämpchen erstrahlten in einem fast weihnachtlichen Glanz. Die Atmosphäre im Raum verbesserte sich schlagartig und Harry atmete erleichtert auf.
Während Draco seine Analysezauber sprach, durchstreifte Harry den Salon und sah sich um. Er dachte an die Ereignisse vor vier Jahren zurück, als Dobby sie gerettet und mit seinem eigenen Leben dafür bezahlt hatte. Er dachte auch an Bellatrix verrücktes Kreischen und Dracos blasses und ängstliches Gesicht, als seine Eltern ihn drängten, Harry zu identifizieren.
Plötzlich bemerkte er, dass Draco keine Zauber mehr murmelte. Der Slytherin stand stocksteif da, seine Hände zitterten leicht. Harry fühlte, wie Kälte vom Eingang her in den Salon strömte und bekam eine Gänsehaut. Die Luft hinter Draco verdichtete sich zu einem Schatten. Draco drehte sich langsam um, hob seinen Zauberstab und wich ein paar Schritte zur Seite. Harry hörte wieder dieses schaurige Zischeln und bereite sich auf einen Abwehrzauber vor. Der Schatten bewegte sich in Richtung Keller. Harry sah, wie sich die Tür von Geisterhand immer weiter öffnete. Er konnte nichts Genaues erkennen, glaubte aber, eine schlängelnde Bewegung wahrzunehmen, die sich durch den Eingang zum Teller wand und im Dunkel der Treppe verschwand. Die Kellertür fiel langsam zurück ins Schloss. Mit zügigen Schritten eilte Harry zu ihr hin und riss sie auf.
„Harry, nicht!", rief ihm Draco warnend hinterher, aber Harry wollte sich den Geist oder was auch immer das war genauer ansehen. Kaum hatte er die ersten Treppenstufen betreten, fiel die Tür mit einem lauten Krachen hinter ihm zu.
Harrys Zauberstab verbreitete auf dem engen Treppenabsatz nur ein schwaches Licht. Der untere Teil der Treppe lag im Dunkeln. So hörte er mehr als dass er sah, wie sich im Keller etwas oder jemand bewegte. Harrys Nerven waren zum Zerreißen angespannt und er spürte förmlich wie das Adrenalin durch seinen Körper pumpte. Er überlegte kurz, ob er dem Geräusch nachgehen sollte, entschied sich jedoch, zu Draco zurückzukehren.
Harry wandte sich um und griff nach der Klinke. Er drückte fest zu, aber die Tür ließ sich nicht öffnen. Er hörte, wie auch Draco vom Salon aus an der Tür rüttelte. „Harry?" Dracos Stimme klang eigenartig dumpf und etwas ängstlich durch die verschlossene Tür.
"Keine Sorge", antwortete Harry möglichst beruhigend, doch sein Herz klopfte schnell gegen seinen Brustkorb. Er hätte seinen Slytherin nicht alleine lassen sollen. Mit fester Stimme probierte er einen ‚Alomohora' und war erleichtert, als die Tür ein Stück nachgab. Bevor er sie weiter aufstemmen konnte, spürte er, wie etwas in rasender Geschwindigkeit die Kellertreppe hoch kam. Harrys Nackenhaare stellten sich auf. Noch im Umdrehen schrie er einen Protego und hob abwehrend seinen Zauberstab. Ein Bild des Schreckens bot sich ihm. Ein blasses Abbild der furchtbaren Riesenschlange bewegte sich auf ihn zu. Hastig feuerte Harry einen Angriffszauber ab, doch der Zauber ging einfach durch Nagini hindurch. Wenige Schritte vor Harry kam die Schlange zum Stehen. Sie bäumte sich auf, riss ihr Maul auf und schoss blitzschnell auf Harry zu. Harry sprang zur Seite. Die messerscharfen Zähne schlugen ins Leere. Der Körper der Schlange wirkte für einen Moment durchscheinend.
In dem Moment riss Draco die Kellertür ganz auf. Naginis gelbe Augen richteten sich auf den Slytherin. Sie ließ Harry links liegen und steuerte in einer schnellen Bewegung auf Draco zu. Völlig überrumpelt sprach Draco einen Protego, doch die Schlange durchdrang seinen Schutzschild als wäre er gar nicht vorhanden und schnappte nach dem Slytherin. Draco konnte nicht rechtzeitig ausweichen. Naginis spitze Zähne drangen in seinen Oberkörper. Draco schrie auf und sank in die Knie.
Harry stockte der Atem. Die Schlange bäumte sich sofort wieder auf und beobachtete, wie sich Harry näherte. Ihr Körper verlor im Licht des Kronleuchters seine Festigkeit. Harry erkannte, dass die Gestalt der Riesenschlange tatsächlich transparent war, was im Dunkel der Kellertreppe kaum zu erkennen gewesen war. Auch konnte er an Dracos zusammengesunkenem Oberkörper keine Wunden sehen. Sie hatten es hier keineswegs mit einem realen Lebewesen zu tun, sondern mit einem Geist. Es war ein Trugbild, das ihnen keinen echten Schaden zufügen konnte.
Sofort beschwor Harry seinen Patronus, um den Geist der Riesenschlange zu verjagen, und tatsächlich wich Nagini vor Harrys Hirschbock zurück. Verfolgt von seinem Patronus schlängelte sie sich aggressiv zischelnd durch den Salon und verschwand in der Eingangshalle.
Harry rannte zu Draco und ließ sich neben seinem Freund auf den Boden fallen. Der Slytherin schien unter Schock zu stehen. Sein Gesicht war blass, die Augen geschlossen und er zitterte am ganzen Körper. Harry schlang seine Arme um Draco und zog ihn an sich. Beruhigend strich er Draco mit der rechten Hand über den Rücken und murmelte tröstende Worte, auch wenn er vermutete, dass Draco schon selbst begriffen hatte, was geschehen war: „Es war alles nicht echt, Draco. Alles ist gut. Dir ist nichts geschehen. Es war nicht die echte Nagini, nur ihr Geist, sie kann dir nichts tun." Langsam wich die Anspannung aus Dracos Körper und für ein paar Augenblicke gab er sich ganz Harrys Umarmung hin. Vorsichtig vergrub Harry seine Nase in Dracos weichen Haaren und lauschte auf seinen Herzschlag. Als sich Dracos Atmung wieder beruhigt hatte, löste er sich von Harry und stand auf. Verlegen strich er sich die Kleidung glatt und wich Harrys Blick aus. Harry sah, dass Dracos Gesicht gerötet war. Dracos Verlegenheit machte nun auch für Harry die ganze Situation etwas peinlich.
„Das dazu", meinte Draco, ohne seine Worte weiter auszuführen.
Harry rappelte sich hoch und sah sich um. Da gingen plötzlich die kleinen Lichter des Kronleuchters eins nach dem anderen aus. Harry stöhnte auf: „Ich hasse dieses Haus!" Noch bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte, erklangen verzweifelte Schmerzensschreie. Sie kamen aus Richtung der Eingangshalle und wurden immer leiser, so als sich die Person von ihnen fort bewegte. Harry waren die Schreie mehr als vertraut, er hatte sie oft genug in seinen Träumen gehört. Für einen Moment setzte bei ihm jeder rationaler Gedanke aus. „Das ist Hermine! Komm!"
Harry stürmte zurück ins Foyer, achtete aber darauf, dass Draco ihm auch wirklich folgte. Draco rannte hinter Harry her und versuchte beim Laufen, Harry zur Vernunft zu bringen: „Harry, warte! Das ist doch auch nicht echt!"
„Das können wir nicht wissen. Wir haben Hermine eine Nachsicht hinterlassen", rief Harry ohne anzuhalten. "Vielleicht ist sie uns hinterhergekommen."
Die Eingangshalle war bereits leer, aber die Schreie waren noch immer zu hören. Sie kamen aus einem der oberen Stockwerke. Harry hetzte die breite Steintreppe in den ersten Stock hinauf und weiter einen dunklen Gang entlang. Er konnte nicht viel erkennen. Die Schreie kamen genau aus einem Zimmer am Ende des Flures.
„Harry, denk doch mal nach! Du hast es doch eben selbst erlebt. Bleib stehen!" Draco hatte Harry nicht ganz so schnell folgen können. Als er nun aus ein paar Metern Entfernung sah, dass Harry die Tür des Zimmers aufmachen wollte, schrie er: „Nein, nicht da hinein, Harry! Das war …"
Harry beachtete Dracos Warnungen nicht und drückte die Klinke hinunter. Die Tür war verriegelt. Hermines Schreie klangen dringlicher als zuvor. „Ron, Ron?", war zu hören und „Wir haben es gefunden!" Hätte Harry über Hermines Worte nachgedacht, wäre er schneller zur Vernunft gekommen – wie er sich später eingestand – aber in dem Moment hörte er nur, dass Hermine in Not war, und auch wenn es sich wieder nur um ein Trugbild handelte, so würde er darüber erst Gewissheit haben, wenn er diese Tür öffnete, und zwar sofort: „Alomohora!"
Die Energie hinter dem Spruch war so gewaltig, dass die Tür aus den Angeln flog und Draco zur Seite springen musste, um nicht getroffen zu werden. Hermines verzweifelte Schreie verstummten mit einem Schlag und ein ekeliger, fauliger Geruch schlug ihnen entgegen. Ohne zu zögern sprang Harry trotzdem in den Raum. Mit einer zackigen Handbewegung verstärkte er das Licht seines Zauberstabes. Von Hermine war keine Spur zu sehen.
„…das war Voldemorts Zimmer", beendete Draco seinen Satz. Er stand im Türrahmen und hielt sich die Hand vor die Nase. Ein Würgen erfasste seinen Körper, so schlimm war der Gestank.
Harry war so erleichtert, sich geirrt zu haben, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Draco ging zu ihm und legte Harry eine Hand auf die Schulter. „Das Haus weiß offenbar ganz genau, was man hier erlebt hat, und quält einen mit den Dingen, die am schrecklichsten waren."
Wie zur Bestätigung erklang von allen Seiten ein hämisches Lachen. Es war das irre Frohlocken von Dracos Tante Bellatrix, beziehungsweise das geisterhafte Echo dessen, was hier vor vier Jahren geschehen war.
Harry nickte und zog die Nase hoch, wobei ihm noch mehr von dem üblen Gestank des Raumes in die Nase stieg. Auch ihm fiel das Atmen immer schwerer. Die beiden jungen Männer betrachteten mit Entsetzen die Fäulnis, die sich in Voldemorts ehemaligem Schlafzimmer ausgebreitet hatte. Der ganze Raum war mit schwarzem Schimmel überzogen. Die einst so schöne Stofftapete hing an vielen Stellen in nass-klebrigen Streifen von den Wänden. Die Bodendielen waren morsch und der Teppich hatte sich teilweise zersetzt. Der Baldachin über dem Bett sowie die Gardinen hingen mit feuchten Stockflecken übersäht von ihren Halterungen herab. Der Überwurf über dem Bett war mit schleimigen Flecken übersäht und es wirkte zum Teil so, als ob ihn jemand mit Exkrementen beschmiert hätte.
Harry wusste nicht, ob es sich um echte Tiere oder kleine Geister handelte. Er wusste nur, er musste hier schnellstmöglich raus. Der Anblick und der Gestank lösten in ihm einen Brechreiz aus. Da die Übelkeit mit jeder Sekunde schlimmer wurde, zog er sich in den Flur zurück. Es war jedoch schon zu spät und er beugte sich nach vorne, und übergab sich auf die Holzdielen im Flur.
Draco hatte das Schlafzimmer ebenfalls verlassen. Er würgte, konnte sich aber noch zusammenreißen und verschaffte sich durch einen Frischezauber Erleichterung. Er hielt Harry eines seiner feinen, mit einem Monogramm bestickten Taschentücher entgegen und ließ Harrys ausgeworfenen Mageninhalt mit einem Zauberspruch verschwinden.
„Entschuldige dafür…", Harry deutete auf die entsprechende Stelle auf den Holzdielen, "und für meine ganze kopflose Aktion vorhin." Er lehnte sich ermattet an die Holzvertäfelung des Flures.
„Ich bin der Letzte, der dir einen Vorwurf machen würde. Es tut mir leid, dass ich dich überhaupt dem hier ausgesetzt habe. Ich hätte dich nie bitten sollen mitzukommen, nach allem, was du hier erlebt hast." Harry wollte etwas erwidern, aber Draco fuhr schon fort: „Ich bringe dich jetzt nach Hause."
„Nein, nein, ist schon gut. Wie wäre es, wenn du dir den Raum noch mal anschaust. Ich nehme an, hier ist der Fluch oder Spuk am konzentriertesten. Wir können danach nach London zurückkehren, wenn du möchtest, aber das hier solltest du noch beenden."
Draco sah Harry zweifelnd an und Harry merkte, dass er nicht einverstanden war. Also versuchte er ihn mit anderen Worten zu überzeugen: „Ich kann jetzt noch nicht flohen, Draco. Ich vertrag es eh nicht besonders gut und im Moment ist mir noch immer schlecht von dem Gestank da drin. Untersuch du in Ruhe den Raum und ich erhole mich in der Zeit. Dann kehren wir zurück."
„Na gut, wie du willst." Draco sprach einen Atemmasken-Zauber und betrat noch einmal Voldemorts Schlafzimmer. Während er seine Zauber durchging, schaute er immer wieder zu Harry, offenbar, um sich zu vergewissern, dass es ihm gut ging. Harry lächelte Draco aufmunternd zu. Seine Aufmerksamkeit war allerdings etwas von Naginis Geist abgelenkt, der ihn vom anderen Ende des Ganges bösartig anstarrte und durch Harrys Patronus in Schach gehalten wurde. Harry warf der Schlange ein paar Beleidigungen in Parsel an den Kopf und freute sich, dass sie sich ärgerte.
„Was machst du da, Harry?", rief Draco aus dem Raum heraus.
„Ich übe eine bisschen Parsel."
„Hm? Wieso, ist Naginis Geist wieder da?" Er kam zum Eingang und blickte den Flur hinunter. Schweigend betrachtete er die Szene am Ende des Flures.
„Dein Patronus ist ein Hirschbock?", fragte er mit einer etwas seltsamen Stimme. Seine Wangen färbten sich rötlich.
„Ja, wie der von meinem Vater. Der Patronus meiner Mutter war eine Hirschkuh." Fast hätte Harry Draco erzählt, dass Snapes Patronus auch eine Hirschkuh war, aber das wollte er sich lieber für einen besseren Augenblick aufsparen. Noch hatte er Draco nicht verraten, welchen Stellenwert Lilly Potter in Snapes Leben gehabt hatte. „Was ist denn dein Patronus?", fragte er stattdessen.
„Meiner?" Harry kannte Draco nun schon gut genug, um zu wissen, dass er der Frage ausweichen wollte. „Äh, ich habe noch nie einen Patronus beschworen. Gab bisher keine Veranlassung dazu."
Harry glaubte Draco nicht. Entweder konnte der Slytherin keinen Patronus beschwören oder er wollte ihm die Gestalt nicht verraten. Aber warum nicht?
„Na, komm schon, Draco. Schon aus wissenschaftlichem Interesse hast du sicher schon mal versucht, deinen Patronus zu beschwören. Ist es etwa ein Frettchen? Gib es ruhig zu."
„Ein Frettchen?" Draco sah Harry entrüstet an. Hitzig schien er noch etwas hinzufügen zu wollen, entschied sich im letzten Moment jedoch dagegen. „Das ist ein Thema für ein anderes Mal. Ich muss mich jetzt auf meine Sprüche konzentrieren." Draco kehrte in Voldemorts Schlafzimmer zurück. Harry war klar, dass ihm weiteres Nachbohren nicht helfen würde.
Nach circa fünfzehn Minuten klappte Draco sein Notizbuch zu und kam in den Flur. „Fertig. Danke fürs Warten. Lass uns jetzt schnell von hier verschwinden." Er hakte sich bei Harry ein und apparierte sie beide zurück ins Empfangszimmer. Dort holte er das Flohpulver aus seiner Umhängetasche, während Harry ihre Besen an sich nahm. Zusammen traten sie in den Kamin.
„Mach dich klein und zieh den Kopf ein", riet Draco. Dann rückte er dicht an Harry heran. Nachdem er das Flohpulver in die Luft geworfen hatte, umschlang er Harry schnell mit beiden Armen und rief: „Grimmauld Platz 12, London!" Ihr Ausflug zum Malfoy Manor war endlich vorbei.
- Kapitel 23 -
Harry hatte nicht gelogen, als er sagte, dass er Flohen nicht gut vertrug. Nachdem sie in seinem Wohnzimmer angekommen waren, machte sich das flaue Gefühl in seinem Magen erneut bemerkbar. Er stolperte aus dem Kamin und ließ sich auf das Sofa fallen.
Draco blieb unschlüssig vor dem Kamin stehen. „Ich meinte das ernst, dass es mir Leid tut, dass ich dich dazu … gebracht habe, mit zum Manor zu kommen. Ich wusste nicht, dass es dort so schlimm geworden ist. Du musst mich für schrecklich egoistisch halten. Ich weiß wirklich nicht, wie ich das wieder gut machen soll. Ich stehe immer tiefer in deiner Schuld." Draco nestelte nervös an seinem Flugbesen und stammelte weiter: „Also, wenn du mal bei etwas Hilfe brauchst …. Ich meine, falls du … Ich weiß, du hast genug Freunde, aber … Na, du weißt schon, was ich meine."
Draco sah Harry unsicher an. Harry wurde es ganz warm ums Herz und er genoss diesen verlegenen und verletzlichen Draco Malfoy. Er erinnerte sich noch gut daran, wie großspurig sich Draco ihm gegenüber auf Hermines Geburtstagsparty verhalten hatte. Dabei hatte er Harry damals das Gleiche angeboten, die Tilgung einer Schuld. So ändert sich die Welt, dachte er nun mit ein wenig Genugtuung und noch mehr Freude.
Als Draco sich mit einem „Ich geh dann mal." verabschiedete und nach Harrys Flohpulver griff, sprang Harry auf und rief: „Wo willst du denn hin?"
„Nach Hause. Ich finde, ich habe dir heute schon genug Ärger bereitet."
Harry ging auf Draco zu, als könnte er ihn allein durch seine körperliche Präsenz aufhalten. „Das ist doch Unsinn, wir sind Freunde. Du stehst bei mir in keiner Schuld und musst nichts wiedergutmachen." Harry suchte nach weiteren Möglichkeiten, Draco zum Bleiben zu bewegen. „Pass auf, ich frage Kreacher, ob er uns Abendessen machen kann. Ich hab auch noch was von dem Wein von Sonntag da, der dir so gut gefallen hat. Oder hast du Lust auf ein Bier?" Harry streckte seine Hand aus. "Gib mir deine Sachen. Ich hänge sie in den Flur." Als Draco zögerte, spielte Harry seinen letzten Trumpf aus: „Der Nachmittag war schon schlimm genug, ich will jetzt auf keinen Fall alleine sein."
Also übergab Draco Harry seine Jacke, den Schal und die Handschuhe. Die Kleidungsstücke verströmten einen unangenehmen Geruch und Harry fiel auf, dass er selber auch nach Voldemorts Schlafzimmer roch. „Ich glaube vor dem Essen muss ich erst noch unter die Dusche. Der ganze Gestank klebt noch an uns."
Draco tat beleidigt. „Ein Malfoy stinkt nicht."
„Stimmt, niemals", antwortete Harry mit näselnder Stimme, schnüffelte nochmal demonstrativ an Dracos Sachen und rümpfte die Nase. Im Flur legte Harry Dracos Kleidungsstücke auf die hölzerne Sitzbank bei der Garderobe und zog sich ebenfalls aus. „Ich habe mehrere Badezimmer im Haus, du kannst dich auch gerne frisch machen. Ich kann dir auch Sachen von mir leihen, wir sind ja fast gleich groß." Harry wandte sich in Richtung Küche. „Aber erstmal ein Bier. Möchtest du auch eins?"
Kreacher erschien mit einem Plop und begrüßte sie. „Hallo Kreacher", grüßte Harry zurück und bat: "Wenn es dir nichts ausmacht, würden wir gerne zu Abend essen."
„Sehr gerne. Kreacher kann für Mister Malfoy und Master Harry indische Hack-Linsen-Röllchen zubereiten mit Reis oder Naan", schlug Kreacher vor und schaute dabei Draco an, so als ob er das Menu zu bestimmen hätte.
Draco antwortete diplomatisch: „Das hört sich hervorragend an, Kreacher. Harry, was meinst du? Hast du Lust darauf?"
Harry verdrehte die Augen und stimmte zu: „Ja, Indisch klingt gut. Das hätten wir gerne, Kreacher. Draco, was möchtest du trinken?"
„Ich versuch es Mal mit einem deiner Muggel-Biere."
„Ok, komm mit in die Küche." Kreacher erhob sofort Einspruch: „Master Harry darf die Küche nicht betreten, wenn er so nach Gosse stinkt. Kreacher kann für Mister Malfoy kein angemessenes Essen zubereiten mit so einem Geruch in der Nase."
„Schon gut, Kreacher, wir machen uns gleich frisch und bleiben solange im Wohnzimmer. Würdest du uns die Getränke dann bitte dort servieren?"
„Natürlich, Master Harry."
Als Kreacher verschwunden war, konnte Draco sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„Bei Artus", fluchte Harry, „der macht wirklich um niemanden so ein Aufhebens wie um dich."
Bevor sie es sich bequem machten, schickte Harry seine Eule Lizzy mit der Nachricht zu Hermine, dass sie wohlbehalten zurückgekommen waren.
Sie mussten nur wenige Augenblicke im Wohnzimmer warten, dann erschienen durch Kreachers Magie zwei Gläser Bitter auf dem niedrigen Tisch sowie eine kleine Schale mit salzigen Knabbereien.
Während sie ihre Getränke leerten, erzählte Draco, was er bisher über die Magie in Malfoy Manor herausgefunden hatte und welche Schlüsse er daraus zog: „Wir haben immer geglaubt, es läge an Voldemorts dunkler Energie, dass sich das Haus gegen seine Bewohner wendet. Aber jetzt vertrete ich eher eine andere Theorie. Das Problem ist nicht der Fluch an sich, sondern dass das Haus daran festhält. Ich vermute, Malfoy Manor wurde durch die Monate, in denen Voldemort und die Todesser in ihm residierten verletzt. Auch die Behandlung durch die Auroren nach dem Krieg haben wahrscheinlich Spuren hinterlassen."
Draco dachte kurz nach, dann fuhr er fort:
"Vielleicht hätte sich das Manor erholt, wenn wir nach dem Krieg sofort wieder dort gewohnt hätten Es gibt bestimmte Rituale, die der Hausherr durchführen kann, um die Beziehung zwischen dem Haus und seiner Familie zu stärken. Es ist aber keiner von uns nach der Schlacht für mehr als ein paar Stunden im Manor gewesen. Mein Vater am allerwenigsten. Wir wurden festgenommen und blieben im Ministerium in Untersuchungshaft, während die Auroren im Manor alles auf den Kopf stellten und beiseite schafften, was ihnen verdächtig vorkam, auch Dinge, die schon jahrhundertelang dort verwahrt wurden. Meine Eltern sind nach der Gerichtsverhandlung direkt nach Azkaban gebracht worden und ich bin nach Hogwarts zurückgekehrt. Das Haus muss unter Schock gestanden haben, steht vielleicht immer noch unter Schock. Oder es ist eine Art Trotzreaktion, mit der es uns bestrafen will. Voldemorts Zimmer...es ist wie eine offene Wunde, ein Geschwür. Deshalb die Fäulnis, der Gestank, und da sich keiner darum gekümmert hat, ist es so schlimm geworden. Vielleicht hat uns das Manor sogar absichtlich in das Zimmer gelockt."
Harry verstand nicht viel von der Magie alter Zaubererhäuser. Ihm war klar, dass Gebäude, in denen über viele Jahrzehnte Zauber gewirkt wurden, die Magie in sich aufnahmen und eine magische Persönlichkeit ausbildeten. Das Haus betrachtete sich als Teil der Familie. Dies kam den Wünschen der Bewohner entgegen, da solche Häuser besonderen Schutz und auch besonderen Komfort boten. Bestimmte Rituale konnten die Beziehung zwischen den Häusern und ihren Besitzern noch verstärken. Harry hatte schon von Häusern gehört, die automatisch Kinderzimmer produzierten, wenn Nachwuchs erwartet wurde, oder deren Fläche sich wieder verkleinerte, wenn die Familie schrumpfte. Grimmauld Platz 12 hatte auch eine magische Persönlichkeit, aber sie war nicht halb so ausgeprägt, wie die des Manors. Dracos Vorfahren waren 1066 mit William dem Eroberer nach England gekommen und hatten an der Stelle des heutigen Landsitzes einen Gutshof errichtet. An dem Ort lebten seit über tausend Jahren magiebegabte Menschen.
„Habt ihr denn versucht, jemanden zu finden, der was dagegen unternehmen kann?", fragte er Draco.
Dieser warf Harry diesen typischen Blick zu, der Harry immer signalisierte: „Denk nach, bevor du redest, Gryffindor." Wahrscheinlich war seine Frage wirklich nicht besonders schlau gewesen. Er lenkte also ein: „OK, offensichtlich. Und wieso hat das nicht geholfen?"
„Als Mutter aus Azkaban entlassen wurde, haben wir professionelle Fluchbrecher angeschrieben. Ein paar haben sich schlichtweg geweigert, uns zu helfen, weil wir Todesser waren. Andere lehnten den Auftrag ab, weil sie sich nicht der Magie Voldemorts auseinandersetzen wollten. Am Ende haben sich drei verschiedene Fluchbrecher das Manor angesehen und gemeint, dass es nicht an Voldemorts Magie läge, dass es im Haus spuke, aber sie wüssten auch nicht, was da los sei. In Frankreich habe ich nicht viel über die Magie von Häusern gelernt, aber Professor Grimzak hat eine paar Ideen dazu. Ein Grund, warum ich zu ihm wollte. Seine Ideen habe ich heute teilweise ausprobiert."
„Wird Grimzak dir also weiter helfen?"
„Ich hoffe es. Aber er erwartet von mir, dass ich die Lage im Haus erstmal genau untersuche und Fakten zusammen trage, bevor er selbst einen Finger rührt." Draco klang ein wenig verärgert.
„Kobolde eben", meinte Harry, der selbst schon viele Enttäuschungen mit diesem eigentümlichen Völkchen erlebt hatte.
„Höre ich da etwa Vorurteile heraus, Potter? Hat dich Hermine nicht gut genug erzogen?", spottete Draco.
„Sie hat sich jedenfalls Mühe gegeben." Harry sah, dass Draco sein Bier ausgetrunken hatte und leerte ebenfalls sein Glas. Es war fast 19 Uhr. Aus Erfahrung wusste er, dass das Essen bald fertig sein würde.
„Komm, ich zeige dir, wo du duschen kannst, wenn du möchtest. Soll ich dir eine Jogginghose und ein T-Shirt von mir leihen?" Harry sah genau, wie Draco einen schnellen Blick auf Harrys einfachen Pulli und alte Jeans warf und fast schon ablehnen wollte. Dann roch er noch mal an seiner Kleidung und stimmte gnädig zu.
„Oh, komm schon, Mann. So schlimm sind meine Sachen auch nicht." Draco hob daraufhin nur eine Augenbraue hoch.
„Such bitte das Beste raus, was du in deinem Schrank an Sportbekleidung finden kannst, Harry", bat er in einem leicht fordernden Ton.
„Für dich immer nur das Beste, Schatz", witzelte Harry mit verstellter Stimme und wurde augenblicklich rot, als ihm klar wurde, was er da gesagt hatte. Draco zeigte aber – wie üblich – keine besondere Reaktion auf Harrys Bemerkung, so dass Harry seine Verlegenheit schnell vergaß.
Er führte Draco zum Gästebadezimmer und holte seine neuste und modischsten Sporthose und ein schlichtes graues Shirt aus seinem Schlafzimmer. Skeptisch roch er an der Wäsche, konnte aber nichts Negatives feststellen. Er überlegte kurz, ob er auch noch frische Unterwäsche mitnehmen sollte, entschied sich dann allerdings dagegen. Zurück beim Badezimmer, war er unschlüssig, wo er die Kleidungsstücke ablegen sollte, da er hörte, dass Draco bereits unter der Dusche stand. Harry hatte Hemmungen, einfach so das Badezimmer zu betreten, weil der Spritzschutz der Dusche aus durchsichtigem Glas bestand. „Draco?", rief Harry durch die Tür. „Wo soll ich die Sachen hinlegen?"
„Komm rein, es ist nicht abgeschlossen", kam sogleich Dracos Antwort. Harry schluckte und betrat das Badezimmer. Er gab sich Mühe, nicht in Richtung des Slytherins zu sehen, und ärgerte sich wiederum, dass er so prüde war. Schließlich waren sie nach dem Training schon oft gemeinsam in der Herrendusche gewesen.
„Leg sie doch auf die Kommode", schlug Draco überflüssigerweise vor. Harry blickte zu ihm rüber. Draco seifte sich gerade die Haare ein und war Harry komplett zugewandt. Ihm wurde heiß und sein Penis regte sich. Es war wirklich lächerlich. Er hatte Draco schon oft nackt gesehen und wusste wirklich nicht, warum ihn sein Anblick immer so anmachte. Es musste an dem liegen, was sie heute zusammen erlebt hatten, an der Intensität und Nähe. Oder es war die Tatsache, dass sich das Objekt seiner Begehrlichkeiten jetzt in seinem eigenen Haus befand und noch ein wenig bleiben würde. Mit rot gefleckten Wangen verließ Harry das Bad und kehrte in sein Schlafzimmer zurück. Wenn er sich unter der Dusche schnell selbst befriedigte, lag es nur daran, dass er Samuel schon lange nicht mehr gesehen hatte.
Nach dem Abendessen machte Draco zu Harrys Freude keine Anstalten, direkt nach Hause zu flohen, also setzten sie sich wieder auf Harrys Sofas und tranken noch ein paar Bier. Die Zeit verging wie im Fluge. Draco erzählte Harry von seinem Besuch im Britischen Museum mit Professor Grimzak und seinen drei Kommilitonen. Es musste ein beeindruckendes Erlebnis gewesen sein. Draco hatte nicht gewusst, dass Muggels so viele magische Objekte besaßen, deren wahrer Charakter ihnen nie bewusst wurde.
Dann wandte sich da Gespräch gemeinsamen Bekannten und Kollegen zu. Sie witzelten auch etwas über Hermines Macken und sprachen von ihrer Zeit in Hogwarts. In unausgesprochener Übereinkunft ließen sie heute alle schweren Themen aus und alberten eher etwas rum. Harry stellte fest, dass Draco Menschen perfekt imitieren konnte. Er traf mit bewundernswerter Genauigkeit sowohl die Intonation als auch die Mimik und Gestik ihrer Lehrer in Hogwarts und konnte deren typische Sprüche in einer Weise reproduzieren, dass Harry vor Lachen kaum noch Luft bekam. Nach zwei weiteren Gläsern Bier holte Harry den Feuerwhiskey aus der Anrichte und ehe sie es sich versahen, war es nach eins und beide Männer mehr als angetrunken. Müde legte Draco seinen Kopf auf der Sofalehne seines Zweisitzers ab. Harry hatte auf seinem Ecksofa längst die Beine lang gemacht und eine halb liegende Position eingenommen. Als er Draco gähnen sah, meinte er: „Es ist schon spät. Du kannst hier übernachten, wenn du möchtest. Oben neben dem Badezimmer ist ein Gästezimmer."
„Ja, gute Idee. Ich glaube, ich nehme dein Angebot an", antwortete Draco und schloss die Augen.
Harry vermutete, dass Draco einschlief, denn er sagte nichts mehr und sein Brustkorb bewegte sich gleichmäßig auf und ab.
Er betrachtete den Slytherin. Draco war so schön. Alles in Harry zog sich bei seinem Anblick zusammen. Die ungewöhnlich feine Haut, die hohen Wangenknochen, die gebogenen Augenbrauen, die lange, leicht gekrümmte Nase, das eckige Kinn, die vollen Lippen, die hellen, weichen Haare und natürlich die wunderbaren, grauen Augen, die gerade von den geschlossenen Lidern und den nicht sehr dunklen, aber langen und dichten Wimpern versteckt wurden. Wenn Harry dürfte, er würde mit seinen Händen jede einzelne Linie dieses männlichen und doch irgendwie zarten Gesichts nachzeichnen. Und dann würden seine Hände an Dracos Hals entlang streichen, über die leicht muskulöse Brust hinunter zu Dracos flachem Bauch, wo unterhalb des Bauchnabels ein Band hell gekräuselter Haare zu Dracos Schamregion lief. Und dann, und dann... Harry schloss die Augen, um bei seiner Phantasie nicht ertappt zu werden, und sich ihr doch ganz hingeben zu können.
Ihm gefiel dieser entspannte, humorvolle Draco besonders gut. Dass er Harrys Kleidung trug, löste in ihm ein seltsam befriedigendes Gefühl aus. Es war, als würde er Draco damit als Seins kennzeichnen. Mein, dachte Harry und schlief ein.
In der Nacht träumte Harry, er läge an einem Strand. Draco kniete neben ihn. Harry atmete seinen frischen, mentholartigen Geruch ein, der für Draco eigentlich untypisch war. Sie blickten beide auf das Meer hinaus, das die Farbe von Dracos Augen hatte.
Dann sah Draco auf ihn hinunter. „Kannst du denn nicht erraten, was mein Patronus ist, Harry?"
Er schwang seinen Zauberstab und Harry beobachtete, wie aus der Spitze ein magisches Licht strömte. Es verdichtete sich in der Luft zu einem wunderschönen Hirschbock, der Harry aufmerksam anschaute und dann mit eleganten Sprüngen den Strand entlang galoppierte.
„Es ist ein Hirsch", hörte Harry Draco in seinem Traum flüstern. „Wie könnte es je was anderes sein?"
Dann spürte er Dracos Lippen auf seinen, ganz zart, so leicht wie ein Schmetterlingsflügel, aber süß und unwiderstehlich. Als sich Draco zurückzog, wollte ihm Harry folgen, den Kuss vertiefen. Er bewegte sich unruhig, doch Dracos Hand drückte ihn sanft zurück auf den Sand. „Dormi tranquille," murmelte der Slytherin zärtlich. Harry leistete keinen Widerstand gegen den Zauber und sank sogleich in einen tiefen Schlaf.
Als Harry am nächsten Morgen gegen sechs Uhr aufwachte, war Draco fort. Harry war mit seiner blauen Wolldecke zugedeckt, die er selbst nicht über sich gebreitet hatte. Die Erinnerung an seinen Traum ließ Harry nicht mehr los. Rastlos strich er durch das Haus und öffnete schließlich die Tür zu seinem Gästebadezimmer. Alles war sauber und ordentlich, offenbar hatte Draco die Dusche mit einem Zauber getrocknet, bevor er das Bad verlassen hatte. Harrys Blick fiel auf sein Gästeduschzeug in der Duschkabine. Er nahm es von der Ablage, öffnete den Deckel und roch daran. Es verströmte den Mentholduft, den Harry in seinem Traum wahrgenommen hatte. Harry sah sich sein Gesicht im Spiegel an und berührte mit seinen Fingern seine Lippen, so sanft, wie Dracos Mund sich in seinem Traum angefühlt hatte. Was, wenn es kein Traum gewesen war? Was, wenn Dracos Patronus wirklich derselbe war wie Harrys? Was, wenn Draco ihn nachts wirklich geküsst hatte?
Die Wärme, die sich bei diesem Gedanken in Harry ausbreitete war unbeschreiblich. Es war ein Glücksgefühl von einer Intensität, wie er es selten erlebt hatte. Ihm wurde fast schwindelig davon und er musste sich am Waschbecken festhalten, um nicht zu taumeln. Mein Gott, es gab nichts, was er sich so sehr wünschte. Er wollte Draco mit jeder Faser seines Körpers. Doch es war keine vorübergehende sexuelle Faszination und es war auch so viel mehr als eine alberne Verliebtheit. Er liebte Draco. Der Slytherin war alles, was er in einem Partner suchte, mit all seiner Großartigkeit, mit all seinen Macken und trotz ihrer komplizierten Vergangenheit. Er wollte Draco mit Haut und Haaren für immer und ewig.
Und der erste, dem er dies gestehen würde, war Samuel, egal ob Draco seine Gefühle erwiderte oder nicht.
